Wednesday, October 11, 2006

What World Progressives Say


"Bush is the worst fascist war criminal in humankind history but Dear Leader Kim Jong Il is the Leader of Peace and the Defender of the Earth."

-- Gandhi

27 comments:

pyang said...

We completely agree with Mr. Gandhi. Bush commits genocide across the world for his own profit.

http://www.pyang.su

Job said...

Yes, Ghandi also like to dance the Polka with dear leader as well.

Matty said...

Dear leader is so great and ingenious. All should seek to match his superior level of intellect and emulate his superb sense of style. What excellence can compare?

I love our dear leader, and seek to one day marry him. I will serve his every wish and commit to perform every deed that his sacred mouth might speak. Please legalize same-sex marriage, great leader. I long for your sweet touch.

Jeju_Do said...
This comment has been removed by a blog administrator.
Jeju_Do said...

Hahahaha, Gandhi died way before Dear Leader ever came to power. Do you know where the progression movement started? Americans started it. Second of all, you can't find this quote anywhere else on the internet, not even in India. Stop assuming roles of other people and start making legitiment posts.

Juche_Ideal said...

I agree with Gahndi. Long live The Great Leader, and the Lodestar of the 21st Century, Dear Leader for they have raised high the banner of Songun Politics with revolutionary zeal, like a beacon of light that pulsates with the infinite eminence of the indefatigable Juche Ideal.

tuvan said...

aha funny Gahndi was died long time ago , he may tell you in your dream hehe
people in NK has been duped.
NK goverment do not dare to open their country because they will lose all if the people understand the truth of their hunger , poverty. I am a vietnamese, i know that in Viet Nam also have along time in stupid leading like that way. fortunately viet Nam understood and changed. NKorea goverment now is notthing better a Chinese soldier , pray china for food. China is absolutely Cruel, they change themselve do business with US and be richer fantasticly while continue push NK into the hell on their chessboard

Juche_Ideal said...

hey tuvan, sounds like you need some of that re-education. Admit the specific aspects of your retrograde reactionary mindset, and we can set to work immediately washing your mind.

Raise High the Banner of Songun!

pete said...

hahahahahahah! somethingawful.com bitches

tarzan said...

somethingawful does not fear you evil powers of commune with dead world laders.

Kotaru said...

Korea is too poor to afford stairs in their houses. =(

tarzan said...

yeah,no stairs or fancy pusher bots to shove children into wells.North Koreans use rope ladders.
do you have a rope ladder in your house?

phuxx0r said...

Voltaire
Kandide
oder
Die beste aller Welten
Übersetzt von Wilhelm Christhelf Sigismund Mylius
Erstes Kapitel: Was maßen Kandide in einem schönen Schlosse erzogen und aus selbigem fortgejagt wird
In Westfalen auf dem Schlosse des Herrn Baron von Donnerstrunkshausen ward mit der jungen Herrschaft zugleich ein junger Mensch erzogen, ein gar liebes, sanftes Geschöpf, aus dessen kleinstem Gesichtszuge Sanftheit hervorblickte. An Kopf fehlt' es ihm gar nicht, und doch war er so offen, so rund, so ohn' alles Arg wie unsre Ahnen. Ebendeswegen, glaub ich, nannte ihn Baroneß Engeline, Schwester des Herrn Barons, Kandide. Wie hätte eine Dame, die anderthalb Jahr zu Berlin in französischer Pension gewesen, sich auf einen teutschen Namen besinnen, oder wenn sie sich ja darauf besonnen, ihn goutieren können?

Kandide war - munkelten die alten Bedienten im Hause, - eine heimliche Liebesfrucht von ebenbesagter Schwester des Herrn Barons und einem guten ehrlichen Schlag von Landjunker aus der Nachbarschaft. Zum Gemahl hatte ihn die gnädge Baroneß nie gemocht, weil der arme Schlucker seinen Adel mit nicht mehr als einundsiebenzig Ahnen belegen konnte und weil der Rest seines Stammbaums durch den scharfen Zahn der Zeit war auf genagt worden.

Der Herr Baron, Hans Jost Kurt von Donnerstrunkshausen, war einer der Matadore in Westfalen, denn sein Schloß hatte Tür' und Fenster, ja sogar einen austapezierten Saal. Seine Kettenhunde stellten, wenn Not an Mann kam, eine Jagdkoppel vor, seine Stallknechte die Jäger und der Priester im Dorfe den Oberschloßkaplan. Alt und jung nannte den alten Herrn Ihro hochfreiherrliche Gnaden, und wollte vor Lachen bersten, wenn er etwas erzählte.

Die Frau Baroneß stand in gar großem Ansehn, denn sie wog richtig ihre dreihundertundfünfzig Pfund, wo nicht noch mehr, und wußte die Honneurs mit einer Würde zu machen, die ihr noch größre Hochachtung verschaffte.

Ihre Tochter, die Baroneß Kunegunde, war ein munters, rundes, rotbäckiges Ding, siebzehn Sommer alt und gar lieblich anzuschaun; Junker Polde, ihr Bruder, ein würdiges Ebenbild des gnädgen Herrn Papa. Magister Panglos, der Hofmeister der jungen Herrschaft, stellte das Hausorakel vor. Der junge Kandide schluckte jegliche seiner Lehren mit der Treuherzigkeit hinter, die seinem Alter und Charakter gemäß war.

Panglos lehrte die Metaphysiko-theologo-kosmolo-nigologie; bewies mit der stärksten philosophischen Suade, daß ohne Ursach keine Wirkung sein könne, und daß in dieser besten aller möglichen Welten das Schloß des gnädgen Herrn Barons das schönste aller Schlösser sei und die gnädge Frau die beste aller möglichen Baroninnen.

Es ist bereits klärlich dargetan, hub er zu demonstieren an, daß die Dinge nicht anders sein können, als sie sind; denn alldieweil alles, was da ist, zu einem Endzweck geschaffen worden, so zielt notwendig alles zu dem besten Endzweck ab. Gebt nur acht, und Ihr werdet diese Grundwahrheit durchgängig bestätigt finden. Betrachtet zum Beispiel Eure Nasen. Sie wurden gemacht, um Brillen zu tragen, und man trägt auch welche. Eure Beine: Ihr empfingt sie, um sie zu bestrümpfen und zu beschuhen, und Ihr bestrümpft und beschuht sie. Seht die Quadersteine an! Sie wachsen, um zersägt, behauen, und zum Bau der Paläste verwandt zu werden, derohalben hat unser gnädiger Herr Baron einen gar herrlichen Palast von Quadersteinen; der größte Baron im ganzen Herzogtume muß die beste, bequemste Wohnung haben, und hat sie auch. Die Schweine schuf Gott, damit der Mensch sie äße, essen wir nicht Schweinefleisch jahraus jahrein? Folglich ist es Torheit mit einigen zu behaupten, daß alles gut gemacht ist, aufs beste ist alles gemacht, muß man sagen.

Das fing der junge Kandide mit beiden offnen Ohren auf, und glaubte es in seiner Herzenseinfalt steif weg, denn er fand Baroneß Gundchen außerordentlich schön, ob er gleich nie den Mut gehabt hatte, es ihr zu sagen. Er schloß, die erste Stufe irdischer Glückseligkeit wäre Freiherr auf und von Donnerstrunkshausen, die zweite Baroneß Kunegunde zu sein, die dritte, sie täglich zu sehen, die vierte, den Magister Panglos zu hören, den größten Philosophen im ganzen Westfälischen Kreise, folglich auch in der ganzen Welt.

Eines Tages, als Baroneß Kunegunde in dem kleinen Gehölze am Schlosse spazierenging, das man den hochfreiherrlichen Park nannte, erblickte sie hinter dem Gesträuch den Herrn Magister Panglos, der Versuche aus der Experimentalphysik mit ihrer Frau Mutter Kammerjungfer anstellte, einem gar niedlichen und gar gefügen braunen Dirnchen. Die junge Baroneß lauscht' und lauschte mit dem leisesten Atemzug und beobachtete - denn sie hatte ungemeine Anlage zu den Wissenschaften - all' die Experimente, die der Magister von Zeit zu Zeit wiederholte; sähe Panglosens zureichenden Grund, die Ursachen und Wirkungen gar deutlich, und schlich fort in tiefen Gedanken. Ihr war so wohl und so weh ums Herz; die Begier, gelehrt zu werden, füllte ihre ganze Seele, und der Gedanke: sie könnte wohl des jungen Kandide zureichender Grund werden, und er der ihrige. Beim Hereintreten ins Schloß begegnete ihr Kandide; sie ward rot, Kandide auch. Guten Morgen Kandide! stammelte sie. Und Kandide schwatzte mit ihr, ohne zu wissen was. Den folgenden Tag, nach aufgehobner Mittagstafel, befanden sich Kunegund' und Kandide hinter einer spanischen Wand; Kunegunde ließ ihr Schnupftuch fallen, Kandide hob's auf; sie nahm ihn in aller Unschuld bei der Hand, er, auch in aller Unschuld, küßte der jungen Baronesse die ihrige, und das so warm, so herzlich! O es war keiner von Euren Theaterküssen! Ihre Lippen begegneten einander, ihre Augen erglühten, ihre Kniee bebten, ihre Hände verirrten sich.

In eben dem Nu ging der Herr Baron von Donnerstrunkshausen bei dem Schirm vorbei, und diese Ursach' und diese Wirkung erblickend, jagt' er Kandiden mit derben Fußtritten zum Schlosse hinaus. Gundchen sank in Ohnmacht; sobald sie sich ein wenig erholt hatte, ward sie von der gestrengen Frau Mama wieder völlig in's Leben zurückmaulschelliert, und in dem schönsten und anmutigsten aller Schlösser herrschte Bestürzung über Bestürzung.

Zweites Kapitel: Wie's Kandiden unter den Bulgaren geht
Vertrieben aus seinem irdischen Paradiese wanderte Kandide mit weinendem Auge fort, ohne zu wissen wohin, oft gen Himmel blickend, noch öfter nach dem Palaste, der die schönste aller jungen Baronessinnen in sich schloß; mit leerem Magen legt' er sich mitten im Felde hin, zwischen zwei Furchen. Es schneite die Nacht durch heftig; ganz erstarrt schlich Kandide mit dämmerndem Morgen nach einer benachbarten Stadt. Sterbensmatt vor Hunger und Strapaze, nicht einen Heller Geld bei sich, macht' er vor der Tür eines Wirtshauses höchst betrübt halt.

Zwei Blauröcke wurden ihn gewahr. Ha! ein hübscher Kerl, Herr Bruder! sagte der eine. Wie'n Rohr gewachsen! Just so groß, wie wir'n brauchen! Sie gingen auf Kandiden los und baten ihn sehr höflich, zu Mittag mit ihnen zu speisen. Ich finde mich ungemein durch Ihre Einladung beehrt, meine Herren, sagte Kandide mit einem bescheidenen Ton, der gleich seine Nation verriet, allein ich habe kein Geld, kann meine Zeche nicht zahlen. Ach! was Geld! was Zeche zahlen! sagte einer von den Männern. Das haben solche wohlgewachsne, artige junge Herren wie Sie nicht nötig. Sie messen sechs Zoll?

Die mess' ich, meine Herrn, sagte er mit einer Verbeugung. "Hurtig, mein Herr! zu Tische. Wir zahlen nicht allein die Zeche für Sie, wir werden auch sorgen, daß es einem Manne wie Ihnen nie an Gelde fehlt. "Wozu sind die Menschen in der Welt, als einander beizustehn, unter die Arme zu greifen?" Wohl wahr! sagte Kandide, so hat mich der Herr Magister Panglos immer gelehrt, und ich sehe wohl ein, daß alles aufs beste gemacht ist. Man drang ihm etliche Taler auf; er wollt' ihnen dafür schwarz auf weiß geben; sie wollten's nicht. Man setzt sich zu Tische, ißt, trinkt. Nicht wahr, fängt der eine an, Sie sind ihm recht herzlich gut dem . . . Dem herzensguten engelhaften Kunegundchen? antwortet' er. Wohl bin ich's; ich liebe sie; bete sie an. "Nicht doch! den König der Bulgaren meinen wir, ob Sie dem recht herzlich gut sind?" Was wollt' ich? Ich kenn' ihn gar nicht, antwortete jener; hab' ihn nie gesehn. "Kennen ihn gar nicht! Haben ihn nicht gesehn! Den Mann nicht! Teufel! das ist der trefflichste Herr auf Gottes Erdboden! solchen König gibt's gar nicht mehr! Hallo! Er soll leben!" Das soll er! rief Kandide aus vollem Herzen, und stieß an. Wie er geleert, hieß es: Na, so wär's denn geschehn! Nun sind Sie Held! Die Säule der Bulgaren! Ihr Schutz und ihr Schirm! Die Schranken der Ehre stehn vor Ihnen geöffnet! Lorbeern ohne Zahl warten Ihrer!

Sogleich legte man ihm Schellen an die Füße und führte ihn zum Regimente. Da lernt' er das Rechtsundlinksumkehrteuch, Gewehr hoch, Gewehr beim Fuß, Feuer, Marsch, und kriegt' dabei dreißig Prügel; den andern Tag exerziert' er schon ein wenig besser und bekommt nur zwanzig; den Tag drauf gar nur zehne, und all' seine Kameraden gafften ihn als ein blaues Meerwunder an.

Kandide war noch ganz verdutzt, konnte gar nicht recht begreifen, wie er so im Hui zum Helden geworden. An einem schönen Frühlingsmorgen fällt's ihm ein, spazierenzugehn. Er schlendert grade vor sich hin, der Meinung: die Menschen hätten sowohl wie die Tiere das Vorrecht, sich ihrer Beine nach Belieben zu bedienen. Kaum hat er zwei Meilen gemacht, wie ein Blitz sind ihm vier andre sechsschuhige Helden auf den Hals, binden ihn und werfen ihn in ein Loch, wohin nicht Sonne nicht Mond kam.

Ein wohllöbliches Kriegsgericht fragte ihn, was er lieber wollte, sechsunddreißigmal Spießrutenlaufen oder sich drei bleierne Kugeln mit eins ins Gehirn jagen lassen. Kandide hatte gut sagen, daß des Menschen Wille frei sei und daß er keins von beiden möchte; das half nichts, er mußte wählen. Sonach entschloß er sich denn, kraft der lieben Gottesgabe, Willensfreiheit genannt, sechsunddreißigmal Spießruten zu laufen.

Zweimal hatte er die Wandrung gemacht, Gaß' auf, Gaß' ab; und weil das Regiment aus zweitausend Mann bestand, hatte er seine viertausend Hiebe richtig weg. Alle Muskeln und Nerven vom Nacken an bis zum Wirbelbein des Rückens herab, lagen ganz blank und bar da. Den dritten Gang machen sollend und nicht könnend, erbat er sichs zur Gnade, erschossen zu werden. Man gestand's ihm zu; verband ihm die Augen, ließ ihn niederknien.

In eben dem Nu reitet der König der Bulgaren vorbei, fragt, was der arme Sünder begangen und nimmt aus allen Umständen ab - denn er war ein großes Genie -, daß Kandide ein junger Metaphysiker sei, dabei noch völlig Neuling in der Welt, und begnadigte ihn mit einer Milde, die Welt und Afterwelt in Journalen und Chroniken preisen wird. Ein braver Kompaniefeldscher kurierte Kandiden binnen drei Wochen mit erweichenden Mitteln nach der Vorschrift des großen Dioskorides. Haut hatte Kandide bereits schon ziemlich, und marschieren könnt' er auch schon, als der König der Bulgaren dem Könige der Abaren ein Treffen lieferte.

Drittes Kapitel: Wie Kandide den Bulgaren entkam und wie's ihm nachher erging
So flink und flimmernd, so wohlgeordnet, so stattlich hatte man noch nie Armeen gesehn als diese beiden. Trompeten und Pfeifen, Hoboen und Trommeln, Mörser und Kanonen machten ein so vollstimmiges Konzert, als selbst Satanas in der Hölle nicht geben kann.

Zuerst rissen die Kanonen auf jeder Seite so ein sechstausend Mann nieder, alsdann säuberte das Musketenfeuer die beste aller möglichen Welten von so ein neun- bis zehntausend Schurken, die deren Oberfläche angesteckt hatten. Das Bajonett war gleichfalls ein zureichender Grund, daß einige tausend Menschen umkamen. Die ganze Summe mochte sich wohl auf ein dreißigtausend Seelen belaufen.

Kandide, der als echter Philosoph zitterte und bebte, ließ die heroischen Metzger immer fortmetzeln und verbarg sich, so gut er konnte.

Endlich hatte die Fehd' ein Ende; die beiden Könige ließen das Te Deum in ihren Lagern anstimmen. Derweil faßte unser Kandide den Entschluß, in andern Gegenden über Wirkungen und Ursachen zu philosophieren; stieg über die Haufen der Toten und Sterbenden weg und arbeitete sich in einen nahbelegnen Aschenhaufen vom Dorfe herein. Es hatte vor kurzem den Abaren gehört, und die Bulgaren hatten es dem Völkerrechte gemäß abgebrannt.

Greise lagen hier, die Wund' an Wunde hatten und neben sich ihre zermetzelten Weiber mußten hinsterben sehn, an deren blutenden Brüsten ihre Säuglinge zappelten; dort gaben Jungfrauen ihren Geist auf, deren jegliche einem Halbdutzend Helden ihre Naturbedürfnisse hatte stillen müssen und nachher war entbaucht worden; hier schrien andre, deren Leichnam halbverbrannt war: man möcht' ihnen nur den Rest geben. Die ganze Erde war mit Gehirnen übersät und mit Armen und Beinen.

Kandide floh in voller Hast in ein ander Dorf. Es gehörte den Bulgaren, und die Helden unter den Abaren hatten ihnen kein Haar besser mitgespielt. Noch immer mußte der arme Flüchtling über zuckende Glieder gehn und über Schutt und Graus. Endlich sah' er sich außerhalb des Kriegstheaters; in seinem Schnappsack etwas weniges Mundproviant habend und in seinem Herzen die ihm unvergeßliche Baroneß Gundchen. Als er in Holland ankam, war er mit seinem Proviant zu Rande; da er aber gehört hatte, hier sei jedermann reich und Christ, so dacht' er, es würd' ihm hier so gut gehn als im Schlosse des Herrn Barons, bevor er aus selbigem Baroneß Gundchens schöner blauer Augen halber war gejagt worden. Er sprach viele gravitätsche Allongenperücken, die sich bei ihm vorbeischoben, um einen Zehrpfennig an und viele ehrbare alte Hauspostillen, die bei ihm wegtrippelten; allein diese sowohl wie jene rückten mit nichts hervor als mit der Ermahnung: diese Lebensart fahren zu lassen, sonst würde man ihn im Zuchthause unterbringen.

Hierauf wandt' er sich an einen Mann, der eine Stunde lang ganz allein in einer großen Versammlung über christliche Nächstenliebe und Barmherzigkeit gesprochen. Dieser Redner sah' ihn über die Schulter an und sagte: Freund, warum seid Ihr hieher kommen? Um Euch zu dem kleinen Häuflein der Gerechten und Stillen im Lande zu gesellen? Oder waserlei ist die Ursach?

Jegliche Wirkung, hub Kandide in bescheidnem Tone an, hat ihre Grundursach; jegliche Begebenheit unsers Lebens ist ein notwendiges Glied in der Kette der Dinge; ist selbiger aufs geschickteste, beste eingepaßt. Ich mußte von Baroneß Kunegunden fortgejagt werden, mußte Spießruten laufen und muß so lange mein Brot betteln gehn, bis ich welches verdienen kann; das alles konnte nicht anders kommen.

Glaubt Ihr denn, mein Freund, sagte der Redner zu ihm, daß der Papst der Antichrist sei? Davon hab' ich noch nie gehört, antwortete jener, auch gilt's mir ganz gleich, sei er's oder sei er's nicht; hätt' ich nur Brot. Auch nicht der Brosämlein einen verdienst du, heilloser Bube, die von der Herren Tische fallen, sagte der Schwarzrock. Heb' dich aus meinen Augen, du Schalk du! du Belialsbrut!

Des Redners Frau, die den Kopf zum Fenster hinausgesteckt und vernommen hatte, daß es einen Menschen gab, der an der Antichristheit des Papsts zweifelte, leerte über sein Haupt einen vollgerüttelten und geschüttelten Nachttopf. Gott, wie weit geht der Religionseifer bei den Damen!

Ein niegetauftes Geschöpf, ein wackrer Wiedertäufer, namens Jakob Schwezinger, sähe, wie hartherzig, wie schmählich man einem seiner Brüder begegnete, einem zweifüßigen, federlosen Geschöpf, das doch eine Seele hatte; und es jammerte ihn sein, und er führte ihn hinab in sein Haus und säuberte ihn und gab ihm Brot zu essen und Bier zu trinken, und schenkte ihm zwei Gulden; auch wollt' er ihn sogar in seiner Fabrik arbeiten lehren, woselbst mitten in Holland persische Stoffe verfertigt wurden.

Kandide wollte sich ihm zu Füßen werfen und schrie: Er hat wohl recht, der gute Herr Magister! Diese Welt ist die beste! Ihr außerordentlicher Edelmut macht tiefern Eindruck auf mich als die Hartherzigkeit des Herrn Schwarzmantels und seiner Frau Gemahlin.

Den folgenden Tag stieß er beim Spazierengehn auf eine wahre Lazarusfigur von Bettler. Über und über mit Schwären bedeckt war sein Aug erloschen, die Nasenspitze weggefressen, der Mund ganz verzogen, die Zähne kohlschwarz. Er gurgelte und hustete jedes Wort hervor; und sein Husten war so heftig, daß er jedesmal einen Zahn ausspie.

Viertes Kapitel: Wie Kandide seinen alten Lehrmeister in der Philosophie, den Magister Panglos, wiederfand und was weiter geschahe
Kandide, der mehr Mitleid als Entsetzen bei diesem Anblick empfand, gab dem Scheusal von Bettler die zwei Gulden, die ihm der biederherzige Wiedertäufer Jakob gegeben hatte. Diese Jammergestalt sah' ihn starr an, Tränen rannten von ihren Wangen, und sie fiel Kandiden um den Hals, der vor Schreck zurückbebte.

Und Ihr kennt Euren lieben Panglos nicht mehr? sagte der eine Unglückliche zum andern Unglücklichen. "Was hör' ich? Sie sind's, mein lieber Lehrer? Sind in solch gräßlich Elend gesunken? Wodurch das? Und weshalb nicht mehr in dem schönsten aller Schlösser? Was ist aus Baroneß Kunegunden geworden, der Perl' aller Mädchen, dem Meisterstücke der Natur?" Mit mir ist's aus, rief Panglos, und sank um.

Alsbald schleppt' ihn Kandide in des Wiedertäufers Stall und gab ihm ein paar Bissen Brot, und als er sich wieder ein wenig erquickt hatte, fragt' er ihn: Nun, und Kunegunde? Ist tot, erwiderte jener. Bei diesen Worten sank Kandide in Ohnmacht; sein Freund brachte ihn mit einem paar Tropfen verdorbnem Weinessig wieder zu sich, der sich von ungefähr im Stalle fand. Kandide (die Augen aufschlagend): Tot! Kunegunde tot! Oh, wo bist du beste der Welten ? - Aber woran starb sie? Gab ihr das den Tod, daß sie mich aus ihres Herrn Vaters schönem Schlosse mit derben Fußstößen hinausjagen sahe?

Panglos. Das nicht! Bulgarische Soldaten schlitzten ihr den Bauch auf, nachdem sie selbige zuvor auf's möglichste genotzüchtigt hatten; den Baron, der ihr beistehn wollen, hatten sie vor'n Kopf geschossen; die Frau Baronin in Stücken zerhauen; meinem armen Untergebnen nicht besser mitgespielt als seiner Baroneß Schwester; und was das Schloß anlangt, da ist kein Hammel, keine Ente am Leben geblieben, kein Stein auf dem andern, keine Scheune, kein Stall, kein Baum auf seinem alten Fleck. Wir haben aber Genugtuung bekommen, völlige Genugtuung. Die Abaren haben's auf einem benachbarten bulgarischen Rittersitz ebenso gemacht.

Kandide sank bei der Erzählung abermals in Ohnmacht; nachdem er aber wieder zu sich gekommen war und ein gehöriges Lamento angestimmt hatte, erkundigt' er sich nach der Ursach und Wirkung und dem zureichenden Grunde, der Panglosen in einen so erbärmlichen Zustand versetzt.

Panglos. Ach Liebe war's, Liebe, sie, die Trost auf das ganze menschliche Geschlecht herabströmt, das ganze Universum umfaßt und erhält, sie, der Lebensquell aller fühlenden Geschöpfe; Liebe war's, der zärtlichste aller Affekte. Kandide. Auch ich hab sie gekannt, diese Liebe, sie, die alle Herzen beherrscht, Leben und Licht in unsre Seele bringt; und der Lohn, den sie mir gab, bestand aus einem Kuß und zwanzig Fußtritten in den Hintern; ein beßrer Lohn ward mir nie. Wie konnte aber diese schöne Ursach so abscheuliche Wirkungen bei Ihnen hervorbringen?

Panglos. Sie haben doch die Gertrud gekannt, lieber Kandide, das niedliche Zöpfchen von dem königlichen Weibe der alten Baronessin? In ihren Armen hab' ich Paradieseswonne geschmeckt, und eben die hat das Höllenfeuer in all' meinen Adern angefacht, das mich jetzt so wütig anfleckt. Das arme Mädchen war angesteckt und ist vielleicht schon nicht mehr. Gertrud hatte von einem hochgelahrten Franziskanermönch dies Geschenk, das er aus der ersten Hand bekommen hatte; denn er hatte es von einer alten Reichsgräfin, die Gräfin von einem Dragonerhauptmann, der Hauptmann von einer Marquise, die Marquise von einem Pagen, der Page von einem Jesuiten, und der Jesuit noch in seinem Probestande recta via von einem Gefährten des Christoph Kolumbus. Ich meines Orts, werd's niemanden mitteilen, denn ich sterbe.

Kandide. O Panglos! Eine gar sonderbare Sippschaft! Der Teufel ist wohl gar der Stammvater?

Panglos. Behüte! Die beste aller möglichen Welten konnte ohne diese Krankheit nicht bestehen; sie war ein unumgänglich nötiges Ingredienz; denn hätte nicht Kolumbus in einer amerikanischen Insel diese Seuche geholt, die den Zeugungsquell vergiftet, seine Wirkungen oft völlig entkräftet und dem großen Zwecke der Natur augenscheinlich entgegenarbeitet, so hätten wir weder Schokolat noch Koschenille.

Überdies muß man bemerken, daß sie lediglich nur uns Europäern anhängt, so wie die Sucht zu polemisieren. Türken und Inder, und die da wohnen in China und Siam und Japan wissen davon noch nichts bis auf den heutigen Tag. Indes gibt's einen zureichenden Grund, daß in den Folgejahrhunderten auch an diese Völker die Reihe kommen wird, sie kennenzulernen. Derweil' aber macht sie bei uns ganz erstaunend Schnelle Fortschritte, zumal in den großen Armeen, welche aus lauter wackern, wohlerzogenen Mietlingen bestehn, die das Schicksal der Staaten entscheiden. Man kann behaupten, wenn dreißigtausend Mann gegen eine eben so starke Armee in Schlachtordnung stehn, daß sich auf jeder Seite ungefähr an die zwanzigtausend befinden, die die Lustseuche haben.

Kandide. Alles gut, lieber Magister, aber jetzt müssen Sie auf Ihre Kur denken.

Panglos. Auf meine Kur denken, und habe keinen Heller. Sie müssen wissen, liebes Kind, auf Gottes weitem, rundem Erdboden gibt's keine Seele nicht, die einem zur Ader läßt oder ein Klistier setzt, wenn man's nicht bezahlen kann, oder nicht einen hat, der's an unsrer Stelle tut.

Panglosens letzte Worte bestimmten Kandiden; er flog zu seinem mitleidigen Wiedertäufer, warf sich ihm zu Füßen und malte seines Freundes Zustand mit so warmem, kräftigem Pinsel, daß dieser Biedermann den Magister ohn' alle Schwierigkeit annahm und ihn auf seine Kosten heilen ließ.

Panglos verlor bei der Kur nur ein Auge und ein Ohr. Schreiben könnt' er wie der geschickteste Kanzelist und rechnen wie Euler; darum macht' ihn Wiedertäufer Jakob zu seinem Buchhalter.

Als er nach Verlauf von zwei Monaten in Handlungsangelegenheiten nach Lissabon gehen mußte, nahm er seine beiden Philosophen mit. Panglos bewies ihm deutlich, es sei alles auf das beste eingerichtet. Gewesen wohl, fiel ihm Jakob Schwezinger ein, aber jetzt nicht mehr. Durch die Menschen, denk' ich, ist die Natur um ein gut Teil verdorben worden. Wolfssinn ward ihnen nicht angeboren und doch haben sie ihn. Gott gab ihnen nicht Vierundzwanzigpfünder, nicht Bajonette, sie gössen sie sich aber, schliffen sie sich, um einander aufzureiben. Auch die Bankrotte könnt' ich hier in Anschlag bringen, und die Obrigkeiten, welche die Gläubiger um des Bankrottiers Habe prellen und es in ihren Wanst schieben. Alles das ist unumgänglich notwendig, erwiderte Magister Einauge. Es trägt zum allgemeinen Wohl bei, wenn Hinz unglücklich ist und Kunz; je mehr Privatunglücksfälle also, je besser für's Ganze.

Während des Philosophierens bewölkte sich der Himmel, die Winde bliesen aus allen vier Enden der Welt, und das schrecklichste Ungewitter packte das Schiff im Angesicht des Lissabonner Hafens.

Fünftes Kapitel: Seesturm, Schiffbruch, Erdbeben, Schicksal des Magister Panglos, Kandidens und des Wiedertäufers Jakob Schwezinger
Nicht lange, so waren die Segel zerrissen, die Maste zerschmettert, das hinundhergeschleuderte Schiff ganz leck. Der Schreck war den meisten darauf so heftig auf die Nerven gefallen, hatte solche Revolution in ihrem ganzen Körper hervorgebracht, daß sie ganz fühllos und starr bei der sie umschwebenden Gefahr waren; die übrigen kreischten und beteten laut; wer arbeiten konnte, arbeitete; da hörte niemand, befahl niemand.

Der Wiedertäufer stand auf dem Verdeck und half ein wenig. Ein wütender Matros stürzte ihn durch einen derben Stoß zu Boden, prellte aber durch dessen Heftigkeit selbst eine Ecke zurück und über Bord kopfüber ins Wasser. Zum Glück blieb er an einem Ende des Mastes hängen. Der gutherzige Jakob springt ihm zur Hilfe, zerarbeitet und zerquält sich, ihn heraufzuziehn, und fällt darüber selbst ins Meer. Der dabeistehende Matros läßt seinen Retter untersinken, ohn' einmal auf ihn hinzublicken. Kandide kommt herzu, sieht seinen Wohltäter mit den Wellen kämpfen und einen Augenblick darauf auf ewig von ihnen verschlungen. Er will ihm nach, Philosoph Panglos hält ihn zurück und beweist ihm, die Lissabonner Reede sei ausdrücklich dazu erschaffen worden, daß Wiedertäufer Schwezinger daselbst ertrinken mußte.

Indem er dies a priori bewies, barst das Schiff. Alles, was drauf war, kam um bis auf Panglosen, Kandiden und das Ungeheuer von Matrosen, der den tugendhaften Wiedertäufer hatte ertrinken lassen. Der Schurke schwamm glücklich ans Ufer, das Panglos und Kandide gleichfalls auf einer Planke erreichten.

Wie sie sich etwas erholt hatten, gingen sie auf Lissabon zu, in der Hoffnung, mit dem kleinen Überrest ihres Geldes sich vor dem Hunger zu bergen, nachdem sie glücklich dem Schiffbruch entronnen waren; unterwegs manche Träne über den Tod ihres Wohltäters vergießend.

Kaum hatten sie den Fuß in die Stadt gesetzt, so fühlten sie die Erde unter sich dröhnen, das Meer brauste im Hafen empor und zerschellte die vor Anker liegenden Schiffe. Feuer- und Aschenwirbel bedeckten die Gassen und öffentlichen Plätze; die Grundfesten der Häuser wichen aus den Fugen, Giebel, Dächer stürzten herab, die Häuser zerschossen in Schutt und Trümmer, und dreißigtausend Einwohner jegliches Geschlechts und Alters erlagen unter selbigen.

Schwernot! hier wird's was zu schnappen geben! rief der Matros und pfiff sich ein lustig Stückchen. Was mag wohl der zureichende Grund dieses Phänomens sein? sagte Panglos. Es ist der jüngste Tag! rief Kandide.

Der Matros rannte spornstreichs unter die herabstürzenden Balken und Mauern und trotzte dem Tode, um Geld zu finden. Er fand welches, stopfte alle Taschen damit voll, besoff sich, und wie er den Rausch ausgeschlafen, dung er sich die erste beste Jungfer gutwillig, die er antraf, und mitten auf dem Schutt eingestürzter Häuser und unterm Haufen Sterbender und Toter berauschte er sich an dem fröhlichsten Liebesgenuß. Panglos zupfte ihn indes beim Ärmel und sagte: Daran tut Ihr nicht Recht, Freund; das streitet mit allen Gesetzen der Billigkeit; dazu ist jetzt keine Zeit. "Schocktausend Pestilenz! Herr, ich bin Matros und aus Batavia; bin viermal in Japan gewest und habs Kruzifix viermal mit Füßen getreten. Bei mir kömmt Er gar blind mit seiner Billigkeit und all dem dummen Schnack."

Während der Zeit, daß dies im Hintergrunde vorging, hatten einige herabgestürzte Steine Kandiden hart getroffen; er war umgesunken und lag unter den Trümmern fast begraben. Lieber Panglos! rief er, nur ein wenig Wein und Öl, oder ich muß sterben. Dieses Erdbeben ist gar nichts besonders, antwortete der sich nähernde Panglos, im verwichnen Jahre hatte die Stadt Lima in Amerika ein gleiches Schicksal: gleiche Ursachen bringen gleiche Wirkungen hervor, es geht ganz gewiß kein Strich Schwefel von Lima bis nach Lissabon unter der Erde weg.

"Höchstwahrscheinlich! aber um Gottes willen ein wenig Öl und Wein." Wahrscheinlich nur? nur wahrscheinlich wär's? erwiderte der Philosoph, erwiesen ist es, Herr, klar erwiesen, behaupt' ich. Kandide ward ohnmächtig, und Panglos brachte ihm ein wenig Wasser aus einem benachbarten Springbrunnen. Sie durchkrochen den Tag darauf die eingestürzten Gebäude, fanden da einige Lebensmittel, erquickten und stärkten sich wieder ein wenig und halfen darauf - wie andre auch taten - den dem Tode entronnenen Einwohnern retten, was sich noch retten ließ.

Einige Bürger, denen sie beigesprungen waren, tischten ihnen ein so gutes Mahl auf, als man in der Lage nur verlangen konnte. Es war ein Mahl der Traurigkeit, jeder Bissen mit Tränen benetzt.

Panglos tröstete die Anwesenden und gab ihnen die Versicherung; daß es gar nicht anders sein könnte, weil die Welt aufs beste eingerichtet sei. Denn, sagte er, wenn zu Lissabon ein unterirdischer Brand ist, kann keiner zu Wien und Berlin sein, sintemal es unmöglich, daß ein Ding an mehr als an einem Orte zugleich sein kann, alldieweil alles, was da ist, gut ist.

Neben ihm saß ein schwarzröckiges Männlein, ein Familiar der heiligen Inquisition, das hub in höflichem Tone an: Vermutlich glauben der Herr keine Erbsünde, denn wenn alles, was da ist, gut ist, gibt's weder Sündenfall noch Strafe.

Ich bitte Ew. Hochehrwürden alleruntertänigst um Verzeihung, erwiderte Panglos mit noch höflicherm Ton und Gebärden, ich glaube beides, alldieweil der Sündenfall und der über die Menschen ausgesprochne Fluch in den Plan der besten aller möglichen Welten notwendig hereingehören.

Also statuieren der Herr keine Willensfreiheit? sagte der Familiar. "Ew. Hochehrwürden verzeihen; Willensfreiheit kann sich mit der unumschränkten Notwendigkeit gar wohl vertragen, sintemal es notwendig war, daß wir willensfrei waren, alldieweil der vorherbestimmte Wille ..."

Panglos steckte noch mitten in seiner Demonstration, als der Familiar der Inquisition seinem Untergebenen, der ihm Oporto oder Porto einschenkte, einen Wink mit dem Kopf gab.

Sechstes Kapitel: Probates Mittel der hochehrwürdigen Inquisition fürs Erdbeben, bestehend in einem schönen Autodafe, wobei Kandide den Staupbesen bekommt
Nachdem das Erdbeben drei Viertel von Lissabon verwüstet hatte, war im Rate der Wächter und Weisen des Landes beschlossen worden, dem Pöbel ein gar stattliches Autodafe zu geben. Ein kräftigers Mittel, dem gänzlichen Untergange der Stadt vorzubauen, hatten sie nicht können ausfindig machen. Auch hatte die Universität zu Coimbra den Ausspruch getan: einige Personen mit gehörigen Solennitäten und Formalitäten an langsamem Feuer gebraten, wäre das probateste Mittel, allen f ernerweitigen Erdbeben vorzubeugen.

Sonach hatte man einen Biskajer eingezogen, der seine Gevatterin geheiratet zu haben war überführt worden, und zwei Portugiesen, die den Speck aus einem Huhn geschnitten hatten, eh' sie's gegessen. Nach dem Essen wurde Magister Panglos samt seinem Jünger Kandide in Ketten und Banden gelegt; jener wegen seiner Reden, dieser wegen der Miene des Beifalls, mit der er zugehört. Man führte jeden in ein besonders Gemach, kühl wie ein Eiskeller, wo die Sonne einem nie auf die Scheitel stach. Nachdem acht Tage verflossen waren, legte man ein Skapulier um ihre Schultern und schmückte ihre Häupter mit Papiermützen. Kandidens Mütz' und Skapulier war mit abwärtsgehenden Flammen bemalt und mit Teufeln sonder Krallen und Schwänzen, aber Panglosens Teufel hatten Krallen und Schwänze, und die Flammen stiegen aufwärts.

So bekleidet zogen sie in feierlichster Prozession daher, hörten eine Predigt an, die durch Mark und Bein fuhr, und darnach eine gar unliebliche, disharmonische Choralmusik. Während des Gesangs ward Kandide nach Noten mit Ruten gestrichen; der Biskajer und die beiden Speckverächter verbrannt, und Panglos wider allen Schick und Brauch aufgehängt. Und unter der Erde begann von neuem ein gräßliches Gerassel und Geprassel.

Kandide, ganz ein Raub der Angst und des Schreckens, an jedem Gliede zitternd und blutrünstig, sagte bei sich selbst: Ist das die beste aller möglichen Welten, nun so möcht' ich die übrigen sehn! Daß ich mit Ruten gestrichen werde, möchte noch hingehn, wurd' ich's doch auch bei den Bulgaren; aber daß ich dich muß hängen sehn, trauter Panglos, größter aller Philosophen, ohne zu wissen warum; daß ich dich, bester aller Menschen, trauter Jakob, vor meinen Augen im Hafen mußte ertrinken sehn, daß ich hören muß, wie Ihnen, Baroneß Gundchen, der Kron' aller Mädchen, der Bauch ist aufgeschlitzt worden, das, das kann ich nicht verschmerzen, das verleitet mich zu murren.

Mit jedem Schritt einknickend, schwankte Kandide zur Stadt hinaus; war durch Prediger und Büttel wohl gestäupt worden, hatte Absolution und Segen erhalten. Ein altes Mütterchen näherte sich ihm und sagte: Seid getrost und unverzagt, mein Sohn, und kommt mit.

Siebentes Kapitel: Kandide wird von der Alten wohl gepflegt und findet unverhofft seine Geliebte
Getrost und unverzagt ward Kandide nun zwar nicht, aber mit ging er. Sein Führer brachte ihn in ein altes, ganz verfallnes Gebäude, gab ihm ein Krügelchen Pomade, sich damit zu salben, setzte ihm zu essen und zu trinken hin, zeigte ihm ein ganz sauber Bettchen und daneben einen ganz vollständigen Anzug. "So wünsch' ich Ihnen denn gesegnete Mahlzeit und auch angenehme Ruh! Und empfehle Sie der gnädgen Obhut Unsrer Lieben Frauen im Busche und des heiligen Antonius von Padua und des heiligen Jakobs von Compostel, unsrer allergnädigsten Schutzpatrone. Morgen früh mach' ich Ihnen wieder meine Aufwartung."

Kandide durch alles, was er gesehn, durch alles, was er erlitten, am meisten aber durch das liebreiche Betragen der Alten in die heftigste Rührung versetzt, ergriff mit Wärme ihre Hand und wollte sie zum Munde führen. "Nein, das wollte ich mir sehr verbeten haben; das gebührt mir nicht. Morgen bin ich ja wieder da. Brauchen Sie nur die Pomade recht hübsch, lieber junger Herr, und speisen Sie und ruhen Sie fein wohl." Das tat denn Kandide; aß und schlief sich gründlich aus, so hart ihn auch so vielerlei Ungemach zu Boden drückte. Den folgenden Morgen brachte ihm die Matrone zu frühstücken, besichtigte seinen Rücken und salbte ihn mit einer andern Salbe; gegen Mittag brachte sie ihm zu essen und gegen Abend gleichfalls. Grade so machte sie's auch folgenden Tages. Wer ist Sie, gute Alte? fragte Kandide jedesmal. Was bewegt Sie zu dem liebreichen Betragen? Sag Sie, wie kann ich dafür erkenntlich sein? Kein stummes Wörtchen war von der Alten herauszubringen. Gegen Abend kam sie wieder, aber ganz leer. Kommen Sie mit, sagte sie, aber mäuschenstill!

Sie nimmt ihn beim Arm und führt ihn wohl eine Viertelmeile weit über Feld. Nunmehr befanden sie sich bei einem freiliegenden Hause, mit Gärten und Kanälen umgeben. Die Alte pocht an ein Pförtchen. Es wird aufgetan, und Kandide von seiner Führerin eine Winkeltreppe heraufgeführt in ein vergoldetes Kabinett; hier muß er sich auf ein brokatnes Sofa niederlassen. Sie machte die Tür zu und ging fort. Kandide glaubte zu träumen, hielt sein ganzes Leben für einen widrigen Traum und den jetzigen Augenblick für einen glücklichen.

Die Alte kam bald wieder und führte eine verschleierte Dame herein von majestätischem Wuchs und schimmerndem Anzug, die an jedem Gliede bebte und mit genauer Not konnte von der Alten aufrecht erhalten werden. Nehmen Sie den Schleier ab, sagte das Mütterchen zum Kandide. Er nahte sich und hob mit blöder Hand den Schleier auf.

Wie dem jungen Mann in dem Augenblick zu Mute ward! Ihm däuchte, seine Baroneß Gundchen vor sich zu sehn, und sie stand in der Tat vor ihm. Dieser so überraschende Anblick fiel mit aller Macht über ihn; das Übermaß seines Glücks berauschte ihn so, daß er sprachlos und ohne Bewegung zu ihren Füßen hinsank, Gundchen fiel ohne Sinne aufs Sofa.

Die Alte bestrich sie mit allerhand Stärkungswässern. Ihre Sinne sammelten sich wieder, die Sprache fand sich wieder ein. Unzusammenhängende Laute rissen sich anfänglich von ihrem gepreßten Herzen los; und dann durchkreuzten sich Frag' und Antwort, Seufzer und Tränen, und Schreie der Freud' und des Erstaunens. Die Alte riet ihnen, nicht zu laut zu werden, und ließ sie in völliger Freiheit.

"Ha! so leben Sie wirklich noch, Baroneß? So find' ich Sie in Portugal wieder! So sind Sie nicht geschändet worden; so hat man Ihnen nicht den Bauch aufgeschlitzt!" Doch! doch! sagte die schöne Kunigunde, allein man stirbt daran nicht immer. "Aber der gnädge Herr Papa sind getötet worden, und die gnädge Frau Mama?" Leider! alle beide! und Tränen tröpfelten aus Kunegundens Auge. "Und Dero Herr Bruder auch?" "Auch der!" "Wie sind Sie aber nach Portugal gekommen? Wie haben Sie meinen Aufenthalt erfahren? Wie mich hierhergezaubert? Den Schlüssel, liebste Kunegunde, zu all' den seltsamen Abenteuern!"

Den sollen Sie sogleich haben, erwiderte die Dame, zuvor aber müssen Sie mir erzählen, wie's Ihnen nach dem unschuldigen Kuß gegangen ist, den Sie mir gaben, und den Fußtritten, die Sie bekamen.

So beklommen auch noch Kandide sich fühlte, so schwach und zitternd seine Stimme war, so weh' ihm auch noch sein Rückgrat tat, so erzählt' er ihr doch mit der tiefsten Ehrerbietung und aufs allertreuherzigste all' seine Leiden nach ihrer Trennung. Das Auge gen Himmel gerichtet schenkte Kunegunde dem Gedächtnis des braven Wiedertäufers und Panglosens einige Zähren; hierauf sprach sie zu Kandide wie folgt. Ebenso gierig als er das liebreizende Mädchen mit den Augen verschlang, verschlang er auch jedes ihrer Worte.

Achtes Kapitel: Baroneß Kunegundens Geschichte
Ich schlief noch ganz wohlbehäglich, als es dem Himmel gefiel, Bulgaren in unser schönes Schloß Donnerstrunkshausen zu senden. Mein Vater und Bruder mußten über die Klinge springen, meine Mutter hieben sie in Krautstücken. Bei diesem gräßlichen Auftritt verlor ich alle Besinnung. Dies nutzte ein langer Bulgar von sechs Schuh, machte sich über mich her und begann, mich zu schänden. Hierdurch erwacht' ich von meiner Ohnmacht, bekam all' meine Sinne wieder, kreischte laut, zerrang und zerarbeitete mich, um loszukommen, biß um mich, kratzte, wollte dem großen Tölpel die Augen ausreißen. Hätt' ich gewußt, daß das alles Kriegsgebrauch wäre, ich hätte mich anders dabei benommen.

Der Unmensch gab mir mit seinem Degen einen Stich in die linke Seite, wovon ich noch die Narbe habe. Die ich doch wohl werde zu sehn bekommen? fragte Kandide ganz in seines Herzens Unschuld. Warum das nicht! sagte Kunegunde, allein jetzt lassen Sie mich nur weitererzählen. "Das tun Sie, gnädige Baroneß, das tun Sie!"

Sie knüpfte den Faden ihrer Geschichte folgendermaßen wieder an:

Ein bulgarischer Hauptmann trat in mein Schlafgemach, sähe wie mein Blut herabtropft, der Soldat blieb, wo er Posten gefaßt hatte. Der Hauptmann ward wild, daß dies Vieh so wenig Subordination bezeigte, und stach ihn auf meinem Leibe tot, er ließ mich hierauf verbinden und führte mich als Kriegsgefangne in sein Quartier. Ich wusch ihm sein paar Hemden und bestellte seine Küche.

Er fand - muß ich gestehen -, daß ich ein gar niedlich Ding sei, und er war - ich kann's gar nicht in Abrede sein - eine sehr wohlgebaute Mannsperson, hatte eine weiche, weiße Haut, aber herzlich wenig Kopf und noch weniger Philosophie: man merkt' es ihm gleich an, daß er kein Schüler des großen Panglos gewesen war. Binnen einem Vierteljahr war all' sein Geldchen fort und er meiner überdrüssig; er verkaufte mich an den Don Isaschar, einen Juden, der nach Holland und Portugal handelte und ein ungemeiner Liebhaber von Frauenzimmern war.

Wie der Mann an mir hing, wie er mit Bitten und Gewalt in mich drang, und doch konnt' er nicht siegen. Ich tat ihm tapfrern Widerstand als dem bulgarischen Soldaten. Ein rechtschaffnes Mädchen kann wohl einmal geschändet werden, aber dadurch wird sie um so mehr Lukrezia. Um mich zahmer zu machen, führte mich der Jude auf dies Landhaus hier. Ich hatte bisher geglaubt, es gäbe kein schöners Schloß als das unsrige, nunmehr wurd' ich eines Bessern belehrt.

Eines Tages ward mich der Großinquisitor in der Messe gewahr, er warf während des hohen Amts die lüsternsten, buhlendsten Blicke auf mich und ließ mir melden, er hätte mir etwas unter vier Augen zu sagen. Ich ward in seinen Palast gebracht, entdeckte ihm meine Herkunft; er stellte mir vor, wie weit es unter meinem Range wäre, einem Schuft von Juden anzugehören, und ließ dem Don Isaschar den Vorschlag tun, mich Ihro Hochwürden Gnaden abzutreten. Dazu wollte sich Don Isaschar nicht verstehn; der Mann ist Hof Wechsler und gilt viel. Der Inquisitor drohte ihm mit einem Autodafé.

Das wirkte; jagte meinen Juden ins Horn. Husch! schloß er einen Vergleich mit dem Pfaffen; vermöge dessen gehör' ich und Haus ihnen gemeinschaftlich; der Montag, Mittwoch und Schabbes ist dem Juden, die übrigen Tage in der Woche gehören dem Inquisitor.

Es ist nunmehr ein halb Jahr, daß dieser Kontrakt ist aufgesetzt worden. Unter der Zeit hat's manches Gezeter gegeben, denn sie konnten sehr oft nicht einig werden, ob die Nacht vom Sonnabend zum Sonntag nach dem alten oder neuen Testament müsse berechnet werden. Noch hab' ich keinen von beiden erhört, und eben deshalb glaub' ich, werd' ich noch von beiden geliebt.

Endlich ließen der Hochwürdige Herr Inquisitor ein Autodafé anstellen, sowohl, um dem Erdbeben zu steuern, als auch um dem Juden einen kleinen Schreck in die Glieder zu jagen. Er war so galant, mich zu dieser Feierlichkeit einzuladen und mir einen sehr guten Platz anzuweisen. In der Zeit, da die Messe war und da der Büttel sein Amt verwaltete, wurden den Damen Erfrischungen vorgesetzt.

Wie kalt fuhr mir's über den Nacken; als ich die beiden Juden verbrennen sahe und den ehrlichen Biskajer, der seine Gevatterin geheiratet hatte. Das war aber nichts gegen den Schauer und Schreck, der mich ergriff, als ich unter einem Skapulier und einer Schandmütze eine Figur gewahr ward, die dem Panglos so ähnlich sähe. Ich rieb mir die Augen, sähe stier und starr nach dem Manne hin; es war und blieb Panglos. Ich sah' ihn aufhängen und fiel in Ohnmacht.

Kaum hatten sich meine Sinne wieder ein wenig gesammelt, so erblickt' ich Sie, Kandide, ganz splitterfadennackt da stehn. Nun war der Kelch meiner Leiden voll; ich war nunmehr ganz ein Raub des Entsetzens und der Verzweiflung.

Im Vorbeigehn gesagt, Kandide, und zur Steuer der Wahrheit, Ihre Haut ist viel weißer als meines bulgarischen Hauptmanns seine, hat ein weit höhers, feiners Rot. Oh! wie bei diesem Anblick mein Jammer und meine Verzweiflung stieg, die in meinem Innern aufs grausamste wüteten. Ich schrie, wollte sagen: Haltet ein, ihr Barbaren! Das vermochte aber meine Zunge nicht; und was hätt' es auch geholfen?

Nachdem Sie waren tüchtig gestäupt worden, sagt' ich bei mir selbst: Wie muß der liebenswürdige Kandide und der weise Panglos nach Lissabon gekommen sein, jener um hundert Rutenstreiche zu empfangen, dieser um aufgehängt zu werden auf Befehl des Hochwürdigsten Inquisitors, dessen Liebling ich bin? Wie grausam hat mich Panglos hintergangen, daß er mir vordemonstrierte, diese Welt sei die beste.

Ich taumelte halb ohnmächtig nach Hause. In dem Aufruhr, worin meine Sinne waren, stiegen mir alle meine bisher erlebten Begebenheiten zu Kopfe; schob mir meine Phantasie mit hellen Farben gemalt die Würgeszenen vors Auge, die sich auf dem Schloß zugetragen.

Ich sahe deutlich, wie man meinen Vater schlachtete und meine Mutter und meinen Bruder, sahe, wie der garstge bulgarische Soldat so frech über mich herfiel und mich mit dem Säbel verwundete, wie ich Magd ward, aschenbrödeln mußte; sahe meinen bulgarischen Hauptmann, meinen häßlichen Don Isaschar, meinen abscheulichen Inquisitor und den guten Panglos, wie er aufgehängt wurde: noch immer gellte die widrige Musik in mein Ohr, während welcher Sie den Staupbesen bekamen, noch immer brannte der Kuß auf meinen Lippen, den Sie am Tage unsrer Trennung mir hinter der spanischen Wand gaben. Alles das umschwebte mich aufs lebhafteste. Ich pries nun Gott, der Sie nach so vielen Prüfungen mir wieder geschenkt hatte.

Ich hatte meiner Alten gleich während der Feierlichkeit anbefohlen, Ihrer aufs beste zu warten, Sie zu pflegen und bei schicklicher Gelegenheit herzubringen. Sie hat ihren Auftrag redlich erfüllt, und mich jetzt in ein Meer von Wonne versenkt.

Ich habe dich nun wieder, lieber Herzensjunge, höre dich, spreche dich, sitze neben dir. Doch dich muß hungern, armer Schelm, gewaltig hungern! Komm, laß uns essen. Es ist schon spät, und an Appetit fehlt mir's gar nicht.

Sie setzten sich zu Tische, und nach dem Abendbrot lagerten sie sich auf das besagte schöne Sofa. Noch lagen sie da in größter Behaglichkeit, als Signor Don Isaschar, einer von den Eignern des Hauses und des Mädchens, hereintrat, sowohl um seine Gerechtsame nicht verjähren zu lassen als auch um bei Kunegunden den zärtlichen Amoroso zu machen.

Neuntes Kapitel: Was sich mit Kunegunden, Kandiden, dem Großinquisitor und einem Juden zuträgt
Ein gallevollers Geschöpf als diesen Hebräer hatte man seit der babylonischen Gefangenschaft in Israel nicht gefunden. Ha! schrie er, du bist mit dem Großinquisitor und mit mir nicht zufrieden? Mußt noch einen Schlafgesellen haben, du Galiläische Petze! Wart du! und auch du, du Hurenschelm!

Mit diesen Worten zuckte er ein Stilett, das er stets bei sich trug, und fiel auf seinen Gegner ein, den er wehrlos glaubte. Allein dieser wackre Westfale hatte von der Alten samt dem vollständigsten Anzuge einen schönen Degen bekommen. Den zog er, so kindfromm er auch war, und mausetot lag der Israelit zu den Füßen der schönen Kunegunde.

Jesus Maria! rief sie. Nun ist alles aus. Ein Toter bei mir im Hause! Wenn nun die Wache kommt! Oh, wir sind verloren! Was fangen wir an! Hinge der gute Panglos nur nicht, sagte Kandide, er sollte alles in's reine bringen, denn er war ein großer Philosoph. In Ermanglung seiner müssen wir schon die Alte um Rat fragen.

Sie war ein gar kluges Weib, und eben begann sie ihre Meinung zu sagen, als sich ein andres Türlein öffnete. Es war eine Stunde nach Mitternacht, der Sonntag brach an. Dieser Tag gehörte dem Herrn Inquisitor. Ihro Hochwürden Gnaden traten herein, sahen den gestäupten Kandide mit dem Degen in der Hand, den toten Hebräer auf der Erde liegen, Kunegunden totenblaß und bebend und die Alte mit ihrem guten Rat herausrückend; und blieben starr angewurzelt stehn an der Türschwelle, ohne alle Besinnung; um so mehr Besonnenheit und Überlegungskraft hatte Kandide.

Ha! dacht' er, ruft der heilige Mann Hilfe, so werd' ich ganz unfehlbar verbrannt und auch Kunegunde. Er hat mich unbarmherzig geißeln lassen, ist mein Nebenbuhler; im Morden bin ich einmal, und jetzt gilt's.

Wie beschlossen, so getan. Der Inquisitor lag, den Degen bis ans Heft in der Brust, neben dem Juden, eh' er sich hatte besinnen können. Immer besser, rief Kunegunde. Nun sind wir unwiederbringlich verloren! Bannfluch und Tod schweben über uns. Kandide, wie haben Sie, die Sanftmut selbst, in zwei Minuten einen Juden und einen Prälaten umbringen können? Lieb' und Eifersucht und die Rutenstreiche der Inquisition können das Lamm wohl zum Tiger machen, erwiderte Kandide.

Wissen Sie was? sagte die Alte. Wir haben drei tüchtige andalusische Gäule im Stall und auch Sattel und Zeug. Unser tapfrer Herr Kandide zäumt sie auf und sattelt sie; derweile stecken die gnädge Baroneß ihre Dublonen und ihre Diamanten zu sich, und dann husch! auf und davon und nach Cadix. Ich kann zwar nur meinen halben Hintern brauchen, das tut aber weiter nichts. Es ist ganz allerliebst Wetter, und in der Kühle beim Mondenschein läßt sich's des Nachts ganz scharmant reisen. Kandide sattelte sogleich die Pferde und machte mit Kunegunden und der Alten einen Ritt von fünfzehn Meilen in einem Striche. Indes daß die fortjagten, kam die heilige Brüderschaft ins Haus. Der Herr Inquisitor ward in der Domkirche mit allem Gepränge beigesetzt, Isaschar aber auf den Schindanger geworfen.

Kandide, Kunegunde und die Alte befanden sich nunmehr in einem Wirtshause in dem Städtchen Avacena, das mitten in der Sierra Morena lag. Hieselbst hielten sie folgendes Gespräch.

Zehntes Kapitel: Kandide, Kunegunde und die Alte kommen in einer gar schlimmen Lage zu Cadix an und schiffen sich ein
Kunegunde (schluchzend): Alle meine Dublonen und Diamanten sind fort! Wer muß mir die gestohlen haben! wovon wollen wir nun leben? Wo Inquisitoren und Juden finden, die mir andre geben?

Die Alte. Was ich glaube, aber Gott verzeihe mir die schwere Sünde, wenn ich ihm zu viel tue; ich denke aber immer, ich denke, der ehrwürdige Pater Graurock, der mit uns zu Badajos sein Nachtquartier hatte, hat sie heißen mitgehn; er kam zweimal zu uns in die Stube und war schon lang' über alle Berge, eh' wir an die Abreise dachten.

Kandide. Der wackre Panglos hat mir oft bewiesen, daß alle Güter hienieden gemeinschaftlich sind, Hinz daran so gut Anteil hat als Kunz. Vermöge dieser Grundsätze hätte uns jener Barfüßermönch wenigstens so viel Geld lassen sollen, um unsre Reise bestreiten zu können. Haben Sie denn gar nichts behalten, gnädige Baroneß?

Kunegunde. Keinen Maravedi!

Kandide. Was nun tun?

Die Alte. Ein Pferd verkaufen, da ist kein andrer Rat. Ich setze midi hinter die gnädge Baroneß so gut es mit meinem halben Hintern angeht, und damit immerzu nach Cadix.

In eben dem Wirtshause befand sich ein Benediktinerprior, der kaufte ihnen das Pferd um einen Pappenstiel ab. Kandide, Kunegunde und die Alte nahmen ihren Weg über Lucena, Chillas, Lebrixa nach Cadix. Hier ward eine Flotte ausgerüstet, die Truppen mußten sich hier stellen, welche die ehrwürdigen Paters des Jesuiterordens zu Paraguay zu Paaren treiben sollten. Selbige hatten, gab man ihnen wenigstens Schuld, eine ihrer indischen Horden bei der Stadt San Sakramento gegen die Könige von Spanien und Portugal aufgewiegelt.

Kandide machte dem General dieser kleinen Armee die bulgarischen Kriegsexerzitien vor, und das so flink, so dreist, mit solchem soldatischen Anstande, daß der General ihm augenblicklich eine Kompanie bei der Infanterie gab. Der neugebackne Herr Hauptmann nebst Baroneß Kunegunden und der Alten schifften sich ein, nahmen noch zwei Bediente mit und die beiden andalusischen Pferde, die weiland dem Herrn Großinquisitor von Portugal gehört hatten.

Während der Überfahrt unterhielten sie sich beständig von der Philosophie des armen Panglos. Wir kommen nun in eine andre Welt, sagte Kandide, und unstreitig ist diese die beste. Denn man muß gestehn, man hat wohl Ursach, über den physischen und moralischen Zustand unsrer Welt ein wenig zu seufzen.

Kunegunde. Ich liebe Sie von ganzem Herzen, Kandide, doch alles das, was ich gesehn, was ich erlitten habe, hat mich ganz scheu und verzagt gemacht; mir ahnet nichts Guts. Lassen Sie sich ums Himmels willen nicht blessieren oder totschießen!

Kandide. Es wird alles gut gehn. Schon das Meer in dieser neuen Welt ist besser als in unsrer europäischen; ist weit ruhiger; die Winde weit beständiger. Wahrlich, die neue Welt ist die beste unter allen möglichen Welten.

Kunegunde. Das gebe Gott! nur wahren Sie sich, daß man Sie nicht blessiert oder totschießt, und wir beide unglücklich werden. Ich kann mich gar nicht beruhigen, denn ich habe in unsrer Welt schon so gräßliches Elend ausgestanden, daß kein Strahl der Hoffnung mehr in meine Seele sich hineinstiehlt. Die Alte. Was das für ein Getue, für ein Geklage ist! Wären Sie an meiner Stelle gewesen, Sie sollten auf einem gar andern Loche pfeifen. Ich kann noch ein Liedchen von Unglücksfällen singen.

Kunegundens Mund zog sich ein wenig zum Lächeln; es kam ihr drollig vor, daß die alte Mutter behauptete, sie sei unglücklicher als sie. Haben Euch, sagte sie, nicht zwei Bulgaren geschändet, habt Ihr nicht zwei Degenstiche in den Leib bekommen, sind nicht zwei von Euren Schlössern verwüstet worden, hat man nicht vor Euren Augen zwei Väter und zwei Mütter ermordet, und habt Ihr nicht zwei von Euren Liebhabern im Autodafe stäupen sehn, so seh' ich nicht ab, wie Ihr Euch unglücklicher nennen könnt als ich. Erwägt noch überdem, daß ich Baroneß bin, meine einundsiebzig Ahnen aufweisen kann, und daß ich gleichwohl habe müssen aschenbrödeln.

Meine Geburt ist Ihnen unbekannt, gnädige Baroneß, antwortete die Alte. Ich dürfte Ihnen nur mein Hinterkastei zeigen, Sie würden gewiß ganz andre Saiten aufziehn. Diese Rede erregte bei Kunegunden und Kandiden eine ganz außerordentliche Neugier, welche die Alte auf folgende Art befriedigte.

Elftes Kapitel: Geschichte der Alten
Mein Auge war nicht immer so verzerrt, hatte nicht immer den Pupursaum, meine Nase stieß nicht immer ans Kinn, auch bin ich nicht immer Magd gewesen.

Mein Vater war Papst Urban der Zehnte, und die Fürstin von Palestrina meine Mutter. Bis ins vierzehnte Jahr wurd' ich in einem Palaste erzogen, wogegen die Schlösser Eurer westfälischen Barone gar klägliche Figur machen; das geringste von meinen Kleidern wog alle Herrlichkeiten von ganz Westfalen auf. Ich wuchs an Schönheit und Grazie und Talenten mitten in dem bunten Zirkel von Ergötzlichkeiten. Was für Erwartungen machte man sich nicht von mir; was für Ehrerbietung erwies man mir; was für Liebe flößt' ich nicht schon ein.

Mein Busen wölbte sich bereits. Es war ein Busen, der an Weiße und Festigkeit und Rundung dem Busen der Mediceischen Venus glich! Das Aug, wie zaubrisch! die Wimpern, wie meisterhaft! die Augenbrauen rabenschwarz! und die Glut, die in meinen Augäpfeln lag, überstrahlte das ganze Sternenheer, wie die Poeten aus dem Stadtviertel sangen. Meine Kammerfrauen, wenn sie mich auszogen und mich so von vorn und hinten beschauen konnten, waren wie ins Paradies verzückt; alle Mannspersonen wünschten sich an ihre Stelle Ich ward mit dem regierenden Fürsten von Massa Carrara versprochen. Ein gar süßer, herrlicher Junge! Ganz Geist und ganz glühende, schwärmende Liebe! und völlig so dichtrisch schön gebildet wie ich! Er war meine erste Liebschaft! sonach liebte ich ihn mit der innigsten Wärme, macht' ihn zum Abgott meiner Seele.

Man traf Anstalten zum Beilager. Was war da für Pomp! für unerhörte Pracht! Was für ein Zirkeltanz von Lustbarkeiten. Feste ketteten sich an Feste, Ringelrennen an Ringelrennen, Turnier' an Turniere, Operabuffas an Operabuffas, und ganz Italien sang mir zu Ehren Sonnette, davon das geringste dichtrischen Stempel trug, eines Ariost und Tasso würdig war.

Ich stand am Ziele meines Glücks, als eine alte Marchese, eine ehmalige Buhlschaft meines Prinzen, ihn zur Schokolade bitten ließ. Er starb in weniger denn zwei Stunden an den schrecklichsten Zuckungen. Kleinigkeit gegen meine übrigen Unglücksfälle!

Dieser Tod brachte meine Mutter ganz außer sich, obwohl er sie lange nicht so heftig angriff wie mich. Sie wollte sich eine Zeitlang von einem so unangenehmen Aufenthalt losreißen. Wir fuhren nach Gaetta, wo sie ein sehr schönes Landgut hatte; unser Schiff war eine päpstliche Galeere, so stark vergoldet als der St.-Peter-Altar zu Rom. Nicht lange, so stürzte ein Saleescher Korsar auf uns zu, enterte. Unsre Mannschaft wehrte sich wie wahre päpstliche Soldaten, warf ihre Waffen weg, fiel nieder auf die Knie, und, in letzten Zügen liegend, bat sie den Korsaren um Absolution. In einem Nu standen sie ganz affenkahl da; meiner Mutter, unsern Hofdamen und mir ging's nicht besser. Husch husch! und wir waren entkleidet. Ich habe nie flinkre Kammerdiener gesehn als diese Herren Seeräuber. Doch nahm mich dies nicht so wunder, als daß sie uns insgesamt einen Ort durchfingerten, dem wir Weiber uns gemeiniglich nur mit der Klistierspritze zu nahe kommen lassen.

Nie aus meinen vier Pfählen gekommen, kam mir der Brauch ganz sonderbar vor. Ich erfuhr bald, zu was Ende dies geschahe; sie wollten wissen, ob wir nicht daselbst einige Diamanten versteckt hätten. Das ist uralte Sitte bei allen gebildeten Völkerschaften, die auf der See umhertreiben. Machen's doch die Herren Malteserritter nicht besser, wenn sie Türken und Türkinnen gefangen bekommen, und sind Geistliche. Dies Gesetz des Völkerrechts wird stets beobachtet.

Wie peinlich, wie zu Boden drückend es für eine junge Prinzessin sein muß, mit ihrer Mutter als Sklavin nach Marokko geführt zu werden, brauch' ich Ihnen nicht erst zu sagen, Sie können sich's leicht vorstellen, so wohl als die Leiden, die wir auf dem Raubschiffe auszustehn hatten.

Meine Mutter war noch sehr schön, unsre Hofdamen, sogar die bloßen Kammerfrauen besaßen mehr Reize, als in ganz Afrika zu finden sind. Und ich hatte all die entzückende Schönheit, war mit all' der Lieblichkeit, dem namenlosen Zauber umflossen, womit Mutter Eva aus den Händen Gottes hervorging; noch hatt' ich keinen Mann erkannt, aber bald mußt ich's. Die Rose, die ich dem schönen Fürsten von Massa Carrara aufbewahrt, zerknickte der Hauptmann der Räuber; eine abscheuliche Fratzenfigur von Neger, die mir dadurch noch ungemeine Ehre zu erweisen glaubte.

Wahrlich! die Fürstin von Palestrina mußte sowohl wie ich Herkulesschultern haben, um all das Ungemach zu tragen, das bis zu unsrer Ankunft in Marokko über uns kam. Kein Wort weiter davon! Es ist etwas zu Alltägliches, als daß es der Mühe lohnte, davon zu reden.

Bei unsrer Ankunft schwamm Marokko in Blut. Fünfzig Söhne des Kaisers Mulei Ismael hatten jeglicher seine Partei; sonach wüteten daselbst fünfzig bürgerliche Kriege. Schwarze fochten gegen Schwarze, Schwarzbraune gegen Schwarzbraune, Mulatten gegen Mulatten; das ganze Land umher glich einer Metzge, wo Arbeit vollauf war.

Kaum waren wir auf dem Gestade, so rückte eine feindliche Partei an, die unserm Korsaren seine Beute abnehmen wollte. Wir waren nach den Diamanten und dem Golde das Allerkostbarste, was er hatte. Ich war Zeugin eines Kampfs, den Ihr in Euren europäischen Gegenden nie so gesehn habt; dazu haben die nordischen Völker nicht heißes, glühendes Blut genug; sie haben ja nicht einmal so viel Wut als jedes Weib in Afrika. Bei Euch Europäern scheint Milchsaft in den Adern zu rinnen, Vitriol, Feuer hüpft, spritzt durch jede Nerve bei den Bewohnern des Atlasgebirges und der benachbarten Gegenden. Wütend wie die Löwen und Tiger und Schlangen dieses Landes fielen sie sich an und strebten, uns einander abzukämpfen. Ein Mohr packte meine Mutter beim rechten Arm, der Leutnant unsers Schiffs riß sie beim linken zurück; stracks nahm ein Schwarzer ihren einen Fuß, einer unsrer Seeräuber zog sie beim andern nach sich. Und so wurden all' unsre Frauenzimmer beinahe in einem Nu von vier Soldaten angepackt.

Mein Hauptmann hatte mich hinter sich versteckt und säbelte alles nieder, was sich zwischen ihn und seinen Grimm stellte. In kurzem sah' ich unsre Italienerinnen und meine Mutter von denen Ungeheuern zerrissen, zerhauen, zerfetzt, die sich um ihren Besitz herumkämpften. Gefangne und Gefangennehmer, Soldaten und Matrosen, Schwarze und Weiße und Mulatten, alles, alles wurde niedergemacht, endlich mein Hauptmann auch, und ich blieb sterbend auf einem Haufen von Toten liegen.

Solcherlei Szenen wurden bekanntermaßen in einem Bezirk von mehr denn dreihundert Meilen gespielt, ohne daß man deshalb die fünf Gebete vergaß, die Mahomet täglich zu beten befohlen hat.

Es ward mir sehr sauer, mich unter der Menge aufeinandergeschichteter blutiger Leichname hervorzuarbeiten. Ich schleppte mich nach einem großen Pomeranzenbaum, der am Rande eines nahen Bachs stand. Entsetzen und Müdigkeit, Verzweiflung und Hunger hatten mich so erschöpft, daß ich sogleich umsank und bald darauf einschlummerte.

Es war mehr Ohnmacht als Schlaf, worin ich mich befand. In diesem Mittelzustand zwischen Leben und Tod, in dieser Art von Hinbrüten mocht' ich eine Weile gelegen haben, als ich eine Last auf mir liegen fühlte, und mein Körper Erschüttrungen bekam. Ich blickte auf und ward einen wohlgebildeten jungen weißen Mann gewahr. Er seufzte und murmelte zwischen den Zähnen: O che sciagura d'essere senza coglioni.

Zwölftes Kapitel: Wie übel es der Alten weiter erging
Erstaunt und entzückt, meine Muttersprache zu hören, und über die eben vernommene Rede nicht wenig verwundert erwiderte ich, daß es noch größers Unglück gäbe, als das sei, worüber er sich beklagte. Mit einem paar Worten erzählt' ich ihm alle das gräßliche Elend, dessen Opfer ich gewesen, und sank wieder in Ohnmacht. Er trug mich in ein benachbartes Haus, legte mich in ein Bette, brachte mich wieder zu mir, erquickte mich, ließ mirs nicht an Wartung und Trost abgehn, und an Schmeicheleien; sagte, er habe nie auf Gottes Erdboden ein schöners Geschöpf gesehn als mich, und seinen unersetzbaren Verlust nie so stark betrauert als jetzt.

Ich bin aus Neapel bürtig, sagte er, wo jahraus jahrein zwei- bis dreitausend Knaben kapaunt werden. Einige sterben, andre erhalten Stimmen, die an Schönheit die weiblichen übertreffen, noch andre gehn aus in alle Lande und werden ans Staatsruder gesetzt. Ich ward mit dem günstigsten Erfolge kastriert und sodann Kapellsänger bei Ihro Durchlaucht, der Fürstin von Palestrina.

Bei meiner Mutter, schrie ich! Bei Ihrer Frau Mutter! rief er, und Tränen schössen über seine Wangen. So wären Sie die junge Prinzessin Aurora, die ich bis ins sechste Jahr erzogen, bei der damals all' die Reize in der Knospe lagen, die ich bei Ihnen in so voller, schimmernder Blüte sehe! Sind Sie's denn wirklich! „Wirklich! und meine Mutter liegt vierhundert Schritt von hier unter einem Haufen von Toten gevierteilt!" Ich erzählt' ihm all' meine Begebnisse, und er mir die seinigen, er sagte mir, eine gewisse christliche Macht hab' ihn nach Marokko gesandt, um mit diesem Monarchen einen Traktat zu schließen, mittelst dessen man ihm Pulver, Kanonen und Schiffe zu liefern versprach, damit er um so leichter dem Handel der übrigen christlichen Mächte den Garaus machen könnte. Mein Auftrag ist beendigt, sagte der ehrsame Kastrat zu mir, ich schiffe mich zu Ceuta ein und bringe Sie nach Italien zurück. Ma che sciagura d'essere senza coglioni!

Ich vergoß Tränen des innigsten Danks für all' das, was er an mir getan hatte und noch tun wollte. Er brachte mich nicht nach Italien, sondern nach Algier, und verkaufte mich an den dortigen Dei. Kaum war ich verkauft, als die Pest, die nachher Afrika, Asien und Europa durchzogen hat, in Algier zu toben begann. Erdbeben haben Sie schon gesehn, doch die Pest wohl nie gehabt, Baroneß? Nie, antwortete Kunegunde. Sonst würden Sie mir einräumen müssen, daß Erdbeben, dagegen gerechnet, gar nichts sagen will. In Afrika ist sie gang und gäbe; sie verschonte mich auch nicht. Stellen Sie sich nun die Lage vor, worin sich die fünfzehnjährige Tochter eines Papsts befand! In einem Vierteljahre hatte sie Geliebten verloren und Freiheit, war fast täglich geschändet worden, hatte immer Hungertod und Kriegsgetümmel vor Augen gehabt und sollte jetzt an der Pest sterben.

Ich kam demungeachtet glücklich davon, allein mein Kastrat ging drauf, und der Dei und fast der ganze algierische Serail. Als diese fürchterliche Pest eine kleine Pause gemacht, wurden die Sklaven des Deis verkauft. Ein Kaufmann erhandelte mich und nahm mich nach Tunis, wo er mich einem seiner Kollegen überließ, dieser verkaufte mich nach Tripolis, von Tripolis wurd' ich nach Alexandrien verkauft, von Alexandrien nach Smyrna, von Smyrna nach Konstantinopel.

Nunmehr befand ich mich in den Händen eines Janitscharenführers, der bald darauf Befehl erhielt, dem von den Russen belagerten Assow zum Entsatz zu kommen. Dieser Janitschar war ein überaus galanter Mann; er nahm alle seine Kebsdamen mit, logierte uns in eine kleine Schanze, dicht am See Tana, die von zwei schwarzen Verschnittnen und zwanzig Soldaten bedeckt wurde. Die Russen stürzten anfänglich hin wie die Fliegen; bald aber kehrte sich das Blatt. Assow ging über, wurde mit Feuer und Schwert verwüstet; bei den Überwindern galt kein Ansehn des Alters noch Geschlechts.

Unsre kleine Schanze hielt sich noch; die Feinde beschlossen, sie auszuhungern. Die zwanzig Janitscharen hatten geschworen, sich nie zu ergeben. Der äußerste nagendste Hunger nötigte sie, unsre beiden Verschnittnen aufzufressen, damit sie ihren Schwur nicht zu brechen brauchten. Nach Verlauf etlicher Tage beschlossen sie, es mit uns ebenso zu machen.

Wir hatten aber einen gar frommen Iman bei uns, einen recht barmherzigen Samariter, der hielt eine gar herrliche Predigt, wodurch sie andern Sinnes wurden. Umbringen müßt ihr die Weiber nicht, sagte er, aber jeglicher von ihnen den halben Hinterbacken ablösen, das laß ich gelten; auf die Art werdet ihr Essen die Fülle haben; gebricht's euch wieder an Proviant, nun so wißt ihr ja, wo eure Vorratskammer liegt. Ihr könnt sodann mit Zuversicht hoffen, daß euch Allah wegen einer solchen Barmherzigkeit nicht ohne Beistand lassen wird.

Da dieser Priester ein guter Schwadronör war, so drang er durch, und man nahm die grausame Operation vor. Der Iman bestrich uns in eigner Person mit Beschneidungsbalsam. Wir waren allesamt todsterbenskrank.

Kaum hatten die Janitscharen die Mahlzeit hinter, die wir ihnen verschafften, so waren die Russen in flachen Fahrzeugen da und stürmten die Schanze. Kein Janitschar blieb am Leben. Uns schleppten die Sieger mit, ohne sich um unsern Zustand im mindesten zu kümmern.

Französische Wundärzte findet man allenthalben. Sonach hatten sie einen in der Kunst gar wohlerfahrnen Franzmann bei sich, der nahm uns in die Kur und heilte uns glücklich. Er suchte uns dadurch zu trösten, daß dergleichen Kriegsgebrauch wäre und sich schon bei vielen Belagrungen ereignet hätte. Wie meine Wunden völlig zugeheilt waren, verlangt' er von mir Minnesold. Ich werde den Antrag in meinem Leben nicht vergessen.

Als meine Gespielinnen gehn konnten, mußten sie nach Moskau wandern. Ich fiel einem Bojaren zuteil, der mich zu seiner Gärtnerin machte und mir täglich zwanzig Hiebe mit der Knute gab. Allein nach zwei Jahren wurde dieser Herr mit dreißig andern Bojaren gerädert, weil sie am Hofe ein gar hübsches Rührei gemacht hatten.

Diese Begebenheit benutzt' ich, wipste davon, durchstrich ganz Rußland, war lange Zeit zu Riga Aufwärterin in einem Wirtshause, bekleidete den Posten auch zu Rostock, Wismar Leipzig, Kassel, Utrecht, Leiden, Haag, Rotterdam, ward im Elend und in der Schande alt und grau; schleppte allenthalben meinen halben Hintern mit herum, und die Erinnerung, daß ich die Tochter eines Papsts sei. Hundertmal war ich Willens, mich zu töten, aber immer siegte die Liebe zum Leben.

Diese lächerliche Schwäche ist eine unsrer unseligsten Triebe. Kann man sich wohl etwas Törichters denken als ein Geschöpf, das eine Last immer mit sich herumschleppt, die es gern alle Augenblicke von sich werfen möchte? Das sein Dasein verabscheut und doch platterdings nicht daran will, ihm ein Ende zu machen? Kurz das eine Schlange hätschelt, die immer in ihm fortnagt, bis sie ihm das Herz abgefressen hat.

In all' den Ländern, wohin mich das Schicksal getrieben, und in allen Wirtshäusern, wo ich Aufwärterin gewesen, hab' ich Personen die Menge gefunden, die ihr Dasein verfluchten, aber nur ein Dutzend gesehn, die ihrem Elende ein freiwilliges Ende machten. Das waren drei Mohren, vier Engländer, vier Genfer und ein Leipziger Professor, Namens Robeck.

Mein letzter Dienst war bei dem Juden Don Isaschar. Ich lernte ihn vor zwei Jahren in Rotterdam kennen, wo er in dem Gasthofe logierte, worin ich diente. Ein niedlicher Bettwärmer, den er mit sich gebracht, hatte sich in alle seine Kostbarkeiten und in seine vollgepfropfte Börse so stark verliebt, wie er sich in dies Kreatürchen, und den Anschlag gemacht, durch meine Beihilfe damit über alle Berge zu gehn. Diese Zumutung verdroß mich; ich steckte dem Juden das Projekt seines Madchens; er verhinderte sie an dessen Ausführung, indem er sie sitzen ließ, und mich nahm er zur Belohnung meiner Redlichkeit mit nach Portugal, wo er mir Zeit Lebens Unterhalt zu geben versprach.

Bald darauf kamen Sie in sein Haus, und er gab mich Ihnen zur Bedienung. Sie wissen, wie ich stets an Ihnen gehängt, gnädge Baroneß, wie ich über Ihre Schicksale ganz die meinigen vergessen habe, die um so härter sind, da mein Elend nur erst mit meinem Leben ein Ende nehmen kann. Denn Sie müssen noch wissen, bei Verlust des Kopfs darf ich mich in den Landen meines verstorbnen Vaters nicht wieder sehn lassen. Sein Nachfolger auf dem päpstlichen Stuhl, ein geschworner Feind meiner Mutter und des Hauses Massa Carrara, hat nicht nur alle unsre Güter eingezogen, sondern auch bei Landesverweisung verboten, meiner in Gesellschaft zu erwähnen. Durch ihn, teils bestochen, teils durch niedrige Schmeichelei bewogen, haben verschiedne Geschichtsschreiber nicht nur meinen Vater aus der Liste der Päpste weggelassen, sondern auch sogar öffentlich im Druck meine und meiner Mutter Existenz glatt weggeleugnet.

Urteilen Sie nun selbst, wer von uns beiden das Mehrste erlitten hat, und gleichwohl hätt' ich Ihnen nie meine Unglücksfälle erzählt, wenn Sie mich nicht durch Ihre bittern Klagen dazu aufgefordert hätten, und wenn's nicht im Schiff, so gut wie auf der Landkutsche Mode wäre, der lieben Langeweile halber Historien zu erzählen.

Machen Sie sich 'mal das Vergnügen, gnädige Baroneß, und nötigen Sie jeden aus unsrer Reisegesellschaft, seinen Lebenslauf zu erzählen; ich behaupte — und ich habe mir Erfahrung genug gesammelt, um das mit Grund behaupten zu können —, daß kein einziger darunter ist, der nicht sein Dasein verflucht, sich oft selbst gesagt hat, daß er der unglücklichste unter allen Menschen sei. Finden Sie einen, der das nicht getan hat, nun so stürzen Sie mich kopfüber ins Meer.

Dreizehntes Kapitel: Wie sich Kandide genötigt sahe, die schöne Kunegunde und die Alte zu verlassen
Nunmehr begegnete die schöne Kunegunde der Alten mit all' der Achtung, die einer Dame von ihrem Rang und Verdiensten gebührte. Sie nahm ihren Vorschlag an und beredete ihre Reisegefährten, nach der Reihe ihre Begebenheiten zu erzählen. Kandide und sie mußten gestehn, daß die Alte recht hatte. Schade, sehr schade! sagte Kandide, daß der weise Panglos wider alle Sitt' und Brauch in einem Audodafé ist aufgehängt worden, was für vortreffliche Dinge würd' er über das physische und moralische Übel sagen, das unsern Erdwasserball bedeckt, und ich würde mich stark genug fühlen, ihm einige bescheidne Einwürfe zu machen.

Über die Erzählungen langte man, eh' man sich's versahe, in Buenos-Aires an. Kunegunde, Hauptmann Kandide und die Alte begaben sich zum dasigen Statthalter, dem Don Fernando d'Ibara y Figueora y Mascarenes y Lampourdos y Souza. Er war so hochfahrend, als es ein so vielbetitelter Mann sein mußte; sprach in so hochadelig-verächtlichem Tone mit Mannspersonen, trug seine Nase so hoch hinaus in die Lüfte, erhub seine Stimme so posaunenmäßig, hatte einen so befehlshaberischen Ton und solchen Pfauengang, daß jedem, der ihm seine Aufwartung machte, der Gelust ankam, ihn derb durchzuprügeln; die Frauenzimmer liebt' er aufs heftigste; Kunegunde deuchte ihm das schönste, reizendste Geschöpf, das er je gesehn. Seine erste Frage war, ob sie des Hauptmanns Frau sei.

Das fragte er mit einem Ton, mit einer Miene, daß Kandide ganz zu Boden geschlagen wurde. Für seine Frau mocht' er sie nicht ausgeben, weil sie's noch nicht war, für seine Schwester auch nicht, denn das war sie noch weniger; er war zu sehr Teutscher, um sich dieser Notlüge zu bedienen, die so manchen Patriarchen aus der Not gerissen hatte und auch noch heutiges Tages gute Dienste leisten konnte. Deshalb sagte er grad heraus: die Baroneß Kunegunde wird mich mit ihrer Hand beehren, und wir ersuchen Ihro Exzellenz untertänigst, die hohe Gnade für uns zu haben und unsre Hochzeit auszurichten.

Don Fernando d'Ibara y Figueora y Mascarenes y Lampourdos y Souza strich hohnlächelnd seinen Zwickelbart und befahl dem Hauptmann Kandide, seine Kompanie zu mustern. Kandide gehorchte und ließ den Statthalter bei Baroneß Kunegunden allein. Dieser entdeckte ihr nunmehr seine Brunst und beteuerte ihr, er wolle ihr morgen im Angesicht der Kirche seine Hand reichen; wolle sie ihn aber mit ihrer außerehlichen Liebe beglücken, so woll' er sich auch da nach ihr richten. Kunegunde bat sich eine Viertelstunde von ihm aus, um sich sammeln, die Alte um Rat fragen und sich entschließen zu können. Die Alte sagte zu ihr: Sie haben zweiundsiebenzig Ahnen und keinen roten Heller, können jetzt die Gemahlin des angesehnsten und stattlichsten Zwickelbarts in ganz Südamerika werden. Was wollen Sie sich da bedenken. Not hat kein Gebot, und wozu Sie den Pastor Fido im Reifrock spielen wollen, seh' ich nicht ab. Sie sind von den Bulgaren geschändet worden, haben sich vom Juden und Inquisitor brauchen lassen. Wär' ich in Ihrer Stelle, ich griffe zu, nähme den Herrn Statthalter zum Manne ohn' alles Fackeln und machte dem Herrn Hauptmann Kandide sein Glück.

Indes daß das Mütterchen mit all der Klugheit sprach, die Alter und Erfahrung geben, sah' man ein Schifflein in den Hafen einlaufen, worauf sich ein Alkalde und Alguazils, Gerichtsdiener, befanden. Was die Herren wollten, soll der Leser gleich erfahren.

Die Alte hatte ganz recht gehabt, daß der weitärmlige Franziskaner zu Badajos Kunegunden auf ihrer eilenden Flucht ihr Geld und ihre Diamanten gestohlen. Er hatte einige Steine einem Juwelier verkaufen wollen, der sie erkannte und ihn festnehmen ließ. Unterm Galgen hatte der Mönch bekannt, daß er sie gestohlen, die Personen beschrieben, denen er sie entwandt, und den Weg, den sie genommen hatten. Kunegundens und Kandidens Flucht war bereits bekannt: man setzte ihnen bis Cadix nach, ohne sie einholen zu können; von da aus wurd' ihnen ungesäumt ein Schiff nachgesandt, und dies Schiff lag jetzt im Hafen.

Überall hörte man, eben sei ein Alkalde ausgestiegen, und man suche die Mörder des Großinquisitors. Die kluge Alte sahe den Augenblick ein, was zu tun war. Fliehen können Sie nicht, sagte sie zur Kunegunde, und brauchens auch nicht. Ihnen können sie nicht an den Hals kommen, denn Sie sind nicht der Mörder des Inquisitors; Sie haben überdies beim Statthalter solchen Stein im Brett, daß er Ihnen kein Härchen wird krümmen lassen. Bleiben Sie nur in Gottes Namen da. Drauf rannte sie in voller Hast zum Kandide. Machen Sie sich über alle Berge, Herr Hauptmann, raunte sie ihm zu, sonst sind Sie in einer Stunde verbrannt. Aufhalten durft' er sich nicht einen Augenblick, trennen konnte er sich nicht von seiner Kunegunde, und einen Ort, wo er sich hinflüchten sollte, wußt' er nicht.

Vierzehntes Kapitel: Wie Kandide und Kakambo in Paraguay von den Jesuiten aufgenommen werden
Kandide hatte von Cadix einen Bedienten mitgebracht, wie man deren viel auf den spanischen Küsten und in den Kolonien antrifft; einen Viertelspanier, von einem Mestizen in Tukuman erzeugt. Er war Chorknabe gewesen, dann Küster, Matrose, Mönch, Buchhalter, Soldat und war endlich Lakai geworden; er hieß Kakambo und hing sehr an seinem Herrn, weil er eine gar gute, liebe Seele war. Ober Hals und Kopf sattelte er die beiden andalusischen Pferde. Wollen dem Rat der alten Mutter folgen, lieber Herr, sagte er, und zujagen, was nur's Zeug hält, ohn' uns umzusehn.

O traute Kunegunde! rief Kandide, und Tränen flossen über seine Wangen, so muß ich dich denn verlassen! muß dich in dem Zeitpunkt verlassen, da der Herr Statthalter uns zusammenfügen wollte! Mußt' ich dich darum herführen, meine Kunegunde! Oh, was wird aus dir werden!

Kakambo. Alles Guts! sie wird den Mantel nach dem Winde drehn. Ich möchte das Weib sehn, das sich nicht aus der jämmerlichsten Patsche zu helfen wüßte. Und zudem sind ja die Weiber unsers Herrgotts liebste Kinder! — Die Sporen in die Rippen, Herr!

Kandide. Wo willst du denn hin? Wo geht's denn zu? Und was wollen wir ohne Kunegunden machen?

Kakambo. Sie haben doch gegen die Jesuiten wollen zu Felde ziehn, wissen Sie was, ziehn Sie für sie zu Felde. Beim heiligen Jakob vom Compostell, ich weiß Weg und Steg und will Sie Zu ihnen bringen. Das wird ihnen 'ne rechte Herzensfreude sein, einen Hauptmann zu kriegen, der das bulgarsche Manövrieren versteht. Sie werden da 'ne gar herrliche Nummer finden.

Geht's einem in einem Weltteil schief, so zieht man in einen andern, und kömmt da auf 'nen grünen Zweig; kriegt wieder ganz was anders zu sehn, ganz was anders zu hören und auch 'n ganz ander Stückchen Arbeit, wenn man will. Oh! es ist 'n gar scharmantes herrliches Ding ums Reisen!

Kandide. So bist du in Paraguay bekannt?

Kakambo. Wie'n Pudel bei meiner armen Seele! Bin ja Aufwärter gewesen in dem Jesuiterkollegium zu Assumption, weiß im Gouvernement der Los Padres so gut Bescheid wie auf den Gassen zu Cadix. Das ist Ihnen noch ein Königreich, das sich gewaschen hat. Schon jetzt hat's mehr als dreihundert Meilen im Umkreise und ist in dreißig Provinzen eingeteilt. Los Padres schieben alles in ihren Sack, und das Volk hat nicht mal 'ne lahme Laus, die sein wäre. Wie schlau dort die Gerechtigkeit ist! Wie klug sie alles eingefädelt haben! Oh, darüber geht nichts!

Nein! solche herrliche kapitale Kerls gibt's gar nicht mehr wie Los Padres! Hier ziehn sie gegen den König von Spanien und von Portugal zu Felde, dort bebeichten und beabendmahlen sie sie, hier knicken sie den Spaniern auf'n Kopf, dort beten sie sie mit Leib und Seel in'n Himmel, 's ist ganz allerliebst!

Nur immer die Sporen in die Rippen! — Nun werden Sie erst recht ins Wohlleben reinkommen und auf nen grünen Zweig! Sie werden sich recht in der Seele freuen, die Padres, wenn sie hören, daß ein Hauptmann zu ihnen stößt, der das bulgarische Manövrieren versteht.

Am ersten Schlagbaum angelangt, sagte Kakambo zur Schildwacht: Es war' ein Hauptmann da, der dem Herrn Kommandanten seine Aufwartung machen wollte. Sofort wird's der Hauptwache gemeldet, und ein paraguayscher Offizier bringt dem Kommandanten davon Rapport. Kandide und Kakambo werden entwaffnet und die beiden andalusischen Gäule in Beschlag genommen.

Man führte sie durch zwei Reihen Soldaten; am Ende stand der Kommandant, ein dreieckichtes Barett auf, den Rock zurückgeschlagen, den Degen an der Seite, die Offizierspike in der Hand. Er winkte, und sogleich umringten vierundzwanzig Soldaten die beiden Fremden. Ein Sergeant sagte zu ihnen: Sie müßten sich gedulden: der Herr Kommandant könnte sie nicht sprechen, denn Ihro Hochehrwürden der Pater Provinzial erlaubte keinem Spanier anders als in seiner Gegenwart das Maul auf zutun und duldete ihn nicht länger im Lande als höchstens drei Stunden.

Und wo sind Ihro Hochehrwürden? frug Kakambo. „Auf der Parade, Sie haben eben Ihro Messe gelesen. Vor drei Stunden können Sie seine Sporen nicht küssen." „Er ist aber kein Spanier, der Herr Hauptmann, und wir möchten beide vor Hunger umfallen. Könnten wir nicht derweil ein bißchen frühstücken, bis Ihro Hochehrwürden kommen?"

Sogleich rapportierte der Sergeant dem Kommandanten. Ein Teutscher! rief er, ein Teutscher! O Gott Lob, da kann ich ihn prechen. Man führ' ihn in die Gartenlaube. Und man brachte sie sofort in ein kleines grünes Lusthaus.

Es war mit einer gar stattlichen Reihe von grünen Marmorsäulen geschmückt, deren Knauf und Schaft vergoldet war; dahinter lief ringsum ein artiges Gitterwerk, worin sich Papageien befanden, Kolibris, Fliegenfänger, Perlhühner und die allerseltensten Vögel. Das herrlichste Frühstück ward in goldnen Geschirren aufgetragen, unter der Zeit lagen die Paraguayer mitten im Felde bei der stechendsten Sonne und aßen Mais aus hölzernen Schüsseln.

Nicht lange, so trat der wohlehrwürdige Pater Kommandant herein. Ein bildschöner junger Mann; sein Aug war feurig, Lipp' und Wange rot, die Augenbraunen wohlgewölbt, das Gesicht rund und ziemlich weiß. Er hatte in seinem Betragen etwas Edelstolzes, das aber weder den Spanier noch den Jesuiten ankündigte.

Kandiden und Kakambo'n wurden ihre abgenommnen Waffen und ihre beiden Andalusier wieder zugestellt. Kakambo gab ihnen an der Türe des Gartenhauses Haber zu fressen, und damit ihnen kein Tuckmäuserstückchen gespielt würde, verließ er sie mit keinem Auge.

Kandide küßte dem Kommandanten den Saum seines Rocks, und darauf setzten sie sich zu Tische. So, sind Sie ein Teutscher? fragte ihn der Kommandant in dieser Sprache. Worauf ich nicht wenig stolz bin, Ihro Wohlehrwürden, antwortete Kandide. Bei diesen Worten fuhren sie beide zusammen, sahen einander starr an, mit einer Bewegung, die sie nicht bergen konnten. Der Kommandant. Und aus welcher Provinz?

Kandide. Aus dem Rauchloche, dem Herzogtum Westfalen, und bin auf dem Rittersitz Donnerstrunkshausen geboren.

Kommandant. Heiliger Gott! wär's möglich!

Kandide. Welch Wunderwerk!

Kommandant. Sollten Sie's wirklich sein?

Kandide. Es ist gar nicht möglich.

Sie fielen sich um den Hals, hingen fest aneinander, konnten nicht zu Worte kommen, strömten sich in Freudentränen aus. Kandide erhielt die Sprache zuerst wieder: So hab' ich den Bruder der reizenden Kunegunde in meinen Armen. Ja er ist's, der Sohn des Herrn Barons. Es ist Junker Polde, der von den Bulgaren getötet wurde! Und ist jetzt Jesuit in Paraguay! Wahrlich, es geht wunderbar her in der Welt! O Panglos! Panglos! wie würdest du dich freuen, wenn du nicht am Galgen hingest.

Der Kommandant gab seinen Negersklaven und Paraguayern, die ihnen in bergkristallnen Bechern Wein eingeschenkt hatten, einen Wink hinauszugehn. Und nun pries er Gott und den heiligen Ignatus tausendmal und drückte Kandiden an seine Brust. Sie schwammen in Tränen.

Kandide. Schon so im Rausch der Freude Baron! Oh! viel zu früh! Das vollste Maß von Seligkeit erwartet erst Ihrer! Ihre totgeglaubte Schwester lebt, ist frisch und munter.

Kommandant. Kunegunde lebte noch? Wäre wohlauf? Wo ist sie denn? wo?

Kandide. Ganz in der Nähe, beim Herrn Statthalter von Buenos-Aires.

Nun hub Kandide an, alles zu erzählen, was sich seit seiner Schloßverweisung bis zu seiner Reise nach Amerika zugetragen hatte. Der gejesuitete Baron lauschte mit begierigem Ohr und den vollsten Seelenblicken. Als Kandide seine lange Erzählung geendet hatte, fingen sie als ehrliche Teutsche an, tapfer zu zechen. Und da der Pater Provinzial noch nicht kam, begann der Kommandant seine Erzählung wie folgt. Kandide war ganz Ohr und ganz Herz.

Fünfzehntes Kapitel: Weshalb Kandide den Bruder seines Mädchens tötet
Der gräßliche Tag, an dem ich Vater und Mutter töten und meine Schwester schänden sah, wird mir nie aus den Gedanken kommen. Nach dem Abmarsch der Bulgaren suchte man meine anbetungswürdige Schwester allenthalben und fand sie nirgends. Meinen Vater, meine Mutter, mich, die Leichname von zwei Mägden und drei kleinen Buben warf man auf einen Karren, um uns nach einer Jesuiterkapelle zu führen, die zwei Meilen von meines Vaters Schloß lag.

Ein Jesuit besprengte uns mit Weihwasser; es war salzicht wie all der Teufel; einige Tropfen davon spritzten mir in's Auge: der Pater merkte, daß meine Augenlider etlichemal zuckten. Er legte die Hand auf mein Herz und fühlte es schlagen. Die geschicktesten Wundärzte verwandten ihre Kunst an mir, und binnen drei Wochen war ich wieder völlig auf den Beinen. Ein recht hübscher Junge war ich immer, wie Ihr wißt, Kandide, jetzt hatte ich ganz die lachende, blühende Gestalt von Gott Amor. Auch ward der ehrwürdige Pater Krust, der dortige Superior, mein sehr warmer Freund; kleidete mich ein, und sandte mich nicht lange darauf nach Rom. Der Pater General warb damals junge teutsche Jesuiten an. Höchst ungern nehmen die paraguayschen Monarchen Spanier, Ausländer weit lieber, sie denken, sie eher lenken und bändgen zu können.

Der ehrwürdige Pater General fand mich tüchtig, ein Arbeiter in diesem Weinberge des Herrn zu werden. Ich reiste mit einem Tiroler und Polen hieher. Gleich nach meiner Ankunft ward ich Unterdiakonus und Leutnant, jetzt bin ich Obrister und Priester.

Und nun, Kandide, laß sie nur kommen, die königlichen Truppen, laß sie nur kommen. Wir wollen sie fegen! Ich bin dir Manns dafür. Sie sollen derbe Schlappen bekommen und den Kirchenbann obenein. Die Vorsehung hat dich noch zur rechten Zeit zu unserm Beistand hergesandt. Aber sag mir, guter Junge, lebt meine liebe Schwester wirklich noch? und ist sie hier in der Nähe beim Herrn Statthalter von Buenos-Aires? „Bei Gott! es ist keine Lüge!"

Und sie strömten von neuem in Tränen aus. Der Baron hing an seinem Halse, konnte gar nicht los von ihm, nannte ihn seinen Bruder, seinen Retter. O! Kandide, rief er, trauter Kandide! Zögen wir doch erst als Sieger in die Stadt ein und führten Schwester Kunegunden zurück. Mein einziger Wunsch! sagte Kandide, denn ich war Willens, sie zu heiraten, und bin's auch noch. Der Baron riß sich los von ihm, schleuderte ihn zurück. „Übermütiger Bengel! heiraten wollt Ihr meine Schwester! Ihr sie heiraten! Ein Fräulein von zweiundsiebenzig Ahnen! Verdammt über die Unverschämtheit! Und ist so keck, die Bürgerkanalje, und sagt mir die infame Sottise ins Gesicht!"

Kandide stand da wie Laokoon's Bildsäule und sagte, wie er wieder Worte fand: Mein Wohlehrwürdger Pater, alle Ahnen auf Gottes Erdboden können hier nicht in Anschlag kommen! Ich riß Ihre Schwester aus den Armen eines Inquisitors; sie hat mir nicht wenig Verbindlichkeiten, und deshalb gibt sie mir ihre Hand ganz aus freien Stücken. Magister Panglos hat mir immer gesagt, daß alle Menschen einander gleich sind. Daher können Sie versichert sein, ich heirate sie.

Wollen sehn, Schurke! Wollen sehn! rief der gejesuitete Baron von Donnerstrunkshausen und gab ihm mit der flachen Klinge einen derben Hieb übers Gesicht. Kandide gleich heraus mit seinem Degen und ihm selbigen bis ans Heft in den Leib gejagt.

Doch wie er ihn rauchend herauszog, hub er bitterlich an zu weinen. O mein Gott! da hab' ich ihn umgebracht, meinen alten Herrn, meinen Freund, meinen Schwager. Bin solch erzgutes Geschöpf und habe nun schon drei Menschen ermordet! Und unter den dreien zwei Priester.

Kakambo, der an der Lusthaustüre Schildwacht gestanden, kam hereingesprungen. Jetzt müssen wir uns unsrer Haut wehren, fechten, solang' wir noch einen Finger rühren können! rief ihm sein Herr zu. Unangegriffen bleiben wir gewiß nicht. Kakambo, der den Karrn schon weit ärger hatte im Kote stecken sehn, ließ die Flügel noch gar nicht sinken und schob wieder in einem Hui den Karrn aufs Trockne, und das auf folgende Art: Er warf das Jesuiterkleid des getöteten Baron's seinem Herrn um, setzte ihm das Barett auf, half ihm auf's Pferd und sagte: Nun zugejagt, Herr, was das Zeug hält! Man wird Sie für einen jesuitschen Adjutanten ansehn, und wir werden über die Grenze sein, eh' man uns nachjagen kann. Und damit vorangejagt und auf spanisch gerufen: Platz da! Platz! Ihro Wohlehrwürden kommen, der Herr Obrister!

Sechzehntes Kapitel: Zwei Mädchen und zwei Paviane stoßen unsern Reisenden auf. Wie's ihnen bei den Wilden, die Langohren genamst, ergeht
Kandide war mit seinem Bedienten schon über die Grenze, und noch krähte im Lager nicht Hund noch Hahn über des teutschen Jesuiten Tod. Der flinke Kakambo hatte seinen Mantelsack mit Pumpernickel, Schokolad, Schinken, Knackwurst, Obst und einigen Maßen Wein gar wohl bespickt. Sie waren schon ziemlich tief in einem wildfremden, ganz ungebahnten Lande, als sie eine schöne Wiese vor sich liegen sahen, von vielen Bächen durchschnitten. Hier ließen sie ihre Gäule weiden, und Kakambo tat seinem Herrn den Vorschlag, zu essen, und ging ihm mit gutem Beispiel vor.

Ich, Schinken essen, Kakambo, und habe den Sohn des Herrn Barons erschlagen; darf meine Kunegunde in meinem Leben nicht wiedersehn! Wozu hülf es, ein elendes Leben zu fristen, das ich fern von meiner Geliebten in Reu' und Verzweiflung zubringen muß. Und überdem, wie wird das Journal zu Trévoux mir mitspielen, wenn selbiges es erfährt.

So sprach Kandide und aß dabei ein Stückchen Schinken nach dem andern, trank ein Gläschen aufs andre. Die Sonne ging unter. Unsre Verirrten hörten ein schwaches Gekreisch; es deuchte ihnen Weibergekreisch. Sie wußten nicht, obs Geschrei der Freude oder der Angst war, sprangen auf mit all der Unruh' und Besorgtheit, die man in einem ganz fremden Lande zu haben pflegt, wenn man nur ein Espenblatt rauschen oder einen starken Laut schallen hört. Wie ein Blitz kamen ein paar Mädchen in puris naturalibus über die Wiese weggeschossen und hinter ihnen drein zwei Affen, die sie in die Lenden bissen. Diese Dirnen erhuben jenes Gekreisch.

Kandiden jammerte der Anblick, er hatte bei den Bulgaren schießen gelernt und hätte wohl eine Nuß aus einem Haselbusch herunterbüchsen können, ohne die Blätter zu streifen. Er schlug seine doppelte spanische Flinte an und erschoß die beiden Affen. Gott Lob, mein lieber Kakambo, sagte er, die armen Mädchen hab' ich aus recht großer Gefahr gerettet. Beging ich Sünde, daß ich einen Inquisitor tötete und einen Jesuiten, so hab' ich jetzt an diesen Mädchen ein recht verdienstliches Werk getan. Ich bin der Retter ihres Lebens. Vielleicht sind sie von vornehmem Stande, und so kann uns dies Abenteuer hier im Lande viel Vorteil verschaffen.

Er verstummte aber plötzlich, als er sah, daß diese beiden Dirnen zärtlich die Affen umarmten, in Tränen über ihre Leichname schmolzen und mit dem wehmütigsten Geschrei die Lüfte erfüllten. Soviel Güte des Herzens hätt' ich den Mädchen nicht zugetraut, sagte endlich Kandide.

Kakambo. Sie haben wieder einen schönen Streich gemacht. Die Herren Paviane, die sie eben niedergebüchst, sind ja die feinen Liebchen von den beiden Dirnen! Kandide. Das, ihre Liebhaber! Schäker! wie war das möglich? Wie ist das glaublich?

Kakambo. Als wär' das wieder so was zu verwundern! Was ist das nun mehr, daß es ein Land in der Welt gibt, wo Pavians bei den Weibern Hahn im Korbe sind. Es sind Viertelmenschen so wie ich ein Viertelspanier.

Kandide. Ha! ich besinne mich, von Magister Panglos gehört zu haben, daß ehemals sich dergleichen zugetragen und daß aus dieser Vermischung die Ägipane, Faun' und Satyrn entstanden wären; daß viele große Männer des Altertums sie gesehn hätten. Ich nahm aber das alles für Märchen.

Kakambo. Und ist doch die helle, klare Wahrheit, die Sie nun mit Händen greifen können! Sehn Sie, so machens die Mädel, die niemals unter der Schere der Mutter oder 'ner wohlehrbaren, steifen Französin gestanden haben. Da haben Sie die liebe Natur! - - Bei alle dem ist mir gar schwül zu Mute, Ich fürchte, ich fürchte, die Damen werden uns einen gar saubern Brei einbrocken.

Kandide fand, daß sein Kakambo eben nicht unrecht hatte, und machte sich samt ihm tiefer ins Land hinein. Sie lagerten sich mitten in einem Gebüsch und aßen ihr Abendbrot; vermaledeiten den Großinquisitor, den Gouverneur von Buenos-Aires und den Baron und schliefen auf dem Moose ganz ruhig ein. Beim Erwachen merkten sie, daß sie sich nicht rühren konnten. Und das kam daher: die dortigen Einwohner, die Langohren, an welche die beiden Damen sie verraten, hatten sie in der Nacht mit Stricken von Bast zusammengebunden.

Ringsum standen so ein fünfzig Langohren, ganz nackt, Pfeile, Keulen und Äxte von Kieselstein in den Händen. Einige setzten einen großen Kessel übers Feuer, das sie anbliesen; andre schnitzten Bratspieße, und alle insgesamt schrien; ein Jesuit! Ein Jesuit! Da wollen wir unser Mütchen kühlen! 's soll 'n gar herrlicher Fraß sein! Wollen ihn auffressen, den Jesuiten! Wollen ihn auffressen!

Hab' ichs Ihnen nicht gesagt, lieber Herr, rief Kakambo kopfhängend, die Mädel würden uns 'ne gar saubre Pastete anrichten? Zuverlässig werden wir gesotten oder gebraten! rief Kandide, wie er den Kessel und die Bratspieße sah. Ha! was würde Magister Panglos sagen, wenn er so die Natur in all ihrer Rohheit sähe! Es ist alles gut gemacht; es sei drum, aber doch muß ich. gestehn, es ist hart, äußerst hart, daß ich Baroneß Kunegunden verloren habe und hier von den Langohren an den Spieß gesteckt werde.

Kakambo, der sich immer aus dem verworrensten Hanfe zu haspeln wußte, sagte zum trostlosen Kandide: Immer getrost, Herr. Ich versteh' den Kerls ihr Rotwälsch ein wenig. Ich will hin und mit ihnen sprechen. Vergiß ja nicht, sagte Kandide, ihnen aufs lebhafteste vorzustellen, daß es gräßlich Unmenschlichkeit ist, Menschen zu braten, und wie wenig christlich das gedacht ist.

Nicht wahr, Kinderchen, sagte Kakambo, ihr denkt, ihr wollt heut einen Jesuiten schmausen! Das ist recht löblich! Recht brav, wenn man so mit seinen Feinden verfährt. Schlag deinen Nächsten tot! Das ist nach der Natur Rechtens, und das gilt allenthalben auf Gottes weitem Erdboden. Daß wir ihn nun nicht auffressen, wie's auch nach der Natur Rechtens ist; nun das kömmt daher, wir haben schon sonst leckre Gerüchte; ihr guten Leute aber nicht, und da ist's denn immer freilich besser, seine Feinde in seinem Magen zu begraben, als die Frucht seines Sieges den Raben und Krähen preiszugeben.

Aber Kinderchen, eure guten Freunde werdet ihr doch nicht verzehren wollen? Ihr denkt einen Jesuiten an den Spieß zu stecken, und 's is eur Schutzpatron, ein erzabgesagter Feind von euren Feinden, die ihr rösten wollt. Was mich anlangt, ich bin in eurem Lande geboren, und der junge Mann da, ist mein Herr und nichts weniger als 'n Jesuit; hat vielmehr einen Jesuiten umgebracht und seine Jacke angezogen, und eben darum habt ihr euch geirrt.

Damit ihr nun seht, daß ich kein Windbeutel bin, so nehmt den Rock, zeigt ihn an dem ersten Grenzorte den Padres und fragt, ob mein Herr nicht einen jesuitschen Offizier kaltgemacht hat. 's is ja nur 'n Katzensprung bis dahin, und findet ihr, daß ich euch belogen habe, so könnt ihr uns ja noch immer fressen. Hab' ich euch aber reinen Wein eingeschenkt, nun, so wißt ihr zu gut, was Rechtens ist, als daß ihr uns nicht begnadgen solltet.

Hat ganz recht! schrien die Langohren, und sie trugen zwei von den Ältesten des Landes auf, nach dem Jesuiterlande zu kutschieren und sich nach der Wahrheit zu erkundigen. Als Leute von Kopf richteten selbige ihren Auftrag glücklich aus und brachten gar fröhliche Mär mit.

Die Langohren banden ihre Gefangnen los, erwiesen ihnen ungemein viel Höflichkeiten, setzten ihnen Mädchen vor, Erfrischungen und begleiteten sie bis an die äußersten Grenzen unter dem lauten Jubelgeschrei: 's ist kein Jesuit nicht! 's ist kein Jesuit nicht!

Sonderbar die Ursach meiner Befreiung, sagte Kandide. Und sonderbar dies Volk und ihre Sitten! Wie gut es war, daß ich dem Bruder der Baroneß Kunegunde den Degen bis ans Heft in den Leib gejagt hatte, sonst hätt' ich ohne alle Barmherzigkeit an den Spieß gemußt. Bei alle dem, die pure, rohe Natur ist auch so übel nicht. Denn wie äußerst höflich waren nicht die Leutchen gegen mich, als sie erfuhren, ich wäre kein Jesuit; da war gar nicht mehr die Rede vom Auffressen.

Siebzehntes Kapitel: Kandide kommt mit seinem Bedienten nach Eldorado. Was sie da gesehn
Wie sie über den Grenzen der Langohren waren, sagte Kakambo zu Kandiden: Sie sehn wohl, diese Hälfte der Erdkugel ist sowenig 'nen Pfifferling wert wie jene. Das Gescheitste wäre, wir gingen wieder nach Europa, und das je ehr, je besser. Kandide. Wieder nach Europa? Und wo dann hin? Nach Westfalen, da schlagen Bulgaren und Abaren tot, was lebendigen Odem hat, nach Portugal, da werd' ich verbrannt; und bleiben wir hier, so sind wir keinen Augenblick sicher, gespießt und aufgezehrt zu werden. Und doch kann ich mich nicht entschließen, den Teil der Welt zu verlassen, der meine Kunegund' in sich schließt.

Kakambo. I, wissen Sie was! so wollen wir nach Karolina gehn. Dort finden wir Engländer, die ziehn durch die ganze Welt. Helfen tun uns die gewiß; es sind gar gute Geschöpfe, und Gott wird uns auch beistehn.

Nach Karolina zu kommen, war so leicht eben nicht; nach welcher Seite sie ihre Richtung nehmen mußten, wußten sie wohl so ungefähr; allein von allen Seiten her türmten sich ihnen schreckliche Hindernisse entgegen; Gebirge, Flüsse, Abgründe, Straßenräuber und Wilde. Ihre Gäule wollten vor Strapazen umfallen, ihr Proviant war rein alle; schon einen ganzen Monat lang nährten sie sich mit Kokosfrüchten. Endlich gelangten sie an das Ufer eines kleinen Flusses, das mit Kokosbäumen besetzt war. Da fanden sie wieder Nahrung ihres Lebens und ihrer Hoffnung.

Kakambo, ein so stattlicher Ratgeber wie die Alte, sagte zum Kandide: Weiter können wir nicht; haben auch schon 'nen ganz artgen Marsch gemacht. Dort am Ufer steht ein leeres Kanot, wollens mit Kokosnüssen anfüllen und uns 'reinwerfen. Der Strom mag uns hinführen, wo er hin will. Er bringt uns gewiß nicht hin, wo die Welt mit Brettern vernagelt ist. Mag's uns nun gut gehn oder nicht; kriegen wir doch wieder was Neues zu Gesichte. Es sei drum, sagte Kandide. Die Vorsicht steh' uns bei.

Sie trieben so etliche Meilen fort; bald war das Gestade blühend und lachend, bald öd' und dürr, bald niedrig, bald steil. Der Fluß ward immer breiter und verlor sich in eine Kluft von schrecklichen, himmelanstrebenden Felsen. Die beiden Reisenden waren so dreist, sich auch hier noch den Fluten zu überlassen. Der sich hierselbst verengende Fluß riß sie mit fürchterlichem Getöse schnell hindurch. Nach vierundzwanzig Stunden sahen sie das Tageslicht wieder, scheiterten aber gegen die Klippen.

Eine ganze Meile weit mußten sie sich von Klippe zu Klippe fortarbeiten, endlich lag eine unermeßliche Ebene vor ihnen, um die sich eine Kette unersteiglicher Gebirge schlang. Wohl gepaart herrschten Nutzen und Vergnügen auf diesen Feldern, und der Nutzen hatte immer die Miene des Angenehmen. Auf allen Wegen und Stegen prangten Wagen einher, deren Bauart so ausnehmend nett war als glänzend die Materialien; bildschöne Männer und Weiber saßen darauf; große rote Hammel zogen sie mit der größten Schnelligkeit fort. An Flüchtigkeit übertrafen diese Tiere die besten Gäule aus Andalusien, Tetuan und Mequinez.

Das ist ja ein ganz ander Land als Westfalen! rief Kandide. Bei dem ersten Dorfe, das sie antrafen, kletterte er mit Kakambo'n vom Felsen herunter. Wie sie in den Flecken hereintraten, fanden sie einige Bauerjungen in zerlumpten brokatnen Jacken, Wurfscheiben spielen. Sie konnten sich gar nicht satt an ihnen schauen. Ihre Steine waren ziemlich breit, rund, sahen gelb, rot und grün aus und hatten ausnehmenden Glanz. Unsre Reisenden kamen auf den Einfall, einige davon aufzuheben, und siehe, es war Gold, Smaragden und Rubine. Der kleinste von diesen Edelsteinen würde dem Thron des Großmoguls zur größten Zierde gedient haben. Vermutlich müssen das die königlichen Prinzen sein, die hier Wurfscheiben spielen, sagte Kakambo. Der Dorfschulmeister erschien in diesem Augenblick, um sie in die Schule zu treiben. Ha! ihr Instruktor! rief Kandide.

Sogleich trollten sich die kleinen Bettelbuben vom Spiel' und ließen ihre Steine und all ihr Spielzeug auf der Erde liegen. Kandide hob's auf, rannte dem Schulmeister nach, überreichte es ihm in der demütigsten Stellung und gab ihm pantomimisch zu verstehn, Ihro königlichen Hoheiten hätten ihr Gold und Kleinodien vergessen. Lächelnd warf der Schulmonarch beides auf die Erde, sah' einen Augenblick Kandiden mit großen, sperrangelweiten Augen und Munde an und wanderte seines Weges.

Hurtig hoben unsre Herren aus der andern Welt das Gold, die Smaragden und Rubine wieder auf. Wo sind wir? rief Kandide. Die Königssöhne hier müssen recht philosophisch erzogen werden, da sie Gold und Edelgesteine so frühzeitig verachten lernen. Kakambo stutzte diesmal so sehr wie sein Herr. Endlich kamen sie an das erste Haus im Dorfe, völlig gebaut wie ein europäischer Palast. Ein buntes Gewühl von Menschen war vor der Türe, inwendig ein noch bunters. Die melodischste Musik scholl ihnen entgegen, der lieblichste Geruch duftete aus der Küche her.

Kakambo, der vorangegangen war, hörte daß man darin peruisch sprach; das war seine Muttersprache. Kakambo war, wie die Welt weiß, aus Tukuman; ein Dorf, wo man keine andre Sprache kennt. Ich will Ihr Dolmetscher sein, sagte er zum Kandide. Lassen Sie uns 'reingehn. 's ist 'n Wirtshaus. Zwei junge Gesellen und zwei junge Aufwärterdirnen im Gasthofe, mit Goldgewändern angetan und das Haar mit Band aufgeflochten, nötigten sie sogleich an die Wirtstafel. Man trug vier Suppen auf; jede war mit zwei Papageien garniert, einem gesottnen Kondor von zweihundert Pfund und zwei gebratnen Affen von trefflichem Wohlgeschmack; man setzte dreihundert Kolibris in einer Schüssel auf und sechshundert Fliegenfänger in einer andern und die köstlichsten Ragouts und Pasteten und das niedlichste Gebackne. Das all lag auf Schüsseln, von einer Art Bergkristall gemacht. Die Aurwärter und Aufwärterinnen schenkten vielerlei Getränke ein, alle aus Zuckerrohr verfertigt.

Die meisten Gäste waren Kauf- und Guts-Leute, Männer von ungemein viel Lebensart und Weltton. Die Fragen, die sie an Kakambo'n taten, verrieten insgesamt den vorsichtigen, bescheidnen und verständigen Mann; über alles, was er wissen wollte, gaben sie ihm die hinlänglichste Auskunft.

Als sie abgegessen hatten, warf Kakambo und Kandide zwei von den aufgehobnen Goldstücken hin, womit sie ihre Zeche recht reichlich zu bezahlen glaubten. Der Wirt und die Wirtin hielten sich die Seiten und konnten vor Lachen lange nicht zu sich kommen. Sie sind Fremde, merken wir wohl, sagte der Wirt endlich, und Fremde haben wir noch gar nicht zu Gesichte gekriegt. Müssen's uns ja nicht übelnehmen, daß wir beide vorhin so aufprusteten, mein Weib und ich. 's kam uns gar zu schnurrig vor, daß Sie uns mit Feldsteinen bezahlen wollten. Vermutlich haben Sie kein solch Geld, als bei uns zu Lande gang' und gäbe ist. Tut aber weiter nichts, können deshalb doch immer Zehrung bekommen und Dach und Fach noch obenein. Bei uns sind die Wirtshäuser angelegt, Handel und Wandel in Flor zu bringen, und wir Wirte werden vom Könige bezahlt. Schmalhans ist freilich heut' Ihr Küchenmeister gewesen, aber lassen Sie's gut sein, wo Sie nun hinkommen werden, wird man Ihnen recht nach Standesgebühr und Würden aufschüsseln. Unser Dörfchen ist grade das einzige im ganzen Reiche, wo die Einwohner nicht viel in die Milch zu brokken haben.

Alles dies verdolmetschte Kakambo Kandiden, der darüber nicht weniger in Verwirrung geriet, sich daraus so wenig zu finden wußte wie jener. Was muß dies für ein Land sein, sagte Kandide, das dem übrigen Teil des Erdbodens unbekannt ist, und wo die ganze Menschennatur von der unsrigen so verschieden ist?

Vermutlich ist's das Land, wo alles gut geht. Denn ein solches Land muß es doch platterdings geben. Und was auch Magister Panglos sagte, so hab' ich doch oft bemerkt, daß es in Westfalen ziemlich schlecht bestellt war.

Achtzehntes Kapitel: Was sie in Eldorado sahen
Der neugierige Kakambo legte dem Wirt so viel Fragen vor, daß ihm dieser keine Auskunft mehr geben konnte. Dumm bin ich nun herzlich, aber es schadet mir nichts, sagte der Wirt. Wissen Sie was, wir haben einen alten Herrn hier, ehedem war er bei Hofe; einen hochgestudiertern Mann gibt's im ganzen Lande nicht. Geben Sie dem halbweg ein gut Wort, so kramt er Ihnen all seine Gelehrsamkeit aus. 's is ne rechte gute ehrliche Haut.

Sogleich führte er Kakambo zu dem Alten. Kandide, der jetzt die zweite Rolle spielen mußte, begleitete seinen Bedienten. Das Haus des Gelehrten sah ganz schlecht und recht aus. Die Tür bestand aus kahlem Silber, die Vertäflung des Zimmers aus lumpichtem Golde, war aber so geschmackvoll gearbeitet, daß sie von der reichsten Vertäfelung nicht verdunkelt wurde. Das Vorzimmer war freilich nur mit Rubinen und Smaragden ausgelegt, allein alles daselbst so schicklich angeordnet, daß man diese bäurische Einfalt bald darüber vergaß.

Der Greis nötigte die beiden Fremden auf ein mit Kolibrisdunen ausgestopftes Sofa und ließ ihnen in diamantenen Geschirren allerhand Getränke vorsetzen; hierauf befriedigte er ihre Neugier folgendermaßen:

Ich bin hundertundzweiundsiebenzig Jahre alt und habe von meinem Vater, dem königlichen Stallmeister, die erstaunlichen Meutereien gehört, die in Peru vorgefallen sind und wovon er Augenzeuge gewesen. Das Reich, worin wir uns befinden, ist der Stammsitz der Inkas. Um einen andern Weltteil zu unterjochen, verließen sie ihn höchst unweislich und wurden von den Spaniern ganz aufgerieben.

Die Fürsten von ihrem Geblüt, die in ihrem Vaterlande blieben, waren weiser, sie ließen die Verordnung ergehen, daß kein Einwohner je unser kleines Reich verlassen sollte; ein jedweder hat sich danach gefügt, und eben darum besitzen wir unsre Unschuld noch völlig und unsre Glückseligkeit. Die Spanier haben von diesem Lande einen dunklen Begriff gehabt und es Eldorado genannt, und ein Engländer, der Ritter Raleigh, kam vor hundert Jahren ziemlich in unsere Nähe; dennoch sind die uns umringenden unersteiglichen Felsen und unzugangbaren Abgründe eine Brustwehr gegen die Raubgier der europäischen Nationen gewesen, die — was uns unbegreiflich ist — auf unsere Kieselsteine und auf unseren Dreck so gierig, so erpicht sind, wie der Falke auf die Taube, und die imstande wären, uns alle umzubringen, um nur des Bettels habhaft zu werden.

Ihre Unterredung dauerte lange. Sie betraf die Regierungsform, die Sitten, die Weiber, die öffentlichen Schauspiele, die Künste. Endlich ließ Kandide, dessen Steckenpferd Metaphysik war, sich durch Kakambo'n erkundigen, ob sie hierzulande Religion hätten. Und daran könnt Ihr noch zweifeln, sagte der Greis, und eine feine Röte bezog seine Wange. So haltet Ihr uns für Undankbare? Kakambo fragte ganz demütiglich, was sie für eine Religion hätten. Sollte es denn mehr geben können als eine Religion? frug der Greis, und seine Wange färbte sich von neuem. Ich denke, wir haben die Religion, welche die ganze Welt hat: wir beten Gott an vom Morgen bis zum Abend. Sie beten nur einen Gott an? sagte Kakambo, dessen Amt es war, Kandides Zweifel zu verdolmetschen. Als wenn es deren zwei, drei oder vier gäbe! erwiderte der Alte. Wahrlich! Ihr Leute vom andern Weltteil fragt manchmal ganz sonderbar.

Kandide, des Erkundigens noch nicht überdrüssig, fragte durch sein Sprachrohr, wie ihre Gebete beschaffen wären. Von Gebeten wissen wir nichts, antwortete der gute und ehrwürdige Weise. Wozu sollen wir Gebete zu Gott senden? Er gibt uns ja alles, was zu unseres Leibes Nahrung und Notdurft gehört. Dankopfer bringen wir ihm aber unaufhörlich.

Kandide war neugierig, ihre Priester kennenzulernen, und erkundigte sich, wo sie wären. Priester, antwortete der gute Greis lächelnd, ist jedermann bei uns. Der König und jeder Hausvater singt Gott jeden Morgen sein Loblied in Begleitung von sechstausend Geigern und Pfeifern. „So habt Ihr also keine Mönche, die Lehr' und Trost erteilen, Gezeter und Hetzereien anfangen, das Staatsruder ergreifen, intrigieren und Leute verbrennen lassen, die nicht ihrer Meinung sind." Toren wären wir dann, sagte der Greis. Wir sind insgesamt einer Meinung zugetan und verstehn gar nicht, was Ihr mit Euren Mönchen sagen wollt.

Kandiden setzten diese Reden in die äußerste, freudigste Verwunderung, und er sagte bei sich: Ha! ein ganz ander Ding als unser Westfalen und unser Donnerstrunkshausen! Hätte Freund Panglos Eldorado gesehen, er würde gewiß nicht behauptet haben, es gäbe nichts Vortrefflicheres auf Gottes Erdboden als jenen Rittersitz! Reisen muß man, oder man kömmt hinter nichts. Das ist ausgemacht!

Nach dieser Unterredung ließ der gute Greis sechs Hammel an seinen Wagen spannen und gab den beiden Reisenden zwölf von seinen Bedienten mit, um sie nach Hofe zu bringen. „Mein Alter, hoffe ich, soll Ihnen hinlängliche Entschuldigung sein, daß ich Sie nicht begleite, meine Herren. Der König wird Sie gewiß so aufnehmen, daß Sie nicht unzufrieden sein werden, und sollte Ihnen ja ein oder der andere Brauch zuwider sein, so werden Sie's damit entschuldigen: ländlich, sittlich."

Wetterschnell flogen die sechs Hammel mit Kandiden und Kakambo'n davon. In weniger als vier Stunden befanden sie sich vor dem Palast des Königs, der an dem einen Ende der Hauptstadt lag. Das Portal war zweihundertundzwanzig Fuß hoch und hundert breit. Zu beschreiben, woraus es eigentlich bestanden, ist platt unmöglich; daß es von unendlich kostbarerer Materie muß gewesen sein als jener Bettel von Kieselsteinen und Sand, den wir Gold und Edelsteine nennen, versteht sich von selbst. Zwanzig schöne Dirnen von der Leibwacht empfingen sie beim Aussteigen, brachten sie in's Bad und legten ihnen Röcke an, aus Kolibrisdunen gewebt; hernach führten die Kronbedienten und Kronbedientinnen sie — wie's Sitt' im Lande war — durch zwei Reihen von Geigern und Pfeifern nach dem königlichen Gemache; jegliche Reihe bestand aus tausend Mann. Unfern dem königlichen Hörsaal fragte Kakambo einen von den obersten Kronbedienten, was hier Etikette sei; ob man beim Eintritt in's Zimmer sich auf die Knie oder auf den Bauch werfen, die Hände auf den Kopf oder auf den Hintern legen oder den Staub vom Fußboden lecken müßte, oder wie man sich sonst dabei benähme. Man umarmt den König und küßt ihn auf beide Backen, antwortete der Oberkämmerer. Kandide und Kakambo fielen Ihro Majestät um den Hals, wurden mit unbeschreiblicher Huld empfangen und aufs freundschaftlichste zum Souper gebeten.

Eh' sie zur Tafel gingen, führte man sie in der Stadt herum. Sie fanden die Märkte mit einer Menge Säulen und mit Springbrunnen geschmückt. Einige davon warfen weiter nichts aus als schlecht und rechtes Quellwasser, andere aber Rosenwasser, noch andere Liköre von Zuckerrohr. Die Becken, worin die Wasserstrahlen in einem fort fielen, waren von weitem Umfang und mit einer Art Edelsteinen ausgelegt, die wie Zimt und Nelke dufteten. Alle öffentlichen Gebäude reichten bis in die Wolken.

Kandide erkundigte sich nach dem höchsten Tribunal, dem Parlamente. Das gab' es hier gar nicht, antwortete man ihm. Hier wüßte man nichts von Prozessen. „Und Gefängnisse?" „Sind hier auch nicht Brauch."

Nichts aber war Kandiden überraschender, nichts ihm ergötzender als die Akademie der Wissenschaften. Er fand darin eine Galerie, zweitausend Schritte lang, mit lauter physikalischen Instrumenten angefüllt.

Den ganzen Nachmittag waren sie herumgelaufen und hatten beinahe den tausendsten Teil der Stadt in Augenschein genommen; jetzt führte man sie wieder aufs Schloß zurück. Kandide und sein Bedienter Kakambo mußten sich zwischen Ihro Majestät und vielen Damen niederlassen.

Das war ein Gastmahl, wie man noch nie gesehen hatte. Nicht bloß Weide für den Gaumen, sondern auch für den Geist! So reiche Adern Witzes und guter Laune hatten sich wohl noch nie bei einem Souper ergossen als hier bei Ihro Majestät. Kakambo verdolmetschte Kandiden jeden launigen Einfall des Königs, und — was diesen nicht wenig wunder nahm — so blieb's trotz der Übersetzung noch immer launichter Einfall.

In diesem Lande der Gastfreiheit hatten sie nun einen Monat lang gelebt, und Kandide hatte tagtäglich zu Kakambo'n gesagt: Freilich kann man meinen Geburtsort Donnerstrunkshausen mit diesem Lande gar nicht in Vergleich stellen, aber gleich wohl find' ich keine Baroneß Gundchen hier, und deine Amasia ist auch gewiß in Europa. Bleiben wir hier, so sind wir nicht einen Gran mehr als die übrigen Einwohner. Gehn wir aber wieder in unser Land und nehmen zur zwölf Hammel mit, mit eldoradoschen Kieselsteinen beladen, so sind wir reicher als alle Könige auf Erden, dürfen keine Inquisition mehr fürchten und können gar leicht Baroneß Gundchen wiederbekommen. Der Vorschlag gefiel Kakambo'n nicht übel. Reisen und Rennen, sich bei seinen Landsleuten geltend machen und, was man auswärts gesehen und gehört hat, ihnen ewig vorprunken, das tut der Mensch doch gar zu gern. Von dem Schlage waren auch unsere beiden Reisenden. Sie waren so vollglücklich; um der Lage nicht überdrüssig zu sein, gingen sie hin und baten den König um ihren Abschied.

Kein gescheiter Einfall, Kinder! sagte der König. Ich weiß wohl, daß mein Land nicht so was Besonders ist, indes sitzt man nur halbweg gut, muß man das Rücken lassen, pflegt man bei uns zu sagen. Ich kann freilich keinen Ausländer wider seinen Willen in meinem Reiche behalten; das wäre Tyrannei, und die entspricht weder unsern Sitten noch Gesetzen. Der Mensch ist ein freies Geschöpf. Reist, wenn Ihr wollt, aber das müßt Ihr wissen, es wird Euch ziemlich schwerfallen, aus meinem Reiche zu kommen.

Gegen den reißenden Strom, der durch die Felskluft schießt und den Ihr durch ein wahres Wunderwerk passiert seid, anzufahren, ist platt unmöglich. Die Grenzgebirge meines Reichs sind zehntausend Fuß hoch und turmgrade; jeglicher Berg beträgt im Umfange mehr als zehn Meilen; jenseits sind tiefe Abgründe. Indes, da Ihr auf Eurer Abreise besteht, will ich meinem Oberbaudirektor anbefehlen, eine Maschine verfertigen zu lassen, die Eure Fahrt erleichtern soll. Geleitsmänner kann ich Euch nicht geben, wenn Ihr erst über die Gebirge seid! Denn meine Untertanen haben feierlich angelobt, nie ihre Hütt' und Herd zu verlassen, und sind zu weise, dagegen zu handeln. Sonst könnt Ihr fordern, was Ihr wollt.

Dürfen wir das? sagte Kakambo. Nun wohl, Ihro Majestät, so erbitten wir uns von Ihnen einige Hammel mit Lebensmitteln, Kieselsteinen und Dreck beladen. Sonderbare Geschöpfe, Ihr Europäer! ich begreife Euch gar nicht! sagte der König mit lachendem Munde. Wie könnt Ihr auf unsern gelben Dreck so erpicht sein. Doch nehmt dessen, soviel Ihr wollt, und wohl bekomm's den Herren.

Sogleich gab er seinen Ingenieurs Befehl, den Riß zu einer Winde zu liefern, womit man diese zwei Männer aus dem Königreiche hinauswinden könnte. Dreitausend gute Mechaniker arbeiteten nach diesem Riß, und binnen vierzehn Tagen war die Maschine fix und fertig. Sie kam nach dortigem Gelde nicht höher als zwanzig Millionen Pfund Sterling.

Man setzte Kandiden und Kakambo'n in diese Maschine. Es befanden sich auf selbiger zwei große rote Hammel, wohl gezäumt und gesattelt, um sich ihrer zum Reiten zu bedienen, wenn sie über die Gebirge wären, zwanzig Packhämmel waren mit Lebensmitteln beladen, dreißig trugen die größten Seltenheiten des Landes und fünfzig Gold, Edelsteine und Diamanten. Der König nahm von den beiden Vagabunden den zärtlichsten Abschied.

Ihr Auszug und die erfindungsreiche Art, wie sie mit ihren Hammeln emporgelüpft wurden, machte wirklich ein sehenswürdiges Schauspiel. Als sie völlig in Sicherheit waren, nahmen die Mechaniker von ihnen Abschied.

Jetzt hatte Kandide keinen andern Gedanken, fühlte keinen andern Drang, als all seine Hammel mit ihren Kostbarkeiten Baroneß Gundchen zu Füßen zu legen. Nunmehr können wir den Gouverneur von Buenos-Aires bezahlen, wenn er sich's untersteht, auf meine unschätzbare Gunde einen Preis zu setzen, sagte er. Wir wollen nach Karolina gehn, uns daselbst einschiffen und hernach zusehn, was für ein Königreich wir uns kaufen können.

Neunzehntes Kapitel: Was ihnen zu Surinam begegnet, und wie Kandide mit Martinen bekannt wird
Die erste Tagreise lief recht vergnügt ab. Der Gedanke, mehr Schätze zu besitzen, als ganz Asiä, Europa und Afrika zusammen aufzubringen vermögen, gab ihnen Mut und Stärke. Der glühende, liebestrunkne Kandide schnitzte in jeden Baum den Namen Kunegunde.

Bei der andern Tagreise ging's schon viel schlimmer. Zwei von ihren Hammeln blieben in Morästen stecken und sanken mit ihrem Gepäck unter. Einige Tage drauf fielen zwei andre Hammel vor Strapazen um; sieben oder acht verhungerten eine Zeitlang nachher in einer Wüste; noch andre stürzten in der Folge die Felsen herab, kurz, nachdem sie hundert Tage gewandert waren, waren ihre Hammel bis auf zwei zusammengeschmolzen.

„Nichts vergänglicher hienieden, Freund, wie du siehst, als Reichtümer, und nichts dauernder als Tugend und die wonneselige Hoffnung, Baroneß Kunegunden wiederzusehen!" Wohl wahr! Wohl wahr! sagte Kakambo, indes haben wir noch zwei Hammel mit mehr Schätzen beladen, als ein König von Spanien sein Lebtage kriegen wird, und ich sehr von weitem 'ne Stadt, die mir wie Surinam vorkommt. Ist dem so, so haben all' unsre Leiden ein Ende, und von nun an wird alles anfangen, uns zu grünen und zu blühen.

Unfern der Stadt fanden sie einen Neger auf der Erde liegen, der nur seine halbe Kleidung an hatte, d. h. eine blauleinwandne Hose; das linke Bein und die rechte Hand fehlte dem armen Schelm. Mein Gott! rief ihm Kandide auf Holländisch zu, Freund, was machst du hier in dem entsetzlichen Zustande? „Ich warte auf meinen Herrn, den Herrn van der Dendur, den großen Kauf- und Handels-Herrn." Hat der Herr von der Dendur dich so verstümmelt? frug Kandide.

„Wohl, lieber Herr. Das ist nun einmal so eingeführt. Alle Jahre kriegen wir zwei Paar Leinwandhosen und weiter auch kein Flittchen, uns zu bedecken. Huscht mal die Zuckermühle, worin wir arbeiten müssen, uns einen Finger weg! schwapp! schlagen sie uns die Hand ab, und wollen wir davonlaufen, hacken sie uns das Bein weg. Mir ist das beides zugestoßen. — Sehn Sie, um d e n Preis kriegen Sie in Europa den Zucker zu essen! Und doch sagte meine Mutter zu mir, wie sie mich für zehn Albertustaler auf der Küste von Guinea verkaufte: Liebes Herzenskind, preis' und danke unsern Fetischen, und bete sie immer an; sie werden dir ein langes, glückliches Leben schenken. Du hast die Ehre, ein Sklave von unsern Herren, den Weißen zu werden, und machst dadurch Vater und Mutter glücklich."

„Ob sie's geworden sind, weiß ich nun nicht, daß ich's aber nicht geworden bin, das weiß der liebe Gott im Himmel! Hund und Aff' und Papagei hat tausendmal weniger auszustehn als ich. Ich werde geschurigelt, 'runtergerackert wie all' nichts guts. Die holländischen Fetischirs, die mich bekehrt haben, schwatzen uns Sonntag vor Sonntag vor: wir wären alle Adamskinder, Weiß' und Schwarze. Ich kann's ihnen nun nicht nachrechnen; wenn sie aber keine Lüge sagen, na so sind wir alle Geschwisterkinder. Und alsdann müssen Sie mir einräumen, daß man unmöglich seine Anverwandten hündischer traktieren kann als uns."

O Panglos! auf diese Greueltaten bist du nie gefallen! rief Kandide. Nicht anders, ich muß zuletzt deinen Lehrsatz fahren lassen! Was für einen Lehrsatz? sagte Kakambo. Oh! den rasendsten von der Welt! sagte Kandide. Der Mann behauptete, wenn alle Stürme des Unglücks über ihm zusammenschlugen: diese Welt sei doch die beste!

Voll Mitleid verweilte Kandiden's Blick auf dem unglücklichen Negersklaven, und er vergoß Tränen. Mit Zähren auf den Backen und im Auge ging er nach Surinam hinein.

Vor allen Dingen erkundigten sie sich, ob kein Schiff im Hafen läge, das man nach Buenos Aires senden könnte. Der Mann, an den sie sich gewandt hatten, war grade ein spanischer Schiffspatron. Er erbot sich, es für ein Billiges zu tun, und beschied sie in ein Wirtshaus, um dort weitre Abrede zu nehmen. Kandide fand sich samt dem treuen Kakambo und seinen zwei Hammeln daselbst ein.

Kandide, dem das Herz immer auf der Zunge saß, erzählte dem Spanier all seine Abenteuer, und platzte auch mit seinem Vorhaben heraus, Baroneß Gundchen zu entführen. Da werd' ich kein Narr sein und Sie nach Buenos Aires bringen, sagte der Schiffspatron. Ich müßte sowohl an den hellen lichten Galgen wie Sie. Die schöne Kunegunde ist Favoritmätresse von Ihro Exzellenz, dem Herrn Gouverneur.

Das war ein Donnerstrahl, der Kandiden ganz zu Boden schmetterte. Er lag lange da und weinte sich aus, endlich sprang er auf und führte Kakambo'n in ein Seitenkabinett. Hör', lieber Freund, sagte er: Du hast so wohl wie ich fünf bis sechs Millionen Diamanten in der Tasche. Der gescheitste Rat nun ist der: Du gehst damit nach Buenos Aires und kaufst Baroneß Kunegunden los. Das wird dir Pfiffkopf nicht schwerfallen. Macht Don Fernando Umstände, so gib ihm eine Million, will er noch nicht, gib ihm zwei. Fallen können dir gar nicht gelegt werden, denn du hast keinen Inquisitor umgebracht. Ich segle indes nach Venedig und erwarte dich daselbst. Dort kann ich sicher sein vor Bulgaren und Abaren, vor Juden und Inquisitoren; es ist ein freier Staat.

Kakambo fand das sehr gut ausgedacht, es zerschnitt aber sein Herz, sich von einem so guten Herrn trennen zu müssen, der sein Busenfreund geworden war; indes siegte der angenehme Gedanke, ihm nützlich sein zu können, über den Schmerz, von ihm zu scheiden. Mit heißen Tränengüssen umarmten sie sich; Kandide knüpfte ihm fest ein, die gute Alte ja nicht zu vergessen, und Kakambo reiste noch selbiges Tages fort. Es war ein rechter guter ehrlicher Schlag, der Kakambo!

Kandide blieb noch eine Zeitlang in Surinam und wartete, bis ein andrer Schiffspatron ihn und den kleinen Überrest seiner Hammel nach Italien fahren wollte; er nahm Bedienten an und kaufte alle Bedürfnisse zu einer so langen Reise ein. Endlich ließ sich der Herr eines ansehnlichen Schiffes bei ihm melden. Es war Mynheer van der Dendur.

Wie viel verlangen Sie, mich, meine Leute, mein Reisegepäck und die beiden Hammel recta nach Venedig zu schaffen? sagte Kandide. Der Schiffspatron forderte zehntausend Piaster. Kandide schlug gleich ein.

Hoho! sagte Schlaukopf van der Dendur im Weggehn zu sich selbst: schlägt gleich zu: Dem Ausländer ist das so gleichviel, zehntausend Piaster hinzugeben. Der muß gewaltig viel vor den Daumen zu schieben haben. Einen Augenblick nachher kam er wieder zurück und versicherte, unter zwanzigtausend Piaster könnt' er ihn nicht mitnehmen. Nun gut, das Geld sollen Sie haben, sagte Kandide.

Der Daus! murmelte der Kauf mann in den Bart, dem sind zwanzigtausend Piasters so'n Pappenstiel wie zehn. Hm! hm! Und kehrte wieder um und schwur Stein und Bein, daß er ihn nicht nach Venedig schaffen könnte, wenn er ihm nicht wenigstens dreißigtausend Piaster gäbe. Ja, die sollen Sie haben, sagte Kandide. Blitz! auch die! Fallen ihm die dreißigtausend Piaster ebenso aus dem Ärmel! sagte der Holländer. Ohne Zweifel müssen die beiden Hammel unermeßliche Schätze haben. Will ihm vor der Hand nichts weiter abfordern und mir die dreißigtausend Piaster gleich bezahlen lassen, das übrige wird sich schon finden.

Kandide verkaufte zwei kleine Diamanten, davon der schlechteste mehr betrug als des Schiffers ganze Forderung. Er bezahlte im voraus; seine beiden Hammel wurden eingeschifft; er setzte sich auf ein klein Fahrzeug, um das Schiff in der Reede zu erreichen. Der Patron ersah seine Zeit, spannte die Segel, lichtete die Anker, und unter dem günstigsten Winde stach er flott in See.

Kandide ganz verdutzt, verlor ihn bald aus den Augen. Ha! schrie er, das Stückchen schmeckt völlig nach der alten Welt! In ein Meer von Schmerz versenkt nahte er sich dem Ufer. War ihm seine Betrübnis zu verdenken? Was er einbüßte, das hätte das Glück von zwanzig Monarchen gemacht.

Er eilte zum holländschen Richter, pochte ziemlich stark an, brauste herein — denn er war noch in der ersten Gährung — erzählte sein Abenteuer, und in der Wärme des Erzählens wird er ein wenig lauter, als sich's ziemte. Für all' das Gebuller erlegen Sie sogleich zehntausend Piaster! diktierte ihm der Richter! Hierauf hört' er ihn geduldig aus, versprach die Sache vorzunehmen, sobald der Kaufmann wieder da sein würde, und ließ sich noch zehntausend Piaster Gerichtsgebühren zahlen.

Kandiden hatte zwar schon unendlich härters, niederdrückenderes Ungemach betroffen, dennoch aber erlag er unter diesem. Die Kaltblütigkeit des Richters und des Schiffspatrons, der ihn so schrecklich geprellt hatte, machte alle seine Galle rege und stürzte ihn in die düsterste Schwermut. Jetzt erblickte er die Argherzigkeit der Menschen in ihrer ganzen scheußlichen Gestalt; alles zeigte sich ihm in dunklem, höllenschwarzem Lichte. Endlich erfuhr er, daß ein französisches Schiff im Begriff stände, nach Bordeaux zu segeln. Da er keine Hammel mit Diamanten bepackt mehr mitzunehmen hatte, mietete er sich ein wohlfeiles Kämmerchen im Schiff und ließ in der Stadt bekanntmachen, wenn sich ein braver Mann fände, der mit wollte, so sollte er nicht für Reisekosten und Zehrung zu sorgen haben und überdies zweitausend Piaster bekommen; dieser Mann aber müßte seines Zustandes äußerst überdrüssig sein und der allerunglücklichste im ganzen Lande.

Es kam der Prätendenten eine solche Menge, daß eine ganze Flotte nicht Raum für sie gehabt hätte. Kandide suchte die Angesehnsten darunter aus; das waren ein Stück zwanzig, bei denen unter den Falten und Runzeln des Elends Züge von Geselligkeit hervorblickten, und die insgesamt den Vorzug zu verdienen behaupteten.

Sie mußten sich alle in seinem Wirtshause einfinden und mit ihm Abendbrot nehmen. Jeder hatte ihm zuschwören müssen, seinen Lebenslauf treu und sonder Gefährde zu erzählen, und er hatte dagegen versprochen, denjenigen von ihnen zu wählen, der ihm der bedauernswürdigste, der mit größtem Fug und Recht über seinen Zustand mißvergnügteste scheinen würde; die übrigen aber sollten eine Erkenntlichkeit erhalten.

Die Sitzung dauerte bis vier Uhr morgens. Bei jeder Erzählung fiel Kandiden ein, was die Alte ihm auf der Fahrt nach Buenos Aires gesagt hatte, und ihre Wette, daß sich niemand auf dem Schiffe befände, dem nicht schon das größte Ungemach zugestoßen wäre; auch Panglos fiel ihm ein. Da saß' er in der Klemme, der gute Panglos, wenn er jetzt sein System verfechten wollte. Hätt' ich ihn doch nur hier. Wahrlich! wenn's irgendwo gut geht, so ist's einzig und allein in Eldorado.

Seine Wahl fiel endlich auf einen armen Gelehrten, der zehn Jahre für die Amsterdamer Buchhändler gearbeitet hatte. Er glaubte, es könnte auf der Welt unmöglich ein Metier geben, dessen man eher überdrüssig würde.

Dieser Gelehrte, sonst ein herzensguter Mann, war von seiner Frau bestohlen, von seinem Sohne durchgeprügelt und von seiner Tochter um eines jungen Portugiesen willen verlassen worden. Eines Ämtchens, das sein einzger Wagen und Pflug war, hatte man ihn eben entsetzt und die Surinamschen Prediger verfolgten ihn mit Gözischem Eifer, weil sie in ihm einen Socinianer wähnten.

Zur Steuer der Wahrheit müssen wir bekennen, daß die übrigen neunzehn wenigstens ebenso unglücklich waren wie dieser Mann; allein Kandide hoffte, dieser Gelehrte würde auf der Reise alle Langeweile zu verbannen wissen. All seine Nebenbuhler verdroß Kandidens Wahl sehr; sie waren aber gleich wieder besänftigt, wie er jedem hundert Piaster gab.

Zwanzigstes Kapitel: Seeabenteuer Kandidens und Martins
Der alte Gelehrte, der Martin hieß, schiffte sich also mit Kandiden nach Bordeaux ein. Beide hatten viel gesehen, viel erlitten, und wäre das Schiff von Surinam aus über das Vorgebirge der guten Hoffnung nach Japan gegangen, so würd' es ihnen doch nicht an Stoff gefehlt haben, sich die ganze Reise hindurch mit dem physischen und moralischen Übel zu unterhalten. Indes hatte Kandide einen großen Vorteil gegenüber Martin, er hoffte noch immer, Baroneß Gundchen wiederzusehn, und Martin hatte gar keine Hoffnung mehr; überdies besaß jener Gold und Diamanten, und ob er gleich hundert dicke rote Hammel, mit den größten Schätzen der Erde beladen, verloren hatte, ob ihm gleich des holländischen Schiffspatrons Prellerei noch in's Herz schnitt, so schwankte er dennoch, wenn er an den Inhalt seiner Taschen dachte oder von seinem Gundchen sprach und zumal, wenn er die Gläser klingen hörte, nach Panglosens System hin.

Aber was denken Sie von alle dem, lieber Martin? sagte er. Was halten Sie vom physischen und moralischen Übel?

Martin. Lieber Kandide, die Pastoren dort klagten mich als Sozinianer an, aber die rechte Wahrheit zu sagen, ich bin ein Manichäer.

Kandide. Haben Sie mich nicht zum besten. Es gibt ja keine Manichäer mehr in der Welt.

Martin. So bin ich der einzige, ich kann nun einmal nicht anders denken.

Kandide. So muß der Teufel in Sie gefahren sein, Herr.

Martin. Leicht möglich! So wie der hienieden allenthalben herumspukt und sein Wesen hat, kann er's auch in meinem Leibe. Ich muß Ihnen gestehn, wenn ich so einen Blick auf die Erdkugel oder vielmehr auf dies winzige Erdkügelchen werfe, daß mir der Gedanke nicht aus dem Kopf will: Gott habe einem bösen Geiste die Macht eingeräumt, eignes Beliebens damit zu schalten und zu gebaren; Eldorado nehm' ich hiervon aus.

Ich habe keine Stadt gesehn, die nicht nach dem Untergang ihrer Nachbarin dürstete, keine Familie, die nicht nach der Ausrottung einer anderen lechzte; ich seh' allenthalben, wie die Schwachen die Mächtigen verabscheuen, vor welchen sie kriechen müssen, und wie diese jenen als einer Herde begegnen, der Woll' und Fleisch feil ist; sehe wie eine Million eingeregimenteter Schnapphähne Europa von einem Winkel zum andern durchströmt, mordet und straßenraubt, und das alles mit der schärfsten Mannszucht, bloß um ein Stückchen Brot zu verdienen, das er auf keine ehrenvollere Art zu verdienen weiß. Und in Städten, die im völligsten Genuß des Friedens zu sein scheinen, worin Künst' und Wissenschaften blühen, martert, reibt die Einwohner Eifersucht, Gram und Kummer weit mehr auf, als alle Drangsale und Schrecknisse der Hungersnot und Verzweiflung in einer belagerten Stadt es tun können. Herzenskummer ist noch härter, marternder als das allgemeine Elend. Mit einem Wort, ich habe soviel gesehn, soviel erlitten, daß ich Manichäer geworden bin.

Kandide. Doch gibt's noch viel Gutes in der Welt.

Martin. Kann sein, bis dato ist mir's aber noch nicht zu Gesicht gekommen.

In dem Gezeter, das sich hierüber anspann, waren sie noch nicht weit, als sie einige Kanonenschüsse hörten; jeden Augenblick wurden die Schüsse heftiger. Sie nahmen ihre Sehröhren und wurden in einer Entfernung von ungefähr drei Meilen zwei Schiffe gewahr, die aufeinander losfeuerten. Der Wind führte sie alle beide dem französischen Schiffe so nahe, daß man das Treffen ganz gemächlich ansehn konnte. Endlich gab das eine Schiff dem andern so die volle Lage, daß es gleich untersank. Kandide und Martin erblickten auf dem Verdeck des untergehenden Schiffs hundert Menschen, die unter erbärmlichem Zetergeschrei die Hände gen Himmel emporhoben, und im Hui war alles verschlungen.

Nun sehn Sie, so handelt der Mensch gegen seinen Bruder! sagte Martin. Wirklich, dies Verfahren hat was Teuflisches! versetzte Kandide. Bei diesen Worten ward er etwas Glänzendrotes gewahr, das auf sein Schiff zugeschwommen kam. Man machte die Schaluppe los, um zu sehn, was es sei. Es war einer von Kandidens Hammeln. Ein Fund, der ihn mehr freute, als ihn der Verlust von hundert, wohlbepackt mit eldoradoschen Diamanten geschmerzt hatte.

Der französische Hauptmann hatte gar bald bemerkt, daß der Hauptmann des niederbohrenden Schiffs ein Spanier war und der Befehlshaber des niedergebohrten ein holländischer Seeräuber; eben der, der Kandiden bestohlen hatte. All die unermeßlichen Reichtümer, worin der spitzköpfige Bube seine Klauen geschlagen hatte, wurden mit ihm in der Tiefe des Meers begraben, und weiter nichts geborgen als ein Hammel.

Sehn Sie, sagte Kandide zu Martin, das Laster wird bisweilen bestraft; dieser Schurke von holländischem Schiffspatron hat seinen verdienten Lohn erhalten. Recht gut! weshalb mußten aber die Passagiere, die auf seinem Schiffe waren, mit untergehn? sagte Martin. Ich kann mir's nicht anders erklären, als daß Gott den Spitzbuben bestraft, und der Teufel die übrigen ersäuft hat.

Indes ging das französische und das spanische Schiff jedes seinen Gang, und Kandidens und Martins Unterredung den ihrigen. Vierzehn Tage hintereinander hatten sie sich herumdisputiert, und waren am vierzehnten Tage noch nicht weiter als am ersten. Es half wenigstens so viel, daß sie nicht stumm gewesen waren, sich ihre Gedanken mitgeteilt und einander getröstet hatten. Kandide liebherzte seinen Hammel. Da ich Dich wiedergefunden habe, sagt' er, werd' ich auch wohl noch mein Gundchen wiederfinden.

Einundzwanzigstes Kapitel: Kandide und Martin nähern sich den französischen Küsten. Wovon sie sich unterhalten
Endlich näherten sie sich den französischen Küsten. Sind Sie jemals in Frankreich gewesen, Herr Martin, fragte Kandide.

Martin. Wohl bin ich's; ich habe manche seiner Provinzen durchstrichen, fand in der einen fast lauter Hasenfüße, in dieser und jener, und jener und dieser lauter erzabgefeimte Schlauköpfe, in jener und der, den größten Haufen lammfromm und schafdumm, in noch andern ein paar Schöngeister. Das Hauptsteckenpferd all' dieser Leute aber war Liebe, welches sie mit zwei andern abwechselten, Afterreden und Schnickschnack genannt. Kandide. Haben Sie Paris gesehn, lieber Martin?

Martin. Ich hab's. Da finden Sie all' den Schlag von Leuten in einen Topf geworfen; 's ist ein wahres Chaos. Ein gedrangvoller, lärmreicher Ort, worin alt und jung „dem Vergnügen nachjagt", und meines Bemerkens es niemand findet.

Lange hab' ich mich dort nicht aufgehalten; kaum war ich angekommen, so hatten die Spitzbuben auf dem St.-Germains-Markte mir all' mein bißchen Barschaft weggestohlen. Man hielt mich selbst für einen Spitzbuben; acht Tage lang mußt ich im Gefängnisse sitzen, hernach ward ich Korrektor, um mir nur so viel zu verdienen, daß ich per pedes Apostolorum wieder nach Holland konnte. Ich habe das schmierende, das kabalebrütende und das fanatische Gesindel kennengelernt. Es soll aber noch recht brave, artige Leute in der Stadt geben; ich will's glauben.

Kandide. Ich meines Teils finde gar keinen Trieb, Frankreich zu sehen; Sie können leicht erachten, wenn man einen Monat lang in Eldorado gewesen, daß man weiter nichts zu sehen wünscht als Baroneß Kunegunden. Ich will sie zu Venedig erwarten; wir wollen über Frankreich nach Italien gehn. Sie begleiten mich doch?

Martin. Versteht sich. Zwar sagt man, Venedig sei nur für die Nobili di Venezia, indes nimmt man auch Ausländer recht gut dort auf, wenn sie viel drauf gehn lassen; ich kann's nun nicht, aber Sie können's, und darum zieh' ich mit, wohin Sie wollen.

Kandide. Sagen Sie mir doch, Freund, glauben Sie, was der dicke Foliant da von unserm Schiffskapitän behauptet, daß die Erde im Anbeginn ein Meer gewesen ist?

Martin. Platterdings nicht! so wenig als all, die Alfanzereien, womit das Heer der Schreiberlinge seit einiger Zeit zu Markte gezogen kommt.

Kandide. Zu was Ende ist denn die Welt erschaffen worden? Martin. Damit wir alle sollen rasend werden.

Kandide. Wundern Sie sich nicht über die Liebe der beiden Dirnen für die zwei Paviane, wovon ich ihnen erzählt?

Martin. Nicht im geringsten. Ich sehe gar nicht, wo das Sonderbare dieser Leidenschaft sitzt. Ich habe so viel Außerordentliches gesehn, daß mir jetzt gar nichts mehr außerordentlich vorkommt.

Kandide. Glauben Sie wohl, daß die Menschen von jeher sich niedergemetzelt haben, wie heutzutage? Daß sie stets gelogen und betrogen haben, stets treulose, undankbare, räubrische, flatterhafte, schurkische, neidische, prasserische, versoffene, geizige, ehrsüchtige, blutlechzende, verleumdrische, hurende, schwärmende und alberne Geschöpfe gewesen sind?

Martin. Glauben Sie, daß die Sperber von jeher Tauben gefressen haben, wenn sie ihrer habhaft werden können?

Kandide. Wohl glaub' ich's!

Martin. Nun dann, wenn das immer der Charakter der Sperber gewesen ist, warum sollen grade die Menschen ihren Charakter geändert haben?

Kandide. Wohl unterscheiden sich Sperber und Menschen! denn letztere haben ihren freien Willen, können also ... Unter diesen Gesprächen waren sie in Bordeaux angekommen.

Zweiundzwanzigstes Kapitel: Was Kandiden und Martinen in Frankreich begegnet
Kandide hielt sich nur so lange Zeit in Bordeaux auf, als nötig war, einige eldoradosche Kieselsteine in Gold und Silber umzusetzen und sich eine zweisitzige Kutsche anzuschaffen, denn sein Philosoph Martin war ihm ganz unentbehrlich geworden.

Daß er sich von seinem Hammel trennen mußte, tat ihm herzlich leid. Er überließ ihn der Akademie der Wissenschaften zu Bordeaux, welche die Untersuchung, warum die Wolle dieses Hammels rot sei, zur dermaligen Preisaufgabe machte. Ein nordischer Gelehrter bewies durch A + B — C, dividiert durch Z, daß der Hammel rot sein und an den Pocken sterben müßte, und seine Abhandlung ward preisgekrönt.

Alles, was Kandiden begegnete, ging Hals über Kopf nach Paris; das machte Kandiden auch lüstern, diese Hauptstadt zu sehn; und Hals über Kopf eilt' er ihnen nach. So sehr viel lag es auch eben nicht von dem Wege nach Venedig.

Er kam durch die Vorstadt St. Marceau herein und glaubte sich in dem schmutzigsten Dorfe Westfalens zu befinden. Kaum war er im Gasthofe angekommen, so befiel ihn eine kleine Unpäßlichkeit, eine Frucht seiner Strapazen. Da er einen außerordentlich großen Diamanten an seinem Finger hatte und man unter seinem Gepäck eine recht vollwichtige Schatulle wahrgenommen hatte, so fanden sich gleich unverlangt zwei Ärzte ein, einige sehr warme Freunde und zwei Betschwestern, die ihm seine Suppen wärmten.

Ich erinnre mich doch auch, krank gewesen zu sein, sagte Martin, wie ich zuerst in Paris ankam; da waren aber — denn ich war rattenkahl — weder Freunde noch Ärzte, noch Betschwestern, und ich genas doch.

Durch das viele Arzeneien und Aderlassen ward Kandide endlich in vollem Ernste krank, recht gefährlich krank. Der Vicarius des Viertels kam zu ihm und bat, er möchte doch einen Paß an Sankt Petern mitnehmen, damit er ihn gleich zum Himmelspförtchen einließe. Kandide wollte durchaus nicht; die beiden Betschwestern versicherten, es wäre die neuste Mode, Kandide versicherte ihnen dagegen, er wäre gar nicht für neue Moden. Martin wollte den Vicarius zum Fenster hinauswerfen; der Geistliche schwor, Kandide sollte nie auf den Kirchhof kommen. Martin schwor dagegen, er wolle ihn bald auf den Kirchhof schicken, wenn er ihnen noch länger auf dem Halse läge. Das Gezeter ward sehr heftig, und Martin schleuderte den Pfaffen beim Arme zur Tür' hinaus. Das gab großen Skandal, und die Sache wurde fiskalisch untersucht.

Kandide genas, und während der Genesung hatte er stets gute Gesellschaft zum Souper bei sich. Man spielte hoch. Er bekam nie ein As, was ihn denn nicht wenig Wunder nahm, Martinen aber gar nicht.

Unter denen, die ihm die Honneurs der Stadt machten, befand sich ein winziges Abbuchen aus Perigord. Einer von jenen frechen, bartstreichlerischen, sich in jede Laune schmiegenden und fügenden, bald da, bald dorthin fispernden, ewigen Scharwenzlern, die den Ausländern wegelagern, ihnen die skandalöse Geschichte der Stadt erzählen und ihnen Vergnügungen von jeder Art und für jeden Preis anbieten.

Dies allerliebste Männchen begann damit, daß er Kandiden und Martinen in die Komödie führte. Man gab ein neues Trauerspiel. Kandide saß bei einigen Schöngeistern. Demungeachtet weint' er in einigen meisterhaft gespielten Szenen. Einer von den neben ihm sitzenden Kritlern sagte in einem Zwischenakte: Sie vergießen ohne alle Ursach Tränen, mein Herr. Die Schauspielerin ist erbärmlich, ihr Mitspieler noch erbärmlicher und das Stück noch weit erbärmlicher wie die Schauspieler. Die Szene liegt in Arabien, und doch versteht der Verfasser kein Wort Arabisch; glaubt überdies nicht einmal an angeborne Ideen, der elende Wicht! Morgen will ich Ihnen zwanzig Traktätchen mitbringen, alle gegen den Dramatifex gerichtet.

Wieviel dramatische Stücke haben Sie wohl in Frankreich! frug Kandide den Abbé. Fünf- bis sechstausend, antwortete er. Viel, und wieviel gute darunter? sagte Kandide. Fünfzehn, erwiderte jener. Noch immer viel! versetzte Martin.

Kandide gefiel eine Schauspielerin sehr, welche die Königin Elisabeth in dem ziemlich platten Trauerspiel dieses Namens machte, das wohl bisweilen gegeben wird. Ein recht brav Mädel die Aktrice, sagt' er zum Martin. Sie hat etwas von Baroneß Kunegunden an sich; ich möcht' ihr gern mein Kompliment machen. Der Abbé aus Perigord war gleich mit dem Anerbieten bei der Hand, ihn bei ihr einzuführen. Kandide, in Teutschland geboren und erzogen, fragte, was hiesige Etikette sei, und wie man in Frankreich den Königinnen von England begegnete. In der Provinz, Herr Baron, antwortete der Abbé, führt man sie in's Wirtshaus, zu Paris hält man sie in hohen Ehren und Würden, wenn sie schön sind; sterben sie, so wirft man sie auf den Schindanger. Königinnen auf den Schindanger? fragte Kandide. Ja wahrlich! der Herr Abbé hat Recht, sagte Martin; ich war zu Paris, als Demoiselle Lecouvreur das Zeitliche mit dem Ewigen vertauschte, wie man zu sagen pflegt; man verweigerte ihr, was die Leute hier zu Lande ein ehrliches Begräbnis nennen, das heißt, man wollte sie nicht mit all' den Bettlern aus einem Stadtviertel auf einem lumpichten Kirchhof zusammen vermodern lassen; ihre Bande verscharrte sie an einer Ecke der Rue de Bourgogne, ganz allein; das muß ihrem armen Seelchen mehr denn die folterndste Höllenpein sein, denn es war immer ein sehr nobeldenkendes Mädchen gewesen.

Sehr ungeschliffen! sagte Kandide. Was tun? antwortete Martin. Die Leute sind nun einmal hier so. Denken Sie sich alle möglichen Widersprüche, alle möglichen Ungereimtheiten in eine Masse zusammengeknetet, so haben Sie die Regierungsform, die Gerichtshöfe, die Kirchen, die Schauspiele dieser drollichten Nation.

Ist es wahr, daß man zu Paris beständig lacht? frug Kandide. Das tut man, sagte der Abbé, es ist aber eine bittre Lache, die Lache kochender Wut; man bringt dort die herzschneidendsten Klagen mit der schallendsten Lache hervor, ja verrichtet sogar die abscheulichsten Handlungen mit lachendem Munde. Wer war denn das dicke Schwein, sagte Kandide, das auf ein Stück lästerte, worin ich so geweint habe, und auf Schauspieler, die mir so gefallen hatten? „Ein elender hungerleiderscher Duckmäuser, der um ein paar Bissen Brot zu verdienen, alle Stücke und alle Bücher herunterlästert; jeden emporkommenden Schriftsteller haßt, wie der Verschnittne den vollglücklichen Liebhaber; eins von jenen Literaturinsekten, die sich bloß von Dreck und Gift und Geifer nähren; es ist ein gallsüchtiger Neidhart." Ein gallsüchtiger Neidhart? sagte Kandide. „Ei ja! So ein Flugblättler, ein gewisser Fréron."

So schwatzten Kandide, Martin und der Abbé aus Perigord auf der Komödienhaustreppe und sahen die Zuschauer alle neben sich vorbeiziehn. So vielen Drang ich auch fühle, Baroneß Kunegunden zu sehn, sagte Kandide, so möcht' ich doch wohl heut abend mit Demoiselle Clairon speisen. Es scheint mir ein ganz herrliches Mädchen.

Der Herr Abbé war ein zu jämmerliches elendes Wichtchen, um Zutritt bei der Demoiselle Clairon zu haben, bei der sich stets der angesehenste Zirkel befand. Auf heut abend ist sie versagt, hub der aus Perigord an, ich werd' aber die Ehre haben, den Herrn Baron zu einer vornehmen Dame zu führen, wo Sie Paris so sollen kennenlernen, als hätten Sie sich vier Jahr hier aufgehalten.

Der von Natur neugierige Kandide ließ sich zu der Dame führen, die am äußersten Ende der Vorstadt St. Honore wohnte. Man war dort mit Pharao beschäftigt. Zwölf sauertöpfige Pointeurs hatten jeglicher sein Büchelchen Karten in der Hand, das eselsgeöhrte Verzeichnis ihrer Unglücksfälle.

Überall war das tiefste Stillschweigen; Totenblässe saß auf der Stirn des Pointeurs; Besorgtheit auf der Stirn des Bankiers, und die Dame vom Hause, die diesem unbarmherzigen Bankier zur Seite saß, gab mit Falkenaugen auf alle Parolis und sept-et-le-va de campagne acht, wozu jeder Spieler seine Karten kniff; streng auflauernd aber mit Feinheit ließ sie alle Eselsohren wieder ausmachen und bange, ihre Kunden zu verlieren, ward sie gar nicht aufgebracht. Diese Dame hieß die Marquise de Parolignac.

Ihre fünfzehnjährige Tochter befand sich unter den Pointeurs und verriet durch einen Augenwink all die Gaunereien dieser armen Teufel, die der ihnen griesgramenden Fortuna ein Lächeln abzwingen wollten.

Der Abbé, Kandide und Martin traten herein. Niemand stand auf, bekomplimentierte sie, blickte gar auf sie hin; sie waren insgesamt mit ihren Karten viel zu sehr beschäftigt. Die Frau Baronessin von Donnerstrunkshausen war weit höflicher, sagte Kandide.

Indes hatte sich der Abbé dem Ohr der Marquise genähert; sie lüpfte sich ein wenig in ihrem Armstuhl, beehrte Kandiden mit einem graziösen Lächeln, Martinen mit einem hochadlichen Kopfneigen, und ließ Kandiden einen Stuhl und Karten reichen. In zwei Taillen hatte er fünfzigtausend Franken verloren. Hierauf nahm man in der größten Fröhlichkeit das Souper. Jedermann erstaunte, daß Kandide bei seinem Verluste so kalt blieb, und die Bedienten sagten untereinander in ihrer Bedientensprache: Das muß mein Seel ein englischer Mylord sein.

Das Souper glich den meisten parisischen Soupers. Erst war alles still, dann entstand mit einemmal ein Wortgetöse, wobei niemand hörte, was er selbst sagte, alsdann strömte man in Scherzen, Einfällen aus, die meistenteils herzlich schal und kahl waren, brachte falsche Neuigkeiten aufs Tapet, schiefe Räsonnements; es ward ein bißchen gekannegießert, und viel geafterredet; man schwätzte und krittelte sogar über neue Bücher.

Der Abbé fragte: Haben sie schon den neuen Roman gelesen, den. der Doktor Theologiä Herr Gauchat, geschrieben? Leider, sagte einer von den Gästen, aber nicht bis zu Ende. Es war mir unmöglich. Es kömmt viel albern Zeug heraus, aber so was Albernes, wie der Wisch vom Herrn Doktor Gauchat, hab' ich noch nie gesehn; die Sündflut von abscheulichen Schriften, womit wir überschwemmt sind, die einem ganz bis ans Kinn dringt, verekelt einem alles Bücherlesen dermaßen, daß ich mich auf's Pointieren gelegt habe. Und was sagen Sie zu den vermischten Schriften des Archidiakonus T..." fragte der Abbé.

Ein unausstehliches Geschöpf! rief die Frau von Parolignac. Wohlbekannte alltägliche Dinge kramt er mit der geheimnisvollsten Miene aus; was nur einer hingeworfnen Bemerkung bedarf, erörtert er aufs weitschweifigste und schwerfälligste; ohn' einen Funken Witz zu haben, eignet er sich andrer Leute ihren zu; was er stiehlt, verdirbt er durch den Senf, den er darüber schüttet. Der Mann macht mich ganz wild! Doch er soll's nicht mehr. Mehr denn zuviel, wenn man vom Herrn Archidiakonus ein paar Seiten gelesen!

Ein Mann von Gelehrsamkeit und Geschmack, der sich mit an der Tafel befand, bekräftigte das Urteil der Marquise. Man kam nachher auf die Trauerspiele. Die Dame fragte, woher es käme, daß manche Trauerspiele in der Vorstellung etwas täten, im Lesen aber nicht auszuhalten wären?

Der Mann von Geschmack setzte es sehr gut auseinander, wie ein Stück etwas Anziehendes haben und demungeachtet doch nichts taugen könnte, bewies mit wenig Worten, daß es nicht genug sei, ein oder zwei Situationen anzubringen, die man in jedem Roman antrifft, und die immer etwas Verführerisches für die Zuschauer haben, sondern daß man originell sein müsse, ohne phantastisch zu sein, erhaben, ohne unter den Sonnen herumzuwandeln, das Herz kennen und es reden lassen, großer Dichter sein, und doch aus keiner von seinen Personen den Dichter hervorstechen lassen, den ganzen Sprachschatz zu benutzen wissen, nie den Wohlklang vergessen, nie einen Gedanken dem Reim aufopfern. Wer all' diese Regeln nicht sorgfältig in acht nimmt, setzt' er hinzu, kann zwar Trauerspiele verfertigen, die auf dem Theater gefallen, er wird aber nie einen Rang unter den guten klassischen Schriftstellern erhalten.

Gute Trauerspiele haben wir sehr wenige. Viele sind ganz wohldialogierte und wohlversifizierte Idyllen, andre ein Schlafmittel in Form eines politischen Geschwätzes oder artige Brechmittel von Übertreibungen; wieder andre das kunterbunteste Tollhäuslergewäsch; zerstückelte Reden, lange Apostrophierungen an die Götter, (denn mit Menschenkindern wissen die Herren nicht zu sprechen) falsche Maximen, hochgeschraubte Gemeinplätze.

Kandide hörte aufmerksam zu, und faßte von diesem Kritiker eine große Meinung; und da die Marquise ihm neben sich einen Platz zu geben die Güte gehabt hatte, so nahm er sich die Freiheit ihr die Frag' ins Ohr zu flüstern: wer der so gesundurteilende Mann wäre?

Ein Gelehrter, sagte die Dame, der nicht pointiert und den der Abbé manchmal zum Abendbrot herbringt; ein großer Kenner von Trauerspielen und Büchern. Er hat eine ausgepfiffne Tragödie gemacht und ein Buch, davon nie ein anders Exemplar aus seines Verlegers Laden gekommen ist als das, so er mir dediziert hat.

Ein großer Mann sagte Kandide! ein zweiter Panglos! Hierauf sagt' er sich an ihn wendend: Vermutlich glauben Sie doch auch, mein Herr, daß in der physischen Welt sowohl als in der moralischen alles aufs beste eingerichtet ist, und daß nichts einen andern Gang nehmen kann?

Nichts weniger denn meine Meinung, antwortete der Gelehrte. Ich finde vielmehr, daß bei uns alles der Quere geht, daß niemand weiß, was seines Rangs, seines Amts ist, noch was er tut, noch was er tun soll, und nehm ich die Soupers aus, wobei noch immer Fröhlichkeit herrscht und auch ziemlich viel Eintracht, so bringen die Menschen den ganzen Überrest ihres Lebens mit dem albernsten Gezeter hin. Jansenisten sind gegen Molinisten, Parlamentsglieder gegen Männer von Literatur, Hofschranzen gegen Hofschranzen, Finanzpächter gegen das Volk, Weiber gegen ihre Männer, Anverwandte gegen Anverwandte; kurz, es ist ein ewiger Krieg.

Kandide antwortete ihm: Ich habe noch viel Schlimmers gesehen; allein ein weiser Mann, der nachher das Unglück gehabt, aufgehängt zu werden, lehrte mich, daß alles über die Maßen gut sei und daß das Schlimme bloß das wäre, was der Schatten in einem schönen Gemälde.

Der Herr Weise am Galgen hatte die Leute zum besten, sagte Martin; diese Schatten sind gräßliche Flecke. Die Menschen sind's, die diese Flecke machen, und sie können's nicht vermeiden, sagte Kandide. Sonach ist's nicht ihre Schuld, antwortete Martin.

Die meisten von den Pointeurs, denen dies Rotwälsch war, zechten, Martin unterhielt sich mit dem Gelehrten, und Kandide erzählte einen Teil seiner Abenteuer der Dame vom Hause. Nach dem Souper führte die Marquise Kandiden in ihr Kabinett; er mußte sich auf ein Sofa setzen.

Die Dame. Nun, glühen Sie noch immer für Mademoiselle Cunegonde von Dundertronksaus?

Kandide. Noch immer, gnädige Frau!

Marquise (mit einem zärtlichen Lächeln). Geantwortet wie ein echter junger Westfale. Ein Franzos an Ihrer Stelle hätte zu mir gesagt: Bisher Madam; seit ich Sie aber gesehn, besorg' ich sehr, Mademoiselle Cunegonde nicht mehr zu lieben.

Kandide. O, Madame, sprechen Sie, was ich sagen soll, ich will ja alles sagen.

Marquise. Ihre Leidenschaft für die Baronne begann dadurch, daß Sie ihr Schnupftuch aufhoben, jetzt sollen Sie mir mein Strumpfband aufnehmen. Herzlich gern, Madam, sagte Kandide, und hob's auf. Sie müssen mir's nun wieder umbinden, hub die Dame an, und Kandide tat's. Sehn Sie, sagte die Dame, Sie sind ein Ausländer, meine Pariser Liebhaber laß' ich manchmal fünfzehn Tage schmachten, Ihnen aber ergeb' ich mich in der ersten Nacht, denn einem jungen Westfalen muß man die Honneurs seines Landes machen.

Die Dame war Französin, Kandide glühend vom Wein, noch glühender von den Reizen, die er oberhalb des Knies der Marquise beim Strumpfbandumbinden in dem verführerischsten Prospekte zu sehn Gelegenheit gehabt; das Kabinett wollüstigdämmernd; alles ringsum hatte so viel Anlockendes; allein waren sie; er erlag.

Sie spielten ihr Duodram beide recht brav; die Dame, als eine Frau von Welt geübt in den schlauesten, unterhaltendsten Buhlerinnenkünsten; Kandide, als ein unentnervter junger Westfale; er nahm sich völlig dabei, wie Herkules in der Nacht gegen die Fünfzig.

Nach geendeter Sofaszene lobte die Schöne zwei übergroße Diamanten, die sie bereits längst bei ihrem jungen Fremden wahrgenommen hatte, so treuherzig, daß sie in einem Hui an den Fingern der Marquise saßen.

Wie Kandide mit seinem Abbé nach Hause ging, stiegen ihm einige Skrupel wegen der Untreue auf, die er an der Baroneß Kunegunde begangen hatte; der Herr Abbé nahm an seinem Kummer teil: er hatte an den fünfzigtausend Livres, die Kandide in dem Spiel verloren hatte und an den beiden Brillanten, die halb geschenkt, halb abgedrungen waren, nur sehr geringen Anteil gehabt.

Der Herr Abbé, der jetzt einen tüchtigen Schnitt zu machen dachte, war bemüht, sich bei Kandiden immer mehr einzulieblen, schwatzte ihm viel von Kunegunden vor, und Kandide sagte: er wollte ihr auf den Knien auf's herzinnigste seine Untreue abbitten, wenn er sie zu Venedig sähe.

Der Abbé verdoppelte seine Höflichkeit und seine Aufmerksamkeit, nahm an alle dem, was Kandide sagte, tat, ja noch tun wollte, den wärmsten Anteil.

So haben Sie mit ihr ein Rendezvous zu Venedig verabredet? fragte er. „Das hab' ich, lieber Abbé; ich muß platterdings mein Gundchen wiederfinden." Das Vergnügen, von seiner Geliebten sprechen zu können, riß ihn hin, und er erzählte, nach seiner löblichen Gewohnheit, einen Teil seiner Abenteuer mit dieser berühmten Westfalin.

Baroneß Kunegunde hat zweifelsohne viel Geist, sagte der Abbé, und schreibt treffliche Briefe. „Was ich nicht sagen kann! Ich habe nie welche von ihr bekommen. Als ich wegen meiner Liebe zu ihr war aus dem Schlosse gejagt worden, könnt' ich nicht an sie schreiben; bald darauf erfuhr' ich, sie sei tot, hernach fand ich sie wieder, und verlor sie plötzlich, und jetzt habe ich ihr zweitausendfünfhundert Meilen von hier einen Expressen gesandt, dessen Antwort ich erwarte."

Der Abbé hörte aufmerksam zu und schien ein wenig staunend. Bald darauf nahm er mit der zärtlichsten Umarmung von den beiden Fremden Abschied. Den folgenden Morgen erhielt Kandide einen Brief, folgendermaßen abgefaßt: „Mein Bester, seit acht Tagen lieg ich hier krank. Jetzt eben vernehm ich, daß Sie hier sind. Trügen mich meine Beine, so flög ich in Ihre Arme. Zu Bordeaux erfuhr ich, wohin Sie sich gewandt hatten; ich habe den treuen Kakambo und die Alte dort gelassen, die bald hier eintreffen müssen. Der Gouverneur von Buenos Aires hat mir alles genommen, aber Ihr Herz bleibt mir noch übrig. Kommen Sie, Ihre Gegenwart schenkt mir entweder das Leben wieder oder tötet mich vor Vergnügen."

Ihre Kunegunde

Dieser entzückende, unverhoffte Brief machte Kandiden ganz berauscht vor Freude, allein die Unpäßlichkeit seiner Lieben schlug ihn äußerst nieder. Ein Spielball dieser beiden Empfindungen nahm er sein Gold und seine Diamanten und ließ sich samt Martinen in das Hotel führen, worin Baroneß Gundchen logierte.

Mit hochklopfendem Herzen, an jedem Gliede vor Vergnügen zitternd und mit bebender Stimme stürzt er in ihr Zimmer, wollte die Bettvorhänge aufreißen, wollte Licht haben. Um Gottes willen nicht! 's ist dem Gnädigen Fräulein nichts schädlicher wie's Licht! schrie die Magd, und ritz-ratz! wurden die Vorhänge dicht fest wieder zugezogen.

Was machen Sie, liebste Kunegunde? sagte Kandide mit einem Strom von Tränen. Lassen Sie mich doch wenigstens Ihre Stimme hören, da ich Ihr Gesicht nicht sehen darf. Ja, sprechen darf meine gnädige Herrschaft auch nicht, sagte das Mädchen. Die Dame streckte eine runde, fleischichte Hand zum Bette hinaus, die Kandide lange mit Tränen benetzte, und hernach mit Diamanten anfüllte; auf den Stuhl neben ihrem Bette hatt' er einen Beutel mit Gold hingelegt.

Kandide schwamm in Liebeswonne, als ein Gefreiter mit etlichen Mann hereintrat, der Abbé begleitete ihn. Das sind also die beiden verdächtigen Fremden? sagte ersterer. Sogleich bemächtigte man sich ihrer, und die Muskoten waren auf dem Sprunge, sie ins Gefängnis zu schleppen.

So begegnet man in Eldorado den Fremden nicht, sagte Kandide. Ha! ich bin mehr Manichäer denn je, rief Martin. Aber mein Herr, wo führen Sie uns hin? sagte Kandide. In ein tiefes Loch unter der Erde, antwortete der Gefreite.

Martin, der all' seine Kaltblütigkeit wieder hatte, schloß, die vorgebliche Baroneß Kunegunde sei eine Betrügerin, der Herr Abbé, der sich Kandidens Treuherzigkeit aufs schleunigste zu Nutze gemacht hatte, und der Gefreite ein andrer Spitzbube, den man leicht loswerden könnte.

Ehe Kandide die Sache zu gerichtlichen Weitläufigkeiten gedeihen ließ, bot er auf Anraten Martins und seines Herzens, das sich äußerst nach der wahren Kunegunde sehnte, dem Gefreiten drei kleine Diamanten an; jeder ungefähr dreitausend Dublonen wert.

O mein Herr, schrie der Mann mit dem elfenbeinernen Stabe, und hätten Sie auch Allerweltsmissetaten begangen, so sind Sie doch der bravste Kavalier auf Gottes Erdboden! Mir drei Diamanten zu geben! Jeden zu dreitausend Dublonen. Totschlagen will ich mich eh'r für Sie lassen, Herr Milord, als Sie ins Gefängnis führen. Zwar haben wir die strengste Order, jedweden Fremden zu arretieren, wes Standes und Würden er auch sei: ich will aber das Ding schon 'rumzudrehen wissen. Ich habe zu Dieppe in der Normandie einen Bruder, zu dem will ich Sie bringen, und haben Sie noch einen Diamanten d'ran zu spendieren, so wird er so gut für Sie sorgen, als wär' ich's selbst.

Und warum werden hier alle Fremden in Haft genommen? frug Kandide. Jetzt ergriff der Abbé das Wort und sagte: Darum, weil ein elender Schuft aus dem Lande Atrebatien (Artois) jämmerlichen, elenden Schnickschnack gehört hatte, bloß deshalb hatte er einen grausamen Vatermord begangen, einen solchen freilich nicht, wie er 1610 im Maimonat begangen wurde (Ravaillac), sondern einen solchen, als 1594 im Monat Dezember vorfiel (J. Châtel); auf dessen Schlag nachher noch viele andre Mordtaten in andern Jahren und andern Monaten von andern elenden Schuften aus gleichen Gründen sind ausgeführt worden.

Der Gefreite erklärte jetzt, was der Abbé im dunkeln gelassen hatte. Ha! die Ungeheuer! schrie Kandide. Wie? solche gräßliche Taten werden unter einem Volke verübt, das singt und tanzt! Kam' ich doch aufs schnellste aus einem Lande, wo Affen Tiger aufhetzen! Bären sah ich in meinem Vaterlande, Menschen nur in Eldorado! Um Gottes willen, Herr Gefreiter, schaffen Sie mich nach Venedig, wo ich Baroneß Kunegunden erwarten muß.

Weiter kann ich Sie nicht bringen, lieber Herr Baron, als nach der unteren Normandie, versetzte der Anführer der Sbirren. Sogleich ließ er ihm seine Bande abnehmen, sagte: es wäre ein Versehn, schickte seine Leute zurück, führte Kandiden und Martinen nach Dieppe, wo er sie in den Händen seines Bruders ließ. Es lag ein kleines holländisches Schiff auf der Reede. Der Normann, der mittels dreier andrer Diamanten das dienstfertigste Geschöpf von der Welt geworden war, nahm Kandiden und seine Leute auf dies Schiff, das nach Portsmouth in England ging. Freilich war das nicht der Weg nach Venedig, allein Kandide nahm sich vor, ihn bei erster bester Gelegenheit einzuschlagen. Jetzt dankt er nur Gott, daß er aus der Hölle heraus war.

Dreiundzwanzigstes Kapitel: Kandide und Martin kommen an die englischen Küsten; was sie dort sehn
Kandide. Ha,Panglos!Panglos! Ha,Martin!Martin! Ha,meine traute Kunegunde! was ist diese Welt hier! sagte Kandide auf dem holländischen Schiff.

Martin. Ein erzpudelnärrsches und erzabscheuliches Gemachte. Kandide. Sie sind doch in England bekannt, gibt's dort ebensolche Toren wie in Frankreich?

Martin. Eben! nur von anderm Schnitt und von andrer Farbe. Sie wissen, diese beiden Nationen führen wegen ein paar lumpichter Hufen Schnee, die gegen Kanada liegen, Krieg, und verschwenden bei diesem allerliebsten Kriege weit mehr, als das ganze Kanada wert ist. Ihnen genau zu bestimmen, ob's hier zu Lande mehr Leute gibt, die man an die Kette legen sollte, wie in jenem, das vermag ich nicht; dazu hab' ich zu wenig Auge. Bloß das weiß ich, daß die Leute, wo wir jetzt hinkommen, eine starke Dosis schwarzer Galle bei sich führen.

So hatten sie sich an die Gestade von Portsmouth hingeplaudert. Eine Menge Pöbel strömte zum Ufer hin und schaute mit unverrücktem Auge nach einem ziemlich großen, dicken Mann, der mit verbundnen Augen auf dem Verdeck eines Schiffs aus der Flotte kniete. Ihm gegenüber standen vier Soldaten, die ihm mit dem kältesten Herzen und Auge drei Kugeln ins Gehirn jagten, und die ganze Versammlung ging in der vergnügtesten Laune auseinander.

Was heißt das! sagte Kandide. Üben denn überall böse Geister ihre Macht! Wer war denn der Sir Wanst, den Ihr mit solchen Solennitäten umbrachtet? fragte er einen von den Umstehenden. Ein Admiral, war die Antwort. Und wozu tötet Ihr diesen Admiral? „Er hat nicht Leute genug umgebracht; er ficht mit einem französischen Admiral, und nachher findet sich's, daß er ihm nicht dicht genug auf der Haut gewesen ist." Aber, sagte Kandide, der französische Admiral war ja so weit vom englischen als dieser von jenem. „Nicht zu leugnen, indes kann's hier zu Lande gar nicht schaden, wenn einmal ein Admiral arquebusiert wird, desto mehr lodert den übrigen der Mut an."

Der gehabte Anblick, die eben gehörte Rede hatten Kandiden so betäubt, wurmten ihm so sehr, daß er nicht einmal den Fuß ans Land setzen wollte, und auf der Stelle mit dem holländischen Schiffer bedung, ihn ungesäumt nach Venedig zu bringen; sollte selbiger ihn auch gleich wie der surinamsche Schiffspatron begaunern.

Binnen zwei Tagen war der Schiffer klar. Es ging an den Küsten von Frankreich weg, dicht vor Lissabon vorbei, wo Kandiden kalter Schauer über den Nacken lief; hinein in die Straße von Gibraltar und so ins Mittelländische Meer; endlich lag man vor Venedig.

Gottlob, sagte Kandide zu Martinen, den er feurig umarmte, hier werd' ich sie wiedersehn, die schöne Kunegunde! Auf Kakambo'n rechne ich wie auf mich selbst. Oh! es geht alles gut! alles! es kann gar nicht besser sein.

Vierundzwanzigstes Kapitel: Von Gertruden und Bruder Viola'n
Kaum hatten sie den Fuß in die Stadt Venedig gesetzt, so ließ er Kakambo'n in allen Wirtshäusern suchen, in allen Kaffeehäusern, bei allen Töchtern der Freude; kein Kakambo zu finden. Täglich mußten seine Leute nach dem Hafen und nachfragen; es mochte Schiff oder Barke gekommen sein. Nichts zu hören noch zu sehn von Kakambo'n!

Das ist mir unbegreiflich, sagte Kandide zu Martin. Ich bin von Surinam nach Bordeaux gegangen, von Bordeaux nach Paris, von Paris nach Dieppe, von Dieppe nach Portsmouth, bin Spanien und Portugal längs gesegelt, habe das ganze Mittelländische Meer durchstrichen, etliche Monate zu Venedig verbracht, und doch hat sich in all' der Zeit Baroneß Gundchen nicht eingestellt! Ich habe statt ihrer weiter nichts gefunden als eine Hure und einen Abbe aus Perigord. Ganz gewiß ist sie tot, meine Gunde! Ihr nach ist noch das einzige, was du tun kannst, Kandide! ------ Ha! war' ich doch in dem Paradiese, im Eldorado geblieben und nicht nach dem Drachenneste, dem Europa zurückgekehrt! Sie haben ganz recht, lieber Martin! Es ist alles in der Welt leerer blauer Dunst! Ist allenthalben Trug und Elend!

Es befiel ihn so düstere Schwermut, daß er weder an der opera alla moda, noch an irgendeiner Faschingslustbarkeit teilnahm, sogar bei einer Danae von Mädchen stieg ihm kein Fünkchen Begier auf.

Gute, treuherzige Seele! sagte Martin, sich einzubilden, ein Mestize von Bedienten mit fünf oder sechs Millionen in der Tasche wird hingehn bis ans Ende der Welt und Ihre Geliebte aufsuchen. Findet er sie, so fischt er sie für sich selbst weg; findet er sie nicht, so wirft er seinen wohlbespickten Köder einem andern Dirnchen in den Rachen. Mein Rat ist der: Schlagen Sie sich alle beide aus dem Sinn: Ihren Kerl, den Kakambo, und Ihre Geliebte, die Baroneß Kunegunde.

Martin war kein guter Tröster, auch wuchs Kandidens Schwermut täglich, und täglich rieb ihm der Manichäer die Ohren mit dem Beweise, daß es in der Welt nur wenig Tugend gäbe, wenig Glück, ausgenommen etwa im Eldorado, wo niemand hinkönne.

Eines Tages, wie sie über diese wichtige Materie streitend und Kunegunden noch immer erwartend, über den St. Markusplatz gingen, ward Kandide einen jungen Theatinermönch gewahr, der ein Mädchen unterm Arm hatte. Der Theatiner war ein frischblühender, feister, herkulischer Gesell, mit kühnumschauendem Adlerblick, stolzer Miene und kecken Ganges. Sein Liebchen ein gar niedliches Ding, sie schäkerte singend neben ihm her, warf den vollen Blick der Liebe auf ihren Theatiner, und kniff ihm manchmal in die runden, vollen Backen. Nun, diese beiden Leute werden Sie doch wohl für glücklich erklären, sagte Kandide zu Martin; auf der ganzen bewohnten Erdkugel hab' ich, ausgenommen im Eldorade, nichts als Unglückliche gefunden; daß aber dies Mädchen und dieser Theatiner vollglückliche Geschöpfe sind, darauf wollt' ich wetten.

Ich wette, sie sind's nicht! sagte Martin. Ich darf sie nur zu Gaste bitten, versetzte Kandide, so sehn wir gleich, ob ich mich geirrt habe.

Sofort ging er auf sie zu, machte ihnen sein Kompliment und bat sie, in seinen Gasthof zu kommen und mit Makkaroni, lombardischen Rebhühnern, Stör-Rogen und etlichen Flaschen Montepulciano, Lacrimae Christi und Cyper- und Samoswein vorliebzunehmen. Das Mädchen ward rot, der Theatiner nahm die Einladung an. Das junge Frauenzimmer folgte ihm, blickte Kandiden mit einem Auge an, worin sich Bestürzung und Beschämung malte und manche Träne trat.

Kaum waren sie im Hause, so sagte die Dirn, die Kandiden abseits genommen hatte: Kennen Sie denn Gertruden nicht mehr, lieber Herr Kandide? Dieser, dem Kunegunde stets vor Augen schwebte, hatte vorher nur einen flüchtigen Blick auf dies Mädchen geworfen, jetzt faßt' er sie fest ins Auge und sagte: Wären Sie's wirklich, liebes Kind, Sie, die dem armen Magister ein so schönes Geschenk gemacht haben?

Ach ja, mein Herr, ich bin's, sagte Gertrud. Wie ich höre, so wissen Sie bereits alles! Nun ich weiß auch, wie höchst kläglich es dem ganzen Hause der Frau Baronessin ergangen ist, und was die schöne Baroneß Gundchen für ein entsetzliches Ende gehabt haben. Aber ich war, weiß Gott, die Zeit über auch nicht auf Rosen gebettet, hab' auf Dornen und Disteln gesessen. Als ich hin auf den Edelhof kam, war ich noch ganz unschuldig; darum fiel's meinem Beichtvater, einem Franziskaner gar leicht, mich zu verführen. Oh! was für gräßliche Folgen entstanden daraus; ich mußte das Schloß nicht lange nachher verlassen, als Sie der Herr Baron mit derben Tritten in den Hintern 'nausgeschubst hatte.

Hätte sich nicht ein berühmter Doktor meiner erbarmt, ich wäre sicher drauf gegangen. Aus Erkenntlichkeit ward ich 'ne Zeitlang seine Mätresse. Seine Frau, das rasendeifersüchtigste Tier von der Welt, ein zehnmal ärgrer Satan von Weibe wie Xantippe, bläute mich tagtäglich so unbarmherzig wie'n neugebacknes Leutnantchen seines Hauptmanns Kompagnie. Ein unglücklichere Mädchen gab's wohl nicht wie ich. Tagtäglich richtig meine derbe Tracht Prügel eines Mannes wegen, den ich nicht lieben konnte, und tagtäglich Karessen und Liebkosungen diesem Manne, der 'ne wahre, alte Blocksbergsfratze war.

's ist 'n gefährlich Ding, wenn ein Zankteufel eine Doktorsfrau ist. Madame Brummeisen erfuhr's. Ihr Mann hatte endlich das Ding satt, gab ihr eines Tages, um sie vom Schnupfen zu kurieren, eine so wirksame Arzenei, daß sie zwei Stunden drauf mit den jämmerlichsten Verzückungen abschurrte.

Die Anverwandten der Frau Doktern spannen einen Kriminalprozeß gegen den Mann an, der sich glücklich aus dem Staube machte und mich drin sitzen ließ. Man warf mich ins Gefängnis, woraus mich nicht meine Unschuld rettete, sondern meine ganz leidliche Gestalt. Der Richter setzte mich auf freien Fuß unterm Beding, des Doktors Stelle einnehmen zu dürfen. In einem Husch wurd' ich ausgestochen, mußte ohn' einen Heller von dannen wandern, und sah' mich genötigt, jenes abscheuliche Handwerk zu ergreifen, was euch Mannspersonen so angenehm dünkt und was für uns eine vollströmende unerschöpfliche Quelle des Elends ist.

Ich ging nach Venedig, um hier mein Gewerbe zu treiben. Oh! mein Herr! Sie können sich nicht vorstellen, was das für eine Höllenmarter ist, alles durch die Bank weg karessieren zu müssen; bald 'nen alten Kaufmann, bald 'nen Advokaten, bald 'nen Mönch, bald 'nen Gondelführer, bald 'nen Abbate; jeder Beschimpfung preisgegeben zu sein; sich aufs Prellen zu verlegen. Oft ist man so rein herunter, daß man vom Juden ein armselig Fähnchen borgen muß, um sich's von der ekelhaftesten, fatalsten Prise, vom schlechtesten Schufte aufdecken zu lassen. Das bißchen, was man von dem einen verdient, wird einem von dem andern wegstipitzt; man schwebt immer untern Klauen der heiligen Engel, und hat im Prospekt weiter nichts als das Zuchthaus oder gar das Lazarett oder den Misthaufen, woselbst alsdann das abgemergelte, halbverfaulte, verrunzelte und verschrunzelte Gerippe fast in der Blüte der Jahre sein Leben verkeuchen muß.

Wenn Sie sich das alles so recht lebhaft denken, so werden Sie sehn, daß es keine unglücklichere Kreatur auf der Welt gibt als mich.

So schüttete Gertrud in einem Kabinett ihr Herz gegen den biedern Kandiden aus. Ha! halb war 'die Wette gewonnen! rief Martin, der mit zugegen war. Bruder Viola war im Speisesaal geblieben, und hatte sich derweil' an eine Flasche Cyperwein gemacht.

„Du sahst mir aber so fröhlich, so zufrieden aus, Truddien. Wie ich dir begegnete, sangst so aus vollem Herzen, karessiertest deinen Theatiner mit so ungeheuchelter Liebeswärme, daß du mir eben so glücklich schienst, als du dich unglücklich ausgibst."

Ach lieber Herr Kandide, sagte Gertrud. Das ist eben mit das ärgste Kreuz bei meinem Handwerk. Noch gestern wichste mich ein Offizierchen rein durch und zog mich rattenkahl aus, und heute muß ich die fröhlichste Laune affektieren, um mich bei einem Pfaffen anzuschmeicheln.

Nun hatte Kandide schon genug und gab Martinen recht. Sie setzten sich beide mit Gertruden und dem Theatiner an den Tisch; hielten ein recht fröhliches Mahl und wurden beim Wein ganz offen.

Herr Pater, sagte Kandide zum Mönch, Sie scheinen mir ein Los zu genießen, um das Sie jedermann beneiden muß; die blühendste Gesundheit lacht aus Ihrem Gesicht, Sonnenschein sitzt über Ihren Augbrauen und verkündigt, wie vollglücklich Sie sind, Sie haben das niedlichste Mädchen zum Zeitvertreib und scheinen mit Ihrem Theatinerstand höchst vergnügt.

Ich wollte, alle Theatiner hätten einen Mühlstein am Hals und lägen im Meere, wo's am tiefsten ist, sagte Bruder Viola. Ich bin wohl schon hundertmal willens gewesen, das Kloster anzustecken und hinzugehn, und ein Türk zu werden. In meinem fünfzehnten Jahre mußt' ich nolens volens die verwünschte Jacke anziehn, damit mein ältrer Bruder — Gott und alle Heiligen verdammen ihn, den prassenden, putenjunkerschen Buben! — recht à son aise schwelgen kann. Ich wurd' in ein Kloster gebannt, das man gemeiniglich für einen Wohnsitz der religiösesten Ruhe hält; und das beim Lichte besehn weiter nichts ist als der Tummelplatz der Eifersucht, der Zwietracht und des Ingrimms.

's ist wahr, ich habe mir manchmal mit einem jämmerlichen Schnickschnack ein'ge Batzen in die Tasche gepredigt. Aber was hat's geholfen? Die Hälfte davon stiehlt mir der Prior weg und um's übrige bringen mich die Menschen. Wenn ich des Abends ins Kloster komme, bin ich so fuchswild, daß ich gleich den Kopf gegen die Wand rennen möchte, und all' meinen Brüdern in Paulo geht's nicht ein Haar besser.

Nun hab' ich nicht die Wette ganz gewonnen, sagte Martin, indem er sich mit seiner gewöhnlichen Kaltblütigkeit gegen Kandiden wandte? Kandide gab Gertruden zweitausend Piaster und Bruder Viola'n tausend. Nun werden sie glücklich sein, sagte er, dafür haft' ich. Ich wahrlich nicht! versetzte Martin. Vielleicht machen Sie sie dadurch noch unglücklicher. Mag's ausfallen, wie's will! sagte Kandide. Ich tröste mich jetzt damit, daß ich sehe, wie man oft Leute wiederfindet, die man nie wiederzufinden verhofft hat; da ich meinen roten Hammel und Gertruden wiedergefunden habe, so kann sich's wohl noch fügen, daß ich Kunegunden wieder antreffe.

Martin. Ich wünsch' es von Herzen, daß selbige Sie dereinst glücklich machen möge; zweifle aber noch sehr daran.

Kandide. Hartherziger Mann.

Martin. Was gar nicht zu verwundern. Ich habe lang' in der Welt gelebt.

Kandide. Sehn Sie einmal jene Gondelführer an. Singen sie nicht mit dem frohsten Herzen vom frühen Morgen an bis zum dämmernden Abend.

Martin. Werfen Sie einmal einen Blick in ihre vier Pfähle! Da werden Sie sehn, wie sie schmollen bei ihren Weibern und ihren Wechselbälgen von Kindern; Sie werden finden, daß Sorg' und Verdruß sowohl unterm Schindeldache des Gondelführers wohnt als unterm Palaste des Dogen. Recht beim Lichte besehn ist der Gondelführer immer glücklicher als der Doge. Doch die Waage zur Hand zu nehmen und abzuwägen, um wieviel, lohnt wahrlich! der Mühe nicht. Es ist, glaub' ich, ein so winzig Teilchen mehr, daß eine Mücke es auf dem Schwanze über den Rhein führen kann.

Kandide. Ich habe mir sagen lassen, der Senator Pococurante, der dort in dem schönen Palaste auf der Brenta wohnt und jeden Fremden so freundschaftlich empfängt, soll der glücklichste Mann auf Gottes Erdboden sein; noch nie soll ihn ein Quentchen Unmut gedrückt haben.

Martin. Das Wundergeschöpf möcht' ich wohl sehn. Sogleich schickte Kandide zum Signor Pococurante und ließ um die Erlaubnis bitten, ihm morgen aufwarten zu dürfen.

Fünfundzwanzigstes Kapitel: Besuch beim Signor Pocourante, Nobile di Venezia
Kandide und Martin setzten auf einer Gondel über die Brenta und kamen im Palaste des Nobile Pococurante an. Die Gärten waren sehr umfänglich und mit trefflichen marmornen Bildsäulen ausgeschmückt, der Palast im schönsten neusten Geschmack erbaut. Der Herr vom Hause, ein Sechziger und steinreich, nahm unsre beiden Neugierigen mit ungemeiner Höflichkeit auf; aber mit wahrer hofmännischer Kälte, was Kandiden nicht wenig stutzig machte, Martinen aber gar nicht mißbehagte.

Sogleich trugen zwei niedliche, wohlgekleidete Mädchen Schokolat' auf, die sie zum perlendsten Schaum zerquirleten. Kandide konnte nicht umhin, sie wegen ihrer Schönheit, wegen ihres Anstandes und wegen ihrer Gewandtheit zu loben.

Sind so ziemlich gute Krabben! sagte Senator Pococurante. Manchmal nehm' ich sie mit ins Bette. Denn Eure Stadtdamen bin ich überdrüssig; ich kann ihre Kokettereien, Eifersüchteleien, Kritteleien, Launen, Aufblasereien und Albereien unmöglich aushalten, und ihre ewige Bestellereien von Liedchen, selbst oder vor irgendeinem Mietspoeten gemacht. Doch bei alledem werden mir auch diese Dirnen schon höchst unleidlich.

Nach dem Frühstück besahen sie die Bildergalerie; einen sehr großen geräumigen Saal

Voll Menschen Glut und Geistes.

Kandiden war bei dem Beschauen dieser Meisterwerke ganz wunderbar zu Mute;

Sein Busen war so voll und bang
Von hundert Welten trächtig;

sein ganzes Wesen schien aufgelöst in einem Meer von Entzücken. Endlich rief er: Von welchem Meister? Und deutete auf ein paar Gemälde, woran er sich am meisten ergötzt, an welchen sein Auge noch mit unbeschreiblicher Bewundrung und liebewarm hing.

Von Raphael, sagte der Senator. Ich war solcher alter Geck und kaufte sie vor etlichen Jahren rasend teuer; ließ mich dazu beschwatzen, weil man mir versicherte, schönre Werke der Kunst gäb's in ganz Italien nicht; ich kann aber nicht sagen, daß sie mir anstünden. Die Farben sind zu dunkel gehalten; die Figuren haben keine Rundung, nichts Hervorspringendes genug, die Draperien nichts weniger als Ähnlichkeit mit Gewändern. Mit einem Worte, was man auch drüber tratscht, treukopierte Natur find' ich gar nicht drinnen. Natur, Natur, die liebe Natur verlang' ich ohn' alle Ziererei so wie allenthalben, auch in Gemälden; aber wo gäb's solche Gemälde? Ich habe Kleckereien und Sudeleien die Menge, mag sie aber gar nicht mehr ansehn.

Pococurante ließ, während das Diner besorgt wurde, ein Konzert geben. Kandide schwamm in Vergnügen, glaubte Sphärenklang zu hören. Auf eine Viertelstunde hört man das Gequinkeliere, den Dideldumdei wohl an, sagte Pococurante, aber währt's länger, so ist's jedermann überdrüssig, ohne daß eine Seele das Herz hat, es zu gestehn. Heutzutage nimmt die Musik hohen, sonnenhohen Flug, und da mag's der Teufel aushalten und lange mitfliegen.

Vielleicht behagte mir die Oper besser, wann man nicht das Kunststückchen ausfindig gemacht hätte, sie zu einem Ungeheuer umzuschaffen, wobei sich mein Magen empört. Geh' hin, wer da will, in eure elenden musikalischen Trauerspiele, wo jede Szene dazu angelegt ist, querfeldein zwei oder drei lächerliche Liederchen anzubringen, welche die Kehle der Aktrice ins Licht setzen müssen. Fall vor Vergnügen in Ohnmacht, wer da will oder kann, wenn er einen Kastraten den Cäsar oder Kato hertrillern hört oder mit anmaßlicher Noblesse auf dem Brettergerüste herumspazieren sieht. Ich meines Orts habe schon längst all' diesen Lappereien entsagt, die heutigen Tages den Stolz von Italien ausmachen und die von auswärtigen Potentaten so teuer bezahlt werden.

Kandide disputierte hierüber mit ihm, aber mit vieler Bescheidenheit, Martin aber war völlig der Meinung des Senators.

Man setzte sich zur Tafel und nahm ein prächtiges Mittagsmahl ein. Wie man abgespeist hatte, ging man in Pococurantes Bibliothek. Kandiden fiel ein prächtiggebundner Homer ins Auge, und er machte dem Illustrissimo zu seinem Geschmack ein Kompliment. An diesem Werke, rief er, weidete sich der große Panglos, der beste Philosoph in ganz Deutschland. Und ich mich nicht im geringsten, sagte Pococurante ganz kalt. Ehmals wollte man mich bereden, ich fände an dessen Lektüre Vergnügen. Allein das ewige Vorgeleier von Schlachten, die sich ähnlich sehn, wie'n Ei dem andern, diese Götter, die in einem fort handeln und doch nichts Entscheidendes zustande bringen, jene Helena, die den ganzen Krieg angesponnen hat und die sich fast immer hinter der Kulisse hält; jenes Troja, das man immer belagert und niemals einnimmt; alles das wurmte mich so sehr, daß ich den Bettel in den Kamin werfen wollte. Ich fragte manchmal Gelehrte, ob sie nicht ebensoviel Langeweile bei dem alten Salbader empfänden. Wer offenherzig war, gestand mir, es ging' ihm nicht besser, doch müßte man ihn immer in seiner Bibliothek haben, ihn aufbewahren als ein Denkmal des Altertums und wie jene verrosteten Schaumünzen, die nicht mehr im Gange sind.

Kandide. So denken doch Vossignoria nicht von Virgil?

Pococurante. Ich räum' es ein, daß das zweite, vierte und sechste Buch seiner Aeneide trefflich sind, was aber seinen frommen Aeneas anlangt, den starken Kloanthes und Freund Achates, den kleinen Askan, den König Schwachkopf Latinus, die Spießbürgerin Amata und den Laffen von Weibe, die Lavinia, so glaub' ich nicht, daß man je was Matteres, Widerlicheres gesehn hat. Viel lieber will ich den Tasso lesen und all die Ammenmärchen des Ariost, worüber man stehend einnicken möchte.

Kandide. Verzeihung, gnädiger Herr, finden sie viel Vergnügen daran, den Horaz zu lesen?

Pococurante. Er hat Maximen, die ein Mann von Welt benutzen kann und die wegen ihrer angenehmen, lebhaften Einkleidung sich dem Gedächtnisse um so leichter einprägen. Allein seine Reise nach Brindisi und seine Beschreibung eines Mittagsbrots, das zusammengesudelt worden, sein Zankdialog im Karnschiebertone zwischen Gott weiß was für einem Rupilius, dessen Worte, wie er sagt, von Eiter troffen, und einem andern, dessen Worte nach echt italienischem Weinessig schmeckten, das alles ist mir höchst kahl und schal. Mit äußerstem Widerwillen hab' ich die Grobheiten gelesen, die er den alten Weibern und Hexen in den Bart wirft, ich seh' auch gar nicht ein, was das für ein großer oder kühner Gedanke ist, wenn er zu seinem Freunde Mäcen sagt: Wenn Du mich unter die lyrischen Dichter rechnest, werd' ich mit erhabnem Nacken an die Sterne stoßen.

Aber so geht's; an einem beliebten Autor staunen die Blödhämmel alles als göttlich an. Ich lese bloß für mich, und was nicht in meinen Kram dient, steht mir auch nicht an.

Kandide, der von der Amm' an zu nichts weiter gewöhnt war als zum Nachbeten, erstaunte höchlich über alles das, was er hörte, Martin aber fand Pococurantes Urteile gar nicht uneben.

Ha! ein Cicero, rief Kandide. Den großen Mann werden Sie gewiß nicht müde zu lesen? Wahrlich nicht! antwortete der Venediger, denn ich les' ihn nie. Was schiert's mich, ob er dem Rabirius oder Cluentius den Prozeß geführt hat. Ich habe so Prozesse die Menge abzuurteln. Seine philosophischen Schriften wären noch eher mein Kasus gewesen; wie ich aber sähe, daß er alles bezweifelte, so schloß ich, daß ich grade so viel wüßte wie er, und daß ich niemandes Hilfe bedürfte, um unwissend zu sein.

Oh! da sind vierundzwanzig Bände vermischte Schriften von einer Akademie der Wissenschaften, schrie Martin. Darunter könnte wohl was Guts sein! Und wäre auch, sagte Pococurante, wenn nur ein einziger von all' den Schmierern die Kunst erfunden hätte, Nähnadeln zu machen, so aber enthält der ganzeBraß nichts als Systeme, lauter Luftgut und nicht ein Spierchen Brauchbares.

Was für eine Menge Schauspiele seh' ich dort, rief Kandide, italienische, spanische, teutsche, französische! Jawohl! sagte der Senator, es sind über dreitausend Stück, und der guten nicht drei Dutzend. Daß ich diese Sammlungen Predigten, die insgesamt nicht zwei Seiten von Addison aufwiegen, und alle jene dicken Folianten von Kirchenvätern und allen möglichen Theologastern nie aufgemacht habe, so wenig wie sonst jemand, das werden Sie mir wohl unversichert glauben.

Martin ward einen Schrank gewahr, worin lauter englische Bücher standen: Ich glaube, es muß Wonne für einen Republikaner sein, die meisten dieser Werke zu lesen, die den Geist der Freiheit so stark atmen. Freilich ist's schön, hinschreiben zu dürfen was man denkt, sagte Pococurante, das ist das Vorrecht des Menschen. Allein in unserm ganzen Italien schreibt man bloß, was man nicht denkt; die jetzigen Bewohner der Gegenden, wo die Cäsars herrschten und die Antone, dürfen sich nicht unterstehn, einen Gedanken zu haben, wenn's ein Dominikaner nicht erlaubt. Wie gesagt, ich wäre sehr mit der Freiheit zufrieden, die den genievollen Briten begeistert, wenn nicht Leidenschaft und Parteigeist alles verdürben, was diese köstliche Freiheit Schätzbares hat.

Kandide ward einen Milton gewahr und fragte, ob er nicht diesen Dichter für einen großen Mann hielte? „Ich, den Barbaren, der über das erste Kapitel des ersten Buchs Mose in zehn Büchern rauher Verse einen weitschweifigen Kommentar gemacht hat? Den plumpen Nachäffer der Griechen, der die Schöpfungsgeschichte ganz verhunzt hat, der, indem Moses den Allmächtigen schildert, wie er durch ein Werde die Welt hervorwinkt, seinen Messias einen großen Kompaß aus einem Wandschranke des Himmels hervorholen läßt, um einen Riß seines Weltgebäudes zu entwerfen? Ich, ihn schätzen, der Tasso's Höll' und Teufel verpfuscht hat, der den Lucifer bald in eine Kröte, bald in einen Zwerg verkappt, der ihn die Leier immer herableiern läßt, die er ihm einmal in die Hand gegeben hat, der ihm theologische Dispute in den Mund legt. Ich sollte den Mann schätzen, der Ariost's komische Erfindung mit dem Schießgewehr in gutem Ernst nachäfft und sich die Teufel in dem Himmel herumkanonieren läßt. Weder mir noch sonst irgend jemand in Italien können sie gefallen, diese kahlmäuserschen Alfanzereien. Welcher Mann, der nur ein wenig Gefühl fürs Schöne hat, kann die Heirat der Sünde und des Todes und die Schlangen, die Frau Sünde gebiert, lesen, ohne daß sich sein Magen empört! Und seine weitläufige, weitschweifige Beschreibung vom Hospitale gehört nur für einen Totengräber."

„Dies dunkle, phantastische, ekelhafte Gedicht ward bei seiner ersten Erscheinung verachtet; und ich tue jetzt das, was gegen Milton seine Landsleute und Zeitverwandte taten. Übrigens sag' ich, was ich denke, und kümmre mich wenig darum, ob andre ebenso denken wie ich."

Kandiden hatten diese Urteile ein wenig gebeugt, er hielt den Homer hoch und liebte den Milton. Sie kamen nunmehr vor einen Schrank, worin teutsche Dichter standen. Lassen Sie uns vorübergehn, lieber Martin, flüsterte Kandide ihm zu. Es möchte sonst wieder ein unbarmherziges Gericht ergehn. Wobei mancher von den Herren nicht mehr als sein Recht erhalten würde, sagte Martin. Das wohl, antwortete Kandide, aber er könnte so nebenher meine Lieblinge antasten, und das hielt' ich nicht aus.

Pococurante beehrte sie noch mit einigen von seinen Urteilen; wir sind's aber satt, mehrere Schiefköpfigkeiten nachzuschreiben, und der Leser ist es auch gewiß, selbige zu lesen. Kandide brummte in den Bart: Ein großer, großer Kopf. Das nenn' ich noch Genie! Dem kann niemand etwas zu Danke machen !

Nachdem besagtermaßen Pococurantes Bücher die Mustrung passiert hatten, stiegen sie in den Garten herab. Kandide lobte alle dessen Schönheiten. Schönheiten? sagte der Eigner des Gartens. Das nennen Sie Schönheiten? Ist nichts als lauter Flitter- und Klipperkram:

Ist purer purer Schneider Scherz
Trägt nur der Schere Spur
Und nicht das große, volle Herz
Von Mutterlieb Natur.

Doch nur Geduld, morgen liegt der ganze Bettel hier in einem Klumpen, und aus dem Schutt und Graus soll ein gar ander Ding aufstehn. Wo man hintritt, wo man hinriecht und hinsieht, soll Natur entgegenwittern, und doch soll's nicht so kunterbunt, so regellos wild sein wie in den so hochgepriesnen Gärten der Engländer.

Als unsre beiden Neugierigen von dem Illustrissimo Abschied genommen hatten, sagte Kandide zu Martinen: Daß der Mann der Glücklichste unter allen Menschen ist, werden Sie mir doch wohl zugeben; er ist weit über alles erhaben, was er besitzt.

Martin. Sehn Sie denn nicht, daß er alles dessen überdrüssig ist. Die Mägen sind nicht die besten, hat schon Plato vor Jahrhunderten gesagt, die nicht jede Speise vertragen können.

Kandide. Aber, ist es nicht Wollust, jedes Ding zu bekritteln, Fehler aufzuspüren, wo andre Leute mit ihrer schlechtgeschliffnen Brille nichts als Schönheiten sehn?

Martin. Das heißt verdolmetscht, es ist Wollust, gar keine Wollust zu genießen.

Kandide. Nun dann! so bin ich denn allein der Glückliche, wenn ich mein Gundchen in den Armen haben werde.

Martin. Hoffnung ist noch das Beste, was der Mensch hat!

Indessen verflossen Tage, Wochen, Monate, und kein Kakambo erschien. Kandide war in einem solchen Meer von Wehmut versenkt, daß es ihm gar nicht einfiel, wie weder Gertrud, noch Bruder Viola wiedergekommen waren und sich für die dreitausend Piaster bedankt hatten.

Sechsundzwanzigstes Kapitel: Kandide und Martin speisten mit sechs Ausländern. Wer diese Ausländer waren
Eines Tages, als sich Kandide mit Martinen und den Fremden, die mit ihm in eben dem Wirtshause logierten, zu Tische setzen wollte, packt' ihn ein Mensch mit einem Rußgesicht von hinten beim Arme und raunte ihm zu: Daß Sie sich ja reisefertig halten! Vergessen Sie's nicht.

Kandide dreht sich um und sieht Kakambo'n. Außer Kunegunden konnte kein Anblick für ihn überraschender und erfreulicher sein. Seine Freude artete fast in Wahnsinn aus. Mit der glühendsten Umarmung sagt' er zu ihm: Oh! sie ist also hier, meine Kunegunde! Wo ist sie denn, mein Bester, Einziger? Bring mich doch zu ihr. Laß mich doch mit ihr vor Freude sterben! Kunegunde ist hier nicht, sagte Kakambo; ist zu Konstantinopel.

„Jesus und Gott! zu Konstantinopel! Doch es tut nichts. Und war' sie in China, ich flöge hin! Mit zu Schiffe! mit!" und Kandide hatte Kakambo'n schon zur Haustür hinausgerissen. Vor Essen kann daraus nichts werden, sagte Kakambo. Weiter kann ich Ihnen jetzt nichts sagen. Nur noch soviel: ich bin Sklave, mein Herr wartet auf mich. Ich muß in den Speisesaal und ihn bedienen. Sein Sie ja mäuschenstill, essen Sie Ihr Abendbrot und machen Sie sich reisefertig.

Kandide war halb ein Raub der Freude, halb der Betrübnis; der Freude, der entzückendsten Freude, weil er bald sein Gundchen wiedersehn sollte und jetzt seinen treuen Sachwalter wiedergefunden hatte; der Betrübnis, daß er letztern als Sklave sähe. Sein Herz war in wildem Aufruhr, sein Kopf drehend und wirbelnd. Er setzte sich mit Martinen, der all' diesen Abenteuern ganz kaltblütig zuschaute, und sechs Fremden zu Tische, die bloß die Faschingszeit in Venedig zubringen wollten.

Wie sie fast abgespeist hatten, sagte Kakambo zu einem dieser sechs Fremden, dem er bisher eingeschenkt hatte: Sire, Ihre Majestät können reisen, wenn's Ihnen gefällig ist, das Schiff ist klar. Hierauf ging er hinaus. Ohn' ein Wort zu sagen, sahen die Gäste einander voller Erstaunen an, als ein zweiter Bedienter sich seinem Herrn näherte und ihm sagte: Die Kutsche von Ihro Majestät steht zu Padua und die Barke ist bestellt. Sein Herr gab ihm einen Wink, worauf er fortging.

Die Gäste machten noch größre Augen als vorhin, ihr Blick verriet immer mehr und mehr ihre steigende Verwundrung. Ein dritter Diener näherte sich einem dritten Fremden und sagte: Sire, folgen Sie meinem Rat und halten Sie sich nicht länger hier auf. Ich geh' und mache alles zurechte, Ihro Majestät. Sofort verschwand er.

Kandide und Martin hielten das ganze Ding nunmehr für einen Karnevalsspaß. Ein vierter Bedienter sagte: Ihro Majestät können reisen, wenn's Ihnen gefällig ist. Der fünfte Lakai sagte eben das dem fünften Herrn. Allein der sechste hub an in ganz anderm Ton mit dem sechsten Fremden zu reden, der neben Kandiden saß. Bei meiner armen Seele! Sire, sagte er, Ihro Majestät können so wenig mehr auf Borg kriegen wie ich und 's is leicht möglich, daß wir heut' alle beide in den Schuldturm wandern müssen. Das Gescheitste, ich seh', wo der Zimmermann das Loch gelassen. Gott steh' Ihnen bei.

Wie alle Bedienten hinaus waren, verharrten die sechs Fremden, Kandide und Martin im tiefsten Stillschweigen. Endlich brach's Kandide: Ein artger Fastnachtsspaß, meine Herren! Warum sind Sie aber grade alle gekrönte Häupter? Ich meinerseits muß Ihnen gestehn, ich bin kein König, so wenig wie mein Martin da.

Jetzt nahm Kakambos Herr gravitätisch das Wort und sagte auf Italienisch: Ich bin nichts weniger als Fastnachtsnarr; ich heiße Achmet der Dritte; bin viele Jahre Großsultan gewesen; habe meinen Bruder entthront, und mein Neffe mich. Alle meine Wesire sind enthauptet worden, und ich bringe den Rest meines Lebens im alten Serail zu. Bisweilen erlaubt mir mein Neffe, Großsultan Machmud, gesundheitshalber herumzureisen. Diesmal hab' ich den Karnevalslustbarkeiten zu Venedig beigewohnt.

Ein junger Mann, neben Achmet sitzend, hub nach ihm an zu reden. Ich heiße Iwan, sagte er; bin der Kaiser aller Russen gewesen; ward schon in der Wiege entthront, mein Vater und Mutter eingekerkert, ich im Gefängnisse erzogen; manchmal steht mir's frei, herumzureisen; meine Wächter verlassen mich aber nie. Ich bin hieher gekommen, um dem Karneval beizuwohnen.

Und ich bin Karl Eduard, König von England, sagte der Dritte. Mein Vater trat mir seine Gerechtsame am Reiche ab. Ich suchte sie mit gewaffneter Hand zu verteidigen; man riß achthundert meiner Anhänger das Herz aus dem Leibe und schlug es ihnen um die Backen; mich warf man ins Gefängnis. Jetzt geh' ich nach Rom, meinen Vater zu besuchen, den König, der sowohl entthront ist wie ich, und meinen Großvater. Ich kam hieher, um dem Karneval beizuwohnen.

Nunmehr nahm der Vierte das Wort und sagte: Ich bin König der Polen, beraubt meines Erbreichs durch das Kriegsglück, das auch an meinem Vater seine Tücke übte, ich habe mich völlig der Vorsehung anheimgestellt, so wie Sultan Achmet, Zar Iwan und König Karl Eduard, denen Gott ein langes Leben verleihen wolle. Ich kam hieher, um dem Karneval beizuwohnen.

Auch ich bin König der Polen, hub der Fünfte an, verlor zweimal mein Reich, erhielt aber durch die Vorsehung einen andern Staat, worin ich mehr Gutes getan habe, als je alle Könige der Sarmaten an den Ufern der Weichsel haben tun können; auch ich stelle mich der Vorsehung anheim und bin hieher gekommen, dem Karneval beizuwohnen.

Jetzt war die Reihe zu reden an dem sechsten Monarchen. Meine Herren, sagte dieser, an Größe gleich' ich Ihnen nicht, dennoch aber bin ich, so gut wie ein andrer, König gewesen. Ich heiße Theodor und ward zum Könige in Korsika erwählt. Sonst nannte man mich Ihro Majestät und jetzt mit genauer Not mein Herr. Sonst ließ ich Münze schlagen, jetzt hab' ich keinen roten Heller; sonst hatt' ich zwei Staatssekretäre und jetzt nicht einmal einen Bedienten. Ich sah mich ehemals auf einem Throne, und zu London mußt' ich lang' im Kerker auf einem Bunde Stroh liegen. Mir ist bange, daß mich hier das nämliche Schicksal trifft, ob ich gleich wie Ihro Majestäten hierher gekommen bin, dem Karneval beizuwohnen.

Die fünf andern Könige hörten dieser Erzählung mit edlem Mitleide zu, und jeder gab dem Könige Theodor zwanzig Zechinen, um sich Kleider und Wäsche anzuschaffen, Kandide aber schenkte ihm einen Diamanten von zweitausend Zechinen.

Wer muß wohl dieser simple Partikülier sein, der imstande ist, hundertmal soviel wegzugeben als jeder von uns, und der es auch tut! sagten die fünf Könige zueinander.

In eben dem Augenblick, da man von der Tafel aufstand, kamen in eben dem Wirtshause vier durchlauchtige Herrschaften an, die das Kriegsglück gleichfalls um ihre Staaten gebracht hatte und die den Überrest des Karnevals zu Venedig zubringen wollten. Kandide, dem der Gedanke, seine traute Kunegunde aufzusuchen, die ganze Seele füllte, kümmerte sich um die Neuangekommnen nicht im geringsten.

Siebenundzwanzigstes Kapitel: Kandidens Reise nach Konstantinopel
Der treue Kakambo hatte es schon dahin gebracht, daß der türkische Schiffspatron, der den Sultan Achmet nach Konstantinopel führen sollte, Kandiden und Martinen mit an Bord nahm. Ehe selbige sich nach dem Schiff begaben, beugten sie sich tief zur Erde vor dem Schattenspielsmonarchen.

Sehn Sie, sagte Kandide unterwegs, da haben wir nun mit sechs abgesetzten Königen gespeist, und unter diesen sechs Königen war noch dazu einer, dem ich einen Zehrpfennig gegeben habe. Vielleicht gibt's noch weit mehr unglückliche Prinzen. Wie glücklich bin ich dagegen, ich habe ja nur hundert Hammel eingebüßt und fliege nun meiner Kunegund' in die Arme. Ich versichre Ihnen nochmals, lieber Martin, Panglos hatte recht: Es ist doch die beste Welt! Wollte Gott, seufzte Martin.

Allein, sagte Kandide, unser zu Venedig erlebtes Abenteuer hat wenig Wahrscheinliches. Hat man je gesehn oder gehört, daß sechs entthronte Könige in einem Wirtshause zusammen zur Nacht gespeist haben?

Das schlägt grade nicht mehr aus dem gewöhnlichen Gleis als die meisten Vorfälle, die uns begegnet sind, antwortete Martin. Daß Könige entthront werden, ist ein Erzwerkeltagsstückchen, und daß wir die Ehre gehabt haben, mit ihnen das Abendbrot zu nehmen, nun wahrlich, das ist eine solche Lumperei, daß ich nicht begreife, wie ein Schüler vom großen Panglos, ein wirklich philosophischer Kopf, davon was hermachen kann.

Kaum hatte Kandide den Fuß ins Schiff gesetzt, so stürzt' er auf seinen alten Diener, seinen Freund Kakambo zu und fiel ihm um den Hals. Nun, was macht meine Kunegunde? rief er. Ist sie noch immer das schöne Mädchen? Liebt sie mich noch immer? Oh, was macht sie? Du hast ihr unstreitig einen Palast zu Konstantinopel gekauft?

„Ach! 's hat sich was zu palasten, lieber Herr. „Die gute Kunegunde steht da am Rande des Mare di Marmara und scheuert Teller und Schüsseln; ist Sklavin von einem Prinzen, bei dem das Küchengerät herzlich dünn gesät ist. 's ist der alte Fürst Ragotsky, dem die osmanische Pforte täglich drei Taler in seiner Freistatt zufließen läßt. Alles schlimm genug, aber der hinkende Bote kömmt noch erst nach. Der Baroneß ihr niedliches Lärvchen ist ganz zum Kuckuck; sie ist, mit Respekt zu sagen, 'n wahrer Popanz geworden."

Mag's doch, sie sei Popanz oder schön, antwortete Kandide, so muß ich sie doch lieben; sie hat mein Wort, und ich bin ein teutscher Mann. Aber sag' mir, wie kann sie so zum Aschenbrödel herabgesunken sein? Du hast ihr doch fünf bis sechs Millionen gebracht? I ja doch! sagte Kakambo, hab' ich nicht dem Sefior Don Fernando d'Ibaraa y Figueora y Mascarenes y Lampourdos y Suza, Statthalter von Buenos Aires, zwei Millionen geben müssen, damit ich die Erlaubnis erhielt, Baroneß Gundchen mitnehmen zu dürfen? Und hat uns nicht all' das übrige ein Seeräuber redlich weggekapert? Und hat uns nicht eben dieser Seeräuber nach Capo Matapan, nach Milo, nach Nicaria, nach Samos, nach Aradh, nach den Dardanellen, nach Marmara, nach Scutari geschleppt? Kunegunde und die Alte dienen jetzt bei dem besagten Fürsten, und ich bin Sklave beim entthronten Sultan.

Welche unendliche Kette von entsetzlichen Unglücksfällen! sagte Kandide. Doch ich habe noch einige Diamanten, damit werd' ich Kunegunden leicht befreien können. Nur schade, daß sie so häßlich geworden ist! Hierauf wandte er sich zu Martinen und sagte: Wen halten Sie wohl für beklagenswürdiger, den Kaiser Achmet, Zar Iwan, König Karl Eduard oder mich? Um hierüber zu urteilen, müßt' ich einen Blick in Ihrer aller Herz tun können, sagte Martin. Ha! versetzte Kandide, wäre nur Panglos hier, der würde ohne diesen Blick uns dies gewiß lehren. Ich weiß nicht, was für eine Waage Ihr Panglos hätte zur Hand nehmen können, um die Unglücksfälle der Menschen und ihre Leiden genau gegeneinander abzuwägen, sagte Martin. Ich meinerseits kann weiter nichts für gewiß behaupten, als daß es auf dem Erdenrund Millionen Menschen gibt, die hundertmal bedauernswürdiger sind als König Karl Eduard, Zar Iwan und Sultan Achmet. Wohl möglich! erwiderte Kandide.

In wenig Tagen befanden sie sich auf dem Kanäle des Schwarzen Meers. Das erste, was Kandide tat, war, daß er Kakambo'n sehr teuer loskaufte, hierauf warf er sich ohn' alles Säumen mit seinen beiden Gefährten in eine Galeere, um an den Ufern des Mare di Marmara seine Kunegunde aufsuchen zu gehn, so häßlich sie auch immerhin sein möchte.

Unter den Ruderknechten waren ein paar, die gar erbärmlich ruderten; auch sprach von Zeit zu Zeit der Levantefahrer mit seinem Ochsenziemer ihren nackten Schultern zu. Jeden Hieb fühlte Kandide doppelt; und er fuhr ihm durch Mark und Bein. Durch einen innern Zug angetrieben, naht' er sich ihnen und faßte sie schärfer in's Auge.

So verunstaltet auch ihre Gesichter waren, so glaubt' er doch einige bekannte Züge darin zu entdecken; Züge, die einige Ähnlichkeiten von Panglos und dem unglücklichen gejesuiteten Baron hatten, dem Bruder von Baroneß Kunegunde.

Diese Vorstellung machte ihn ganz niedergeschlagen, packte ihn heftig. Wahrlich, sagt' er zu Kakambo, nachdem er sie noch schärfer in's Auge gefaßt hatte, hätte ich nicht den Magister Panglos hängen sehn und hätt' ich nicht den Baron unglücklicherweise über den Haufen gestochen, so dächt' ich, das wären sie beide, die an diese Bank geschmiedet sind.

Bei dem Namen Baron und Panglos stießen die beiden Ruderknechte einen lauten Schrei aus, standen still und ließen ihre Ruder fallen. Sogleich rannte der Levantefahrer auf sie los und verdoppelte die Schläge mit dem Ochsenziemer. Halten Sie ein, lieber Herr, halten Sie ein! rief Kandide. Ich will Ihnen geben, was Sie haben wollen.

Heiliger Gott! das ist Kandide, schrie einer von den Ruderknechten. Wahrlich! das ist er, rief der andre. Träum' ich? Wach' ich? rief Kandide. Bin ich hier wirklich auf der Galeere? Ist das der Baron, den ich getötet? Ist das Magister Panglos, den ich habe hängen sehn?

Wohl sind wir's! Ja, wir sind's! antworteten sie alle beide. Wie! ist das der große Philosoph? fiel Martin ein. He! Herr Levantefahrer, sagte Kandide, wieviel Lösegeld fordern Sie für den Herrn Leopold Woldemar von Donnerstrunkshausen, einen der vornehmsten Barone des Heiligen Römischen Reichs, und für den Herrn Magister Panglos, den allergründlichsten Metaphysiker in ganz Teutschland. Baron, Metaphysiker, sagte der Levantefahrer. Hum! Müssen wohl ansehnliche Ämter in deinem Lande sein! Nu, weißt du was, du Christenhund? Da sollst du mir für die beiden Christenhunde von Sklaven fünfzigtausend Zechinen geben.

Die sollen Sie haben, mein Herr, sagte Kandide. Bringen Sie mich nur schnell wie der Blitz nach Konstantinopel, und ich zahl' Ihnen das Geld auf einem Brette. Doch nein, bringen Sie mich lieber zu Baroneß Kunegunde. Gleich bei Kandidens ersten Worten hatte der Patron das Schiff umgelegt und ließ nach der Stadt schneller zurudern, als ein Vogel die Lüfte durchschneidet.

Kandide warf sich bald dem Baron um den Hals, bald Panglosen: Wie ist das möglich, lieber Baron, daß ich Sie nicht getötet habe? und wie können Sie noch leben, trauter Panglos, da Sie sind gehängt worden? Und wodurch sind Sie beide auf türkische Galeeren gekommen? Ist denn wirklich meine liebe Schwester in der Türkei? sagte der Baron. Nicht anders! antwortete Kakambo. So hab' ich dich denn wieder, lieber trauter Kandide, schrie Panglos, und drückt' ihn fest an seine Brust. Kandide stellte ihnen Kakambo'n und Martinen vor. Sie umarmten sich insgesamt und sprachen alle mit einem Male.

Schon lag die Galeere, die mit Sturmwindsfittichen geflogen war, im Hafen. Man ließ einen Mauschel kommen, welcher Kandiden einen Diamanten, der hunderttausend Zechinen unter Brüdern wert war, für die Hälfte abschacherte. Will glaich verkrümmen af der Stell', gnädiger Herr, wo ich Sie kann geben ainen roten Heller mehr, sagte der Jude.

Sogleich bezahlte Kandide das Lösegeld für den Baron und für Panglos. Letzter warf sich seinem Befreier zu Füßen und badete sie mit Tränen. Erstrer sagte mit hochadligem Kopfnicken: Ehster Tage sollen Sie Ihren Vorschuß wiederhaben, Kandide. Auf Kavaliers Parol! Ist's aber wohl möglich, daß sich meine Schwester in der Türkei befindet?

Nicht nur möglich, sondern auch wirklich, sagte Kakambo. Sie scheurt jetzt einem siebenbürgischen Fürsten sein bißchen Zinn. Sogleich mußten zwei Juden kommen; Kandide verschleuderte wieder etliche Diamanten: sie setzten sich auf eine andre Galeere und eilten, Kunegunden zu erlösen.

Achtundzwanzigstes Kapitel: Baron von Donnerstrunkshausen und Panglos erzählen, was ihnen bisher begegnet ist
Verzeihung, Ihro Wohlehrwürden, nochmals Verzeihung, daß ich Ihnen den Degen durch den Leib gejagt habe, sagte Kandide zum Baron.

Nichts mehr davon! antwortete dieser. Die Schuld war mein, muß ich gestehn; ich war ein wenig zu rasch. Doch Sie wollen wissen, was für ein Unglücksfall mich auf die Galeeren gebracht. Nun, so hören Sie. Wie der Bruder Apotheker aus unserm Kollegium meine Wunde geheilt hatte, die Sie tödlich glaubten, griff mich eine Partie Spanier an, führte mich fort nach Buenos-Aires, das meine Schwester eben verlassen hatte, und warf mich daselbst ins Gefängnis.

Ich bat um Erlaubnis, nach Rom zum Pater General gehn zu dürfen. Man fand's aber für gut, mich nach Konstantinopel zu schicken, um bei dem dortigen französischen Ambassadeur Kaplansstelle zu vertreten. Ich hatte noch nicht völlig acht Tage diese Bestallung gehabt, als mir des Abends ein ungemein wohlgebildeter junger Sultans-Page aufstieß. Erstaunlich schwül war's den ganzen Tag über gewesen, der junge Mann wollte sich baden, ich nahm die Gelegenheit wahr und badete mich mit. Ich wußte nicht, daß der Hals darauf stand, wenn ein Christ mit einem jungen Muselman zusammen in puris naturalibus betroffen wird. Ein Kadi, der mich vor sich bringen ließ, sagte mir dies, ließ mir hundert Stockprügel auf die Fußsohlen geben und verdammte mich — aus ungemeiner Milde — zu den Galeeren. Himmelschreiendere Ungerechtigkeit, glaub' ich, ist wohl nie begangen worden . .. Aber ich bitte Euch, Kandide, sagt mir, warum befindet sich meine Schwester in der Küche eines zu den Türken geflüchteten siebenbürgischen Fürsten?

Aber wie ist's möglich, trauter Panglos, rief Kandide, wie ist es möglich, daß ich Sie wiedersehe? Sonderbar muß es Ihnen freilich dünken, sagte Panglos, da Sie mich haben hängen sehn. Nach der Regel hätt' ich müssen verbrannt werden. Sie werden sich aber noch erinnern, daß es regnete, als gösse es mit Mulden, grad' als ich sollte geschmort werden. Dies Schlackerwetter ward so heftig, hielt so lang' an, daß man das Holz gar nicht zum Brennen bringen konnte. Da war also kein bess'rer Rat, als mich zu hängen. Ein Feldscher kaufte meinen Leichnam, nahm ihn mit nach Hause und hub ihn an zu sezieren. Er begann sogleich mit einem Kreuzschnitt vom Nabel an bis zum Schlüsselbein herauf. Erbärmlicher wie ich war wohl noch niemand gehängt worden. Der Vollstrecker der hochnotpeinlichen Halsgerichtsbarkeit bei der heiligen Inquisition, der Unterdiakonus war, verstand sich zwar perfekt darauf, Leute zu verbrennen, aber das Hängen war seine Sache gar nicht. Der Strick •war naß, glitschte also nicht, und er schlug einen ganz jämmerlichen Knoten.

Kurz, ich hatte noch Leben, beim Kreuzschnitt schrie ich so laut auf, daß der Feldscher rücklings zu Boden stürzte und sich einbildete, er hätte den Teufel seziert. Halbtot vor Schrecken rannt' er Hals über Kopf zur Stubentür hinaus, und Hals über Kopf stürzt' er auch die Treppe hinunter.

Die Frau kam über das Gepolter aus dem benachbarten Kabinett herzugerannt, sah mich mit dem Kreuzschnitt über den Tisch ausgestreckt liegen. Es kam sie noch ärgers Grauen an als ihren Mann, sie rannte volles Rennens nach der Treppe, fiel selbige herunter und auf ihre liebe Ehehälfte.

Als sie sich wieder erholt hatten, hört' ich die Frau zum Manne sagen: Wie hast du dir's denn können einfallen lassen, Papachen, einen Ketzer zu sezieren? Weißt ja wohl, daß dergleichen Kerls immer den Teufel im Leibe haben. Will nur hurtig hinlaufen und einen Priester holen, damit der ihn austreibt.

Bei diesen Worten lief mir's ganz kalt übern Nacken, ich glaubte, die Inquisition hätte mich schon wieder beim Schopf, raffte daher den wenigen Überrest meiner Kräfte zusammen und schrie: Um aller Heiligen willen, erbarmt Euch mein. Endlich bekam der portugiesische Barbier wieder Herz, ging herauf, flickte meine Haut wieder zusammen; seine Frau ließ es auch an keiner Pfleg' und Wartung mangeln, so daß ich nach vierzehn Tagen wieder auf den Beinen war.

Der Barbier tat sich nach einem Dienst für mich um und brachte mich als Lakai bei einem Malteserritter an, der nach Venedig ging. Da ich aber von diesem meinem Herrn keine Zahlung erlangen konnte, so begab ich mich bei einem Venezianer Kaufmann in Dienst, welcher nach Konstantinopel reiste.

Eines Tages kam ich auf den Einfall, in eine Moschee zu gehn; es befand sich niemand weiter darin als ein alter Iman und eine junge Andächtige; ein gar niedliches Dingelchen, das ihr Paternoster hersagte. Ihr liebreizender Busen war ganz unverhüllt. Ein schöner Strauß von Tulpen, Rosen, Anemonen, Ranunkeln, Hyazinthen und Bergschlüsselblumen steckte zwischen den warmwallenden Marmorhügeln, die so stark hüpften, daß sie den Strauß auf die Erde fallen ließen. Ich flog hinzu, hob ihn auf und steckte ihn wieder vor mit einer sehr ehrfurchtsvollen Geschäftigkeit und Zärtlichkeit.

Beim Anordnen der Blumen bracht' ich so lange zu, daß der Iman in Harnisch geriet und um Hilfe rief, weil er sahe, daß ich ein Christ war. Man führte mich vor den Kadi, der mir hundert Schläge mit dünnen Röhrchen auf die Fußsohlen geben ließ. Ich ward grad' auf eben die Galeere und grad' auf eben die Bank geschmiedet, worauf sich der Herr Baron befand.

Auf der nämlichen Galeere waren vier junge Marseiller, fünf neapolitanische Priester und zwei Mönche aus Korfu, die uns versicherten, dergleichen wären Alltagsgeschichtchen. Der Herr Baron behauptete stets, ihm wäre weit größeres Unrecht widerfahren wie mir; ich aber behauptete, es sei weit erlaubter, einem jungen Frauenzimmer einen Strauß wieder vor den Busen zu stecken, als sich in puris naturalibus mit einem Sultans-Pagen allein zu befinden. Wir disputierten beständig und empfingen richtig alle Tage unsere dreißig Karbatschenstreiche, als Sie durch die Verknüpfung der Begebenheiten in dieser Welt auf unsre Galeere kamen und uns loskauften.

„Nun, liebster Panglos, blieben Sie noch immer bei Ihrem Satze, wie Sie gehängt, seziert, zerprügelt, Ruderknecht geworden waren? Hielten Sie noch immer diese Welt für die beste?" Noch immer! häng' ich fest an meiner ersten Meinung, sagte Panglos, denn mit einem Wort, ich bin Philosoph, und der läßt sein System nie fahren, überdies konnte Leibniz gar nicht unrecht haben, und zudem gibt's nichts Vortrefflicheres auf der Welt als die vorherbestimmte Harmonie wie auch Lehre vom Raum und von dem Unteilbaren der Natur.

Neunundzwanzigstes Kapitel: Was maßen Kandide Kunegunden und die Alte wiederfand
Indes, daß Kandide, der Baron, Panglos, Martin und Kakambo sich ihre Abenteuer erzählten, über die zufälligen und nichtzufälligen Begebenheiten auf dem Weltall vernünftelten, über Wirkungen und Ursachen, über das moralische und physische Übel, über Freiheit und über Notwendigkeit herumdisputierten und über die Seelenstärkungen, die man auf den türkischen Galeeren bekommen kann, war ihr Schiff an das Haus des siebenbürgischen Fürsten angelandet, am Strande des Mare di Marmara.

Das erste, was ihnen ins Auge fiel, war Kunegunde und die Alte, die Servietten über eine Leine zum Trocknen hingen. Bei diesem Anblick erblaßte der Baron. Kandide, der zärtlich liebende Kandide, wich drei Schritt zurück, es überfiel ihn ein Grauen, als er die schöne Kunegunde so verwandelt sahe. Ihre Augen waren rot, triefend, ihr Busen brettern, ihre Wangen verschrumpft, ihre Arm' und Hände scharlachfarben und schuppicht. Um sie aber nicht zu kränken, naht' er sich ihr. Sie umarmte Kandiden und ihren Bruder; man umarmte die Alte, und Kandide kaufte sie alle beide los.

In der Nachbarschaft lag ein kleines Vorwerk. Die Alte tat Kandiden den Vorschlag, es in Erwartung glücklicherer Zeiten zu kaufen. Kunegunde wußte nicht, daß sie war häßlich geworden; es hatte niemand davon einen Wink fallen lassen. Sie erinnerte Kandiden an sein Versprechen in einem so gebietrischen Tone, daß der gute Kandide sich nicht unterstand, ihr einen Korb zu geben. Er ging also hin zum Baron und notifizierte ihm, daß er seine Schwester heiraten würde.

Diese Niederträchtigkeit von Seiten meiner Schwester und diese Frechheit von Seiten Ihrer, Kandide, werd' ich nie zugeben, sagte der Baron. Bei Gott! diese Infamie soll man mir nie vorwerfen! Die Kinder meiner Schwester würden nie Stifts- und turnierfähig sein! Nein, meine Schwester soll nie einen andern bekommen als einen Reichsfreiherrn.

Kunegunde warf sich ihm zu Füßen und badete sie mit Tränen; er blieb unbeweglich. Hans Hasenfuß! rief Kandide. Ich habe dich von den Galeeren gerettet, habe für dich und für deine Schwester das Lösegeld bezahlt. Sie war hier Scheuermädel, ist häßlich wie die Sünde, ich bin so gutherzig und will sie zum Weibe nehmen, und du willst es nicht zugeben. — Töten kannst du mich, aber heiraten sollst du nie die Baroneß, meine Schwester, so lang' ich lebe, rief der Baron.

Dreißigstes Kapitel: Schlußszene
So rechte Lust hatte freilich Kandide eben nicht, Kunegunden zu heiraten, indes hatte er sein Wort einmal gegeben, Kunegunde drang so heftig in ihn, und der außerordentliche Junkerstolz des Barons verdroß ihn so sehr, daß er den festen Entschluß faßte, die Heirat zu vollziehen. Vorher pflog er mit Panglosen, Martinen und Kakambo'n geheimen Rat.

Panglos verfertigte einen gar stattlichen Aufsatz, worin er bewies, daß dem Baron keine Gerechtsame über seine Schwester zustünden und daß sie nach allen Reichsgesetzen sich Kandiden konnte an die linke Hand trauen lassen. Martin stimmte dahin, daß der Baron sollte in's Meer geworfen werden. Kakambo tat den Ausspruch: Man müsse ihn wiederum dem Levantefahrer überantworten, eine Zeitlang an die Ruderbank schmieden und dann mit dem ersten, besten Schiffe nach Rom an den Pater General schicken.

Diesem Gutachten ward einstimmig beigetreten; die Alte billigte es auch, wie sie's erfuhr; vor Kunegunden ward's verheimlicht. Mit etlichen Dukaten war das Projekt ausgeführt, und man hatte die Freude, einen Jesuiten zu überlisten und einen ahnenstolzen Gauch zu bestrafen.

Verheiratet mit seiner Trauten, umgeben vom Philosoph Panglos und Philosoph Martin, vom klugen Kakambo und der weisen Alten und überdies im Besitz so vieler Diamanten, die er aus dem Vaterlande der alten Inkas mitgebracht, hätte man glauben sollen, daß Kandide das wonnigste Leben von der Welt führen müßte. Gewaltig geirrt! Die Juden hatten ihn so vielfältig geprellt, daß er weiter nichts übrigbehielt als sein Vorwerkchen; seine Frau ward täglich häßlicher und zugleich zänkisch und unleidlich; die Alte kränkelte in einem fort und war noch üblerer Laune als Kunegunde. Kakambo, der im Garten arbeitete und die Hülsenfrüchte nach Konstantinopel herein zum Verkauf trug, arbeitete und plackte sich ganz ab und vermaledeite sein Schicksal. Panglos war voll des bittersten Unmuts, daß er nicht mehr als Professor auf irgendeiner Universität seines deutschen Vaterlands glänzen konnte. Martin nahm alles, was ihn traf, gelassen hin, in der festen Überzeugung, daß allenthalben Elend und Unglück herrsche.

Kandide, Martin und Panglos disputierten manchmal über Sätze aus der Metaphysik und Moralphilosophie. Unter ihren Fenstern passierten sehr oft Schiffe vorbei, die mit Effendis, Bassas, Kadis beladen waren, welche nach Lemnos, Mytilene und Erzerum ins Elend geschickt wurden. Es kamen frische Bassas, frische Kadis, frische Effendis wieder, welche an den Platz der vertriebenen traten und nicht lange drauf wieder aus selbigen vertrieben wurden. Es schifften gar wohleinballierte Köpfe vorbei, die der hohen Pforte überreicht werden sollten.

Diese abwechselnden Auftritte gaben immer neuen Stoff zu neuen lebhaften Abhandlungen; wenn sie sich aber ausdisputiert hatten, herrschte eine so unausstehliche Langeweile unter ihnen, daß die Alte sich eines Tages unterstand, folgende Frage aufzuwerfen: Ich möchte wohl wissen, was schlimmer ist, hundertmal von maurischen Seeräubern geschändet zu werden, sein halbes Hinterteil sich abnehmen zu lassen, bei den Bulgaren Spießruten zu laufen, bei einem Autodafe gestäupt und aufgehängt zu werden, sich sezieren zu lassen, als Sklav auf den Galeeren zu rudern, kurz all' das Elend auszustehn, das wir insgesamt erlitten haben, oder sein ganzes Leben die Hand' im Schoße so hier zuzubringen. Eine wichtige Frage! sagte Kandide. Diese Frage brachte neue Betrachtungen auf die Bahn, und Martin zumal nahm Anlaß, hieraus zu folgern, der Mensch sei dazu geboren, sein Leben entweder in beständigem, krampfartigem Regen und Bewegen zuzubringen oder in der untätigsten schlaraff enhaftesten Langeweile.

Kandide war ganz andrer Meinung, die er aber nicht äußerte. Panglos räumte zwar ein, er habe stets das gräßlichste Elend erduldet; verfocht aber demungeachtet sein einmal angenommnes System: „Diese Welt ist doch die beste", auf's eifrigste, ohn' im geringsten daran zu glauben.

Jetzt ereignete sich ein Vorfall, der Martinen völlig in seinen verdammlichen Grundsätzen befestigte, Kandiden schwankender machte denn je und Panglosen nicht wenig in die Klemme trieb. Eines Tages kam nämlich Gertrud mit dem Bruder Viola in ihren Hof gewandert. Sie waren beide im äußersten Elende. Die dreitausend Piaster hatten sie Hals über Kopf durch die Gurgel gejagt, sich darauf getrennt, wieder ausgesöhnt, von neuem überworfen, im Gefängnis gesessen, sich daraus geflüchtet, und endlich war Bruder Viola Türke geworden. Wo sie hingekommen waren, da hatte Gertrud ihr Handwerk fortgesetzt, ohne damit was vor sich bringen zu können.

Ich sah's wohl voraus, daß Ihre Geschenke bald zerrinnen und daß die Leute unglücklicher werden würden denn zuvor, sagte Martin. Sie und Ihr Kakambo hatten Piaster zum Scheffeln und waren deshalb doch nicht glücklicher wie Bruder Viola und Gertrude. Haha! sagte Panglos zu Gertruden. So führt dich doch der Himmel wieder zu uns, herziges Kind. Weißt du wohl, daß du mich um die halbe Nase, um ein Auge und ein Ohr gebracht hast. .. O wie du aussiehst! ... Doch das ist alles der Welt Lauf. Über diesen Vorfall fingen sie stärker an zu philosophieren denn je. Sie hatten in der Nachbarschaft einen weitberühmten Derwisch, der für den besten Philosophen in der ganzen Türkei gehalten wurde; zu dem gingen sie und frugen ihn um Rat. Panglos war Sprecher. Wir kommen zu dir, Meister, um von dir zu erfahren, wozu das sonderbare Geschöpf, Mensch genannt, ist geschaffen worden?

Was kümmert dich das? sagte der Derwisch. Ist das deine Sache? Allein wohlerwürdiger Vater, hub Kandide an, es gibt gräßliches Elend auf Erden. Ob Elend oder Glück, gleichviel! antwortete der Derwisch. Wenn Ihro Kaiserliche Majestät ein Schiff nach Ägypten sendet, kümmert Sie sich wohl darum, ob's den Ratten und Mäusen im Schiffsboden behaglich ergeht oder nicht? Was soll man also machen? fragte Panglos. Schweigen! erwiderte der Derwisch. „Ich machte mir Hoffnung, über Wirkungen und Ursachen, über die beste der möglichsten Welten, über den Ursprung des Übels, über die Beschaffenheit der Seele und der vorherbestimmten Harmonie mich mit dir zu unterreden." Bei dieser Rede Panglosens warf der Derwisch ihnen die Türe vor der Nase zu.

Während dieser Unterredung erscholl das Gerücht, daß zu Konstantinopel zwei Wesire des Diwans und der Mufti erdrosselt und viele ihrer Freunde angepfählt worden seien. Dieser tragische Vorfall gab einige Stunden lang nicht wenig Gemunkel. Wie Kandide, Panglos und Martin wieder nach ihrem Vorwerkchen zurückkehrten, fanden sie einen wackern Greis in einer Pommeranzlaube vor seiner Tür sitzen, um der Kühle zu genießen. Panglos, der ein ebenso neugieriges als disputiersüchtiges Geschöpf war, fragte ihn, wie der eben erdrosselte Mufti hieße. Das weiß ich nicht, antwortete der ehrliche Alte, ich hab' mein Lebtage nicht gewußt, wie irgendein Mufti heißt oder ein Wesir; habe kein Sterbenswort von der ganzen Historie gehört. Ich denke, all' die politischen Kannengießer und Pfannenflicker mit dem Maul und in der Tat reiten gemeiniglich am Ende gar übel an, und's kann ihnen gar nicht schaden. Ich meines Parts erkundige mich niemals, was in Konstantinopel vorgeht, schicke meine selbstgepflanzten Gartenfrüchte 'rein und damit holla! Wie er dies gesagt hatte, führt' er die Fremden in sein Haus; seine beiden Töchter und beiden Söhne setzten ihnen vielerlei selbstverfertigte Sorbets vor. Sie bestanden aus Kaimak, dem man durch eingemachte Zedratschale, Pommeranzen, Zitronen, Limonen, Ananas, Pistazien einen herben Geschmack gegeben hatte; aus mokkaschem Kaffee, unvermischt mit dem elenden batavischen und insulanischen. Hierauf beräucherten die beiden Töchter des guten Muselmans Kandiden, Panglosen und Martinen die Bärte.

Sie müssen ein recht großes und prächtiges Landgut haben, sagte Kandide zum Türken. Weiter nichts als zwanzig Hufen, antwortete der Alte. Die bau' ich mit meinen Kindern an. Arbeit verscheucht die drei schlimmsten Feinde von uns, die Langeweile, das Laster und den Mangel.

Kandide behielt diese Rede des Türken und bewegte sie in seinem Herzen. Ha, sagt' er zu Panglos und Martin, dieser gute Greis scheint sich ein Los verschafft zu haben, das dem Lose der sechs Könige, mit denen wir die Ehre gehabt zu speisen, weit vorzuziehen ist.

Nichts gefährlicher in der Welt als Größe, sagte Panglos. Hierin stimmen alle Philosophen überein. Denn schließlich ward Eglon, der König der Moabiter, durch Ehud gemeuchelmordet; Absalon an den Haaren aufgehängt und mit drei Spießen durchstochen; König Nadab, der Sohn Jerobeams, ward durch Baesa getötet, König Ella durch Simri und König Joram und Ahasja durch Jehu, Königin Athalja durch den Priester Jojada; die Könige Jojakim, Jojachin und Zedekia wurden Sklaven. Ihr wißt das elende Ende von Krösus, Astyages, Darius, Dionys von Syrakus, Pyrrhus, Perseus, Hannibal, Jugurtha, Ariovist, Cäsar, Pompejus, Nero, Otto, Vitellius, Domitian, Richard dem Zweiten von England, Eduard dem Zweiten, Heinrich dem Sechsten, den drei Richards, Marie Stuart, Karl dem Ersten, den drei Heinrichen von Frankreich, vom Kaiser Heinrich dem Vierten? Ihr wißt ------

Ich weiß auch, sagte Kandide, daß unser Garten muß angebaut werden. Da haben Sie recht, sagte Panglos; denn wie Gott den Menschen in den Garten Eden setzte, setzte er ihn deshalb herein, ut operaretur eum, daß er ihn bebaute. Der beste Beweis, daß der Mensch nicht zur Ruhe geschaffen ist. Laßt uns arbeiten, ohne alle Vernünfteleien, sagte Martin. Das ist das einzige Mittel, sich das Leben erträglich zu machen.

Dies lobenswürdige Vorhaben unterstützte die kleine Gesellschaft tätig. Das kleine Gütchen trug viel ein. Kunegunde war grundhäßlich, wußte aber ganz treffliche Pasteten zu backen; Trudehen stickte und nähte; die Alte besorgte die Wäsche. Sogar Bruder Viola blieb kein unnützes Rad am Wagen; er wurde ein sehr guter Tischler, ja sogar ein rechtschaffner Kerl.

Und Panglos sagte manchmal zu Kandide: Jegliche Begebenheit im menschlichen Leben gehört in die Kette der Dinge. Denn wären Sie nicht Baroneß Kunegundens halber mit derben Fußtritten aus dem schönsten aller Schlössser gejagt, von der Inquisition nicht eingezogen worden, hätten Sie nicht Amerika zu Fuße durchwandert, dem Herrn Baron nicht einen tüchtigen Stoß mit dem Degen versetzt, nicht all' ihre Hammel aus dem guten Lande Eldorado eingebüßt, so würden Sie jetzt nicht hier eingemachten Zedrat und Pistazien essen. Gut gesagt! recht gut! sagte Kandide, allein wir müssen unsern Garten bestellen.
Voltaire
Kandide
oder
Die beste aller Welten
Übersetzt von Wilhelm Christhelf Sigismund Mylius
Erstes Kapitel: Was maßen Kandide in einem schönen Schlosse erzogen und aus selbigem fortgejagt wird
In Westfalen auf dem Schlosse des Herrn Baron von Donnerstrunkshausen ward mit der jungen Herrschaft zugleich ein junger Mensch erzogen, ein gar liebes, sanftes Geschöpf, aus dessen kleinstem Gesichtszuge Sanftheit hervorblickte. An Kopf fehlt' es ihm gar nicht, und doch war er so offen, so rund, so ohn' alles Arg wie unsre Ahnen. Ebendeswegen, glaub ich, nannte ihn Baroneß Engeline, Schwester des Herrn Barons, Kandide. Wie hätte eine Dame, die anderthalb Jahr zu Berlin in französischer Pension gewesen, sich auf einen teutschen Namen besinnen, oder wenn sie sich ja darauf besonnen, ihn goutieren können?

Kandide war - munkelten die alten Bedienten im Hause, - eine heimliche Liebesfrucht von ebenbesagter Schwester des Herrn Barons und einem guten ehrlichen Schlag von Landjunker aus der Nachbarschaft. Zum Gemahl hatte ihn die gnädge Baroneß nie gemocht, weil der arme Schlucker seinen Adel mit nicht mehr als einundsiebenzig Ahnen belegen konnte und weil der Rest seines Stammbaums durch den scharfen Zahn der Zeit war auf genagt worden.

Der Herr Baron, Hans Jost Kurt von Donnerstrunkshausen, war einer der Matadore in Westfalen, denn sein Schloß hatte Tür' und Fenster, ja sogar einen austapezierten Saal. Seine Kettenhunde stellten, wenn Not an Mann kam, eine Jagdkoppel vor, seine Stallknechte die Jäger und der Priester im Dorfe den Oberschloßkaplan. Alt und jung nannte den alten Herrn Ihro hochfreiherrliche Gnaden, und wollte vor Lachen bersten, wenn er etwas erzählte.

Die Frau Baroneß stand in gar großem Ansehn, denn sie wog richtig ihre dreihundertundfünfzig Pfund, wo nicht noch mehr, und wußte die Honneurs mit einer Würde zu machen, die ihr noch größre Hochachtung verschaffte.

Ihre Tochter, die Baroneß Kunegunde, war ein munters, rundes, rotbäckiges Ding, siebzehn Sommer alt und gar lieblich anzuschaun; Junker Polde, ihr Bruder, ein würdiges Ebenbild des gnädgen Herrn Papa. Magister Panglos, der Hofmeister der jungen Herrschaft, stellte das Hausorakel vor. Der junge Kandide schluckte jegliche seiner Lehren mit der Treuherzigkeit hinter, die seinem Alter und Charakter gemäß war.

Panglos lehrte die Metaphysiko-theologo-kosmolo-nigologie; bewies mit der stärksten philosophischen Suade, daß ohne Ursach keine Wirkung sein könne, und daß in dieser besten aller möglichen Welten das Schloß des gnädgen Herrn Barons das schönste aller Schlösser sei und die gnädge Frau die beste aller möglichen Baroninnen.

Es ist bereits klärlich dargetan, hub er zu demonstieren an, daß die Dinge nicht anders sein können, als sie sind; denn alldieweil alles, was da ist, zu einem Endzweck geschaffen worden, so zielt notwendig alles zu dem besten Endzweck ab. Gebt nur acht, und Ihr werdet diese Grundwahrheit durchgängig bestätigt finden. Betrachtet zum Beispiel Eure Nasen. Sie wurden gemacht, um Brillen zu tragen, und man trägt auch welche. Eure Beine: Ihr empfingt sie, um sie zu bestrümpfen und zu beschuhen, und Ihr bestrümpft und beschuht sie. Seht die Quadersteine an! Sie wachsen, um zersägt, behauen, und zum Bau der Paläste verwandt zu werden, derohalben hat unser gnädiger Herr Baron einen gar herrlichen Palast von Quadersteinen; der größte Baron im ganzen Herzogtume muß die beste, bequemste Wohnung haben, und hat sie auch. Die Schweine schuf Gott, damit der Mensch sie äße, essen wir nicht Schweinefleisch jahraus jahrein? Folglich ist es Torheit mit einigen zu behaupten, daß alles gut gemacht ist, aufs beste ist alles gemacht, muß man sagen.

Das fing der junge Kandide mit beiden offnen Ohren auf, und glaubte es in seiner Herzenseinfalt steif weg, denn er fand Baroneß Gundchen außerordentlich schön, ob er gleich nie den Mut gehabt hatte, es ihr zu sagen. Er schloß, die erste Stufe irdischer Glückseligkeit wäre Freiherr auf und von Donnerstrunkshausen, die zweite Baroneß Kunegunde zu sein, die dritte, sie täglich zu sehen, die vierte, den Magister Panglos zu hören, den größten Philosophen im ganzen Westfälischen Kreise, folglich auch in der ganzen Welt.

Eines Tages, als Baroneß Kunegunde in dem kleinen Gehölze am Schlosse spazierenging, das man den hochfreiherrlichen Park nannte, erblickte sie hinter dem Gesträuch den Herrn Magister Panglos, der Versuche aus der Experimentalphysik mit ihrer Frau Mutter Kammerjungfer anstellte, einem gar niedlichen und gar gefügen braunen Dirnchen. Die junge Baroneß lauscht' und lauschte mit dem leisesten Atemzug und beobachtete - denn sie hatte ungemeine Anlage zu den Wissenschaften - all' die Experimente, die der Magister von Zeit zu Zeit wiederholte; sähe Panglosens zureichenden Grund, die Ursachen und Wirkungen gar deutlich, und schlich fort in tiefen Gedanken. Ihr war so wohl und so weh ums Herz; die Begier, gelehrt zu werden, füllte ihre ganze Seele, und der Gedanke: sie könnte wohl des jungen Kandide zureichender Grund werden, und er der ihrige. Beim Hereintreten ins Schloß begegnete ihr Kandide; sie ward rot, Kandide auch. Guten Morgen Kandide! stammelte sie. Und Kandide schwatzte mit ihr, ohne zu wissen was. Den folgenden Tag, nach aufgehobner Mittagstafel, befanden sich Kunegund' und Kandide hinter einer spanischen Wand; Kunegunde ließ ihr Schnupftuch fallen, Kandide hob's auf; sie nahm ihn in aller Unschuld bei der Hand, er, auch in aller Unschuld, küßte der jungen Baronesse die ihrige, und das so warm, so herzlich! O es war keiner von Euren Theaterküssen! Ihre Lippen begegneten einander, ihre Augen erglühten, ihre Kniee bebten, ihre Hände verirrten sich.

In eben dem Nu ging der Herr Baron von Donnerstrunkshausen bei dem Schirm vorbei, und diese Ursach' und diese Wirkung erblickend, jagt' er Kandiden mit derben Fußtritten zum Schlosse hinaus. Gundchen sank in Ohnmacht; sobald sie sich ein wenig erholt hatte, ward sie von der gestrengen Frau Mama wieder völlig in's Leben zurückmaulschelliert, und in dem schönsten und anmutigsten aller Schlösser herrschte Bestürzung über Bestürzung.

Zweites Kapitel: Wie's Kandiden unter den Bulgaren geht
Vertrieben aus seinem irdischen Paradiese wanderte Kandide mit weinendem Auge fort, ohne zu wissen wohin, oft gen Himmel blickend, noch öfter nach dem Palaste, der die schönste aller jungen Baronessinnen in sich schloß; mit leerem Magen legt' er sich mitten im Felde hin, zwischen zwei Furchen. Es schneite die Nacht durch heftig; ganz erstarrt schlich Kandide mit dämmerndem Morgen nach einer benachbarten Stadt. Sterbensmatt vor Hunger und Strapaze, nicht einen Heller Geld bei sich, macht' er vor der Tür eines Wirtshauses höchst betrübt halt.

Zwei Blauröcke wurden ihn gewahr. Ha! ein hübscher Kerl, Herr Bruder! sagte der eine. Wie'n Rohr gewachsen! Just so groß, wie wir'n brauchen! Sie gingen auf Kandiden los und baten ihn sehr höflich, zu Mittag mit ihnen zu speisen. Ich finde mich ungemein durch Ihre Einladung beehrt, meine Herren, sagte Kandide mit einem bescheidenen Ton, der gleich seine Nation verriet, allein ich habe kein Geld, kann meine Zeche nicht zahlen. Ach! was Geld! was Zeche zahlen! sagte einer von den Männern. Das haben solche wohlgewachsne, artige junge Herren wie Sie nicht nötig. Sie messen sechs Zoll?

Die mess' ich, meine Herrn, sagte er mit einer Verbeugung. "Hurtig, mein Herr! zu Tische. Wir zahlen nicht allein die Zeche für Sie, wir werden auch sorgen, daß es einem Manne wie Ihnen nie an Gelde fehlt. "Wozu sind die Menschen in der Welt, als einander beizustehn, unter die Arme zu greifen?" Wohl wahr! sagte Kandide, so hat mich der Herr Magister Panglos immer gelehrt, und ich sehe wohl ein, daß alles aufs beste gemacht ist. Man drang ihm etliche Taler auf; er wollt' ihnen dafür schwarz auf weiß geben; sie wollten's nicht. Man setzt sich zu Tische, ißt, trinkt. Nicht wahr, fängt der eine an, Sie sind ihm recht herzlich gut dem . . . Dem herzensguten engelhaften Kunegundchen? antwortet' er. Wohl bin ich's; ich liebe sie; bete sie an. "Nicht doch! den König der Bulgaren meinen wir, ob Sie dem recht herzlich gut sind?" Was wollt' ich? Ich kenn' ihn gar nicht, antwortete jener; hab' ihn nie gesehn. "Kennen ihn gar nicht! Haben ihn nicht gesehn! Den Mann nicht! Teufel! das ist der trefflichste Herr auf Gottes Erdboden! solchen König gibt's gar nicht mehr! Hallo! Er soll leben!" Das soll er! rief Kandide aus vollem Herzen, und stieß an. Wie er geleert, hieß es: Na, so wär's denn geschehn! Nun sind Sie Held! Die Säule der Bulgaren! Ihr Schutz und ihr Schirm! Die Schranken der Ehre stehn vor Ihnen geöffnet! Lorbeern ohne Zahl warten Ihrer!

Sogleich legte man ihm Schellen an die Füße und führte ihn zum Regimente. Da lernt' er das Rechtsundlinksumkehrteuch, Gewehr hoch, Gewehr beim Fuß, Feuer, Marsch, und kriegt' dabei dreißig Prügel; den andern Tag exerziert' er schon ein wenig besser und bekommt nur zwanzig; den Tag drauf gar nur zehne, und all' seine Kameraden gafften ihn als ein blaues Meerwunder an.

Kandide war noch ganz verdutzt, konnte gar nicht recht begreifen, wie er so im Hui zum Helden geworden. An einem schönen Frühlingsmorgen fällt's ihm ein, spazierenzugehn. Er schlendert grade vor sich hin, der Meinung: die Menschen hätten sowohl wie die Tiere das Vorrecht, sich ihrer Beine nach Belieben zu bedienen. Kaum hat er zwei Meilen gemacht, wie ein Blitz sind ihm vier andre sechsschuhige Helden auf den Hals, binden ihn und werfen ihn in ein Loch, wohin nicht Sonne nicht Mond kam.

Ein wohllöbliches Kriegsgericht fragte ihn, was er lieber wollte, sechsunddreißigmal Spießrutenlaufen oder sich drei bleierne Kugeln mit eins ins Gehirn jagen lassen. Kandide hatte gut sagen, daß des Menschen Wille frei sei und daß er keins von beiden möchte; das half nichts, er mußte wählen. Sonach entschloß er sich denn, kraft der lieben Gottesgabe, Willensfreiheit genannt, sechsunddreißigmal Spießruten zu laufen.

Zweimal hatte er die Wandrung gemacht, Gaß' auf, Gaß' ab; und weil das Regiment aus zweitausend Mann bestand, hatte er seine viertausend Hiebe richtig weg. Alle Muskeln und Nerven vom Nacken an bis zum Wirbelbein des Rückens herab, lagen ganz blank und bar da. Den dritten Gang machen sollend und nicht könnend, erbat er sichs zur Gnade, erschossen zu werden. Man gestand's ihm zu; verband ihm die Augen, ließ ihn niederknien.

In eben dem Nu reitet der König der Bulgaren vorbei, fragt, was der arme Sünder begangen und nimmt aus allen Umständen ab - denn er war ein großes Genie -, daß Kandide ein junger Metaphysiker sei, dabei noch völlig Neuling in der Welt, und begnadigte ihn mit einer Milde, die Welt und Afterwelt in Journalen und Chroniken preisen wird. Ein braver Kompaniefeldscher kurierte Kandiden binnen drei Wochen mit erweichenden Mitteln nach der Vorschrift des großen Dioskorides. Haut hatte Kandide bereits schon ziemlich, und marschieren könnt' er auch schon, als der König der Bulgaren dem Könige der Abaren ein Treffen lieferte.

Drittes Kapitel: Wie Kandide den Bulgaren entkam und wie's ihm nachher erging
So flink und flimmernd, so wohlgeordnet, so stattlich hatte man noch nie Armeen gesehn als diese beiden. Trompeten und Pfeifen, Hoboen und Trommeln, Mörser und Kanonen machten ein so vollstimmiges Konzert, als selbst Satanas in der Hölle nicht geben kann.

Zuerst rissen die Kanonen auf jeder Seite so ein sechstausend Mann nieder, alsdann säuberte das Musketenfeuer die beste aller möglichen Welten von so ein neun- bis zehntausend Schurken, die deren Oberfläche angesteckt hatten. Das Bajonett war gleichfalls ein zureichender Grund, daß einige tausend Menschen umkamen. Die ganze Summe mochte sich wohl auf ein dreißigtausend Seelen belaufen.

Kandide, der als echter Philosoph zitterte und bebte, ließ die heroischen Metzger immer fortmetzeln und verbarg sich, so gut er konnte.

Endlich hatte die Fehd' ein Ende; die beiden Könige ließen das Te Deum in ihren Lagern anstimmen. Derweil faßte unser Kandide den Entschluß, in andern Gegenden über Wirkungen und Ursachen zu philosophieren; stieg über die Haufen der Toten und Sterbenden weg und arbeitete sich in einen nahbelegnen Aschenhaufen vom Dorfe herein. Es hatte vor kurzem den Abaren gehört, und die Bulgaren hatten es dem Völkerrechte gemäß abgebrannt.

Greise lagen hier, die Wund' an Wunde hatten und neben sich ihre zermetzelten Weiber mußten hinsterben sehn, an deren blutenden Brüsten ihre Säuglinge zappelten; dort gaben Jungfrauen ihren Geist auf, deren jegliche einem Halbdutzend Helden ihre Naturbedürfnisse hatte stillen müssen und nachher war entbaucht worden; hier schrien andre, deren Leichnam halbverbrannt war: man möcht' ihnen nur den Rest geben. Die ganze Erde war mit Gehirnen übersät und mit Armen und Beinen.

Kandide floh in voller Hast in ein ander Dorf. Es gehörte den Bulgaren, und die Helden unter den Abaren hatten ihnen kein Haar besser mitgespielt. Noch immer mußte der arme Flüchtling über zuckende Glieder gehn und über Schutt und Graus. Endlich sah' er sich außerhalb des Kriegstheaters; in seinem Schnappsack etwas weniges Mundproviant habend und in seinem Herzen die ihm unvergeßliche Baroneß Gundchen. Als er in Holland ankam, war er mit seinem Proviant zu Rande; da er aber gehört hatte, hier sei jedermann reich und Christ, so dacht' er, es würd' ihm hier so gut gehn als im Schlosse des Herrn Barons, bevor er aus selbigem Baroneß Gundchens schöner blauer Augen halber war gejagt worden. Er sprach viele gravitätsche Allongenperücken, die sich bei ihm vorbeischoben, um einen Zehrpfennig an und viele ehrbare alte Hauspostillen, die bei ihm wegtrippelten; allein diese sowohl wie jene rückten mit nichts hervor als mit der Ermahnung: diese Lebensart fahren zu lassen, sonst würde man ihn im Zuchthause unterbringen.

Hierauf wandt' er sich an einen Mann, der eine Stunde lang ganz allein in einer großen Versammlung über christliche Nächstenliebe und Barmherzigkeit gesprochen. Dieser Redner sah' ihn über die Schulter an und sagte: Freund, warum seid Ihr hieher kommen? Um Euch zu dem kleinen Häuflein der Gerechten und Stillen im Lande zu gesellen? Oder waserlei ist die Ursach?

Jegliche Wirkung, hub Kandide in bescheidnem Tone an, hat ihre Grundursach; jegliche Begebenheit unsers Lebens ist ein notwendiges Glied in der Kette der Dinge; ist selbiger aufs geschickteste, beste eingepaßt. Ich mußte von Baroneß Kunegunden fortgejagt werden, mußte Spießruten laufen und muß so lange mein Brot betteln gehn, bis ich welches verdienen kann; das alles konnte nicht anders kommen.

Glaubt Ihr denn, mein Freund, sagte der Redner zu ihm, daß der Papst der Antichrist sei? Davon hab' ich noch nie gehört, antwortete jener, auch gilt's mir ganz gleich, sei er's oder sei er's nicht; hätt' ich nur Brot. Auch nicht der Brosämlein einen verdienst du, heilloser Bube, die von der Herren Tische fallen, sagte der Schwarzrock. Heb' dich aus meinen Augen, du Schalk du! du Belialsbrut!

Des Redners Frau, die den Kopf zum Fenster hinausgesteckt und vernommen hatte, daß es einen Menschen gab, der an der Antichristheit des Papsts zweifelte, leerte über sein Haupt einen vollgerüttelten und geschüttelten Nachttopf. Gott, wie weit geht der Religionseifer bei den Damen!

Ein niegetauftes Geschöpf, ein wackrer Wiedertäufer, namens Jakob Schwezinger, sähe, wie hartherzig, wie schmählich man einem seiner Brüder begegnete, einem zweifüßigen, federlosen Geschöpf, das doch eine Seele hatte; und es jammerte ihn sein, und er führte ihn hinab in sein Haus und säuberte ihn und gab ihm Brot zu essen und Bier zu trinken, und schenkte ihm zwei Gulden; auch wollt' er ihn sogar in seiner Fabrik arbeiten lehren, woselbst mitten in Holland persische Stoffe verfertigt wurden.

Kandide wollte sich ihm zu Füßen werfen und schrie: Er hat wohl recht, der gute Herr Magister! Diese Welt ist die beste! Ihr außerordentlicher Edelmut macht tiefern Eindruck auf mich als die Hartherzigkeit des Herrn Schwarzmantels und seiner Frau Gemahlin.

Den folgenden Tag stieß er beim Spazierengehn auf eine wahre Lazarusfigur von Bettler. Über und über mit Schwären bedeckt war sein Aug erloschen, die Nasenspitze weggefressen, der Mund ganz verzogen, die Zähne kohlschwarz. Er gurgelte und hustete jedes Wort hervor; und sein Husten war so heftig, daß er jedesmal einen Zahn ausspie.

Viertes Kapitel: Wie Kandide seinen alten Lehrmeister in der Philosophie, den Magister Panglos, wiederfand und was weiter geschahe
Kandide, der mehr Mitleid als Entsetzen bei diesem Anblick empfand, gab dem Scheusal von Bettler die zwei Gulden, die ihm der biederherzige Wiedertäufer Jakob gegeben hatte. Diese Jammergestalt sah' ihn starr an, Tränen rannten von ihren Wangen, und sie fiel Kandiden um den Hals, der vor Schreck zurückbebte.

Und Ihr kennt Euren lieben Panglos nicht mehr? sagte der eine Unglückliche zum andern Unglücklichen. "Was hör' ich? Sie sind's, mein lieber Lehrer? Sind in solch gräßlich Elend gesunken? Wodurch das? Und weshalb nicht mehr in dem schönsten aller Schlösser? Was ist aus Baroneß Kunegunden geworden, der Perl' aller Mädchen, dem Meisterstücke der Natur?" Mit mir ist's aus, rief Panglos, und sank um.

Alsbald schleppt' ihn Kandide in des Wiedertäufers Stall und gab ihm ein paar Bissen Brot, und als er sich wieder ein wenig erquickt hatte, fragt' er ihn: Nun, und Kunegunde? Ist tot, erwiderte jener. Bei diesen Worten sank Kandide in Ohnmacht; sein Freund brachte ihn mit einem paar Tropfen verdorbnem Weinessig wieder zu sich, der sich von ungefähr im Stalle fand. Kandide (die Augen aufschlagend): Tot! Kunegunde tot! Oh, wo bist du beste der Welten ? - Aber woran starb sie? Gab ihr das den Tod, daß sie mich aus ihres Herrn Vaters schönem Schlosse mit derben Fußstößen hinausjagen sahe?

Panglos. Das nicht! Bulgarische Soldaten schlitzten ihr den Bauch auf, nachdem sie selbige zuvor auf's möglichste genotzüchtigt hatten; den Baron, der ihr beistehn wollen, hatten sie vor'n Kopf geschossen; die Frau Baronin in Stücken zerhauen; meinem armen Untergebnen nicht besser mitgespielt als seiner Baroneß Schwester; und was das Schloß anlangt, da ist kein Hammel, keine Ente am Leben geblieben, kein Stein auf dem andern, keine Scheune, kein Stall, kein Baum auf seinem alten Fleck. Wir haben aber Genugtuung bekommen, völlige Genugtuung. Die Abaren haben's auf einem benachbarten bulgarischen Rittersitz ebenso gemacht.

Kandide sank bei der Erzählung abermals in Ohnmacht; nachdem er aber wieder zu sich gekommen war und ein gehöriges Lamento angestimmt hatte, erkundigt' er sich nach der Ursach und Wirkung und dem zureichenden Grunde, der Panglosen in einen so erbärmlichen Zustand versetzt.

Panglos. Ach Liebe war's, Liebe, sie, die Trost auf das ganze menschliche Geschlecht herabströmt, das ganze Universum umfaßt und erhält, sie, der Lebensquell aller fühlenden Geschöpfe; Liebe war's, der zärtlichste aller Affekte. Kandide. Auch ich hab sie gekannt, diese Liebe, sie, die alle Herzen beherrscht, Leben und Licht in unsre Seele bringt; und der Lohn, den sie mir gab, bestand aus einem Kuß und zwanzig Fußtritten in den Hintern; ein beßrer Lohn ward mir nie. Wie konnte aber diese schöne Ursach so abscheuliche Wirkungen bei Ihnen hervorbringen?

Panglos. Sie haben doch die Gertrud gekannt, lieber Kandide, das niedliche Zöpfchen von dem königlichen Weibe der alten Baronessin? In ihren Armen hab' ich Paradieseswonne geschmeckt, und eben die hat das Höllenfeuer in all' meinen Adern angefacht, das mich jetzt so wütig anfleckt. Das arme Mädchen war angesteckt und ist vielleicht schon nicht mehr. Gertrud hatte von einem hochgelahrten Franziskanermönch dies Geschenk, das er aus der ersten Hand bekommen hatte; denn er hatte es von einer alten Reichsgräfin, die Gräfin von einem Dragonerhauptmann, der Hauptmann von einer Marquise, die Marquise von einem Pagen, der Page von einem Jesuiten, und der Jesuit noch in seinem Probestande recta via von einem Gefährten des Christoph Kolumbus. Ich meines Orts, werd's niemanden mitteilen, denn ich sterbe.

Kandide. O Panglos! Eine gar sonderbare Sippschaft! Der Teufel ist wohl gar der Stammvater?

Panglos. Behüte! Die beste aller möglichen Welten konnte ohne diese Krankheit nicht bestehen; sie war ein unumgänglich nötiges Ingredienz; denn hätte nicht Kolumbus in einer amerikanischen Insel diese Seuche geholt, die den Zeugungsquell vergiftet, seine Wirkungen oft völlig entkräftet und dem großen Zwecke der Natur augenscheinlich entgegenarbeitet, so hätten wir weder Schokolat noch Koschenille.

Überdies muß man bemerken, daß sie lediglich nur uns Europäern anhängt, so wie die Sucht zu polemisieren. Türken und Inder, und die da wohnen in China und Siam und Japan wissen davon noch nichts bis auf den heutigen Tag. Indes gibt's einen zureichenden Grund, daß in den Folgejahrhunderten auch an diese Völker die Reihe kommen wird, sie kennenzulernen. Derweil' aber macht sie bei uns ganz erstaunend Schnelle Fortschritte, zumal in den großen Armeen, welche aus lauter wackern, wohlerzogenen Mietlingen bestehn, die das Schicksal der Staaten entscheiden. Man kann behaupten, wenn dreißigtausend Mann gegen eine eben so starke Armee in Schlachtordnung stehn, daß sich auf jeder Seite ungefähr an die zwanzigtausend befinden, die die Lustseuche haben.

Kandide. Alles gut, lieber Magister, aber jetzt müssen Sie auf Ihre Kur denken.

Panglos. Auf meine Kur denken, und habe keinen Heller. Sie müssen wissen, liebes Kind, auf Gottes weitem, rundem Erdboden gibt's keine Seele nicht, die einem zur Ader läßt oder ein Klistier setzt, wenn man's nicht bezahlen kann, oder nicht einen hat, der's an unsrer Stelle tut.

Panglosens letzte Worte bestimmten Kandiden; er flog zu seinem mitleidigen Wiedertäufer, warf sich ihm zu Füßen und malte seines Freundes Zustand mit so warmem, kräftigem Pinsel, daß dieser Biedermann den Magister ohn' alle Schwierigkeit annahm und ihn auf seine Kosten heilen ließ.

Panglos verlor bei der Kur nur ein Auge und ein Ohr. Schreiben könnt' er wie der geschickteste Kanzelist und rechnen wie Euler; darum macht' ihn Wiedertäufer Jakob zu seinem Buchhalter.

Als er nach Verlauf von zwei Monaten in Handlungsangelegenheiten nach Lissabon gehen mußte, nahm er seine beiden Philosophen mit. Panglos bewies ihm deutlich, es sei alles auf das beste eingerichtet. Gewesen wohl, fiel ihm Jakob Schwezinger ein, aber jetzt nicht mehr. Durch die Menschen, denk' ich, ist die Natur um ein gut Teil verdorben worden. Wolfssinn ward ihnen nicht angeboren und doch haben sie ihn. Gott gab ihnen nicht Vierundzwanzigpfünder, nicht Bajonette, sie gössen sie sich aber, schliffen sie sich, um einander aufzureiben. Auch die Bankrotte könnt' ich hier in Anschlag bringen, und die Obrigkeiten, welche die Gläubiger um des Bankrottiers Habe prellen und es in ihren Wanst schieben. Alles das ist unumgänglich notwendig, erwiderte Magister Einauge. Es trägt zum allgemeinen Wohl bei, wenn Hinz unglücklich ist und Kunz; je mehr Privatunglücksfälle also, je besser für's Ganze.

Während des Philosophierens bewölkte sich der Himmel, die Winde bliesen aus allen vier Enden der Welt, und das schrecklichste Ungewitter packte das Schiff im Angesicht des Lissabonner Hafens.

Fünftes Kapitel: Seesturm, Schiffbruch, Erdbeben, Schicksal des Magister Panglos, Kandidens und des Wiedertäufers Jakob Schwezinger
Nicht lange, so waren die Segel zerrissen, die Maste zerschmettert, das hinundhergeschleuderte Schiff ganz leck. Der Schreck war den meisten darauf so heftig auf die Nerven gefallen, hatte solche Revolution in ihrem ganzen Körper hervorgebracht, daß sie ganz fühllos und starr bei der sie umschwebenden Gefahr waren; die übrigen kreischten und beteten laut; wer arbeiten konnte, arbeitete; da hörte niemand, befahl niemand.

Der Wiedertäufer stand auf dem Verdeck und half ein wenig. Ein wütender Matros stürzte ihn durch einen derben Stoß zu Boden, prellte aber durch dessen Heftigkeit selbst eine Ecke zurück und über Bord kopfüber ins Wasser. Zum Glück blieb er an einem Ende des Mastes hängen. Der gutherzige Jakob springt ihm zur Hilfe, zerarbeitet und zerquält sich, ihn heraufzuziehn, und fällt darüber selbst ins Meer. Der dabeistehende Matros läßt seinen Retter untersinken, ohn' einmal auf ihn hinzublicken. Kandide kommt herzu, sieht seinen Wohltäter mit den Wellen kämpfen und einen Augenblick darauf auf ewig von ihnen verschlungen. Er will ihm nach, Philosoph Panglos hält ihn zurück und beweist ihm, die Lissabonner Reede sei ausdrücklich dazu erschaffen worden, daß Wiedertäufer Schwezinger daselbst ertrinken mußte.

Indem er dies a priori bewies, barst das Schiff. Alles, was drauf war, kam um bis auf Panglosen, Kandiden und das Ungeheuer von Matrosen, der den tugendhaften Wiedertäufer hatte ertrinken lassen. Der Schurke schwamm glücklich ans Ufer, das Panglos und Kandide gleichfalls auf einer Planke erreichten.

Wie sie sich etwas erholt hatten, gingen sie auf Lissabon zu, in der Hoffnung, mit dem kleinen Überrest ihres Geldes sich vor dem Hunger zu bergen, nachdem sie glücklich dem Schiffbruch entronnen waren; unterwegs manche Träne über den Tod ihres Wohltäters vergießend.

Kaum hatten sie den Fuß in die Stadt gesetzt, so fühlten sie die Erde unter sich dröhnen, das Meer brauste im Hafen empor und zerschellte die vor Anker liegenden Schiffe. Feuer- und Aschenwirbel bedeckten die Gassen und öffentlichen Plätze; die Grundfesten der Häuser wichen aus den Fugen, Giebel, Dächer stürzten herab, die Häuser zerschossen in Schutt und Trümmer, und dreißigtausend Einwohner jegliches Geschlechts und Alters erlagen unter selbigen.

Schwernot! hier wird's was zu schnappen geben! rief der Matros und pfiff sich ein lustig Stückchen. Was mag wohl der zureichende Grund dieses Phänomens sein? sagte Panglos. Es ist der jüngste Tag! rief Kandide.

Der Matros rannte spornstreichs unter die herabstürzenden Balken und Mauern und trotzte dem Tode, um Geld zu finden. Er fand welches, stopfte alle Taschen damit voll, besoff sich, und wie er den Rausch ausgeschlafen, dung er sich die erste beste Jungfer gutwillig, die er antraf, und mitten auf dem Schutt eingestürzter Häuser und unterm Haufen Sterbender und Toter berauschte er sich an dem fröhlichsten Liebesgenuß. Panglos zupfte ihn indes beim Ärmel und sagte: Daran tut Ihr nicht Recht, Freund; das streitet mit allen Gesetzen der Billigkeit; dazu ist jetzt keine Zeit. "Schocktausend Pestilenz! Herr, ich bin Matros und aus Batavia; bin viermal in Japan gewest und habs Kruzifix viermal mit Füßen getreten. Bei mir kömmt Er gar blind mit seiner Billigkeit und all dem dummen Schnack."

Während der Zeit, daß dies im Hintergrunde vorging, hatten einige herabgestürzte Steine Kandiden hart getroffen; er war umgesunken und lag unter den Trümmern fast begraben. Lieber Panglos! rief er, nur ein wenig Wein und Öl, oder ich muß sterben. Dieses Erdbeben ist gar nichts besonders, antwortete der sich nähernde Panglos, im verwichnen Jahre hatte die Stadt Lima in Amerika ein gleiches Schicksal: gleiche Ursachen bringen gleiche Wirkungen hervor, es geht ganz gewiß kein Strich Schwefel von Lima bis nach Lissabon unter der Erde weg.

"Höchstwahrscheinlich! aber um Gottes willen ein wenig Öl und Wein." Wahrscheinlich nur? nur wahrscheinlich wär's? erwiderte der Philosoph, erwiesen ist es, Herr, klar erwiesen, behaupt' ich. Kandide ward ohnmächtig, und Panglos brachte ihm ein wenig Wasser aus einem benachbarten Springbrunnen. Sie durchkrochen den Tag darauf die eingestürzten Gebäude, fanden da einige Lebensmittel, erquickten und stärkten sich wieder ein wenig und halfen darauf - wie andre auch taten - den dem Tode entronnenen Einwohnern retten, was sich noch retten ließ.

Einige Bürger, denen sie beigesprungen waren, tischten ihnen ein so gutes Mahl auf, als man in der Lage nur verlangen konnte. Es war ein Mahl der Traurigkeit, jeder Bissen mit Tränen benetzt.

Panglos tröstete die Anwesenden und gab ihnen die Versicherung; daß es gar nicht anders sein könnte, weil die Welt aufs beste eingerichtet sei. Denn, sagte er, wenn zu Lissabon ein unterirdischer Brand ist, kann keiner zu Wien und Berlin sein, sintemal es unmöglich, daß ein Ding an mehr als an einem Orte zugleich sein kann, alldieweil alles, was da ist, gut ist.

Neben ihm saß ein schwarzröckiges Männlein, ein Familiar der heiligen Inquisition, das hub in höflichem Tone an: Vermutlich glauben der Herr keine Erbsünde, denn wenn alles, was da ist, gut ist, gibt's weder Sündenfall noch Strafe.

Ich bitte Ew. Hochehrwürden alleruntertänigst um Verzeihung, erwiderte Panglos mit noch höflicherm Ton und Gebärden, ich glaube beides, alldieweil der Sündenfall und der über die Menschen ausgesprochne Fluch in den Plan der besten aller möglichen Welten notwendig hereingehören.

Also statuieren der Herr keine Willensfreiheit? sagte der Familiar. "Ew. Hochehrwürden verzeihen; Willensfreiheit kann sich mit der unumschränkten Notwendigkeit gar wohl vertragen, sintemal es notwendig war, daß wir willensfrei waren, alldieweil der vorherbestimmte Wille ..."

Panglos steckte noch mitten in seiner Demonstration, als der Familiar der Inquisition seinem Untergebenen, der ihm Oporto oder Porto einschenkte, einen Wink mit dem Kopf gab.

Sechstes Kapitel: Probates Mittel der hochehrwürdigen Inquisition fürs Erdbeben, bestehend in einem schönen Autodafe, wobei Kandide den Staupbesen bekommt
Nachdem das Erdbeben drei Viertel von Lissabon verwüstet hatte, war im Rate der Wächter und Weisen des Landes beschlossen worden, dem Pöbel ein gar stattliches Autodafe zu geben. Ein kräftigers Mittel, dem gänzlichen Untergange der Stadt vorzubauen, hatten sie nicht können ausfindig machen. Auch hatte die Universität zu Coimbra den Ausspruch getan: einige Personen mit gehörigen Solennitäten und Formalitäten an langsamem Feuer gebraten, wäre das probateste Mittel, allen f ernerweitigen Erdbeben vorzubeugen.

Sonach hatte man einen Biskajer eingezogen, der seine Gevatterin geheiratet zu haben war überführt worden, und zwei Portugiesen, die den Speck aus einem Huhn geschnitten hatten, eh' sie's gegessen. Nach dem Essen wurde Magister Panglos samt seinem Jünger Kandide in Ketten und Banden gelegt; jener wegen seiner Reden, dieser wegen der Miene des Beifalls, mit der er zugehört. Man führte jeden in ein besonders Gemach, kühl wie ein Eiskeller, wo die Sonne einem nie auf die Scheitel stach. Nachdem acht Tage verflossen waren, legte man ein Skapulier um ihre Schultern und schmückte ihre Häupter mit Papiermützen. Kandidens Mütz' und Skapulier war mit abwärtsgehenden Flammen bemalt und mit Teufeln sonder Krallen und Schwänzen, aber Panglosens Teufel hatten Krallen und Schwänze, und die Flammen stiegen aufwärts.

So bekleidet zogen sie in feierlichster Prozession daher, hörten eine Predigt an, die durch Mark und Bein fuhr, und darnach eine gar unliebliche, disharmonische Choralmusik. Während des Gesangs ward Kandide nach Noten mit Ruten gestrichen; der Biskajer und die beiden Speckverächter verbrannt, und Panglos wider allen Schick und Brauch aufgehängt. Und unter der Erde begann von neuem ein gräßliches Gerassel und Geprassel.

Kandide, ganz ein Raub der Angst und des Schreckens, an jedem Gliede zitternd und blutrünstig, sagte bei sich selbst: Ist das die beste aller möglichen Welten, nun so möcht' ich die übrigen sehn! Daß ich mit Ruten gestrichen werde, möchte noch hingehn, wurd' ich's doch auch bei den Bulgaren; aber daß ich dich muß hängen sehn, trauter Panglos, größter aller Philosophen, ohne zu wissen warum; daß ich dich, bester aller Menschen, trauter Jakob, vor meinen Augen im Hafen mußte ertrinken sehn, daß ich hören muß, wie Ihnen, Baroneß Gundchen, der Kron' aller Mädchen, der Bauch ist aufgeschlitzt worden, das, das kann ich nicht verschmerzen, das verleitet mich zu murren.

Mit jedem Schritt einknickend, schwankte Kandide zur Stadt hinaus; war durch Prediger und Büttel wohl gestäupt worden, hatte Absolution und Segen erhalten. Ein altes Mütterchen näherte sich ihm und sagte: Seid getrost und unverzagt, mein Sohn, und kommt mit.

Siebentes Kapitel: Kandide wird von der Alten wohl gepflegt und findet unverhofft seine Geliebte
Getrost und unverzagt ward Kandide nun zwar nicht, aber mit ging er. Sein Führer brachte ihn in ein altes, ganz verfallnes Gebäude, gab ihm ein Krügelchen Pomade, sich damit zu salben, setzte ihm zu essen und zu trinken hin, zeigte ihm ein ganz sauber Bettchen und daneben einen ganz vollständigen Anzug. "So wünsch' ich Ihnen denn gesegnete Mahlzeit und auch angenehme Ruh! Und empfehle Sie der gnädgen Obhut Unsrer Lieben Frauen im Busche und des heiligen Antonius von Padua und des heiligen Jakobs von Compostel, unsrer allergnädigsten Schutzpatrone. Morgen früh mach' ich Ihnen wieder meine Aufwartung."

Kandide durch alles, was er gesehn, durch alles, was er erlitten, am meisten aber durch das liebreiche Betragen der Alten in die heftigste Rührung versetzt, ergriff mit Wärme ihre Hand und wollte sie zum Munde führen. "Nein, das wollte ich mir sehr verbeten haben; das gebührt mir nicht. Morgen bin ich ja wieder da. Brauchen Sie nur die Pomade recht hübsch, lieber junger Herr, und speisen Sie und ruhen Sie fein wohl." Das tat denn Kandide; aß und schlief sich gründlich aus, so hart ihn auch so vielerlei Ungemach zu Boden drückte. Den folgenden Morgen brachte ihm die Matrone zu frühstücken, besichtigte seinen Rücken und salbte ihn mit einer andern Salbe; gegen Mittag brachte sie ihm zu essen und gegen Abend gleichfalls. Grade so machte sie's auch folgenden Tages. Wer ist Sie, gute Alte? fragte Kandide jedesmal. Was bewegt Sie zu dem liebreichen Betragen? Sag Sie, wie kann ich dafür erkenntlich sein? Kein stummes Wörtchen war von der Alten herauszubringen. Gegen Abend kam sie wieder, aber ganz leer. Kommen Sie mit, sagte sie, aber mäuschenstill!

Sie nimmt ihn beim Arm und führt ihn wohl eine Viertelmeile weit über Feld. Nunmehr befanden sie sich bei einem freiliegenden Hause, mit Gärten und Kanälen umgeben. Die Alte pocht an ein Pförtchen. Es wird aufgetan, und Kandide von seiner Führerin eine Winkeltreppe heraufgeführt in ein vergoldetes Kabinett; hier muß er sich auf ein brokatnes Sofa niederlassen. Sie machte die Tür zu und ging fort. Kandide glaubte zu träumen, hielt sein ganzes Leben für einen widrigen Traum und den jetzigen Augenblick für einen glücklichen.

Die Alte kam bald wieder und führte eine verschleierte Dame herein von majestätischem Wuchs und schimmerndem Anzug, die an jedem Gliede bebte und mit genauer Not konnte von der Alten aufrecht erhalten werden. Nehmen Sie den Schleier ab, sagte das Mütterchen zum Kandide. Er nahte sich und hob mit blöder Hand den Schleier auf.

Wie dem jungen Mann in dem Augenblick zu Mute ward! Ihm däuchte, seine Baroneß Gundchen vor sich zu sehn, und sie stand in der Tat vor ihm. Dieser so überraschende Anblick fiel mit aller Macht über ihn; das Übermaß seines Glücks berauschte ihn so, daß er sprachlos und ohne Bewegung zu ihren Füßen hinsank, Gundchen fiel ohne Sinne aufs Sofa.

Die Alte bestrich sie mit allerhand Stärkungswässern. Ihre Sinne sammelten sich wieder, die Sprache fand sich wieder ein. Unzusammenhängende Laute rissen sich anfänglich von ihrem gepreßten Herzen los; und dann durchkreuzten sich Frag' und Antwort, Seufzer und Tränen, und Schreie der Freud' und des Erstaunens. Die Alte riet ihnen, nicht zu laut zu werden, und ließ sie in völliger Freiheit.

"Ha! so leben Sie wirklich noch, Baroneß? So find' ich Sie in Portugal wieder! So sind Sie nicht geschändet worden; so hat man Ihnen nicht den Bauch aufgeschlitzt!" Doch! doch! sagte die schöne Kunigunde, allein man stirbt daran nicht immer. "Aber der gnädge Herr Papa sind getötet worden, und die gnädge Frau Mama?" Leider! alle beide! und Tränen tröpfelten aus Kunegundens Auge. "Und Dero Herr Bruder auch?" "Auch der!" "Wie sind Sie aber nach Portugal gekommen? Wie haben Sie meinen Aufenthalt erfahren? Wie mich hierhergezaubert? Den Schlüssel, liebste Kunegunde, zu all' den seltsamen Abenteuern!"

Den sollen Sie sogleich haben, erwiderte die Dame, zuvor aber müssen Sie mir erzählen, wie's Ihnen nach dem unschuldigen Kuß gegangen ist, den Sie mir gaben, und den Fußtritten, die Sie bekamen.

So beklommen auch noch Kandide sich fühlte, so schwach und zitternd seine Stimme war, so weh' ihm auch noch sein Rückgrat tat, so erzählt' er ihr doch mit der tiefsten Ehrerbietung und aufs allertreuherzigste all' seine Leiden nach ihrer Trennung. Das Auge gen Himmel gerichtet schenkte Kunegunde dem Gedächtnis des braven Wiedertäufers und Panglosens einige Zähren; hierauf sprach sie zu Kandide wie folgt. Ebenso gierig als er das liebreizende Mädchen mit den Augen verschlang, verschlang er auch jedes ihrer Worte.

Achtes Kapitel: Baroneß Kunegundens Geschichte
Ich schlief noch ganz wohlbehäglich, als es dem Himmel gefiel, Bulgaren in unser schönes Schloß Donnerstrunkshausen zu senden. Mein Vater und Bruder mußten über die Klinge springen, meine Mutter hieben sie in Krautstücken. Bei diesem gräßlichen Auftritt verlor ich alle Besinnung. Dies nutzte ein langer Bulgar von sechs Schuh, machte sich über mich her und begann, mich zu schänden. Hierdurch erwacht' ich von meiner Ohnmacht, bekam all' meine Sinne wieder, kreischte laut, zerrang und zerarbeitete mich, um loszukommen, biß um mich, kratzte, wollte dem großen Tölpel die Augen ausreißen. Hätt' ich gewußt, daß das alles Kriegsgebrauch wäre, ich hätte mich anders dabei benommen.

Der Unmensch gab mir mit seinem Degen einen Stich in die linke Seite, wovon ich noch die Narbe habe. Die ich doch wohl werde zu sehn bekommen? fragte Kandide ganz in seines Herzens Unschuld. Warum das nicht! sagte Kunegunde, allein jetzt lassen Sie mich nur weitererzählen. "Das tun Sie, gnädige Baroneß, das tun Sie!"

Sie knüpfte den Faden ihrer Geschichte folgendermaßen wieder an:

Ein bulgarischer Hauptmann trat in mein Schlafgemach, sähe wie mein Blut herabtropft, der Soldat blieb, wo er Posten gefaßt hatte. Der Hauptmann ward wild, daß dies Vieh so wenig Subordination bezeigte, und stach ihn auf meinem Leibe tot, er ließ mich hierauf verbinden und führte mich als Kriegsgefangne in sein Quartier. Ich wusch ihm sein paar Hemden und bestellte seine Küche.

Er fand - muß ich gestehen -, daß ich ein gar niedlich Ding sei, und er war - ich kann's gar nicht in Abrede sein - eine sehr wohlgebaute Mannsperson, hatte eine weiche, weiße Haut, aber herzlich wenig Kopf und noch weniger Philosophie: man merkt' es ihm gleich an, daß er kein Schüler des großen Panglos gewesen war. Binnen einem Vierteljahr war all' sein Geldchen fort und er meiner überdrüssig; er verkaufte mich an den Don Isaschar, einen Juden, der nach Holland und Portugal handelte und ein ungemeiner Liebhaber von Frauenzimmern war.

Wie der Mann an mir hing, wie er mit Bitten und Gewalt in mich drang, und doch konnt' er nicht siegen. Ich tat ihm tapfrern Widerstand als dem bulgarischen Soldaten. Ein rechtschaffnes Mädchen kann wohl einmal geschändet werden, aber dadurch wird sie um so mehr Lukrezia. Um mich zahmer zu machen, führte mich der Jude auf dies Landhaus hier. Ich hatte bisher geglaubt, es gäbe kein schöners Schloß als das unsrige, nunmehr wurd' ich eines Bessern belehrt.

Eines Tages ward mich der Großinquisitor in der Messe gewahr, er warf während des hohen Amts die lüsternsten, buhlendsten Blicke auf mich und ließ mir melden, er hätte mir etwas unter vier Augen zu sagen. Ich ward in seinen Palast gebracht, entdeckte ihm meine Herkunft; er stellte mir vor, wie weit es unter meinem Range wäre, einem Schuft von Juden anzugehören, und ließ dem Don Isaschar den Vorschlag tun, mich Ihro Hochwürden Gnaden abzutreten. Dazu wollte sich Don Isaschar nicht verstehn; der Mann ist Hof Wechsler und gilt viel. Der Inquisitor drohte ihm mit einem Autodafé.

Das wirkte; jagte meinen Juden ins Horn. Husch! schloß er einen Vergleich mit dem Pfaffen; vermöge dessen gehör' ich und Haus ihnen gemeinschaftlich; der Montag, Mittwoch und Schabbes ist dem Juden, die übrigen Tage in der Woche gehören dem Inquisitor.

Es ist nunmehr ein halb Jahr, daß dieser Kontrakt ist aufgesetzt worden. Unter der Zeit hat's manches Gezeter gegeben, denn sie konnten sehr oft nicht einig werden, ob die Nacht vom Sonnabend zum Sonntag nach dem alten oder neuen Testament müsse berechnet werden. Noch hab' ich keinen von beiden erhört, und eben deshalb glaub' ich, werd' ich noch von beiden geliebt.

Endlich ließen der Hochwürdige Herr Inquisitor ein Autodafé anstellen, sowohl, um dem Erdbeben zu steuern, als auch um dem Juden einen kleinen Schreck in die Glieder zu jagen. Er war so galant, mich zu dieser Feierlichkeit einzuladen und mir einen sehr guten Platz anzuweisen. In der Zeit, da die Messe war und da der Büttel sein Amt verwaltete, wurden den Damen Erfrischungen vorgesetzt.

Wie kalt fuhr mir's über den Nacken; als ich die beiden Juden verbrennen sahe und den ehrlichen Biskajer, der seine Gevatterin geheiratet hatte. Das war aber nichts gegen den Schauer und Schreck, der mich ergriff, als ich unter einem Skapulier und einer Schandmütze eine Figur gewahr ward, die dem Panglos so ähnlich sähe. Ich rieb mir die Augen, sähe stier und starr nach dem Manne hin; es war und blieb Panglos. Ich sah' ihn aufhängen und fiel in Ohnmacht.

Kaum hatten sich meine Sinne wieder ein wenig gesammelt, so erblickt' ich Sie, Kandide, ganz splitterfadennackt da stehn. Nun war der Kelch meiner Leiden voll; ich war nunmehr ganz ein Raub des Entsetzens und der Verzweiflung.

Im Vorbeigehn gesagt, Kandide, und zur Steuer der Wahrheit, Ihre Haut ist viel weißer als meines bulgarischen Hauptmanns seine, hat ein weit höhers, feiners Rot. Oh! wie bei diesem Anblick mein Jammer und meine Verzweiflung stieg, die in meinem Innern aufs grausamste wüteten. Ich schrie, wollte sagen: Haltet ein, ihr Barbaren! Das vermochte aber meine Zunge nicht; und was hätt' es auch geholfen?

Nachdem Sie waren tüchtig gestäupt worden, sagt' ich bei mir selbst: Wie muß der liebenswürdige Kandide und der weise Panglos nach Lissabon gekommen sein, jener um hundert Rutenstreiche zu empfangen, dieser um aufgehängt zu werden auf Befehl des Hochwürdigsten Inquisitors, dessen Liebling ich bin? Wie grausam hat mich Panglos hintergangen, daß er mir vordemonstrierte, diese Welt sei die beste.

Ich taumelte halb ohnmächtig nach Hause. In dem Aufruhr, worin meine Sinne waren, stiegen mir alle meine bisher erlebten Begebenheiten zu Kopfe; schob mir meine Phantasie mit hellen Farben gemalt die Würgeszenen vors Auge, die sich auf dem Schloß zugetragen.

Ich sahe deutlich, wie man meinen Vater schlachtete und meine Mutter und meinen Bruder, sahe, wie der garstge bulgarische Soldat so frech über mich herfiel und mich mit dem Säbel verwundete, wie ich Magd ward, aschenbrödeln mußte; sahe meinen bulgarischen Hauptmann, meinen häßlichen Don Isaschar, meinen abscheulichen Inquisitor und den guten Panglos, wie er aufgehängt wurde: noch immer gellte die widrige Musik in mein Ohr, während welcher Sie den Staupbesen bekamen, noch immer brannte der Kuß auf meinen Lippen, den Sie am Tage unsrer Trennung mir hinter der spanischen Wand gaben. Alles das umschwebte mich aufs lebhafteste. Ich pries nun Gott, der Sie nach so vielen Prüfungen mir wieder geschenkt hatte.

Ich hatte meiner Alten gleich während der Feierlichkeit anbefohlen, Ihrer aufs beste zu warten, Sie zu pflegen und bei schicklicher Gelegenheit herzubringen. Sie hat ihren Auftrag redlich erfüllt, und mich jetzt in ein Meer von Wonne versenkt.

Ich habe dich nun wieder, lieber Herzensjunge, höre dich, spreche dich, sitze neben dir. Doch dich muß hungern, armer Schelm, gewaltig hungern! Komm, laß uns essen. Es ist schon spät, und an Appetit fehlt mir's gar nicht.

Sie setzten sich zu Tische, und nach dem Abendbrot lagerten sie sich auf das besagte schöne Sofa. Noch lagen sie da in größter Behaglichkeit, als Signor Don Isaschar, einer von den Eignern des Hauses und des Mädchens, hereintrat, sowohl um seine Gerechtsame nicht verjähren zu lassen als auch um bei Kunegunden den zärtlichen Amoroso zu machen.

Neuntes Kapitel: Was sich mit Kunegunden, Kandiden, dem Großinquisitor und einem Juden zuträgt
Ein gallevollers Geschöpf als diesen Hebräer hatte man seit der babylonischen Gefangenschaft in Israel nicht gefunden. Ha! schrie er, du bist mit dem Großinquisitor und mit mir nicht zufrieden? Mußt noch einen Schlafgesellen haben, du Galiläische Petze! Wart du! und auch du, du Hurenschelm!

Mit diesen Worten zuckte er ein Stilett, das er stets bei sich trug, und fiel auf seinen Gegner ein, den er wehrlos glaubte. Allein dieser wackre Westfale hatte von der Alten samt dem vollständigsten Anzuge einen schönen Degen bekommen. Den zog er, so kindfromm er auch war, und mausetot lag der Israelit zu den Füßen der schönen Kunegunde.

Jesus Maria! rief sie. Nun ist alles aus. Ein Toter bei mir im Hause! Wenn nun die Wache kommt! Oh, wir sind verloren! Was fangen wir an! Hinge der gute Panglos nur nicht, sagte Kandide, er sollte alles in's reine bringen, denn er war ein großer Philosoph. In Ermanglung seiner müssen wir schon die Alte um Rat fragen.

Sie war ein gar kluges Weib, und eben begann sie ihre Meinung zu sagen, als sich ein andres Türlein öffnete. Es war eine Stunde nach Mitternacht, der Sonntag brach an. Dieser Tag gehörte dem Herrn Inquisitor. Ihro Hochwürden Gnaden traten herein, sahen den gestäupten Kandide mit dem Degen in der Hand, den toten Hebräer auf der Erde liegen, Kunegunden totenblaß und bebend und die Alte mit ihrem guten Rat herausrückend; und blieben starr angewurzelt stehn an der Türschwelle, ohne alle Besinnung; um so mehr Besonnenheit und Überlegungskraft hatte Kandide.

Ha! dacht' er, ruft der heilige Mann Hilfe, so werd' ich ganz unfehlbar verbrannt und auch Kunegunde. Er hat mich unbarmherzig geißeln lassen, ist mein Nebenbuhler; im Morden bin ich einmal, und jetzt gilt's.

Wie beschlossen, so getan. Der Inquisitor lag, den Degen bis ans Heft in der Brust, neben dem Juden, eh' er sich hatte besinnen können. Immer besser, rief Kunegunde. Nun sind wir unwiederbringlich verloren! Bannfluch und Tod schweben über uns. Kandide, wie haben Sie, die Sanftmut selbst, in zwei Minuten einen Juden und einen Prälaten umbringen können? Lieb' und Eifersucht und die Rutenstreiche der Inquisition können das Lamm wohl zum Tiger machen, erwiderte Kandide.

Wissen Sie was? sagte die Alte. Wir haben drei tüchtige andalusische Gäule im Stall und auch Sattel und Zeug. Unser tapfrer Herr Kandide zäumt sie auf und sattelt sie; derweile stecken die gnädge Baroneß ihre Dublonen und ihre Diamanten zu sich, und dann husch! auf und davon und nach Cadix. Ich kann zwar nur meinen halben Hintern brauchen, das tut aber weiter nichts. Es ist ganz allerliebst Wetter, und in der Kühle beim Mondenschein läßt sich's des Nachts ganz scharmant reisen. Kandide sattelte sogleich die Pferde und machte mit Kunegunden und der Alten einen Ritt von fünfzehn Meilen in einem Striche. Indes daß die fortjagten, kam die heilige Brüderschaft ins Haus. Der Herr Inquisitor ward in der Domkirche mit allem Gepränge beigesetzt, Isaschar aber auf den Schindanger geworfen.

Kandide, Kunegunde und die Alte befanden sich nunmehr in einem Wirtshause in dem Städtchen Avacena, das mitten in der Sierra Morena lag. Hieselbst hielten sie folgendes Gespräch.

Zehntes Kapitel: Kandide, Kunegunde und die Alte kommen in einer gar schlimmen Lage zu Cadix an und schiffen sich ein
Kunegunde (schluchzend): Alle meine Dublonen und Diamanten sind fort! Wer muß mir die gestohlen haben! wovon wollen wir nun leben? Wo Inquisitoren und Juden finden, die mir andre geben?

Die Alte. Was ich glaube, aber Gott verzeihe mir die schwere Sünde, wenn ich ihm zu viel tue; ich denke aber immer, ich denke, der ehrwürdige Pater Graurock, der mit uns zu Badajos sein Nachtquartier hatte, hat sie heißen mitgehn; er kam zweimal zu uns in die Stube und war schon lang' über alle Berge, eh' wir an die Abreise dachten.

Kandide. Der wackre Panglos hat mir oft bewiesen, daß alle Güter hienieden gemeinschaftlich sind, Hinz daran so gut Anteil hat als Kunz. Vermöge dieser Grundsätze hätte uns jener Barfüßermönch wenigstens so viel Geld lassen sollen, um unsre Reise bestreiten zu können. Haben Sie denn gar nichts behalten, gnädige Baroneß?

Kunegunde. Keinen Maravedi!

Kandide. Was nun tun?

Die Alte. Ein Pferd verkaufen, da ist kein andrer Rat. Ich setze midi hinter die gnädge Baroneß so gut es mit meinem halben Hintern angeht, und damit immerzu nach Cadix.

In eben dem Wirtshause befand sich ein Benediktinerprior, der kaufte ihnen das Pferd um einen Pappenstiel ab. Kandide, Kunegunde und die Alte nahmen ihren Weg über Lucena, Chillas, Lebrixa nach Cadix. Hier ward eine Flotte ausgerüstet, die Truppen mußten sich hier stellen, welche die ehrwürdigen Paters des Jesuiterordens zu Paraguay zu Paaren treiben sollten. Selbige hatten, gab man ihnen wenigstens Schuld, eine ihrer indischen Horden bei der Stadt San Sakramento gegen die Könige von Spanien und Portugal aufgewiegelt.

Kandide machte dem General dieser kleinen Armee die bulgarischen Kriegsexerzitien vor, und das so flink, so dreist, mit solchem soldatischen Anstande, daß der General ihm augenblicklich eine Kompanie bei der Infanterie gab. Der neugebackne Herr Hauptmann nebst Baroneß Kunegunden und der Alten schifften sich ein, nahmen noch zwei Bediente mit und die beiden andalusischen Pferde, die weiland dem Herrn Großinquisitor von Portugal gehört hatten.

Während der Überfahrt unterhielten sie sich beständig von der Philosophie des armen Panglos. Wir kommen nun in eine andre Welt, sagte Kandide, und unstreitig ist diese die beste. Denn man muß gestehn, man hat wohl Ursach, über den physischen und moralischen Zustand unsrer Welt ein wenig zu seufzen.

Kunegunde. Ich liebe Sie von ganzem Herzen, Kandide, doch alles das, was ich gesehn, was ich erlitten habe, hat mich ganz scheu und verzagt gemacht; mir ahnet nichts Guts. Lassen Sie sich ums Himmels willen nicht blessieren oder totschießen!

Kandide. Es wird alles gut gehn. Schon das Meer in dieser neuen Welt ist besser als in unsrer europäischen; ist weit ruhiger; die Winde weit beständiger. Wahrlich, die neue Welt ist die beste unter allen möglichen Welten.

Kunegunde. Das gebe Gott! nur wahren Sie sich, daß man Sie nicht blessiert oder totschießt, und wir beide unglücklich werden. Ich kann mich gar nicht beruhigen, denn ich habe in unsrer Welt schon so gräßliches Elend ausgestanden, daß kein Strahl der Hoffnung mehr in meine Seele sich hineinstiehlt. Die Alte. Was das für ein Getue, für ein Geklage ist! Wären Sie an meiner Stelle gewesen, Sie sollten auf einem gar andern Loche pfeifen. Ich kann noch ein Liedchen von Unglücksfällen singen.

Kunegundens Mund zog sich ein wenig zum Lächeln; es kam ihr drollig vor, daß die alte Mutter behauptete, sie sei unglücklicher als sie. Haben Euch, sagte sie, nicht zwei Bulgaren geschändet, habt Ihr nicht zwei Degenstiche in den Leib bekommen, sind nicht zwei von Euren Schlössern verwüstet worden, hat man nicht vor Euren Augen zwei Väter und zwei Mütter ermordet, und habt Ihr nicht zwei von Euren Liebhabern im Autodafe stäupen sehn, so seh' ich nicht ab, wie Ihr Euch unglücklicher nennen könnt als ich. Erwägt noch überdem, daß ich Baroneß bin, meine einundsiebzig Ahnen aufweisen kann, und daß ich gleichwohl habe müssen aschenbrödeln.

Meine Geburt ist Ihnen unbekannt, gnädige Baroneß, antwortete die Alte. Ich dürfte Ihnen nur mein Hinterkastei zeigen, Sie würden gewiß ganz andre Saiten aufziehn. Diese Rede erregte bei Kunegunden und Kandiden eine ganz außerordentliche Neugier, welche die Alte auf folgende Art befriedigte.

Elftes Kapitel: Geschichte der Alten
Mein Auge war nicht immer so verzerrt, hatte nicht immer den Pupursaum, meine Nase stieß nicht immer ans Kinn, auch bin ich nicht immer Magd gewesen.

Mein Vater war Papst Urban der Zehnte, und die Fürstin von Palestrina meine Mutter. Bis ins vierzehnte Jahr wurd' ich in einem Palaste erzogen, wogegen die Schlösser Eurer westfälischen Barone gar klägliche Figur machen; das geringste von meinen Kleidern wog alle Herrlichkeiten von ganz Westfalen auf. Ich wuchs an Schönheit und Grazie und Talenten mitten in dem bunten Zirkel von Ergötzlichkeiten. Was für Erwartungen machte man sich nicht von mir; was für Ehrerbietung erwies man mir; was für Liebe flößt' ich nicht schon ein.

Mein Busen wölbte sich bereits. Es war ein Busen, der an Weiße und Festigkeit und Rundung dem Busen der Mediceischen Venus glich! Das Aug, wie zaubrisch! die Wimpern, wie meisterhaft! die Augenbrauen rabenschwarz! und die Glut, die in meinen Augäpfeln lag, überstrahlte das ganze Sternenheer, wie die Poeten aus dem Stadtviertel sangen. Meine Kammerfrauen, wenn sie mich auszogen und mich so von vorn und hinten beschauen konnten, waren wie ins Paradies verzückt; alle Mannspersonen wünschten sich an ihre Stelle Ich ward mit dem regierenden Fürsten von Massa Carrara versprochen. Ein gar süßer, herrlicher Junge! Ganz Geist und ganz glühende, schwärmende Liebe! und völlig so dichtrisch schön gebildet wie ich! Er war meine erste Liebschaft! sonach liebte ich ihn mit der innigsten Wärme, macht' ihn zum Abgott meiner Seele.

Man traf Anstalten zum Beilager. Was war da für Pomp! für unerhörte Pracht! Was für ein Zirkeltanz von Lustbarkeiten. Feste ketteten sich an Feste, Ringelrennen an Ringelrennen, Turnier' an Turniere, Operabuffas an Operabuffas, und ganz Italien sang mir zu Ehren Sonnette, davon das geringste dichtrischen Stempel trug, eines Ariost und Tasso würdig war.

Ich stand am Ziele meines Glücks, als eine alte Marchese, eine ehmalige Buhlschaft meines Prinzen, ihn zur Schokolade bitten ließ. Er starb in weniger denn zwei Stunden an den schrecklichsten Zuckungen. Kleinigkeit gegen meine übrigen Unglücksfälle!

Dieser Tod brachte meine Mutter ganz außer sich, obwohl er sie lange nicht so heftig angriff wie mich. Sie wollte sich eine Zeitlang von einem so unangenehmen Aufenthalt losreißen. Wir fuhren nach Gaetta, wo sie ein sehr schönes Landgut hatte; unser Schiff war eine päpstliche Galeere, so stark vergoldet als der St.-Peter-Altar zu Rom. Nicht lange, so stürzte ein Saleescher Korsar auf uns zu, enterte. Unsre Mannschaft wehrte sich wie wahre päpstliche Soldaten, warf ihre Waffen weg, fiel nieder auf die Knie, und, in letzten Zügen liegend, bat sie den Korsaren um Absolution. In einem Nu standen sie ganz affenkahl da; meiner Mutter, unsern Hofdamen und mir ging's nicht besser. Husch husch! und wir waren entkleidet. Ich habe nie flinkre Kammerdiener gesehn als diese Herren Seeräuber. Doch nahm mich dies nicht so wunder, als daß sie uns insgesamt einen Ort durchfingerten, dem wir Weiber uns gemeiniglich nur mit der Klistierspritze zu nahe kommen lassen.

Nie aus meinen vier Pfählen gekommen, kam mir der Brauch ganz sonderbar vor. Ich erfuhr bald, zu was Ende dies geschahe; sie wollten wissen, ob wir nicht daselbst einige Diamanten versteckt hätten. Das ist uralte Sitte bei allen gebildeten Völkerschaften, die auf der See umhertreiben. Machen's doch die Herren Malteserritter nicht besser, wenn sie Türken und Türkinnen gefangen bekommen, und sind Geistliche. Dies Gesetz des Völkerrechts wird stets beobachtet.

Wie peinlich, wie zu Boden drückend es für eine junge Prinzessin sein muß, mit ihrer Mutter als Sklavin nach Marokko geführt zu werden, brauch' ich Ihnen nicht erst zu sagen, Sie können sich's leicht vorstellen, so wohl als die Leiden, die wir auf dem Raubschiffe auszustehn hatten.

Meine Mutter war noch sehr schön, unsre Hofdamen, sogar die bloßen Kammerfrauen besaßen mehr Reize, als in ganz Afrika zu finden sind. Und ich hatte all die entzückende Schönheit, war mit all' der Lieblichkeit, dem namenlosen Zauber umflossen, womit Mutter Eva aus den Händen Gottes hervorging; noch hatt' ich keinen Mann erkannt, aber bald mußt ich's. Die Rose, die ich dem schönen Fürsten von Massa Carrara aufbewahrt, zerknickte der Hauptmann der Räuber; eine abscheuliche Fratzenfigur von Neger, die mir dadurch noch ungemeine Ehre zu erweisen glaubte.

Wahrlich! die Fürstin von Palestrina mußte sowohl wie ich Herkulesschultern haben, um all das Ungemach zu tragen, das bis zu unsrer Ankunft in Marokko über uns kam. Kein Wort weiter davon! Es ist etwas zu Alltägliches, als daß es der Mühe lohnte, davon zu reden.

Bei unsrer Ankunft schwamm Marokko in Blut. Fünfzig Söhne des Kaisers Mulei Ismael hatten jeglicher seine Partei; sonach wüteten daselbst fünfzig bürgerliche Kriege. Schwarze fochten gegen Schwarze, Schwarzbraune gegen Schwarzbraune, Mulatten gegen Mulatten; das ganze Land umher glich einer Metzge, wo Arbeit vollauf war.

Kaum waren wir auf dem Gestade, so rückte eine feindliche Partei an, die unserm Korsaren seine Beute abnehmen wollte. Wir waren nach den Diamanten und dem Golde das Allerkostbarste, was er hatte. Ich war Zeugin eines Kampfs, den Ihr in Euren europäischen Gegenden nie so gesehn habt; dazu haben die nordischen Völker nicht heißes, glühendes Blut genug; sie haben ja nicht einmal so viel Wut als jedes Weib in Afrika. Bei Euch Europäern scheint Milchsaft in den Adern zu rinnen, Vitriol, Feuer hüpft, spritzt durch jede Nerve bei den Bewohnern des Atlasgebirges und der benachbarten Gegenden. Wütend wie die Löwen und Tiger und Schlangen dieses Landes fielen sie sich an und strebten, uns einander abzukämpfen. Ein Mohr packte meine Mutter beim rechten Arm, der Leutnant unsers Schiffs riß sie beim linken zurück; stracks nahm ein Schwarzer ihren einen Fuß, einer unsrer Seeräuber zog sie beim andern nach sich. Und so wurden all' unsre Frauenzimmer beinahe in einem Nu von vier Soldaten angepackt.

Mein Hauptmann hatte mich hinter sich versteckt und säbelte alles nieder, was sich zwischen ihn und seinen Grimm stellte. In kurzem sah' ich unsre Italienerinnen und meine Mutter von denen Ungeheuern zerrissen, zerhauen, zerfetzt, die sich um ihren Besitz herumkämpften. Gefangne und Gefangennehmer, Soldaten und Matrosen, Schwarze und Weiße und Mulatten, alles, alles wurde niedergemacht, endlich mein Hauptmann auch, und ich blieb sterbend auf einem Haufen von Toten liegen.

Solcherlei Szenen wurden bekanntermaßen in einem Bezirk von mehr denn dreihundert Meilen gespielt, ohne daß man deshalb die fünf Gebete vergaß, die Mahomet täglich zu beten befohlen hat.

Es ward mir sehr sauer, mich unter der Menge aufeinandergeschichteter blutiger Leichname hervorzuarbeiten. Ich schleppte mich nach einem großen Pomeranzenbaum, der am Rande eines nahen Bachs stand. Entsetzen und Müdigkeit, Verzweiflung und Hunger hatten mich so erschöpft, daß ich sogleich umsank und bald darauf einschlummerte.

Es war mehr Ohnmacht als Schlaf, worin ich mich befand. In diesem Mittelzustand zwischen Leben und Tod, in dieser Art von Hinbrüten mocht' ich eine Weile gelegen haben, als ich eine Last auf mir liegen fühlte, und mein Körper Erschüttrungen bekam. Ich blickte auf und ward einen wohlgebildeten jungen weißen Mann gewahr. Er seufzte und murmelte zwischen den Zähnen: O che sciagura d'essere senza coglioni.

Zwölftes Kapitel: Wie übel es der Alten weiter erging
Erstaunt und entzückt, meine Muttersprache zu hören, und über die eben vernommene Rede nicht wenig verwundert erwiderte ich, daß es noch größers Unglück gäbe, als das sei, worüber er sich beklagte. Mit einem paar Worten erzählt' ich ihm alle das gräßliche Elend, dessen Opfer ich gewesen, und sank wieder in Ohnmacht. Er trug mich in ein benachbartes Haus, legte mich in ein Bette, brachte mich wieder zu mir, erquickte mich, ließ mirs nicht an Wartung und Trost abgehn, und an Schmeicheleien; sagte, er habe nie auf Gottes Erdboden ein schöners Geschöpf gesehn als mich, und seinen unersetzbaren Verlust nie so stark betrauert als jetzt.

Ich bin aus Neapel bürtig, sagte er, wo jahraus jahrein zwei- bis dreitausend Knaben kapaunt werden. Einige sterben, andre erhalten Stimmen, die an Schönheit die weiblichen übertreffen, noch andre gehn aus in alle Lande und werden ans Staatsruder gesetzt. Ich ward mit dem günstigsten Erfolge kastriert und sodann Kapellsänger bei Ihro Durchlaucht, der Fürstin von Palestrina.

Bei meiner Mutter, schrie ich! Bei Ihrer Frau Mutter! rief er, und Tränen schössen über seine Wangen. So wären Sie die junge Prinzessin Aurora, die ich bis ins sechste Jahr erzogen, bei der damals all' die Reize in der Knospe lagen, die ich bei Ihnen in so voller, schimmernder Blüte sehe! Sind Sie's denn wirklich! „Wirklich! und meine Mutter liegt vierhundert Schritt von hier unter einem Haufen von Toten gevierteilt!" Ich erzählt' ihm all' meine Begebnisse, und er mir die seinigen, er sagte mir, eine gewisse christliche Macht hab' ihn nach Marokko gesandt, um mit diesem Monarchen einen Traktat zu schließen, mittelst dessen man ihm Pulver, Kanonen und Schiffe zu liefern versprach, damit er um so leichter dem Handel der übrigen christlichen Mächte den Garaus machen könnte. Mein Auftrag ist beendigt, sagte der ehrsame Kastrat zu mir, ich schiffe mich zu Ceuta ein und bringe Sie nach Italien zurück. Ma che sciagura d'essere senza coglioni!

Ich vergoß Tränen des innigsten Danks für all' das, was er an mir getan hatte und noch tun wollte. Er brachte mich nicht nach Italien, sondern nach Algier, und verkaufte mich an den dortigen Dei. Kaum war ich verkauft, als die Pest, die nachher Afrika, Asien und Europa durchzogen hat, in Algier zu toben begann. Erdbeben haben Sie schon gesehn, doch die Pest wohl nie gehabt, Baroneß? Nie, antwortete Kunegunde. Sonst würden Sie mir einräumen müssen, daß Erdbeben, dagegen gerechnet, gar nichts sagen will. In Afrika ist sie gang und gäbe; sie verschonte mich auch nicht. Stellen Sie sich nun die Lage vor, worin sich die fünfzehnjährige Tochter eines Papsts befand! In einem Vierteljahre hatte sie Geliebten verloren und Freiheit, war fast täglich geschändet worden, hatte immer Hungertod und Kriegsgetümmel vor Augen gehabt und sollte jetzt an der Pest sterben.

Ich kam demungeachtet glücklich davon, allein mein Kastrat ging drauf, und der Dei und fast der ganze algierische Serail. Als diese fürchterliche Pest eine kleine Pause gemacht, wurden die Sklaven des Deis verkauft. Ein Kaufmann erhandelte mich und nahm mich nach Tunis, wo er mich einem seiner Kollegen überließ, dieser verkaufte mich nach Tripolis, von Tripolis wurd' ich nach Alexandrien verkauft, von Alexandrien nach Smyrna, von Smyrna nach Konstantinopel.

Nunmehr befand ich mich in den Händen eines Janitscharenführers, der bald darauf Befehl erhielt, dem von den Russen belagerten Assow zum Entsatz zu kommen. Dieser Janitschar war ein überaus galanter Mann; er nahm alle seine Kebsdamen mit, logierte uns in eine kleine Schanze, dicht am See Tana, die von zwei schwarzen Verschnittnen und zwanzig Soldaten bedeckt wurde. Die Russen stürzten anfänglich hin wie die Fliegen; bald aber kehrte sich das Blatt. Assow ging über, wurde mit Feuer und Schwert verwüstet; bei den Überwindern galt kein Ansehn des Alters noch Geschlechts.

Unsre kleine Schanze hielt sich noch; die Feinde beschlossen, sie auszuhungern. Die zwanzig Janitscharen hatten geschworen, sich nie zu ergeben. Der äußerste nagendste Hunger nötigte sie, unsre beiden Verschnittnen aufzufressen, damit sie ihren Schwur nicht zu brechen brauchten. Nach Verlauf etlicher Tage beschlossen sie, es mit uns ebenso zu machen.

Wir hatten aber einen gar frommen Iman bei uns, einen recht barmherzigen Samariter, der hielt eine gar herrliche Predigt, wodurch sie andern Sinnes wurden. Umbringen müßt ihr die Weiber nicht, sagte er, aber jeglicher von ihnen den halben Hinterbacken ablösen, das laß ich gelten; auf die Art werdet ihr Essen die Fülle haben; gebricht's euch wieder an Proviant, nun so wißt ihr ja, wo eure Vorratskammer liegt. Ihr könnt sodann mit Zuversicht hoffen, daß euch Allah wegen einer solchen Barmherzigkeit nicht ohne Beistand lassen wird.

Da dieser Priester ein guter Schwadronör war, so drang er durch, und man nahm die grausame Operation vor. Der Iman bestrich uns in eigner Person mit Beschneidungsbalsam. Wir waren allesamt todsterbenskrank.

Kaum hatten die Janitscharen die Mahlzeit hinter, die wir ihnen verschafften, so waren die Russen in flachen Fahrzeugen da und stürmten die Schanze. Kein Janitschar blieb am Leben. Uns schleppten die Sieger mit, ohne sich um unsern Zustand im mindesten zu kümmern.

Französische Wundärzte findet man allenthalben. Sonach hatten sie einen in der Kunst gar wohlerfahrnen Franzmann bei sich, der nahm uns in die Kur und heilte uns glücklich. Er suchte uns dadurch zu trösten, daß dergleichen Kriegsgebrauch wäre und sich schon bei vielen Belagrungen ereignet hätte. Wie meine Wunden völlig zugeheilt waren, verlangt' er von mir Minnesold. Ich werde den Antrag in meinem Leben nicht vergessen.

Als meine Gespielinnen gehn konnten, mußten sie nach Moskau wandern. Ich fiel einem Bojaren zuteil, der mich zu seiner Gärtnerin machte und mir täglich zwanzig Hiebe mit der Knute gab. Allein nach zwei Jahren wurde dieser Herr mit dreißig andern Bojaren gerädert, weil sie am Hofe ein gar hübsches Rührei gemacht hatten.

Diese Begebenheit benutzt' ich, wipste davon, durchstrich ganz Rußland, war lange Zeit zu Riga Aufwärterin in einem Wirtshause, bekleidete den Posten auch zu Rostock, Wismar Leipzig, Kassel, Utrecht, Leiden, Haag, Rotterdam, ward im Elend und in der Schande alt und grau; schleppte allenthalben meinen halben Hintern mit herum, und die Erinnerung, daß ich die Tochter eines Papsts sei. Hundertmal war ich Willens, mich zu töten, aber immer siegte die Liebe zum Leben.

Diese lächerliche Schwäche ist eine unsrer unseligsten Triebe. Kann man sich wohl etwas Törichters denken als ein Geschöpf, das eine Last immer mit sich herumschleppt, die es gern alle Augenblicke von sich werfen möchte? Das sein Dasein verabscheut und doch platterdings nicht daran will, ihm ein Ende zu machen? Kurz das eine Schlange hätschelt, die immer in ihm fortnagt, bis sie ihm das Herz abgefressen hat.

In all' den Ländern, wohin mich das Schicksal getrieben, und in allen Wirtshäusern, wo ich Aufwärterin gewesen, hab' ich Personen die Menge gefunden, die ihr Dasein verfluchten, aber nur ein Dutzend gesehn, die ihrem Elende ein freiwilliges Ende machten. Das waren drei Mohren, vier Engländer, vier Genfer und ein Leipziger Professor, Namens Robeck.

Mein letzter Dienst war bei dem Juden Don Isaschar. Ich lernte ihn vor zwei Jahren in Rotterdam kennen, wo er in dem Gasthofe logierte, worin ich diente. Ein niedlicher Bettwärmer, den er mit sich gebracht, hatte sich in alle seine Kostbarkeiten und in seine vollgepfropfte Börse so stark verliebt, wie er sich in dies Kreatürchen, und den Anschlag gemacht, durch meine Beihilfe damit über alle Berge zu gehn. Diese Zumutung verdroß mich; ich steckte dem Juden das Projekt seines Madchens; er verhinderte sie an dessen Ausführung, indem er sie sitzen ließ, und mich nahm er zur Belohnung meiner Redlichkeit mit nach Portugal, wo er mir Zeit Lebens Unterhalt zu geben versprach.

Bald darauf kamen Sie in sein Haus, und er gab mich Ihnen zur Bedienung. Sie wissen, wie ich stets an Ihnen gehängt, gnädge Baroneß, wie ich über Ihre Schicksale ganz die meinigen vergessen habe, die um so härter sind, da mein Elend nur erst mit meinem Leben ein Ende nehmen kann. Denn Sie müssen noch wissen, bei Verlust des Kopfs darf ich mich in den Landen meines verstorbnen Vaters nicht wieder sehn lassen. Sein Nachfolger auf dem päpstlichen Stuhl, ein geschworner Feind meiner Mutter und des Hauses Massa Carrara, hat nicht nur alle unsre Güter eingezogen, sondern auch bei Landesverweisung verboten, meiner in Gesellschaft zu erwähnen. Durch ihn, teils bestochen, teils durch niedrige Schmeichelei bewogen, haben verschiedne Geschichtsschreiber nicht nur meinen Vater aus der Liste der Päpste weggelassen, sondern auch sogar öffentlich im Druck meine und meiner Mutter Existenz glatt weggeleugnet.

Urteilen Sie nun selbst, wer von uns beiden das Mehrste erlitten hat, und gleichwohl hätt' ich Ihnen nie meine Unglücksfälle erzählt, wenn Sie mich nicht durch Ihre bittern Klagen dazu aufgefordert hätten, und wenn's nicht im Schiff, so gut wie auf der Landkutsche Mode wäre, der lieben Langeweile halber Historien zu erzählen.

Machen Sie sich 'mal das Vergnügen, gnädige Baroneß, und nötigen Sie jeden aus unsrer Reisegesellschaft, seinen Lebenslauf zu erzählen; ich behaupte — und ich habe mir Erfahrung genug gesammelt, um das mit Grund behaupten zu können —, daß kein einziger darunter ist, der nicht sein Dasein verflucht, sich oft selbst gesagt hat, daß er der unglücklichste unter allen Menschen sei. Finden Sie einen, der das nicht getan hat, nun so stürzen Sie mich kopfüber ins Meer.

Dreizehntes Kapitel: Wie sich Kandide genötigt sahe, die schöne Kunegunde und die Alte zu verlassen
Nunmehr begegnete die schöne Kunegunde der Alten mit all' der Achtung, die einer Dame von ihrem Rang und Verdiensten gebührte. Sie nahm ihren Vorschlag an und beredete ihre Reisegefährten, nach der Reihe ihre Begebenheiten zu erzählen. Kandide und sie mußten gestehn, daß die Alte recht hatte. Schade, sehr schade! sagte Kandide, daß der weise Panglos wider alle Sitt' und Brauch in einem Audodafé ist aufgehängt worden, was für vortreffliche Dinge würd' er über das physische und moralische Übel sagen, das unsern Erdwasserball bedeckt, und ich würde mich stark genug fühlen, ihm einige bescheidne Einwürfe zu machen.

Über die Erzählungen langte man, eh' man sich's versahe, in Buenos-Aires an. Kunegunde, Hauptmann Kandide und die Alte begaben sich zum dasigen Statthalter, dem Don Fernando d'Ibara y Figueora y Mascarenes y Lampourdos y Souza. Er war so hochfahrend, als es ein so vielbetitelter Mann sein mußte; sprach in so hochadelig-verächtlichem Tone mit Mannspersonen, trug seine Nase so hoch hinaus in die Lüfte, erhub seine Stimme so posaunenmäßig, hatte einen so befehlshaberischen Ton und solchen Pfauengang, daß jedem, der ihm seine Aufwartung machte, der Gelust ankam, ihn derb durchzuprügeln; die Frauenzimmer liebt' er aufs heftigste; Kunegunde deuchte ihm das schönste, reizendste Geschöpf, das er je gesehn. Seine erste Frage war, ob sie des Hauptmanns Frau sei.

Das fragte er mit einem Ton, mit einer Miene, daß Kandide ganz zu Boden geschlagen wurde. Für seine Frau mocht' er sie nicht ausgeben, weil sie's noch nicht war, für seine Schwester auch nicht, denn das war sie noch weniger; er war zu sehr Teutscher, um sich dieser Notlüge zu bedienen, die so manchen Patriarchen aus der Not gerissen hatte und auch noch heutiges Tages gute Dienste leisten konnte. Deshalb sagte er grad heraus: die Baroneß Kunegunde wird mich mit ihrer Hand beehren, und wir ersuchen Ihro Exzellenz untertänigst, die hohe Gnade für uns zu haben und unsre Hochzeit auszurichten.

Don Fernando d'Ibara y Figueora y Mascarenes y Lampourdos y Souza strich hohnlächelnd seinen Zwickelbart und befahl dem Hauptmann Kandide, seine Kompanie zu mustern. Kandide gehorchte und ließ den Statthalter bei Baroneß Kunegunden allein. Dieser entdeckte ihr nunmehr seine Brunst und beteuerte ihr, er wolle ihr morgen im Angesicht der Kirche seine Hand reichen; wolle sie ihn aber mit ihrer außerehlichen Liebe beglücken, so woll' er sich auch da nach ihr richten. Kunegunde bat sich eine Viertelstunde von ihm aus, um sich sammeln, die Alte um Rat fragen und sich entschließen zu können. Die Alte sagte zu ihr: Sie haben zweiundsiebenzig Ahnen und keinen roten Heller, können jetzt die Gemahlin des angesehnsten und stattlichsten Zwickelbarts in ganz Südamerika werden. Was wollen Sie sich da bedenken. Not hat kein Gebot, und wozu Sie den Pastor Fido im Reifrock spielen wollen, seh' ich nicht ab. Sie sind von den Bulgaren geschändet worden, haben sich vom Juden und Inquisitor brauchen lassen. Wär' ich in Ihrer Stelle, ich griffe zu, nähme den Herrn Statthalter zum Manne ohn' alles Fackeln und machte dem Herrn Hauptmann Kandide sein Glück.

Indes daß das Mütterchen mit all der Klugheit sprach, die Alter und Erfahrung geben, sah' man ein Schifflein in den Hafen einlaufen, worauf sich ein Alkalde und Alguazils, Gerichtsdiener, befanden. Was die Herren wollten, soll der Leser gleich erfahren.

Die Alte hatte ganz recht gehabt, daß der weitärmlige Franziskaner zu Badajos Kunegunden auf ihrer eilenden Flucht ihr Geld und ihre Diamanten gestohlen. Er hatte einige Steine einem Juwelier verkaufen wollen, der sie erkannte und ihn festnehmen ließ. Unterm Galgen hatte der Mönch bekannt, daß er sie gestohlen, die Personen beschrieben, denen er sie entwandt, und den Weg, den sie genommen hatten. Kunegundens und Kandidens Flucht war bereits bekannt: man setzte ihnen bis Cadix nach, ohne sie einholen zu können; von da aus wurd' ihnen ungesäumt ein Schiff nachgesandt, und dies Schiff lag jetzt im Hafen.

Überall hörte man, eben sei ein Alkalde ausgestiegen, und man suche die Mörder des Großinquisitors. Die kluge Alte sahe den Augenblick ein, was zu tun war. Fliehen können Sie nicht, sagte sie zur Kunegunde, und brauchens auch nicht. Ihnen können sie nicht an den Hals kommen, denn Sie sind nicht der Mörder des Inquisitors; Sie haben überdies beim Statthalter solchen Stein im Brett, daß er Ihnen kein Härchen wird krümmen lassen. Bleiben Sie nur in Gottes Namen da. Drauf rannte sie in voller Hast zum Kandide. Machen Sie sich über alle Berge, Herr Hauptmann, raunte sie ihm zu, sonst sind Sie in einer Stunde verbrannt. Aufhalten durft' er sich nicht einen Augenblick, trennen konnte er sich nicht von seiner Kunegunde, und einen Ort, wo er sich hinflüchten sollte, wußt' er nicht.

Vierzehntes Kapitel: Wie Kandide und Kakambo in Paraguay von den Jesuiten aufgenommen werden
Kandide hatte von Cadix einen Bedienten mitgebracht, wie man deren viel auf den spanischen Küsten und in den Kolonien antrifft; einen Viertelspanier, von einem Mestizen in Tukuman erzeugt. Er war Chorknabe gewesen, dann Küster, Matrose, Mönch, Buchhalter, Soldat und war endlich Lakai geworden; er hieß Kakambo und hing sehr an seinem Herrn, weil er eine gar gute, liebe Seele war. Ober Hals und Kopf sattelte er die beiden andalusischen Pferde. Wollen dem Rat der alten Mutter folgen, lieber Herr, sagte er, und zujagen, was nur's Zeug hält, ohn' uns umzusehn.

O traute Kunegunde! rief Kandide, und Tränen flossen über seine Wangen, so muß ich dich denn verlassen! muß dich in dem Zeitpunkt verlassen, da der Herr Statthalter uns zusammenfügen wollte! Mußt' ich dich darum herführen, meine Kunegunde! Oh, was wird aus dir werden!

Kakambo. Alles Guts! sie wird den Mantel nach dem Winde drehn. Ich möchte das Weib sehn, das sich nicht aus der jämmerlichsten Patsche zu helfen wüßte. Und zudem sind ja die Weiber unsers Herrgotts liebste Kinder! — Die Sporen in die Rippen, Herr!

Kandide. Wo willst du denn hin? Wo geht's denn zu? Und was wollen wir ohne Kunegunden machen?

Kakambo. Sie haben doch gegen die Jesuiten wollen zu Felde ziehn, wissen Sie was, ziehn Sie für sie zu Felde. Beim heiligen Jakob vom Compostell, ich weiß Weg und Steg und will Sie Zu ihnen bringen. Das wird ihnen 'ne rechte Herzensfreude sein, einen Hauptmann zu kriegen, der das bulgarsche Manövrieren versteht. Sie werden da 'ne gar herrliche Nummer finden.

Geht's einem in einem Weltteil schief, so zieht man in einen andern, und kömmt da auf 'nen grünen Zweig; kriegt wieder ganz was anders zu sehn, ganz was anders zu hören und auch 'n ganz ander Stückchen Arbeit, wenn man will. Oh! es ist 'n gar scharmantes herrliches Ding ums Reisen!

Kandide. So bist du in Paraguay bekannt?

Kakambo. Wie'n Pudel bei meiner armen Seele! Bin ja Aufwärter gewesen in dem Jesuiterkollegium zu Assumption, weiß im Gouvernement der Los Padres so gut Bescheid wie auf den Gassen zu Cadix. Das ist Ihnen noch ein Königreich, das sich gewaschen hat. Schon jetzt hat's mehr als dreihundert Meilen im Umkreise und ist in dreißig Provinzen eingeteilt. Los Padres schieben alles in ihren Sack, und das Volk hat nicht mal 'ne lahme Laus, die sein wäre. Wie schlau dort die Gerechtigkeit ist! Wie klug sie alles eingefädelt haben! Oh, darüber geht nichts!

Nein! solche herrliche kapitale Kerls gibt's gar nicht mehr wie Los Padres! Hier ziehn sie gegen den König von Spanien und von Portugal zu Felde, dort bebeichten und beabendmahlen sie sie, hier knicken sie den Spaniern auf'n Kopf, dort beten sie sie mit Leib und Seel in'n Himmel, 's ist ganz allerliebst!

Nur immer die Sporen in die Rippen! — Nun werden Sie erst recht ins Wohlleben reinkommen und auf nen grünen Zweig! Sie werden sich recht in der Seele freuen, die Padres, wenn sie hören, daß ein Hauptmann zu ihnen stößt, der das bulgarische Manövrieren versteht.

Am ersten Schlagbaum angelangt, sagte Kakambo zur Schildwacht: Es war' ein Hauptmann da, der dem Herrn Kommandanten seine Aufwartung machen wollte. Sofort wird's der Hauptwache gemeldet, und ein paraguayscher Offizier bringt dem Kommandanten davon Rapport. Kandide und Kakambo werden entwaffnet und die beiden andalusischen Gäule in Beschlag genommen.

Man führte sie durch zwei Reihen Soldaten; am Ende stand der Kommandant, ein dreieckichtes Barett auf, den Rock zurückgeschlagen, den Degen an der Seite, die Offizierspike in der Hand. Er winkte, und sogleich umringten vierundzwanzig Soldaten die beiden Fremden. Ein Sergeant sagte zu ihnen: Sie müßten sich gedulden: der Herr Kommandant könnte sie nicht sprechen, denn Ihro Hochehrwürden der Pater Provinzial erlaubte keinem Spanier anders als in seiner Gegenwart das Maul auf zutun und duldete ihn nicht länger im Lande als höchstens drei Stunden.

Und wo sind Ihro Hochehrwürden? frug Kakambo. „Auf der Parade, Sie haben eben Ihro Messe gelesen. Vor drei Stunden können Sie seine Sporen nicht küssen." „Er ist aber kein Spanier, der Herr Hauptmann, und wir möchten beide vor Hunger umfallen. Könnten wir nicht derweil ein bißchen frühstücken, bis Ihro Hochehrwürden kommen?"

Sogleich rapportierte der Sergeant dem Kommandanten. Ein Teutscher! rief er, ein Teutscher! O Gott Lob, da kann ich ihn prechen. Man führ' ihn in die Gartenlaube. Und man brachte sie sofort in ein kleines grünes Lusthaus.

Es war mit einer gar stattlichen Reihe von grünen Marmorsäulen geschmückt, deren Knauf und Schaft vergoldet war; dahinter lief ringsum ein artiges Gitterwerk, worin sich Papageien befanden, Kolibris, Fliegenfänger, Perlhühner und die allerseltensten Vögel. Das herrlichste Frühstück ward in goldnen Geschirren aufgetragen, unter der Zeit lagen die Paraguayer mitten im Felde bei der stechendsten Sonne und aßen Mais aus hölzernen Schüsseln.

Nicht lange, so trat der wohlehrwürdige Pater Kommandant herein. Ein bildschöner junger Mann; sein Aug war feurig, Lipp' und Wange rot, die Augenbraunen wohlgewölbt, das Gesicht rund und ziemlich weiß. Er hatte in seinem Betragen etwas Edelstolzes, das aber weder den Spanier noch den Jesuiten ankündigte.

Kandiden und Kakambo'n wurden ihre abgenommnen Waffen und ihre beiden Andalusier wieder zugestellt. Kakambo gab ihnen an der Türe des Gartenhauses Haber zu fressen, und damit ihnen kein Tuckmäuserstückchen gespielt würde, verließ er sie mit keinem Auge.

Kandide küßte dem Kommandanten den Saum seines Rocks, und darauf setzten sie sich zu Tische. So, sind Sie ein Teutscher? fragte ihn der Kommandant in dieser Sprache. Worauf ich nicht wenig stolz bin, Ihro Wohlehrwürden, antwortete Kandide. Bei diesen Worten fuhren sie beide zusammen, sahen einander starr an, mit einer Bewegung, die sie nicht bergen konnten. Der Kommandant. Und aus welcher Provinz?

Kandide. Aus dem Rauchloche, dem Herzogtum Westfalen, und bin auf dem Rittersitz Donnerstrunkshausen geboren.

Kommandant. Heiliger Gott! wär's möglich!

Kandide. Welch Wunderwerk!

Kommandant. Sollten Sie's wirklich sein?

Kandide. Es ist gar nicht möglich.

Sie fielen sich um den Hals, hingen fest aneinander, konnten nicht zu Worte kommen, strömten sich in Freudentränen aus. Kandide erhielt die Sprache zuerst wieder: So hab' ich den Bruder der reizenden Kunegunde in meinen Armen. Ja er ist's, der Sohn des Herrn Barons. Es ist Junker Polde, der von den Bulgaren getötet wurde! Und ist jetzt Jesuit in Paraguay! Wahrlich, es geht wunderbar her in der Welt! O Panglos! Panglos! wie würdest du dich freuen, wenn du nicht am Galgen hingest.

Der Kommandant gab seinen Negersklaven und Paraguayern, die ihnen in bergkristallnen Bechern Wein eingeschenkt hatten, einen Wink hinauszugehn. Und nun pries er Gott und den heiligen Ignatus tausendmal und drückte Kandiden an seine Brust. Sie schwammen in Tränen.

Kandide. Schon so im Rausch der Freude Baron! Oh! viel zu früh! Das vollste Maß von Seligkeit erwartet erst Ihrer! Ihre totgeglaubte Schwester lebt, ist frisch und munter.

Kommandant. Kunegunde lebte noch? Wäre wohlauf? Wo ist sie denn? wo?

Kandide. Ganz in der Nähe, beim Herrn Statthalter von Buenos-Aires.

Nun hub Kandide an, alles zu erzählen, was sich seit seiner Schloßverweisung bis zu seiner Reise nach Amerika zugetragen hatte. Der gejesuitete Baron lauschte mit begierigem Ohr und den vollsten Seelenblicken. Als Kandide seine lange Erzählung geendet hatte, fingen sie als ehrliche Teutsche an, tapfer zu zechen. Und da der Pater Provinzial noch nicht kam, begann der Kommandant seine Erzählung wie folgt. Kandide war ganz Ohr und ganz Herz.

Fünfzehntes Kapitel: Weshalb Kandide den Bruder seines Mädchens tötet
Der gräßliche Tag, an dem ich Vater und Mutter töten und meine Schwester schänden sah, wird mir nie aus den Gedanken kommen. Nach dem Abmarsch der Bulgaren suchte man meine anbetungswürdige Schwester allenthalben und fand sie nirgends. Meinen Vater, meine Mutter, mich, die Leichname von zwei Mägden und drei kleinen Buben warf man auf einen Karren, um uns nach einer Jesuiterkapelle zu führen, die zwei Meilen von meines Vaters Schloß lag.

Ein Jesuit besprengte uns mit Weihwasser; es war salzicht wie all der Teufel; einige Tropfen davon spritzten mir in's Auge: der Pater merkte, daß meine Augenlider etlichemal zuckten. Er legte die Hand auf mein Herz und fühlte es schlagen. Die geschicktesten Wundärzte verwandten ihre Kunst an mir, und binnen drei Wochen war ich wieder völlig auf den Beinen. Ein recht hübscher Junge war ich immer, wie Ihr wißt, Kandide, jetzt hatte ich ganz die lachende, blühende Gestalt von Gott Amor. Auch ward der ehrwürdige Pater Krust, der dortige Superior, mein sehr warmer Freund; kleidete mich ein, und sandte mich nicht lange darauf nach Rom. Der Pater General warb damals junge teutsche Jesuiten an. Höchst ungern nehmen die paraguayschen Monarchen Spanier, Ausländer weit lieber, sie denken, sie eher lenken und bändgen zu können.

Der ehrwürdige Pater General fand mich tüchtig, ein Arbeiter in diesem Weinberge des Herrn zu werden. Ich reiste mit einem Tiroler und Polen hieher. Gleich nach meiner Ankunft ward ich Unterdiakonus und Leutnant, jetzt bin ich Obrister und Priester.

Und nun, Kandide, laß sie nur kommen, die königlichen Truppen, laß sie nur kommen. Wir wollen sie fegen! Ich bin dir Manns dafür. Sie sollen derbe Schlappen bekommen und den Kirchenbann obenein. Die Vorsehung hat dich noch zur rechten Zeit zu unserm Beistand hergesandt. Aber sag mir, guter Junge, lebt meine liebe Schwester wirklich noch? und ist sie hier in der Nähe beim Herrn Statthalter von Buenos-Aires? „Bei Gott! es ist keine Lüge!"

Und sie strömten von neuem in Tränen aus. Der Baron hing an seinem Halse, konnte gar nicht los von ihm, nannte ihn seinen Bruder, seinen Retter. O! Kandide, rief er, trauter Kandide! Zögen wir doch erst als Sieger in die Stadt ein und führten Schwester Kunegunden zurück. Mein einziger Wunsch! sagte Kandide, denn ich war Willens, sie zu heiraten, und bin's auch noch. Der Baron riß sich los von ihm, schleuderte ihn zurück. „Übermütiger Bengel! heiraten wollt Ihr meine Schwester! Ihr sie heiraten! Ein Fräulein von zweiundsiebenzig Ahnen! Verdammt über die Unverschämtheit! Und ist so keck, die Bürgerkanalje, und sagt mir die infame Sottise ins Gesicht!"

Kandide stand da wie Laokoon's Bildsäule und sagte, wie er wieder Worte fand: Mein Wohlehrwürdger Pater, alle Ahnen auf Gottes Erdboden können hier nicht in Anschlag kommen! Ich riß Ihre Schwester aus den Armen eines Inquisitors; sie hat mir nicht wenig Verbindlichkeiten, und deshalb gibt sie mir ihre Hand ganz aus freien Stücken. Magister Panglos hat mir immer gesagt, daß alle Menschen einander gleich sind. Daher können Sie versichert sein, ich heirate sie.

Wollen sehn, Schurke! Wollen sehn! rief der gejesuitete Baron von Donnerstrunkshausen und gab ihm mit der flachen Klinge einen derben Hieb übers Gesicht. Kandide gleich heraus mit seinem Degen und ihm selbigen bis ans Heft in den Leib gejagt.

Doch wie er ihn rauchend herauszog, hub er bitterlich an zu weinen. O mein Gott! da hab' ich ihn umgebracht, meinen alten Herrn, meinen Freund, meinen Schwager. Bin solch erzgutes Geschöpf und habe nun schon drei Menschen ermordet! Und unter den dreien zwei Priester.

Kakambo, der an der Lusthaustüre Schildwacht gestanden, kam hereingesprungen. Jetzt müssen wir uns unsrer Haut wehren, fechten, solang' wir noch einen Finger rühren können! rief ihm sein Herr zu. Unangegriffen bleiben wir gewiß nicht. Kakambo, der den Karrn schon weit ärger hatte im Kote stecken sehn, ließ die Flügel noch gar nicht sinken und schob wieder in einem Hui den Karrn aufs Trockne, und das auf folgende Art: Er warf das Jesuiterkleid des getöteten Baron's seinem Herrn um, setzte ihm das Barett auf, half ihm auf's Pferd und sagte: Nun zugejagt, Herr, was das Zeug hält! Man wird Sie für einen jesuitschen Adjutanten ansehn, und wir werden über die Grenze sein, eh' man uns nachjagen kann. Und damit vorangejagt und auf spanisch gerufen: Platz da! Platz! Ihro Wohlehrwürden kommen, der Herr Obrister!

Sechzehntes Kapitel: Zwei Mädchen und zwei Paviane stoßen unsern Reisenden auf. Wie's ihnen bei den Wilden, die Langohren genamst, ergeht
Kandide war mit seinem Bedienten schon über die Grenze, und noch krähte im Lager nicht Hund noch Hahn über des teutschen Jesuiten Tod. Der flinke Kakambo hatte seinen Mantelsack mit Pumpernickel, Schokolad, Schinken, Knackwurst, Obst und einigen Maßen Wein gar wohl bespickt. Sie waren schon ziemlich tief in einem wildfremden, ganz ungebahnten Lande, als sie eine schöne Wiese vor sich liegen sahen, von vielen Bächen durchschnitten. Hier ließen sie ihre Gäule weiden, und Kakambo tat seinem Herrn den Vorschlag, zu essen, und ging ihm mit gutem Beispiel vor.

Ich, Schinken essen, Kakambo, und habe den Sohn des Herrn Barons erschlagen; darf meine Kunegunde in meinem Leben nicht wiedersehn! Wozu hülf es, ein elendes Leben zu fristen, das ich fern von meiner Geliebten in Reu' und Verzweiflung zubringen muß. Und überdem, wie wird das Journal zu Trévoux mir mitspielen, wenn selbiges es erfährt.

So sprach Kandide und aß dabei ein Stückchen Schinken nach dem andern, trank ein Gläschen aufs andre. Die Sonne ging unter. Unsre Verirrten hörten ein schwaches Gekreisch; es deuchte ihnen Weibergekreisch. Sie wußten nicht, obs Geschrei der Freude oder der Angst war, sprangen auf mit all der Unruh' und Besorgtheit, die man in einem ganz fremden Lande zu haben pflegt, wenn man nur ein Espenblatt rauschen oder einen starken Laut schallen hört. Wie ein Blitz kamen ein paar Mädchen in puris naturalibus über die Wiese weggeschossen und hinter ihnen drein zwei Affen, die sie in die Lenden bissen. Diese Dirnen erhuben jenes Gekreisch.

Kandiden jammerte der Anblick, er hatte bei den Bulgaren schießen gelernt und hätte wohl eine Nuß aus einem Haselbusch herunterbüchsen können, ohne die Blätter zu streifen. Er schlug seine doppelte spanische Flinte an und erschoß die beiden Affen. Gott Lob, mein lieber Kakambo, sagte er, die armen Mädchen hab' ich aus recht großer Gefahr gerettet. Beging ich Sünde, daß ich einen Inquisitor tötete und einen Jesuiten, so hab' ich jetzt an diesen Mädchen ein recht verdienstliches Werk getan. Ich bin der Retter ihres Lebens. Vielleicht sind sie von vornehmem Stande, und so kann uns dies Abenteuer hier im Lande viel Vorteil verschaffen.

Er verstummte aber plötzlich, als er sah, daß diese beiden Dirnen zärtlich die Affen umarmten, in Tränen über ihre Leichname schmolzen und mit dem wehmütigsten Geschrei die Lüfte erfüllten. Soviel Güte des Herzens hätt' ich den Mädchen nicht zugetraut, sagte endlich Kandide.

Kakambo. Sie haben wieder einen schönen Streich gemacht. Die Herren Paviane, die sie eben niedergebüchst, sind ja die feinen Liebchen von den beiden Dirnen! Kandide. Das, ihre Liebhaber! Schäker! wie war das möglich? Wie ist das glaublich?

Kakambo. Als wär' das wieder so was zu verwundern! Was ist das nun mehr, daß es ein Land in der Welt gibt, wo Pavians bei den Weibern Hahn im Korbe sind. Es sind Viertelmenschen so wie ich ein Viertelspanier.

Kandide. Ha! ich besinne mich, von Magister Panglos gehört zu haben, daß ehemals sich dergleichen zugetragen und daß aus dieser Vermischung die Ägipane, Faun' und Satyrn entstanden wären; daß viele große Männer des Altertums sie gesehn hätten. Ich nahm aber das alles für Märchen.

Kakambo. Und ist doch die helle, klare Wahrheit, die Sie nun mit Händen greifen können! Sehn Sie, so machens die Mädel, die niemals unter der Schere der Mutter oder 'ner wohlehrbaren, steifen Französin gestanden haben. Da haben Sie die liebe Natur! - - Bei alle dem ist mir gar schwül zu Mute, Ich fürchte, ich fürchte, die Damen werden uns einen gar saubern Brei einbrocken.

Kandide fand, daß sein Kakambo eben nicht unrecht hatte, und machte sich samt ihm tiefer ins Land hinein. Sie lagerten sich mitten in einem Gebüsch und aßen ihr Abendbrot; vermaledeiten den Großinquisitor, den Gouverneur von Buenos-Aires und den Baron und schliefen auf dem Moose ganz ruhig ein. Beim Erwachen merkten sie, daß sie sich nicht rühren konnten. Und das kam daher: die dortigen Einwohner, die Langohren, an welche die beiden Damen sie verraten, hatten sie in der Nacht mit Stricken von Bast zusammengebunden.

Ringsum standen so ein fünfzig Langohren, ganz nackt, Pfeile, Keulen und Äxte von Kieselstein in den Händen. Einige setzten einen großen Kessel übers Feuer, das sie anbliesen; andre schnitzten Bratspieße, und alle insgesamt schrien; ein Jesuit! Ein Jesuit! Da wollen wir unser Mütchen kühlen! 's soll 'n gar herrlicher Fraß sein! Wollen ihn auffressen, den Jesuiten! Wollen ihn auffressen!

Hab' ichs Ihnen nicht gesagt, lieber Herr, rief Kakambo kopfhängend, die Mädel würden uns 'ne gar saubre Pastete anrichten? Zuverlässig werden wir gesotten oder gebraten! rief Kandide, wie er den Kessel und die Bratspieße sah. Ha! was würde Magister Panglos sagen, wenn er so die Natur in all ihrer Rohheit sähe! Es ist alles gut gemacht; es sei drum, aber doch muß ich. gestehn, es ist hart, äußerst hart, daß ich Baroneß Kunegunden verloren habe und hier von den Langohren an den Spieß gesteckt werde.

Kakambo, der sich immer aus dem verworrensten Hanfe zu haspeln wußte, sagte zum trostlosen Kandide: Immer getrost, Herr. Ich versteh' den Kerls ihr Rotwälsch ein wenig. Ich will hin und mit ihnen sprechen. Vergiß ja nicht, sagte Kandide, ihnen aufs lebhafteste vorzustellen, daß es gräßlich Unmenschlichkeit ist, Menschen zu braten, und wie wenig christlich das gedacht ist.

Nicht wahr, Kinderchen, sagte Kakambo, ihr denkt, ihr wollt heut einen Jesuiten schmausen! Das ist recht löblich! Recht brav, wenn man so mit seinen Feinden verfährt. Schlag deinen Nächsten tot! Das ist nach der Natur Rechtens, und das gilt allenthalben auf Gottes weitem Erdboden. Daß wir ihn nun nicht auffressen, wie's auch nach der Natur Rechtens ist; nun das kömmt daher, wir haben schon sonst leckre Gerüchte; ihr guten Leute aber nicht, und da ist's denn immer freilich besser, seine Feinde in seinem Magen zu begraben, als die Frucht seines Sieges den Raben und Krähen preiszugeben.

Aber Kinderchen, eure guten Freunde werdet ihr doch nicht verzehren wollen? Ihr denkt einen Jesuiten an den Spieß zu stecken, und 's is eur Schutzpatron, ein erzabgesagter Feind von euren Feinden, die ihr rösten wollt. Was mich anlangt, ich bin in eurem Lande geboren, und der junge Mann da, ist mein Herr und nichts weniger als 'n Jesuit; hat vielmehr einen Jesuiten umgebracht und seine Jacke angezogen, und eben darum habt ihr euch geirrt.

Damit ihr nun seht, daß ich kein Windbeutel bin, so nehmt den Rock, zeigt ihn an dem ersten Grenzorte den Padres und fragt, ob mein Herr nicht einen jesuitschen Offizier kaltgemacht hat. 's is ja nur 'n Katzensprung bis dahin, und findet ihr, daß ich euch belogen habe, so könnt ihr uns ja noch immer fressen. Hab' ich euch aber reinen Wein eingeschenkt, nun, so wißt ihr zu gut, was Rechtens ist, als daß ihr uns nicht begnadgen solltet.

Hat ganz recht! schrien die Langohren, und sie trugen zwei von den Ältesten des Landes auf, nach dem Jesuiterlande zu kutschieren und sich nach der Wahrheit zu erkundigen. Als Leute von Kopf richteten selbige ihren Auftrag glücklich aus und brachten gar fröhliche Mär mit.

Die Langohren banden ihre Gefangnen los, erwiesen ihnen ungemein viel Höflichkeiten, setzten ihnen Mädchen vor, Erfrischungen und begleiteten sie bis an die äußersten Grenzen unter dem lauten Jubelgeschrei: 's ist kein Jesuit nicht! 's ist kein Jesuit nicht!

Sonderbar die Ursach meiner Befreiung, sagte Kandide. Und sonderbar dies Volk und ihre Sitten! Wie gut es war, daß ich dem Bruder der Baroneß Kunegunde den Degen bis ans Heft in den Leib gejagt hatte, sonst hätt' ich ohne alle Barmherzigkeit an den Spieß gemußt. Bei alle dem, die pure, rohe Natur ist auch so übel nicht. Denn wie äußerst höflich waren nicht die Leutchen gegen mich, als sie erfuhren, ich wäre kein Jesuit; da war gar nicht mehr die Rede vom Auffressen.

Siebzehntes Kapitel: Kandide kommt mit seinem Bedienten nach Eldorado. Was sie da gesehn
Wie sie über den Grenzen der Langohren waren, sagte Kakambo zu Kandiden: Sie sehn wohl, diese Hälfte der Erdkugel ist sowenig 'nen Pfifferling wert wie jene. Das Gescheitste wäre, wir gingen wieder nach Europa, und das je ehr, je besser. Kandide. Wieder nach Europa? Und wo dann hin? Nach Westfalen, da schlagen Bulgaren und Abaren tot, was lebendigen Odem hat, nach Portugal, da werd' ich verbrannt; und bleiben wir hier, so sind wir keinen Augenblick sicher, gespießt und aufgezehrt zu werden. Und doch kann ich mich nicht entschließen, den Teil der Welt zu verlassen, der meine Kunegund' in sich schließt.

Kakambo. I, wissen Sie was! so wollen wir nach Karolina gehn. Dort finden wir Engländer, die ziehn durch die ganze Welt. Helfen tun uns die gewiß; es sind gar gute Geschöpfe, und Gott wird uns auch beistehn.

Nach Karolina zu kommen, war so leicht eben nicht; nach welcher Seite sie ihre Richtung nehmen mußten, wußten sie wohl so ungefähr; allein von allen Seiten her türmten sich ihnen schreckliche Hindernisse entgegen; Gebirge, Flüsse, Abgründe, Straßenräuber und Wilde. Ihre Gäule wollten vor Strapazen umfallen, ihr Proviant war rein alle; schon einen ganzen Monat lang nährten sie sich mit Kokosfrüchten. Endlich gelangten sie an das Ufer eines kleinen Flusses, das mit Kokosbäumen besetzt war. Da fanden sie wieder Nahrung ihres Lebens und ihrer Hoffnung.

Kakambo, ein so stattlicher Ratgeber wie die Alte, sagte zum Kandide: Weiter können wir nicht; haben auch schon 'nen ganz artgen Marsch gemacht. Dort am Ufer steht ein leeres Kanot, wollens mit Kokosnüssen anfüllen und uns 'reinwerfen. Der Strom mag uns hinführen, wo er hin will. Er bringt uns gewiß nicht hin, wo die Welt mit Brettern vernagelt ist. Mag's uns nun gut gehn oder nicht; kriegen wir doch wieder was Neues zu Gesichte. Es sei drum, sagte Kandide. Die Vorsicht steh' uns bei.

Sie trieben so etliche Meilen fort; bald war das Gestade blühend und lachend, bald öd' und dürr, bald niedrig, bald steil. Der Fluß ward immer breiter und verlor sich in eine Kluft von schrecklichen, himmelanstrebenden Felsen. Die beiden Reisenden waren so dreist, sich auch hier noch den Fluten zu überlassen. Der sich hierselbst verengende Fluß riß sie mit fürchterlichem Getöse schnell hindurch. Nach vierundzwanzig Stunden sahen sie das Tageslicht wieder, scheiterten aber gegen die Klippen.

Eine ganze Meile weit mußten sie sich von Klippe zu Klippe fortarbeiten, endlich lag eine unermeßliche Ebene vor ihnen, um die sich eine Kette unersteiglicher Gebirge schlang. Wohl gepaart herrschten Nutzen und Vergnügen auf diesen Feldern, und der Nutzen hatte immer die Miene des Angenehmen. Auf allen Wegen und Stegen prangten Wagen einher, deren Bauart so ausnehmend nett war als glänzend die Materialien; bildschöne Männer und Weiber saßen darauf; große rote Hammel zogen sie mit der größten Schnelligkeit fort. An Flüchtigkeit übertrafen diese Tiere die besten Gäule aus Andalusien, Tetuan und Mequinez.

Das ist ja ein ganz ander Land als Westfalen! rief Kandide. Bei dem ersten Dorfe, das sie antrafen, kletterte er mit Kakambo'n vom Felsen herunter. Wie sie in den Flecken hereintraten, fanden sie einige Bauerjungen in zerlumpten brokatnen Jacken, Wurfscheiben spielen. Sie konnten sich gar nicht satt an ihnen schauen. Ihre Steine waren ziemlich breit, rund, sahen gelb, rot und grün aus und hatten ausnehmenden Glanz. Unsre Reisenden kamen auf den Einfall, einige davon aufzuheben, und siehe, es war Gold, Smaragden und Rubine. Der kleinste von diesen Edelsteinen würde dem Thron des Großmoguls zur größten Zierde gedient haben. Vermutlich müssen das die königlichen Prinzen sein, die hier Wurfscheiben spielen, sagte Kakambo. Der Dorfschulmeister erschien in diesem Augenblick, um sie in die Schule zu treiben. Ha! ihr Instruktor! rief Kandide.

Sogleich trollten sich die kleinen Bettelbuben vom Spiel' und ließen ihre Steine und all ihr Spielzeug auf der Erde liegen. Kandide hob's auf, rannte dem Schulmeister nach, überreichte es ihm in der demütigsten Stellung und gab ihm pantomimisch zu verstehn, Ihro königlichen Hoheiten hätten ihr Gold und Kleinodien vergessen. Lächelnd warf der Schulmonarch beides auf die Erde, sah' einen Augenblick Kandiden mit großen, sperrangelweiten Augen und Munde an und wanderte seines Weges.

Hurtig hoben unsre Herren aus der andern Welt das Gold, die Smaragden und Rubine wieder auf. Wo sind wir? rief Kandide. Die Königssöhne hier müssen recht philosophisch erzogen werden, da sie Gold und Edelgesteine so frühzeitig verachten lernen. Kakambo stutzte diesmal so sehr wie sein Herr. Endlich kamen sie an das erste Haus im Dorfe, völlig gebaut wie ein europäischer Palast. Ein buntes Gewühl von Menschen war vor der Türe, inwendig ein noch bunters. Die melodischste Musik scholl ihnen entgegen, der lieblichste Geruch duftete aus der Küche her.

Kakambo, der vorangegangen war, hörte daß man darin peruisch sprach; das war seine Muttersprache. Kakambo war, wie die Welt weiß, aus Tukuman; ein Dorf, wo man keine andre Sprache kennt. Ich will Ihr Dolmetscher sein, sagte er zum Kandide. Lassen Sie uns 'reingehn. 's ist 'n Wirtshaus. Zwei junge Gesellen und zwei junge Aufwärterdirnen im Gasthofe, mit Goldgewändern angetan und das Haar mit Band aufgeflochten, nötigten sie sogleich an die Wirtstafel. Man trug vier Suppen auf; jede war mit zwei Papageien garniert, einem gesottnen Kondor von zweihundert Pfund und zwei gebratnen Affen von trefflichem Wohlgeschmack; man setzte dreihundert Kolibris in einer Schüssel auf und sechshundert Fliegenfänger in einer andern und die köstlichsten Ragouts und Pasteten und das niedlichste Gebackne. Das all lag auf Schüsseln, von einer Art Bergkristall gemacht. Die Aurwärter und Aufwärterinnen schenkten vielerlei Getränke ein, alle aus Zuckerrohr verfertigt.

Die meisten Gäste waren Kauf- und Guts-Leute, Männer von ungemein viel Lebensart und Weltton. Die Fragen, die sie an Kakambo'n taten, verrieten insgesamt den vorsichtigen, bescheidnen und verständigen Mann; über alles, was er wissen wollte, gaben sie ihm die hinlänglichste Auskunft.

Als sie abgegessen hatten, warf Kakambo und Kandide zwei von den aufgehobnen Goldstücken hin, womit sie ihre Zeche recht reichlich zu bezahlen glaubten. Der Wirt und die Wirtin hielten sich die Seiten und konnten vor Lachen lange nicht zu sich kommen. Sie sind Fremde, merken wir wohl, sagte der Wirt endlich, und Fremde haben wir noch gar nicht zu Gesichte gekriegt. Müssen's uns ja nicht übelnehmen, daß wir beide vorhin so aufprusteten, mein Weib und ich. 's kam uns gar zu schnurrig vor, daß Sie uns mit Feldsteinen bezahlen wollten. Vermutlich haben Sie kein solch Geld, als bei uns zu Lande gang' und gäbe ist. Tut aber weiter nichts, können deshalb doch immer Zehrung bekommen und Dach und Fach noch obenein. Bei uns sind die Wirtshäuser angelegt, Handel und Wandel in Flor zu bringen, und wir Wirte werden vom Könige bezahlt. Schmalhans ist freilich heut' Ihr Küchenmeister gewesen, aber lassen Sie's gut sein, wo Sie nun hinkommen werden, wird man Ihnen recht nach Standesgebühr und Würden aufschüsseln. Unser Dörfchen ist grade das einzige im ganzen Reiche, wo die Einwohner nicht viel in die Milch zu brokken haben.

Alles dies verdolmetschte Kakambo Kandiden, der darüber nicht weniger in Verwirrung geriet, sich daraus so wenig zu finden wußte wie jener. Was muß dies für ein Land sein, sagte Kandide, das dem übrigen Teil des Erdbodens unbekannt ist, und wo die ganze Menschennatur von der unsrigen so verschieden ist?

Vermutlich ist's das Land, wo alles gut geht. Denn ein solches Land muß es doch platterdings geben. Und was auch Magister Panglos sagte, so hab' ich doch oft bemerkt, daß es in Westfalen ziemlich schlecht bestellt war.

Achtzehntes Kapitel: Was sie in Eldorado sahen
Der neugierige Kakambo legte dem Wirt so viel Fragen vor, daß ihm dieser keine Auskunft mehr geben konnte. Dumm bin ich nun herzlich, aber es schadet mir nichts, sagte der Wirt. Wissen Sie was, wir haben einen alten Herrn hier, ehedem war er bei Hofe; einen hochgestudiertern Mann gibt's im ganzen Lande nicht. Geben Sie dem halbweg ein gut Wort, so kramt er Ihnen all seine Gelehrsamkeit aus. 's is ne rechte gute ehrliche Haut.

Sogleich führte er Kakambo zu dem Alten. Kandide, der jetzt die zweite Rolle spielen mußte, begleitete seinen Bedienten. Das Haus des Gelehrten sah ganz schlecht und recht aus. Die Tür bestand aus kahlem Silber, die Vertäflung des Zimmers aus lumpichtem Golde, war aber so geschmackvoll gearbeitet, daß sie von der reichsten Vertäfelung nicht verdunkelt wurde. Das Vorzimmer war freilich nur mit Rubinen und Smaragden ausgelegt, allein alles daselbst so schicklich angeordnet, daß man diese bäurische Einfalt bald darüber vergaß.

Der Greis nötigte die beiden Fremden auf ein mit Kolibrisdunen ausgestopftes Sofa und ließ ihnen in diamantenen Geschirren allerhand Getränke vorsetzen; hierauf befriedigte er ihre Neugier folgendermaßen:

Ich bin hundertundzweiundsiebenzig Jahre alt und habe von meinem Vater, dem königlichen Stallmeister, die erstaunlichen Meutereien gehört, die in Peru vorgefallen sind und wovon er Augenzeuge gewesen. Das Reich, worin wir uns befinden, ist der Stammsitz der Inkas. Um einen andern Weltteil zu unterjochen, verließen sie ihn höchst unweislich und wurden von den Spaniern ganz aufgerieben.

Die Fürsten von ihrem Geblüt, die in ihrem Vaterlande blieben, waren weiser, sie ließen die Verordnung ergehen, daß kein Einwohner je unser kleines Reich verlassen sollte; ein jedweder hat sich danach gefügt, und eben darum besitzen wir unsre Unschuld noch völlig und unsre Glückseligkeit. Die Spanier haben von diesem Lande einen dunklen Begriff gehabt und es Eldorado genannt, und ein Engländer, der Ritter Raleigh, kam vor hundert Jahren ziemlich in unsere Nähe; dennoch sind die uns umringenden unersteiglichen Felsen und unzugangbaren Abgründe eine Brustwehr gegen die Raubgier der europäischen Nationen gewesen, die — was uns unbegreiflich ist — auf unsere Kieselsteine und auf unseren Dreck so gierig, so erpicht sind, wie der Falke auf die Taube, und die imstande wären, uns alle umzubringen, um nur des Bettels habhaft zu werden.

Ihre Unterredung dauerte lange. Sie betraf die Regierungsform, die Sitten, die Weiber, die öffentlichen Schauspiele, die Künste. Endlich ließ Kandide, dessen Steckenpferd Metaphysik war, sich durch Kakambo'n erkundigen, ob sie hierzulande Religion hätten. Und daran könnt Ihr noch zweifeln, sagte der Greis, und eine feine Röte bezog seine Wange. So haltet Ihr uns für Undankbare? Kakambo fragte ganz demütiglich, was sie für eine Religion hätten. Sollte es denn mehr geben können als eine Religion? frug der Greis, und seine Wange färbte sich von neuem. Ich denke, wir haben die Religion, welche die ganze Welt hat: wir beten Gott an vom Morgen bis zum Abend. Sie beten nur einen Gott an? sagte Kakambo, dessen Amt es war, Kandides Zweifel zu verdolmetschen. Als wenn es deren zwei, drei oder vier gäbe! erwiderte der Alte. Wahrlich! Ihr Leute vom andern Weltteil fragt manchmal ganz sonderbar.

Kandide, des Erkundigens noch nicht überdrüssig, fragte durch sein Sprachrohr, wie ihre Gebete beschaffen wären. Von Gebeten wissen wir nichts, antwortete der gute und ehrwürdige Weise. Wozu sollen wir Gebete zu Gott senden? Er gibt uns ja alles, was zu unseres Leibes Nahrung und Notdurft gehört. Dankopfer bringen wir ihm aber unaufhörlich.

Kandide war neugierig, ihre Priester kennenzulernen, und erkundigte sich, wo sie wären. Priester, antwortete der gute Greis lächelnd, ist jedermann bei uns. Der König und jeder Hausvater singt Gott jeden Morgen sein Loblied in Begleitung von sechstausend Geigern und Pfeifern. „So habt Ihr also keine Mönche, die Lehr' und Trost erteilen, Gezeter und Hetzereien anfangen, das Staatsruder ergreifen, intrigieren und Leute verbrennen lassen, die nicht ihrer Meinung sind." Toren wären wir dann, sagte der Greis. Wir sind insgesamt einer Meinung zugetan und verstehn gar nicht, was Ihr mit Euren Mönchen sagen wollt.

Kandiden setzten diese Reden in die äußerste, freudigste Verwunderung, und er sagte bei sich: Ha! ein ganz ander Ding als unser Westfalen und unser Donnerstrunkshausen! Hätte Freund Panglos Eldorado gesehen, er würde gewiß nicht behauptet haben, es gäbe nichts Vortrefflicheres auf Gottes Erdboden als jenen Rittersitz! Reisen muß man, oder man kömmt hinter nichts. Das ist ausgemacht!

Nach dieser Unterredung ließ der gute Greis sechs Hammel an seinen Wagen spannen und gab den beiden Reisenden zwölf von seinen Bedienten mit, um sie nach Hofe zu bringen. „Mein Alter, hoffe ich, soll Ihnen hinlängliche Entschuldigung sein, daß ich Sie nicht begleite, meine Herren. Der König wird Sie gewiß so aufnehmen, daß Sie nicht unzufrieden sein werden, und sollte Ihnen ja ein oder der andere Brauch zuwider sein, so werden Sie's damit entschuldigen: ländlich, sittlich."

Wetterschnell flogen die sechs Hammel mit Kandiden und Kakambo'n davon. In weniger als vier Stunden befanden sie sich vor dem Palast des Königs, der an dem einen Ende der Hauptstadt lag. Das Portal war zweihundertundzwanzig Fuß hoch und hundert breit. Zu beschreiben, woraus es eigentlich bestanden, ist platt unmöglich; daß es von unendlich kostbarerer Materie muß gewesen sein als jener Bettel von Kieselsteinen und Sand, den wir Gold und Edelsteine nennen, versteht sich von selbst. Zwanzig schöne Dirnen von der Leibwacht empfingen sie beim Aussteigen, brachten sie in's Bad und legten ihnen Röcke an, aus Kolibrisdunen gewebt; hernach führten die Kronbedienten und Kronbedientinnen sie — wie's Sitt' im Lande war — durch zwei Reihen von Geigern und Pfeifern nach dem königlichen Gemache; jegliche Reihe bestand aus tausend Mann. Unfern dem königlichen Hörsaal fragte Kakambo einen von den obersten Kronbedienten, was hier Etikette sei; ob man beim Eintritt in's Zimmer sich auf die Knie oder auf den Bauch werfen, die Hände auf den Kopf oder auf den Hintern legen oder den Staub vom Fußboden lecken müßte, oder wie man sich sonst dabei benähme. Man umarmt den König und küßt ihn auf beide Backen, antwortete der Oberkämmerer. Kandide und Kakambo fielen Ihro Majestät um den Hals, wurden mit unbeschreiblicher Huld empfangen und aufs freundschaftlichste zum Souper gebeten.

Eh' sie zur Tafel gingen, führte man sie in der Stadt herum. Sie fanden die Märkte mit einer Menge Säulen und mit Springbrunnen geschmückt. Einige davon warfen weiter nichts aus als schlecht und rechtes Quellwasser, andere aber Rosenwasser, noch andere Liköre von Zuckerrohr. Die Becken, worin die Wasserstrahlen in einem fort fielen, waren von weitem Umfang und mit einer Art Edelsteinen ausgelegt, die wie Zimt und Nelke dufteten. Alle öffentlichen Gebäude reichten bis in die Wolken.

Kandide erkundigte sich nach dem höchsten Tribunal, dem Parlamente. Das gab' es hier gar nicht, antwortete man ihm. Hier wüßte man nichts von Prozessen. „Und Gefängnisse?" „Sind hier auch nicht Brauch."

Nichts aber war Kandiden überraschender, nichts ihm ergötzender als die Akademie der Wissenschaften. Er fand darin eine Galerie, zweitausend Schritte lang, mit lauter physikalischen Instrumenten angefüllt.

Den ganzen Nachmittag waren sie herumgelaufen und hatten beinahe den tausendsten Teil der Stadt in Augenschein genommen; jetzt führte man sie wieder aufs Schloß zurück. Kandide und sein Bedienter Kakambo mußten sich zwischen Ihro Majestät und vielen Damen niederlassen.

Das war ein Gastmahl, wie man noch nie gesehen hatte. Nicht bloß Weide für den Gaumen, sondern auch für den Geist! So reiche Adern Witzes und guter Laune hatten sich wohl noch nie bei einem Souper ergossen als hier bei Ihro Majestät. Kakambo verdolmetschte Kandiden jeden launigen Einfall des Königs, und — was diesen nicht wenig wunder nahm — so blieb's trotz der Übersetzung noch immer launichter Einfall.

In diesem Lande der Gastfreiheit hatten sie nun einen Monat lang gelebt, und Kandide hatte tagtäglich zu Kakambo'n gesagt: Freilich kann man meinen Geburtsort Donnerstrunkshausen mit diesem Lande gar nicht in Vergleich stellen, aber gleich wohl find' ich keine Baroneß Gundchen hier, und deine Amasia ist auch gewiß in Europa. Bleiben wir hier, so sind wir nicht einen Gran mehr als die übrigen Einwohner. Gehn wir aber wieder in unser Land und nehmen zur zwölf Hammel mit, mit eldoradoschen Kieselsteinen beladen, so sind wir reicher als alle Könige auf Erden, dürfen keine Inquisition mehr fürchten und können gar leicht Baroneß Gundchen wiederbekommen. Der Vorschlag gefiel Kakambo'n nicht übel. Reisen und Rennen, sich bei seinen Landsleuten geltend machen und, was man auswärts gesehen und gehört hat, ihnen ewig vorprunken, das tut der Mensch doch gar zu gern. Von dem Schlage waren auch unsere beiden Reisenden. Sie waren so vollglücklich; um der Lage nicht überdrüssig zu sein, gingen sie hin und baten den König um ihren Abschied.

Kein gescheiter Einfall, Kinder! sagte der König. Ich weiß wohl, daß mein Land nicht so was Besonders ist, indes sitzt man nur halbweg gut, muß man das Rücken lassen, pflegt man bei uns zu sagen. Ich kann freilich keinen Ausländer wider seinen Willen in meinem Reiche behalten; das wäre Tyrannei, und die entspricht weder unsern Sitten noch Gesetzen. Der Mensch ist ein freies Geschöpf. Reist, wenn Ihr wollt, aber das müßt Ihr wissen, es wird Euch ziemlich schwerfallen, aus meinem Reiche zu kommen.

Gegen den reißenden Strom, der durch die Felskluft schießt und den Ihr durch ein wahres Wunderwerk passiert seid, anzufahren, ist platt unmöglich. Die Grenzgebirge meines Reichs sind zehntausend Fuß hoch und turmgrade; jeglicher Berg beträgt im Umfange mehr als zehn Meilen; jenseits sind tiefe Abgründe. Indes, da Ihr auf Eurer Abreise besteht, will ich meinem Oberbaudirektor anbefehlen, eine Maschine verfertigen zu lassen, die Eure Fahrt erleichtern soll. Geleitsmänner kann ich Euch nicht geben, wenn Ihr erst über die Gebirge seid! Denn meine Untertanen haben feierlich angelobt, nie ihre Hütt' und Herd zu verlassen, und sind zu weise, dagegen zu handeln. Sonst könnt Ihr fordern, was Ihr wollt.

Dürfen wir das? sagte Kakambo. Nun wohl, Ihro Majestät, so erbitten wir uns von Ihnen einige Hammel mit Lebensmitteln, Kieselsteinen und Dreck beladen. Sonderbare Geschöpfe, Ihr Europäer! ich begreife Euch gar nicht! sagte der König mit lachendem Munde. Wie könnt Ihr auf unsern gelben Dreck so erpicht sein. Doch nehmt dessen, soviel Ihr wollt, und wohl bekomm's den Herren.

Sogleich gab er seinen Ingenieurs Befehl, den Riß zu einer Winde zu liefern, womit man diese zwei Männer aus dem Königreiche hinauswinden könnte. Dreitausend gute Mechaniker arbeiteten nach diesem Riß, und binnen vierzehn Tagen war die Maschine fix und fertig. Sie kam nach dortigem Gelde nicht höher als zwanzig Millionen Pfund Sterling.

Man setzte Kandiden und Kakambo'n in diese Maschine. Es befanden sich auf selbiger zwei große rote Hammel, wohl gezäumt und gesattelt, um sich ihrer zum Reiten zu bedienen, wenn sie über die Gebirge wären, zwanzig Packhämmel waren mit Lebensmitteln beladen, dreißig trugen die größten Seltenheiten des Landes und fünfzig Gold, Edelsteine und Diamanten. Der König nahm von den beiden Vagabunden den zärtlichsten Abschied.

Ihr Auszug und die erfindungsreiche Art, wie sie mit ihren Hammeln emporgelüpft wurden, machte wirklich ein sehenswürdiges Schauspiel. Als sie völlig in Sicherheit waren, nahmen die Mechaniker von ihnen Abschied.

Jetzt hatte Kandide keinen andern Gedanken, fühlte keinen andern Drang, als all seine Hammel mit ihren Kostbarkeiten Baroneß Gundchen zu Füßen zu legen. Nunmehr können wir den Gouverneur von Buenos-Aires bezahlen, wenn er sich's untersteht, auf meine unschätzbare Gunde einen Preis zu setzen, sagte er. Wir wollen nach Karolina gehn, uns daselbst einschiffen und hernach zusehn, was für ein Königreich wir uns kaufen können.

Neunzehntes Kapitel: Was ihnen zu Surinam begegnet, und wie Kandide mit Martinen bekannt wird
Die erste Tagreise lief recht vergnügt ab. Der Gedanke, mehr Schätze zu besitzen, als ganz Asiä, Europa und Afrika zusammen aufzubringen vermögen, gab ihnen Mut und Stärke. Der glühende, liebestrunkne Kandide schnitzte in jeden Baum den Namen Kunegunde.

Bei der andern Tagreise ging's schon viel schlimmer. Zwei von ihren Hammeln blieben in Morästen stecken und sanken mit ihrem Gepäck unter. Einige Tage drauf fielen zwei andre Hammel vor Strapazen um; sieben oder acht verhungerten eine Zeitlang nachher in einer Wüste; noch andre stürzten in der Folge die Felsen herab, kurz, nachdem sie hundert Tage gewandert waren, waren ihre Hammel bis auf zwei zusammengeschmolzen.

„Nichts vergänglicher hienieden, Freund, wie du siehst, als Reichtümer, und nichts dauernder als Tugend und die wonneselige Hoffnung, Baroneß Kunegunden wiederzusehen!" Wohl wahr! Wohl wahr! sagte Kakambo, indes haben wir noch zwei Hammel mit mehr Schätzen beladen, als ein König von Spanien sein Lebtage kriegen wird, und ich sehr von weitem 'ne Stadt, die mir wie Surinam vorkommt. Ist dem so, so haben all' unsre Leiden ein Ende, und von nun an wird alles anfangen, uns zu grünen und zu blühen.

Unfern der Stadt fanden sie einen Neger auf der Erde liegen, der nur seine halbe Kleidung an hatte, d. h. eine blauleinwandne Hose; das linke Bein und die rechte Hand fehlte dem armen Schelm. Mein Gott! rief ihm Kandide auf Holländisch zu, Freund, was machst du hier in dem entsetzlichen Zustande? „Ich warte auf meinen Herrn, den Herrn van der Dendur, den großen Kauf- und Handels-Herrn." Hat der Herr von der Dendur dich so verstümmelt? frug Kandide.

„Wohl, lieber Herr. Das ist nun einmal so eingeführt. Alle Jahre kriegen wir zwei Paar Leinwandhosen und weiter auch kein Flittchen, uns zu bedecken. Huscht mal die Zuckermühle, worin wir arbeiten müssen, uns einen Finger weg! schwapp! schlagen sie uns die Hand ab, und wollen wir davonlaufen, hacken sie uns das Bein weg. Mir ist das beides zugestoßen. — Sehn Sie, um d e n Preis kriegen Sie in Europa den Zucker zu essen! Und doch sagte meine Mutter zu mir, wie sie mich für zehn Albertustaler auf der Küste von Guinea verkaufte: Liebes Herzenskind, preis' und danke unsern Fetischen, und bete sie immer an; sie werden dir ein langes, glückliches Leben schenken. Du hast die Ehre, ein Sklave von unsern Herren, den Weißen zu werden, und machst dadurch Vater und Mutter glücklich."

„Ob sie's geworden sind, weiß ich nun nicht, daß ich's aber nicht geworden bin, das weiß der liebe Gott im Himmel! Hund und Aff' und Papagei hat tausendmal weniger auszustehn als ich. Ich werde geschurigelt, 'runtergerackert wie all' nichts guts. Die holländischen Fetischirs, die mich bekehrt haben, schwatzen uns Sonntag vor Sonntag vor: wir wären alle Adamskinder, Weiß' und Schwarze. Ich kann's ihnen nun nicht nachrechnen; wenn sie aber keine Lüge sagen, na so sind wir alle Geschwisterkinder. Und alsdann müssen Sie mir einräumen, daß man unmöglich seine Anverwandten hündischer traktieren kann als uns."

O Panglos! auf diese Greueltaten bist du nie gefallen! rief Kandide. Nicht anders, ich muß zuletzt deinen Lehrsatz fahren lassen! Was für einen Lehrsatz? sagte Kakambo. Oh! den rasendsten von der Welt! sagte Kandide. Der Mann behauptete, wenn alle Stürme des Unglücks über ihm zusammenschlugen: diese Welt sei doch die beste!

Voll Mitleid verweilte Kandiden's Blick auf dem unglücklichen Negersklaven, und er vergoß Tränen. Mit Zähren auf den Backen und im Auge ging er nach Surinam hinein.

Vor allen Dingen erkundigten sie sich, ob kein Schiff im Hafen läge, das man nach Buenos Aires senden könnte. Der Mann, an den sie sich gewandt hatten, war grade ein spanischer Schiffspatron. Er erbot sich, es für ein Billiges zu tun, und beschied sie in ein Wirtshaus, um dort weitre Abrede zu nehmen. Kandide fand sich samt dem treuen Kakambo und seinen zwei Hammeln daselbst ein.

Kandide, dem das Herz immer auf der Zunge saß, erzählte dem Spanier all seine Abenteuer, und platzte auch mit seinem Vorhaben heraus, Baroneß Gundchen zu entführen. Da werd' ich kein Narr sein und Sie nach Buenos Aires bringen, sagte der Schiffspatron. Ich müßte sowohl an den hellen lichten Galgen wie Sie. Die schöne Kunegunde ist Favoritmätresse von Ihro Exzellenz, dem Herrn Gouverneur.

Das war ein Donnerstrahl, der Kandiden ganz zu Boden schmetterte. Er lag lange da und weinte sich aus, endlich sprang er auf und führte Kakambo'n in ein Seitenkabinett. Hör', lieber Freund, sagte er: Du hast so wohl wie ich fünf bis sechs Millionen Diamanten in der Tasche. Der gescheitste Rat nun ist der: Du gehst damit nach Buenos Aires und kaufst Baroneß Kunegunden los. Das wird dir Pfiffkopf nicht schwerfallen. Macht Don Fernando Umstände, so gib ihm eine Million, will er noch nicht, gib ihm zwei. Fallen können dir gar nicht gelegt werden, denn du hast keinen Inquisitor umgebracht. Ich segle indes nach Venedig und erwarte dich daselbst. Dort kann ich sicher sein vor Bulgaren und Abaren, vor Juden und Inquisitoren; es ist ein freier Staat.

Kakambo fand das sehr gut ausgedacht, es zerschnitt aber sein Herz, sich von einem so guten Herrn trennen zu müssen, der sein Busenfreund geworden war; indes siegte der angenehme Gedanke, ihm nützlich sein zu können, über den Schmerz, von ihm zu scheiden. Mit heißen Tränengüssen umarmten sie sich; Kandide knüpfte ihm fest ein, die gute Alte ja nicht zu vergessen, und Kakambo reiste noch selbiges Tages fort. Es war ein rechter guter ehrlicher Schlag, der Kakambo!

Kandide blieb noch eine Zeitlang in Surinam und wartete, bis ein andrer Schiffspatron ihn und den kleinen Überrest seiner Hammel nach Italien fahren wollte; er nahm Bedienten an und kaufte alle Bedürfnisse zu einer so langen Reise ein. Endlich ließ sich der Herr eines ansehnlichen Schiffes bei ihm melden. Es war Mynheer van der Dendur.

Wie viel verlangen Sie, mich, meine Leute, mein Reisegepäck und die beiden Hammel recta nach Venedig zu schaffen? sagte Kandide. Der Schiffspatron forderte zehntausend Piaster. Kandide schlug gleich ein.

Hoho! sagte Schlaukopf van der Dendur im Weggehn zu sich selbst: schlägt gleich zu: Dem Ausländer ist das so gleichviel, zehntausend Piaster hinzugeben. Der muß gewaltig viel vor den Daumen zu schieben haben. Einen Augenblick nachher kam er wieder zurück und versicherte, unter zwanzigtausend Piaster könnt' er ihn nicht mitnehmen. Nun gut, das Geld sollen Sie haben, sagte Kandide.

Der Daus! murmelte der Kauf mann in den Bart, dem sind zwanzigtausend Piasters so'n Pappenstiel wie zehn. Hm! hm! Und kehrte wieder um und schwur Stein und Bein, daß er ihn nicht nach Venedig schaffen könnte, wenn er ihm nicht wenigstens dreißigtausend Piaster gäbe. Ja, die sollen Sie haben, sagte Kandide. Blitz! auch die! Fallen ihm die dreißigtausend Piaster ebenso aus dem Ärmel! sagte der Holländer. Ohne Zweifel müssen die beiden Hammel unermeßliche Schätze haben. Will ihm vor der Hand nichts weiter abfordern und mir die dreißigtausend Piaster gleich bezahlen lassen, das übrige wird sich schon finden.

Kandide verkaufte zwei kleine Diamanten, davon der schlechteste mehr betrug als des Schiffers ganze Forderung. Er bezahlte im voraus; seine beiden Hammel wurden eingeschifft; er setzte sich auf ein klein Fahrzeug, um das Schiff in der Reede zu erreichen. Der Patron ersah seine Zeit, spannte die Segel, lichtete die Anker, und unter dem günstigsten Winde stach er flott in See.

Kandide ganz verdutzt, verlor ihn bald aus den Augen. Ha! schrie er, das Stückchen schmeckt völlig nach der alten Welt! In ein Meer von Schmerz versenkt nahte er sich dem Ufer. War ihm seine Betrübnis zu verdenken? Was er einbüßte, das hätte das Glück von zwanzig Monarchen gemacht.

Er eilte zum holländschen Richter, pochte ziemlich stark an, brauste herein — denn er war noch in der ersten Gährung — erzählte sein Abenteuer, und in der Wärme des Erzählens wird er ein wenig lauter, als sich's ziemte. Für all' das Gebuller erlegen Sie sogleich zehntausend Piaster! diktierte ihm der Richter! Hierauf hört' er ihn geduldig aus, versprach die Sache vorzunehmen, sobald der Kaufmann wieder da sein würde, und ließ sich noch zehntausend Piaster Gerichtsgebühren zahlen.

Kandiden hatte zwar schon unendlich härters, niederdrückenderes Ungemach betroffen, dennoch aber erlag er unter diesem. Die Kaltblütigkeit des Richters und des Schiffspatrons, der ihn so schrecklich geprellt hatte, machte alle seine Galle rege und stürzte ihn in die düsterste Schwermut. Jetzt erblickte er die Argherzigkeit der Menschen in ihrer ganzen scheußlichen Gestalt; alles zeigte sich ihm in dunklem, höllenschwarzem Lichte. Endlich erfuhr er, daß ein französisches Schiff im Begriff stände, nach Bordeaux zu segeln. Da er keine Hammel mit Diamanten bepackt mehr mitzunehmen hatte, mietete er sich ein wohlfeiles Kämmerchen im Schiff und ließ in der Stadt bekanntmachen, wenn sich ein braver Mann fände, der mit wollte, so sollte er nicht für Reisekosten und Zehrung zu sorgen haben und überdies zweitausend Piaster bekommen; dieser Mann aber müßte seines Zustandes äußerst überdrüssig sein und der allerunglücklichste im ganzen Lande.

Es kam der Prätendenten eine solche Menge, daß eine ganze Flotte nicht Raum für sie gehabt hätte. Kandide suchte die Angesehnsten darunter aus; das waren ein Stück zwanzig, bei denen unter den Falten und Runzeln des Elends Züge von Geselligkeit hervorblickten, und die insgesamt den Vorzug zu verdienen behaupteten.

Sie mußten sich alle in seinem Wirtshause einfinden und mit ihm Abendbrot nehmen. Jeder hatte ihm zuschwören müssen, seinen Lebenslauf treu und sonder Gefährde zu erzählen, und er hatte dagegen versprochen, denjenigen von ihnen zu wählen, der ihm der bedauernswürdigste, der mit größtem Fug und Recht über seinen Zustand mißvergnügteste scheinen würde; die übrigen aber sollten eine Erkenntlichkeit erhalten.

Die Sitzung dauerte bis vier Uhr morgens. Bei jeder Erzählung fiel Kandiden ein, was die Alte ihm auf der Fahrt nach Buenos Aires gesagt hatte, und ihre Wette, daß sich niemand auf dem Schiffe befände, dem nicht schon das größte Ungemach zugestoßen wäre; auch Panglos fiel ihm ein. Da saß' er in der Klemme, der gute Panglos, wenn er jetzt sein System verfechten wollte. Hätt' ich ihn doch nur hier. Wahrlich! wenn's irgendwo gut geht, so ist's einzig und allein in Eldorado.

Seine Wahl fiel endlich auf einen armen Gelehrten, der zehn Jahre für die Amsterdamer Buchhändler gearbeitet hatte. Er glaubte, es könnte auf der Welt unmöglich ein Metier geben, dessen man eher überdrüssig würde.

Dieser Gelehrte, sonst ein herzensguter Mann, war von seiner Frau bestohlen, von seinem Sohne durchgeprügelt und von seiner Tochter um eines jungen Portugiesen willen verlassen worden. Eines Ämtchens, das sein einzger Wagen und Pflug war, hatte man ihn eben entsetzt und die Surinamschen Prediger verfolgten ihn mit Gözischem Eifer, weil sie in ihm einen Socinianer wähnten.

Zur Steuer der Wahrheit müssen wir bekennen, daß die übrigen neunzehn wenigstens ebenso unglücklich waren wie dieser Mann; allein Kandide hoffte, dieser Gelehrte würde auf der Reise alle Langeweile zu verbannen wissen. All seine Nebenbuhler verdroß Kandidens Wahl sehr; sie waren aber gleich wieder besänftigt, wie er jedem hundert Piaster gab.

Zwanzigstes Kapitel: Seeabenteuer Kandidens und Martins
Der alte Gelehrte, der Martin hieß, schiffte sich also mit Kandiden nach Bordeaux ein. Beide hatten viel gesehen, viel erlitten, und wäre das Schiff von Surinam aus über das Vorgebirge der guten Hoffnung nach Japan gegangen, so würd' es ihnen doch nicht an Stoff gefehlt haben, sich die ganze Reise hindurch mit dem physischen und moralischen Übel zu unterhalten. Indes hatte Kandide einen großen Vorteil gegenüber Martin, er hoffte noch immer, Baroneß Gundchen wiederzusehn, und Martin hatte gar keine Hoffnung mehr; überdies besaß jener Gold und Diamanten, und ob er gleich hundert dicke rote Hammel, mit den größten Schätzen der Erde beladen, verloren hatte, ob ihm gleich des holländischen Schiffspatrons Prellerei noch in's Herz schnitt, so schwankte er dennoch, wenn er an den Inhalt seiner Taschen dachte oder von seinem Gundchen sprach und zumal, wenn er die Gläser klingen hörte, nach Panglosens System hin.

Aber was denken Sie von alle dem, lieber Martin? sagte er. Was halten Sie vom physischen und moralischen Übel?

Martin. Lieber Kandide, die Pastoren dort klagten mich als Sozinianer an, aber die rechte Wahrheit zu sagen, ich bin ein Manichäer.

Kandide. Haben Sie mich nicht zum besten. Es gibt ja keine Manichäer mehr in der Welt.

Martin. So bin ich der einzige, ich kann nun einmal nicht anders denken.

Kandide. So muß der Teufel in Sie gefahren sein, Herr.

Martin. Leicht möglich! So wie der hienieden allenthalben herumspukt und sein Wesen hat, kann er's auch in meinem Leibe. Ich muß Ihnen gestehn, wenn ich so einen Blick auf die Erdkugel oder vielmehr auf dies winzige Erdkügelchen werfe, daß mir der Gedanke nicht aus dem Kopf will: Gott habe einem bösen Geiste die Macht eingeräumt, eignes Beliebens damit zu schalten und zu gebaren; Eldorado nehm' ich hiervon aus.

Ich habe keine Stadt gesehn, die nicht nach dem Untergang ihrer Nachbarin dürstete, keine Familie, die nicht nach der Ausrottung einer anderen lechzte; ich seh' allenthalben, wie die Schwachen die Mächtigen verabscheuen, vor welchen sie kriechen müssen, und wie diese jenen als einer Herde begegnen, der Woll' und Fleisch feil ist; sehe wie eine Million eingeregimenteter Schnapphähne Europa von einem Winkel zum andern durchströmt, mordet und straßenraubt, und das alles mit der schärfsten Mannszucht, bloß um ein Stückchen Brot zu verdienen, das er auf keine ehrenvollere Art zu verdienen weiß. Und in Städten, die im völligsten Genuß des Friedens zu sein scheinen, worin Künst' und Wissenschaften blühen, martert, reibt die Einwohner Eifersucht, Gram und Kummer weit mehr auf, als alle Drangsale und Schrecknisse der Hungersnot und Verzweiflung in einer belagerten Stadt es tun können. Herzenskummer ist noch härter, marternder als das allgemeine Elend. Mit einem Wort, ich habe soviel gesehn, soviel erlitten, daß ich Manichäer geworden bin.

Kandide. Doch gibt's noch viel Gutes in der Welt.

Martin. Kann sein, bis dato ist mir's aber noch nicht zu Gesicht gekommen.

In dem Gezeter, das sich hierüber anspann, waren sie noch nicht weit, als sie einige Kanonenschüsse hörten; jeden Augenblick wurden die Schüsse heftiger. Sie nahmen ihre Sehröhren und wurden in einer Entfernung von ungefähr drei Meilen zwei Schiffe gewahr, die aufeinander losfeuerten. Der Wind führte sie alle beide dem französischen Schiffe so nahe, daß man das Treffen ganz gemächlich ansehn konnte. Endlich gab das eine Schiff dem andern so die volle Lage, daß es gleich untersank. Kandide und Martin erblickten auf dem Verdeck des untergehenden Schiffs hundert Menschen, die unter erbärmlichem Zetergeschrei die Hände gen Himmel emporhoben, und im Hui war alles verschlungen.

Nun sehn Sie, so handelt der Mensch gegen seinen Bruder! sagte Martin. Wirklich, dies Verfahren hat was Teuflisches! versetzte Kandide. Bei diesen Worten ward er etwas Glänzendrotes gewahr, das auf sein Schiff zugeschwommen kam. Man machte die Schaluppe los, um zu sehn, was es sei. Es war einer von Kandidens Hammeln. Ein Fund, der ihn mehr freute, als ihn der Verlust von hundert, wohlbepackt mit eldoradoschen Diamanten geschmerzt hatte.

Der französische Hauptmann hatte gar bald bemerkt, daß der Hauptmann des niederbohrenden Schiffs ein Spanier war und der Befehlshaber des niedergebohrten ein holländischer Seeräuber; eben der, der Kandiden bestohlen hatte. All die unermeßlichen Reichtümer, worin der spitzköpfige Bube seine Klauen geschlagen hatte, wurden mit ihm in der Tiefe des Meers begraben, und weiter nichts geborgen als ein Hammel.

Sehn Sie, sagte Kandide zu Martin, das Laster wird bisweilen bestraft; dieser Schurke von holländischem Schiffspatron hat seinen verdienten Lohn erhalten. Recht gut! weshalb mußten aber die Passagiere, die auf seinem Schiffe waren, mit untergehn? sagte Martin. Ich kann mir's nicht anders erklären, als daß Gott den Spitzbuben bestraft, und der Teufel die übrigen ersäuft hat.

Indes ging das französische und das spanische Schiff jedes seinen Gang, und Kandidens und Martins Unterredung den ihrigen. Vierzehn Tage hintereinander hatten sie sich herumdisputiert, und waren am vierzehnten Tage noch nicht weiter als am ersten. Es half wenigstens so viel, daß sie nicht stumm gewesen waren, sich ihre Gedanken mitgeteilt und einander getröstet hatten. Kandide liebherzte seinen Hammel. Da ich Dich wiedergefunden habe, sagt' er, werd' ich auch wohl noch mein Gundchen wiederfinden.

Einundzwanzigstes Kapitel: Kandide und Martin nähern sich den französischen Küsten. Wovon sie sich unterhalten
Endlich näherten sie sich den französischen Küsten. Sind Sie jemals in Frankreich gewesen, Herr Martin, fragte Kandide.

Martin. Wohl bin ich's; ich habe manche seiner Provinzen durchstrichen, fand in der einen fast lauter Hasenfüße, in dieser und jener, und jener und dieser lauter erzabgefeimte Schlauköpfe, in jener und der, den größten Haufen lammfromm und schafdumm, in noch andern ein paar Schöngeister. Das Hauptsteckenpferd all' dieser Leute aber war Liebe, welches sie mit zwei andern abwechselten, Afterreden und Schnickschnack genannt. Kandide. Haben Sie Paris gesehn, lieber Martin?

Martin. Ich hab's. Da finden Sie all' den Schlag von Leuten in einen Topf geworfen; 's ist ein wahres Chaos. Ein gedrangvoller, lärmreicher Ort, worin alt und jung „dem Vergnügen nachjagt", und meines Bemerkens es niemand findet.

Lange hab' ich mich dort nicht aufgehalten; kaum war ich angekommen, so hatten die Spitzbuben auf dem St.-Germains-Markte mir all' mein bißchen Barschaft weggestohlen. Man hielt mich selbst für einen Spitzbuben; acht Tage lang mußt ich im Gefängnisse sitzen, hernach ward ich Korrektor, um mir nur so viel zu verdienen, daß ich per pedes Apostolorum wieder nach Holland konnte. Ich habe das schmierende, das kabalebrütende und das fanatische Gesindel kennengelernt. Es soll aber noch recht brave, artige Leute in der Stadt geben; ich will's glauben.

Kandide. Ich meines Teils finde gar keinen Trieb, Frankreich zu sehen; Sie können leicht erachten, wenn man einen Monat lang in Eldorado gewesen, daß man weiter nichts zu sehen wünscht als Baroneß Kunegunden. Ich will sie zu Venedig erwarten; wir wollen über Frankreich nach Italien gehn. Sie begleiten mich doch?

Martin. Versteht sich. Zwar sagt man, Venedig sei nur für die Nobili di Venezia, indes nimmt man auch Ausländer recht gut dort auf, wenn sie viel drauf gehn lassen; ich kann's nun nicht, aber Sie können's, und darum zieh' ich mit, wohin Sie wollen.

Kandide. Sagen Sie mir doch, Freund, glauben Sie, was der dicke Foliant da von unserm Schiffskapitän behauptet, daß die Erde im Anbeginn ein Meer gewesen ist?

Martin. Platterdings nicht! so wenig als all, die Alfanzereien, womit das Heer der Schreiberlinge seit einiger Zeit zu Markte gezogen kommt.

Kandide. Zu was Ende ist denn die Welt erschaffen worden? Martin. Damit wir alle sollen rasend werden.

Kandide. Wundern Sie sich nicht über die Liebe der beiden Dirnen für die zwei Paviane, wovon ich ihnen erzählt?

Martin. Nicht im geringsten. Ich sehe gar nicht, wo das Sonderbare dieser Leidenschaft sitzt. Ich habe so viel Außerordentliches gesehn, daß mir jetzt gar nichts mehr außerordentlich vorkommt.

Kandide. Glauben Sie wohl, daß die Menschen von jeher sich niedergemetzelt haben, wie heutzutage? Daß sie stets gelogen und betrogen haben, stets treulose, undankbare, räubrische, flatterhafte, schurkische, neidische, prasserische, versoffene, geizige, ehrsüchtige, blutlechzende, verleumdrische, hurende, schwärmende und alberne Geschöpfe gewesen sind?

Martin. Glauben Sie, daß die Sperber von jeher Tauben gefressen haben, wenn sie ihrer habhaft werden können?

Kandide. Wohl glaub' ich's!

Martin. Nun dann, wenn das immer der Charakter der Sperber gewesen ist, warum sollen grade die Menschen ihren Charakter geändert haben?

Kandide. Wohl unterscheiden sich Sperber und Menschen! denn letztere haben ihren freien Willen, können also ... Unter diesen Gesprächen waren sie in Bordeaux angekommen.

Zweiundzwanzigstes Kapitel: Was Kandiden und Martinen in Frankreich begegnet
Kandide hielt sich nur so lange Zeit in Bordeaux auf, als nötig war, einige eldoradosche Kieselsteine in Gold und Silber umzusetzen und sich eine zweisitzige Kutsche anzuschaffen, denn sein Philosoph Martin war ihm ganz unentbehrlich geworden.

Daß er sich von seinem Hammel trennen mußte, tat ihm herzlich leid. Er überließ ihn der Akademie der Wissenschaften zu Bordeaux, welche die Untersuchung, warum die Wolle dieses Hammels rot sei, zur dermaligen Preisaufgabe machte. Ein nordischer Gelehrter bewies durch A + B — C, dividiert durch Z, daß der Hammel rot sein und an den Pocken sterben müßte, und seine Abhandlung ward preisgekrönt.

Alles, was Kandiden begegnete, ging Hals über Kopf nach Paris; das machte Kandiden auch lüstern, diese Hauptstadt zu sehn; und Hals über Kopf eilt' er ihnen nach. So sehr viel lag es auch eben nicht von dem Wege nach Venedig.

Er kam durch die Vorstadt St. Marceau herein und glaubte sich in dem schmutzigsten Dorfe Westfalens zu befinden. Kaum war er im Gasthofe angekommen, so befiel ihn eine kleine Unpäßlichkeit, eine Frucht seiner Strapazen. Da er einen außerordentlich großen Diamanten an seinem Finger hatte und man unter seinem Gepäck eine recht vollwichtige Schatulle wahrgenommen hatte, so fanden sich gleich unverlangt zwei Ärzte ein, einige sehr warme Freunde und zwei Betschwestern, die ihm seine Suppen wärmten.

Ich erinnre mich doch auch, krank gewesen zu sein, sagte Martin, wie ich zuerst in Paris ankam; da waren aber — denn ich war rattenkahl — weder Freunde noch Ärzte, noch Betschwestern, und ich genas doch.

Durch das viele Arzeneien und Aderlassen ward Kandide endlich in vollem Ernste krank, recht gefährlich krank. Der Vicarius des Viertels kam zu ihm und bat, er möchte doch einen Paß an Sankt Petern mitnehmen, damit er ihn gleich zum Himmelspförtchen einließe. Kandide wollte durchaus nicht; die beiden Betschwestern versicherten, es wäre die neuste Mode, Kandide versicherte ihnen dagegen, er wäre gar nicht für neue Moden. Martin wollte den Vicarius zum Fenster hinauswerfen; der Geistliche schwor, Kandide sollte nie auf den Kirchhof kommen. Martin schwor dagegen, er wolle ihn bald auf den Kirchhof schicken, wenn er ihnen noch länger auf dem Halse läge. Das Gezeter ward sehr heftig, und Martin schleuderte den Pfaffen beim Arme zur Tür' hinaus. Das gab großen Skandal, und die Sache wurde fiskalisch untersucht.

Kandide genas, und während der Genesung hatte er stets gute Gesellschaft zum Souper bei sich. Man spielte hoch. Er bekam nie ein As, was ihn denn nicht wenig Wunder nahm, Martinen aber gar nicht.

Unter denen, die ihm die Honneurs der Stadt machten, befand sich ein winziges Abbuchen aus Perigord. Einer von jenen frechen, bartstreichlerischen, sich in jede Laune schmiegenden und fügenden, bald da, bald dorthin fispernden, ewigen Scharwenzlern, die den Ausländern wegelagern, ihnen die skandalöse Geschichte der Stadt erzählen und ihnen Vergnügungen von jeder Art und für jeden Preis anbieten.

Dies allerliebste Männchen begann damit, daß er Kandiden und Martinen in die Komödie führte. Man gab ein neues Trauerspiel. Kandide saß bei einigen Schöngeistern. Demungeachtet weint' er in einigen meisterhaft gespielten Szenen. Einer von den neben ihm sitzenden Kritlern sagte in einem Zwischenakte: Sie vergießen ohne alle Ursach Tränen, mein Herr. Die Schauspielerin ist erbärmlich, ihr Mitspieler noch erbärmlicher und das Stück noch weit erbärmlicher wie die Schauspieler. Die Szene liegt in Arabien, und doch versteht der Verfasser kein Wort Arabisch; glaubt überdies nicht einmal an angeborne Ideen, der elende Wicht! Morgen will ich Ihnen zwanzig Traktätchen mitbringen, alle gegen den Dramatifex gerichtet.

Wieviel dramatische Stücke haben Sie wohl in Frankreich! frug Kandide den Abbé. Fünf- bis sechstausend, antwortete er. Viel, und wieviel gute darunter? sagte Kandide. Fünfzehn, erwiderte jener. Noch immer viel! versetzte Martin.

Kandide gefiel eine Schauspielerin sehr, welche die Königin Elisabeth in dem ziemlich platten Trauerspiel dieses Namens machte, das wohl bisweilen gegeben wird. Ein recht brav Mädel die Aktrice, sagt' er zum Martin. Sie hat etwas von Baroneß Kunegunden an sich; ich möcht' ihr gern mein Kompliment machen. Der Abbé aus Perigord war gleich mit dem Anerbieten bei der Hand, ihn bei ihr einzuführen. Kandide, in Teutschland geboren und erzogen, fragte, was hiesige Etikette sei, und wie man in Frankreich den Königinnen von England begegnete. In der Provinz, Herr Baron, antwortete der Abbé, führt man sie in's Wirtshaus, zu Paris hält man sie in hohen Ehren und Würden, wenn sie schön sind; sterben sie, so wirft man sie auf den Schindanger. Königinnen auf den Schindanger? fragte Kandide. Ja wahrlich! der Herr Abbé hat Recht, sagte Martin; ich war zu Paris, als Demoiselle Lecouvreur das Zeitliche mit dem Ewigen vertauschte, wie man zu sagen pflegt; man verweigerte ihr, was die Leute hier zu Lande ein ehrliches Begräbnis nennen, das heißt, man wollte sie nicht mit all' den Bettlern aus einem Stadtviertel auf einem lumpichten Kirchhof zusammen vermodern lassen; ihre Bande verscharrte sie an einer Ecke der Rue de Bourgogne, ganz allein; das muß ihrem armen Seelchen mehr denn die folterndste Höllenpein sein, denn es war immer ein sehr nobeldenkendes Mädchen gewesen.

Sehr ungeschliffen! sagte Kandide. Was tun? antwortete Martin. Die Leute sind nun einmal hier so. Denken Sie sich alle möglichen Widersprüche, alle möglichen Ungereimtheiten in eine Masse zusammengeknetet, so haben Sie die Regierungsform, die Gerichtshöfe, die Kirchen, die Schauspiele dieser drollichten Nation.

Ist es wahr, daß man zu Paris beständig lacht? frug Kandide. Das tut man, sagte der Abbé, es ist aber eine bittre Lache, die Lache kochender Wut; man bringt dort die herzschneidendsten Klagen mit der schallendsten Lache hervor, ja verrichtet sogar die abscheulichsten Handlungen mit lachendem Munde. Wer war denn das dicke Schwein, sagte Kandide, das auf ein Stück lästerte, worin ich so geweint habe, und auf Schauspieler, die mir so gefallen hatten? „Ein elender hungerleiderscher Duckmäuser, der um ein paar Bissen Brot zu verdienen, alle Stücke und alle Bücher herunterlästert; jeden emporkommenden Schriftsteller haßt, wie der Verschnittne den vollglücklichen Liebhaber; eins von jenen Literaturinsekten, die sich bloß von Dreck und Gift und Geifer nähren; es ist ein gallsüchtiger Neidhart." Ein gallsüchtiger Neidhart? sagte Kandide. „Ei ja! So ein Flugblättler, ein gewisser Fréron."

So schwatzten Kandide, Martin und der Abbé aus Perigord auf der Komödienhaustreppe und sahen die Zuschauer alle neben sich vorbeiziehn. So vielen Drang ich auch fühle, Baroneß Kunegunden zu sehn, sagte Kandide, so möcht' ich doch wohl heut abend mit Demoiselle Clairon speisen. Es scheint mir ein ganz herrliches Mädchen.

Der Herr Abbé war ein zu jämmerliches elendes Wichtchen, um Zutritt bei der Demoiselle Clairon zu haben, bei der sich stets der angesehenste Zirkel befand. Auf heut abend ist sie versagt, hub der aus Perigord an, ich werd' aber die Ehre haben, den Herrn Baron zu einer vornehmen Dame zu führen, wo Sie Paris so sollen kennenlernen, als hätten Sie sich vier Jahr hier aufgehalten.

Der von Natur neugierige Kandide ließ sich zu der Dame führen, die am äußersten Ende der Vorstadt St. Honore wohnte. Man war dort mit Pharao beschäftigt. Zwölf sauertöpfige Pointeurs hatten jeglicher sein Büchelchen Karten in der Hand, das eselsgeöhrte Verzeichnis ihrer Unglücksfälle.

Überall war das tiefste Stillschweigen; Totenblässe saß auf der Stirn des Pointeurs; Besorgtheit auf der Stirn des Bankiers, und die Dame vom Hause, die diesem unbarmherzigen Bankier zur Seite saß, gab mit Falkenaugen auf alle Parolis und sept-et-le-va de campagne acht, wozu jeder Spieler seine Karten kniff; streng auflauernd aber mit Feinheit ließ sie alle Eselsohren wieder ausmachen und bange, ihre Kunden zu verlieren, ward sie gar nicht aufgebracht. Diese Dame hieß die Marquise de Parolignac.

Ihre fünfzehnjährige Tochter befand sich unter den Pointeurs und verriet durch einen Augenwink all die Gaunereien dieser armen Teufel, die der ihnen griesgramenden Fortuna ein Lächeln abzwingen wollten.

Der Abbé, Kandide und Martin traten herein. Niemand stand auf, bekomplimentierte sie, blickte gar auf sie hin; sie waren insgesamt mit ihren Karten viel zu sehr beschäftigt. Die Frau Baronessin von Donnerstrunkshausen war weit höflicher, sagte Kandide.

Indes hatte sich der Abbé dem Ohr der Marquise genähert; sie lüpfte sich ein wenig in ihrem Armstuhl, beehrte Kandiden mit einem graziösen Lächeln, Martinen mit einem hochadlichen Kopfneigen, und ließ Kandiden einen Stuhl und Karten reichen. In zwei Taillen hatte er fünfzigtausend Franken verloren. Hierauf nahm man in der größten Fröhlichkeit das Souper. Jedermann erstaunte, daß Kandide bei seinem Verluste so kalt blieb, und die Bedienten sagten untereinander in ihrer Bedientensprache: Das muß mein Seel ein englischer Mylord sein.

Das Souper glich den meisten parisischen Soupers. Erst war alles still, dann entstand mit einemmal ein Wortgetöse, wobei niemand hörte, was er selbst sagte, alsdann strömte man in Scherzen, Einfällen aus, die meistenteils herzlich schal und kahl waren, brachte falsche Neuigkeiten aufs Tapet, schiefe Räsonnements; es ward ein bißchen gekannegießert, und viel geafterredet; man schwätzte und krittelte sogar über neue Bücher.

Der Abbé fragte: Haben sie schon den neuen Roman gelesen, den. der Doktor Theologiä Herr Gauchat, geschrieben? Leider, sagte einer von den Gästen, aber nicht bis zu Ende. Es war mir unmöglich. Es kömmt viel albern Zeug heraus, aber so was Albernes, wie der Wisch vom Herrn Doktor Gauchat, hab' ich noch nie gesehn; die Sündflut von abscheulichen Schriften, womit wir überschwemmt sind, die einem ganz bis ans Kinn dringt, verekelt einem alles Bücherlesen dermaßen, daß ich mich auf's Pointieren gelegt habe. Und was sagen Sie zu den vermischten Schriften des Archidiakonus T..." fragte der Abbé.

Ein unausstehliches Geschöpf! rief die Frau von Parolignac. Wohlbekannte alltägliche Dinge kramt er mit der geheimnisvollsten Miene aus; was nur einer hingeworfnen Bemerkung bedarf, erörtert er aufs weitschweifigste und schwerfälligste; ohn' einen Funken Witz zu haben, eignet er sich andrer Leute ihren zu; was er stiehlt, verdirbt er durch den Senf, den er darüber schüttet. Der Mann macht mich ganz wild! Doch er soll's nicht mehr. Mehr denn zuviel, wenn man vom Herrn Archidiakonus ein paar Seiten gelesen!

Ein Mann von Gelehrsamkeit und Geschmack, der sich mit an der Tafel befand, bekräftigte das Urteil der Marquise. Man kam nachher auf die Trauerspiele. Die Dame fragte, woher es käme, daß manche Trauerspiele in der Vorstellung etwas täten, im Lesen aber nicht auszuhalten wären?

Der Mann von Geschmack setzte es sehr gut auseinander, wie ein Stück etwas Anziehendes haben und demungeachtet doch nichts taugen könnte, bewies mit wenig Worten, daß es nicht genug sei, ein oder zwei Situationen anzubringen, die man in jedem Roman antrifft, und die immer etwas Verführerisches für die Zuschauer haben, sondern daß man originell sein müsse, ohne phantastisch zu sein, erhaben, ohne unter den Sonnen herumzuwandeln, das Herz kennen und es reden lassen, großer Dichter sein, und doch aus keiner von seinen Personen den Dichter hervorstechen lassen, den ganzen Sprachschatz zu benutzen wissen, nie den Wohlklang vergessen, nie einen Gedanken dem Reim aufopfern. Wer all' diese Regeln nicht sorgfältig in acht nimmt, setzt' er hinzu, kann zwar Trauerspiele verfertigen, die auf dem Theater gefallen, er wird aber nie einen Rang unter den guten klassischen Schriftstellern erhalten.

Gute Trauerspiele haben wir sehr wenige. Viele sind ganz wohldialogierte und wohlversifizierte Idyllen, andre ein Schlafmittel in Form eines politischen Geschwätzes oder artige Brechmittel von Übertreibungen; wieder andre das kunterbunteste Tollhäuslergewäsch; zerstückelte Reden, lange Apostrophierungen an die Götter, (denn mit Menschenkindern wissen die Herren nicht zu sprechen) falsche Maximen, hochgeschraubte Gemeinplätze.

Kandide hörte aufmerksam zu, und faßte von diesem Kritiker eine große Meinung; und da die Marquise ihm neben sich einen Platz zu geben die Güte gehabt hatte, so nahm er sich die Freiheit ihr die Frag' ins Ohr zu flüstern: wer der so gesundurteilende Mann wäre?

Ein Gelehrter, sagte die Dame, der nicht pointiert und den der Abbé manchmal zum Abendbrot herbringt; ein großer Kenner von Trauerspielen und Büchern. Er hat eine ausgepfiffne Tragödie gemacht und ein Buch, davon nie ein anders Exemplar aus seines Verlegers Laden gekommen ist als das, so er mir dediziert hat.

Ein großer Mann sagte Kandide! ein zweiter Panglos! Hierauf sagt' er sich an ihn wendend: Vermutlich glauben Sie doch auch, mein Herr, daß in der physischen Welt sowohl als in der moralischen alles aufs beste eingerichtet ist, und daß nichts einen andern Gang nehmen kann?

Nichts weniger denn meine Meinung, antwortete der Gelehrte. Ich finde vielmehr, daß bei uns alles der Quere geht, daß niemand weiß, was seines Rangs, seines Amts ist, noch was er tut, noch was er tun soll, und nehm ich die Soupers aus, wobei noch immer Fröhlichkeit herrscht und auch ziemlich viel Eintracht, so bringen die Menschen den ganzen Überrest ihres Lebens mit dem albernsten Gezeter hin. Jansenisten sind gegen Molinisten, Parlamentsglieder gegen Männer von Literatur, Hofschranzen gegen Hofschranzen, Finanzpächter gegen das Volk, Weiber gegen ihre Männer, Anverwandte gegen Anverwandte; kurz, es ist ein ewiger Krieg.

Kandide antwortete ihm: Ich habe noch viel Schlimmers gesehen; allein ein weiser Mann, der nachher das Unglück gehabt, aufgehängt zu werden, lehrte mich, daß alles über die Maßen gut sei und daß das Schlimme bloß das wäre, was der Schatten in einem schönen Gemälde.

Der Herr Weise am Galgen hatte die Leute zum besten, sagte Martin; diese Schatten sind gräßliche Flecke. Die Menschen sind's, die diese Flecke machen, und sie können's nicht vermeiden, sagte Kandide. Sonach ist's nicht ihre Schuld, antwortete Martin.

Die meisten von den Pointeurs, denen dies Rotwälsch war, zechten, Martin unterhielt sich mit dem Gelehrten, und Kandide erzählte einen Teil seiner Abenteuer der Dame vom Hause. Nach dem Souper führte die Marquise Kandiden in ihr Kabinett; er mußte sich auf ein Sofa setzen.

Die Dame. Nun, glühen Sie noch immer für Mademoiselle Cunegonde von Dundertronksaus?

Kandide. Noch immer, gnädige Frau!

Marquise (mit einem zärtlichen Lächeln). Geantwortet wie ein echter junger Westfale. Ein Franzos an Ihrer Stelle hätte zu mir gesagt: Bisher Madam; seit ich Sie aber gesehn, besorg' ich sehr, Mademoiselle Cunegonde nicht mehr zu lieben.

Kandide. O, Madame, sprechen Sie, was ich sagen soll, ich will ja alles sagen.

Marquise. Ihre Leidenschaft für die Baronne begann dadurch, daß Sie ihr Schnupftuch aufhoben, jetzt sollen Sie mir mein Strumpfband aufnehmen. Herzlich gern, Madam, sagte Kandide, und hob's auf. Sie müssen mir's nun wieder umbinden, hub die Dame an, und Kandide tat's. Sehn Sie, sagte die Dame, Sie sind ein Ausländer, meine Pariser Liebhaber laß' ich manchmal fünfzehn Tage schmachten, Ihnen aber ergeb' ich mich in der ersten Nacht, denn einem jungen Westfalen muß man die Honneurs seines Landes machen.

Die Dame war Französin, Kandide glühend vom Wein, noch glühender von den Reizen, die er oberhalb des Knies der Marquise beim Strumpfbandumbinden in dem verführerischsten Prospekte zu sehn Gelegenheit gehabt; das Kabinett wollüstigdämmernd; alles ringsum hatte so viel Anlockendes; allein waren sie; er erlag.

Sie spielten ihr Duodram beide recht brav; die Dame, als eine Frau von Welt geübt in den schlauesten, unterhaltendsten Buhlerinnenkünsten; Kandide, als ein unentnervter junger Westfale; er nahm sich völlig dabei, wie Herkules in der Nacht gegen die Fünfzig.

Nach geendeter Sofaszene lobte die Schöne zwei übergroße Diamanten, die sie bereits längst bei ihrem jungen Fremden wahrgenommen hatte, so treuherzig, daß sie in einem Hui an den Fingern der Marquise saßen.

Wie Kandide mit seinem Abbé nach Hause ging, stiegen ihm einige Skrupel wegen der Untreue auf, die er an der Baroneß Kunegunde begangen hatte; der Herr Abbé nahm an seinem Kummer teil: er hatte an den fünfzigtausend Livres, die Kandide in dem Spiel verloren hatte und an den beiden Brillanten, die halb geschenkt, halb abgedrungen waren, nur sehr geringen Anteil gehabt.

Der Herr Abbé, der jetzt einen tüchtigen Schnitt zu machen dachte, war bemüht, sich bei Kandiden immer mehr einzulieblen, schwatzte ihm viel von Kunegunden vor, und Kandide sagte: er wollte ihr auf den Knien auf's herzinnigste seine Untreue abbitten, wenn er sie zu Venedig sähe.

Der Abbé verdoppelte seine Höflichkeit und seine Aufmerksamkeit, nahm an alle dem, was Kandide sagte, tat, ja noch tun wollte, den wärmsten Anteil.

So haben Sie mit ihr ein Rendezvous zu Venedig verabredet? fragte er. „Das hab' ich, lieber Abbé; ich muß platterdings mein Gundchen wiederfinden." Das Vergnügen, von seiner Geliebten sprechen zu können, riß ihn hin, und er erzählte, nach seiner löblichen Gewohnheit, einen Teil seiner Abenteuer mit dieser berühmten Westfalin.

Baroneß Kunegunde hat zweifelsohne viel Geist, sagte der Abbé, und schreibt treffliche Briefe. „Was ich nicht sagen kann! Ich habe nie welche von ihr bekommen. Als ich wegen meiner Liebe zu ihr war aus dem Schlosse gejagt worden, könnt' ich nicht an sie schreiben; bald darauf erfuhr' ich, sie sei tot, hernach fand ich sie wieder, und verlor sie plötzlich, und jetzt habe ich ihr zweitausendfünfhundert Meilen von hier einen Expressen gesandt, dessen Antwort ich erwarte."

Der Abbé hörte aufmerksam zu und schien ein wenig staunend. Bald darauf nahm er mit der zärtlichsten Umarmung von den beiden Fremden Abschied. Den folgenden Morgen erhielt Kandide einen Brief, folgendermaßen abgefaßt: „Mein Bester, seit acht Tagen lieg ich hier krank. Jetzt eben vernehm ich, daß Sie hier sind. Trügen mich meine Beine, so flög ich in Ihre Arme. Zu Bordeaux erfuhr ich, wohin Sie sich gewandt hatten; ich habe den treuen Kakambo und die Alte dort gelassen, die bald hier eintreffen müssen. Der Gouverneur von Buenos Aires hat mir alles genommen, aber Ihr Herz bleibt mir noch übrig. Kommen Sie, Ihre Gegenwart schenkt mir entweder das Leben wieder oder tötet mich vor Vergnügen."

Ihre Kunegunde

Dieser entzückende, unverhoffte Brief machte Kandiden ganz berauscht vor Freude, allein die Unpäßlichkeit seiner Lieben schlug ihn äußerst nieder. Ein Spielball dieser beiden Empfindungen nahm er sein Gold und seine Diamanten und ließ sich samt Martinen in das Hotel führen, worin Baroneß Gundchen logierte.

Mit hochklopfendem Herzen, an jedem Gliede vor Vergnügen zitternd und mit bebender Stimme stürzt er in ihr Zimmer, wollte die Bettvorhänge aufreißen, wollte Licht haben. Um Gottes willen nicht! 's ist dem Gnädigen Fräulein nichts schädlicher wie's Licht! schrie die Magd, und ritz-ratz! wurden die Vorhänge dicht fest wieder zugezogen.

Was machen Sie, liebste Kunegunde? sagte Kandide mit einem Strom von Tränen. Lassen Sie mich doch wenigstens Ihre Stimme hören, da ich Ihr Gesicht nicht sehen darf. Ja, sprechen darf meine gnädige Herrschaft auch nicht, sagte das Mädchen. Die Dame streckte eine runde, fleischichte Hand zum Bette hinaus, die Kandide lange mit Tränen benetzte, und hernach mit Diamanten anfüllte; auf den Stuhl neben ihrem Bette hatt' er einen Beutel mit Gold hingelegt.

Kandide schwamm in Liebeswonne, als ein Gefreiter mit etlichen Mann hereintrat, der Abbé begleitete ihn. Das sind also die beiden verdächtigen Fremden? sagte ersterer. Sogleich bemächtigte man sich ihrer, und die Muskoten waren auf dem Sprunge, sie ins Gefängnis zu schleppen.

So begegnet man in Eldorado den Fremden nicht, sagte Kandide. Ha! ich bin mehr Manichäer denn je, rief Martin. Aber mein Herr, wo führen Sie uns hin? sagte Kandide. In ein tiefes Loch unter der Erde, antwortete der Gefreite.

Martin, der all' seine Kaltblütigkeit wieder hatte, schloß, die vorgebliche Baroneß Kunegunde sei eine Betrügerin, der Herr Abbé, der sich Kandidens Treuherzigkeit aufs schleunigste zu Nutze gemacht hatte, und der Gefreite ein andrer Spitzbube, den man leicht loswerden könnte.

Ehe Kandide die Sache zu gerichtlichen Weitläufigkeiten gedeihen ließ, bot er auf Anraten Martins und seines Herzens, das sich äußerst nach der wahren Kunegunde sehnte, dem Gefreiten drei kleine Diamanten an; jeder ungefähr dreitausend Dublonen wert.

O mein Herr, schrie der Mann mit dem elfenbeinernen Stabe, und hätten Sie auch Allerweltsmissetaten begangen, so sind Sie doch der bravste Kavalier auf Gottes Erdboden! Mir drei Diamanten zu geben! Jeden zu dreitausend Dublonen. Totschlagen will ich mich eh'r für Sie lassen, Herr Milord, als Sie ins Gefängnis führen. Zwar haben wir die strengste Order, jedweden Fremden zu arretieren, wes Standes und Würden er auch sei: ich will aber das Ding schon 'rumzudrehen wissen. Ich habe zu Dieppe in der Normandie einen Bruder, zu dem will ich Sie bringen, und haben Sie noch einen Diamanten d'ran zu spendieren, so wird er so gut für Sie sorgen, als wär' ich's selbst.

Und warum werden hier alle Fremden in Haft genommen? frug Kandide. Jetzt ergriff der Abbé das Wort und sagte: Darum, weil ein elender Schuft aus dem Lande Atrebatien (Artois) jämmerlichen, elenden Schnickschnack gehört hatte, bloß deshalb hatte er einen grausamen Vatermord begangen, einen solchen freilich nicht, wie er 1610 im Maimonat begangen wurde (Ravaillac), sondern einen solchen, als 1594 im Monat Dezember vorfiel (J. Châtel); auf dessen Schlag nachher noch viele andre Mordtaten in andern Jahren und andern Monaten von andern elenden Schuften aus gleichen Gründen sind ausgeführt worden.

Der Gefreite erklärte jetzt, was der Abbé im dunkeln gelassen hatte. Ha! die Ungeheuer! schrie Kandide. Wie? solche gräßliche Taten werden unter einem Volke verübt, das singt und tanzt! Kam' ich doch aufs schnellste aus einem Lande, wo Affen Tiger aufhetzen! Bären sah ich in meinem Vaterlande, Menschen nur in Eldorado! Um Gottes willen, Herr Gefreiter, schaffen Sie mich nach Venedig, wo ich Baroneß Kunegunden erwarten muß.

Weiter kann ich Sie nicht bringen, lieber Herr Baron, als nach der unteren Normandie, versetzte der Anführer der Sbirren. Sogleich ließ er ihm seine Bande abnehmen, sagte: es wäre ein Versehn, schickte seine Leute zurück, führte Kandiden und Martinen nach Dieppe, wo er sie in den Händen seines Bruders ließ. Es lag ein kleines holländisches Schiff auf der Reede. Der Normann, der mittels dreier andrer Diamanten das dienstfertigste Geschöpf von der Welt geworden war, nahm Kandiden und seine Leute auf dies Schiff, das nach Portsmouth in England ging. Freilich war das nicht der Weg nach Venedig, allein Kandide nahm sich vor, ihn bei erster bester Gelegenheit einzuschlagen. Jetzt dankt er nur Gott, daß er aus der Hölle heraus war.

Dreiundzwanzigstes Kapitel: Kandide und Martin kommen an die englischen Küsten; was sie dort sehn
Kandide. Ha,Panglos!Panglos! Ha,Martin!Martin! Ha,meine traute Kunegunde! was ist diese Welt hier! sagte Kandide auf dem holländischen Schiff.

Martin. Ein erzpudelnärrsches und erzabscheuliches Gemachte. Kandide. Sie sind doch in England bekannt, gibt's dort ebensolche Toren wie in Frankreich?

Martin. Eben! nur von anderm Schnitt und von andrer Farbe. Sie wissen, diese beiden Nationen führen wegen ein paar lumpichter Hufen Schnee, die gegen Kanada liegen, Krieg, und verschwenden bei diesem allerliebsten Kriege weit mehr, als das ganze Kanada wert ist. Ihnen genau zu bestimmen, ob's hier zu Lande mehr Leute gibt, die man an die Kette legen sollte, wie in jenem, das vermag ich nicht; dazu hab' ich zu wenig Auge. Bloß das weiß ich, daß die Leute, wo wir jetzt hinkommen, eine starke Dosis schwarzer Galle bei sich führen.

So hatten sie sich an die Gestade von Portsmouth hingeplaudert. Eine Menge Pöbel strömte zum Ufer hin und schaute mit unverrücktem Auge nach einem ziemlich großen, dicken Mann, der mit verbundnen Augen auf dem Verdeck eines Schiffs aus der Flotte kniete. Ihm gegenüber standen vier Soldaten, die ihm mit dem kältesten Herzen und Auge drei Kugeln ins Gehirn jagten, und die ganze Versammlung ging in der vergnügtesten Laune auseinander.

Was heißt das! sagte Kandide. Üben denn überall böse Geister ihre Macht! Wer war denn der Sir Wanst, den Ihr mit solchen Solennitäten umbrachtet? fragte er einen von den Umstehenden. Ein Admiral, war die Antwort. Und wozu tötet Ihr diesen Admiral? „Er hat nicht Leute genug umgebracht; er ficht mit einem französischen Admiral, und nachher findet sich's, daß er ihm nicht dicht genug auf der Haut gewesen ist." Aber, sagte Kandide, der französische Admiral war ja so weit vom englischen als dieser von jenem. „Nicht zu leugnen, indes kann's hier zu Lande gar nicht schaden, wenn einmal ein Admiral arquebusiert wird, desto mehr lodert den übrigen der Mut an."

Der gehabte Anblick, die eben gehörte Rede hatten Kandiden so betäubt, wurmten ihm so sehr, daß er nicht einmal den Fuß ans Land setzen wollte, und auf der Stelle mit dem holländischen Schiffer bedung, ihn ungesäumt nach Venedig zu bringen; sollte selbiger ihn auch gleich wie der surinamsche Schiffspatron begaunern.

Binnen zwei Tagen war der Schiffer klar. Es ging an den Küsten von Frankreich weg, dicht vor Lissabon vorbei, wo Kandiden kalter Schauer über den Nacken lief; hinein in die Straße von Gibraltar und so ins Mittelländische Meer; endlich lag man vor Venedig.

Gottlob, sagte Kandide zu Martinen, den er feurig umarmte, hier werd' ich sie wiedersehn, die schöne Kunegunde! Auf Kakambo'n rechne ich wie auf mich selbst. Oh! es geht alles gut! alles! es kann gar nicht besser sein.

Vierundzwanzigstes Kapitel: Von Gertruden und Bruder Viola'n
Kaum hatten sie den Fuß in die Stadt Venedig gesetzt, so ließ er Kakambo'n in allen Wirtshäusern suchen, in allen Kaffeehäusern, bei allen Töchtern der Freude; kein Kakambo zu finden. Täglich mußten seine Leute nach dem Hafen und nachfragen; es mochte Schiff oder Barke gekommen sein. Nichts zu hören noch zu sehn von Kakambo'n!

Das ist mir unbegreiflich, sagte Kandide zu Martin. Ich bin von Surinam nach Bordeaux gegangen, von Bordeaux nach Paris, von Paris nach Dieppe, von Dieppe nach Portsmouth, bin Spanien und Portugal längs gesegelt, habe das ganze Mittelländische Meer durchstrichen, etliche Monate zu Venedig verbracht, und doch hat sich in all' der Zeit Baroneß Gundchen nicht eingestellt! Ich habe statt ihrer weiter nichts gefunden als eine Hure und einen Abbe aus Perigord. Ganz gewiß ist sie tot, meine Gunde! Ihr nach ist noch das einzige, was du tun kannst, Kandide! ------ Ha! war' ich doch in dem Paradiese, im Eldorado geblieben und nicht nach dem Drachenneste, dem Europa zurückgekehrt! Sie haben ganz recht, lieber Martin! Es ist alles in der Welt leerer blauer Dunst! Ist allenthalben Trug und Elend!

Es befiel ihn so düstere Schwermut, daß er weder an der opera alla moda, noch an irgendeiner Faschingslustbarkeit teilnahm, sogar bei einer Danae von Mädchen stieg ihm kein Fünkchen Begier auf.

Gute, treuherzige Seele! sagte Martin, sich einzubilden, ein Mestize von Bedienten mit fünf oder sechs Millionen in der Tasche wird hingehn bis ans Ende der Welt und Ihre Geliebte aufsuchen. Findet er sie, so fischt er sie für sich selbst weg; findet er sie nicht, so wirft er seinen wohlbespickten Köder einem andern Dirnchen in den Rachen. Mein Rat ist der: Schlagen Sie sich alle beide aus dem Sinn: Ihren Kerl, den Kakambo, und Ihre Geliebte, die Baroneß Kunegunde.

Martin war kein guter Tröster, auch wuchs Kandidens Schwermut täglich, und täglich rieb ihm der Manichäer die Ohren mit dem Beweise, daß es in der Welt nur wenig Tugend gäbe, wenig Glück, ausgenommen etwa im Eldorado, wo niemand hinkönne.

Eines Tages, wie sie über diese wichtige Materie streitend und Kunegunden noch immer erwartend, über den St. Markusplatz gingen, ward Kandide einen jungen Theatinermönch gewahr, der ein Mädchen unterm Arm hatte. Der Theatiner war ein frischblühender, feister, herkulischer Gesell, mit kühnumschauendem Adlerblick, stolzer Miene und kecken Ganges. Sein Liebchen ein gar niedliches Ding, sie schäkerte singend neben ihm her, warf den vollen Blick der Liebe auf ihren Theatiner, und kniff ihm manchmal in die runden, vollen Backen. Nun, diese beiden Leute werden Sie doch wohl für glücklich erklären, sagte Kandide zu Martin; auf der ganzen bewohnten Erdkugel hab' ich, ausgenommen im Eldorade, nichts als Unglückliche gefunden; daß aber dies Mädchen und dieser Theatiner vollglückliche Geschöpfe sind, darauf wollt' ich wetten.

Ich wette, sie sind's nicht! sagte Martin. Ich darf sie nur zu Gaste bitten, versetzte Kandide, so sehn wir gleich, ob ich mich geirrt habe.

Sofort ging er auf sie zu, machte ihnen sein Kompliment und bat sie, in seinen Gasthof zu kommen und mit Makkaroni, lombardischen Rebhühnern, Stör-Rogen und etlichen Flaschen Montepulciano, Lacrimae Christi und Cyper- und Samoswein vorliebzunehmen. Das Mädchen ward rot, der Theatiner nahm die Einladung an. Das junge Frauenzimmer folgte ihm, blickte Kandiden mit einem Auge an, worin sich Bestürzung und Beschämung malte und manche Träne trat.

Kaum waren sie im Hause, so sagte die Dirn, die Kandiden abseits genommen hatte: Kennen Sie denn Gertruden nicht mehr, lieber Herr Kandide? Dieser, dem Kunegunde stets vor Augen schwebte, hatte vorher nur einen flüchtigen Blick auf dies Mädchen geworfen, jetzt faßt' er sie fest ins Auge und sagte: Wären Sie's wirklich, liebes Kind, Sie, die dem armen Magister ein so schönes Geschenk gemacht haben?

Ach ja, mein Herr, ich bin's, sagte Gertrud. Wie ich höre, so wissen Sie bereits alles! Nun ich weiß auch, wie höchst kläglich es dem ganzen Hause der Frau Baronessin ergangen ist, und was die schöne Baroneß Gundchen für ein entsetzliches Ende gehabt haben. Aber ich war, weiß Gott, die Zeit über auch nicht auf Rosen gebettet, hab' auf Dornen und Disteln gesessen. Als ich hin auf den Edelhof kam, war ich noch ganz unschuldig; darum fiel's meinem Beichtvater, einem Franziskaner gar leicht, mich zu verführen. Oh! was für gräßliche Folgen entstanden daraus; ich mußte das Schloß nicht lange nachher verlassen, als Sie der Herr Baron mit derben Tritten in den Hintern 'nausgeschubst hatte.

Hätte sich nicht ein berühmter Doktor meiner erbarmt, ich wäre sicher drauf gegangen. Aus Erkenntlichkeit ward ich 'ne Zeitlang seine Mätresse. Seine Frau, das rasendeifersüchtigste Tier von der Welt, ein zehnmal ärgrer Satan von Weibe wie Xantippe, bläute mich tagtäglich so unbarmherzig wie'n neugebacknes Leutnantchen seines Hauptmanns Kompagnie. Ein unglücklichere Mädchen gab's wohl nicht wie ich. Tagtäglich richtig meine derbe Tracht Prügel eines Mannes wegen, den ich nicht lieben konnte, und tagtäglich Karessen und Liebkosungen diesem Manne, der 'ne wahre, alte Blocksbergsfratze war.

's ist 'n gefährlich Ding, wenn ein Zankteufel eine Doktorsfrau ist. Madame Brummeisen erfuhr's. Ihr Mann hatte endlich das Ding satt, gab ihr eines Tages, um sie vom Schnupfen zu kurieren, eine so wirksame Arzenei, daß sie zwei Stunden drauf mit den jämmerlichsten Verzückungen abschurrte.

Die Anverwandten der Frau Doktern spannen einen Kriminalprozeß gegen den Mann an, der sich glücklich aus dem Staube machte und mich drin sitzen ließ. Man warf mich ins Gefängnis, woraus mich nicht meine Unschuld rettete, sondern meine ganz leidliche Gestalt. Der Richter setzte mich auf freien Fuß unterm Beding, des Doktors Stelle einnehmen zu dürfen. In einem Husch wurd' ich ausgestochen, mußte ohn' einen Heller von dannen wandern, und sah' mich genötigt, jenes abscheuliche Handwerk zu ergreifen, was euch Mannspersonen so angenehm dünkt und was für uns eine vollströmende unerschöpfliche Quelle des Elends ist.

Ich ging nach Venedig, um hier mein Gewerbe zu treiben. Oh! mein Herr! Sie können sich nicht vorstellen, was das für eine Höllenmarter ist, alles durch die Bank weg karessieren zu müssen; bald 'nen alten Kaufmann, bald 'nen Advokaten, bald 'nen Mönch, bald 'nen Gondelführer, bald 'nen Abbate; jeder Beschimpfung preisgegeben zu sein; sich aufs Prellen zu verlegen. Oft ist man so rein herunter, daß man vom Juden ein armselig Fähnchen borgen muß, um sich's von der ekelhaftesten, fatalsten Prise, vom schlechtesten Schufte aufdecken zu lassen. Das bißchen, was man von dem einen verdient, wird einem von dem andern wegstipitzt; man schwebt immer untern Klauen der heiligen Engel, und hat im Prospekt weiter nichts als das Zuchthaus oder gar das Lazarett oder den Misthaufen, woselbst alsdann das abgemergelte, halbverfaulte, verrunzelte und verschrunzelte Gerippe fast in der Blüte der Jahre sein Leben verkeuchen muß.

Wenn Sie sich das alles so recht lebhaft denken, so werden Sie sehn, daß es keine unglücklichere Kreatur auf der Welt gibt als mich.

So schüttete Gertrud in einem Kabinett ihr Herz gegen den biedern Kandiden aus. Ha! halb war 'die Wette gewonnen! rief Martin, der mit zugegen war. Bruder Viola war im Speisesaal geblieben, und hatte sich derweil' an eine Flasche Cyperwein gemacht.

„Du sahst mir aber so fröhlich, so zufrieden aus, Truddien. Wie ich dir begegnete, sangst so aus vollem Herzen, karessiertest deinen Theatiner mit so ungeheuchelter Liebeswärme, daß du mir eben so glücklich schienst, als du dich unglücklich ausgibst."

Ach lieber Herr Kandide, sagte Gertrud. Das ist eben mit das ärgste Kreuz bei meinem Handwerk. Noch gestern wichste mich ein Offizierchen rein durch und zog mich rattenkahl aus, und heute muß ich die fröhlichste Laune affektieren, um mich bei einem Pfaffen anzuschmeicheln.

Nun hatte Kandide schon genug und gab Martinen recht. Sie setzten sich beide mit Gertruden und dem Theatiner an den Tisch; hielten ein recht fröhliches Mahl und wurden beim Wein ganz offen.

Herr Pater, sagte Kandide zum Mönch, Sie scheinen mir ein Los zu genießen, um das Sie jedermann beneiden muß; die blühendste Gesundheit lacht aus Ihrem Gesicht, Sonnenschein sitzt über Ihren Augbrauen und verkündigt, wie vollglücklich Sie sind, Sie haben das niedlichste Mädchen zum Zeitvertreib und scheinen mit Ihrem Theatinerstand höchst vergnügt.

Ich wollte, alle Theatiner hätten einen Mühlstein am Hals und lägen im Meere, wo's am tiefsten ist, sagte Bruder Viola. Ich bin wohl schon hundertmal willens gewesen, das Kloster anzustecken und hinzugehn, und ein Türk zu werden. In meinem fünfzehnten Jahre mußt' ich nolens volens die verwünschte Jacke anziehn, damit mein ältrer Bruder — Gott und alle Heiligen verdammen ihn, den prassenden, putenjunkerschen Buben! — recht à son aise schwelgen kann. Ich wurd' in ein Kloster gebannt, das man gemeiniglich für einen Wohnsitz der religiösesten Ruhe hält; und das beim Lichte besehn weiter nichts ist als der Tummelplatz der Eifersucht, der Zwietracht und des Ingrimms.

's ist wahr, ich habe mir manchmal mit einem jämmerlichen Schnickschnack ein'ge Batzen in die Tasche gepredigt. Aber was hat's geholfen? Die Hälfte davon stiehlt mir der Prior weg und um's übrige bringen mich die Menschen. Wenn ich des Abends ins Kloster komme, bin ich so fuchswild, daß ich gleich den Kopf gegen die Wand rennen möchte, und all' meinen Brüdern in Paulo geht's nicht ein Haar besser.

Nun hab' ich nicht die Wette ganz gewonnen, sagte Martin, indem er sich mit seiner gewöhnlichen Kaltblütigkeit gegen Kandiden wandte? Kandide gab Gertruden zweitausend Piaster und Bruder Viola'n tausend. Nun werden sie glücklich sein, sagte er, dafür haft' ich. Ich wahrlich nicht! versetzte Martin. Vielleicht machen Sie sie dadurch noch unglücklicher. Mag's ausfallen, wie's will! sagte Kandide. Ich tröste mich jetzt damit, daß ich sehe, wie man oft Leute wiederfindet, die man nie wiederzufinden verhofft hat; da ich meinen roten Hammel und Gertruden wiedergefunden habe, so kann sich's wohl noch fügen, daß ich Kunegunden wieder antreffe.

Martin. Ich wünsch' es von Herzen, daß selbige Sie dereinst glücklich machen möge; zweifle aber noch sehr daran.

Kandide. Hartherziger Mann.

Martin. Was gar nicht zu verwundern. Ich habe lang' in der Welt gelebt.

Kandide. Sehn Sie einmal jene Gondelführer an. Singen sie nicht mit dem frohsten Herzen vom frühen Morgen an bis zum dämmernden Abend.

Martin. Werfen Sie einmal einen Blick in ihre vier Pfähle! Da werden Sie sehn, wie sie schmollen bei ihren Weibern und ihren Wechselbälgen von Kindern; Sie werden finden, daß Sorg' und Verdruß sowohl unterm Schindeldache des Gondelführers wohnt als unterm Palaste des Dogen. Recht beim Lichte besehn ist der Gondelführer immer glücklicher als der Doge. Doch die Waage zur Hand zu nehmen und abzuwägen, um wieviel, lohnt wahrlich! der Mühe nicht. Es ist, glaub' ich, ein so winzig Teilchen mehr, daß eine Mücke es auf dem Schwanze über den Rhein führen kann.

Kandide. Ich habe mir sagen lassen, der Senator Pococurante, der dort in dem schönen Palaste auf der Brenta wohnt und jeden Fremden so freundschaftlich empfängt, soll der glücklichste Mann auf Gottes Erdboden sein; noch nie soll ihn ein Quentchen Unmut gedrückt haben.

Martin. Das Wundergeschöpf möcht' ich wohl sehn. Sogleich schickte Kandide zum Signor Pococurante und ließ um die Erlaubnis bitten, ihm morgen aufwarten zu dürfen.

Fünfundzwanzigstes Kapitel: Besuch beim Signor Pocourante, Nobile di Venezia
Kandide und Martin setzten auf einer Gondel über die Brenta und kamen im Palaste des Nobile Pococurante an. Die Gärten waren sehr umfänglich und mit trefflichen marmornen Bildsäulen ausgeschmückt, der Palast im schönsten neusten Geschmack erbaut. Der Herr vom Hause, ein Sechziger und steinreich, nahm unsre beiden Neugierigen mit ungemeiner Höflichkeit auf; aber mit wahrer hofmännischer Kälte, was Kandiden nicht wenig stutzig machte, Martinen aber gar nicht mißbehagte.

Sogleich trugen zwei niedliche, wohlgekleidete Mädchen Schokolat' auf, die sie zum perlendsten Schaum zerquirleten. Kandide konnte nicht umhin, sie wegen ihrer Schönheit, wegen ihres Anstandes und wegen ihrer Gewandtheit zu loben.

Sind so ziemlich gute Krabben! sagte Senator Pococurante. Manchmal nehm' ich sie mit ins Bette. Denn Eure Stadtdamen bin ich überdrüssig; ich kann ihre Kokettereien, Eifersüchteleien, Kritteleien, Launen, Aufblasereien und Albereien unmöglich aushalten, und ihre ewige Bestellereien von Liedchen, selbst oder vor irgendeinem Mietspoeten gemacht. Doch bei alledem werden mir auch diese Dirnen schon höchst unleidlich.

Nach dem Frühstück besahen sie die Bildergalerie; einen sehr großen geräumigen Saal

Voll Menschen Glut und Geistes.

Kandiden war bei dem Beschauen dieser Meisterwerke ganz wunderbar zu Mute;

Sein Busen war so voll und bang
Von hundert Welten trächtig;

sein ganzes Wesen schien aufgelöst in einem Meer von Entzücken. Endlich rief er: Von welchem Meister? Und deutete auf ein paar Gemälde, woran er sich am meisten ergötzt, an welchen sein Auge noch mit unbeschreiblicher Bewundrung und liebewarm hing.

Von Raphael, sagte der Senator. Ich war solcher alter Geck und kaufte sie vor etlichen Jahren rasend teuer; ließ mich dazu beschwatzen, weil man mir versicherte, schönre Werke der Kunst gäb's in ganz Italien nicht; ich kann aber nicht sagen, daß sie mir anstünden. Die Farben sind zu dunkel gehalten; die Figuren haben keine Rundung, nichts Hervorspringendes genug, die Draperien nichts weniger als Ähnlichkeit mit Gewändern. Mit einem Worte, was man auch drüber tratscht, treukopierte Natur find' ich gar nicht drinnen. Natur, Natur, die liebe Natur verlang' ich ohn' alle Ziererei so wie allenthalben, auch in Gemälden; aber wo gäb's solche Gemälde? Ich habe Kleckereien und Sudeleien die Menge, mag sie aber gar nicht mehr ansehn.

Pococurante ließ, während das Diner besorgt wurde, ein Konzert geben. Kandide schwamm in Vergnügen, glaubte Sphärenklang zu hören. Auf eine Viertelstunde hört man das Gequinkeliere, den Dideldumdei wohl an, sagte Pococurante, aber währt's länger, so ist's jedermann überdrüssig, ohne daß eine Seele das Herz hat, es zu gestehn. Heutzutage nimmt die Musik hohen, sonnenhohen Flug, und da mag's der Teufel aushalten und lange mitfliegen.

Vielleicht behagte mir die Oper besser, wann man nicht das Kunststückchen ausfindig gemacht hätte, sie zu einem Ungeheuer umzuschaffen, wobei sich mein Magen empört. Geh' hin, wer da will, in eure elenden musikalischen Trauerspiele, wo jede Szene dazu angelegt ist, querfeldein zwei oder drei lächerliche Liederchen anzubringen, welche die Kehle der Aktrice ins Licht setzen müssen. Fall vor Vergnügen in Ohnmacht, wer da will oder kann, wenn er einen Kastraten den Cäsar oder Kato hertrillern hört oder mit anmaßlicher Noblesse auf dem Brettergerüste herumspazieren sieht. Ich meines Orts habe schon längst all' diesen Lappereien entsagt, die heutigen Tages den Stolz von Italien ausmachen und die von auswärtigen Potentaten so teuer bezahlt werden.

Kandide disputierte hierüber mit ihm, aber mit vieler Bescheidenheit, Martin aber war völlig der Meinung des Senators.

Man setzte sich zur Tafel und nahm ein prächtiges Mittagsmahl ein. Wie man abgespeist hatte, ging man in Pococurantes Bibliothek. Kandiden fiel ein prächtiggebundner Homer ins Auge, und er machte dem Illustrissimo zu seinem Geschmack ein Kompliment. An diesem Werke, rief er, weidete sich der große Panglos, der beste Philosoph in ganz Deutschland. Und ich mich nicht im geringsten, sagte Pococurante ganz kalt. Ehmals wollte man mich bereden, ich fände an dessen Lektüre Vergnügen. Allein das ewige Vorgeleier von Schlachten, die sich ähnlich sehn, wie'n Ei dem andern, diese Götter, die in einem fort handeln und doch nichts Entscheidendes zustande bringen, jene Helena, die den ganzen Krieg angesponnen hat und die sich fast immer hinter der Kulisse hält; jenes Troja, das man immer belagert und niemals einnimmt; alles das wurmte mich so sehr, daß ich den Bettel in den Kamin werfen wollte. Ich fragte manchmal Gelehrte, ob sie nicht ebensoviel Langeweile bei dem alten Salbader empfänden. Wer offenherzig war, gestand mir, es ging' ihm nicht besser, doch müßte man ihn immer in seiner Bibliothek haben, ihn aufbewahren als ein Denkmal des Altertums und wie jene verrosteten Schaumünzen, die nicht mehr im Gange sind.

Kandide. So denken doch Vossignoria nicht von Virgil?

Pococurante. Ich räum' es ein, daß das zweite, vierte und sechste Buch seiner Aeneide trefflich sind, was aber seinen frommen Aeneas anlangt, den starken Kloanthes und Freund Achates, den kleinen Askan, den König Schwachkopf Latinus, die Spießbürgerin Amata und den Laffen von Weibe, die Lavinia, so glaub' ich nicht, daß man je was Matteres, Widerlicheres gesehn hat. Viel lieber will ich den Tasso lesen und all die Ammenmärchen des Ariost, worüber man stehend einnicken möchte.

Kandide. Verzeihung, gnädiger Herr, finden sie viel Vergnügen daran, den Horaz zu lesen?

Pococurante. Er hat Maximen, die ein Mann von Welt benutzen kann und die wegen ihrer angenehmen, lebhaften Einkleidung sich dem Gedächtnisse um so leichter einprägen. Allein seine Reise nach Brindisi und seine Beschreibung eines Mittagsbrots, das zusammengesudelt worden, sein Zankdialog im Karnschiebertone zwischen Gott weiß was für einem Rupilius, dessen Worte, wie er sagt, von Eiter troffen, und einem andern, dessen Worte nach echt italienischem Weinessig schmeckten, das alles ist mir höchst kahl und schal. Mit äußerstem Widerwillen hab' ich die Grobheiten gelesen, die er den alten Weibern und Hexen in den Bart wirft, ich seh' auch gar nicht ein, was das für ein großer oder kühner Gedanke ist, wenn er zu seinem Freunde Mäcen sagt: Wenn Du mich unter die lyrischen Dichter rechnest, werd' ich mit erhabnem Nacken an die Sterne stoßen.

Aber so geht's; an einem beliebten Autor staunen die Blödhämmel alles als göttlich an. Ich lese bloß für mich, und was nicht in meinen Kram dient, steht mir auch nicht an.

Kandide, der von der Amm' an zu nichts weiter gewöhnt war als zum Nachbeten, erstaunte höchlich über alles das, was er hörte, Martin aber fand Pococurantes Urteile gar nicht uneben.

Ha! ein Cicero, rief Kandide. Den großen Mann werden Sie gewiß nicht müde zu lesen? Wahrlich nicht! antwortete der Venediger, denn ich les' ihn nie. Was schiert's mich, ob er dem Rabirius oder Cluentius den Prozeß geführt hat. Ich habe so Prozesse die Menge abzuurteln. Seine philosophischen Schriften wären noch eher mein Kasus gewesen; wie ich aber sähe, daß er alles bezweifelte, so schloß ich, daß ich grade so viel wüßte wie er, und daß ich niemandes Hilfe bedürfte, um unwissend zu sein.

Oh! da sind vierundzwanzig Bände vermischte Schriften von einer Akademie der Wissenschaften, schrie Martin. Darunter könnte wohl was Guts sein! Und wäre auch, sagte Pococurante, wenn nur ein einziger von all' den Schmierern die Kunst erfunden hätte, Nähnadeln zu machen, so aber enthält der ganzeBraß nichts als Systeme, lauter Luftgut und nicht ein Spierchen Brauchbares.

Was für eine Menge Schauspiele seh' ich dort, rief Kandide, italienische, spanische, teutsche, französische! Jawohl! sagte der Senator, es sind über dreitausend Stück, und der guten nicht drei Dutzend. Daß ich diese Sammlungen Predigten, die insgesamt nicht zwei Seiten von Addison aufwiegen, und alle jene dicken Folianten von Kirchenvätern und allen möglichen Theologastern nie aufgemacht habe, so wenig wie sonst jemand, das werden Sie mir wohl unversichert glauben.

Martin ward einen Schrank gewahr, worin lauter englische Bücher standen: Ich glaube, es muß Wonne für einen Republikaner sein, die meisten dieser Werke zu lesen, die den Geist der Freiheit so stark atmen. Freilich ist's schön, hinschreiben zu dürfen was man denkt, sagte Pococurante, das ist das Vorrecht des Menschen. Allein in unserm ganzen Italien schreibt man bloß, was man nicht denkt; die jetzigen Bewohner der Gegenden, wo die Cäsars herrschten und die Antone, dürfen sich nicht unterstehn, einen Gedanken zu haben, wenn's ein Dominikaner nicht erlaubt. Wie gesagt, ich wäre sehr mit der Freiheit zufrieden, die den genievollen Briten begeistert, wenn nicht Leidenschaft und Parteigeist alles verdürben, was diese köstliche Freiheit Schätzbares hat.

Kandide ward einen Milton gewahr und fragte, ob er nicht diesen Dichter für einen großen Mann hielte? „Ich, den Barbaren, der über das erste Kapitel des ersten Buchs Mose in zehn Büchern rauher Verse einen weitschweifigen Kommentar gemacht hat? Den plumpen Nachäffer der Griechen, der die Schöpfungsgeschichte ganz verhunzt hat, der, indem Moses den Allmächtigen schildert, wie er durch ein Werde die Welt hervorwinkt, seinen Messias einen großen Kompaß aus einem Wandschranke des Himmels hervorholen läßt, um einen Riß seines Weltgebäudes zu entwerfen? Ich, ihn schätzen, der Tasso's Höll' und Teufel verpfuscht hat, der den Lucifer bald in eine Kröte, bald in einen Zwerg verkappt, der ihn die Leier immer herableiern läßt, die er ihm einmal in die Hand gegeben hat, der ihm theologische Dispute in den Mund legt. Ich sollte den Mann schätzen, der Ariost's komische Erfindung mit dem Schießgewehr in gutem Ernst nachäfft und sich die Teufel in dem Himmel herumkanonieren läßt. Weder mir noch sonst irgend jemand in Italien können sie gefallen, diese kahlmäuserschen Alfanzereien. Welcher Mann, der nur ein wenig Gefühl fürs Schöne hat, kann die Heirat der Sünde und des Todes und die Schlangen, die Frau Sünde gebiert, lesen, ohne daß sich sein Magen empört! Und seine weitläufige, weitschweifige Beschreibung vom Hospitale gehört nur für einen Totengräber."

„Dies dunkle, phantastische, ekelhafte Gedicht ward bei seiner ersten Erscheinung verachtet; und ich tue jetzt das, was gegen Milton seine Landsleute und Zeitverwandte taten. Übrigens sag' ich, was ich denke, und kümmre mich wenig darum, ob andre ebenso denken wie ich."

Kandiden hatten diese Urteile ein wenig gebeugt, er hielt den Homer hoch und liebte den Milton. Sie kamen nunmehr vor einen Schrank, worin teutsche Dichter standen. Lassen Sie uns vorübergehn, lieber Martin, flüsterte Kandide ihm zu. Es möchte sonst wieder ein unbarmherziges Gericht ergehn. Wobei mancher von den Herren nicht mehr als sein Recht erhalten würde, sagte Martin. Das wohl, antwortete Kandide, aber er könnte so nebenher meine Lieblinge antasten, und das hielt' ich nicht aus.

Pococurante beehrte sie noch mit einigen von seinen Urteilen; wir sind's aber satt, mehrere Schiefköpfigkeiten nachzuschreiben, und der Leser ist es auch gewiß, selbige zu lesen. Kandide brummte in den Bart: Ein großer, großer Kopf. Das nenn' ich noch Genie! Dem kann niemand etwas zu Danke machen !

Nachdem besagtermaßen Pococurantes Bücher die Mustrung passiert hatten, stiegen sie in den Garten herab. Kandide lobte alle dessen Schönheiten. Schönheiten? sagte der Eigner des Gartens. Das nennen Sie Schönheiten? Ist nichts als lauter Flitter- und Klipperkram:

Ist purer purer Schneider Scherz
Trägt nur der Schere Spur
Und nicht das große, volle Herz
Von Mutterlieb Natur.

Doch nur Geduld, morgen liegt der ganze Bettel hier in einem Klumpen, und aus dem Schutt und Graus soll ein gar ander Ding aufstehn. Wo man hintritt, wo man hinriecht und hinsieht, soll Natur entgegenwittern, und doch soll's nicht so kunterbunt, so regellos wild sein wie in den so hochgepriesnen Gärten der Engländer.

Als unsre beiden Neugierigen von dem Illustrissimo Abschied genommen hatten, sagte Kandide zu Martinen: Daß der Mann der Glücklichste unter allen Menschen ist, werden Sie mir doch wohl zugeben; er ist weit über alles erhaben, was er besitzt.

Martin. Sehn Sie denn nicht, daß er alles dessen überdrüssig ist. Die Mägen sind nicht die besten, hat schon Plato vor Jahrhunderten gesagt, die nicht jede Speise vertragen können.

Kandide. Aber, ist es nicht Wollust, jedes Ding zu bekritteln, Fehler aufzuspüren, wo andre Leute mit ihrer schlechtgeschliffnen Brille nichts als Schönheiten sehn?

Martin. Das heißt verdolmetscht, es ist Wollust, gar keine Wollust zu genießen.

Kandide. Nun dann! so bin ich denn allein der Glückliche, wenn ich mein Gundchen in den Armen haben werde.

Martin. Hoffnung ist noch das Beste, was der Mensch hat!

Indessen verflossen Tage, Wochen, Monate, und kein Kakambo erschien. Kandide war in einem solchen Meer von Wehmut versenkt, daß es ihm gar nicht einfiel, wie weder Gertrud, noch Bruder Viola wiedergekommen waren und sich für die dreitausend Piaster bedankt hatten.

Sechsundzwanzigstes Kapitel: Kandide und Martin speisten mit sechs Ausländern. Wer diese Ausländer waren
Eines Tages, als sich Kandide mit Martinen und den Fremden, die mit ihm in eben dem Wirtshause logierten, zu Tische setzen wollte, packt' ihn ein Mensch mit einem Rußgesicht von hinten beim Arme und raunte ihm zu: Daß Sie sich ja reisefertig halten! Vergessen Sie's nicht.

Kandide dreht sich um und sieht Kakambo'n. Außer Kunegunden konnte kein Anblick für ihn überraschender und erfreulicher sein. Seine Freude artete fast in Wahnsinn aus. Mit der glühendsten Umarmung sagt' er zu ihm: Oh! sie ist also hier, meine Kunegunde! Wo ist sie denn, mein Bester, Einziger? Bring mich doch zu ihr. Laß mich doch mit ihr vor Freude sterben! Kunegunde ist hier nicht, sagte Kakambo; ist zu Konstantinopel.

„Jesus und Gott! zu Konstantinopel! Doch es tut nichts. Und war' sie in China, ich flöge hin! Mit zu Schiffe! mit!" und Kandide hatte Kakambo'n schon zur Haustür hinausgerissen. Vor Essen kann daraus nichts werden, sagte Kakambo. Weiter kann ich Ihnen jetzt nichts sagen. Nur noch soviel: ich bin Sklave, mein Herr wartet auf mich. Ich muß in den Speisesaal und ihn bedienen. Sein Sie ja mäuschenstill, essen Sie Ihr Abendbrot und machen Sie sich reisefertig.

Kandide war halb ein Raub der Freude, halb der Betrübnis; der Freude, der entzückendsten Freude, weil er bald sein Gundchen wiedersehn sollte und jetzt seinen treuen Sachwalter wiedergefunden hatte; der Betrübnis, daß er letztern als Sklave sähe. Sein Herz war in wildem Aufruhr, sein Kopf drehend und wirbelnd. Er setzte sich mit Martinen, der all' diesen Abenteuern ganz kaltblütig zuschaute, und sechs Fremden zu Tische, die bloß die Faschingszeit in Venedig zubringen wollten.

Wie sie fast abgespeist hatten, sagte Kakambo zu einem dieser sechs Fremden, dem er bisher eingeschenkt hatte: Sire, Ihre Majestät können reisen, wenn's Ihnen gefällig ist, das Schiff ist klar. Hierauf ging er hinaus. Ohn' ein Wort zu sagen, sahen die Gäste einander voller Erstaunen an, als ein zweiter Bedienter sich seinem Herrn näherte und ihm sagte: Die Kutsche von Ihro Majestät steht zu Padua und die Barke ist bestellt. Sein Herr gab ihm einen Wink, worauf er fortging.

Die Gäste machten noch größre Augen als vorhin, ihr Blick verriet immer mehr und mehr ihre steigende Verwundrung. Ein dritter Diener näherte sich einem dritten Fremden und sagte: Sire, folgen Sie meinem Rat und halten Sie sich nicht länger hier auf. Ich geh' und mache alles zurechte, Ihro Majestät. Sofort verschwand er.

Kandide und Martin hielten das ganze Ding nunmehr für einen Karnevalsspaß. Ein vierter Bedienter sagte: Ihro Majestät können reisen, wenn's Ihnen gefällig ist. Der fünfte Lakai sagte eben das dem fünften Herrn. Allein der sechste hub an in ganz anderm Ton mit dem sechsten Fremden zu reden, der neben Kandiden saß. Bei meiner armen Seele! Sire, sagte er, Ihro Majestät können so wenig mehr auf Borg kriegen wie ich und 's is leicht möglich, daß wir heut' alle beide in den Schuldturm wandern müssen. Das Gescheitste, ich seh', wo der Zimmermann das Loch gelassen. Gott steh' Ihnen bei.

Wie alle Bedienten hinaus waren, verharrten die sechs Fremden, Kandide und Martin im tiefsten Stillschweigen. Endlich brach's Kandide: Ein artger Fastnachtsspaß, meine Herren! Warum sind Sie aber grade alle gekrönte Häupter? Ich meinerseits muß Ihnen gestehn, ich bin kein König, so wenig wie mein Martin da.

Jetzt nahm Kakambos Herr gravitätisch das Wort und sagte auf Italienisch: Ich bin nichts weniger als Fastnachtsnarr; ich heiße Achmet der Dritte; bin viele Jahre Großsultan gewesen; habe meinen Bruder entthront, und mein Neffe mich. Alle meine Wesire sind enthauptet worden, und ich bringe den Rest meines Lebens im alten Serail zu. Bisweilen erlaubt mir mein Neffe, Großsultan Machmud, gesundheitshalber herumzureisen. Diesmal hab' ich den Karnevalslustbarkeiten zu Venedig beigewohnt.

Ein junger Mann, neben Achmet sitzend, hub nach ihm an zu reden. Ich heiße Iwan, sagte er; bin der Kaiser aller Russen gewesen; ward schon in der Wiege entthront, mein Vater und Mutter eingekerkert, ich im Gefängnisse erzogen; manchmal steht mir's frei, herumzureisen; meine Wächter verlassen mich aber nie. Ich bin hieher gekommen, um dem Karneval beizuwohnen.

Und ich bin Karl Eduard, König von England, sagte der Dritte. Mein Vater trat mir seine Gerechtsame am Reiche ab. Ich suchte sie mit gewaffneter Hand zu verteidigen; man riß achthundert meiner Anhänger das Herz aus dem Leibe und schlug es ihnen um die Backen; mich warf man ins Gefängnis. Jetzt geh' ich nach Rom, meinen Vater zu besuchen, den König, der sowohl entthront ist wie ich, und meinen Großvater. Ich kam hieher, um dem Karneval beizuwohnen.

Nunmehr nahm der Vierte das Wort und sagte: Ich bin König der Polen, beraubt meines Erbreichs durch das Kriegsglück, das auch an meinem Vater seine Tücke übte, ich habe mich völlig der Vorsehung anheimgestellt, so wie Sultan Achmet, Zar Iwan und König Karl Eduard, denen Gott ein langes Leben verleihen wolle. Ich kam hieher, um dem Karneval beizuwohnen.

Auch ich bin König der Polen, hub der Fünfte an, verlor zweimal mein Reich, erhielt aber durch die Vorsehung einen andern Staat, worin ich mehr Gutes getan habe, als je alle Könige der Sarmaten an den Ufern der Weichsel haben tun können; auch ich stelle mich der Vorsehung anheim und bin hieher gekommen, dem Karneval beizuwohnen.

Jetzt war die Reihe zu reden an dem sechsten Monarchen. Meine Herren, sagte dieser, an Größe gleich' ich Ihnen nicht, dennoch aber bin ich, so gut wie ein andrer, König gewesen. Ich heiße Theodor und ward zum Könige in Korsika erwählt. Sonst nannte man mich Ihro Majestät und jetzt mit genauer Not mein Herr. Sonst ließ ich Münze schlagen, jetzt hab' ich keinen roten Heller; sonst hatt' ich zwei Staatssekretäre und jetzt nicht einmal einen Bedienten. Ich sah mich ehemals auf einem Throne, und zu London mußt' ich lang' im Kerker auf einem Bunde Stroh liegen. Mir ist bange, daß mich hier das nämliche Schicksal trifft, ob ich gleich wie Ihro Majestäten hierher gekommen bin, dem Karneval beizuwohnen.

Die fünf andern Könige hörten dieser Erzählung mit edlem Mitleide zu, und jeder gab dem Könige Theodor zwanzig Zechinen, um sich Kleider und Wäsche anzuschaffen, Kandide aber schenkte ihm einen Diamanten von zweitausend Zechinen.

Wer muß wohl dieser simple Partikülier sein, der imstande ist, hundertmal soviel wegzugeben als jeder von uns, und der es auch tut! sagten die fünf Könige zueinander.

In eben dem Augenblick, da man von der Tafel aufstand, kamen in eben dem Wirtshause vier durchlauchtige Herrschaften an, die das Kriegsglück gleichfalls um ihre Staaten gebracht hatte und die den Überrest des Karnevals zu Venedig zubringen wollten. Kandide, dem der Gedanke, seine traute Kunegunde aufzusuchen, die ganze Seele füllte, kümmerte sich um die Neuangekommnen nicht im geringsten.

Siebenundzwanzigstes Kapitel: Kandidens Reise nach Konstantinopel
Der treue Kakambo hatte es schon dahin gebracht, daß der türkische Schiffspatron, der den Sultan Achmet nach Konstantinopel führen sollte, Kandiden und Martinen mit an Bord nahm. Ehe selbige sich nach dem Schiff begaben, beugten sie sich tief zur Erde vor dem Schattenspielsmonarchen.

Sehn Sie, sagte Kandide unterwegs, da haben wir nun mit sechs abgesetzten Königen gespeist, und unter diesen sechs Königen war noch dazu einer, dem ich einen Zehrpfennig gegeben habe. Vielleicht gibt's noch weit mehr unglückliche Prinzen. Wie glücklich bin ich dagegen, ich habe ja nur hundert Hammel eingebüßt und fliege nun meiner Kunegund' in die Arme. Ich versichre Ihnen nochmals, lieber Martin, Panglos hatte recht: Es ist doch die beste Welt! Wollte Gott, seufzte Martin.

Allein, sagte Kandide, unser zu Venedig erlebtes Abenteuer hat wenig Wahrscheinliches. Hat man je gesehn oder gehört, daß sechs entthronte Könige in einem Wirtshause zusammen zur Nacht gespeist haben?

Das schlägt grade nicht mehr aus dem gewöhnlichen Gleis als die meisten Vorfälle, die uns begegnet sind, antwortete Martin. Daß Könige entthront werden, ist ein Erzwerkeltagsstückchen, und daß wir die Ehre gehabt haben, mit ihnen das Abendbrot zu nehmen, nun wahrlich, das ist eine solche Lumperei, daß ich nicht begreife, wie ein Schüler vom großen Panglos, ein wirklich philosophischer Kopf, davon was hermachen kann.

Kaum hatte Kandide den Fuß ins Schiff gesetzt, so stürzt' er auf seinen alten Diener, seinen Freund Kakambo zu und fiel ihm um den Hals. Nun, was macht meine Kunegunde? rief er. Ist sie noch immer das schöne Mädchen? Liebt sie mich noch immer? Oh, was macht sie? Du hast ihr unstreitig einen Palast zu Konstantinopel gekauft?

„Ach! 's hat sich was zu palasten, lieber Herr. „Die gute Kunegunde steht da am Rande des Mare di Marmara und scheuert Teller und Schüsseln; ist Sklavin von einem Prinzen, bei dem das Küchengerät herzlich dünn gesät ist. 's ist der alte Fürst Ragotsky, dem die osmanische Pforte täglich drei Taler in seiner Freistatt zufließen läßt. Alles schlimm genug, aber der hinkende Bote kömmt noch erst nach. Der Baroneß ihr niedliches Lärvchen ist ganz zum Kuckuck; sie ist, mit Respekt zu sagen, 'n wahrer Popanz geworden."

Mag's doch, sie sei Popanz oder schön, antwortete Kandide, so muß ich sie doch lieben; sie hat mein Wort, und ich bin ein teutscher Mann. Aber sag' mir, wie kann sie so zum Aschenbrödel herabgesunken sein? Du hast ihr doch fünf bis sechs Millionen gebracht? I ja doch! sagte Kakambo, hab' ich nicht dem Sefior Don Fernando d'Ibaraa y Figueora y Mascarenes y Lampourdos y Suza, Statthalter von Buenos Aires, zwei Millionen geben müssen, damit ich die Erlaubnis erhielt, Baroneß Gundchen mitnehmen zu dürfen? Und hat uns nicht all' das übrige ein Seeräuber redlich weggekapert? Und hat uns nicht eben dieser Seeräuber nach Capo Matapan, nach Milo, nach Nicaria, nach Samos, nach Aradh, nach den Dardanellen, nach Marmara, nach Scutari geschleppt? Kunegunde und die Alte dienen jetzt bei dem besagten Fürsten, und ich bin Sklave beim entthronten Sultan.

Welche unendliche Kette von entsetzlichen Unglücksfällen! sagte Kandide. Doch ich habe noch einige Diamanten, damit werd' ich Kunegunden leicht befreien können. Nur schade, daß sie so häßlich geworden ist! Hierauf wandte er sich zu Martinen und sagte: Wen halten Sie wohl für beklagenswürdiger, den Kaiser Achmet, Zar Iwan, König Karl Eduard oder mich? Um hierüber zu urteilen, müßt' ich einen Blick in Ihrer aller Herz tun können, sagte Martin. Ha! versetzte Kandide, wäre nur Panglos hier, der würde ohne diesen Blick uns dies gewiß lehren. Ich weiß nicht, was für eine Waage Ihr Panglos hätte zur Hand nehmen können, um die Unglücksfälle der Menschen und ihre Leiden genau gegeneinander abzuwägen, sagte Martin. Ich meinerseits kann weiter nichts für gewiß behaupten, als daß es auf dem Erdenrund Millionen Menschen gibt, die hundertmal bedauernswürdiger sind als König Karl Eduard, Zar Iwan und Sultan Achmet. Wohl möglich! erwiderte Kandide.

In wenig Tagen befanden sie sich auf dem Kanäle des Schwarzen Meers. Das erste, was Kandide tat, war, daß er Kakambo'n sehr teuer loskaufte, hierauf warf er sich ohn' alles Säumen mit seinen beiden Gefährten in eine Galeere, um an den Ufern des Mare di Marmara seine Kunegunde aufsuchen zu gehn, so häßlich sie auch immerhin sein möchte.

Unter den Ruderknechten waren ein paar, die gar erbärmlich ruderten; auch sprach von Zeit zu Zeit der Levantefahrer mit seinem Ochsenziemer ihren nackten Schultern zu. Jeden Hieb fühlte Kandide doppelt; und er fuhr ihm durch Mark und Bein. Durch einen innern Zug angetrieben, naht' er sich ihnen und faßte sie schärfer in's Auge.

So verunstaltet auch ihre Gesichter waren, so glaubt' er doch einige bekannte Züge darin zu entdecken; Züge, die einige Ähnlichkeiten von Panglos und dem unglücklichen gejesuiteten Baron hatten, dem Bruder von Baroneß Kunegunde.

Diese Vorstellung machte ihn ganz niedergeschlagen, packte ihn heftig. Wahrlich, sagt' er zu Kakambo, nachdem er sie noch schärfer in's Auge gefaßt hatte, hätte ich nicht den Magister Panglos hängen sehn und hätt' ich nicht den Baron unglücklicherweise über den Haufen gestochen, so dächt' ich, das wären sie beide, die an diese Bank geschmiedet sind.

Bei dem Namen Baron und Panglos stießen die beiden Ruderknechte einen lauten Schrei aus, standen still und ließen ihre Ruder fallen. Sogleich rannte der Levantefahrer auf sie los und verdoppelte die Schläge mit dem Ochsenziemer. Halten Sie ein, lieber Herr, halten Sie ein! rief Kandide. Ich will Ihnen geben, was Sie haben wollen.

Heiliger Gott! das ist Kandide, schrie einer von den Ruderknechten. Wahrlich! das ist er, rief der andre. Träum' ich? Wach' ich? rief Kandide. Bin ich hier wirklich auf der Galeere? Ist das der Baron, den ich getötet? Ist das Magister Panglos, den ich habe hängen sehn?

Wohl sind wir's! Ja, wir sind's! antworteten sie alle beide. Wie! ist das der große Philosoph? fiel Martin ein. He! Herr Levantefahrer, sagte Kandide, wieviel Lösegeld fordern Sie für den Herrn Leopold Woldemar von Donnerstrunkshausen, einen der vornehmsten Barone des Heiligen Römischen Reichs, und für den Herrn Magister Panglos, den allergründlichsten Metaphysiker in ganz Teutschland. Baron, Metaphysiker, sagte der Levantefahrer. Hum! Müssen wohl ansehnliche Ämter in deinem Lande sein! Nu, weißt du was, du Christenhund? Da sollst du mir für die beiden Christenhunde von Sklaven fünfzigtausend Zechinen geben.

Die sollen Sie haben, mein Herr, sagte Kandide. Bringen Sie mich nur schnell wie der Blitz nach Konstantinopel, und ich zahl' Ihnen das Geld auf einem Brette. Doch nein, bringen Sie mich lieber zu Baroneß Kunegunde. Gleich bei Kandidens ersten Worten hatte der Patron das Schiff umgelegt und ließ nach der Stadt schneller zurudern, als ein Vogel die Lüfte durchschneidet.

Kandide warf sich bald dem Baron um den Hals, bald Panglosen: Wie ist das möglich, lieber Baron, daß ich Sie nicht getötet habe? und wie können Sie noch leben, trauter Panglos, da Sie sind gehängt worden? Und wodurch sind Sie beide auf türkische Galeeren gekommen? Ist denn wirklich meine liebe Schwester in der Türkei? sagte der Baron. Nicht anders! antwortete Kakambo. So hab' ich dich denn wieder, lieber trauter Kandide, schrie Panglos, und drückt' ihn fest an seine Brust. Kandide stellte ihnen Kakambo'n und Martinen vor. Sie umarmten sich insgesamt und sprachen alle mit einem Male.

Schon lag die Galeere, die mit Sturmwindsfittichen geflogen war, im Hafen. Man ließ einen Mauschel kommen, welcher Kandiden einen Diamanten, der hunderttausend Zechinen unter Brüdern wert war, für die Hälfte abschacherte. Will glaich verkrümmen af der Stell', gnädiger Herr, wo ich Sie kann geben ainen roten Heller mehr, sagte der Jude.

Sogleich bezahlte Kandide das Lösegeld für den Baron und für Panglos. Letzter warf sich seinem Befreier zu Füßen und badete sie mit Tränen. Erstrer sagte mit hochadligem Kopfnicken: Ehster Tage sollen Sie Ihren Vorschuß wiederhaben, Kandide. Auf Kavaliers Parol! Ist's aber wohl möglich, daß sich meine Schwester in der Türkei befindet?

Nicht nur möglich, sondern auch wirklich, sagte Kakambo. Sie scheurt jetzt einem siebenbürgischen Fürsten sein bißchen Zinn. Sogleich mußten zwei Juden kommen; Kandide verschleuderte wieder etliche Diamanten: sie setzten sich auf eine andre Galeere und eilten, Kunegunden zu erlösen.

Achtundzwanzigstes Kapitel: Baron von Donnerstrunkshausen und Panglos erzählen, was ihnen bisher begegnet ist
Verzeihung, Ihro Wohlehrwürden, nochmals Verzeihung, daß ich Ihnen den Degen durch den Leib gejagt habe, sagte Kandide zum Baron.

Nichts mehr davon! antwortete dieser. Die Schuld war mein, muß ich gestehn; ich war ein wenig zu rasch. Doch Sie wollen wissen, was für ein Unglücksfall mich auf die Galeeren gebracht. Nun, so hören Sie. Wie der Bruder Apotheker aus unserm Kollegium meine Wunde geheilt hatte, die Sie tödlich glaubten, griff mich eine Partie Spanier an, führte mich fort nach Buenos-Aires, das meine Schwester eben verlassen hatte, und warf mich daselbst ins Gefängnis.

Ich bat um Erlaubnis, nach Rom zum Pater General gehn zu dürfen. Man fand's aber für gut, mich nach Konstantinopel zu schicken, um bei dem dortigen französischen Ambassadeur Kaplansstelle zu vertreten. Ich hatte noch nicht völlig acht Tage diese Bestallung gehabt, als mir des Abends ein ungemein wohlgebildeter junger Sultans-Page aufstieß. Erstaunlich schwül war's den ganzen Tag über gewesen, der junge Mann wollte sich baden, ich nahm die Gelegenheit wahr und badete mich mit. Ich wußte nicht, daß der Hals darauf stand, wenn ein Christ mit einem jungen Muselman zusammen in puris naturalibus betroffen wird. Ein Kadi, der mich vor sich bringen ließ, sagte mir dies, ließ mir hundert Stockprügel auf die Fußsohlen geben und verdammte mich — aus ungemeiner Milde — zu den Galeeren. Himmelschreiendere Ungerechtigkeit, glaub' ich, ist wohl nie begangen worden . .. Aber ich bitte Euch, Kandide, sagt mir, warum befindet sich meine Schwester in der Küche eines zu den Türken geflüchteten siebenbürgischen Fürsten?

Aber wie ist's möglich, trauter Panglos, rief Kandide, wie ist es möglich, daß ich Sie wiedersehe? Sonderbar muß es Ihnen freilich dünken, sagte Panglos, da Sie mich haben hängen sehn. Nach der Regel hätt' ich müssen verbrannt werden. Sie werden sich aber noch erinnern, daß es regnete, als gösse es mit Mulden, grad' als ich sollte geschmort werden. Dies Schlackerwetter ward so heftig, hielt so lang' an, daß man das Holz gar nicht zum Brennen bringen konnte. Da war also kein bess'rer Rat, als mich zu hängen. Ein Feldscher kaufte meinen Leichnam, nahm ihn mit nach Hause und hub ihn an zu sezieren. Er begann sogleich mit einem Kreuzschnitt vom Nabel an bis zum Schlüsselbein herauf. Erbärmlicher wie ich war wohl noch niemand gehängt worden. Der Vollstrecker der hochnotpeinlichen Halsgerichtsbarkeit bei der heiligen Inquisition, der Unterdiakonus war, verstand sich zwar perfekt darauf, Leute zu verbrennen, aber das Hängen war seine Sache gar nicht. Der Strick •war naß, glitschte also nicht, und er schlug einen ganz jämmerlichen Knoten.

Kurz, ich hatte noch Leben, beim Kreuzschnitt schrie ich so laut auf, daß der Feldscher rücklings zu Boden stürzte und sich einbildete, er hätte den Teufel seziert. Halbtot vor Schrecken rannt' er Hals über Kopf zur Stubentür hinaus, und Hals über Kopf stürzt' er auch die Treppe hinunter.

Die Frau kam über das Gepolter aus dem benachbarten Kabinett herzugerannt, sah mich mit dem Kreuzschnitt über den Tisch ausgestreckt liegen. Es kam sie noch ärgers Grauen an als ihren Mann, sie rannte volles Rennens nach der Treppe, fiel selbige herunter und auf ihre liebe Ehehälfte.

Als sie sich wieder erholt hatten, hört' ich die Frau zum Manne sagen: Wie hast du dir's denn können einfallen lassen, Papachen, einen Ketzer zu sezieren? Weißt ja wohl, daß dergleichen Kerls immer den Teufel im Leibe haben. Will nur hurtig hinlaufen und einen Priester holen, damit der ihn austreibt.

Bei diesen Worten lief mir's ganz kalt übern Nacken, ich glaubte, die Inquisition hätte mich schon wieder beim Schopf, raffte daher den wenigen Überrest meiner Kräfte zusammen und schrie: Um aller Heiligen willen, erbarmt Euch mein. Endlich bekam der portugiesische Barbier wieder Herz, ging herauf, flickte meine Haut wieder zusammen; seine Frau ließ es auch an keiner Pfleg' und Wartung mangeln, so daß ich nach vierzehn Tagen wieder auf den Beinen war.

Der Barbier tat sich nach einem Dienst für mich um und brachte mich als Lakai bei einem Malteserritter an, der nach Venedig ging. Da ich aber von diesem meinem Herrn keine Zahlung erlangen konnte, so begab ich mich bei einem Venezianer Kaufmann in Dienst, welcher nach Konstantinopel reiste.

Eines Tages kam ich auf den Einfall, in eine Moschee zu gehn; es befand sich niemand weiter darin als ein alter Iman und eine junge Andächtige; ein gar niedliches Dingelchen, das ihr Paternoster hersagte. Ihr liebreizender Busen war ganz unverhüllt. Ein schöner Strauß von Tulpen, Rosen, Anemonen, Ranunkeln, Hyazinthen und Bergschlüsselblumen steckte zwischen den warmwallenden Marmorhügeln, die so stark hüpften, daß sie den Strauß auf die Erde fallen ließen. Ich flog hinzu, hob ihn auf und steckte ihn wieder vor mit einer sehr ehrfurchtsvollen Geschäftigkeit und Zärtlichkeit.

Beim Anordnen der Blumen bracht' ich so lange zu, daß der Iman in Harnisch geriet und um Hilfe rief, weil er sahe, daß ich ein Christ war. Man führte mich vor den Kadi, der mir hundert Schläge mit dünnen Röhrchen auf die Fußsohlen geben ließ. Ich ward grad' auf eben die Galeere und grad' auf eben die Bank geschmiedet, worauf sich der Herr Baron befand.

Auf der nämlichen Galeere waren vier junge Marseiller, fünf neapolitanische Priester und zwei Mönche aus Korfu, die uns versicherten, dergleichen wären Alltagsgeschichtchen. Der Herr Baron behauptete stets, ihm wäre weit größeres Unrecht widerfahren wie mir; ich aber behauptete, es sei weit erlaubter, einem jungen Frauenzimmer einen Strauß wieder vor den Busen zu stecken, als sich in puris naturalibus mit einem Sultans-Pagen allein zu befinden. Wir disputierten beständig und empfingen richtig alle Tage unsere dreißig Karbatschenstreiche, als Sie durch die Verknüpfung der Begebenheiten in dieser Welt auf unsre Galeere kamen und uns loskauften.

„Nun, liebster Panglos, blieben Sie noch immer bei Ihrem Satze, wie Sie gehängt, seziert, zerprügelt, Ruderknecht geworden waren? Hielten Sie noch immer diese Welt für die beste?" Noch immer! häng' ich fest an meiner ersten Meinung, sagte Panglos, denn mit einem Wort, ich bin Philosoph, und der läßt sein System nie fahren, überdies konnte Leibniz gar nicht unrecht haben, und zudem gibt's nichts Vortrefflicheres auf der Welt als die vorherbestimmte Harmonie wie auch Lehre vom Raum und von dem Unteilbaren der Natur.

Neunundzwanzigstes Kapitel: Was maßen Kandide Kunegunden und die Alte wiederfand
Indes, daß Kandide, der Baron, Panglos, Martin und Kakambo sich ihre Abenteuer erzählten, über die zufälligen und nichtzufälligen Begebenheiten auf dem Weltall vernünftelten, über Wirkungen und Ursachen, über das moralische und physische Übel, über Freiheit und über Notwendigkeit herumdisputierten und über die Seelenstärkungen, die man auf den türkischen Galeeren bekommen kann, war ihr Schiff an das Haus des siebenbürgischen Fürsten angelandet, am Strande des Mare di Marmara.

Das erste, was ihnen ins Auge fiel, war Kunegunde und die Alte, die Servietten über eine Leine zum Trocknen hingen. Bei diesem Anblick erblaßte der Baron. Kandide, der zärtlich liebende Kandide, wich drei Schritt zurück, es überfiel ihn ein Grauen, als er die schöne Kunegunde so verwandelt sahe. Ihre Augen waren rot, triefend, ihr Busen brettern, ihre Wangen verschrumpft, ihre Arm' und Hände scharlachfarben und schuppicht. Um sie aber nicht zu kränken, naht' er sich ihr. Sie umarmte Kandiden und ihren Bruder; man umarmte die Alte, und Kandide kaufte sie alle beide los.

In der Nachbarschaft lag ein kleines Vorwerk. Die Alte tat Kandiden den Vorschlag, es in Erwartung glücklicherer Zeiten zu kaufen. Kunegunde wußte nicht, daß sie war häßlich geworden; es hatte niemand davon einen Wink fallen lassen. Sie erinnerte Kandiden an sein Versprechen in einem so gebietrischen Tone, daß der gute Kandide sich nicht unterstand, ihr einen Korb zu geben. Er ging also hin zum Baron und notifizierte ihm, daß er seine Schwester heiraten würde.

Diese Niederträchtigkeit von Seiten meiner Schwester und diese Frechheit von Seiten Ihrer, Kandide, werd' ich nie zugeben, sagte der Baron. Bei Gott! diese Infamie soll man mir nie vorwerfen! Die Kinder meiner Schwester würden nie Stifts- und turnierfähig sein! Nein, meine Schwester soll nie einen andern bekommen als einen Reichsfreiherrn.

Kunegunde warf sich ihm zu Füßen und badete sie mit Tränen; er blieb unbeweglich. Hans Hasenfuß! rief Kandide. Ich habe dich von den Galeeren gerettet, habe für dich und für deine Schwester das Lösegeld bezahlt. Sie war hier Scheuermädel, ist häßlich wie die Sünde, ich bin so gutherzig und will sie zum Weibe nehmen, und du willst es nicht zugeben. — Töten kannst du mich, aber heiraten sollst du nie die Baroneß, meine Schwester, so lang' ich lebe, rief der Baron.

Dreißigstes Kapitel: Schlußszene
So rechte Lust hatte freilich Kandide eben nicht, Kunegunden zu heiraten, indes hatte er sein Wort einmal gegeben, Kunegunde drang so heftig in ihn, und der außerordentliche Junkerstolz des Barons verdroß ihn so sehr, daß er den festen Entschluß faßte, die Heirat zu vollziehen. Vorher pflog er mit Panglosen, Martinen und Kakambo'n geheimen Rat.

Panglos verfertigte einen gar stattlichen Aufsatz, worin er bewies, daß dem Baron keine Gerechtsame über seine Schwester zustünden und daß sie nach allen Reichsgesetzen sich Kandiden konnte an die linke Hand trauen lassen. Martin stimmte dahin, daß der Baron sollte in's Meer geworfen werden. Kakambo tat den Ausspruch: Man müsse ihn wiederum dem Levantefahrer überantworten, eine Zeitlang an die Ruderbank schmieden und dann mit dem ersten, besten Schiffe nach Rom an den Pater General schicken.

Diesem Gutachten ward einstimmig beigetreten; die Alte billigte es auch, wie sie's erfuhr; vor Kunegunden ward's verheimlicht. Mit etlichen Dukaten war das Projekt ausgeführt, und man hatte die Freude, einen Jesuiten zu überlisten und einen ahnenstolzen Gauch zu bestrafen.

Verheiratet mit seiner Trauten, umgeben vom Philosoph Panglos und Philosoph Martin, vom klugen Kakambo und der weisen Alten und überdies im Besitz so vieler Diamanten, die er aus dem Vaterlande der alten Inkas mitgebracht, hätte man glauben sollen, daß Kandide das wonnigste Leben von der Welt führen müßte. Gewaltig geirrt! Die Juden hatten ihn so vielfältig geprellt, daß er weiter nichts übrigbehielt als sein Vorwerkchen; seine Frau ward täglich häßlicher und zugleich zänkisch und unleidlich; die Alte kränkelte in einem fort und war noch üblerer Laune als Kunegunde. Kakambo, der im Garten arbeitete und die Hülsenfrüchte nach Konstantinopel herein zum Verkauf trug, arbeitete und plackte sich ganz ab und vermaledeite sein Schicksal. Panglos war voll des bittersten Unmuts, daß er nicht mehr als Professor auf irgendeiner Universität seines deutschen Vaterlands glänzen konnte. Martin nahm alles, was ihn traf, gelassen hin, in der festen Überzeugung, daß allenthalben Elend und Unglück herrsche.

Kandide, Martin und Panglos disputierten manchmal über Sätze aus der Metaphysik und Moralphilosophie. Unter ihren Fenstern passierten sehr oft Schiffe vorbei, die mit Effendis, Bassas, Kadis beladen waren, welche nach Lemnos, Mytilene und Erzerum ins Elend geschickt wurden. Es kamen frische Bassas, frische Kadis, frische Effendis wieder, welche an den Platz der vertriebenen traten und nicht lange drauf wieder aus selbigen vertrieben wurden. Es schifften gar wohleinballierte Köpfe vorbei, die der hohen Pforte überreicht werden sollten.

Diese abwechselnden Auftritte gaben immer neuen Stoff zu neuen lebhaften Abhandlungen; wenn sie sich aber ausdisputiert hatten, herrschte eine so unausstehliche Langeweile unter ihnen, daß die Alte sich eines Tages unterstand, folgende Frage aufzuwerfen: Ich möchte wohl wissen, was schlimmer ist, hundertmal von maurischen Seeräubern geschändet zu werden, sein halbes Hinterteil sich abnehmen zu lassen, bei den Bulgaren Spießruten zu laufen, bei einem Autodafe gestäupt und aufgehängt zu werden, sich sezieren zu lassen, als Sklav auf den Galeeren zu rudern, kurz all' das Elend auszustehn, das wir insgesamt erlitten haben, oder sein ganzes Leben die Hand' im Schoße so hier zuzubringen. Eine wichtige Frage! sagte Kandide. Diese Frage brachte neue Betrachtungen auf die Bahn, und Martin zumal nahm Anlaß, hieraus zu folgern, der Mensch sei dazu geboren, sein Leben entweder in beständigem, krampfartigem Regen und Bewegen zuzubringen oder in der untätigsten schlaraff enhaftesten Langeweile.

Kandide war ganz andrer Meinung, die er aber nicht äußerte. Panglos räumte zwar ein, er habe stets das gräßlichste Elend erduldet; verfocht aber demungeachtet sein einmal angenommnes System: „Diese Welt ist doch die beste", auf's eifrigste, ohn' im geringsten daran zu glauben.

Jetzt ereignete sich ein Vorfall, der Martinen völlig in seinen verdammlichen Grundsätzen befestigte, Kandiden schwankender machte denn je und Panglosen nicht wenig in die Klemme trieb. Eines Tages kam nämlich Gertrud mit dem Bruder Viola in ihren Hof gewandert. Sie waren beide im äußersten Elende. Die dreitausend Piaster hatten sie Hals über Kopf durch die Gurgel gejagt, sich darauf getrennt, wieder ausgesöhnt, von neuem überworfen, im Gefängnis gesessen, sich daraus geflüchtet, und endlich war Bruder Viola Türke geworden. Wo sie hingekommen waren, da hatte Gertrud ihr Handwerk fortgesetzt, ohne damit was vor sich bringen zu können.

Ich sah's wohl voraus, daß Ihre Geschenke bald zerrinnen und daß die Leute unglücklicher werden würden denn zuvor, sagte Martin. Sie und Ihr Kakambo hatten Piaster zum Scheffeln und waren deshalb doch nicht glücklicher wie Bruder Viola und Gertrude. Haha! sagte Panglos zu Gertruden. So führt dich doch der Himmel wieder zu uns, herziges Kind. Weißt du wohl, daß du mich um die halbe Nase, um ein Auge und ein Ohr gebracht hast. .. O wie du aussiehst! ... Doch das ist alles der Welt Lauf. Über diesen Vorfall fingen sie stärker an zu philosophieren denn je. Sie hatten in der Nachbarschaft einen weitberühmten Derwisch, der für den besten Philosophen in der ganzen Türkei gehalten wurde; zu dem gingen sie und frugen ihn um Rat. Panglos war Sprecher. Wir kommen zu dir, Meister, um von dir zu erfahren, wozu das sonderbare Geschöpf, Mensch genannt, ist geschaffen worden?

Was kümmert dich das? sagte der Derwisch. Ist das deine Sache? Allein wohlerwürdiger Vater, hub Kandide an, es gibt gräßliches Elend auf Erden. Ob Elend oder Glück, gleichviel! antwortete der Derwisch. Wenn Ihro Kaiserliche Majestät ein Schiff nach Ägypten sendet, kümmert Sie sich wohl darum, ob's den Ratten und Mäusen im Schiffsboden behaglich ergeht oder nicht? Was soll man also machen? fragte Panglos. Schweigen! erwiderte der Derwisch. „Ich machte mir Hoffnung, über Wirkungen und Ursachen, über die beste der möglichsten Welten, über den Ursprung des Übels, über die Beschaffenheit der Seele und der vorherbestimmten Harmonie mich mit dir zu unterreden." Bei dieser Rede Panglosens warf der Derwisch ihnen die Türe vor der Nase zu.

Während dieser Unterredung erscholl das Gerücht, daß zu Konstantinopel zwei Wesire des Diwans und der Mufti erdrosselt und viele ihrer Freunde angepfählt worden seien. Dieser tragische Vorfall gab einige Stunden lang nicht wenig Gemunkel. Wie Kandide, Panglos und Martin wieder nach ihrem Vorwerkchen zurückkehrten, fanden sie einen wackern Greis in einer Pommeranzlaube vor seiner Tür sitzen, um der Kühle zu genießen. Panglos, der ein ebenso neugieriges als disputiersüchtiges Geschöpf war, fragte ihn, wie der eben erdrosselte Mufti hieße. Das weiß ich nicht, antwortete der ehrliche Alte, ich hab' mein Lebtage nicht gewußt, wie irgendein Mufti heißt oder ein Wesir; habe kein Sterbenswort von der ganzen Historie gehört. Ich denke, all' die politischen Kannengießer und Pfannenflicker mit dem Maul und in der Tat reiten gemeiniglich am Ende gar übel an, und's kann ihnen gar nicht schaden. Ich meines Parts erkundige mich niemals, was in Konstantinopel vorgeht, schicke meine selbstgepflanzten Gartenfrüchte 'rein und damit holla! Wie er dies gesagt hatte, führt' er die Fremden in sein Haus; seine beiden Töchter und beiden Söhne setzten ihnen vielerlei selbstverfertigte Sorbets vor. Sie bestanden aus Kaimak, dem man durch eingemachte Zedratschale, Pommeranzen, Zitronen, Limonen, Ananas, Pistazien einen herben Geschmack gegeben hatte; aus mokkaschem Kaffee, unvermischt mit dem elenden batavischen und insulanischen. Hierauf beräucherten die beiden Töchter des guten Muselmans Kandiden, Panglosen und Martinen die Bärte.

Sie müssen ein recht großes und prächtiges Landgut haben, sagte Kandide zum Türken. Weiter nichts als zwanzig Hufen, antwortete der Alte. Die bau' ich mit meinen Kindern an. Arbeit verscheucht die drei schlimmsten Feinde von uns, die Langeweile, das Laster und den Mangel.

Kandide behielt diese Rede des Türken und bewegte sie in seinem Herzen. Ha, sagt' er zu Panglos und Martin, dieser gute Greis scheint sich ein Los verschafft zu haben, das dem Lose der sechs Könige, mit denen wir die Ehre gehabt zu speisen, weit vorzuziehen ist.

Nichts gefährlicher in der Welt als Größe, sagte Panglos. Hierin stimmen alle Philosophen überein. Denn schließlich ward Eglon, der König der Moabiter, durch Ehud gemeuchelmordet; Absalon an den Haaren aufgehängt und mit drei Spießen durchstochen; König Nadab, der Sohn Jerobeams, ward durch Baesa getötet, König Ella durch Simri und König Joram und Ahasja durch Jehu, Königin Athalja durch den Priester Jojada; die Könige Jojakim, Jojachin und Zedekia wurden Sklaven. Ihr wißt das elende Ende von Krösus, Astyages, Darius, Dionys von Syrakus, Pyrrhus, Perseus, Hannibal, Jugurtha, Ariovist, Cäsar, Pompejus, Nero, Otto, Vitellius, Domitian, Richard dem Zweiten von England, Eduard dem Zweiten, Heinrich dem Sechsten, den drei Richards, Marie Stuart, Karl dem Ersten, den drei Heinrichen von Frankreich, vom Kaiser Heinrich dem Vierten? Ihr wißt ------

Ich weiß auch, sagte Kandide, daß unser Garten muß angebaut werden. Da haben Sie recht, sagte Panglos; denn wie Gott den Menschen in den Garten Eden setzte, setzte er ihn deshalb herein, ut operaretur eum, daß er ihn bebaute. Der beste Beweis, daß der Mensch nicht zur Ruhe geschaffen ist. Laßt uns arbeiten, ohne alle Vernünfteleien, sagte Martin. Das ist das einzige Mittel, sich das Leben erträglich zu machen.

Dies lobenswürdige Vorhaben unterstützte die kleine Gesellschaft tätig. Das kleine Gütchen trug viel ein. Kunegunde war grundhäßlich, wußte aber ganz treffliche Pasteten zu backen; Trudehen stickte und nähte; die Alte besorgte die Wäsche. Sogar Bruder Viola blieb kein unnützes Rad am Wagen; er wurde ein sehr guter Tischler, ja sogar ein rechtschaffner Kerl.

Und Panglos sagte manchmal zu Kandide: Jegliche Begebenheit im menschlichen Leben gehört in die Kette der Dinge. Denn wären Sie nicht Baroneß Kunegundens halber mit derben Fußtritten aus dem schönsten aller Schlössser gejagt, von der Inquisition nicht eingezogen worden, hätten Sie nicht Amerika zu Fuße durchwandert, dem Herrn Baron nicht einen tüchtigen Stoß mit dem Degen versetzt, nicht all' ihre Hammel aus dem guten Lande Eldorado eingebüßt, so würden Sie jetzt nicht hier eingemachten Zedrat und Pistazien essen. Gut gesagt! recht gut! sagte Kandide, allein wir müssen unsern Garten bestellen.
Voltaire
Kandide
oder
Die beste aller Welten
Übersetzt von Wilhelm Christhelf Sigismund Mylius
Erstes Kapitel: Was maßen Kandide in einem schönen Schlosse erzogen und aus selbigem fortgejagt wird
In Westfalen auf dem Schlosse des Herrn Baron von Donnerstrunkshausen ward mit der jungen Herrschaft zugleich ein junger Mensch erzogen, ein gar liebes, sanftes Geschöpf, aus dessen kleinstem Gesichtszuge Sanftheit hervorblickte. An Kopf fehlt' es ihm gar nicht, und doch war er so offen, so rund, so ohn' alles Arg wie unsre Ahnen. Ebendeswegen, glaub ich, nannte ihn Baroneß Engeline, Schwester des Herrn Barons, Kandide. Wie hätte eine Dame, die anderthalb Jahr zu Berlin in französischer Pension gewesen, sich auf einen teutschen Namen besinnen, oder wenn sie sich ja darauf besonnen, ihn goutieren können?

Kandide war - munkelten die alten Bedienten im Hause, - eine heimliche Liebesfrucht von ebenbesagter Schwester des Herrn Barons und einem guten ehrlichen Schlag von Landjunker aus der Nachbarschaft. Zum Gemahl hatte ihn die gnädge Baroneß nie gemocht, weil der arme Schlucker seinen Adel mit nicht mehr als einundsiebenzig Ahnen belegen konnte und weil der Rest seines Stammbaums durch den scharfen Zahn der Zeit war auf genagt worden.

Der Herr Baron, Hans Jost Kurt von Donnerstrunkshausen, war einer der Matadore in Westfalen, denn sein Schloß hatte Tür' und Fenster, ja sogar einen austapezierten Saal. Seine Kettenhunde stellten, wenn Not an Mann kam, eine Jagdkoppel vor, seine Stallknechte die Jäger und der Priester im Dorfe den Oberschloßkaplan. Alt und jung nannte den alten Herrn Ihro hochfreiherrliche Gnaden, und wollte vor Lachen bersten, wenn er etwas erzählte.

Die Frau Baroneß stand in gar großem Ansehn, denn sie wog richtig ihre dreihundertundfünfzig Pfund, wo nicht noch mehr, und wußte die Honneurs mit einer Würde zu machen, die ihr noch größre Hochachtung verschaffte.

Ihre Tochter, die Baroneß Kunegunde, war ein munters, rundes, rotbäckiges Ding, siebzehn Sommer alt und gar lieblich anzuschaun; Junker Polde, ihr Bruder, ein würdiges Ebenbild des gnädgen Herrn Papa. Magister Panglos, der Hofmeister der jungen Herrschaft, stellte das Hausorakel vor. Der junge Kandide schluckte jegliche seiner Lehren mit der Treuherzigkeit hinter, die seinem Alter und Charakter gemäß war.

Panglos lehrte die Metaphysiko-theologo-kosmolo-nigologie; bewies mit der stärksten philosophischen Suade, daß ohne Ursach keine Wirkung sein könne, und daß in dieser besten aller möglichen Welten das Schloß des gnädgen Herrn Barons das schönste aller Schlösser sei und die gnädge Frau die beste aller möglichen Baroninnen.

Es ist bereits klärlich dargetan, hub er zu demonstieren an, daß die Dinge nicht anders sein können, als sie sind; denn alldieweil alles, was da ist, zu einem Endzweck geschaffen worden, so zielt notwendig alles zu dem besten Endzweck ab. Gebt nur acht, und Ihr werdet diese Grundwahrheit durchgängig bestätigt finden. Betrachtet zum Beispiel Eure Nasen. Sie wurden gemacht, um Brillen zu tragen, und man trägt auch welche. Eure Beine: Ihr empfingt sie, um sie zu bestrümpfen und zu beschuhen, und Ihr bestrümpft und beschuht sie. Seht die Quadersteine an! Sie wachsen, um zersägt, behauen, und zum Bau der Paläste verwandt zu werden, derohalben hat unser gnädiger Herr Baron einen gar herrlichen Palast von Quadersteinen; der größte Baron im ganzen Herzogtume muß die beste, bequemste Wohnung haben, und hat sie auch. Die Schweine schuf Gott, damit der Mensch sie äße, essen wir nicht Schweinefleisch jahraus jahrein? Folglich ist es Torheit mit einigen zu behaupten, daß alles gut gemacht ist, aufs beste ist alles gemacht, muß man sagen.

Das fing der junge Kandide mit beiden offnen Ohren auf, und glaubte es in seiner Herzenseinfalt steif weg, denn er fand Baroneß Gundchen außerordentlich schön, ob er gleich nie den Mut gehabt hatte, es ihr zu sagen. Er schloß, die erste Stufe irdischer Glückseligkeit wäre Freiherr auf und von Donnerstrunkshausen, die zweite Baroneß Kunegunde zu sein, die dritte, sie täglich zu sehen, die vierte, den Magister Panglos zu hören, den größten Philosophen im ganzen Westfälischen Kreise, folglich auch in der ganzen Welt.

Eines Tages, als Baroneß Kunegunde in dem kleinen Gehölze am Schlosse spazierenging, das man den hochfreiherrlichen Park nannte, erblickte sie hinter dem Gesträuch den Herrn Magister Panglos, der Versuche aus der Experimentalphysik mit ihrer Frau Mutter Kammerjungfer anstellte, einem gar niedlichen und gar gefügen braunen Dirnchen. Die junge Baroneß lauscht' und lauschte mit dem leisesten Atemzug und beobachtete - denn sie hatte ungemeine Anlage zu den Wissenschaften - all' die Experimente, die der Magister von Zeit zu Zeit wiederholte; sähe Panglosens zureichenden Grund, die Ursachen und Wirkungen gar deutlich, und schlich fort in tiefen Gedanken. Ihr war so wohl und so weh ums Herz; die Begier, gelehrt zu werden, füllte ihre ganze Seele, und der Gedanke: sie könnte wohl des jungen Kandide zureichender Grund werden, und er der ihrige. Beim Hereintreten ins Schloß begegnete ihr Kandide; sie ward rot, Kandide auch. Guten Morgen Kandide! stammelte sie. Und Kandide schwatzte mit ihr, ohne zu wissen was. Den folgenden Tag, nach aufgehobner Mittagstafel, befanden sich Kunegund' und Kandide hinter einer spanischen Wand; Kunegunde ließ ihr Schnupftuch fallen, Kandide hob's auf; sie nahm ihn in aller Unschuld bei der Hand, er, auch in aller Unschuld, küßte der jungen Baronesse die ihrige, und das so warm, so herzlich! O es war keiner von Euren Theaterküssen! Ihre Lippen begegneten einander, ihre Augen erglühten, ihre Kniee bebten, ihre Hände verirrten sich.

In eben dem Nu ging der Herr Baron von Donnerstrunkshausen bei dem Schirm vorbei, und diese Ursach' und diese Wirkung erblickend, jagt' er Kandiden mit derben Fußtritten zum Schlosse hinaus. Gundchen sank in Ohnmacht; sobald sie sich ein wenig erholt hatte, ward sie von der gestrengen Frau Mama wieder völlig in's Leben zurückmaulschelliert, und in dem schönsten und anmutigsten aller Schlösser herrschte Bestürzung über Bestürzung.

Zweites Kapitel: Wie's Kandiden unter den Bulgaren geht
Vertrieben aus seinem irdischen Paradiese wanderte Kandide mit weinendem Auge fort, ohne zu wissen wohin, oft gen Himmel blickend, noch öfter nach dem Palaste, der die schönste aller jungen Baronessinnen in sich schloß; mit leerem Magen legt' er sich mitten im Felde hin, zwischen zwei Furchen. Es schneite die Nacht durch heftig; ganz erstarrt schlich Kandide mit dämmerndem Morgen nach einer benachbarten Stadt. Sterbensmatt vor Hunger und Strapaze, nicht einen Heller Geld bei sich, macht' er vor der Tür eines Wirtshauses höchst betrübt halt.

Zwei Blauröcke wurden ihn gewahr. Ha! ein hübscher Kerl, Herr Bruder! sagte der eine. Wie'n Rohr gewachsen! Just so groß, wie wir'n brauchen! Sie gingen auf Kandiden los und baten ihn sehr höflich, zu Mittag mit ihnen zu speisen. Ich finde mich ungemein durch Ihre Einladung beehrt, meine Herren, sagte Kandide mit einem bescheidenen Ton, der gleich seine Nation verriet, allein ich habe kein Geld, kann meine Zeche nicht zahlen. Ach! was Geld! was Zeche zahlen! sagte einer von den Männern. Das haben solche wohlgewachsne, artige junge Herren wie Sie nicht nötig. Sie messen sechs Zoll?

Die mess' ich, meine Herrn, sagte er mit einer Verbeugung. "Hurtig, mein Herr! zu Tische. Wir zahlen nicht allein die Zeche für Sie, wir werden auch sorgen, daß es einem Manne wie Ihnen nie an Gelde fehlt. "Wozu sind die Menschen in der Welt, als einander beizustehn, unter die Arme zu greifen?" Wohl wahr! sagte Kandide, so hat mich der Herr Magister Panglos immer gelehrt, und ich sehe wohl ein, daß alles aufs beste gemacht ist. Man drang ihm etliche Taler auf; er wollt' ihnen dafür schwarz auf weiß geben; sie wollten's nicht. Man setzt sich zu Tische, ißt, trinkt. Nicht wahr, fängt der eine an, Sie sind ihm recht herzlich gut dem . . . Dem herzensguten engelhaften Kunegundchen? antwortet' er. Wohl bin ich's; ich liebe sie; bete sie an. "Nicht doch! den König der Bulgaren meinen wir, ob Sie dem recht herzlich gut sind?" Was wollt' ich? Ich kenn' ihn gar nicht, antwortete jener; hab' ihn nie gesehn. "Kennen ihn gar nicht! Haben ihn nicht gesehn! Den Mann nicht! Teufel! das ist der trefflichste Herr auf Gottes Erdboden! solchen König gibt's gar nicht mehr! Hallo! Er soll leben!" Das soll er! rief Kandide aus vollem Herzen, und stieß an. Wie er geleert, hieß es: Na, so wär's denn geschehn! Nun sind Sie Held! Die Säule der Bulgaren! Ihr Schutz und ihr Schirm! Die Schranken der Ehre stehn vor Ihnen geöffnet! Lorbeern ohne Zahl warten Ihrer!

Sogleich legte man ihm Schellen an die Füße und führte ihn zum Regimente. Da lernt' er das Rechtsundlinksumkehrteuch, Gewehr hoch, Gewehr beim Fuß, Feuer, Marsch, und kriegt' dabei dreißig Prügel; den andern Tag exerziert' er schon ein wenig besser und bekommt nur zwanzig; den Tag drauf gar nur zehne, und all' seine Kameraden gafften ihn als ein blaues Meerwunder an.

Kandide war noch ganz verdutzt, konnte gar nicht recht begreifen, wie er so im Hui zum Helden geworden. An einem schönen Frühlingsmorgen fällt's ihm ein, spazierenzugehn. Er schlendert grade vor sich hin, der Meinung: die Menschen hätten sowohl wie die Tiere das Vorrecht, sich ihrer Beine nach Belieben zu bedienen. Kaum hat er zwei Meilen gemacht, wie ein Blitz sind ihm vier andre sechsschuhige Helden auf den Hals, binden ihn und werfen ihn in ein Loch, wohin nicht Sonne nicht Mond kam.

Ein wohllöbliches Kriegsgericht fragte ihn, was er lieber wollte, sechsunddreißigmal Spießrutenlaufen oder sich drei bleierne Kugeln mit eins ins Gehirn jagen lassen. Kandide hatte gut sagen, daß des Menschen Wille frei sei und daß er keins von beiden möchte; das half nichts, er mußte wählen. Sonach entschloß er sich denn, kraft der lieben Gottesgabe, Willensfreiheit genannt, sechsunddreißigmal Spießruten zu laufen.

Zweimal hatte er die Wandrung gemacht, Gaß' auf, Gaß' ab; und weil das Regiment aus zweitausend Mann bestand, hatte er seine viertausend Hiebe richtig weg. Alle Muskeln und Nerven vom Nacken an bis zum Wirbelbein des Rückens herab, lagen ganz blank und bar da. Den dritten Gang machen sollend und nicht könnend, erbat er sichs zur Gnade, erschossen zu werden. Man gestand's ihm zu; verband ihm die Augen, ließ ihn niederknien.

In eben dem Nu reitet der König der Bulgaren vorbei, fragt, was der arme Sünder begangen und nimmt aus allen Umständen ab - denn er war ein großes Genie -, daß Kandide ein junger Metaphysiker sei, dabei noch völlig Neuling in der Welt, und begnadigte ihn mit einer Milde, die Welt und Afterwelt in Journalen und Chroniken preisen wird. Ein braver Kompaniefeldscher kurierte Kandiden binnen drei Wochen mit erweichenden Mitteln nach der Vorschrift des großen Dioskorides. Haut hatte Kandide bereits schon ziemlich, und marschieren könnt' er auch schon, als der König der Bulgaren dem Könige der Abaren ein Treffen lieferte.

Drittes Kapitel: Wie Kandide den Bulgaren entkam und wie's ihm nachher erging
So flink und flimmernd, so wohlgeordnet, so stattlich hatte man noch nie Armeen gesehn als diese beiden. Trompeten und Pfeifen, Hoboen und Trommeln, Mörser und Kanonen machten ein so vollstimmiges Konzert, als selbst Satanas in der Hölle nicht geben kann.

Zuerst rissen die Kanonen auf jeder Seite so ein sechstausend Mann nieder, alsdann säuberte das Musketenfeuer die beste aller möglichen Welten von so ein neun- bis zehntausend Schurken, die deren Oberfläche angesteckt hatten. Das Bajonett war gleichfalls ein zureichender Grund, daß einige tausend Menschen umkamen. Die ganze Summe mochte sich wohl auf ein dreißigtausend Seelen belaufen.

Kandide, der als echter Philosoph zitterte und bebte, ließ die heroischen Metzger immer fortmetzeln und verbarg sich, so gut er konnte.

Endlich hatte die Fehd' ein Ende; die beiden Könige ließen das Te Deum in ihren Lagern anstimmen. Derweil faßte unser Kandide den Entschluß, in andern Gegenden über Wirkungen und Ursachen zu philosophieren; stieg über die Haufen der Toten und Sterbenden weg und arbeitete sich in einen nahbelegnen Aschenhaufen vom Dorfe herein. Es hatte vor kurzem den Abaren gehört, und die Bulgaren hatten es dem Völkerrechte gemäß abgebrannt.

Greise lagen hier, die Wund' an Wunde hatten und neben sich ihre zermetzelten Weiber mußten hinsterben sehn, an deren blutenden Brüsten ihre Säuglinge zappelten; dort gaben Jungfrauen ihren Geist auf, deren jegliche einem Halbdutzend Helden ihre Naturbedürfnisse hatte stillen müssen und nachher war entbaucht worden; hier schrien andre, deren Leichnam halbverbrannt war: man möcht' ihnen nur den Rest geben. Die ganze Erde war mit Gehirnen übersät und mit Armen und Beinen.

Kandide floh in voller Hast in ein ander Dorf. Es gehörte den Bulgaren, und die Helden unter den Abaren hatten ihnen kein Haar besser mitgespielt. Noch immer mußte der arme Flüchtling über zuckende Glieder gehn und über Schutt und Graus. Endlich sah' er sich außerhalb des Kriegstheaters; in seinem Schnappsack etwas weniges Mundproviant habend und in seinem Herzen die ihm unvergeßliche Baroneß Gundchen. Als er in Holland ankam, war er mit seinem Proviant zu Rande; da er aber gehört hatte, hier sei jedermann reich und Christ, so dacht' er, es würd' ihm hier so gut gehn als im Schlosse des Herrn Barons, bevor er aus selbigem Baroneß Gundchens schöner blauer Augen halber war gejagt worden. Er sprach viele gravitätsche Allongenperücken, die sich bei ihm vorbeischoben, um einen Zehrpfennig an und viele ehrbare alte Hauspostillen, die bei ihm wegtrippelten; allein diese sowohl wie jene rückten mit nichts hervor als mit der Ermahnung: diese Lebensart fahren zu lassen, sonst würde man ihn im Zuchthause unterbringen.

Hierauf wandt' er sich an einen Mann, der eine Stunde lang ganz allein in einer großen Versammlung über christliche Nächstenliebe und Barmherzigkeit gesprochen. Dieser Redner sah' ihn über die Schulter an und sagte: Freund, warum seid Ihr hieher kommen? Um Euch zu dem kleinen Häuflein der Gerechten und Stillen im Lande zu gesellen? Oder waserlei ist die Ursach?

Jegliche Wirkung, hub Kandide in bescheidnem Tone an, hat ihre Grundursach; jegliche Begebenheit unsers Lebens ist ein notwendiges Glied in der Kette der Dinge; ist selbiger aufs geschickteste, beste eingepaßt. Ich mußte von Baroneß Kunegunden fortgejagt werden, mußte Spießruten laufen und muß so lange mein Brot betteln gehn, bis ich welches verdienen kann; das alles konnte nicht anders kommen.

Glaubt Ihr denn, mein Freund, sagte der Redner zu ihm, daß der Papst der Antichrist sei? Davon hab' ich noch nie gehört, antwortete jener, auch gilt's mir ganz gleich, sei er's oder sei er's nicht; hätt' ich nur Brot. Auch nicht der Brosämlein einen verdienst du, heilloser Bube, die von der Herren Tische fallen, sagte der Schwarzrock. Heb' dich aus meinen Augen, du Schalk du! du Belialsbrut!

Des Redners Frau, die den Kopf zum Fenster hinausgesteckt und vernommen hatte, daß es einen Menschen gab, der an der Antichristheit des Papsts zweifelte, leerte über sein Haupt einen vollgerüttelten und geschüttelten Nachttopf. Gott, wie weit geht der Religionseifer bei den Damen!

Ein niegetauftes Geschöpf, ein wackrer Wiedertäufer, namens Jakob Schwezinger, sähe, wie hartherzig, wie schmählich man einem seiner Brüder begegnete, einem zweifüßigen, federlosen Geschöpf, das doch eine Seele hatte; und es jammerte ihn sein, und er führte ihn hinab in sein Haus und säuberte ihn und gab ihm Brot zu essen und Bier zu trinken, und schenkte ihm zwei Gulden; auch wollt' er ihn sogar in seiner Fabrik arbeiten lehren, woselbst mitten in Holland persische Stoffe verfertigt wurden.

Kandide wollte sich ihm zu Füßen werfen und schrie: Er hat wohl recht, der gute Herr Magister! Diese Welt ist die beste! Ihr außerordentlicher Edelmut macht tiefern Eindruck auf mich als die Hartherzigkeit des Herrn Schwarzmantels und seiner Frau Gemahlin.

Den folgenden Tag stieß er beim Spazierengehn auf eine wahre Lazarusfigur von Bettler. Über und über mit Schwären bedeckt war sein Aug erloschen, die Nasenspitze weggefressen, der Mund ganz verzogen, die Zähne kohlschwarz. Er gurgelte und hustete jedes Wort hervor; und sein Husten war so heftig, daß er jedesmal einen Zahn ausspie.

Viertes Kapitel: Wie Kandide seinen alten Lehrmeister in der Philosophie, den Magister Panglos, wiederfand und was weiter geschahe
Kandide, der mehr Mitleid als Entsetzen bei diesem Anblick empfand, gab dem Scheusal von Bettler die zwei Gulden, die ihm der biederherzige Wiedertäufer Jakob gegeben hatte. Diese Jammergestalt sah' ihn starr an, Tränen rannten von ihren Wangen, und sie fiel Kandiden um den Hals, der vor Schreck zurückbebte.

Und Ihr kennt Euren lieben Panglos nicht mehr? sagte der eine Unglückliche zum andern Unglücklichen. "Was hör' ich? Sie sind's, mein lieber Lehrer? Sind in solch gräßlich Elend gesunken? Wodurch das? Und weshalb nicht mehr in dem schönsten aller Schlösser? Was ist aus Baroneß Kunegunden geworden, der Perl' aller Mädchen, dem Meisterstücke der Natur?" Mit mir ist's aus, rief Panglos, und sank um.

Alsbald schleppt' ihn Kandide in des Wiedertäufers Stall und gab ihm ein paar Bissen Brot, und als er sich wieder ein wenig erquickt hatte, fragt' er ihn: Nun, und Kunegunde? Ist tot, erwiderte jener. Bei diesen Worten sank Kandide in Ohnmacht; sein Freund brachte ihn mit einem paar Tropfen verdorbnem Weinessig wieder zu sich, der sich von ungefähr im Stalle fand. Kandide (die Augen aufschlagend): Tot! Kunegunde tot! Oh, wo bist du beste der Welten ? - Aber woran starb sie? Gab ihr das den Tod, daß sie mich aus ihres Herrn Vaters schönem Schlosse mit derben Fußstößen hinausjagen sahe?

Panglos. Das nicht! Bulgarische Soldaten schlitzten ihr den Bauch auf, nachdem sie selbige zuvor auf's möglichste genotzüchtigt hatten; den Baron, der ihr beistehn wollen, hatten sie vor'n Kopf geschossen; die Frau Baronin in Stücken zerhauen; meinem armen Untergebnen nicht besser mitgespielt als seiner Baroneß Schwester; und was das Schloß anlangt, da ist kein Hammel, keine Ente am Leben geblieben, kein Stein auf dem andern, keine Scheune, kein Stall, kein Baum auf seinem alten Fleck. Wir haben aber Genugtuung bekommen, völlige Genugtuung. Die Abaren haben's auf einem benachbarten bulgarischen Rittersitz ebenso gemacht.

Kandide sank bei der Erzählung abermals in Ohnmacht; nachdem er aber wieder zu sich gekommen war und ein gehöriges Lamento angestimmt hatte, erkundigt' er sich nach der Ursach und Wirkung und dem zureichenden Grunde, der Panglosen in einen so erbärmlichen Zustand versetzt.

Panglos. Ach Liebe war's, Liebe, sie, die Trost auf das ganze menschliche Geschlecht herabströmt, das ganze Universum umfaßt und erhält, sie, der Lebensquell aller fühlenden Geschöpfe; Liebe war's, der zärtlichste aller Affekte. Kandide. Auch ich hab sie gekannt, diese Liebe, sie, die alle Herzen beherrscht, Leben und Licht in unsre Seele bringt; und der Lohn, den sie mir gab, bestand aus einem Kuß und zwanzig Fußtritten in den Hintern; ein beßrer Lohn ward mir nie. Wie konnte aber diese schöne Ursach so abscheuliche Wirkungen bei Ihnen hervorbringen?

Panglos. Sie haben doch die Gertrud gekannt, lieber Kandide, das niedliche Zöpfchen von dem königlichen Weibe der alten Baronessin? In ihren Armen hab' ich Paradieseswonne geschmeckt, und eben die hat das Höllenfeuer in all' meinen Adern angefacht, das mich jetzt so wütig anfleckt. Das arme Mädchen war angesteckt und ist vielleicht schon nicht mehr. Gertrud hatte von einem hochgelahrten Franziskanermönch dies Geschenk, das er aus der ersten Hand bekommen hatte; denn er hatte es von einer alten Reichsgräfin, die Gräfin von einem Dragonerhauptmann, der Hauptmann von einer Marquise, die Marquise von einem Pagen, der Page von einem Jesuiten, und der Jesuit noch in seinem Probestande recta via von einem Gefährten des Christoph Kolumbus. Ich meines Orts, werd's niemanden mitteilen, denn ich sterbe.

Kandide. O Panglos! Eine gar sonderbare Sippschaft! Der Teufel ist wohl gar der Stammvater?

Panglos. Behüte! Die beste aller möglichen Welten konnte ohne diese Krankheit nicht bestehen; sie war ein unumgänglich nötiges Ingredienz; denn hätte nicht Kolumbus in einer amerikanischen Insel diese Seuche geholt, die den Zeugungsquell vergiftet, seine Wirkungen oft völlig entkräftet und dem großen Zwecke der Natur augenscheinlich entgegenarbeitet, so hätten wir weder Schokolat noch Koschenille.

Überdies muß man bemerken, daß sie lediglich nur uns Europäern anhängt, so wie die Sucht zu polemisieren. Türken und Inder, und die da wohnen in China und Siam und Japan wissen davon noch nichts bis auf den heutigen Tag. Indes gibt's einen zureichenden Grund, daß in den Folgejahrhunderten auch an diese Völker die Reihe kommen wird, sie kennenzulernen. Derweil' aber macht sie bei uns ganz erstaunend Schnelle Fortschritte, zumal in den großen Armeen, welche aus lauter wackern, wohlerzogenen Mietlingen bestehn, die das Schicksal der Staaten entscheiden. Man kann behaupten, wenn dreißigtausend Mann gegen eine eben so starke Armee in Schlachtordnung stehn, daß sich auf jeder Seite ungefähr an die zwanzigtausend befinden, die die Lustseuche haben.

Kandide. Alles gut, lieber Magister, aber jetzt müssen Sie auf Ihre Kur denken.

Panglos. Auf meine Kur denken, und habe keinen Heller. Sie müssen wissen, liebes Kind, auf Gottes weitem, rundem Erdboden gibt's keine Seele nicht, die einem zur Ader läßt oder ein Klistier setzt, wenn man's nicht bezahlen kann, oder nicht einen hat, der's an unsrer Stelle tut.

Panglosens letzte Worte bestimmten Kandiden; er flog zu seinem mitleidigen Wiedertäufer, warf sich ihm zu Füßen und malte seines Freundes Zustand mit so warmem, kräftigem Pinsel, daß dieser Biedermann den Magister ohn' alle Schwierigkeit annahm und ihn auf seine Kosten heilen ließ.

Panglos verlor bei der Kur nur ein Auge und ein Ohr. Schreiben könnt' er wie der geschickteste Kanzelist und rechnen wie Euler; darum macht' ihn Wiedertäufer Jakob zu seinem Buchhalter.

Als er nach Verlauf von zwei Monaten in Handlungsangelegenheiten nach Lissabon gehen mußte, nahm er seine beiden Philosophen mit. Panglos bewies ihm deutlich, es sei alles auf das beste eingerichtet. Gewesen wohl, fiel ihm Jakob Schwezinger ein, aber jetzt nicht mehr. Durch die Menschen, denk' ich, ist die Natur um ein gut Teil verdorben worden. Wolfssinn ward ihnen nicht angeboren und doch haben sie ihn. Gott gab ihnen nicht Vierundzwanzigpfünder, nicht Bajonette, sie gössen sie sich aber, schliffen sie sich, um einander aufzureiben. Auch die Bankrotte könnt' ich hier in Anschlag bringen, und die Obrigkeiten, welche die Gläubiger um des Bankrottiers Habe prellen und es in ihren Wanst schieben. Alles das ist unumgänglich notwendig, erwiderte Magister Einauge. Es trägt zum allgemeinen Wohl bei, wenn Hinz unglücklich ist und Kunz; je mehr Privatunglücksfälle also, je besser für's Ganze.

Während des Philosophierens bewölkte sich der Himmel, die Winde bliesen aus allen vier Enden der Welt, und das schrecklichste Ungewitter packte das Schiff im Angesicht des Lissabonner Hafens.

Fünftes Kapitel: Seesturm, Schiffbruch, Erdbeben, Schicksal des Magister Panglos, Kandidens und des Wiedertäufers Jakob Schwezinger
Nicht lange, so waren die Segel zerrissen, die Maste zerschmettert, das hinundhergeschleuderte Schiff ganz leck. Der Schreck war den meisten darauf so heftig auf die Nerven gefallen, hatte solche Revolution in ihrem ganzen Körper hervorgebracht, daß sie ganz fühllos und starr bei der sie umschwebenden Gefahr waren; die übrigen kreischten und beteten laut; wer arbeiten konnte, arbeitete; da hörte niemand, befahl niemand.

Der Wiedertäufer stand auf dem Verdeck und half ein wenig. Ein wütender Matros stürzte ihn durch einen derben Stoß zu Boden, prellte aber durch dessen Heftigkeit selbst eine Ecke zurück und über Bord kopfüber ins Wasser. Zum Glück blieb er an einem Ende des Mastes hängen. Der gutherzige Jakob springt ihm zur Hilfe, zerarbeitet und zerquält sich, ihn heraufzuziehn, und fällt darüber selbst ins Meer. Der dabeistehende Matros läßt seinen Retter untersinken, ohn' einmal auf ihn hinzublicken. Kandide kommt herzu, sieht seinen Wohltäter mit den Wellen kämpfen und einen Augenblick darauf auf ewig von ihnen verschlungen. Er will ihm nach, Philosoph Panglos hält ihn zurück und beweist ihm, die Lissabonner Reede sei ausdrücklich dazu erschaffen worden, daß Wiedertäufer Schwezinger daselbst ertrinken mußte.

Indem er dies a priori bewies, barst das Schiff. Alles, was drauf war, kam um bis auf Panglosen, Kandiden und das Ungeheuer von Matrosen, der den tugendhaften Wiedertäufer hatte ertrinken lassen. Der Schurke schwamm glücklich ans Ufer, das Panglos und Kandide gleichfalls auf einer Planke erreichten.

Wie sie sich etwas erholt hatten, gingen sie auf Lissabon zu, in der Hoffnung, mit dem kleinen Überrest ihres Geldes sich vor dem Hunger zu bergen, nachdem sie glücklich dem Schiffbruch entronnen waren; unterwegs manche Träne über den Tod ihres Wohltäters vergießend.

Kaum hatten sie den Fuß in die Stadt gesetzt, so fühlten sie die Erde unter sich dröhnen, das Meer brauste im Hafen empor und zerschellte die vor Anker liegenden Schiffe. Feuer- und Aschenwirbel bedeckten die Gassen und öffentlichen Plätze; die Grundfesten der Häuser wichen aus den Fugen, Giebel, Dächer stürzten herab, die Häuser zerschossen in Schutt und Trümmer, und dreißigtausend Einwohner jegliches Geschlechts und Alters erlagen unter selbigen.

Schwernot! hier wird's was zu schnappen geben! rief der Matros und pfiff sich ein lustig Stückchen. Was mag wohl der zureichende Grund dieses Phänomens sein? sagte Panglos. Es ist der jüngste Tag! rief Kandide.

Der Matros rannte spornstreichs unter die herabstürzenden Balken und Mauern und trotzte dem Tode, um Geld zu finden. Er fand welches, stopfte alle Taschen damit voll, besoff sich, und wie er den Rausch ausgeschlafen, dung er sich die erste beste Jungfer gutwillig, die er antraf, und mitten auf dem Schutt eingestürzter Häuser und unterm Haufen Sterbender und Toter berauschte er sich an dem fröhlichsten Liebesgenuß. Panglos zupfte ihn indes beim Ärmel und sagte: Daran tut Ihr nicht Recht, Freund; das streitet mit allen Gesetzen der Billigkeit; dazu ist jetzt keine Zeit. "Schocktausend Pestilenz! Herr, ich bin Matros und aus Batavia; bin viermal in Japan gewest und habs Kruzifix viermal mit Füßen getreten. Bei mir kömmt Er gar blind mit seiner Billigkeit und all dem dummen Schnack."

Während der Zeit, daß dies im Hintergrunde vorging, hatten einige herabgestürzte Steine Kandiden hart getroffen; er war umgesunken und lag unter den Trümmern fast begraben. Lieber Panglos! rief er, nur ein wenig Wein und Öl, oder ich muß sterben. Dieses Erdbeben ist gar nichts besonders, antwortete der sich nähernde Panglos, im verwichnen Jahre hatte die Stadt Lima in Amerika ein gleiches Schicksal: gleiche Ursachen bringen gleiche Wirkungen hervor, es geht ganz gewiß kein Strich Schwefel von Lima bis nach Lissabon unter der Erde weg.

"Höchstwahrscheinlich! aber um Gottes willen ein wenig Öl und Wein." Wahrscheinlich nur? nur wahrscheinlich wär's? erwiderte der Philosoph, erwiesen ist es, Herr, klar erwiesen, behaupt' ich. Kandide ward ohnmächtig, und Panglos brachte ihm ein wenig Wasser aus einem benachbarten Springbrunnen. Sie durchkrochen den Tag darauf die eingestürzten Gebäude, fanden da einige Lebensmittel, erquickten und stärkten sich wieder ein wenig und halfen darauf - wie andre auch taten - den dem Tode entronnenen Einwohnern retten, was sich noch retten ließ.

Einige Bürger, denen sie beigesprungen waren, tischten ihnen ein so gutes Mahl auf, als man in der Lage nur verlangen konnte. Es war ein Mahl der Traurigkeit, jeder Bissen mit Tränen benetzt.

Panglos tröstete die Anwesenden und gab ihnen die Versicherung; daß es gar nicht anders sein könnte, weil die Welt aufs beste eingerichtet sei. Denn, sagte er, wenn zu Lissabon ein unterirdischer Brand ist, kann keiner zu Wien und Berlin sein, sintemal es unmöglich, daß ein Ding an mehr als an einem Orte zugleich sein kann, alldieweil alles, was da ist, gut ist.

Neben ihm saß ein schwarzröckiges Männlein, ein Familiar der heiligen Inquisition, das hub in höflichem Tone an: Vermutlich glauben der Herr keine Erbsünde, denn wenn alles, was da ist, gut ist, gibt's weder Sündenfall noch Strafe.

Ich bitte Ew. Hochehrwürden alleruntertänigst um Verzeihung, erwiderte Panglos mit noch höflicherm Ton und Gebärden, ich glaube beides, alldieweil der Sündenfall und der über die Menschen ausgesprochne Fluch in den Plan der besten aller möglichen Welten notwendig hereingehören.

Also statuieren der Herr keine Willensfreiheit? sagte der Familiar. "Ew. Hochehrwürden verzeihen; Willensfreiheit kann sich mit der unumschränkten Notwendigkeit gar wohl vertragen, sintemal es notwendig war, daß wir willensfrei waren, alldieweil der vorherbestimmte Wille ..."

Panglos steckte noch mitten in seiner Demonstration, als der Familiar der Inquisition seinem Untergebenen, der ihm Oporto oder Porto einschenkte, einen Wink mit dem Kopf gab.

Sechstes Kapitel: Probates Mittel der hochehrwürdigen Inquisition fürs Erdbeben, bestehend in einem schönen Autodafe, wobei Kandide den Staupbesen bekommt
Nachdem das Erdbeben drei Viertel von Lissabon verwüstet hatte, war im Rate der Wächter und Weisen des Landes beschlossen worden, dem Pöbel ein gar stattliches Autodafe zu geben. Ein kräftigers Mittel, dem gänzlichen Untergange der Stadt vorzubauen, hatten sie nicht können ausfindig machen. Auch hatte die Universität zu Coimbra den Ausspruch getan: einige Personen mit gehörigen Solennitäten und Formalitäten an langsamem Feuer gebraten, wäre das probateste Mittel, allen f ernerweitigen Erdbeben vorzubeugen.

Sonach hatte man einen Biskajer eingezogen, der seine Gevatterin geheiratet zu haben war überführt worden, und zwei Portugiesen, die den Speck aus einem Huhn geschnitten hatten, eh' sie's gegessen. Nach dem Essen wurde Magister Panglos samt seinem Jünger Kandide in Ketten und Banden gelegt; jener wegen seiner Reden, dieser wegen der Miene des Beifalls, mit der er zugehört. Man führte jeden in ein besonders Gemach, kühl wie ein Eiskeller, wo die Sonne einem nie auf die Scheitel stach. Nachdem acht Tage verflossen waren, legte man ein Skapulier um ihre Schultern und schmückte ihre Häupter mit Papiermützen. Kandidens Mütz' und Skapulier war mit abwärtsgehenden Flammen bemalt und mit Teufeln sonder Krallen und Schwänzen, aber Panglosens Teufel hatten Krallen und Schwänze, und die Flammen stiegen aufwärts.

So bekleidet zogen sie in feierlichster Prozession daher, hörten eine Predigt an, die durch Mark und Bein fuhr, und darnach eine gar unliebliche, disharmonische Choralmusik. Während des Gesangs ward Kandide nach Noten mit Ruten gestrichen; der Biskajer und die beiden Speckverächter verbrannt, und Panglos wider allen Schick und Brauch aufgehängt. Und unter der Erde begann von neuem ein gräßliches Gerassel und Geprassel.

Kandide, ganz ein Raub der Angst und des Schreckens, an jedem Gliede zitternd und blutrünstig, sagte bei sich selbst: Ist das die beste aller möglichen Welten, nun so möcht' ich die übrigen sehn! Daß ich mit Ruten gestrichen werde, möchte noch hingehn, wurd' ich's doch auch bei den Bulgaren; aber daß ich dich muß hängen sehn, trauter Panglos, größter aller Philosophen, ohne zu wissen warum; daß ich dich, bester aller Menschen, trauter Jakob, vor meinen Augen im Hafen mußte ertrinken sehn, daß ich hören muß, wie Ihnen, Baroneß Gundchen, der Kron' aller Mädchen, der Bauch ist aufgeschlitzt worden, das, das kann ich nicht verschmerzen, das verleitet mich zu murren.

Mit jedem Schritt einknickend, schwankte Kandide zur Stadt hinaus; war durch Prediger und Büttel wohl gestäupt worden, hatte Absolution und Segen erhalten. Ein altes Mütterchen näherte sich ihm und sagte: Seid getrost und unverzagt, mein Sohn, und kommt mit.

Siebentes Kapitel: Kandide wird von der Alten wohl gepflegt und findet unverhofft seine Geliebte
Getrost und unverzagt ward Kandide nun zwar nicht, aber mit ging er. Sein Führer brachte ihn in ein altes, ganz verfallnes Gebäude, gab ihm ein Krügelchen Pomade, sich damit zu salben, setzte ihm zu essen und zu trinken hin, zeigte ihm ein ganz sauber Bettchen und daneben einen ganz vollständigen Anzug. "So wünsch' ich Ihnen denn gesegnete Mahlzeit und auch angenehme Ruh! Und empfehle Sie der gnädgen Obhut Unsrer Lieben Frauen im Busche und des heiligen Antonius von Padua und des heiligen Jakobs von Compostel, unsrer allergnädigsten Schutzpatrone. Morgen früh mach' ich Ihnen wieder meine Aufwartung."

Kandide durch alles, was er gesehn, durch alles, was er erlitten, am meisten aber durch das liebreiche Betragen der Alten in die heftigste Rührung versetzt, ergriff mit Wärme ihre Hand und wollte sie zum Munde führen. "Nein, das wollte ich mir sehr verbeten haben; das gebührt mir nicht. Morgen bin ich ja wieder da. Brauchen Sie nur die Pomade recht hübsch, lieber junger Herr, und speisen Sie und ruhen Sie fein wohl." Das tat denn Kandide; aß und schlief sich gründlich aus, so hart ihn auch so vielerlei Ungemach zu Boden drückte. Den folgenden Morgen brachte ihm die Matrone zu frühstücken, besichtigte seinen Rücken und salbte ihn mit einer andern Salbe; gegen Mittag brachte sie ihm zu essen und gegen Abend gleichfalls. Grade so machte sie's auch folgenden Tages. Wer ist Sie, gute Alte? fragte Kandide jedesmal. Was bewegt Sie zu dem liebreichen Betragen? Sag Sie, wie kann ich dafür erkenntlich sein? Kein stummes Wörtchen war von der Alten herauszubringen. Gegen Abend kam sie wieder, aber ganz leer. Kommen Sie mit, sagte sie, aber mäuschenstill!

Sie nimmt ihn beim Arm und führt ihn wohl eine Viertelmeile weit über Feld. Nunmehr befanden sie sich bei einem freiliegenden Hause, mit Gärten und Kanälen umgeben. Die Alte pocht an ein Pförtchen. Es wird aufgetan, und Kandide von seiner Führerin eine Winkeltreppe heraufgeführt in ein vergoldetes Kabinett; hier muß er sich auf ein brokatnes Sofa niederlassen. Sie machte die Tür zu und ging fort. Kandide glaubte zu träumen, hielt sein ganzes Leben für einen widrigen Traum und den jetzigen Augenblick für einen glücklichen.

Die Alte kam bald wieder und führte eine verschleierte Dame herein von majestätischem Wuchs und schimmerndem Anzug, die an jedem Gliede bebte und mit genauer Not konnte von der Alten aufrecht erhalten werden. Nehmen Sie den Schleier ab, sagte das Mütterchen zum Kandide. Er nahte sich und hob mit blöder Hand den Schleier auf.

Wie dem jungen Mann in dem Augenblick zu Mute ward! Ihm däuchte, seine Baroneß Gundchen vor sich zu sehn, und sie stand in der Tat vor ihm. Dieser so überraschende Anblick fiel mit aller Macht über ihn; das Übermaß seines Glücks berauschte ihn so, daß er sprachlos und ohne Bewegung zu ihren Füßen hinsank, Gundchen fiel ohne Sinne aufs Sofa.

Die Alte bestrich sie mit allerhand Stärkungswässern. Ihre Sinne sammelten sich wieder, die Sprache fand sich wieder ein. Unzusammenhängende Laute rissen sich anfänglich von ihrem gepreßten Herzen los; und dann durchkreuzten sich Frag' und Antwort, Seufzer und Tränen, und Schreie der Freud' und des Erstaunens. Die Alte riet ihnen, nicht zu laut zu werden, und ließ sie in völliger Freiheit.

"Ha! so leben Sie wirklich noch, Baroneß? So find' ich Sie in Portugal wieder! So sind Sie nicht geschändet worden; so hat man Ihnen nicht den Bauch aufgeschlitzt!" Doch! doch! sagte die schöne Kunigunde, allein man stirbt daran nicht immer. "Aber der gnädge Herr Papa sind getötet worden, und die gnädge Frau Mama?" Leider! alle beide! und Tränen tröpfelten aus Kunegundens Auge. "Und Dero Herr Bruder auch?" "Auch der!" "Wie sind Sie aber nach Portugal gekommen? Wie haben Sie meinen Aufenthalt erfahren? Wie mich hierhergezaubert? Den Schlüssel, liebste Kunegunde, zu all' den seltsamen Abenteuern!"

Den sollen Sie sogleich haben, erwiderte die Dame, zuvor aber müssen Sie mir erzählen, wie's Ihnen nach dem unschuldigen Kuß gegangen ist, den Sie mir gaben, und den Fußtritten, die Sie bekamen.

So beklommen auch noch Kandide sich fühlte, so schwach und zitternd seine Stimme war, so weh' ihm auch noch sein Rückgrat tat, so erzählt' er ihr doch mit der tiefsten Ehrerbietung und aufs allertreuherzigste all' seine Leiden nach ihrer Trennung. Das Auge gen Himmel gerichtet schenkte Kunegunde dem Gedächtnis des braven Wiedertäufers und Panglosens einige Zähren; hierauf sprach sie zu Kandide wie folgt. Ebenso gierig als er das liebreizende Mädchen mit den Augen verschlang, verschlang er auch jedes ihrer Worte.

Achtes Kapitel: Baroneß Kunegundens Geschichte
Ich schlief noch ganz wohlbehäglich, als es dem Himmel gefiel, Bulgaren in unser schönes Schloß Donnerstrunkshausen zu senden. Mein Vater und Bruder mußten über die Klinge springen, meine Mutter hieben sie in Krautstücken. Bei diesem gräßlichen Auftritt verlor ich alle Besinnung. Dies nutzte ein langer Bulgar von sechs Schuh, machte sich über mich her und begann, mich zu schänden. Hierdurch erwacht' ich von meiner Ohnmacht, bekam all' meine Sinne wieder, kreischte laut, zerrang und zerarbeitete mich, um loszukommen, biß um mich, kratzte, wollte dem großen Tölpel die Augen ausreißen. Hätt' ich gewußt, daß das alles Kriegsgebrauch wäre, ich hätte mich anders dabei benommen.

Der Unmensch gab mir mit seinem Degen einen Stich in die linke Seite, wovon ich noch die Narbe habe. Die ich doch wohl werde zu sehn bekommen? fragte Kandide ganz in seines Herzens Unschuld. Warum das nicht! sagte Kunegunde, allein jetzt lassen Sie mich nur weitererzählen. "Das tun Sie, gnädige Baroneß, das tun Sie!"

Sie knüpfte den Faden ihrer Geschichte folgendermaßen wieder an:

Ein bulgarischer Hauptmann trat in mein Schlafgemach, sähe wie mein Blut herabtropft, der Soldat blieb, wo er Posten gefaßt hatte. Der Hauptmann ward wild, daß dies Vieh so wenig Subordination bezeigte, und stach ihn auf meinem Leibe tot, er ließ mich hierauf verbinden und führte mich als Kriegsgefangne in sein Quartier. Ich wusch ihm sein paar Hemden und bestellte seine Küche.

Er fand - muß ich gestehen -, daß ich ein gar niedlich Ding sei, und er war - ich kann's gar nicht in Abrede sein - eine sehr wohlgebaute Mannsperson, hatte eine weiche, weiße Haut, aber herzlich wenig Kopf und noch weniger Philosophie: man merkt' es ihm gleich an, daß er kein Schüler des großen Panglos gewesen war. Binnen einem Vierteljahr war all' sein Geldchen fort und er meiner überdrüssig; er verkaufte mich an den Don Isaschar, einen Juden, der nach Holland und Portugal handelte und ein ungemeiner Liebhaber von Frauenzimmern war.

Wie der Mann an mir hing, wie er mit Bitten und Gewalt in mich drang, und doch konnt' er nicht siegen. Ich tat ihm tapfrern Widerstand als dem bulgarischen Soldaten. Ein rechtschaffnes Mädchen kann wohl einmal geschändet werden, aber dadurch wird sie um so mehr Lukrezia. Um mich zahmer zu machen, führte mich der Jude auf dies Landhaus hier. Ich hatte bisher geglaubt, es gäbe kein schöners Schloß als das unsrige, nunmehr wurd' ich eines Bessern belehrt.

Eines Tages ward mich der Großinquisitor in der Messe gewahr, er warf während des hohen Amts die lüsternsten, buhlendsten Blicke auf mich und ließ mir melden, er hätte mir etwas unter vier Augen zu sagen. Ich ward in seinen Palast gebracht, entdeckte ihm meine Herkunft; er stellte mir vor, wie weit es unter meinem Range wäre, einem Schuft von Juden anzugehören, und ließ dem Don Isaschar den Vorschlag tun, mich Ihro Hochwürden Gnaden abzutreten. Dazu wollte sich Don Isaschar nicht verstehn; der Mann ist Hof Wechsler und gilt viel. Der Inquisitor drohte ihm mit einem Autodafé.

Das wirkte; jagte meinen Juden ins Horn. Husch! schloß er einen Vergleich mit dem Pfaffen; vermöge dessen gehör' ich und Haus ihnen gemeinschaftlich; der Montag, Mittwoch und Schabbes ist dem Juden, die übrigen Tage in der Woche gehören dem Inquisitor.

Es ist nunmehr ein halb Jahr, daß dieser Kontrakt ist aufgesetzt worden. Unter der Zeit hat's manches Gezeter gegeben, denn sie konnten sehr oft nicht einig werden, ob die Nacht vom Sonnabend zum Sonntag nach dem alten oder neuen Testament müsse berechnet werden. Noch hab' ich keinen von beiden erhört, und eben deshalb glaub' ich, werd' ich noch von beiden geliebt.

Endlich ließen der Hochwürdige Herr Inquisitor ein Autodafé anstellen, sowohl, um dem Erdbeben zu steuern, als auch um dem Juden einen kleinen Schreck in die Glieder zu jagen. Er war so galant, mich zu dieser Feierlichkeit einzuladen und mir einen sehr guten Platz anzuweisen. In der Zeit, da die Messe war und da der Büttel sein Amt verwaltete, wurden den Damen Erfrischungen vorgesetzt.

Wie kalt fuhr mir's über den Nacken; als ich die beiden Juden verbrennen sahe und den ehrlichen Biskajer, der seine Gevatterin geheiratet hatte. Das war aber nichts gegen den Schauer und Schreck, der mich ergriff, als ich unter einem Skapulier und einer Schandmütze eine Figur gewahr ward, die dem Panglos so ähnlich sähe. Ich rieb mir die Augen, sähe stier und starr nach dem Manne hin; es war und blieb Panglos. Ich sah' ihn aufhängen und fiel in Ohnmacht.

Kaum hatten sich meine Sinne wieder ein wenig gesammelt, so erblickt' ich Sie, Kandide, ganz splitterfadennackt da stehn. Nun war der Kelch meiner Leiden voll; ich war nunmehr ganz ein Raub des Entsetzens und der Verzweiflung.

Im Vorbeigehn gesagt, Kandide, und zur Steuer der Wahrheit, Ihre Haut ist viel weißer als meines bulgarischen Hauptmanns seine, hat ein weit höhers, feiners Rot. Oh! wie bei diesem Anblick mein Jammer und meine Verzweiflung stieg, die in meinem Innern aufs grausamste wüteten. Ich schrie, wollte sagen: Haltet ein, ihr Barbaren! Das vermochte aber meine Zunge nicht; und was hätt' es auch geholfen?

Nachdem Sie waren tüchtig gestäupt worden, sagt' ich bei mir selbst: Wie muß der liebenswürdige Kandide und der weise Panglos nach Lissabon gekommen sein, jener um hundert Rutenstreiche zu empfangen, dieser um aufgehängt zu werden auf Befehl des Hochwürdigsten Inquisitors, dessen Liebling ich bin? Wie grausam hat mich Panglos hintergangen, daß er mir vordemonstrierte, diese Welt sei die beste.

Ich taumelte halb ohnmächtig nach Hause. In dem Aufruhr, worin meine Sinne waren, stiegen mir alle meine bisher erlebten Begebenheiten zu Kopfe; schob mir meine Phantasie mit hellen Farben gemalt die Würgeszenen vors Auge, die sich auf dem Schloß zugetragen.

Ich sahe deutlich, wie man meinen Vater schlachtete und meine Mutter und meinen Bruder, sahe, wie der garstge bulgarische Soldat so frech über mich herfiel und mich mit dem Säbel verwundete, wie ich Magd ward, aschenbrödeln mußte; sahe meinen bulgarischen Hauptmann, meinen häßlichen Don Isaschar, meinen abscheulichen Inquisitor und den guten Panglos, wie er aufgehängt wurde: noch immer gellte die widrige Musik in mein Ohr, während welcher Sie den Staupbesen bekamen, noch immer brannte der Kuß auf meinen Lippen, den Sie am Tage unsrer Trennung mir hinter der spanischen Wand gaben. Alles das umschwebte mich aufs lebhafteste. Ich pries nun Gott, der Sie nach so vielen Prüfungen mir wieder geschenkt hatte.

Ich hatte meiner Alten gleich während der Feierlichkeit anbefohlen, Ihrer aufs beste zu warten, Sie zu pflegen und bei schicklicher Gelegenheit herzubringen. Sie hat ihren Auftrag redlich erfüllt, und mich jetzt in ein Meer von Wonne versenkt.

Ich habe dich nun wieder, lieber Herzensjunge, höre dich, spreche dich, sitze neben dir. Doch dich muß hungern, armer Schelm, gewaltig hungern! Komm, laß uns essen. Es ist schon spät, und an Appetit fehlt mir's gar nicht.

Sie setzten sich zu Tische, und nach dem Abendbrot lagerten sie sich auf das besagte schöne Sofa. Noch lagen sie da in größter Behaglichkeit, als Signor Don Isaschar, einer von den Eignern des Hauses und des Mädchens, hereintrat, sowohl um seine Gerechtsame nicht verjähren zu lassen als auch um bei Kunegunden den zärtlichen Amoroso zu machen.

Neuntes Kapitel: Was sich mit Kunegunden, Kandiden, dem Großinquisitor und einem Juden zuträgt
Ein gallevollers Geschöpf als diesen Hebräer hatte man seit der babylonischen Gefangenschaft in Israel nicht gefunden. Ha! schrie er, du bist mit dem Großinquisitor und mit mir nicht zufrieden? Mußt noch einen Schlafgesellen haben, du Galiläische Petze! Wart du! und auch du, du Hurenschelm!

Mit diesen Worten zuckte er ein Stilett, das er stets bei sich trug, und fiel auf seinen Gegner ein, den er wehrlos glaubte. Allein dieser wackre Westfale hatte von der Alten samt dem vollständigsten Anzuge einen schönen Degen bekommen. Den zog er, so kindfromm er auch war, und mausetot lag der Israelit zu den Füßen der schönen Kunegunde.

Jesus Maria! rief sie. Nun ist alles aus. Ein Toter bei mir im Hause! Wenn nun die Wache kommt! Oh, wir sind verloren! Was fangen wir an! Hinge der gute Panglos nur nicht, sagte Kandide, er sollte alles in's reine bringen, denn er war ein großer Philosoph. In Ermanglung seiner müssen wir schon die Alte um Rat fragen.

Sie war ein gar kluges Weib, und eben begann sie ihre Meinung zu sagen, als sich ein andres Türlein öffnete. Es war eine Stunde nach Mitternacht, der Sonntag brach an. Dieser Tag gehörte dem Herrn Inquisitor. Ihro Hochwürden Gnaden traten herein, sahen den gestäupten Kandide mit dem Degen in der Hand, den toten Hebräer auf der Erde liegen, Kunegunden totenblaß und bebend und die Alte mit ihrem guten Rat herausrückend; und blieben starr angewurzelt stehn an der Türschwelle, ohne alle Besinnung; um so mehr Besonnenheit und Überlegungskraft hatte Kandide.

Ha! dacht' er, ruft der heilige Mann Hilfe, so werd' ich ganz unfehlbar verbrannt und auch Kunegunde. Er hat mich unbarmherzig geißeln lassen, ist mein Nebenbuhler; im Morden bin ich einmal, und jetzt gilt's.

Wie beschlossen, so getan. Der Inquisitor lag, den Degen bis ans Heft in der Brust, neben dem Juden, eh' er sich hatte besinnen können. Immer besser, rief Kunegunde. Nun sind wir unwiederbringlich verloren! Bannfluch und Tod schweben über uns. Kandide, wie haben Sie, die Sanftmut selbst, in zwei Minuten einen Juden und einen Prälaten umbringen können? Lieb' und Eifersucht und die Rutenstreiche der Inquisition können das Lamm wohl zum Tiger machen, erwiderte Kandide.

Wissen Sie was? sagte die Alte. Wir haben drei tüchtige andalusische Gäule im Stall und auch Sattel und Zeug. Unser tapfrer Herr Kandide zäumt sie auf und sattelt sie; derweile stecken die gnädge Baroneß ihre Dublonen und ihre Diamanten zu sich, und dann husch! auf und davon und nach Cadix. Ich kann zwar nur meinen halben Hintern brauchen, das tut aber weiter nichts. Es ist ganz allerliebst Wetter, und in der Kühle beim Mondenschein läßt sich's des Nachts ganz scharmant reisen. Kandide sattelte sogleich die Pferde und machte mit Kunegunden und der Alten einen Ritt von fünfzehn Meilen in einem Striche. Indes daß die fortjagten, kam die heilige Brüderschaft ins Haus. Der Herr Inquisitor ward in der Domkirche mit allem Gepränge beigesetzt, Isaschar aber auf den Schindanger geworfen.

Kandide, Kunegunde und die Alte befanden sich nunmehr in einem Wirtshause in dem Städtchen Avacena, das mitten in der Sierra Morena lag. Hieselbst hielten sie folgendes Gespräch.

Zehntes Kapitel: Kandide, Kunegunde und die Alte kommen in einer gar schlimmen Lage zu Cadix an und schiffen sich ein
Kunegunde (schluchzend): Alle meine Dublonen und Diamanten sind fort! Wer muß mir die gestohlen haben! wovon wollen wir nun leben? Wo Inquisitoren und Juden finden, die mir andre geben?

Die Alte. Was ich glaube, aber Gott verzeihe mir die schwere Sünde, wenn ich ihm zu viel tue; ich denke aber immer, ich denke, der ehrwürdige Pater Graurock, der mit uns zu Badajos sein Nachtquartier hatte, hat sie heißen mitgehn; er kam zweimal zu uns in die Stube und war schon lang' über alle Berge, eh' wir an die Abreise dachten.

Kandide. Der wackre Panglos hat mir oft bewiesen, daß alle Güter hienieden gemeinschaftlich sind, Hinz daran so gut Anteil hat als Kunz. Vermöge dieser Grundsätze hätte uns jener Barfüßermönch wenigstens so viel Geld lassen sollen, um unsre Reise bestreiten zu können. Haben Sie denn gar nichts behalten, gnädige Baroneß?

Kunegunde. Keinen Maravedi!

Kandide. Was nun tun?

Die Alte. Ein Pferd verkaufen, da ist kein andrer Rat. Ich setze midi hinter die gnädge Baroneß so gut es mit meinem halben Hintern angeht, und damit immerzu nach Cadix.

In eben dem Wirtshause befand sich ein Benediktinerprior, der kaufte ihnen das Pferd um einen Pappenstiel ab. Kandide, Kunegunde und die Alte nahmen ihren Weg über Lucena, Chillas, Lebrixa nach Cadix. Hier ward eine Flotte ausgerüstet, die Truppen mußten sich hier stellen, welche die ehrwürdigen Paters des Jesuiterordens zu Paraguay zu Paaren treiben sollten. Selbige hatten, gab man ihnen wenigstens Schuld, eine ihrer indischen Horden bei der Stadt San Sakramento gegen die Könige von Spanien und Portugal aufgewiegelt.

Kandide machte dem General dieser kleinen Armee die bulgarischen Kriegsexerzitien vor, und das so flink, so dreist, mit solchem soldatischen Anstande, daß der General ihm augenblicklich eine Kompanie bei der Infanterie gab. Der neugebackne Herr Hauptmann nebst Baroneß Kunegunden und der Alten schifften sich ein, nahmen noch zwei Bediente mit und die beiden andalusischen Pferde, die weiland dem Herrn Großinquisitor von Portugal gehört hatten.

Während der Überfahrt unterhielten sie sich beständig von der Philosophie des armen Panglos. Wir kommen nun in eine andre Welt, sagte Kandide, und unstreitig ist diese die beste. Denn man muß gestehn, man hat wohl Ursach, über den physischen und moralischen Zustand unsrer Welt ein wenig zu seufzen.

Kunegunde. Ich liebe Sie von ganzem Herzen, Kandide, doch alles das, was ich gesehn, was ich erlitten habe, hat mich ganz scheu und verzagt gemacht; mir ahnet nichts Guts. Lassen Sie sich ums Himmels willen nicht blessieren oder totschießen!

Kandide. Es wird alles gut gehn. Schon das Meer in dieser neuen Welt ist besser als in unsrer europäischen; ist weit ruhiger; die Winde weit beständiger. Wahrlich, die neue Welt ist die beste unter allen möglichen Welten.

Kunegunde. Das gebe Gott! nur wahren Sie sich, daß man Sie nicht blessiert oder totschießt, und wir beide unglücklich werden. Ich kann mich gar nicht beruhigen, denn ich habe in unsrer Welt schon so gräßliches Elend ausgestanden, daß kein Strahl der Hoffnung mehr in meine Seele sich hineinstiehlt. Die Alte. Was das für ein Getue, für ein Geklage ist! Wären Sie an meiner Stelle gewesen, Sie sollten auf einem gar andern Loche pfeifen. Ich kann noch ein Liedchen von Unglücksfällen singen.

Kunegundens Mund zog sich ein wenig zum Lächeln; es kam ihr drollig vor, daß die alte Mutter behauptete, sie sei unglücklicher als sie. Haben Euch, sagte sie, nicht zwei Bulgaren geschändet, habt Ihr nicht zwei Degenstiche in den Leib bekommen, sind nicht zwei von Euren Schlössern verwüstet worden, hat man nicht vor Euren Augen zwei Väter und zwei Mütter ermordet, und habt Ihr nicht zwei von Euren Liebhabern im Autodafe stäupen sehn, so seh' ich nicht ab, wie Ihr Euch unglücklicher nennen könnt als ich. Erwägt noch überdem, daß ich Baroneß bin, meine einundsiebzig Ahnen aufweisen kann, und daß ich gleichwohl habe müssen aschenbrödeln.

Meine Geburt ist Ihnen unbekannt, gnädige Baroneß, antwortete die Alte. Ich dürfte Ihnen nur mein Hinterkastei zeigen, Sie würden gewiß ganz andre Saiten aufziehn. Diese Rede erregte bei Kunegunden und Kandiden eine ganz außerordentliche Neugier, welche die Alte auf folgende Art befriedigte.

Elftes Kapitel: Geschichte der Alten
Mein Auge war nicht immer so verzerrt, hatte nicht immer den Pupursaum, meine Nase stieß nicht immer ans Kinn, auch bin ich nicht immer Magd gewesen.

Mein Vater war Papst Urban der Zehnte, und die Fürstin von Palestrina meine Mutter. Bis ins vierzehnte Jahr wurd' ich in einem Palaste erzogen, wogegen die Schlösser Eurer westfälischen Barone gar klägliche Figur machen; das geringste von meinen Kleidern wog alle Herrlichkeiten von ganz Westfalen auf. Ich wuchs an Schönheit und Grazie und Talenten mitten in dem bunten Zirkel von Ergötzlichkeiten. Was für Erwartungen machte man sich nicht von mir; was für Ehrerbietung erwies man mir; was für Liebe flößt' ich nicht schon ein.

Mein Busen wölbte sich bereits. Es war ein Busen, der an Weiße und Festigkeit und Rundung dem Busen der Mediceischen Venus glich! Das Aug, wie zaubrisch! die Wimpern, wie meisterhaft! die Augenbrauen rabenschwarz! und die Glut, die in meinen Augäpfeln lag, überstrahlte das ganze Sternenheer, wie die Poeten aus dem Stadtviertel sangen. Meine Kammerfrauen, wenn sie mich auszogen und mich so von vorn und hinten beschauen konnten, waren wie ins Paradies verzückt; alle Mannspersonen wünschten sich an ihre Stelle Ich ward mit dem regierenden Fürsten von Massa Carrara versprochen. Ein gar süßer, herrlicher Junge! Ganz Geist und ganz glühende, schwärmende Liebe! und völlig so dichtrisch schön gebildet wie ich! Er war meine erste Liebschaft! sonach liebte ich ihn mit der innigsten Wärme, macht' ihn zum Abgott meiner Seele.

Man traf Anstalten zum Beilager. Was war da für Pomp! für unerhörte Pracht! Was für ein Zirkeltanz von Lustbarkeiten. Feste ketteten sich an Feste, Ringelrennen an Ringelrennen, Turnier' an Turniere, Operabuffas an Operabuffas, und ganz Italien sang mir zu Ehren Sonnette, davon das geringste dichtrischen Stempel trug, eines Ariost und Tasso würdig war.

Ich stand am Ziele meines Glücks, als eine alte Marchese, eine ehmalige Buhlschaft meines Prinzen, ihn zur Schokolade bitten ließ. Er starb in weniger denn zwei Stunden an den schrecklichsten Zuckungen. Kleinigkeit gegen meine übrigen Unglücksfälle!

Dieser Tod brachte meine Mutter ganz außer sich, obwohl er sie lange nicht so heftig angriff wie mich. Sie wollte sich eine Zeitlang von einem so unangenehmen Aufenthalt losreißen. Wir fuhren nach Gaetta, wo sie ein sehr schönes Landgut hatte; unser Schiff war eine päpstliche Galeere, so stark vergoldet als der St.-Peter-Altar zu Rom. Nicht lange, so stürzte ein Saleescher Korsar auf uns zu, enterte. Unsre Mannschaft wehrte sich wie wahre päpstliche Soldaten, warf ihre Waffen weg, fiel nieder auf die Knie, und, in letzten Zügen liegend, bat sie den Korsaren um Absolution. In einem Nu standen sie ganz affenkahl da; meiner Mutter, unsern Hofdamen und mir ging's nicht besser. Husch husch! und wir waren entkleidet. Ich habe nie flinkre Kammerdiener gesehn als diese Herren Seeräuber. Doch nahm mich dies nicht so wunder, als daß sie uns insgesamt einen Ort durchfingerten, dem wir Weiber uns gemeiniglich nur mit der Klistierspritze zu nahe kommen lassen.

Nie aus meinen vier Pfählen gekommen, kam mir der Brauch ganz sonderbar vor. Ich erfuhr bald, zu was Ende dies geschahe; sie wollten wissen, ob wir nicht daselbst einige Diamanten versteckt hätten. Das ist uralte Sitte bei allen gebildeten Völkerschaften, die auf der See umhertreiben. Machen's doch die Herren Malteserritter nicht besser, wenn sie Türken und Türkinnen gefangen bekommen, und sind Geistliche. Dies Gesetz des Völkerrechts wird stets beobachtet.

Wie peinlich, wie zu Boden drückend es für eine junge Prinzessin sein muß, mit ihrer Mutter als Sklavin nach Marokko geführt zu werden, brauch' ich Ihnen nicht erst zu sagen, Sie können sich's leicht vorstellen, so wohl als die Leiden, die wir auf dem Raubschiffe auszustehn hatten.

Meine Mutter war noch sehr schön, unsre Hofdamen, sogar die bloßen Kammerfrauen besaßen mehr Reize, als in ganz Afrika zu finden sind. Und ich hatte all die entzückende Schönheit, war mit all' der Lieblichkeit, dem namenlosen Zauber umflossen, womit Mutter Eva aus den Händen Gottes hervorging; noch hatt' ich keinen Mann erkannt, aber bald mußt ich's. Die Rose, die ich dem schönen Fürsten von Massa Carrara aufbewahrt, zerknickte der Hauptmann der Räuber; eine abscheuliche Fratzenfigur von Neger, die mir dadurch noch ungemeine Ehre zu erweisen glaubte.

Wahrlich! die Fürstin von Palestrina mußte sowohl wie ich Herkulesschultern haben, um all das Ungemach zu tragen, das bis zu unsrer Ankunft in Marokko über uns kam. Kein Wort weiter davon! Es ist etwas zu Alltägliches, als daß es der Mühe lohnte, davon zu reden.

Bei unsrer Ankunft schwamm Marokko in Blut. Fünfzig Söhne des Kaisers Mulei Ismael hatten jeglicher seine Partei; sonach wüteten daselbst fünfzig bürgerliche Kriege. Schwarze fochten gegen Schwarze, Schwarzbraune gegen Schwarzbraune, Mulatten gegen Mulatten; das ganze Land umher glich einer Metzge, wo Arbeit vollauf war.

Kaum waren wir auf dem Gestade, so rückte eine feindliche Partei an, die unserm Korsaren seine Beute abnehmen wollte. Wir waren nach den Diamanten und dem Golde das Allerkostbarste, was er hatte. Ich war Zeugin eines Kampfs, den Ihr in Euren europäischen Gegenden nie so gesehn habt; dazu haben die nordischen Völker nicht heißes, glühendes Blut genug; sie haben ja nicht einmal so viel Wut als jedes Weib in Afrika. Bei Euch Europäern scheint Milchsaft in den Adern zu rinnen, Vitriol, Feuer hüpft, spritzt durch jede Nerve bei den Bewohnern des Atlasgebirges und der benachbarten Gegenden. Wütend wie die Löwen und Tiger und Schlangen dieses Landes fielen sie sich an und strebten, uns einander abzukämpfen. Ein Mohr packte meine Mutter beim rechten Arm, der Leutnant unsers Schiffs riß sie beim linken zurück; stracks nahm ein Schwarzer ihren einen Fuß, einer unsrer Seeräuber zog sie beim andern nach sich. Und so wurden all' unsre Frauenzimmer beinahe in einem Nu von vier Soldaten angepackt.

Mein Hauptmann hatte mich hinter sich versteckt und säbelte alles nieder, was sich zwischen ihn und seinen Grimm stellte. In kurzem sah' ich unsre Italienerinnen und meine Mutter von denen Ungeheuern zerrissen, zerhauen, zerfetzt, die sich um ihren Besitz herumkämpften. Gefangne und Gefangennehmer, Soldaten und Matrosen, Schwarze und Weiße und Mulatten, alles, alles wurde niedergemacht, endlich mein Hauptmann auch, und ich blieb sterbend auf einem Haufen von Toten liegen.

Solcherlei Szenen wurden bekanntermaßen in einem Bezirk von mehr denn dreihundert Meilen gespielt, ohne daß man deshalb die fünf Gebete vergaß, die Mahomet täglich zu beten befohlen hat.

Es ward mir sehr sauer, mich unter der Menge aufeinandergeschichteter blutiger Leichname hervorzuarbeiten. Ich schleppte mich nach einem großen Pomeranzenbaum, der am Rande eines nahen Bachs stand. Entsetzen und Müdigkeit, Verzweiflung und Hunger hatten mich so erschöpft, daß ich sogleich umsank und bald darauf einschlummerte.

Es war mehr Ohnmacht als Schlaf, worin ich mich befand. In diesem Mittelzustand zwischen Leben und Tod, in dieser Art von Hinbrüten mocht' ich eine Weile gelegen haben, als ich eine Last auf mir liegen fühlte, und mein Körper Erschüttrungen bekam. Ich blickte auf und ward einen wohlgebildeten jungen weißen Mann gewahr. Er seufzte und murmelte zwischen den Zähnen: O che sciagura d'essere senza coglioni.

Zwölftes Kapitel: Wie übel es der Alten weiter erging
Erstaunt und entzückt, meine Muttersprache zu hören, und über die eben vernommene Rede nicht wenig verwundert erwiderte ich, daß es noch größers Unglück gäbe, als das sei, worüber er sich beklagte. Mit einem paar Worten erzählt' ich ihm alle das gräßliche Elend, dessen Opfer ich gewesen, und sank wieder in Ohnmacht. Er trug mich in ein benachbartes Haus, legte mich in ein Bette, brachte mich wieder zu mir, erquickte mich, ließ mirs nicht an Wartung und Trost abgehn, und an Schmeicheleien; sagte, er habe nie auf Gottes Erdboden ein schöners Geschöpf gesehn als mich, und seinen unersetzbaren Verlust nie so stark betrauert als jetzt.

Ich bin aus Neapel bürtig, sagte er, wo jahraus jahrein zwei- bis dreitausend Knaben kapaunt werden. Einige sterben, andre erhalten Stimmen, die an Schönheit die weiblichen übertreffen, noch andre gehn aus in alle Lande und werden ans Staatsruder gesetzt. Ich ward mit dem günstigsten Erfolge kastriert und sodann Kapellsänger bei Ihro Durchlaucht, der Fürstin von Palestrina.

Bei meiner Mutter, schrie ich! Bei Ihrer Frau Mutter! rief er, und Tränen schössen über seine Wangen. So wären Sie die junge Prinzessin Aurora, die ich bis ins sechste Jahr erzogen, bei der damals all' die Reize in der Knospe lagen, die ich bei Ihnen in so voller, schimmernder Blüte sehe! Sind Sie's denn wirklich! „Wirklich! und meine Mutter liegt vierhundert Schritt von hier unter einem Haufen von Toten gevierteilt!" Ich erzählt' ihm all' meine Begebnisse, und er mir die seinigen, er sagte mir, eine gewisse christliche Macht hab' ihn nach Marokko gesandt, um mit diesem Monarchen einen Traktat zu schließen, mittelst dessen man ihm Pulver, Kanonen und Schiffe zu liefern versprach, damit er um so leichter dem Handel der übrigen christlichen Mächte den Garaus machen könnte. Mein Auftrag ist beendigt, sagte der ehrsame Kastrat zu mir, ich schiffe mich zu Ceuta ein und bringe Sie nach Italien zurück. Ma che sciagura d'essere senza coglioni!

Ich vergoß Tränen des innigsten Danks für all' das, was er an mir getan hatte und noch tun wollte. Er brachte mich nicht nach Italien, sondern nach Algier, und verkaufte mich an den dortigen Dei. Kaum war ich verkauft, als die Pest, die nachher Afrika, Asien und Europa durchzogen hat, in Algier zu toben begann. Erdbeben haben Sie schon gesehn, doch die Pest wohl nie gehabt, Baroneß? Nie, antwortete Kunegunde. Sonst würden Sie mir einräumen müssen, daß Erdbeben, dagegen gerechnet, gar nichts sagen will. In Afrika ist sie gang und gäbe; sie verschonte mich auch nicht. Stellen Sie sich nun die Lage vor, worin sich die fünfzehnjährige Tochter eines Papsts befand! In einem Vierteljahre hatte sie Geliebten verloren und Freiheit, war fast täglich geschändet worden, hatte immer Hungertod und Kriegsgetümmel vor Augen gehabt und sollte jetzt an der Pest sterben.

Ich kam demungeachtet glücklich davon, allein mein Kastrat ging drauf, und der Dei und fast der ganze algierische Serail. Als diese fürchterliche Pest eine kleine Pause gemacht, wurden die Sklaven des Deis verkauft. Ein Kaufmann erhandelte mich und nahm mich nach Tunis, wo er mich einem seiner Kollegen überließ, dieser verkaufte mich nach Tripolis, von Tripolis wurd' ich nach Alexandrien verkauft, von Alexandrien nach Smyrna, von Smyrna nach Konstantinopel.

Nunmehr befand ich mich in den Händen eines Janitscharenführers, der bald darauf Befehl erhielt, dem von den Russen belagerten Assow zum Entsatz zu kommen. Dieser Janitschar war ein überaus galanter Mann; er nahm alle seine Kebsdamen mit, logierte uns in eine kleine Schanze, dicht am See Tana, die von zwei schwarzen Verschnittnen und zwanzig Soldaten bedeckt wurde. Die Russen stürzten anfänglich hin wie die Fliegen; bald aber kehrte sich das Blatt. Assow ging über, wurde mit Feuer und Schwert verwüstet; bei den Überwindern galt kein Ansehn des Alters noch Geschlechts.

Unsre kleine Schanze hielt sich noch; die Feinde beschlossen, sie auszuhungern. Die zwanzig Janitscharen hatten geschworen, sich nie zu ergeben. Der äußerste nagendste Hunger nötigte sie, unsre beiden Verschnittnen aufzufressen, damit sie ihren Schwur nicht zu brechen brauchten. Nach Verlauf etlicher Tage beschlossen sie, es mit uns ebenso zu machen.

Wir hatten aber einen gar frommen Iman bei uns, einen recht barmherzigen Samariter, der hielt eine gar herrliche Predigt, wodurch sie andern Sinnes wurden. Umbringen müßt ihr die Weiber nicht, sagte er, aber jeglicher von ihnen den halben Hinterbacken ablösen, das laß ich gelten; auf die Art werdet ihr Essen die Fülle haben; gebricht's euch wieder an Proviant, nun so wißt ihr ja, wo eure Vorratskammer liegt. Ihr könnt sodann mit Zuversicht hoffen, daß euch Allah wegen einer solchen Barmherzigkeit nicht ohne Beistand lassen wird.

Da dieser Priester ein guter Schwadronör war, so drang er durch, und man nahm die grausame Operation vor. Der Iman bestrich uns in eigner Person mit Beschneidungsbalsam. Wir waren allesamt todsterbenskrank.

Kaum hatten die Janitscharen die Mahlzeit hinter, die wir ihnen verschafften, so waren die Russen in flachen Fahrzeugen da und stürmten die Schanze. Kein Janitschar blieb am Leben. Uns schleppten die Sieger mit, ohne sich um unsern Zustand im mindesten zu kümmern.

Französische Wundärzte findet man allenthalben. Sonach hatten sie einen in der Kunst gar wohlerfahrnen Franzmann bei sich, der nahm uns in die Kur und heilte uns glücklich. Er suchte uns dadurch zu trösten, daß dergleichen Kriegsgebrauch wäre und sich schon bei vielen Belagrungen ereignet hätte. Wie meine Wunden völlig zugeheilt waren, verlangt' er von mir Minnesold. Ich werde den Antrag in meinem Leben nicht vergessen.

Als meine Gespielinnen gehn konnten, mußten sie nach Moskau wandern. Ich fiel einem Bojaren zuteil, der mich zu seiner Gärtnerin machte und mir täglich zwanzig Hiebe mit der Knute gab. Allein nach zwei Jahren wurde dieser Herr mit dreißig andern Bojaren gerädert, weil sie am Hofe ein gar hübsches Rührei gemacht hatten.

Diese Begebenheit benutzt' ich, wipste davon, durchstrich ganz Rußland, war lange Zeit zu Riga Aufwärterin in einem Wirtshause, bekleidete den Posten auch zu Rostock, Wismar Leipzig, Kassel, Utrecht, Leiden, Haag, Rotterdam, ward im Elend und in der Schande alt und grau; schleppte allenthalben meinen halben Hintern mit herum, und die Erinnerung, daß ich die Tochter eines Papsts sei. Hundertmal war ich Willens, mich zu töten, aber immer siegte die Liebe zum Leben.

Diese lächerliche Schwäche ist eine unsrer unseligsten Triebe. Kann man sich wohl etwas Törichters denken als ein Geschöpf, das eine Last immer mit sich herumschleppt, die es gern alle Augenblicke von sich werfen möchte? Das sein Dasein verabscheut und doch platterdings nicht daran will, ihm ein Ende zu machen? Kurz das eine Schlange hätschelt, die immer in ihm fortnagt, bis sie ihm das Herz abgefressen hat.

In all' den Ländern, wohin mich das Schicksal getrieben, und in allen Wirtshäusern, wo ich Aufwärterin gewesen, hab' ich Personen die Menge gefunden, die ihr Dasein verfluchten, aber nur ein Dutzend gesehn, die ihrem Elende ein freiwilliges Ende machten. Das waren drei Mohren, vier Engländer, vier Genfer und ein Leipziger Professor, Namens Robeck.

Mein letzter Dienst war bei dem Juden Don Isaschar. Ich lernte ihn vor zwei Jahren in Rotterdam kennen, wo er in dem Gasthofe logierte, worin ich diente. Ein niedlicher Bettwärmer, den er mit sich gebracht, hatte sich in alle seine Kostbarkeiten und in seine vollgepfropfte Börse so stark verliebt, wie er sich in dies Kreatürchen, und den Anschlag gemacht, durch meine Beihilfe damit über alle Berge zu gehn. Diese Zumutung verdroß mich; ich steckte dem Juden das Projekt seines Madchens; er verhinderte sie an dessen Ausführung, indem er sie sitzen ließ, und mich nahm er zur Belohnung meiner Redlichkeit mit nach Portugal, wo er mir Zeit Lebens Unterhalt zu geben versprach.

Bald darauf kamen Sie in sein Haus, und er gab mich Ihnen zur Bedienung. Sie wissen, wie ich stets an Ihnen gehängt, gnädge Baroneß, wie ich über Ihre Schicksale ganz die meinigen vergessen habe, die um so härter sind, da mein Elend nur erst mit meinem Leben ein Ende nehmen kann. Denn Sie müssen noch wissen, bei Verlust des Kopfs darf ich mich in den Landen meines verstorbnen Vaters nicht wieder sehn lassen. Sein Nachfolger auf dem päpstlichen Stuhl, ein geschworner Feind meiner Mutter und des Hauses Massa Carrara, hat nicht nur alle unsre Güter eingezogen, sondern auch bei Landesverweisung verboten, meiner in Gesellschaft zu erwähnen. Durch ihn, teils bestochen, teils durch niedrige Schmeichelei bewogen, haben verschiedne Geschichtsschreiber nicht nur meinen Vater aus der Liste der Päpste weggelassen, sondern auch sogar öffentlich im Druck meine und meiner Mutter Existenz glatt weggeleugnet.

Urteilen Sie nun selbst, wer von uns beiden das Mehrste erlitten hat, und gleichwohl hätt' ich Ihnen nie meine Unglücksfälle erzählt, wenn Sie mich nicht durch Ihre bittern Klagen dazu aufgefordert hätten, und wenn's nicht im Schiff, so gut wie auf der Landkutsche Mode wäre, der lieben Langeweile halber Historien zu erzählen.

Machen Sie sich 'mal das Vergnügen, gnädige Baroneß, und nötigen Sie jeden aus unsrer Reisegesellschaft, seinen Lebenslauf zu erzählen; ich behaupte — und ich habe mir Erfahrung genug gesammelt, um das mit Grund behaupten zu können —, daß kein einziger darunter ist, der nicht sein Dasein verflucht, sich oft selbst gesagt hat, daß er der unglücklichste unter allen Menschen sei. Finden Sie einen, der das nicht getan hat, nun so stürzen Sie mich kopfüber ins Meer.

Dreizehntes Kapitel: Wie sich Kandide genötigt sahe, die schöne Kunegunde und die Alte zu verlassen
Nunmehr begegnete die schöne Kunegunde der Alten mit all' der Achtung, die einer Dame von ihrem Rang und Verdiensten gebührte. Sie nahm ihren Vorschlag an und beredete ihre Reisegefährten, nach der Reihe ihre Begebenheiten zu erzählen. Kandide und sie mußten gestehn, daß die Alte recht hatte. Schade, sehr schade! sagte Kandide, daß der weise Panglos wider alle Sitt' und Brauch in einem Audodafé ist aufgehängt worden, was für vortreffliche Dinge würd' er über das physische und moralische Übel sagen, das unsern Erdwasserball bedeckt, und ich würde mich stark genug fühlen, ihm einige bescheidne Einwürfe zu machen.

Über die Erzählungen langte man, eh' man sich's versahe, in Buenos-Aires an. Kunegunde, Hauptmann Kandide und die Alte begaben sich zum dasigen Statthalter, dem Don Fernando d'Ibara y Figueora y Mascarenes y Lampourdos y Souza. Er war so hochfahrend, als es ein so vielbetitelter Mann sein mußte; sprach in so hochadelig-verächtlichem Tone mit Mannspersonen, trug seine Nase so hoch hinaus in die Lüfte, erhub seine Stimme so posaunenmäßig, hatte einen so befehlshaberischen Ton und solchen Pfauengang, daß jedem, der ihm seine Aufwartung machte, der Gelust ankam, ihn derb durchzuprügeln; die Frauenzimmer liebt' er aufs heftigste; Kunegunde deuchte ihm das schönste, reizendste Geschöpf, das er je gesehn. Seine erste Frage war, ob sie des Hauptmanns Frau sei.

Das fragte er mit einem Ton, mit einer Miene, daß Kandide ganz zu Boden geschlagen wurde. Für seine Frau mocht' er sie nicht ausgeben, weil sie's noch nicht war, für seine Schwester auch nicht, denn das war sie noch weniger; er war zu sehr Teutscher, um sich dieser Notlüge zu bedienen, die so manchen Patriarchen aus der Not gerissen hatte und auch noch heutiges Tages gute Dienste leisten konnte. Deshalb sagte er grad heraus: die Baroneß Kunegunde wird mich mit ihrer Hand beehren, und wir ersuchen Ihro Exzellenz untertänigst, die hohe Gnade für uns zu haben und unsre Hochzeit auszurichten.

Don Fernando d'Ibara y Figueora y Mascarenes y Lampourdos y Souza strich hohnlächelnd seinen Zwickelbart und befahl dem Hauptmann Kandide, seine Kompanie zu mustern. Kandide gehorchte und ließ den Statthalter bei Baroneß Kunegunden allein. Dieser entdeckte ihr nunmehr seine Brunst und beteuerte ihr, er wolle ihr morgen im Angesicht der Kirche seine Hand reichen; wolle sie ihn aber mit ihrer außerehlichen Liebe beglücken, so woll' er sich auch da nach ihr richten. Kunegunde bat sich eine Viertelstunde von ihm aus, um sich sammeln, die Alte um Rat fragen und sich entschließen zu können. Die Alte sagte zu ihr: Sie haben zweiundsiebenzig Ahnen und keinen roten Heller, können jetzt die Gemahlin des angesehnsten und stattlichsten Zwickelbarts in ganz Südamerika werden. Was wollen Sie sich da bedenken. Not hat kein Gebot, und wozu Sie den Pastor Fido im Reifrock spielen wollen, seh' ich nicht ab. Sie sind von den Bulgaren geschändet worden, haben sich vom Juden und Inquisitor brauchen lassen. Wär' ich in Ihrer Stelle, ich griffe zu, nähme den Herrn Statthalter zum Manne ohn' alles Fackeln und machte dem Herrn Hauptmann Kandide sein Glück.

Indes daß das Mütterchen mit all der Klugheit sprach, die Alter und Erfahrung geben, sah' man ein Schifflein in den Hafen einlaufen, worauf sich ein Alkalde und Alguazils, Gerichtsdiener, befanden. Was die Herren wollten, soll der Leser gleich erfahren.

Die Alte hatte ganz recht gehabt, daß der weitärmlige Franziskaner zu Badajos Kunegunden auf ihrer eilenden Flucht ihr Geld und ihre Diamanten gestohlen. Er hatte einige Steine einem Juwelier verkaufen wollen, der sie erkannte und ihn festnehmen ließ. Unterm Galgen hatte der Mönch bekannt, daß er sie gestohlen, die Personen beschrieben, denen er sie entwandt, und den Weg, den sie genommen hatten. Kunegundens und Kandidens Flucht war bereits bekannt: man setzte ihnen bis Cadix nach, ohne sie einholen zu können; von da aus wurd' ihnen ungesäumt ein Schiff nachgesandt, und dies Schiff lag jetzt im Hafen.

Überall hörte man, eben sei ein Alkalde ausgestiegen, und man suche die Mörder des Großinquisitors. Die kluge Alte sahe den Augenblick ein, was zu tun war. Fliehen können Sie nicht, sagte sie zur Kunegunde, und brauchens auch nicht. Ihnen können sie nicht an den Hals kommen, denn Sie sind nicht der Mörder des Inquisitors; Sie haben überdies beim Statthalter solchen Stein im Brett, daß er Ihnen kein Härchen wird krümmen lassen. Bleiben Sie nur in Gottes Namen da. Drauf rannte sie in voller Hast zum Kandide. Machen Sie sich über alle Berge, Herr Hauptmann, raunte sie ihm zu, sonst sind Sie in einer Stunde verbrannt. Aufhalten durft' er sich nicht einen Augenblick, trennen konnte er sich nicht von seiner Kunegunde, und einen Ort, wo er sich hinflüchten sollte, wußt' er nicht.

Vierzehntes Kapitel: Wie Kandide und Kakambo in Paraguay von den Jesuiten aufgenommen werden
Kandide hatte von Cadix einen Bedienten mitgebracht, wie man deren viel auf den spanischen Küsten und in den Kolonien antrifft; einen Viertelspanier, von einem Mestizen in Tukuman erzeugt. Er war Chorknabe gewesen, dann Küster, Matrose, Mönch, Buchhalter, Soldat und war endlich Lakai geworden; er hieß Kakambo und hing sehr an seinem Herrn, weil er eine gar gute, liebe Seele war. Ober Hals und Kopf sattelte er die beiden andalusischen Pferde. Wollen dem Rat der alten Mutter folgen, lieber Herr, sagte er, und zujagen, was nur's Zeug hält, ohn' uns umzusehn.

O traute Kunegunde! rief Kandide, und Tränen flossen über seine Wangen, so muß ich dich denn verlassen! muß dich in dem Zeitpunkt verlassen, da der Herr Statthalter uns zusammenfügen wollte! Mußt' ich dich darum herführen, meine Kunegunde! Oh, was wird aus dir werden!

Kakambo. Alles Guts! sie wird den Mantel nach dem Winde drehn. Ich möchte das Weib sehn, das sich nicht aus der jämmerlichsten Patsche zu helfen wüßte. Und zudem sind ja die Weiber unsers Herrgotts liebste Kinder! — Die Sporen in die Rippen, Herr!

Kandide. Wo willst du denn hin? Wo geht's denn zu? Und was wollen wir ohne Kunegunden machen?

Kakambo. Sie haben doch gegen die Jesuiten wollen zu Felde ziehn, wissen Sie was, ziehn Sie für sie zu Felde. Beim heiligen Jakob vom Compostell, ich weiß Weg und Steg und will Sie Zu ihnen bringen. Das wird ihnen 'ne rechte Herzensfreude sein, einen Hauptmann zu kriegen, der das bulgarsche Manövrieren versteht. Sie werden da 'ne gar herrliche Nummer finden.

Geht's einem in einem Weltteil schief, so zieht man in einen andern, und kömmt da auf 'nen grünen Zweig; kriegt wieder ganz was anders zu sehn, ganz was anders zu hören und auch 'n ganz ander Stückchen Arbeit, wenn man will. Oh! es ist 'n gar scharmantes herrliches Ding ums Reisen!

Kandide. So bist du in Paraguay bekannt?

Kakambo. Wie'n Pudel bei meiner armen Seele! Bin ja Aufwärter gewesen in dem Jesuiterkollegium zu Assumption, weiß im Gouvernement der Los Padres so gut Bescheid wie auf den Gassen zu Cadix. Das ist Ihnen noch ein Königreich, das sich gewaschen hat. Schon jetzt hat's mehr als dreihundert Meilen im Umkreise und ist in dreißig Provinzen eingeteilt. Los Padres schieben alles in ihren Sack, und das Volk hat nicht mal 'ne lahme Laus, die sein wäre. Wie schlau dort die Gerechtigkeit ist! Wie klug sie alles eingefädelt haben! Oh, darüber geht nichts!

Nein! solche herrliche kapitale Kerls gibt's gar nicht mehr wie Los Padres! Hier ziehn sie gegen den König von Spanien und von Portugal zu Felde, dort bebeichten und beabendmahlen sie sie, hier knicken sie den Spaniern auf'n Kopf, dort beten sie sie mit Leib und Seel in'n Himmel, 's ist ganz allerliebst!

Nur immer die Sporen in die Rippen! — Nun werden Sie erst recht ins Wohlleben reinkommen und auf nen grünen Zweig! Sie werden sich recht in der Seele freuen, die Padres, wenn sie hören, daß ein Hauptmann zu ihnen stößt, der das bulgarische Manövrieren versteht.

Am ersten Schlagbaum angelangt, sagte Kakambo zur Schildwacht: Es war' ein Hauptmann da, der dem Herrn Kommandanten seine Aufwartung machen wollte. Sofort wird's der Hauptwache gemeldet, und ein paraguayscher Offizier bringt dem Kommandanten davon Rapport. Kandide und Kakambo werden entwaffnet und die beiden andalusischen Gäule in Beschlag genommen.

Man führte sie durch zwei Reihen Soldaten; am Ende stand der Kommandant, ein dreieckichtes Barett auf, den Rock zurückgeschlagen, den Degen an der Seite, die Offizierspike in der Hand. Er winkte, und sogleich umringten vierundzwanzig Soldaten die beiden Fremden. Ein Sergeant sagte zu ihnen: Sie müßten sich gedulden: der Herr Kommandant könnte sie nicht sprechen, denn Ihro Hochehrwürden der Pater Provinzial erlaubte keinem Spanier anders als in seiner Gegenwart das Maul auf zutun und duldete ihn nicht länger im Lande als höchstens drei Stunden.

Und wo sind Ihro Hochehrwürden? frug Kakambo. „Auf der Parade, Sie haben eben Ihro Messe gelesen. Vor drei Stunden können Sie seine Sporen nicht küssen." „Er ist aber kein Spanier, der Herr Hauptmann, und wir möchten beide vor Hunger umfallen. Könnten wir nicht derweil ein bißchen frühstücken, bis Ihro Hochehrwürden kommen?"

Sogleich rapportierte der Sergeant dem Kommandanten. Ein Teutscher! rief er, ein Teutscher! O Gott Lob, da kann ich ihn prechen. Man führ' ihn in die Gartenlaube. Und man brachte sie sofort in ein kleines grünes Lusthaus.

Es war mit einer gar stattlichen Reihe von grünen Marmorsäulen geschmückt, deren Knauf und Schaft vergoldet war; dahinter lief ringsum ein artiges Gitterwerk, worin sich Papageien befanden, Kolibris, Fliegenfänger, Perlhühner und die allerseltensten Vögel. Das herrlichste Frühstück ward in goldnen Geschirren aufgetragen, unter der Zeit lagen die Paraguayer mitten im Felde bei der stechendsten Sonne und aßen Mais aus hölzernen Schüsseln.

Nicht lange, so trat der wohlehrwürdige Pater Kommandant herein. Ein bildschöner junger Mann; sein Aug war feurig, Lipp' und Wange rot, die Augenbraunen wohlgewölbt, das Gesicht rund und ziemlich weiß. Er hatte in seinem Betragen etwas Edelstolzes, das aber weder den Spanier noch den Jesuiten ankündigte.

Kandiden und Kakambo'n wurden ihre abgenommnen Waffen und ihre beiden Andalusier wieder zugestellt. Kakambo gab ihnen an der Türe des Gartenhauses Haber zu fressen, und damit ihnen kein Tuckmäuserstückchen gespielt würde, verließ er sie mit keinem Auge.

Kandide küßte dem Kommandanten den Saum seines Rocks, und darauf setzten sie sich zu Tische. So, sind Sie ein Teutscher? fragte ihn der Kommandant in dieser Sprache. Worauf ich nicht wenig stolz bin, Ihro Wohlehrwürden, antwortete Kandide. Bei diesen Worten fuhren sie beide zusammen, sahen einander starr an, mit einer Bewegung, die sie nicht bergen konnten. Der Kommandant. Und aus welcher Provinz?

Kandide. Aus dem Rauchloche, dem Herzogtum Westfalen, und bin auf dem Rittersitz Donnerstrunkshausen geboren.

Kommandant. Heiliger Gott! wär's möglich!

Kandide. Welch Wunderwerk!

Kommandant. Sollten Sie's wirklich sein?

Kandide. Es ist gar nicht möglich.

Sie fielen sich um den Hals, hingen fest aneinander, konnten nicht zu Worte kommen, strömten sich in Freudentränen aus. Kandide erhielt die Sprache zuerst wieder: So hab' ich den Bruder der reizenden Kunegunde in meinen Armen. Ja er ist's, der Sohn des Herrn Barons. Es ist Junker Polde, der von den Bulgaren getötet wurde! Und ist jetzt Jesuit in Paraguay! Wahrlich, es geht wunderbar her in der Welt! O Panglos! Panglos! wie würdest du dich freuen, wenn du nicht am Galgen hingest.

Der Kommandant gab seinen Negersklaven und Paraguayern, die ihnen in bergkristallnen Bechern Wein eingeschenkt hatten, einen Wink hinauszugehn. Und nun pries er Gott und den heiligen Ignatus tausendmal und drückte Kandiden an seine Brust. Sie schwammen in Tränen.

Kandide. Schon so im Rausch der Freude Baron! Oh! viel zu früh! Das vollste Maß von Seligkeit erwartet erst Ihrer! Ihre totgeglaubte Schwester lebt, ist frisch und munter.

Kommandant. Kunegunde lebte noch? Wäre wohlauf? Wo ist sie denn? wo?

Kandide. Ganz in der Nähe, beim Herrn Statthalter von Buenos-Aires.

Nun hub Kandide an, alles zu erzählen, was sich seit seiner Schloßverweisung bis zu seiner Reise nach Amerika zugetragen hatte. Der gejesuitete Baron lauschte mit begierigem Ohr und den vollsten Seelenblicken. Als Kandide seine lange Erzählung geendet hatte, fingen sie als ehrliche Teutsche an, tapfer zu zechen. Und da der Pater Provinzial noch nicht kam, begann der Kommandant seine Erzählung wie folgt. Kandide war ganz Ohr und ganz Herz.

Fünfzehntes Kapitel: Weshalb Kandide den Bruder seines Mädchens tötet
Der gräßliche Tag, an dem ich Vater und Mutter töten und meine Schwester schänden sah, wird mir nie aus den Gedanken kommen. Nach dem Abmarsch der Bulgaren suchte man meine anbetungswürdige Schwester allenthalben und fand sie nirgends. Meinen Vater, meine Mutter, mich, die Leichname von zwei Mägden und drei kleinen Buben warf man auf einen Karren, um uns nach einer Jesuiterkapelle zu führen, die zwei Meilen von meines Vaters Schloß lag.

Ein Jesuit besprengte uns mit Weihwasser; es war salzicht wie all der Teufel; einige Tropfen davon spritzten mir in's Auge: der Pater merkte, daß meine Augenlider etlichemal zuckten. Er legte die Hand auf mein Herz und fühlte es schlagen. Die geschicktesten Wundärzte verwandten ihre Kunst an mir, und binnen drei Wochen war ich wieder völlig auf den Beinen. Ein recht hübscher Junge war ich immer, wie Ihr wißt, Kandide, jetzt hatte ich ganz die lachende, blühende Gestalt von Gott Amor. Auch ward der ehrwürdige Pater Krust, der dortige Superior, mein sehr warmer Freund; kleidete mich ein, und sandte mich nicht lange darauf nach Rom. Der Pater General warb damals junge teutsche Jesuiten an. Höchst ungern nehmen die paraguayschen Monarchen Spanier, Ausländer weit lieber, sie denken, sie eher lenken und bändgen zu können.

Der ehrwürdige Pater General fand mich tüchtig, ein Arbeiter in diesem Weinberge des Herrn zu werden. Ich reiste mit einem Tiroler und Polen hieher. Gleich nach meiner Ankunft ward ich Unterdiakonus und Leutnant, jetzt bin ich Obrister und Priester.

Und nun, Kandide, laß sie nur kommen, die königlichen Truppen, laß sie nur kommen. Wir wollen sie fegen! Ich bin dir Manns dafür. Sie sollen derbe Schlappen bekommen und den Kirchenbann obenein. Die Vorsehung hat dich noch zur rechten Zeit zu unserm Beistand hergesandt. Aber sag mir, guter Junge, lebt meine liebe Schwester wirklich noch? und ist sie hier in der Nähe beim Herrn Statthalter von Buenos-Aires? „Bei Gott! es ist keine Lüge!"

Und sie strömten von neuem in Tränen aus. Der Baron hing an seinem Halse, konnte gar nicht los von ihm, nannte ihn seinen Bruder, seinen Retter. O! Kandide, rief er, trauter Kandide! Zögen wir doch erst als Sieger in die Stadt ein und führten Schwester Kunegunden zurück. Mein einziger Wunsch! sagte Kandide, denn ich war Willens, sie zu heiraten, und bin's auch noch. Der Baron riß sich los von ihm, schleuderte ihn zurück. „Übermütiger Bengel! heiraten wollt Ihr meine Schwester! Ihr sie heiraten! Ein Fräulein von zweiundsiebenzig Ahnen! Verdammt über die Unverschämtheit! Und ist so keck, die Bürgerkanalje, und sagt mir die infame Sottise ins Gesicht!"

Kandide stand da wie Laokoon's Bildsäule und sagte, wie er wieder Worte fand: Mein Wohlehrwürdger Pater, alle Ahnen auf Gottes Erdboden können hier nicht in Anschlag kommen! Ich riß Ihre Schwester aus den Armen eines Inquisitors; sie hat mir nicht wenig Verbindlichkeiten, und deshalb gibt sie mir ihre Hand ganz aus freien Stücken. Magister Panglos hat mir immer gesagt, daß alle Menschen einander gleich sind. Daher können Sie versichert sein, ich heirate sie.

Wollen sehn, Schurke! Wollen sehn! rief der gejesuitete Baron von Donnerstrunkshausen und gab ihm mit der flachen Klinge einen derben Hieb übers Gesicht. Kandide gleich heraus mit seinem Degen und ihm selbigen bis ans Heft in den Leib gejagt.

Doch wie er ihn rauchend herauszog, hub er bitterlich an zu weinen. O mein Gott! da hab' ich ihn umgebracht, meinen alten Herrn, meinen Freund, meinen Schwager. Bin solch erzgutes Geschöpf und habe nun schon drei Menschen ermordet! Und unter den dreien zwei Priester.

Kakambo, der an der Lusthaustüre Schildwacht gestanden, kam hereingesprungen. Jetzt müssen wir uns unsrer Haut wehren, fechten, solang' wir noch einen Finger rühren können! rief ihm sein Herr zu. Unangegriffen bleiben wir gewiß nicht. Kakambo, der den Karrn schon weit ärger hatte im Kote stecken sehn, ließ die Flügel noch gar nicht sinken und schob wieder in einem Hui den Karrn aufs Trockne, und das auf folgende Art: Er warf das Jesuiterkleid des getöteten Baron's seinem Herrn um, setzte ihm das Barett auf, half ihm auf's Pferd und sagte: Nun zugejagt, Herr, was das Zeug hält! Man wird Sie für einen jesuitschen Adjutanten ansehn, und wir werden über die Grenze sein, eh' man uns nachjagen kann. Und damit vorangejagt und auf spanisch gerufen: Platz da! Platz! Ihro Wohlehrwürden kommen, der Herr Obrister!

Sechzehntes Kapitel: Zwei Mädchen und zwei Paviane stoßen unsern Reisenden auf. Wie's ihnen bei den Wilden, die Langohren genamst, ergeht
Kandide war mit seinem Bedienten schon über die Grenze, und noch krähte im Lager nicht Hund noch Hahn über des teutschen Jesuiten Tod. Der flinke Kakambo hatte seinen Mantelsack mit Pumpernickel, Schokolad, Schinken, Knackwurst, Obst und einigen Maßen Wein gar wohl bespickt. Sie waren schon ziemlich tief in einem wildfremden, ganz ungebahnten Lande, als sie eine schöne Wiese vor sich liegen sahen, von vielen Bächen durchschnitten. Hier ließen sie ihre Gäule weiden, und Kakambo tat seinem Herrn den Vorschlag, zu essen, und ging ihm mit gutem Beispiel vor.

Ich, Schinken essen, Kakambo, und habe den Sohn des Herrn Barons erschlagen; darf meine Kunegunde in meinem Leben nicht wiedersehn! Wozu hülf es, ein elendes Leben zu fristen, das ich fern von meiner Geliebten in Reu' und Verzweiflung zubringen muß. Und überdem, wie wird das Journal zu Trévoux mir mitspielen, wenn selbiges es erfährt.

So sprach Kandide und aß dabei ein Stückchen Schinken nach dem andern, trank ein Gläschen aufs andre. Die Sonne ging unter. Unsre Verirrten hörten ein schwaches Gekreisch; es deuchte ihnen Weibergekreisch. Sie wußten nicht, obs Geschrei der Freude oder der Angst war, sprangen auf mit all der Unruh' und Besorgtheit, die man in einem ganz fremden Lande zu haben pflegt, wenn man nur ein Espenblatt rauschen oder einen starken Laut schallen hört. Wie ein Blitz kamen ein paar Mädchen in puris naturalibus über die Wiese weggeschossen und hinter ihnen drein zwei Affen, die sie in die Lenden bissen. Diese Dirnen erhuben jenes Gekreisch.

Kandiden jammerte der Anblick, er hatte bei den Bulgaren schießen gelernt und hätte wohl eine Nuß aus einem Haselbusch herunterbüchsen können, ohne die Blätter zu streifen. Er schlug seine doppelte spanische Flinte an und erschoß die beiden Affen. Gott Lob, mein lieber Kakambo, sagte er, die armen Mädchen hab' ich aus recht großer Gefahr gerettet. Beging ich Sünde, daß ich einen Inquisitor tötete und einen Jesuiten, so hab' ich jetzt an diesen Mädchen ein recht verdienstliches Werk getan. Ich bin der Retter ihres Lebens. Vielleicht sind sie von vornehmem Stande, und so kann uns dies Abenteuer hier im Lande viel Vorteil verschaffen.

Er verstummte aber plötzlich, als er sah, daß diese beiden Dirnen zärtlich die Affen umarmten, in Tränen über ihre Leichname schmolzen und mit dem wehmütigsten Geschrei die Lüfte erfüllten. Soviel Güte des Herzens hätt' ich den Mädchen nicht zugetraut, sagte endlich Kandide.

Kakambo. Sie haben wieder einen schönen Streich gemacht. Die Herren Paviane, die sie eben niedergebüchst, sind ja die feinen Liebchen von den beiden Dirnen! Kandide. Das, ihre Liebhaber! Schäker! wie war das möglich? Wie ist das glaublich?

Kakambo. Als wär' das wieder so was zu verwundern! Was ist das nun mehr, daß es ein Land in der Welt gibt, wo Pavians bei den Weibern Hahn im Korbe sind. Es sind Viertelmenschen so wie ich ein Viertelspanier.

Kandide. Ha! ich besinne mich, von Magister Panglos gehört zu haben, daß ehemals sich dergleichen zugetragen und daß aus dieser Vermischung die Ägipane, Faun' und Satyrn entstanden wären; daß viele große Männer des Altertums sie gesehn hätten. Ich nahm aber das alles für Märchen.

Kakambo. Und ist doch die helle, klare Wahrheit, die Sie nun mit Händen greifen können! Sehn Sie, so machens die Mädel, die niemals unter der Schere der Mutter oder 'ner wohlehrbaren, steifen Französin gestanden haben. Da haben Sie die liebe Natur! - - Bei alle dem ist mir gar schwül zu Mute, Ich fürchte, ich fürchte, die Damen werden uns einen gar saubern Brei einbrocken.

Kandide fand, daß sein Kakambo eben nicht unrecht hatte, und machte sich samt ihm tiefer ins Land hinein. Sie lagerten sich mitten in einem Gebüsch und aßen ihr Abendbrot; vermaledeiten den Großinquisitor, den Gouverneur von Buenos-Aires und den Baron und schliefen auf dem Moose ganz ruhig ein. Beim Erwachen merkten sie, daß sie sich nicht rühren konnten. Und das kam daher: die dortigen Einwohner, die Langohren, an welche die beiden Damen sie verraten, hatten sie in der Nacht mit Stricken von Bast zusammengebunden.

Ringsum standen so ein fünfzig Langohren, ganz nackt, Pfeile, Keulen und Äxte von Kieselstein in den Händen. Einige setzten einen großen Kessel übers Feuer, das sie anbliesen; andre schnitzten Bratspieße, und alle insgesamt schrien; ein Jesuit! Ein Jesuit! Da wollen wir unser Mütchen kühlen! 's soll 'n gar herrlicher Fraß sein! Wollen ihn auffressen, den Jesuiten! Wollen ihn auffressen!

Hab' ichs Ihnen nicht gesagt, lieber Herr, rief Kakambo kopfhängend, die Mädel würden uns 'ne gar saubre Pastete anrichten? Zuverlässig werden wir gesotten oder gebraten! rief Kandide, wie er den Kessel und die Bratspieße sah. Ha! was würde Magister Panglos sagen, wenn er so die Natur in all ihrer Rohheit sähe! Es ist alles gut gemacht; es sei drum, aber doch muß ich. gestehn, es ist hart, äußerst hart, daß ich Baroneß Kunegunden verloren habe und hier von den Langohren an den Spieß gesteckt werde.

Kakambo, der sich immer aus dem verworrensten Hanfe zu haspeln wußte, sagte zum trostlosen Kandide: Immer getrost, Herr. Ich versteh' den Kerls ihr Rotwälsch ein wenig. Ich will hin und mit ihnen sprechen. Vergiß ja nicht, sagte Kandide, ihnen aufs lebhafteste vorzustellen, daß es gräßlich Unmenschlichkeit ist, Menschen zu braten, und wie wenig christlich das gedacht ist.

Nicht wahr, Kinderchen, sagte Kakambo, ihr denkt, ihr wollt heut einen Jesuiten schmausen! Das ist recht löblich! Recht brav, wenn man so mit seinen Feinden verfährt. Schlag deinen Nächsten tot! Das ist nach der Natur Rechtens, und das gilt allenthalben auf Gottes weitem Erdboden. Daß wir ihn nun nicht auffressen, wie's auch nach der Natur Rechtens ist; nun das kömmt daher, wir haben schon sonst leckre Gerüchte; ihr guten Leute aber nicht, und da ist's denn immer freilich besser, seine Feinde in seinem Magen zu begraben, als die Frucht seines Sieges den Raben und Krähen preiszugeben.

Aber Kinderchen, eure guten Freunde werdet ihr doch nicht verzehren wollen? Ihr denkt einen Jesuiten an den Spieß zu stecken, und 's is eur Schutzpatron, ein erzabgesagter Feind von euren Feinden, die ihr rösten wollt. Was mich anlangt, ich bin in eurem Lande geboren, und der junge Mann da, ist mein Herr und nichts weniger als 'n Jesuit; hat vielmehr einen Jesuiten umgebracht und seine Jacke angezogen, und eben darum habt ihr euch geirrt.

Damit ihr nun seht, daß ich kein Windbeutel bin, so nehmt den Rock, zeigt ihn an dem ersten Grenzorte den Padres und fragt, ob mein Herr nicht einen jesuitschen Offizier kaltgemacht hat. 's is ja nur 'n Katzensprung bis dahin, und findet ihr, daß ich euch belogen habe, so könnt ihr uns ja noch immer fressen. Hab' ich euch aber reinen Wein eingeschenkt, nun, so wißt ihr zu gut, was Rechtens ist, als daß ihr uns nicht begnadgen solltet.

Hat ganz recht! schrien die Langohren, und sie trugen zwei von den Ältesten des Landes auf, nach dem Jesuiterlande zu kutschieren und sich nach der Wahrheit zu erkundigen. Als Leute von Kopf richteten selbige ihren Auftrag glücklich aus und brachten gar fröhliche Mär mit.

Die Langohren banden ihre Gefangnen los, erwiesen ihnen ungemein viel Höflichkeiten, setzten ihnen Mädchen vor, Erfrischungen und begleiteten sie bis an die äußersten Grenzen unter dem lauten Jubelgeschrei: 's ist kein Jesuit nicht! 's ist kein Jesuit nicht!

Sonderbar die Ursach meiner Befreiung, sagte Kandide. Und sonderbar dies Volk und ihre Sitten! Wie gut es war, daß ich dem Bruder der Baroneß Kunegunde den Degen bis ans Heft in den Leib gejagt hatte, sonst hätt' ich ohne alle Barmherzigkeit an den Spieß gemußt. Bei alle dem, die pure, rohe Natur ist auch so übel nicht. Denn wie äußerst höflich waren nicht die Leutchen gegen mich, als sie erfuhren, ich wäre kein Jesuit; da war gar nicht mehr die Rede vom Auffressen.

Siebzehntes Kapitel: Kandide kommt mit seinem Bedienten nach Eldorado. Was sie da gesehn
Wie sie über den Grenzen der Langohren waren, sagte Kakambo zu Kandiden: Sie sehn wohl, diese Hälfte der Erdkugel ist sowenig 'nen Pfifferling wert wie jene. Das Gescheitste wäre, wir gingen wieder nach Europa, und das je ehr, je besser. Kandide. Wieder nach Europa? Und wo dann hin? Nach Westfalen, da schlagen Bulgaren und Abaren tot, was lebendigen Odem hat, nach Portugal, da werd' ich verbrannt; und bleiben wir hier, so sind wir keinen Augenblick sicher, gespießt und aufgezehrt zu werden. Und doch kann ich mich nicht entschließen, den Teil der Welt zu verlassen, der meine Kunegund' in sich schließt.

Kakambo. I, wissen Sie was! so wollen wir nach Karolina gehn. Dort finden wir Engländer, die ziehn durch die ganze Welt. Helfen tun uns die gewiß; es sind gar gute Geschöpfe, und Gott wird uns auch beistehn.

Nach Karolina zu kommen, war so leicht eben nicht; nach welcher Seite sie ihre Richtung nehmen mußten, wußten sie wohl so ungefähr; allein von allen Seiten her türmten sich ihnen schreckliche Hindernisse entgegen; Gebirge, Flüsse, Abgründe, Straßenräuber und Wilde. Ihre Gäule wollten vor Strapazen umfallen, ihr Proviant war rein alle; schon einen ganzen Monat lang nährten sie sich mit Kokosfrüchten. Endlich gelangten sie an das Ufer eines kleinen Flusses, das mit Kokosbäumen besetzt war. Da fanden sie wieder Nahrung ihres Lebens und ihrer Hoffnung.

Kakambo, ein so stattlicher Ratgeber wie die Alte, sagte zum Kandide: Weiter können wir nicht; haben auch schon 'nen ganz artgen Marsch gemacht. Dort am Ufer steht ein leeres Kanot, wollens mit Kokosnüssen anfüllen und uns 'reinwerfen. Der Strom mag uns hinführen, wo er hin will. Er bringt uns gewiß nicht hin, wo die Welt mit Brettern vernagelt ist. Mag's uns nun gut gehn oder nicht; kriegen wir doch wieder was Neues zu Gesichte. Es sei drum, sagte Kandide. Die Vorsicht steh' uns bei.

Sie trieben so etliche Meilen fort; bald war das Gestade blühend und lachend, bald öd' und dürr, bald niedrig, bald steil. Der Fluß ward immer breiter und verlor sich in eine Kluft von schrecklichen, himmelanstrebenden Felsen. Die beiden Reisenden waren so dreist, sich auch hier noch den Fluten zu überlassen. Der sich hierselbst verengende Fluß riß sie mit fürchterlichem Getöse schnell hindurch. Nach vierundzwanzig Stunden sahen sie das Tageslicht wieder, scheiterten aber gegen die Klippen.

Eine ganze Meile weit mußten sie sich von Klippe zu Klippe fortarbeiten, endlich lag eine unermeßliche Ebene vor ihnen, um die sich eine Kette unersteiglicher Gebirge schlang. Wohl gepaart herrschten Nutzen und Vergnügen auf diesen Feldern, und der Nutzen hatte immer die Miene des Angenehmen. Auf allen Wegen und Stegen prangten Wagen einher, deren Bauart so ausnehmend nett war als glänzend die Materialien; bildschöne Männer und Weiber saßen darauf; große rote Hammel zogen sie mit der größten Schnelligkeit fort. An Flüchtigkeit übertrafen diese Tiere die besten Gäule aus Andalusien, Tetuan und Mequinez.

Das ist ja ein ganz ander Land als Westfalen! rief Kandide. Bei dem ersten Dorfe, das sie antrafen, kletterte er mit Kakambo'n vom Felsen herunter. Wie sie in den Flecken hereintraten, fanden sie einige Bauerjungen in zerlumpten brokatnen Jacken, Wurfscheiben spielen. Sie konnten sich gar nicht satt an ihnen schauen. Ihre Steine waren ziemlich breit, rund, sahen gelb, rot und grün aus und hatten ausnehmenden Glanz. Unsre Reisenden kamen auf den Einfall, einige davon aufzuheben, und siehe, es war Gold, Smaragden und Rubine. Der kleinste von diesen Edelsteinen würde dem Thron des Großmoguls zur größten Zierde gedient haben. Vermutlich müssen das die königlichen Prinzen sein, die hier Wurfscheiben spielen, sagte Kakambo. Der Dorfschulmeister erschien in diesem Augenblick, um sie in die Schule zu treiben. Ha! ihr Instruktor! rief Kandide.

Sogleich trollten sich die kleinen Bettelbuben vom Spiel' und ließen ihre Steine und all ihr Spielzeug auf der Erde liegen. Kandide hob's auf, rannte dem Schulmeister nach, überreichte es ihm in der demütigsten Stellung und gab ihm pantomimisch zu verstehn, Ihro königlichen Hoheiten hätten ihr Gold und Kleinodien vergessen. Lächelnd warf der Schulmonarch beides auf die Erde, sah' einen Augenblick Kandiden mit großen, sperrangelweiten Augen und Munde an und wanderte seines Weges.

Hurtig hoben unsre Herren aus der andern Welt das Gold, die Smaragden und Rubine wieder auf. Wo sind wir? rief Kandide. Die Königssöhne hier müssen recht philosophisch erzogen werden, da sie Gold und Edelgesteine so frühzeitig verachten lernen. Kakambo stutzte diesmal so sehr wie sein Herr. Endlich kamen sie an das erste Haus im Dorfe, völlig gebaut wie ein europäischer Palast. Ein buntes Gewühl von Menschen war vor der Türe, inwendig ein noch bunters. Die melodischste Musik scholl ihnen entgegen, der lieblichste Geruch duftete aus der Küche her.

Kakambo, der vorangegangen war, hörte daß man darin peruisch sprach; das war seine Muttersprache. Kakambo war, wie die Welt weiß, aus Tukuman; ein Dorf, wo man keine andre Sprache kennt. Ich will Ihr Dolmetscher sein, sagte er zum Kandide. Lassen Sie uns 'reingehn. 's ist 'n Wirtshaus. Zwei junge Gesellen und zwei junge Aufwärterdirnen im Gasthofe, mit Goldgewändern angetan und das Haar mit Band aufgeflochten, nötigten sie sogleich an die Wirtstafel. Man trug vier Suppen auf; jede war mit zwei Papageien garniert, einem gesottnen Kondor von zweihundert Pfund und zwei gebratnen Affen von trefflichem Wohlgeschmack; man setzte dreihundert Kolibris in einer Schüssel auf und sechshundert Fliegenfänger in einer andern und die köstlichsten Ragouts und Pasteten und das niedlichste Gebackne. Das all lag auf Schüsseln, von einer Art Bergkristall gemacht. Die Aurwärter und Aufwärterinnen schenkten vielerlei Getränke ein, alle aus Zuckerrohr verfertigt.

Die meisten Gäste waren Kauf- und Guts-Leute, Männer von ungemein viel Lebensart und Weltton. Die Fragen, die sie an Kakambo'n taten, verrieten insgesamt den vorsichtigen, bescheidnen und verständigen Mann; über alles, was er wissen wollte, gaben sie ihm die hinlänglichste Auskunft.

Als sie abgegessen hatten, warf Kakambo und Kandide zwei von den aufgehobnen Goldstücken hin, womit sie ihre Zeche recht reichlich zu bezahlen glaubten. Der Wirt und die Wirtin hielten sich die Seiten und konnten vor Lachen lange nicht zu sich kommen. Sie sind Fremde, merken wir wohl, sagte der Wirt endlich, und Fremde haben wir noch gar nicht zu Gesichte gekriegt. Müssen's uns ja nicht übelnehmen, daß wir beide vorhin so aufprusteten, mein Weib und ich. 's kam uns gar zu schnurrig vor, daß Sie uns mit Feldsteinen bezahlen wollten. Vermutlich haben Sie kein solch Geld, als bei uns zu Lande gang' und gäbe ist. Tut aber weiter nichts, können deshalb doch immer Zehrung bekommen und Dach und Fach noch obenein. Bei uns sind die Wirtshäuser angelegt, Handel und Wandel in Flor zu bringen, und wir Wirte werden vom Könige bezahlt. Schmalhans ist freilich heut' Ihr Küchenmeister gewesen, aber lassen Sie's gut sein, wo Sie nun hinkommen werden, wird man Ihnen recht nach Standesgebühr und Würden aufschüsseln. Unser Dörfchen ist grade das einzige im ganzen Reiche, wo die Einwohner nicht viel in die Milch zu brokken haben.

Alles dies verdolmetschte Kakambo Kandiden, der darüber nicht weniger in Verwirrung geriet, sich daraus so wenig zu finden wußte wie jener. Was muß dies für ein Land sein, sagte Kandide, das dem übrigen Teil des Erdbodens unbekannt ist, und wo die ganze Menschennatur von der unsrigen so verschieden ist?

Vermutlich ist's das Land, wo alles gut geht. Denn ein solches Land muß es doch platterdings geben. Und was auch Magister Panglos sagte, so hab' ich doch oft bemerkt, daß es in Westfalen ziemlich schlecht bestellt war.

Achtzehntes Kapitel: Was sie in Eldorado sahen
Der neugierige Kakambo legte dem Wirt so viel Fragen vor, daß ihm dieser keine Auskunft mehr geben konnte. Dumm bin ich nun herzlich, aber es schadet mir nichts, sagte der Wirt. Wissen Sie was, wir haben einen alten Herrn hier, ehedem war er bei Hofe; einen hochgestudiertern Mann gibt's im ganzen Lande nicht. Geben Sie dem halbweg ein gut Wort, so kramt er Ihnen all seine Gelehrsamkeit aus. 's is ne rechte gute ehrliche Haut.

Sogleich führte er Kakambo zu dem Alten. Kandide, der jetzt die zweite Rolle spielen mußte, begleitete seinen Bedienten. Das Haus des Gelehrten sah ganz schlecht und recht aus. Die Tür bestand aus kahlem Silber, die Vertäflung des Zimmers aus lumpichtem Golde, war aber so geschmackvoll gearbeitet, daß sie von der reichsten Vertäfelung nicht verdunkelt wurde. Das Vorzimmer war freilich nur mit Rubinen und Smaragden ausgelegt, allein alles daselbst so schicklich angeordnet, daß man diese bäurische Einfalt bald darüber vergaß.

Der Greis nötigte die beiden Fremden auf ein mit Kolibrisdunen ausgestopftes Sofa und ließ ihnen in diamantenen Geschirren allerhand Getränke vorsetzen; hierauf befriedigte er ihre Neugier folgendermaßen:

Ich bin hundertundzweiundsiebenzig Jahre alt und habe von meinem Vater, dem königlichen Stallmeister, die erstaunlichen Meutereien gehört, die in Peru vorgefallen sind und wovon er Augenzeuge gewesen. Das Reich, worin wir uns befinden, ist der Stammsitz der Inkas. Um einen andern Weltteil zu unterjochen, verließen sie ihn höchst unweislich und wurden von den Spaniern ganz aufgerieben.

Die Fürsten von ihrem Geblüt, die in ihrem Vaterlande blieben, waren weiser, sie ließen die Verordnung ergehen, daß kein Einwohner je unser kleines Reich verlassen sollte; ein jedweder hat sich danach gefügt, und eben darum besitzen wir unsre Unschuld noch völlig und unsre Glückseligkeit. Die Spanier haben von diesem Lande einen dunklen Begriff gehabt und es Eldorado genannt, und ein Engländer, der Ritter Raleigh, kam vor hundert Jahren ziemlich in unsere Nähe; dennoch sind die uns umringenden unersteiglichen Felsen und unzugangbaren Abgründe eine Brustwehr gegen die Raubgier der europäischen Nationen gewesen, die — was uns unbegreiflich ist — auf unsere Kieselsteine und auf unseren Dreck so gierig, so erpicht sind, wie der Falke auf die Taube, und die imstande wären, uns alle umzubringen, um nur des Bettels habhaft zu werden.

Ihre Unterredung dauerte lange. Sie betraf die Regierungsform, die Sitten, die Weiber, die öffentlichen Schauspiele, die Künste. Endlich ließ Kandide, dessen Steckenpferd Metaphysik war, sich durch Kakambo'n erkundigen, ob sie hierzulande Religion hätten. Und daran könnt Ihr noch zweifeln, sagte der Greis, und eine feine Röte bezog seine Wange. So haltet Ihr uns für Undankbare? Kakambo fragte ganz demütiglich, was sie für eine Religion hätten. Sollte es denn mehr geben können als eine Religion? frug der Greis, und seine Wange färbte sich von neuem. Ich denke, wir haben die Religion, welche die ganze Welt hat: wir beten Gott an vom Morgen bis zum Abend. Sie beten nur einen Gott an? sagte Kakambo, dessen Amt es war, Kandides Zweifel zu verdolmetschen. Als wenn es deren zwei, drei oder vier gäbe! erwiderte der Alte. Wahrlich! Ihr Leute vom andern Weltteil fragt manchmal ganz sonderbar.

Kandide, des Erkundigens noch nicht überdrüssig, fragte durch sein Sprachrohr, wie ihre Gebete beschaffen wären. Von Gebeten wissen wir nichts, antwortete der gute und ehrwürdige Weise. Wozu sollen wir Gebete zu Gott senden? Er gibt uns ja alles, was zu unseres Leibes Nahrung und Notdurft gehört. Dankopfer bringen wir ihm aber unaufhörlich.

Kandide war neugierig, ihre Priester kennenzulernen, und erkundigte sich, wo sie wären. Priester, antwortete der gute Greis lächelnd, ist jedermann bei uns. Der König und jeder Hausvater singt Gott jeden Morgen sein Loblied in Begleitung von sechstausend Geigern und Pfeifern. „So habt Ihr also keine Mönche, die Lehr' und Trost erteilen, Gezeter und Hetzereien anfangen, das Staatsruder ergreifen, intrigieren und Leute verbrennen lassen, die nicht ihrer Meinung sind." Toren wären wir dann, sagte der Greis. Wir sind insgesamt einer Meinung zugetan und verstehn gar nicht, was Ihr mit Euren Mönchen sagen wollt.

Kandiden setzten diese Reden in die äußerste, freudigste Verwunderung, und er sagte bei sich: Ha! ein ganz ander Ding als unser Westfalen und unser Donnerstrunkshausen! Hätte Freund Panglos Eldorado gesehen, er würde gewiß nicht behauptet haben, es gäbe nichts Vortrefflicheres auf Gottes Erdboden als jenen Rittersitz! Reisen muß man, oder man kömmt hinter nichts. Das ist ausgemacht!

Nach dieser Unterredung ließ der gute Greis sechs Hammel an seinen Wagen spannen und gab den beiden Reisenden zwölf von seinen Bedienten mit, um sie nach Hofe zu bringen. „Mein Alter, hoffe ich, soll Ihnen hinlängliche Entschuldigung sein, daß ich Sie nicht begleite, meine Herren. Der König wird Sie gewiß so aufnehmen, daß Sie nicht unzufrieden sein werden, und sollte Ihnen ja ein oder der andere Brauch zuwider sein, so werden Sie's damit entschuldigen: ländlich, sittlich."

Wetterschnell flogen die sechs Hammel mit Kandiden und Kakambo'n davon. In weniger als vier Stunden befanden sie sich vor dem Palast des Königs, der an dem einen Ende der Hauptstadt lag. Das Portal war zweihundertundzwanzig Fuß hoch und hundert breit. Zu beschreiben, woraus es eigentlich bestanden, ist platt unmöglich; daß es von unendlich kostbarerer Materie muß gewesen sein als jener Bettel von Kieselsteinen und Sand, den wir Gold und Edelsteine nennen, versteht sich von selbst. Zwanzig schöne Dirnen von der Leibwacht empfingen sie beim Aussteigen, brachten sie in's Bad und legten ihnen Röcke an, aus Kolibrisdunen gewebt; hernach führten die Kronbedienten und Kronbedientinnen sie — wie's Sitt' im Lande war — durch zwei Reihen von Geigern und Pfeifern nach dem königlichen Gemache; jegliche Reihe bestand aus tausend Mann. Unfern dem königlichen Hörsaal fragte Kakambo einen von den obersten Kronbedienten, was hier Etikette sei; ob man beim Eintritt in's Zimmer sich auf die Knie oder auf den Bauch werfen, die Hände auf den Kopf oder auf den Hintern legen oder den Staub vom Fußboden lecken müßte, oder wie man sich sonst dabei benähme. Man umarmt den König und küßt ihn auf beide Backen, antwortete der Oberkämmerer. Kandide und Kakambo fielen Ihro Majestät um den Hals, wurden mit unbeschreiblicher Huld empfangen und aufs freundschaftlichste zum Souper gebeten.

Eh' sie zur Tafel gingen, führte man sie in der Stadt herum. Sie fanden die Märkte mit einer Menge Säulen und mit Springbrunnen geschmückt. Einige davon warfen weiter nichts aus als schlecht und rechtes Quellwasser, andere aber Rosenwasser, noch andere Liköre von Zuckerrohr. Die Becken, worin die Wasserstrahlen in einem fort fielen, waren von weitem Umfang und mit einer Art Edelsteinen ausgelegt, die wie Zimt und Nelke dufteten. Alle öffentlichen Gebäude reichten bis in die Wolken.

Kandide erkundigte sich nach dem höchsten Tribunal, dem Parlamente. Das gab' es hier gar nicht, antwortete man ihm. Hier wüßte man nichts von Prozessen. „Und Gefängnisse?" „Sind hier auch nicht Brauch."

Nichts aber war Kandiden überraschender, nichts ihm ergötzender als die Akademie der Wissenschaften. Er fand darin eine Galerie, zweitausend Schritte lang, mit lauter physikalischen Instrumenten angefüllt.

Den ganzen Nachmittag waren sie herumgelaufen und hatten beinahe den tausendsten Teil der Stadt in Augenschein genommen; jetzt führte man sie wieder aufs Schloß zurück. Kandide und sein Bedienter Kakambo mußten sich zwischen Ihro Majestät und vielen Damen niederlassen.

Das war ein Gastmahl, wie man noch nie gesehen hatte. Nicht bloß Weide für den Gaumen, sondern auch für den Geist! So reiche Adern Witzes und guter Laune hatten sich wohl noch nie bei einem Souper ergossen als hier bei Ihro Majestät. Kakambo verdolmetschte Kandiden jeden launigen Einfall des Königs, und — was diesen nicht wenig wunder nahm — so blieb's trotz der Übersetzung noch immer launichter Einfall.

In diesem Lande der Gastfreiheit hatten sie nun einen Monat lang gelebt, und Kandide hatte tagtäglich zu Kakambo'n gesagt: Freilich kann man meinen Geburtsort Donnerstrunkshausen mit diesem Lande gar nicht in Vergleich stellen, aber gleich wohl find' ich keine Baroneß Gundchen hier, und deine Amasia ist auch gewiß in Europa. Bleiben wir hier, so sind wir nicht einen Gran mehr als die übrigen Einwohner. Gehn wir aber wieder in unser Land und nehmen zur zwölf Hammel mit, mit eldoradoschen Kieselsteinen beladen, so sind wir reicher als alle Könige auf Erden, dürfen keine Inquisition mehr fürchten und können gar leicht Baroneß Gundchen wiederbekommen. Der Vorschlag gefiel Kakambo'n nicht übel. Reisen und Rennen, sich bei seinen Landsleuten geltend machen und, was man auswärts gesehen und gehört hat, ihnen ewig vorprunken, das tut der Mensch doch gar zu gern. Von dem Schlage waren auch unsere beiden Reisenden. Sie waren so vollglücklich; um der Lage nicht überdrüssig zu sein, gingen sie hin und baten den König um ihren Abschied.

Kein gescheiter Einfall, Kinder! sagte der König. Ich weiß wohl, daß mein Land nicht so was Besonders ist, indes sitzt man nur halbweg gut, muß man das Rücken lassen, pflegt man bei uns zu sagen. Ich kann freilich keinen Ausländer wider seinen Willen in meinem Reiche behalten; das wäre Tyrannei, und die entspricht weder unsern Sitten noch Gesetzen. Der Mensch ist ein freies Geschöpf. Reist, wenn Ihr wollt, aber das müßt Ihr wissen, es wird Euch ziemlich schwerfallen, aus meinem Reiche zu kommen.

Gegen den reißenden Strom, der durch die Felskluft schießt und den Ihr durch ein wahres Wunderwerk passiert seid, anzufahren, ist platt unmöglich. Die Grenzgebirge meines Reichs sind zehntausend Fuß hoch und turmgrade; jeglicher Berg beträgt im Umfange mehr als zehn Meilen; jenseits sind tiefe Abgründe. Indes, da Ihr auf Eurer Abreise besteht, will ich meinem Oberbaudirektor anbefehlen, eine Maschine verfertigen zu lassen, die Eure Fahrt erleichtern soll. Geleitsmänner kann ich Euch nicht geben, wenn Ihr erst über die Gebirge seid! Denn meine Untertanen haben feierlich angelobt, nie ihre Hütt' und Herd zu verlassen, und sind zu weise, dagegen zu handeln. Sonst könnt Ihr fordern, was Ihr wollt.

Dürfen wir das? sagte Kakambo. Nun wohl, Ihro Majestät, so erbitten wir uns von Ihnen einige Hammel mit Lebensmitteln, Kieselsteinen und Dreck beladen. Sonderbare Geschöpfe, Ihr Europäer! ich begreife Euch gar nicht! sagte der König mit lachendem Munde. Wie könnt Ihr auf unsern gelben Dreck so erpicht sein. Doch nehmt dessen, soviel Ihr wollt, und wohl bekomm's den Herren.

Sogleich gab er seinen Ingenieurs Befehl, den Riß zu einer Winde zu liefern, womit man diese zwei Männer aus dem Königreiche hinauswinden könnte. Dreitausend gute Mechaniker arbeiteten nach diesem Riß, und binnen vierzehn Tagen war die Maschine fix und fertig. Sie kam nach dortigem Gelde nicht höher als zwanzig Millionen Pfund Sterling.

Man setzte Kandiden und Kakambo'n in diese Maschine. Es befanden sich auf selbiger zwei große rote Hammel, wohl gezäumt und gesattelt, um sich ihrer zum Reiten zu bedienen, wenn sie über die Gebirge wären, zwanzig Packhämmel waren mit Lebensmitteln beladen, dreißig trugen die größten Seltenheiten des Landes und fünfzig Gold, Edelsteine und Diamanten. Der König nahm von den beiden Vagabunden den zärtlichsten Abschied.

Ihr Auszug und die erfindungsreiche Art, wie sie mit ihren Hammeln emporgelüpft wurden, machte wirklich ein sehenswürdiges Schauspiel. Als sie völlig in Sicherheit waren, nahmen die Mechaniker von ihnen Abschied.

Jetzt hatte Kandide keinen andern Gedanken, fühlte keinen andern Drang, als all seine Hammel mit ihren Kostbarkeiten Baroneß Gundchen zu Füßen zu legen. Nunmehr können wir den Gouverneur von Buenos-Aires bezahlen, wenn er sich's untersteht, auf meine unschätzbare Gunde einen Preis zu setzen, sagte er. Wir wollen nach Karolina gehn, uns daselbst einschiffen und hernach zusehn, was für ein Königreich wir uns kaufen können.

Neunzehntes Kapitel: Was ihnen zu Surinam begegnet, und wie Kandide mit Martinen bekannt wird
Die erste Tagreise lief recht vergnügt ab. Der Gedanke, mehr Schätze zu besitzen, als ganz Asiä, Europa und Afrika zusammen aufzubringen vermögen, gab ihnen Mut und Stärke. Der glühende, liebestrunkne Kandide schnitzte in jeden Baum den Namen Kunegunde.

Bei der andern Tagreise ging's schon viel schlimmer. Zwei von ihren Hammeln blieben in Morästen stecken und sanken mit ihrem Gepäck unter. Einige Tage drauf fielen zwei andre Hammel vor Strapazen um; sieben oder acht verhungerten eine Zeitlang nachher in einer Wüste; noch andre stürzten in der Folge die Felsen herab, kurz, nachdem sie hundert Tage gewandert waren, waren ihre Hammel bis auf zwei zusammengeschmolzen.

„Nichts vergänglicher hienieden, Freund, wie du siehst, als Reichtümer, und nichts dauernder als Tugend und die wonneselige Hoffnung, Baroneß Kunegunden wiederzusehen!" Wohl wahr! Wohl wahr! sagte Kakambo, indes haben wir noch zwei Hammel mit mehr Schätzen beladen, als ein König von Spanien sein Lebtage kriegen wird, und ich sehr von weitem 'ne Stadt, die mir wie Surinam vorkommt. Ist dem so, so haben all' unsre Leiden ein Ende, und von nun an wird alles anfangen, uns zu grünen und zu blühen.

Unfern der Stadt fanden sie einen Neger auf der Erde liegen, der nur seine halbe Kleidung an hatte, d. h. eine blauleinwandne Hose; das linke Bein und die rechte Hand fehlte dem armen Schelm. Mein Gott! rief ihm Kandide auf Holländisch zu, Freund, was machst du hier in dem entsetzlichen Zustande? „Ich warte auf meinen Herrn, den Herrn van der Dendur, den großen Kauf- und Handels-Herrn." Hat der Herr von der Dendur dich so verstümmelt? frug Kandide.

„Wohl, lieber Herr. Das ist nun einmal so eingeführt. Alle Jahre kriegen wir zwei Paar Leinwandhosen und weiter auch kein Flittchen, uns zu bedecken. Huscht mal die Zuckermühle, worin wir arbeiten müssen, uns einen Finger weg! schwapp! schlagen sie uns die Hand ab, und wollen wir davonlaufen, hacken sie uns das Bein weg. Mir ist das beides zugestoßen. — Sehn Sie, um d e n Preis kriegen Sie in Europa den Zucker zu essen! Und doch sagte meine Mutter zu mir, wie sie mich für zehn Albertustaler auf der Küste von Guinea verkaufte: Liebes Herzenskind, preis' und danke unsern Fetischen, und bete sie immer an; sie werden dir ein langes, glückliches Leben schenken. Du hast die Ehre, ein Sklave von unsern Herren, den Weißen zu werden, und machst dadurch Vater und Mutter glücklich."

„Ob sie's geworden sind, weiß ich nun nicht, daß ich's aber nicht geworden bin, das weiß der liebe Gott im Himmel! Hund und Aff' und Papagei hat tausendmal weniger auszustehn als ich. Ich werde geschurigelt, 'runtergerackert wie all' nichts guts. Die holländischen Fetischirs, die mich bekehrt haben, schwatzen uns Sonntag vor Sonntag vor: wir wären alle Adamskinder, Weiß' und Schwarze. Ich kann's ihnen nun nicht nachrechnen; wenn sie aber keine Lüge sagen, na so sind wir alle Geschwisterkinder. Und alsdann müssen Sie mir einräumen, daß man unmöglich seine Anverwandten hündischer traktieren kann als uns."

O Panglos! auf diese Greueltaten bist du nie gefallen! rief Kandide. Nicht anders, ich muß zuletzt deinen Lehrsatz fahren lassen! Was für einen Lehrsatz? sagte Kakambo. Oh! den rasendsten von der Welt! sagte Kandide. Der Mann behauptete, wenn alle Stürme des Unglücks über ihm zusammenschlugen: diese Welt sei doch die beste!

Voll Mitleid verweilte Kandiden's Blick auf dem unglücklichen Negersklaven, und er vergoß Tränen. Mit Zähren auf den Backen und im Auge ging er nach Surinam hinein.

Vor allen Dingen erkundigten sie sich, ob kein Schiff im Hafen läge, das man nach Buenos Aires senden könnte. Der Mann, an den sie sich gewandt hatten, war grade ein spanischer Schiffspatron. Er erbot sich, es für ein Billiges zu tun, und beschied sie in ein Wirtshaus, um dort weitre Abrede zu nehmen. Kandide fand sich samt dem treuen Kakambo und seinen zwei Hammeln daselbst ein.

Kandide, dem das Herz immer auf der Zunge saß, erzählte dem Spanier all seine Abenteuer, und platzte auch mit seinem Vorhaben heraus, Baroneß Gundchen zu entführen. Da werd' ich kein Narr sein und Sie nach Buenos Aires bringen, sagte der Schiffspatron. Ich müßte sowohl an den hellen lichten Galgen wie Sie. Die schöne Kunegunde ist Favoritmätresse von Ihro Exzellenz, dem Herrn Gouverneur.

Das war ein Donnerstrahl, der Kandiden ganz zu Boden schmetterte. Er lag lange da und weinte sich aus, endlich sprang er auf und führte Kakambo'n in ein Seitenkabinett. Hör', lieber Freund, sagte er: Du hast so wohl wie ich fünf bis sechs Millionen Diamanten in der Tasche. Der gescheitste Rat nun ist der: Du gehst damit nach Buenos Aires und kaufst Baroneß Kunegunden los. Das wird dir Pfiffkopf nicht schwerfallen. Macht Don Fernando Umstände, so gib ihm eine Million, will er noch nicht, gib ihm zwei. Fallen können dir gar nicht gelegt werden, denn du hast keinen Inquisitor umgebracht. Ich segle indes nach Venedig und erwarte dich daselbst. Dort kann ich sicher sein vor Bulgaren und Abaren, vor Juden und Inquisitoren; es ist ein freier Staat.

Kakambo fand das sehr gut ausgedacht, es zerschnitt aber sein Herz, sich von einem so guten Herrn trennen zu müssen, der sein Busenfreund geworden war; indes siegte der angenehme Gedanke, ihm nützlich sein zu können, über den Schmerz, von ihm zu scheiden. Mit heißen Tränengüssen umarmten sie sich; Kandide knüpfte ihm fest ein, die gute Alte ja nicht zu vergessen, und Kakambo reiste noch selbiges Tages fort. Es war ein rechter guter ehrlicher Schlag, der Kakambo!

Kandide blieb noch eine Zeitlang in Surinam und wartete, bis ein andrer Schiffspatron ihn und den kleinen Überrest seiner Hammel nach Italien fahren wollte; er nahm Bedienten an und kaufte alle Bedürfnisse zu einer so langen Reise ein. Endlich ließ sich der Herr eines ansehnlichen Schiffes bei ihm melden. Es war Mynheer van der Dendur.

Wie viel verlangen Sie, mich, meine Leute, mein Reisegepäck und die beiden Hammel recta nach Venedig zu schaffen? sagte Kandide. Der Schiffspatron forderte zehntausend Piaster. Kandide schlug gleich ein.

Hoho! sagte Schlaukopf van der Dendur im Weggehn zu sich selbst: schlägt gleich zu: Dem Ausländer ist das so gleichviel, zehntausend Piaster hinzugeben. Der muß gewaltig viel vor den Daumen zu schieben haben. Einen Augenblick nachher kam er wieder zurück und versicherte, unter zwanzigtausend Piaster könnt' er ihn nicht mitnehmen. Nun gut, das Geld sollen Sie haben, sagte Kandide.

Der Daus! murmelte der Kauf mann in den Bart, dem sind zwanzigtausend Piasters so'n Pappenstiel wie zehn. Hm! hm! Und kehrte wieder um und schwur Stein und Bein, daß er ihn nicht nach Venedig schaffen könnte, wenn er ihm nicht wenigstens dreißigtausend Piaster gäbe. Ja, die sollen Sie haben, sagte Kandide. Blitz! auch die! Fallen ihm die dreißigtausend Piaster ebenso aus dem Ärmel! sagte der Holländer. Ohne Zweifel müssen die beiden Hammel unermeßliche Schätze haben. Will ihm vor der Hand nichts weiter abfordern und mir die dreißigtausend Piaster gleich bezahlen lassen, das übrige wird sich schon finden.

Kandide verkaufte zwei kleine Diamanten, davon der schlechteste mehr betrug als des Schiffers ganze Forderung. Er bezahlte im voraus; seine beiden Hammel wurden eingeschifft; er setzte sich auf ein klein Fahrzeug, um das Schiff in der Reede zu erreichen. Der Patron ersah seine Zeit, spannte die Segel, lichtete die Anker, und unter dem günstigsten Winde stach er flott in See.

Kandide ganz verdutzt, verlor ihn bald aus den Augen. Ha! schrie er, das Stückchen schmeckt völlig nach der alten Welt! In ein Meer von Schmerz versenkt nahte er sich dem Ufer. War ihm seine Betrübnis zu verdenken? Was er einbüßte, das hätte das Glück von zwanzig Monarchen gemacht.

Er eilte zum holländschen Richter, pochte ziemlich stark an, brauste herein — denn er war noch in der ersten Gährung — erzählte sein Abenteuer, und in der Wärme des Erzählens wird er ein wenig lauter, als sich's ziemte. Für all' das Gebuller erlegen Sie sogleich zehntausend Piaster! diktierte ihm der Richter! Hierauf hört' er ihn geduldig aus, versprach die Sache vorzunehmen, sobald der Kaufmann wieder da sein würde, und ließ sich noch zehntausend Piaster Gerichtsgebühren zahlen.

Kandiden hatte zwar schon unendlich härters, niederdrückenderes Ungemach betroffen, dennoch aber erlag er unter diesem. Die Kaltblütigkeit des Richters und des Schiffspatrons, der ihn so schrecklich geprellt hatte, machte alle seine Galle rege und stürzte ihn in die düsterste Schwermut. Jetzt erblickte er die Argherzigkeit der Menschen in ihrer ganzen scheußlichen Gestalt; alles zeigte sich ihm in dunklem, höllenschwarzem Lichte. Endlich erfuhr er, daß ein französisches Schiff im Begriff stände, nach Bordeaux zu segeln. Da er keine Hammel mit Diamanten bepackt mehr mitzunehmen hatte, mietete er sich ein wohlfeiles Kämmerchen im Schiff und ließ in der Stadt bekanntmachen, wenn sich ein braver Mann fände, der mit wollte, so sollte er nicht für Reisekosten und Zehrung zu sorgen haben und überdies zweitausend Piaster bekommen; dieser Mann aber müßte seines Zustandes äußerst überdrüssig sein und der allerunglücklichste im ganzen Lande.

Es kam der Prätendenten eine solche Menge, daß eine ganze Flotte nicht Raum für sie gehabt hätte. Kandide suchte die Angesehnsten darunter aus; das waren ein Stück zwanzig, bei denen unter den Falten und Runzeln des Elends Züge von Geselligkeit hervorblickten, und die insgesamt den Vorzug zu verdienen behaupteten.

Sie mußten sich alle in seinem Wirtshause einfinden und mit ihm Abendbrot nehmen. Jeder hatte ihm zuschwören müssen, seinen Lebenslauf treu und sonder Gefährde zu erzählen, und er hatte dagegen versprochen, denjenigen von ihnen zu wählen, der ihm der bedauernswürdigste, der mit größtem Fug und Recht über seinen Zustand mißvergnügteste scheinen würde; die übrigen aber sollten eine Erkenntlichkeit erhalten.

Die Sitzung dauerte bis vier Uhr morgens. Bei jeder Erzählung fiel Kandiden ein, was die Alte ihm auf der Fahrt nach Buenos Aires gesagt hatte, und ihre Wette, daß sich niemand auf dem Schiffe befände, dem nicht schon das größte Ungemach zugestoßen wäre; auch Panglos fiel ihm ein. Da saß' er in der Klemme, der gute Panglos, wenn er jetzt sein System verfechten wollte. Hätt' ich ihn doch nur hier. Wahrlich! wenn's irgendwo gut geht, so ist's einzig und allein in Eldorado.

Seine Wahl fiel endlich auf einen armen Gelehrten, der zehn Jahre für die Amsterdamer Buchhändler gearbeitet hatte. Er glaubte, es könnte auf der Welt unmöglich ein Metier geben, dessen man eher überdrüssig würde.

Dieser Gelehrte, sonst ein herzensguter Mann, war von seiner Frau bestohlen, von seinem Sohne durchgeprügelt und von seiner Tochter um eines jungen Portugiesen willen verlassen worden. Eines Ämtchens, das sein einzger Wagen und Pflug war, hatte man ihn eben entsetzt und die Surinamschen Prediger verfolgten ihn mit Gözischem Eifer, weil sie in ihm einen Socinianer wähnten.

Zur Steuer der Wahrheit müssen wir bekennen, daß die übrigen neunzehn wenigstens ebenso unglücklich waren wie dieser Mann; allein Kandide hoffte, dieser Gelehrte würde auf der Reise alle Langeweile zu verbannen wissen. All seine Nebenbuhler verdroß Kandidens Wahl sehr; sie waren aber gleich wieder besänftigt, wie er jedem hundert Piaster gab.

Zwanzigstes Kapitel: Seeabenteuer Kandidens und Martins
Der alte Gelehrte, der Martin hieß, schiffte sich also mit Kandiden nach Bordeaux ein. Beide hatten viel gesehen, viel erlitten, und wäre das Schiff von Surinam aus über das Vorgebirge der guten Hoffnung nach Japan gegangen, so würd' es ihnen doch nicht an Stoff gefehlt haben, sich die ganze Reise hindurch mit dem physischen und moralischen Übel zu unterhalten. Indes hatte Kandide einen großen Vorteil gegenüber Martin, er hoffte noch immer, Baroneß Gundchen wiederzusehn, und Martin hatte gar keine Hoffnung mehr; überdies besaß jener Gold und Diamanten, und ob er gleich hundert dicke rote Hammel, mit den größten Schätzen der Erde beladen, verloren hatte, ob ihm gleich des holländischen Schiffspatrons Prellerei noch in's Herz schnitt, so schwankte er dennoch, wenn er an den Inhalt seiner Taschen dachte oder von seinem Gundchen sprach und zumal, wenn er die Gläser klingen hörte, nach Panglosens System hin.

Aber was denken Sie von alle dem, lieber Martin? sagte er. Was halten Sie vom physischen und moralischen Übel?

Martin. Lieber Kandide, die Pastoren dort klagten mich als Sozinianer an, aber die rechte Wahrheit zu sagen, ich bin ein Manichäer.

Kandide. Haben Sie mich nicht zum besten. Es gibt ja keine Manichäer mehr in der Welt.

Martin. So bin ich der einzige, ich kann nun einmal nicht anders denken.

Kandide. So muß der Teufel in Sie gefahren sein, Herr.

Martin. Leicht möglich! So wie der hienieden allenthalben herumspukt und sein Wesen hat, kann er's auch in meinem Leibe. Ich muß Ihnen gestehn, wenn ich so einen Blick auf die Erdkugel oder vielmehr auf dies winzige Erdkügelchen werfe, daß mir der Gedanke nicht aus dem Kopf will: Gott habe einem bösen Geiste die Macht eingeräumt, eignes Beliebens damit zu schalten und zu gebaren; Eldorado nehm' ich hiervon aus.

Ich habe keine Stadt gesehn, die nicht nach dem Untergang ihrer Nachbarin dürstete, keine Familie, die nicht nach der Ausrottung einer anderen lechzte; ich seh' allenthalben, wie die Schwachen die Mächtigen verabscheuen, vor welchen sie kriechen müssen, und wie diese jenen als einer Herde begegnen, der Woll' und Fleisch feil ist; sehe wie eine Million eingeregimenteter Schnapphähne Europa von einem Winkel zum andern durchströmt, mordet und straßenraubt, und das alles mit der schärfsten Mannszucht, bloß um ein Stückchen Brot zu verdienen, das er auf keine ehrenvollere Art zu verdienen weiß. Und in Städten, die im völligsten Genuß des Friedens zu sein scheinen, worin Künst' und Wissenschaften blühen, martert, reibt die Einwohner Eifersucht, Gram und Kummer weit mehr auf, als alle Drangsale und Schrecknisse der Hungersnot und Verzweiflung in einer belagerten Stadt es tun können. Herzenskummer ist noch härter, marternder als das allgemeine Elend. Mit einem Wort, ich habe soviel gesehn, soviel erlitten, daß ich Manichäer geworden bin.

Kandide. Doch gibt's noch viel Gutes in der Welt.

Martin. Kann sein, bis dato ist mir's aber noch nicht zu Gesicht gekommen.

In dem Gezeter, das sich hierüber anspann, waren sie noch nicht weit, als sie einige Kanonenschüsse hörten; jeden Augenblick wurden die Schüsse heftiger. Sie nahmen ihre Sehröhren und wurden in einer Entfernung von ungefähr drei Meilen zwei Schiffe gewahr, die aufeinander losfeuerten. Der Wind führte sie alle beide dem französischen Schiffe so nahe, daß man das Treffen ganz gemächlich ansehn konnte. Endlich gab das eine Schiff dem andern so die volle Lage, daß es gleich untersank. Kandide und Martin erblickten auf dem Verdeck des untergehenden Schiffs hundert Menschen, die unter erbärmlichem Zetergeschrei die Hände gen Himmel emporhoben, und im Hui war alles verschlungen.

Nun sehn Sie, so handelt der Mensch gegen seinen Bruder! sagte Martin. Wirklich, dies Verfahren hat was Teuflisches! versetzte Kandide. Bei diesen Worten ward er etwas Glänzendrotes gewahr, das auf sein Schiff zugeschwommen kam. Man machte die Schaluppe los, um zu sehn, was es sei. Es war einer von Kandidens Hammeln. Ein Fund, der ihn mehr freute, als ihn der Verlust von hundert, wohlbepackt mit eldoradoschen Diamanten geschmerzt hatte.

Der französische Hauptmann hatte gar bald bemerkt, daß der Hauptmann des niederbohrenden Schiffs ein Spanier war und der Befehlshaber des niedergebohrten ein holländischer Seeräuber; eben der, der Kandiden bestohlen hatte. All die unermeßlichen Reichtümer, worin der spitzköpfige Bube seine Klauen geschlagen hatte, wurden mit ihm in der Tiefe des Meers begraben, und weiter nichts geborgen als ein Hammel.

Sehn Sie, sagte Kandide zu Martin, das Laster wird bisweilen bestraft; dieser Schurke von holländischem Schiffspatron hat seinen verdienten Lohn erhalten. Recht gut! weshalb mußten aber die Passagiere, die auf seinem Schiffe waren, mit untergehn? sagte Martin. Ich kann mir's nicht anders erklären, als daß Gott den Spitzbuben bestraft, und der Teufel die übrigen ersäuft hat.

Indes ging das französische und das spanische Schiff jedes seinen Gang, und Kandidens und Martins Unterredung den ihrigen. Vierzehn Tage hintereinander hatten sie sich herumdisputiert, und waren am vierzehnten Tage noch nicht weiter als am ersten. Es half wenigstens so viel, daß sie nicht stumm gewesen waren, sich ihre Gedanken mitgeteilt und einander getröstet hatten. Kandide liebherzte seinen Hammel. Da ich Dich wiedergefunden habe, sagt' er, werd' ich auch wohl noch mein Gundchen wiederfinden.

Einundzwanzigstes Kapitel: Kandide und Martin nähern sich den französischen Küsten. Wovon sie sich unterhalten
Endlich näherten sie sich den französischen Küsten. Sind Sie jemals in Frankreich gewesen, Herr Martin, fragte Kandide.

Martin. Wohl bin ich's; ich habe manche seiner Provinzen durchstrichen, fand in der einen fast lauter Hasenfüße, in dieser und jener, und jener und dieser lauter erzabgefeimte Schlauköpfe, in jener und der, den größten Haufen lammfromm und schafdumm, in noch andern ein paar Schöngeister. Das Hauptsteckenpferd all' dieser Leute aber war Liebe, welches sie mit zwei andern abwechselten, Afterreden und Schnickschnack genannt. Kandide. Haben Sie Paris gesehn, lieber Martin?

Martin. Ich hab's. Da finden Sie all' den Schlag von Leuten in einen Topf geworfen; 's ist ein wahres Chaos. Ein gedrangvoller, lärmreicher Ort, worin alt und jung „dem Vergnügen nachjagt", und meines Bemerkens es niemand findet.

Lange hab' ich mich dort nicht aufgehalten; kaum war ich angekommen, so hatten die Spitzbuben auf dem St.-Germains-Markte mir all' mein bißchen Barschaft weggestohlen. Man hielt mich selbst für einen Spitzbuben; acht Tage lang mußt ich im Gefängnisse sitzen, hernach ward ich Korrektor, um mir nur so viel zu verdienen, daß ich per pedes Apostolorum wieder nach Holland konnte. Ich habe das schmierende, das kabalebrütende und das fanatische Gesindel kennengelernt. Es soll aber noch recht brave, artige Leute in der Stadt geben; ich will's glauben.

Kandide. Ich meines Teils finde gar keinen Trieb, Frankreich zu sehen; Sie können leicht erachten, wenn man einen Monat lang in Eldorado gewesen, daß man weiter nichts zu sehen wünscht als Baroneß Kunegunden. Ich will sie zu Venedig erwarten; wir wollen über Frankreich nach Italien gehn. Sie begleiten mich doch?

Martin. Versteht sich. Zwar sagt man, Venedig sei nur für die Nobili di Venezia, indes nimmt man auch Ausländer recht gut dort auf, wenn sie viel drauf gehn lassen; ich kann's nun nicht, aber Sie können's, und darum zieh' ich mit, wohin Sie wollen.

Kandide. Sagen Sie mir doch, Freund, glauben Sie, was der dicke Foliant da von unserm Schiffskapitän behauptet, daß die Erde im Anbeginn ein Meer gewesen ist?

Martin. Platterdings nicht! so wenig als all, die Alfanzereien, womit das Heer der Schreiberlinge seit einiger Zeit zu Markte gezogen kommt.

Kandide. Zu was Ende ist denn die Welt erschaffen worden? Martin. Damit wir alle sollen rasend werden.

Kandide. Wundern Sie sich nicht über die Liebe der beiden Dirnen für die zwei Paviane, wovon ich ihnen erzählt?

Martin. Nicht im geringsten. Ich sehe gar nicht, wo das Sonderbare dieser Leidenschaft sitzt. Ich habe so viel Außerordentliches gesehn, daß mir jetzt gar nichts mehr außerordentlich vorkommt.

Kandide. Glauben Sie wohl, daß die Menschen von jeher sich niedergemetzelt haben, wie heutzutage? Daß sie stets gelogen und betrogen haben, stets treulose, undankbare, räubrische, flatterhafte, schurkische, neidische, prasserische, versoffene, geizige, ehrsüchtige, blutlechzende, verleumdrische, hurende, schwärmende und alberne Geschöpfe gewesen sind?

Martin. Glauben Sie, daß die Sperber von jeher Tauben gefressen haben, wenn sie ihrer habhaft werden können?

Kandide. Wohl glaub' ich's!

Martin. Nun dann, wenn das immer der Charakter der Sperber gewesen ist, warum sollen grade die Menschen ihren Charakter geändert haben?

Kandide. Wohl unterscheiden sich Sperber und Menschen! denn letztere haben ihren freien Willen, können also ... Unter diesen Gesprächen waren sie in Bordeaux angekommen.

Zweiundzwanzigstes Kapitel: Was Kandiden und Martinen in Frankreich begegnet
Kandide hielt sich nur so lange Zeit in Bordeaux auf, als nötig war, einige eldoradosche Kieselsteine in Gold und Silber umzusetzen und sich eine zweisitzige Kutsche anzuschaffen, denn sein Philosoph Martin war ihm ganz unentbehrlich geworden.

Daß er sich von seinem Hammel trennen mußte, tat ihm herzlich leid. Er überließ ihn der Akademie der Wissenschaften zu Bordeaux, welche die Untersuchung, warum die Wolle dieses Hammels rot sei, zur dermaligen Preisaufgabe machte. Ein nordischer Gelehrter bewies durch A + B — C, dividiert durch Z, daß der Hammel rot sein und an den Pocken sterben müßte, und seine Abhandlung ward preisgekrönt.

Alles, was Kandiden begegnete, ging Hals über Kopf nach Paris; das machte Kandiden auch lüstern, diese Hauptstadt zu sehn; und Hals über Kopf eilt' er ihnen nach. So sehr viel lag es auch eben nicht von dem Wege nach Venedig.

Er kam durch die Vorstadt St. Marceau herein und glaubte sich in dem schmutzigsten Dorfe Westfalens zu befinden. Kaum war er im Gasthofe angekommen, so befiel ihn eine kleine Unpäßlichkeit, eine Frucht seiner Strapazen. Da er einen außerordentlich großen Diamanten an seinem Finger hatte und man unter seinem Gepäck eine recht vollwichtige Schatulle wahrgenommen hatte, so fanden sich gleich unverlangt zwei Ärzte ein, einige sehr warme Freunde und zwei Betschwestern, die ihm seine Suppen wärmten.

Ich erinnre mich doch auch, krank gewesen zu sein, sagte Martin, wie ich zuerst in Paris ankam; da waren aber — denn ich war rattenkahl — weder Freunde noch Ärzte, noch Betschwestern, und ich genas doch.

Durch das viele Arzeneien und Aderlassen ward Kandide endlich in vollem Ernste krank, recht gefährlich krank. Der Vicarius des Viertels kam zu ihm und bat, er möchte doch einen Paß an Sankt Petern mitnehmen, damit er ihn gleich zum Himmelspförtchen einließe. Kandide wollte durchaus nicht; die beiden Betschwestern versicherten, es wäre die neuste Mode, Kandide versicherte ihnen dagegen, er wäre gar nicht für neue Moden. Martin wollte den Vicarius zum Fenster hinauswerfen; der Geistliche schwor, Kandide sollte nie auf den Kirchhof kommen. Martin schwor dagegen, er wolle ihn bald auf den Kirchhof schicken, wenn er ihnen noch länger auf dem Halse läge. Das Gezeter ward sehr heftig, und Martin schleuderte den Pfaffen beim Arme zur Tür' hinaus. Das gab großen Skandal, und die Sache wurde fiskalisch untersucht.

Kandide genas, und während der Genesung hatte er stets gute Gesellschaft zum Souper bei sich. Man spielte hoch. Er bekam nie ein As, was ihn denn nicht wenig Wunder nahm, Martinen aber gar nicht.

Unter denen, die ihm die Honneurs der Stadt machten, befand sich ein winziges Abbuchen aus Perigord. Einer von jenen frechen, bartstreichlerischen, sich in jede Laune schmiegenden und fügenden, bald da, bald dorthin fispernden, ewigen Scharwenzlern, die den Ausländern wegelagern, ihnen die skandalöse Geschichte der Stadt erzählen und ihnen Vergnügungen von jeder Art und für jeden Preis anbieten.

Dies allerliebste Männchen begann damit, daß er Kandiden und Martinen in die Komödie führte. Man gab ein neues Trauerspiel. Kandide saß bei einigen Schöngeistern. Demungeachtet weint' er in einigen meisterhaft gespielten Szenen. Einer von den neben ihm sitzenden Kritlern sagte in einem Zwischenakte: Sie vergießen ohne alle Ursach Tränen, mein Herr. Die Schauspielerin ist erbärmlich, ihr Mitspieler noch erbärmlicher und das Stück noch weit erbärmlicher wie die Schauspieler. Die Szene liegt in Arabien, und doch versteht der Verfasser kein Wort Arabisch; glaubt überdies nicht einmal an angeborne Ideen, der elende Wicht! Morgen will ich Ihnen zwanzig Traktätchen mitbringen, alle gegen den Dramatifex gerichtet.

Wieviel dramatische Stücke haben Sie wohl in Frankreich! frug Kandide den Abbé. Fünf- bis sechstausend, antwortete er. Viel, und wieviel gute darunter? sagte Kandide. Fünfzehn, erwiderte jener. Noch immer viel! versetzte Martin.

Kandide gefiel eine Schauspielerin sehr, welche die Königin Elisabeth in dem ziemlich platten Trauerspiel dieses Namens machte, das wohl bisweilen gegeben wird. Ein recht brav Mädel die Aktrice, sagt' er zum Martin. Sie hat etwas von Baroneß Kunegunden an sich; ich möcht' ihr gern mein Kompliment machen. Der Abbé aus Perigord war gleich mit dem Anerbieten bei der Hand, ihn bei ihr einzuführen. Kandide, in Teutschland geboren und erzogen, fragte, was hiesige Etikette sei, und wie man in Frankreich den Königinnen von England begegnete. In der Provinz, Herr Baron, antwortete der Abbé, führt man sie in's Wirtshaus, zu Paris hält man sie in hohen Ehren und Würden, wenn sie schön sind; sterben sie, so wirft man sie auf den Schindanger. Königinnen auf den Schindanger? fragte Kandide. Ja wahrlich! der Herr Abbé hat Recht, sagte Martin; ich war zu Paris, als Demoiselle Lecouvreur das Zeitliche mit dem Ewigen vertauschte, wie man zu sagen pflegt; man verweigerte ihr, was die Leute hier zu Lande ein ehrliches Begräbnis nennen, das heißt, man wollte sie nicht mit all' den Bettlern aus einem Stadtviertel auf einem lumpichten Kirchhof zusammen vermodern lassen; ihre Bande verscharrte sie an einer Ecke der Rue de Bourgogne, ganz allein; das muß ihrem armen Seelchen mehr denn die folterndste Höllenpein sein, denn es war immer ein sehr nobeldenkendes Mädchen gewesen.

Sehr ungeschliffen! sagte Kandide. Was tun? antwortete Martin. Die Leute sind nun einmal hier so. Denken Sie sich alle möglichen Widersprüche, alle möglichen Ungereimtheiten in eine Masse zusammengeknetet, so haben Sie die Regierungsform, die Gerichtshöfe, die Kirchen, die Schauspiele dieser drollichten Nation.

Ist es wahr, daß man zu Paris beständig lacht? frug Kandide. Das tut man, sagte der Abbé, es ist aber eine bittre Lache, die Lache kochender Wut; man bringt dort die herzschneidendsten Klagen mit der schallendsten Lache hervor, ja verrichtet sogar die abscheulichsten Handlungen mit lachendem Munde. Wer war denn das dicke Schwein, sagte Kandide, das auf ein Stück lästerte, worin ich so geweint habe, und auf Schauspieler, die mir so gefallen hatten? „Ein elender hungerleiderscher Duckmäuser, der um ein paar Bissen Brot zu verdienen, alle Stücke und alle Bücher herunterlästert; jeden emporkommenden Schriftsteller haßt, wie der Verschnittne den vollglücklichen Liebhaber; eins von jenen Literaturinsekten, die sich bloß von Dreck und Gift und Geifer nähren; es ist ein gallsüchtiger Neidhart." Ein gallsüchtiger Neidhart? sagte Kandide. „Ei ja! So ein Flugblättler, ein gewisser Fréron."

So schwatzten Kandide, Martin und der Abbé aus Perigord auf der Komödienhaustreppe und sahen die Zuschauer alle neben sich vorbeiziehn. So vielen Drang ich auch fühle, Baroneß Kunegunden zu sehn, sagte Kandide, so möcht' ich doch wohl heut abend mit Demoiselle Clairon speisen. Es scheint mir ein ganz herrliches Mädchen.

Der Herr Abbé war ein zu jämmerliches elendes Wichtchen, um Zutritt bei der Demoiselle Clairon zu haben, bei der sich stets der angesehenste Zirkel befand. Auf heut abend ist sie versagt, hub der aus Perigord an, ich werd' aber die Ehre haben, den Herrn Baron zu einer vornehmen Dame zu führen, wo Sie Paris so sollen kennenlernen, als hätten Sie sich vier Jahr hier aufgehalten.

Der von Natur neugierige Kandide ließ sich zu der Dame führen, die am äußersten Ende der Vorstadt St. Honore wohnte. Man war dort mit Pharao beschäftigt. Zwölf sauertöpfige Pointeurs hatten jeglicher sein Büchelchen Karten in der Hand, das eselsgeöhrte Verzeichnis ihrer Unglücksfälle.

Überall war das tiefste Stillschweigen; Totenblässe saß auf der Stirn des Pointeurs; Besorgtheit auf der Stirn des Bankiers, und die Dame vom Hause, die diesem unbarmherzigen Bankier zur Seite saß, gab mit Falkenaugen auf alle Parolis und sept-et-le-va de campagne acht, wozu jeder Spieler seine Karten kniff; streng auflauernd aber mit Feinheit ließ sie alle Eselsohren wieder ausmachen und bange, ihre Kunden zu verlieren, ward sie gar nicht aufgebracht. Diese Dame hieß die Marquise de Parolignac.

Ihre fünfzehnjährige Tochter befand sich unter den Pointeurs und verriet durch einen Augenwink all die Gaunereien dieser armen Teufel, die der ihnen griesgramenden Fortuna ein Lächeln abzwingen wollten.

Der Abbé, Kandide und Martin traten herein. Niemand stand auf, bekomplimentierte sie, blickte gar auf sie hin; sie waren insgesamt mit ihren Karten viel zu sehr beschäftigt. Die Frau Baronessin von Donnerstrunkshausen war weit höflicher, sagte Kandide.

Indes hatte sich der Abbé dem Ohr der Marquise genähert; sie lüpfte sich ein wenig in ihrem Armstuhl, beehrte Kandiden mit einem graziösen Lächeln, Martinen mit einem hochadlichen Kopfneigen, und ließ Kandiden einen Stuhl und Karten reichen. In zwei Taillen hatte er fünfzigtausend Franken verloren. Hierauf nahm man in der größten Fröhlichkeit das Souper. Jedermann erstaunte, daß Kandide bei seinem Verluste so kalt blieb, und die Bedienten sagten untereinander in ihrer Bedientensprache: Das muß mein Seel ein englischer Mylord sein.

Das Souper glich den meisten parisischen Soupers. Erst war alles still, dann entstand mit einemmal ein Wortgetöse, wobei niemand hörte, was er selbst sagte, alsdann strömte man in Scherzen, Einfällen aus, die meistenteils herzlich schal und kahl waren, brachte falsche Neuigkeiten aufs Tapet, schiefe Räsonnements; es ward ein bißchen gekannegießert, und viel geafterredet; man schwätzte und krittelte sogar über neue Bücher.

Der Abbé fragte: Haben sie schon den neuen Roman gelesen, den. der Doktor Theologiä Herr Gauchat, geschrieben? Leider, sagte einer von den Gästen, aber nicht bis zu Ende. Es war mir unmöglich. Es kömmt viel albern Zeug heraus, aber so was Albernes, wie der Wisch vom Herrn Doktor Gauchat, hab' ich noch nie gesehn; die Sündflut von abscheulichen Schriften, womit wir überschwemmt sind, die einem ganz bis ans Kinn dringt, verekelt einem alles Bücherlesen dermaßen, daß ich mich auf's Pointieren gelegt habe. Und was sagen Sie zu den vermischten Schriften des Archidiakonus T..." fragte der Abbé.

Ein unausstehliches Geschöpf! rief die Frau von Parolignac. Wohlbekannte alltägliche Dinge kramt er mit der geheimnisvollsten Miene aus; was nur einer hingeworfnen Bemerkung bedarf, erörtert er aufs weitschweifigste und schwerfälligste; ohn' einen Funken Witz zu haben, eignet er sich andrer Leute ihren zu; was er stiehlt, verdirbt er durch den Senf, den er darüber schüttet. Der Mann macht mich ganz wild! Doch er soll's nicht mehr. Mehr denn zuviel, wenn man vom Herrn Archidiakonus ein paar Seiten gelesen!

Ein Mann von Gelehrsamkeit und Geschmack, der sich mit an der Tafel befand, bekräftigte das Urteil der Marquise. Man kam nachher auf die Trauerspiele. Die Dame fragte, woher es käme, daß manche Trauerspiele in der Vorstellung etwas täten, im Lesen aber nicht auszuhalten wären?

Der Mann von Geschmack setzte es sehr gut auseinander, wie ein Stück etwas Anziehendes haben und demungeachtet doch nichts taugen könnte, bewies mit wenig Worten, daß es nicht genug sei, ein oder zwei Situationen anzubringen, die man in jedem Roman antrifft, und die immer etwas Verführerisches für die Zuschauer haben, sondern daß man originell sein müsse, ohne phantastisch zu sein, erhaben, ohne unter den Sonnen herumzuwandeln, das Herz kennen und es reden lassen, großer Dichter sein, und doch aus keiner von seinen Personen den Dichter hervorstechen lassen, den ganzen Sprachschatz zu benutzen wissen, nie den Wohlklang vergessen, nie einen Gedanken dem Reim aufopfern. Wer all' diese Regeln nicht sorgfältig in acht nimmt, setzt' er hinzu, kann zwar Trauerspiele verfertigen, die auf dem Theater gefallen, er wird aber nie einen Rang unter den guten klassischen Schriftstellern erhalten.

Gute Trauerspiele haben wir sehr wenige. Viele sind ganz wohldialogierte und wohlversifizierte Idyllen, andre ein Schlafmittel in Form eines politischen Geschwätzes oder artige Brechmittel von Übertreibungen; wieder andre das kunterbunteste Tollhäuslergewäsch; zerstückelte Reden, lange Apostrophierungen an die Götter, (denn mit Menschenkindern wissen die Herren nicht zu sprechen) falsche Maximen, hochgeschraubte Gemeinplätze.

Kandide hörte aufmerksam zu, und faßte von diesem Kritiker eine große Meinung; und da die Marquise ihm neben sich einen Platz zu geben die Güte gehabt hatte, so nahm er sich die Freiheit ihr die Frag' ins Ohr zu flüstern: wer der so gesundurteilende Mann wäre?

Ein Gelehrter, sagte die Dame, der nicht pointiert und den der Abbé manchmal zum Abendbrot herbringt; ein großer Kenner von Trauerspielen und Büchern. Er hat eine ausgepfiffne Tragödie gemacht und ein Buch, davon nie ein anders Exemplar aus seines Verlegers Laden gekommen ist als das, so er mir dediziert hat.

Ein großer Mann sagte Kandide! ein zweiter Panglos! Hierauf sagt' er sich an ihn wendend: Vermutlich glauben Sie doch auch, mein Herr, daß in der physischen Welt sowohl als in der moralischen alles aufs beste eingerichtet ist, und daß nichts einen andern Gang nehmen kann?

Nichts weniger denn meine Meinung, antwortete der Gelehrte. Ich finde vielmehr, daß bei uns alles der Quere geht, daß niemand weiß, was seines Rangs, seines Amts ist, noch was er tut, noch was er tun soll, und nehm ich die Soupers aus, wobei noch immer Fröhlichkeit herrscht und auch ziemlich viel Eintracht, so bringen die Menschen den ganzen Überrest ihres Lebens mit dem albernsten Gezeter hin. Jansenisten sind gegen Molinisten, Parlamentsglieder gegen Männer von Literatur, Hofschranzen gegen Hofschranzen, Finanzpächter gegen das Volk, Weiber gegen ihre Männer, Anverwandte gegen Anverwandte; kurz, es ist ein ewiger Krieg.

Kandide antwortete ihm: Ich habe noch viel Schlimmers gesehen; allein ein weiser Mann, der nachher das Unglück gehabt, aufgehängt zu werden, lehrte mich, daß alles über die Maßen gut sei und daß das Schlimme bloß das wäre, was der Schatten in einem schönen Gemälde.

Der Herr Weise am Galgen hatte die Leute zum besten, sagte Martin; diese Schatten sind gräßliche Flecke. Die Menschen sind's, die diese Flecke machen, und sie können's nicht vermeiden, sagte Kandide. Sonach ist's nicht ihre Schuld, antwortete Martin.

Die meisten von den Pointeurs, denen dies Rotwälsch war, zechten, Martin unterhielt sich mit dem Gelehrten, und Kandide erzählte einen Teil seiner Abenteuer der Dame vom Hause. Nach dem Souper führte die Marquise Kandiden in ihr Kabinett; er mußte sich auf ein Sofa setzen.

Die Dame. Nun, glühen Sie noch immer für Mademoiselle Cunegonde von Dundertronksaus?

Kandide. Noch immer, gnädige Frau!

Marquise (mit einem zärtlichen Lächeln). Geantwortet wie ein echter junger Westfale. Ein Franzos an Ihrer Stelle hätte zu mir gesagt: Bisher Madam; seit ich Sie aber gesehn, besorg' ich sehr, Mademoiselle Cunegonde nicht mehr zu lieben.

Kandide. O, Madame, sprechen Sie, was ich sagen soll, ich will ja alles sagen.

Marquise. Ihre Leidenschaft für die Baronne begann dadurch, daß Sie ihr Schnupftuch aufhoben, jetzt sollen Sie mir mein Strumpfband aufnehmen. Herzlich gern, Madam, sagte Kandide, und hob's auf. Sie müssen mir's nun wieder umbinden, hub die Dame an, und Kandide tat's. Sehn Sie, sagte die Dame, Sie sind ein Ausländer, meine Pariser Liebhaber laß' ich manchmal fünfzehn Tage schmachten, Ihnen aber ergeb' ich mich in der ersten Nacht, denn einem jungen Westfalen muß man die Honneurs seines Landes machen.

Die Dame war Französin, Kandide glühend vom Wein, noch glühender von den Reizen, die er oberhalb des Knies der Marquise beim Strumpfbandumbinden in dem verführerischsten Prospekte zu sehn Gelegenheit gehabt; das Kabinett wollüstigdämmernd; alles ringsum hatte so viel Anlockendes; allein waren sie; er erlag.

Sie spielten ihr Duodram beide recht brav; die Dame, als eine Frau von Welt geübt in den schlauesten, unterhaltendsten Buhlerinnenkünsten; Kandide, als ein unentnervter junger Westfale; er nahm sich völlig dabei, wie Herkules in der Nacht gegen die Fünfzig.

Nach geendeter Sofaszene lobte die Schöne zwei übergroße Diamanten, die sie bereits längst bei ihrem jungen Fremden wahrgenommen hatte, so treuherzig, daß sie in einem Hui an den Fingern der Marquise saßen.

Wie Kandide mit seinem Abbé nach Hause ging, stiegen ihm einige Skrupel wegen der Untreue auf, die er an der Baroneß Kunegunde begangen hatte; der Herr Abbé nahm an seinem Kummer teil: er hatte an den fünfzigtausend Livres, die Kandide in dem Spiel verloren hatte und an den beiden Brillanten, die halb geschenkt, halb abgedrungen waren, nur sehr geringen Anteil gehabt.

Der Herr Abbé, der jetzt einen tüchtigen Schnitt zu machen dachte, war bemüht, sich bei Kandiden immer mehr einzulieblen, schwatzte ihm viel von Kunegunden vor, und Kandide sagte: er wollte ihr auf den Knien auf's herzinnigste seine Untreue abbitten, wenn er sie zu Venedig sähe.

Der Abbé verdoppelte seine Höflichkeit und seine Aufmerksamkeit, nahm an alle dem, was Kandide sagte, tat, ja noch tun wollte, den wärmsten Anteil.

So haben Sie mit ihr ein Rendezvous zu Venedig verabredet? fragte er. „Das hab' ich, lieber Abbé; ich muß platterdings mein Gundchen wiederfinden." Das Vergnügen, von seiner Geliebten sprechen zu können, riß ihn hin, und er erzählte, nach seiner löblichen Gewohnheit, einen Teil seiner Abenteuer mit dieser berühmten Westfalin.

Baroneß Kunegunde hat zweifelsohne viel Geist, sagte der Abbé, und schreibt treffliche Briefe. „Was ich nicht sagen kann! Ich habe nie welche von ihr bekommen. Als ich wegen meiner Liebe zu ihr war aus dem Schlosse gejagt worden, könnt' ich nicht an sie schreiben; bald darauf erfuhr' ich, sie sei tot, hernach fand ich sie wieder, und verlor sie plötzlich, und jetzt habe ich ihr zweitausendfünfhundert Meilen von hier einen Expressen gesandt, dessen Antwort ich erwarte."

Der Abbé hörte aufmerksam zu und schien ein wenig staunend. Bald darauf nahm er mit der zärtlichsten Umarmung von den beiden Fremden Abschied. Den folgenden Morgen erhielt Kandide einen Brief, folgendermaßen abgefaßt: „Mein Bester, seit acht Tagen lieg ich hier krank. Jetzt eben vernehm ich, daß Sie hier sind. Trügen mich meine Beine, so flög ich in Ihre Arme. Zu Bordeaux erfuhr ich, wohin Sie sich gewandt hatten; ich habe den treuen Kakambo und die Alte dort gelassen, die bald hier eintreffen müssen. Der Gouverneur von Buenos Aires hat mir alles genommen, aber Ihr Herz bleibt mir noch übrig. Kommen Sie, Ihre Gegenwart schenkt mir entweder das Leben wieder oder tötet mich vor Vergnügen."

Ihre Kunegunde

Dieser entzückende, unverhoffte Brief machte Kandiden ganz berauscht vor Freude, allein die Unpäßlichkeit seiner Lieben schlug ihn äußerst nieder. Ein Spielball dieser beiden Empfindungen nahm er sein Gold und seine Diamanten und ließ sich samt Martinen in das Hotel führen, worin Baroneß Gundchen logierte.

Mit hochklopfendem Herzen, an jedem Gliede vor Vergnügen zitternd und mit bebender Stimme stürzt er in ihr Zimmer, wollte die Bettvorhänge aufreißen, wollte Licht haben. Um Gottes willen nicht! 's ist dem Gnädigen Fräulein nichts schädlicher wie's Licht! schrie die Magd, und ritz-ratz! wurden die Vorhänge dicht fest wieder zugezogen.

Was machen Sie, liebste Kunegunde? sagte Kandide mit einem Strom von Tränen. Lassen Sie mich doch wenigstens Ihre Stimme hören, da ich Ihr Gesicht nicht sehen darf. Ja, sprechen darf meine gnädige Herrschaft auch nicht, sagte das Mädchen. Die Dame streckte eine runde, fleischichte Hand zum Bette hinaus, die Kandide lange mit Tränen benetzte, und hernach mit Diamanten anfüllte; auf den Stuhl neben ihrem Bette hatt' er einen Beutel mit Gold hingelegt.

Kandide schwamm in Liebeswonne, als ein Gefreiter mit etlichen Mann hereintrat, der Abbé begleitete ihn. Das sind also die beiden verdächtigen Fremden? sagte ersterer. Sogleich bemächtigte man sich ihrer, und die Muskoten waren auf dem Sprunge, sie ins Gefängnis zu schleppen.

So begegnet man in Eldorado den Fremden nicht, sagte Kandide. Ha! ich bin mehr Manichäer denn je, rief Martin. Aber mein Herr, wo führen Sie uns hin? sagte Kandide. In ein tiefes Loch unter der Erde, antwortete der Gefreite.

Martin, der all' seine Kaltblütigkeit wieder hatte, schloß, die vorgebliche Baroneß Kunegunde sei eine Betrügerin, der Herr Abbé, der sich Kandidens Treuherzigkeit aufs schleunigste zu Nutze gemacht hatte, und der Gefreite ein andrer Spitzbube, den man leicht loswerden könnte.

Ehe Kandide die Sache zu gerichtlichen Weitläufigkeiten gedeihen ließ, bot er auf Anraten Martins und seines Herzens, das sich äußerst nach der wahren Kunegunde sehnte, dem Gefreiten drei kleine Diamanten an; jeder ungefähr dreitausend Dublonen wert.

O mein Herr, schrie der Mann mit dem elfenbeinernen Stabe, und hätten Sie auch Allerweltsmissetaten begangen, so sind Sie doch der bravste Kavalier auf Gottes Erdboden! Mir drei Diamanten zu geben! Jeden zu dreitausend Dublonen. Totschlagen will ich mich eh'r für Sie lassen, Herr Milord, als Sie ins Gefängnis führen. Zwar haben wir die strengste Order, jedweden Fremden zu arretieren, wes Standes und Würden er auch sei: ich will aber das Ding schon 'rumzudrehen wissen. Ich habe zu Dieppe in der Normandie einen Bruder, zu dem will ich Sie bringen, und haben Sie noch einen Diamanten d'ran zu spendieren, so wird er so gut für Sie sorgen, als wär' ich's selbst.

Und warum werden hier alle Fremden in Haft genommen? frug Kandide. Jetzt ergriff der Abbé das Wort und sagte: Darum, weil ein elender Schuft aus dem Lande Atrebatien (Artois) jämmerlichen, elenden Schnickschnack gehört hatte, bloß deshalb hatte er einen grausamen Vatermord begangen, einen solchen freilich nicht, wie er 1610 im Maimonat begangen wurde (Ravaillac), sondern einen solchen, als 1594 im Monat Dezember vorfiel (J. Châtel); auf dessen Schlag nachher noch viele andre Mordtaten in andern Jahren und andern Monaten von andern elenden Schuften aus gleichen Gründen sind ausgeführt worden.

Der Gefreite erklärte jetzt, was der Abbé im dunkeln gelassen hatte. Ha! die Ungeheuer! schrie Kandide. Wie? solche gräßliche Taten werden unter einem Volke verübt, das singt und tanzt! Kam' ich doch aufs schnellste aus einem Lande, wo Affen Tiger aufhetzen! Bären sah ich in meinem Vaterlande, Menschen nur in Eldorado! Um Gottes willen, Herr Gefreiter, schaffen Sie mich nach Venedig, wo ich Baroneß Kunegunden erwarten muß.

Weiter kann ich Sie nicht bringen, lieber Herr Baron, als nach der unteren Normandie, versetzte der Anführer der Sbirren. Sogleich ließ er ihm seine Bande abnehmen, sagte: es wäre ein Versehn, schickte seine Leute zurück, führte Kandiden und Martinen nach Dieppe, wo er sie in den Händen seines Bruders ließ. Es lag ein kleines holländisches Schiff auf der Reede. Der Normann, der mittels dreier andrer Diamanten das dienstfertigste Geschöpf von der Welt geworden war, nahm Kandiden und seine Leute auf dies Schiff, das nach Portsmouth in England ging. Freilich war das nicht der Weg nach Venedig, allein Kandide nahm sich vor, ihn bei erster bester Gelegenheit einzuschlagen. Jetzt dankt er nur Gott, daß er aus der Hölle heraus war.

Dreiundzwanzigstes Kapitel: Kandide und Martin kommen an die englischen Küsten; was sie dort sehn
Kandide. Ha,Panglos!Panglos! Ha,Martin!Martin! Ha,meine traute Kunegunde! was ist diese Welt hier! sagte Kandide auf dem holländischen Schiff.

Martin. Ein erzpudelnärrsches und erzabscheuliches Gemachte. Kandide. Sie sind doch in England bekannt, gibt's dort ebensolche Toren wie in Frankreich?

Martin. Eben! nur von anderm Schnitt und von andrer Farbe. Sie wissen, diese beiden Nationen führen wegen ein paar lumpichter Hufen Schnee, die gegen Kanada liegen, Krieg, und verschwenden bei diesem allerliebsten Kriege weit mehr, als das ganze Kanada wert ist. Ihnen genau zu bestimmen, ob's hier zu Lande mehr Leute gibt, die man an die Kette legen sollte, wie in jenem, das vermag ich nicht; dazu hab' ich zu wenig Auge. Bloß das weiß ich, daß die Leute, wo wir jetzt hinkommen, eine starke Dosis schwarzer Galle bei sich führen.

So hatten sie sich an die Gestade von Portsmouth hingeplaudert. Eine Menge Pöbel strömte zum Ufer hin und schaute mit unverrücktem Auge nach einem ziemlich großen, dicken Mann, der mit verbundnen Augen auf dem Verdeck eines Schiffs aus der Flotte kniete. Ihm gegenüber standen vier Soldaten, die ihm mit dem kältesten Herzen und Auge drei Kugeln ins Gehirn jagten, und die ganze Versammlung ging in der vergnügtesten Laune auseinander.

Was heißt das! sagte Kandide. Üben denn überall böse Geister ihre Macht! Wer war denn der Sir Wanst, den Ihr mit solchen Solennitäten umbrachtet? fragte er einen von den Umstehenden. Ein Admiral, war die Antwort. Und wozu tötet Ihr diesen Admiral? „Er hat nicht Leute genug umgebracht; er ficht mit einem französischen Admiral, und nachher findet sich's, daß er ihm nicht dicht genug auf der Haut gewesen ist." Aber, sagte Kandide, der französische Admiral war ja so weit vom englischen als dieser von jenem. „Nicht zu leugnen, indes kann's hier zu Lande gar nicht schaden, wenn einmal ein Admiral arquebusiert wird, desto mehr lodert den übrigen der Mut an."

Der gehabte Anblick, die eben gehörte Rede hatten Kandiden so betäubt, wurmten ihm so sehr, daß er nicht einmal den Fuß ans Land setzen wollte, und auf der Stelle mit dem holländischen Schiffer bedung, ihn ungesäumt nach Venedig zu bringen; sollte selbiger ihn auch gleich wie der surinamsche Schiffspatron begaunern.

Binnen zwei Tagen war der Schiffer klar. Es ging an den Küsten von Frankreich weg, dicht vor Lissabon vorbei, wo Kandiden kalter Schauer über den Nacken lief; hinein in die Straße von Gibraltar und so ins Mittelländische Meer; endlich lag man vor Venedig.

Gottlob, sagte Kandide zu Martinen, den er feurig umarmte, hier werd' ich sie wiedersehn, die schöne Kunegunde! Auf Kakambo'n rechne ich wie auf mich selbst. Oh! es geht alles gut! alles! es kann gar nicht besser sein.

Vierundzwanzigstes Kapitel: Von Gertruden und Bruder Viola'n
Kaum hatten sie den Fuß in die Stadt Venedig gesetzt, so ließ er Kakambo'n in allen Wirtshäusern suchen, in allen Kaffeehäusern, bei allen Töchtern der Freude; kein Kakambo zu finden. Täglich mußten seine Leute nach dem Hafen und nachfragen; es mochte Schiff oder Barke gekommen sein. Nichts zu hören noch zu sehn von Kakambo'n!

Das ist mir unbegreiflich, sagte Kandide zu Martin. Ich bin von Surinam nach Bordeaux gegangen, von Bordeaux nach Paris, von Paris nach Dieppe, von Dieppe nach Portsmouth, bin Spanien und Portugal längs gesegelt, habe das ganze Mittelländische Meer durchstrichen, etliche Monate zu Venedig verbracht, und doch hat sich in all' der Zeit Baroneß Gundchen nicht eingestellt! Ich habe statt ihrer weiter nichts gefunden als eine Hure und einen Abbe aus Perigord. Ganz gewiß ist sie tot, meine Gunde! Ihr nach ist noch das einzige, was du tun kannst, Kandide! ------ Ha! war' ich doch in dem Paradiese, im Eldorado geblieben und nicht nach dem Drachenneste, dem Europa zurückgekehrt! Sie haben ganz recht, lieber Martin! Es ist alles in der Welt leerer blauer Dunst! Ist allenthalben Trug und Elend!

Es befiel ihn so düstere Schwermut, daß er weder an der opera alla moda, noch an irgendeiner Faschingslustbarkeit teilnahm, sogar bei einer Danae von Mädchen stieg ihm kein Fünkchen Begier auf.

Gute, treuherzige Seele! sagte Martin, sich einzubilden, ein Mestize von Bedienten mit fünf oder sechs Millionen in der Tasche wird hingehn bis ans Ende der Welt und Ihre Geliebte aufsuchen. Findet er sie, so fischt er sie für sich selbst weg; findet er sie nicht, so wirft er seinen wohlbespickten Köder einem andern Dirnchen in den Rachen. Mein Rat ist der: Schlagen Sie sich alle beide aus dem Sinn: Ihren Kerl, den Kakambo, und Ihre Geliebte, die Baroneß Kunegunde.

Martin war kein guter Tröster, auch wuchs Kandidens Schwermut täglich, und täglich rieb ihm der Manichäer die Ohren mit dem Beweise, daß es in der Welt nur wenig Tugend gäbe, wenig Glück, ausgenommen etwa im Eldorado, wo niemand hinkönne.

Eines Tages, wie sie über diese wichtige Materie streitend und Kunegunden noch immer erwartend, über den St. Markusplatz gingen, ward Kandide einen jungen Theatinermönch gewahr, der ein Mädchen unterm Arm hatte. Der Theatiner war ein frischblühender, feister, herkulischer Gesell, mit kühnumschauendem Adlerblick, stolzer Miene und kecken Ganges. Sein Liebchen ein gar niedliches Ding, sie schäkerte singend neben ihm her, warf den vollen Blick der Liebe auf ihren Theatiner, und kniff ihm manchmal in die runden, vollen Backen. Nun, diese beiden Leute werden Sie doch wohl für glücklich erklären, sagte Kandide zu Martin; auf der ganzen bewohnten Erdkugel hab' ich, ausgenommen im Eldorade, nichts als Unglückliche gefunden; daß aber dies Mädchen und dieser Theatiner vollglückliche Geschöpfe sind, darauf wollt' ich wetten.

Ich wette, sie sind's nicht! sagte Martin. Ich darf sie nur zu Gaste bitten, versetzte Kandide, so sehn wir gleich, ob ich mich geirrt habe.

Sofort ging er auf sie zu, machte ihnen sein Kompliment und bat sie, in seinen Gasthof zu kommen und mit Makkaroni, lombardischen Rebhühnern, Stör-Rogen und etlichen Flaschen Montepulciano, Lacrimae Christi und Cyper- und Samoswein vorliebzunehmen. Das Mädchen ward rot, der Theatiner nahm die Einladung an. Das junge Frauenzimmer folgte ihm, blickte Kandiden mit einem Auge an, worin sich Bestürzung und Beschämung malte und manche Träne trat.

Kaum waren sie im Hause, so sagte die Dirn, die Kandiden abseits genommen hatte: Kennen Sie denn Gertruden nicht mehr, lieber Herr Kandide? Dieser, dem Kunegunde stets vor Augen schwebte, hatte vorher nur einen flüchtigen Blick auf dies Mädchen geworfen, jetzt faßt' er sie fest ins Auge und sagte: Wären Sie's wirklich, liebes Kind, Sie, die dem armen Magister ein so schönes Geschenk gemacht haben?

Ach ja, mein Herr, ich bin's, sagte Gertrud. Wie ich höre, so wissen Sie bereits alles! Nun ich weiß auch, wie höchst kläglich es dem ganzen Hause der Frau Baronessin ergangen ist, und was die schöne Baroneß Gundchen für ein entsetzliches Ende gehabt haben. Aber ich war, weiß Gott, die Zeit über auch nicht auf Rosen gebettet, hab' auf Dornen und Disteln gesessen. Als ich hin auf den Edelhof kam, war ich noch ganz unschuldig; darum fiel's meinem Beichtvater, einem Franziskaner gar leicht, mich zu verführen. Oh! was für gräßliche Folgen entstanden daraus; ich mußte das Schloß nicht lange nachher verlassen, als Sie der Herr Baron mit derben Tritten in den Hintern 'nausgeschubst hatte.

Hätte sich nicht ein berühmter Doktor meiner erbarmt, ich wäre sicher drauf gegangen. Aus Erkenntlichkeit ward ich 'ne Zeitlang seine Mätresse. Seine Frau, das rasendeifersüchtigste Tier von der Welt, ein zehnmal ärgrer Satan von Weibe wie Xantippe, bläute mich tagtäglich so unbarmherzig wie'n neugebacknes Leutnantchen seines Hauptmanns Kompagnie. Ein unglücklichere Mädchen gab's wohl nicht wie ich. Tagtäglich richtig meine derbe Tracht Prügel eines Mannes wegen, den ich nicht lieben konnte, und tagtäglich Karessen und Liebkosungen diesem Manne, der 'ne wahre, alte Blocksbergsfratze war.

's ist 'n gefährlich Ding, wenn ein Zankteufel eine Doktorsfrau ist. Madame Brummeisen erfuhr's. Ihr Mann hatte endlich das Ding satt, gab ihr eines Tages, um sie vom Schnupfen zu kurieren, eine so wirksame Arzenei, daß sie zwei Stunden drauf mit den jämmerlichsten Verzückungen abschurrte.

Die Anverwandten der Frau Doktern spannen einen Kriminalprozeß gegen den Mann an, der sich glücklich aus dem Staube machte und mich drin sitzen ließ. Man warf mich ins Gefängnis, woraus mich nicht meine Unschuld rettete, sondern meine ganz leidliche Gestalt. Der Richter setzte mich auf freien Fuß unterm Beding, des Doktors Stelle einnehmen zu dürfen. In einem Husch wurd' ich ausgestochen, mußte ohn' einen Heller von dannen wandern, und sah' mich genötigt, jenes abscheuliche Handwerk zu ergreifen, was euch Mannspersonen so angenehm dünkt und was für uns eine vollströmende unerschöpfliche Quelle des Elends ist.

Ich ging nach Venedig, um hier mein Gewerbe zu treiben. Oh! mein Herr! Sie können sich nicht vorstellen, was das für eine Höllenmarter ist, alles durch die Bank weg karessieren zu müssen; bald 'nen alten Kaufmann, bald 'nen Advokaten, bald 'nen Mönch, bald 'nen Gondelführer, bald 'nen Abbate; jeder Beschimpfung preisgegeben zu sein; sich aufs Prellen zu verlegen. Oft ist man so rein herunter, daß man vom Juden ein armselig Fähnchen borgen muß, um sich's von der ekelhaftesten, fatalsten Prise, vom schlechtesten Schufte aufdecken zu lassen. Das bißchen, was man von dem einen verdient, wird einem von dem andern wegstipitzt; man schwebt immer untern Klauen der heiligen Engel, und hat im Prospekt weiter nichts als das Zuchthaus oder gar das Lazarett oder den Misthaufen, woselbst alsdann das abgemergelte, halbverfaulte, verrunzelte und verschrunzelte Gerippe fast in der Blüte der Jahre sein Leben verkeuchen muß.

Wenn Sie sich das alles so recht lebhaft denken, so werden Sie sehn, daß es keine unglücklichere Kreatur auf der Welt gibt als mich.

So schüttete Gertrud in einem Kabinett ihr Herz gegen den biedern Kandiden aus. Ha! halb war 'die Wette gewonnen! rief Martin, der mit zugegen war. Bruder Viola war im Speisesaal geblieben, und hatte sich derweil' an eine Flasche Cyperwein gemacht.

„Du sahst mir aber so fröhlich, so zufrieden aus, Truddien. Wie ich dir begegnete, sangst so aus vollem Herzen, karessiertest deinen Theatiner mit so ungeheuchelter Liebeswärme, daß du mir eben so glücklich schienst, als du dich unglücklich ausgibst."

Ach lieber Herr Kandide, sagte Gertrud. Das ist eben mit das ärgste Kreuz bei meinem Handwerk. Noch gestern wichste mich ein Offizierchen rein durch und zog mich rattenkahl aus, und heute muß ich die fröhlichste Laune affektieren, um mich bei einem Pfaffen anzuschmeicheln.

Nun hatte Kandide schon genug und gab Martinen recht. Sie setzten sich beide mit Gertruden und dem Theatiner an den Tisch; hielten ein recht fröhliches Mahl und wurden beim Wein ganz offen.

Herr Pater, sagte Kandide zum Mönch, Sie scheinen mir ein Los zu genießen, um das Sie jedermann beneiden muß; die blühendste Gesundheit lacht aus Ihrem Gesicht, Sonnenschein sitzt über Ihren Augbrauen und verkündigt, wie vollglücklich Sie sind, Sie haben das niedlichste Mädchen zum Zeitvertreib und scheinen mit Ihrem Theatinerstand höchst vergnügt.

Ich wollte, alle Theatiner hätten einen Mühlstein am Hals und lägen im Meere, wo's am tiefsten ist, sagte Bruder Viola. Ich bin wohl schon hundertmal willens gewesen, das Kloster anzustecken und hinzugehn, und ein Türk zu werden. In meinem fünfzehnten Jahre mußt' ich nolens volens die verwünschte Jacke anziehn, damit mein ältrer Bruder — Gott und alle Heiligen verdammen ihn, den prassenden, putenjunkerschen Buben! — recht à son aise schwelgen kann. Ich wurd' in ein Kloster gebannt, das man gemeiniglich für einen Wohnsitz der religiösesten Ruhe hält; und das beim Lichte besehn weiter nichts ist als der Tummelplatz der Eifersucht, der Zwietracht und des Ingrimms.

's ist wahr, ich habe mir manchmal mit einem jämmerlichen Schnickschnack ein'ge Batzen in die Tasche gepredigt. Aber was hat's geholfen? Die Hälfte davon stiehlt mir der Prior weg und um's übrige bringen mich die Menschen. Wenn ich des Abends ins Kloster komme, bin ich so fuchswild, daß ich gleich den Kopf gegen die Wand rennen möchte, und all' meinen Brüdern in Paulo geht's nicht ein Haar besser.

Nun hab' ich nicht die Wette ganz gewonnen, sagte Martin, indem er sich mit seiner gewöhnlichen Kaltblütigkeit gegen Kandiden wandte? Kandide gab Gertruden zweitausend Piaster und Bruder Viola'n tausend. Nun werden sie glücklich sein, sagte er, dafür haft' ich. Ich wahrlich nicht! versetzte Martin. Vielleicht machen Sie sie dadurch noch unglücklicher. Mag's ausfallen, wie's will! sagte Kandide. Ich tröste mich jetzt damit, daß ich sehe, wie man oft Leute wiederfindet, die man nie wiederzufinden verhofft hat; da ich meinen roten Hammel und Gertruden wiedergefunden habe, so kann sich's wohl noch fügen, daß ich Kunegunden wieder antreffe.

Martin. Ich wünsch' es von Herzen, daß selbige Sie dereinst glücklich machen möge; zweifle aber noch sehr daran.

Kandide. Hartherziger Mann.

Martin. Was gar nicht zu verwundern. Ich habe lang' in der Welt gelebt.

Kandide. Sehn Sie einmal jene Gondelführer an. Singen sie nicht mit dem frohsten Herzen vom frühen Morgen an bis zum dämmernden Abend.

Martin. Werfen Sie einmal einen Blick in ihre vier Pfähle! Da werden Sie sehn, wie sie schmollen bei ihren Weibern und ihren Wechselbälgen von Kindern; Sie werden finden, daß Sorg' und Verdruß sowohl unterm Schindeldache des Gondelführers wohnt als unterm Palaste des Dogen. Recht beim Lichte besehn ist der Gondelführer immer glücklicher als der Doge. Doch die Waage zur Hand zu nehmen und abzuwägen, um wieviel, lohnt wahrlich! der Mühe nicht. Es ist, glaub' ich, ein so winzig Teilchen mehr, daß eine Mücke es auf dem Schwanze über den Rhein führen kann.

Kandide. Ich habe mir sagen lassen, der Senator Pococurante, der dort in dem schönen Palaste auf der Brenta wohnt und jeden Fremden so freundschaftlich empfängt, soll der glücklichste Mann auf Gottes Erdboden sein; noch nie soll ihn ein Quentchen Unmut gedrückt haben.

Martin. Das Wundergeschöpf möcht' ich wohl sehn. Sogleich schickte Kandide zum Signor Pococurante und ließ um die Erlaubnis bitten, ihm morgen aufwarten zu dürfen.

Fünfundzwanzigstes Kapitel: Besuch beim Signor Pocourante, Nobile di Venezia
Kandide und Martin setzten auf einer Gondel über die Brenta und kamen im Palaste des Nobile Pococurante an. Die Gärten waren sehr umfänglich und mit trefflichen marmornen Bildsäulen ausgeschmückt, der Palast im schönsten neusten Geschmack erbaut. Der Herr vom Hause, ein Sechziger und steinreich, nahm unsre beiden Neugierigen mit ungemeiner Höflichkeit auf; aber mit wahrer hofmännischer Kälte, was Kandiden nicht wenig stutzig machte, Martinen aber gar nicht mißbehagte.

Sogleich trugen zwei niedliche, wohlgekleidete Mädchen Schokolat' auf, die sie zum perlendsten Schaum zerquirleten. Kandide konnte nicht umhin, sie wegen ihrer Schönheit, wegen ihres Anstandes und wegen ihrer Gewandtheit zu loben.

Sind so ziemlich gute Krabben! sagte Senator Pococurante. Manchmal nehm' ich sie mit ins Bette. Denn Eure Stadtdamen bin ich überdrüssig; ich kann ihre Kokettereien, Eifersüchteleien, Kritteleien, Launen, Aufblasereien und Albereien unmöglich aushalten, und ihre ewige Bestellereien von Liedchen, selbst oder vor irgendeinem Mietspoeten gemacht. Doch bei alledem werden mir auch diese Dirnen schon höchst unleidlich.

Nach dem Frühstück besahen sie die Bildergalerie; einen sehr großen geräumigen Saal

Voll Menschen Glut und Geistes.

Kandiden war bei dem Beschauen dieser Meisterwerke ganz wunderbar zu Mute;

Sein Busen war so voll und bang
Von hundert Welten trächtig;

sein ganzes Wesen schien aufgelöst in einem Meer von Entzücken. Endlich rief er: Von welchem Meister? Und deutete auf ein paar Gemälde, woran er sich am meisten ergötzt, an welchen sein Auge noch mit unbeschreiblicher Bewundrung und liebewarm hing.

Von Raphael, sagte der Senator. Ich war solcher alter Geck und kaufte sie vor etlichen Jahren rasend teuer; ließ mich dazu beschwatzen, weil man mir versicherte, schönre Werke der Kunst gäb's in ganz Italien nicht; ich kann aber nicht sagen, daß sie mir anstünden. Die Farben sind zu dunkel gehalten; die Figuren haben keine Rundung, nichts Hervorspringendes genug, die Draperien nichts weniger als Ähnlichkeit mit Gewändern. Mit einem Worte, was man auch drüber tratscht, treukopierte Natur find' ich gar nicht drinnen. Natur, Natur, die liebe Natur verlang' ich ohn' alle Ziererei so wie allenthalben, auch in Gemälden; aber wo gäb's solche Gemälde? Ich habe Kleckereien und Sudeleien die Menge, mag sie aber gar nicht mehr ansehn.

Pococurante ließ, während das Diner besorgt wurde, ein Konzert geben. Kandide schwamm in Vergnügen, glaubte Sphärenklang zu hören. Auf eine Viertelstunde hört man das Gequinkeliere, den Dideldumdei wohl an, sagte Pococurante, aber währt's länger, so ist's jedermann überdrüssig, ohne daß eine Seele das Herz hat, es zu gestehn. Heutzutage nimmt die Musik hohen, sonnenhohen Flug, und da mag's der Teufel aushalten und lange mitfliegen.

Vielleicht behagte mir die Oper besser, wann man nicht das Kunststückchen ausfindig gemacht hätte, sie zu einem Ungeheuer umzuschaffen, wobei sich mein Magen empört. Geh' hin, wer da will, in eure elenden musikalischen Trauerspiele, wo jede Szene dazu angelegt ist, querfeldein zwei oder drei lächerliche Liederchen anzubringen, welche die Kehle der Aktrice ins Licht setzen müssen. Fall vor Vergnügen in Ohnmacht, wer da will oder kann, wenn er einen Kastraten den Cäsar oder Kato hertrillern hört oder mit anmaßlicher Noblesse auf dem Brettergerüste herumspazieren sieht. Ich meines Orts habe schon längst all' diesen Lappereien entsagt, die heutigen Tages den Stolz von Italien ausmachen und die von auswärtigen Potentaten so teuer bezahlt werden.

Kandide disputierte hierüber mit ihm, aber mit vieler Bescheidenheit, Martin aber war völlig der Meinung des Senators.

Man setzte sich zur Tafel und nahm ein prächtiges Mittagsmahl ein. Wie man abgespeist hatte, ging man in Pococurantes Bibliothek. Kandiden fiel ein prächtiggebundner Homer ins Auge, und er machte dem Illustrissimo zu seinem Geschmack ein Kompliment. An diesem Werke, rief er, weidete sich der große Panglos, der beste Philosoph in ganz Deutschland. Und ich mich nicht im geringsten, sagte Pococurante ganz kalt. Ehmals wollte man mich bereden, ich fände an dessen Lektüre Vergnügen. Allein das ewige Vorgeleier von Schlachten, die sich ähnlich sehn, wie'n Ei dem andern, diese Götter, die in einem fort handeln und doch nichts Entscheidendes zustande bringen, jene Helena, die den ganzen Krieg angesponnen hat und die sich fast immer hinter der Kulisse hält; jenes Troja, das man immer belagert und niemals einnimmt; alles das wurmte mich so sehr, daß ich den Bettel in den Kamin werfen wollte. Ich fragte manchmal Gelehrte, ob sie nicht ebensoviel Langeweile bei dem alten Salbader empfänden. Wer offenherzig war, gestand mir, es ging' ihm nicht besser, doch müßte man ihn immer in seiner Bibliothek haben, ihn aufbewahren als ein Denkmal des Altertums und wie jene verrosteten Schaumünzen, die nicht mehr im Gange sind.

Kandide. So denken doch Vossignoria nicht von Virgil?

Pococurante. Ich räum' es ein, daß das zweite, vierte und sechste Buch seiner Aeneide trefflich sind, was aber seinen frommen Aeneas anlangt, den starken Kloanthes und Freund Achates, den kleinen Askan, den König Schwachkopf Latinus, die Spießbürgerin Amata und den Laffen von Weibe, die Lavinia, so glaub' ich nicht, daß man je was Matteres, Widerlicheres gesehn hat. Viel lieber will ich den Tasso lesen und all die Ammenmärchen des Ariost, worüber man stehend einnicken möchte.

Kandide. Verzeihung, gnädiger Herr, finden sie viel Vergnügen daran, den Horaz zu lesen?

Pococurante. Er hat Maximen, die ein Mann von Welt benutzen kann und die wegen ihrer angenehmen, lebhaften Einkleidung sich dem Gedächtnisse um so leichter einprägen. Allein seine Reise nach Brindisi und seine Beschreibung eines Mittagsbrots, das zusammengesudelt worden, sein Zankdialog im Karnschiebertone zwischen Gott weiß was für einem Rupilius, dessen Worte, wie er sagt, von Eiter troffen, und einem andern, dessen Worte nach echt italienischem Weinessig schmeckten, das alles ist mir höchst kahl und schal. Mit äußerstem Widerwillen hab' ich die Grobheiten gelesen, die er den alten Weibern und Hexen in den Bart wirft, ich seh' auch gar nicht ein, was das für ein großer oder kühner Gedanke ist, wenn er zu seinem Freunde Mäcen sagt: Wenn Du mich unter die lyrischen Dichter rechnest, werd' ich mit erhabnem Nacken an die Sterne stoßen.

Aber so geht's; an einem beliebten Autor staunen die Blödhämmel alles als göttlich an. Ich lese bloß für mich, und was nicht in meinen Kram dient, steht mir auch nicht an.

Kandide, der von der Amm' an zu nichts weiter gewöhnt war als zum Nachbeten, erstaunte höchlich über alles das, was er hörte, Martin aber fand Pococurantes Urteile gar nicht uneben.

Ha! ein Cicero, rief Kandide. Den großen Mann werden Sie gewiß nicht müde zu lesen? Wahrlich nicht! antwortete der Venediger, denn ich les' ihn nie. Was schiert's mich, ob er dem Rabirius oder Cluentius den Prozeß geführt hat. Ich habe so Prozesse die Menge abzuurteln. Seine philosophischen Schriften wären noch eher mein Kasus gewesen; wie ich aber sähe, daß er alles bezweifelte, so schloß ich, daß ich grade so viel wüßte wie er, und daß ich niemandes Hilfe bedürfte, um unwissend zu sein.

Oh! da sind vierundzwanzig Bände vermischte Schriften von einer Akademie der Wissenschaften, schrie Martin. Darunter könnte wohl was Guts sein! Und wäre auch, sagte Pococurante, wenn nur ein einziger von all' den Schmierern die Kunst erfunden hätte, Nähnadeln zu machen, so aber enthält der ganzeBraß nichts als Systeme, lauter Luftgut und nicht ein Spierchen Brauchbares.

Was für eine Menge Schauspiele seh' ich dort, rief Kandide, italienische, spanische, teutsche, französische! Jawohl! sagte der Senator, es sind über dreitausend Stück, und der guten nicht drei Dutzend. Daß ich diese Sammlungen Predigten, die insgesamt nicht zwei Seiten von Addison aufwiegen, und alle jene dicken Folianten von Kirchenvätern und allen möglichen Theologastern nie aufgemacht habe, so wenig wie sonst jemand, das werden Sie mir wohl unversichert glauben.

Martin ward einen Schrank gewahr, worin lauter englische Bücher standen: Ich glaube, es muß Wonne für einen Republikaner sein, die meisten dieser Werke zu lesen, die den Geist der Freiheit so stark atmen. Freilich ist's schön, hinschreiben zu dürfen was man denkt, sagte Pococurante, das ist das Vorrecht des Menschen. Allein in unserm ganzen Italien schreibt man bloß, was man nicht denkt; die jetzigen Bewohner der Gegenden, wo die Cäsars herrschten und die Antone, dürfen sich nicht unterstehn, einen Gedanken zu haben, wenn's ein Dominikaner nicht erlaubt. Wie gesagt, ich wäre sehr mit der Freiheit zufrieden, die den genievollen Briten begeistert, wenn nicht Leidenschaft und Parteigeist alles verdürben, was diese köstliche Freiheit Schätzbares hat.

Kandide ward einen Milton gewahr und fragte, ob er nicht diesen Dichter für einen großen Mann hielte? „Ich, den Barbaren, der über das erste Kapitel des ersten Buchs Mose in zehn Büchern rauher Verse einen weitschweifigen Kommentar gemacht hat? Den plumpen Nachäffer der Griechen, der die Schöpfungsgeschichte ganz verhunzt hat, der, indem Moses den Allmächtigen schildert, wie er durch ein Werde die Welt hervorwinkt, seinen Messias einen großen Kompaß aus einem Wandschranke des Himmels hervorholen läßt, um einen Riß seines Weltgebäudes zu entwerfen? Ich, ihn schätzen, der Tasso's Höll' und Teufel verpfuscht hat, der den Lucifer bald in eine Kröte, bald in einen Zwerg verkappt, der ihn die Leier immer herableiern läßt, die er ihm einmal in die Hand gegeben hat, der ihm theologische Dispute in den Mund legt. Ich sollte den Mann schätzen, der Ariost's komische Erfindung mit dem Schießgewehr in gutem Ernst nachäfft und sich die Teufel in dem Himmel herumkanonieren läßt. Weder mir noch sonst irgend jemand in Italien können sie gefallen, diese kahlmäuserschen Alfanzereien. Welcher Mann, der nur ein wenig Gefühl fürs Schöne hat, kann die Heirat der Sünde und des Todes und die Schlangen, die Frau Sünde gebiert, lesen, ohne daß sich sein Magen empört! Und seine weitläufige, weitschweifige Beschreibung vom Hospitale gehört nur für einen Totengräber."

„Dies dunkle, phantastische, ekelhafte Gedicht ward bei seiner ersten Erscheinung verachtet; und ich tue jetzt das, was gegen Milton seine Landsleute und Zeitverwandte taten. Übrigens sag' ich, was ich denke, und kümmre mich wenig darum, ob andre ebenso denken wie ich."

Kandiden hatten diese Urteile ein wenig gebeugt, er hielt den Homer hoch und liebte den Milton. Sie kamen nunmehr vor einen Schrank, worin teutsche Dichter standen. Lassen Sie uns vorübergehn, lieber Martin, flüsterte Kandide ihm zu. Es möchte sonst wieder ein unbarmherziges Gericht ergehn. Wobei mancher von den Herren nicht mehr als sein Recht erhalten würde, sagte Martin. Das wohl, antwortete Kandide, aber er könnte so nebenher meine Lieblinge antasten, und das hielt' ich nicht aus.

Pococurante beehrte sie noch mit einigen von seinen Urteilen; wir sind's aber satt, mehrere Schiefköpfigkeiten nachzuschreiben, und der Leser ist es auch gewiß, selbige zu lesen. Kandide brummte in den Bart: Ein großer, großer Kopf. Das nenn' ich noch Genie! Dem kann niemand etwas zu Danke machen !

Nachdem besagtermaßen Pococurantes Bücher die Mustrung passiert hatten, stiegen sie in den Garten herab. Kandide lobte alle dessen Schönheiten. Schönheiten? sagte der Eigner des Gartens. Das nennen Sie Schönheiten? Ist nichts als lauter Flitter- und Klipperkram:

Ist purer purer Schneider Scherz
Trägt nur der Schere Spur
Und nicht das große, volle Herz
Von Mutterlieb Natur.

Doch nur Geduld, morgen liegt der ganze Bettel hier in einem Klumpen, und aus dem Schutt und Graus soll ein gar ander Ding aufstehn. Wo man hintritt, wo man hinriecht und hinsieht, soll Natur entgegenwittern, und doch soll's nicht so kunterbunt, so regellos wild sein wie in den so hochgepriesnen Gärten der Engländer.

Als unsre beiden Neugierigen von dem Illustrissimo Abschied genommen hatten, sagte Kandide zu Martinen: Daß der Mann der Glücklichste unter allen Menschen ist, werden Sie mir doch wohl zugeben; er ist weit über alles erhaben, was er besitzt.

Martin. Sehn Sie denn nicht, daß er alles dessen überdrüssig ist. Die Mägen sind nicht die besten, hat schon Plato vor Jahrhunderten gesagt, die nicht jede Speise vertragen können.

Kandide. Aber, ist es nicht Wollust, jedes Ding zu bekritteln, Fehler aufzuspüren, wo andre Leute mit ihrer schlechtgeschliffnen Brille nichts als Schönheiten sehn?

Martin. Das heißt verdolmetscht, es ist Wollust, gar keine Wollust zu genießen.

Kandide. Nun dann! so bin ich denn allein der Glückliche, wenn ich mein Gundchen in den Armen haben werde.

Martin. Hoffnung ist noch das Beste, was der Mensch hat!

Indessen verflossen Tage, Wochen, Monate, und kein Kakambo erschien. Kandide war in einem solchen Meer von Wehmut versenkt, daß es ihm gar nicht einfiel, wie weder Gertrud, noch Bruder Viola wiedergekommen waren und sich für die dreitausend Piaster bedankt hatten.

Sechsundzwanzigstes Kapitel: Kandide und Martin speisten mit sechs Ausländern. Wer diese Ausländer waren
Eines Tages, als sich Kandide mit Martinen und den Fremden, die mit ihm in eben dem Wirtshause logierten, zu Tische setzen wollte, packt' ihn ein Mensch mit einem Rußgesicht von hinten beim Arme und raunte ihm zu: Daß Sie sich ja reisefertig halten! Vergessen Sie's nicht.

Kandide dreht sich um und sieht Kakambo'n. Außer Kunegunden konnte kein Anblick für ihn überraschender und erfreulicher sein. Seine Freude artete fast in Wahnsinn aus. Mit der glühendsten Umarmung sagt' er zu ihm: Oh! sie ist also hier, meine Kunegunde! Wo ist sie denn, mein Bester, Einziger? Bring mich doch zu ihr. Laß mich doch mit ihr vor Freude sterben! Kunegunde ist hier nicht, sagte Kakambo; ist zu Konstantinopel.

„Jesus und Gott! zu Konstantinopel! Doch es tut nichts. Und war' sie in China, ich flöge hin! Mit zu Schiffe! mit!" und Kandide hatte Kakambo'n schon zur Haustür hinausgerissen. Vor Essen kann daraus nichts werden, sagte Kakambo. Weiter kann ich Ihnen jetzt nichts sagen. Nur noch soviel: ich bin Sklave, mein Herr wartet auf mich. Ich muß in den Speisesaal und ihn bedienen. Sein Sie ja mäuschenstill, essen Sie Ihr Abendbrot und machen Sie sich reisefertig.

Kandide war halb ein Raub der Freude, halb der Betrübnis; der Freude, der entzückendsten Freude, weil er bald sein Gundchen wiedersehn sollte und jetzt seinen treuen Sachwalter wiedergefunden hatte; der Betrübnis, daß er letztern als Sklave sähe. Sein Herz war in wildem Aufruhr, sein Kopf drehend und wirbelnd. Er setzte sich mit Martinen, der all' diesen Abenteuern ganz kaltblütig zuschaute, und sechs Fremden zu Tische, die bloß die Faschingszeit in Venedig zubringen wollten.

Wie sie fast abgespeist hatten, sagte Kakambo zu einem dieser sechs Fremden, dem er bisher eingeschenkt hatte: Sire, Ihre Majestät können reisen, wenn's Ihnen gefällig ist, das Schiff ist klar. Hierauf ging er hinaus. Ohn' ein Wort zu sagen, sahen die Gäste einander voller Erstaunen an, als ein zweiter Bedienter sich seinem Herrn näherte und ihm sagte: Die Kutsche von Ihro Majestät steht zu Padua und die Barke ist bestellt. Sein Herr gab ihm einen Wink, worauf er fortging.

Die Gäste machten noch größre Augen als vorhin, ihr Blick verriet immer mehr und mehr ihre steigende Verwundrung. Ein dritter Diener näherte sich einem dritten Fremden und sagte: Sire, folgen Sie meinem Rat und halten Sie sich nicht länger hier auf. Ich geh' und mache alles zurechte, Ihro Majestät. Sofort verschwand er.

Kandide und Martin hielten das ganze Ding nunmehr für einen Karnevalsspaß. Ein vierter Bedienter sagte: Ihro Majestät können reisen, wenn's Ihnen gefällig ist. Der fünfte Lakai sagte eben das dem fünften Herrn. Allein der sechste hub an in ganz anderm Ton mit dem sechsten Fremden zu reden, der neben Kandiden saß. Bei meiner armen Seele! Sire, sagte er, Ihro Majestät können so wenig mehr auf Borg kriegen wie ich und 's is leicht möglich, daß wir heut' alle beide in den Schuldturm wandern müssen. Das Gescheitste, ich seh', wo der Zimmermann das Loch gelassen. Gott steh' Ihnen bei.

Wie alle Bedienten hinaus waren, verharrten die sechs Fremden, Kandide und Martin im tiefsten Stillschweigen. Endlich brach's Kandide: Ein artger Fastnachtsspaß, meine Herren! Warum sind Sie aber grade alle gekrönte Häupter? Ich meinerseits muß Ihnen gestehn, ich bin kein König, so wenig wie mein Martin da.

Jetzt nahm Kakambos Herr gravitätisch das Wort und sagte auf Italienisch: Ich bin nichts weniger als Fastnachtsnarr; ich heiße Achmet der Dritte; bin viele Jahre Großsultan gewesen; habe meinen Bruder entthront, und mein Neffe mich. Alle meine Wesire sind enthauptet worden, und ich bringe den Rest meines Lebens im alten Serail zu. Bisweilen erlaubt mir mein Neffe, Großsultan Machmud, gesundheitshalber herumzureisen. Diesmal hab' ich den Karnevalslustbarkeiten zu Venedig beigewohnt.

Ein junger Mann, neben Achmet sitzend, hub nach ihm an zu reden. Ich heiße Iwan, sagte er; bin der Kaiser aller Russen gewesen; ward schon in der Wiege entthront, mein Vater und Mutter eingekerkert, ich im Gefängnisse erzogen; manchmal steht mir's frei, herumzureisen; meine Wächter verlassen mich aber nie. Ich bin hieher gekommen, um dem Karneval beizuwohnen.

Und ich bin Karl Eduard, König von England, sagte der Dritte. Mein Vater trat mir seine Gerechtsame am Reiche ab. Ich suchte sie mit gewaffneter Hand zu verteidigen; man riß achthundert meiner Anhänger das Herz aus dem Leibe und schlug es ihnen um die Backen; mich warf man ins Gefängnis. Jetzt geh' ich nach Rom, meinen Vater zu besuchen, den König, der sowohl entthront ist wie ich, und meinen Großvater. Ich kam hieher, um dem Karneval beizuwohnen.

Nunmehr nahm der Vierte das Wort und sagte: Ich bin König der Polen, beraubt meines Erbreichs durch das Kriegsglück, das auch an meinem Vater seine Tücke übte, ich habe mich völlig der Vorsehung anheimgestellt, so wie Sultan Achmet, Zar Iwan und König Karl Eduard, denen Gott ein langes Leben verleihen wolle. Ich kam hieher, um dem Karneval beizuwohnen.

Auch ich bin König der Polen, hub der Fünfte an, verlor zweimal mein Reich, erhielt aber durch die Vorsehung einen andern Staat, worin ich mehr Gutes getan habe, als je alle Könige der Sarmaten an den Ufern der Weichsel haben tun können; auch ich stelle mich der Vorsehung anheim und bin hieher gekommen, dem Karneval beizuwohnen.

Jetzt war die Reihe zu reden an dem sechsten Monarchen. Meine Herren, sagte dieser, an Größe gleich' ich Ihnen nicht, dennoch aber bin ich, so gut wie ein andrer, König gewesen. Ich heiße Theodor und ward zum Könige in Korsika erwählt. Sonst nannte man mich Ihro Majestät und jetzt mit genauer Not mein Herr. Sonst ließ ich Münze schlagen, jetzt hab' ich keinen roten Heller; sonst hatt' ich zwei Staatssekretäre und jetzt nicht einmal einen Bedienten. Ich sah mich ehemals auf einem Throne, und zu London mußt' ich lang' im Kerker auf einem Bunde Stroh liegen. Mir ist bange, daß mich hier das nämliche Schicksal trifft, ob ich gleich wie Ihro Majestäten hierher gekommen bin, dem Karneval beizuwohnen.

Die fünf andern Könige hörten dieser Erzählung mit edlem Mitleide zu, und jeder gab dem Könige Theodor zwanzig Zechinen, um sich Kleider und Wäsche anzuschaffen, Kandide aber schenkte ihm einen Diamanten von zweitausend Zechinen.

Wer muß wohl dieser simple Partikülier sein, der imstande ist, hundertmal soviel wegzugeben als jeder von uns, und der es auch tut! sagten die fünf Könige zueinander.

In eben dem Augenblick, da man von der Tafel aufstand, kamen in eben dem Wirtshause vier durchlauchtige Herrschaften an, die das Kriegsglück gleichfalls um ihre Staaten gebracht hatte und die den Überrest des Karnevals zu Venedig zubringen wollten. Kandide, dem der Gedanke, seine traute Kunegunde aufzusuchen, die ganze Seele füllte, kümmerte sich um die Neuangekommnen nicht im geringsten.

Siebenundzwanzigstes Kapitel: Kandidens Reise nach Konstantinopel
Der treue Kakambo hatte es schon dahin gebracht, daß der türkische Schiffspatron, der den Sultan Achmet nach Konstantinopel führen sollte, Kandiden und Martinen mit an Bord nahm. Ehe selbige sich nach dem Schiff begaben, beugten sie sich tief zur Erde vor dem Schattenspielsmonarchen.

Sehn Sie, sagte Kandide unterwegs, da haben wir nun mit sechs abgesetzten Königen gespeist, und unter diesen sechs Königen war noch dazu einer, dem ich einen Zehrpfennig gegeben habe. Vielleicht gibt's noch weit mehr unglückliche Prinzen. Wie glücklich bin ich dagegen, ich habe ja nur hundert Hammel eingebüßt und fliege nun meiner Kunegund' in die Arme. Ich versichre Ihnen nochmals, lieber Martin, Panglos hatte recht: Es ist doch die beste Welt! Wollte Gott, seufzte Martin.

Allein, sagte Kandide, unser zu Venedig erlebtes Abenteuer hat wenig Wahrscheinliches. Hat man je gesehn oder gehört, daß sechs entthronte Könige in einem Wirtshause zusammen zur Nacht gespeist haben?

Das schlägt grade nicht mehr aus dem gewöhnlichen Gleis als die meisten Vorfälle, die uns begegnet sind, antwortete Martin. Daß Könige entthront werden, ist ein Erzwerkeltagsstückchen, und daß wir die Ehre gehabt haben, mit ihnen das Abendbrot zu nehmen, nun wahrlich, das ist eine solche Lumperei, daß ich nicht begreife, wie ein Schüler vom großen Panglos, ein wirklich philosophischer Kopf, davon was hermachen kann.

Kaum hatte Kandide den Fuß ins Schiff gesetzt, so stürzt' er auf seinen alten Diener, seinen Freund Kakambo zu und fiel ihm um den Hals. Nun, was macht meine Kunegunde? rief er. Ist sie noch immer das schöne Mädchen? Liebt sie mich noch immer? Oh, was macht sie? Du hast ihr unstreitig einen Palast zu Konstantinopel gekauft?

„Ach! 's hat sich was zu palasten, lieber Herr. „Die gute Kunegunde steht da am Rande des Mare di Marmara und scheuert Teller und Schüsseln; ist Sklavin von einem Prinzen, bei dem das Küchengerät herzlich dünn gesät ist. 's ist der alte Fürst Ragotsky, dem die osmanische Pforte täglich drei Taler in seiner Freistatt zufließen läßt. Alles schlimm genug, aber der hinkende Bote kömmt noch erst nach. Der Baroneß ihr niedliches Lärvchen ist ganz zum Kuckuck; sie ist, mit Respekt zu sagen, 'n wahrer Popanz geworden."

Mag's doch, sie sei Popanz oder schön, antwortete Kandide, so muß ich sie doch lieben; sie hat mein Wort, und ich bin ein teutscher Mann. Aber sag' mir, wie kann sie so zum Aschenbrödel herabgesunken sein? Du hast ihr doch fünf bis sechs Millionen gebracht? I ja doch! sagte Kakambo, hab' ich nicht dem Sefior Don Fernando d'Ibaraa y Figueora y Mascarenes y Lampourdos y Suza, Statthalter von Buenos Aires, zwei Millionen geben müssen, damit ich die Erlaubnis erhielt, Baroneß Gundchen mitnehmen zu dürfen? Und hat uns nicht all' das übrige ein Seeräuber redlich weggekapert? Und hat uns nicht eben dieser Seeräuber nach Capo Matapan, nach Milo, nach Nicaria, nach Samos, nach Aradh, nach den Dardanellen, nach Marmara, nach Scutari geschleppt? Kunegunde und die Alte dienen jetzt bei dem besagten Fürsten, und ich bin Sklave beim entthronten Sultan.

Welche unendliche Kette von entsetzlichen Unglücksfällen! sagte Kandide. Doch ich habe noch einige Diamanten, damit werd' ich Kunegunden leicht befreien können. Nur schade, daß sie so häßlich geworden ist! Hierauf wandte er sich zu Martinen und sagte: Wen halten Sie wohl für beklagenswürdiger, den Kaiser Achmet, Zar Iwan, König Karl Eduard oder mich? Um hierüber zu urteilen, müßt' ich einen Blick in Ihrer aller Herz tun können, sagte Martin. Ha! versetzte Kandide, wäre nur Panglos hier, der würde ohne diesen Blick uns dies gewiß lehren. Ich weiß nicht, was für eine Waage Ihr Panglos hätte zur Hand nehmen können, um die Unglücksfälle der Menschen und ihre Leiden genau gegeneinander abzuwägen, sagte Martin. Ich meinerseits kann weiter nichts für gewiß behaupten, als daß es auf dem Erdenrund Millionen Menschen gibt, die hundertmal bedauernswürdiger sind als König Karl Eduard, Zar Iwan und Sultan Achmet. Wohl möglich! erwiderte Kandide.

In wenig Tagen befanden sie sich auf dem Kanäle des Schwarzen Meers. Das erste, was Kandide tat, war, daß er Kakambo'n sehr teuer loskaufte, hierauf warf er sich ohn' alles Säumen mit seinen beiden Gefährten in eine Galeere, um an den Ufern des Mare di Marmara seine Kunegunde aufsuchen zu gehn, so häßlich sie auch immerhin sein möchte.

Unter den Ruderknechten waren ein paar, die gar erbärmlich ruderten; auch sprach von Zeit zu Zeit der Levantefahrer mit seinem Ochsenziemer ihren nackten Schultern zu. Jeden Hieb fühlte Kandide doppelt; und er fuhr ihm durch Mark und Bein. Durch einen innern Zug angetrieben, naht' er sich ihnen und faßte sie schärfer in's Auge.

So verunstaltet auch ihre Gesichter waren, so glaubt' er doch einige bekannte Züge darin zu entdecken; Züge, die einige Ähnlichkeiten von Panglos und dem unglücklichen gejesuiteten Baron hatten, dem Bruder von Baroneß Kunegunde.

Diese Vorstellung machte ihn ganz niedergeschlagen, packte ihn heftig. Wahrlich, sagt' er zu Kakambo, nachdem er sie noch schärfer in's Auge gefaßt hatte, hätte ich nicht den Magister Panglos hängen sehn und hätt' ich nicht den Baron unglücklicherweise über den Haufen gestochen, so dächt' ich, das wären sie beide, die an diese Bank geschmiedet sind.

Bei dem Namen Baron und Panglos stießen die beiden Ruderknechte einen lauten Schrei aus, standen still und ließen ihre Ruder fallen. Sogleich rannte der Levantefahrer auf sie los und verdoppelte die Schläge mit dem Ochsenziemer. Halten Sie ein, lieber Herr, halten Sie ein! rief Kandide. Ich will Ihnen geben, was Sie haben wollen.

Heiliger Gott! das ist Kandide, schrie einer von den Ruderknechten. Wahrlich! das ist er, rief der andre. Träum' ich? Wach' ich? rief Kandide. Bin ich hier wirklich auf der Galeere? Ist das der Baron, den ich getötet? Ist das Magister Panglos, den ich habe hängen sehn?

Wohl sind wir's! Ja, wir sind's! antworteten sie alle beide. Wie! ist das der große Philosoph? fiel Martin ein. He! Herr Levantefahrer, sagte Kandide, wieviel Lösegeld fordern Sie für den Herrn Leopold Woldemar von Donnerstrunkshausen, einen der vornehmsten Barone des Heiligen Römischen Reichs, und für den Herrn Magister Panglos, den allergründlichsten Metaphysiker in ganz Teutschland. Baron, Metaphysiker, sagte der Levantefahrer. Hum! Müssen wohl ansehnliche Ämter in deinem Lande sein! Nu, weißt du was, du Christenhund? Da sollst du mir für die beiden Christenhunde von Sklaven fünfzigtausend Zechinen geben.

Die sollen Sie haben, mein Herr, sagte Kandide. Bringen Sie mich nur schnell wie der Blitz nach Konstantinopel, und ich zahl' Ihnen das Geld auf einem Brette. Doch nein, bringen Sie mich lieber zu Baroneß Kunegunde. Gleich bei Kandidens ersten Worten hatte der Patron das Schiff umgelegt und ließ nach der Stadt schneller zurudern, als ein Vogel die Lüfte durchschneidet.

Kandide warf sich bald dem Baron um den Hals, bald Panglosen: Wie ist das möglich, lieber Baron, daß ich Sie nicht getötet habe? und wie können Sie noch leben, trauter Panglos, da Sie sind gehängt worden? Und wodurch sind Sie beide auf türkische Galeeren gekommen? Ist denn wirklich meine liebe Schwester in der Türkei? sagte der Baron. Nicht anders! antwortete Kakambo. So hab' ich dich denn wieder, lieber trauter Kandide, schrie Panglos, und drückt' ihn fest an seine Brust. Kandide stellte ihnen Kakambo'n und Martinen vor. Sie umarmten sich insgesamt und sprachen alle mit einem Male.

Schon lag die Galeere, die mit Sturmwindsfittichen geflogen war, im Hafen. Man ließ einen Mauschel kommen, welcher Kandiden einen Diamanten, der hunderttausend Zechinen unter Brüdern wert war, für die Hälfte abschacherte. Will glaich verkrümmen af der Stell', gnädiger Herr, wo ich Sie kann geben ainen roten Heller mehr, sagte der Jude.

Sogleich bezahlte Kandide das Lösegeld für den Baron und für Panglos. Letzter warf sich seinem Befreier zu Füßen und badete sie mit Tränen. Erstrer sagte mit hochadligem Kopfnicken: Ehster Tage sollen Sie Ihren Vorschuß wiederhaben, Kandide. Auf Kavaliers Parol! Ist's aber wohl möglich, daß sich meine Schwester in der Türkei befindet?

Nicht nur möglich, sondern auch wirklich, sagte Kakambo. Sie scheurt jetzt einem siebenbürgischen Fürsten sein bißchen Zinn. Sogleich mußten zwei Juden kommen; Kandide verschleuderte wieder etliche Diamanten: sie setzten sich auf eine andre Galeere und eilten, Kunegunden zu erlösen.

Achtundzwanzigstes Kapitel: Baron von Donnerstrunkshausen und Panglos erzählen, was ihnen bisher begegnet ist
Verzeihung, Ihro Wohlehrwürden, nochmals Verzeihung, daß ich Ihnen den Degen durch den Leib gejagt habe, sagte Kandide zum Baron.

Nichts mehr davon! antwortete dieser. Die Schuld war mein, muß ich gestehn; ich war ein wenig zu rasch. Doch Sie wollen wissen, was für ein Unglücksfall mich auf die Galeeren gebracht. Nun, so hören Sie. Wie der Bruder Apotheker aus unserm Kollegium meine Wunde geheilt hatte, die Sie tödlich glaubten, griff mich eine Partie Spanier an, führte mich fort nach Buenos-Aires, das meine Schwester eben verlassen hatte, und warf mich daselbst ins Gefängnis.

Ich bat um Erlaubnis, nach Rom zum Pater General gehn zu dürfen. Man fand's aber für gut, mich nach Konstantinopel zu schicken, um bei dem dortigen französischen Ambassadeur Kaplansstelle zu vertreten. Ich hatte noch nicht völlig acht Tage diese Bestallung gehabt, als mir des Abends ein ungemein wohlgebildeter junger Sultans-Page aufstieß. Erstaunlich schwül war's den ganzen Tag über gewesen, der junge Mann wollte sich baden, ich nahm die Gelegenheit wahr und badete mich mit. Ich wußte nicht, daß der Hals darauf stand, wenn ein Christ mit einem jungen Muselman zusammen in puris naturalibus betroffen wird. Ein Kadi, der mich vor sich bringen ließ, sagte mir dies, ließ mir hundert Stockprügel auf die Fußsohlen geben und verdammte mich — aus ungemeiner Milde — zu den Galeeren. Himmelschreiendere Ungerechtigkeit, glaub' ich, ist wohl nie begangen worden . .. Aber ich bitte Euch, Kandide, sagt mir, warum befindet sich meine Schwester in der Küche eines zu den Türken geflüchteten siebenbürgischen Fürsten?

Aber wie ist's möglich, trauter Panglos, rief Kandide, wie ist es möglich, daß ich Sie wiedersehe? Sonderbar muß es Ihnen freilich dünken, sagte Panglos, da Sie mich haben hängen sehn. Nach der Regel hätt' ich müssen verbrannt werden. Sie werden sich aber noch erinnern, daß es regnete, als gösse es mit Mulden, grad' als ich sollte geschmort werden. Dies Schlackerwetter ward so heftig, hielt so lang' an, daß man das Holz gar nicht zum Brennen bringen konnte. Da war also kein bess'rer Rat, als mich zu hängen. Ein Feldscher kaufte meinen Leichnam, nahm ihn mit nach Hause und hub ihn an zu sezieren. Er begann sogleich mit einem Kreuzschnitt vom Nabel an bis zum Schlüsselbein herauf. Erbärmlicher wie ich war wohl noch niemand gehängt worden. Der Vollstrecker der hochnotpeinlichen Halsgerichtsbarkeit bei der heiligen Inquisition, der Unterdiakonus war, verstand sich zwar perfekt darauf, Leute zu verbrennen, aber das Hängen war seine Sache gar nicht. Der Strick •war naß, glitschte also nicht, und er schlug einen ganz jämmerlichen Knoten.

Kurz, ich hatte noch Leben, beim Kreuzschnitt schrie ich so laut auf, daß der Feldscher rücklings zu Boden stürzte und sich einbildete, er hätte den Teufel seziert. Halbtot vor Schrecken rannt' er Hals über Kopf zur Stubentür hinaus, und Hals über Kopf stürzt' er auch die Treppe hinunter.

Die Frau kam über das Gepolter aus dem benachbarten Kabinett herzugerannt, sah mich mit dem Kreuzschnitt über den Tisch ausgestreckt liegen. Es kam sie noch ärgers Grauen an als ihren Mann, sie rannte volles Rennens nach der Treppe, fiel selbige herunter und auf ihre liebe Ehehälfte.

Als sie sich wieder erholt hatten, hört' ich die Frau zum Manne sagen: Wie hast du dir's denn können einfallen lassen, Papachen, einen Ketzer zu sezieren? Weißt ja wohl, daß dergleichen Kerls immer den Teufel im Leibe haben. Will nur hurtig hinlaufen und einen Priester holen, damit der ihn austreibt.

Bei diesen Worten lief mir's ganz kalt übern Nacken, ich glaubte, die Inquisition hätte mich schon wieder beim Schopf, raffte daher den wenigen Überrest meiner Kräfte zusammen und schrie: Um aller Heiligen willen, erbarmt Euch mein. Endlich bekam der portugiesische Barbier wieder Herz, ging herauf, flickte meine Haut wieder zusammen; seine Frau ließ es auch an keiner Pfleg' und Wartung mangeln, so daß ich nach vierzehn Tagen wieder auf den Beinen war.

Der Barbier tat sich nach einem Dienst für mich um und brachte mich als Lakai bei einem Malteserritter an, der nach Venedig ging. Da ich aber von diesem meinem Herrn keine Zahlung erlangen konnte, so begab ich mich bei einem Venezianer Kaufmann in Dienst, welcher nach Konstantinopel reiste.

Eines Tages kam ich auf den Einfall, in eine Moschee zu gehn; es befand sich niemand weiter darin als ein alter Iman und eine junge Andächtige; ein gar niedliches Dingelchen, das ihr Paternoster hersagte. Ihr liebreizender Busen war ganz unverhüllt. Ein schöner Strauß von Tulpen, Rosen, Anemonen, Ranunkeln, Hyazinthen und Bergschlüsselblumen steckte zwischen den warmwallenden Marmorhügeln, die so stark hüpften, daß sie den Strauß auf die Erde fallen ließen. Ich flog hinzu, hob ihn auf und steckte ihn wieder vor mit einer sehr ehrfurchtsvollen Geschäftigkeit und Zärtlichkeit.

Beim Anordnen der Blumen bracht' ich so lange zu, daß der Iman in Harnisch geriet und um Hilfe rief, weil er sahe, daß ich ein Christ war. Man führte mich vor den Kadi, der mir hundert Schläge mit dünnen Röhrchen auf die Fußsohlen geben ließ. Ich ward grad' auf eben die Galeere und grad' auf eben die Bank geschmiedet, worauf sich der Herr Baron befand.

Auf der nämlichen Galeere waren vier junge Marseiller, fünf neapolitanische Priester und zwei Mönche aus Korfu, die uns versicherten, dergleichen wären Alltagsgeschichtchen. Der Herr Baron behauptete stets, ihm wäre weit größeres Unrecht widerfahren wie mir; ich aber behauptete, es sei weit erlaubter, einem jungen Frauenzimmer einen Strauß wieder vor den Busen zu stecken, als sich in puris naturalibus mit einem Sultans-Pagen allein zu befinden. Wir disputierten beständig und empfingen richtig alle Tage unsere dreißig Karbatschenstreiche, als Sie durch die Verknüpfung der Begebenheiten in dieser Welt auf unsre Galeere kamen und uns loskauften.

„Nun, liebster Panglos, blieben Sie noch immer bei Ihrem Satze, wie Sie gehängt, seziert, zerprügelt, Ruderknecht geworden waren? Hielten Sie noch immer diese Welt für die beste?" Noch immer! häng' ich fest an meiner ersten Meinung, sagte Panglos, denn mit einem Wort, ich bin Philosoph, und der läßt sein System nie fahren, überdies konnte Leibniz gar nicht unrecht haben, und zudem gibt's nichts Vortrefflicheres auf der Welt als die vorherbestimmte Harmonie wie auch Lehre vom Raum und von dem Unteilbaren der Natur.

Neunundzwanzigstes Kapitel: Was maßen Kandide Kunegunden und die Alte wiederfand
Indes, daß Kandide, der Baron, Panglos, Martin und Kakambo sich ihre Abenteuer erzählten, über die zufälligen und nichtzufälligen Begebenheiten auf dem Weltall vernünftelten, über Wirkungen und Ursachen, über das moralische und physische Übel, über Freiheit und über Notwendigkeit herumdisputierten und über die Seelenstärkungen, die man auf den türkischen Galeeren bekommen kann, war ihr Schiff an das Haus des siebenbürgischen Fürsten angelandet, am Strande des Mare di Marmara.

Das erste, was ihnen ins Auge fiel, war Kunegunde und die Alte, die Servietten über eine Leine zum Trocknen hingen. Bei diesem Anblick erblaßte der Baron. Kandide, der zärtlich liebende Kandide, wich drei Schritt zurück, es überfiel ihn ein Grauen, als er die schöne Kunegunde so verwandelt sahe. Ihre Augen waren rot, triefend, ihr Busen brettern, ihre Wangen verschrumpft, ihre Arm' und Hände scharlachfarben und schuppicht. Um sie aber nicht zu kränken, naht' er sich ihr. Sie umarmte Kandiden und ihren Bruder; man umarmte die Alte, und Kandide kaufte sie alle beide los.

In der Nachbarschaft lag ein kleines Vorwerk. Die Alte tat Kandiden den Vorschlag, es in Erwartung glücklicherer Zeiten zu kaufen. Kunegunde wußte nicht, daß sie war häßlich geworden; es hatte niemand davon einen Wink fallen lassen. Sie erinnerte Kandiden an sein Versprechen in einem so gebietrischen Tone, daß der gute Kandide sich nicht unterstand, ihr einen Korb zu geben. Er ging also hin zum Baron und notifizierte ihm, daß er seine Schwester heiraten würde.

Diese Niederträchtigkeit von Seiten meiner Schwester und diese Frechheit von Seiten Ihrer, Kandide, werd' ich nie zugeben, sagte der Baron. Bei Gott! diese Infamie soll man mir nie vorwerfen! Die Kinder meiner Schwester würden nie Stifts- und turnierfähig sein! Nein, meine Schwester soll nie einen andern bekommen als einen Reichsfreiherrn.

Kunegunde warf sich ihm zu Füßen und badete sie mit Tränen; er blieb unbeweglich. Hans Hasenfuß! rief Kandide. Ich habe dich von den Galeeren gerettet, habe für dich und für deine Schwester das Lösegeld bezahlt. Sie war hier Scheuermädel, ist häßlich wie die Sünde, ich bin so gutherzig und will sie zum Weibe nehmen, und du willst es nicht zugeben. — Töten kannst du mich, aber heiraten sollst du nie die Baroneß, meine Schwester, so lang' ich lebe, rief der Baron.

Dreißigstes Kapitel: Schlußszene
So rechte Lust hatte freilich Kandide eben nicht, Kunegunden zu heiraten, indes hatte er sein Wort einmal gegeben, Kunegunde drang so heftig in ihn, und der außerordentliche Junkerstolz des Barons verdroß ihn so sehr, daß er den festen Entschluß faßte, die Heirat zu vollziehen. Vorher pflog er mit Panglosen, Martinen und Kakambo'n geheimen Rat.

Panglos verfertigte einen gar stattlichen Aufsatz, worin er bewies, daß dem Baron keine Gerechtsame über seine Schwester zustünden und daß sie nach allen Reichsgesetzen sich Kandiden konnte an die linke Hand trauen lassen. Martin stimmte dahin, daß der Baron sollte in's Meer geworfen werden. Kakambo tat den Ausspruch: Man müsse ihn wiederum dem Levantefahrer überantworten, eine Zeitlang an die Ruderbank schmieden und dann mit dem ersten, besten Schiffe nach Rom an den Pater General schicken.

Diesem Gutachten ward einstimmig beigetreten; die Alte billigte es auch, wie sie's erfuhr; vor Kunegunden ward's verheimlicht. Mit etlichen Dukaten war das Projekt ausgeführt, und man hatte die Freude, einen Jesuiten zu überlisten und einen ahnenstolzen Gauch zu bestrafen.

Verheiratet mit seiner Trauten, umgeben vom Philosoph Panglos und Philosoph Martin, vom klugen Kakambo und der weisen Alten und überdies im Besitz so vieler Diamanten, die er aus dem Vaterlande der alten Inkas mitgebracht, hätte man glauben sollen, daß Kandide das wonnigste Leben von der Welt führen müßte. Gewaltig geirrt! Die Juden hatten ihn so vielfältig geprellt, daß er weiter nichts übrigbehielt als sein Vorwerkchen; seine Frau ward täglich häßlicher und zugleich zänkisch und unleidlich; die Alte kränkelte in einem fort und war noch üblerer Laune als Kunegunde. Kakambo, der im Garten arbeitete und die Hülsenfrüchte nach Konstantinopel herein zum Verkauf trug, arbeitete und plackte sich ganz ab und vermaledeite sein Schicksal. Panglos war voll des bittersten Unmuts, daß er nicht mehr als Professor auf irgendeiner Universität seines deutschen Vaterlands glänzen konnte. Martin nahm alles, was ihn traf, gelassen hin, in der festen Überzeugung, daß allenthalben Elend und Unglück herrsche.

Kandide, Martin und Panglos disputierten manchmal über Sätze aus der Metaphysik und Moralphilosophie. Unter ihren Fenstern passierten sehr oft Schiffe vorbei, die mit Effendis, Bassas, Kadis beladen waren, welche nach Lemnos, Mytilene und Erzerum ins Elend geschickt wurden. Es kamen frische Bassas, frische Kadis, frische Effendis wieder, welche an den Platz der vertriebenen traten und nicht lange drauf wieder aus selbigen vertrieben wurden. Es schifften gar wohleinballierte Köpfe vorbei, die der hohen Pforte überreicht werden sollten.

Diese abwechselnden Auftritte gaben immer neuen Stoff zu neuen lebhaften Abhandlungen; wenn sie sich aber ausdisputiert hatten, herrschte eine so unausstehliche Langeweile unter ihnen, daß die Alte sich eines Tages unterstand, folgende Frage aufzuwerfen: Ich möchte wohl wissen, was schlimmer ist, hundertmal von maurischen Seeräubern geschändet zu werden, sein halbes Hinterteil sich abnehmen zu lassen, bei den Bulgaren Spießruten zu laufen, bei einem Autodafe gestäupt und aufgehängt zu werden, sich sezieren zu lassen, als Sklav auf den Galeeren zu rudern, kurz all' das Elend auszustehn, das wir insgesamt erlitten haben, oder sein ganzes Leben die Hand' im Schoße so hier zuzubringen. Eine wichtige Frage! sagte Kandide. Diese Frage brachte neue Betrachtungen auf die Bahn, und Martin zumal nahm Anlaß, hieraus zu folgern, der Mensch sei dazu geboren, sein Leben entweder in beständigem, krampfartigem Regen und Bewegen zuzubringen oder in der untätigsten schlaraff enhaftesten Langeweile.

Kandide war ganz andrer Meinung, die er aber nicht äußerte. Panglos räumte zwar ein, er habe stets das gräßlichste Elend erduldet; verfocht aber demungeachtet sein einmal angenommnes System: „Diese Welt ist doch die beste", auf's eifrigste, ohn' im geringsten daran zu glauben.

Jetzt ereignete sich ein Vorfall, der Martinen völlig in seinen verdammlichen Grundsätzen befestigte, Kandiden schwankender machte denn je und Panglosen nicht wenig in die Klemme trieb. Eines Tages kam nämlich Gertrud mit dem Bruder Viola in ihren Hof gewandert. Sie waren beide im äußersten Elende. Die dreitausend Piaster hatten sie Hals über Kopf durch die Gurgel gejagt, sich darauf getrennt, wieder ausgesöhnt, von neuem überworfen, im Gefängnis gesessen, sich daraus geflüchtet, und endlich war Bruder Viola Türke geworden. Wo sie hingekommen waren, da hatte Gertrud ihr Handwerk fortgesetzt, ohne damit was vor sich bringen zu können.

Ich sah's wohl voraus, daß Ihre Geschenke bald zerrinnen und daß die Leute unglücklicher werden würden denn zuvor, sagte Martin. Sie und Ihr Kakambo hatten Piaster zum Scheffeln und waren deshalb doch nicht glücklicher wie Bruder Viola und Gertrude. Haha! sagte Panglos zu Gertruden. So führt dich doch der Himmel wieder zu uns, herziges Kind. Weißt du wohl, daß du mich um die halbe Nase, um ein Auge und ein Ohr gebracht hast. .. O wie du aussiehst! ... Doch das ist alles der Welt Lauf. Über diesen Vorfall fingen sie stärker an zu philosophieren denn je. Sie hatten in der Nachbarschaft einen weitberühmten Derwisch, der für den besten Philosophen in der ganzen Türkei gehalten wurde; zu dem gingen sie und frugen ihn um Rat. Panglos war Sprecher. Wir kommen zu dir, Meister, um von dir zu erfahren, wozu das sonderbare Geschöpf, Mensch genannt, ist geschaffen worden?

Was kümmert dich das? sagte der Derwisch. Ist das deine Sache? Allein wohlerwürdiger Vater, hub Kandide an, es gibt gräßliches Elend auf Erden. Ob Elend oder Glück, gleichviel! antwortete der Derwisch. Wenn Ihro Kaiserliche Majestät ein Schiff nach Ägypten sendet, kümmert Sie sich wohl darum, ob's den Ratten und Mäusen im Schiffsboden behaglich ergeht oder nicht? Was soll man also machen? fragte Panglos. Schweigen! erwiderte der Derwisch. „Ich machte mir Hoffnung, über Wirkungen und Ursachen, über die beste der möglichsten Welten, über den Ursprung des Übels, über die Beschaffenheit der Seele und der vorherbestimmten Harmonie mich mit dir zu unterreden." Bei dieser Rede Panglosens warf der Derwisch ihnen die Türe vor der Nase zu.

Während dieser Unterredung erscholl das Gerücht, daß zu Konstantinopel zwei Wesire des Diwans und der Mufti erdrosselt und viele ihrer Freunde angepfählt worden seien. Dieser tragische Vorfall gab einige Stunden lang nicht wenig Gemunkel. Wie Kandide, Panglos und Martin wieder nach ihrem Vorwerkchen zurückkehrten, fanden sie einen wackern Greis in einer Pommeranzlaube vor seiner Tür sitzen, um der Kühle zu genießen. Panglos, der ein ebenso neugieriges als disputiersüchtiges Geschöpf war, fragte ihn, wie der eben erdrosselte Mufti hieße. Das weiß ich nicht, antwortete der ehrliche Alte, ich hab' mein Lebtage nicht gewußt, wie irgendein Mufti heißt oder ein Wesir; habe kein Sterbenswort von der ganzen Historie gehört. Ich denke, all' die politischen Kannengießer und Pfannenflicker mit dem Maul und in der Tat reiten gemeiniglich am Ende gar übel an, und's kann ihnen gar nicht schaden. Ich meines Parts erkundige mich niemals, was in Konstantinopel vorgeht, schicke meine selbstgepflanzten Gartenfrüchte 'rein und damit holla! Wie er dies gesagt hatte, führt' er die Fremden in sein Haus; seine beiden Töchter und beiden Söhne setzten ihnen vielerlei selbstverfertigte Sorbets vor. Sie bestanden aus Kaimak, dem man durch eingemachte Zedratschale, Pommeranzen, Zitronen, Limonen, Ananas, Pistazien einen herben Geschmack gegeben hatte; aus mokkaschem Kaffee, unvermischt mit dem elenden batavischen und insulanischen. Hierauf beräucherten die beiden Töchter des guten Muselmans Kandiden, Panglosen und Martinen die Bärte.

Sie müssen ein recht großes und prächtiges Landgut haben, sagte Kandide zum Türken. Weiter nichts als zwanzig Hufen, antwortete der Alte. Die bau' ich mit meinen Kindern an. Arbeit verscheucht die drei schlimmsten Feinde von uns, die Langeweile, das Laster und den Mangel.

Kandide behielt diese Rede des Türken und bewegte sie in seinem Herzen. Ha, sagt' er zu Panglos und Martin, dieser gute Greis scheint sich ein Los verschafft zu haben, das dem Lose der sechs Könige, mit denen wir die Ehre gehabt zu speisen, weit vorzuziehen ist.

Nichts gefährlicher in der Welt als Größe, sagte Panglos. Hierin stimmen alle Philosophen überein. Denn schließlich ward Eglon, der König der Moabiter, durch Ehud gemeuchelmordet; Absalon an den Haaren aufgehängt und mit drei Spießen durchstochen; König Nadab, der Sohn Jerobeams, ward durch Baesa getötet, König Ella durch Simri und König Joram und Ahasja durch Jehu, Königin Athalja durch den Priester Jojada; die Könige Jojakim, Jojachin und Zedekia wurden Sklaven. Ihr wißt das elende Ende von Krösus, Astyages, Darius, Dionys von Syrakus, Pyrrhus, Perseus, Hannibal, Jugurtha, Ariovist, Cäsar, Pompejus, Nero, Otto, Vitellius, Domitian, Richard dem Zweiten von England, Eduard dem Zweiten, Heinrich dem Sechsten, den drei Richards, Marie Stuart, Karl dem Ersten, den drei Heinrichen von Frankreich, vom Kaiser Heinrich dem Vierten? Ihr wißt ------

Ich weiß auch, sagte Kandide, daß unser Garten muß angebaut werden. Da haben Sie recht, sagte Panglos; denn wie Gott den Menschen in den Garten Eden setzte, setzte er ihn deshalb herein, ut operaretur eum, daß er ihn bebaute. Der beste Beweis, daß der Mensch nicht zur Ruhe geschaffen ist. Laßt uns arbeiten, ohne alle Vernünfteleien, sagte Martin. Das ist das einzige Mittel, sich das Leben erträglich zu machen.

Dies lobenswürdige Vorhaben unterstützte die kleine Gesellschaft tätig. Das kleine Gütchen trug viel ein. Kunegunde war grundhäßlich, wußte aber ganz treffliche Pasteten zu backen; Trudehen stickte und nähte; die Alte besorgte die Wäsche. Sogar Bruder Viola blieb kein unnützes Rad am Wagen; er wurde ein sehr guter Tischler, ja sogar ein rechtschaffner Kerl.

Und Panglos sagte manchmal zu Kandide: Jegliche Begebenheit im menschlichen Leben gehört in die Kette der Dinge. Denn wären Sie nicht Baroneß Kunegundens halber mit derben Fußtritten aus dem schönsten aller Schlössser gejagt, von der Inquisition nicht eingezogen worden, hätten Sie nicht Amerika zu Fuße durchwandert, dem Herrn Baron nicht einen tüchtigen Stoß mit dem Degen versetzt, nicht all' ihre Hammel aus dem guten Lande Eldorado eingebüßt, so würden Sie jetzt nicht hier eingemachten Zedrat und Pistazien essen. Gut gesagt! recht gut! sagte Kandide, allein wir müssen unsern Garten bestellen.

phuxx0r said...

Voltaire
Kandide
oder
Die beste aller Welten
Übersetzt von Wilhelm Christhelf Sigismund Mylius
Erstes Kapitel: Was maßen Kandide in einem schönen Schlosse erzogen und aus selbigem fortgejagt wird
In Westfalen auf dem Schlosse des Herrn Baron von Donnerstrunkshausen ward mit der jungen Herrschaft zugleich ein junger Mensch erzogen, ein gar liebes, sanftes Geschöpf, aus dessen kleinstem Gesichtszuge Sanftheit hervorblickte. An Kopf fehlt' es ihm gar nicht, und doch war er so offen, so rund, so ohn' alles Arg wie unsre Ahnen. Ebendeswegen, glaub ich, nannte ihn Baroneß Engeline, Schwester des Herrn Barons, Kandide. Wie hätte eine Dame, die anderthalb Jahr zu Berlin in französischer Pension gewesen, sich auf einen teutschen Namen besinnen, oder wenn sie sich ja darauf besonnen, ihn goutieren können?

Kandide war - munkelten die alten Bedienten im Hause, - eine heimliche Liebesfrucht von ebenbesagter Schwester des Herrn Barons und einem guten ehrlichen Schlag von Landjunker aus der Nachbarschaft. Zum Gemahl hatte ihn die gnädge Baroneß nie gemocht, weil der arme Schlucker seinen Adel mit nicht mehr als einundsiebenzig Ahnen belegen konnte und weil der Rest seines Stammbaums durch den scharfen Zahn der Zeit war auf genagt worden.

Der Herr Baron, Hans Jost Kurt von Donnerstrunkshausen, war einer der Matadore in Westfalen, denn sein Schloß hatte Tür' und Fenster, ja sogar einen austapezierten Saal. Seine Kettenhunde stellten, wenn Not an Mann kam, eine Jagdkoppel vor, seine Stallknechte die Jäger und der Priester im Dorfe den Oberschloßkaplan. Alt und jung nannte den alten Herrn Ihro hochfreiherrliche Gnaden, und wollte vor Lachen bersten, wenn er etwas erzählte.

Die Frau Baroneß stand in gar großem Ansehn, denn sie wog richtig ihre dreihundertundfünfzig Pfund, wo nicht noch mehr, und wußte die Honneurs mit einer Würde zu machen, die ihr noch größre Hochachtung verschaffte.

Ihre Tochter, die Baroneß Kunegunde, war ein munters, rundes, rotbäckiges Ding, siebzehn Sommer alt und gar lieblich anzuschaun; Junker Polde, ihr Bruder, ein würdiges Ebenbild des gnädgen Herrn Papa. Magister Panglos, der Hofmeister der jungen Herrschaft, stellte das Hausorakel vor. Der junge Kandide schluckte jegliche seiner Lehren mit der Treuherzigkeit hinter, die seinem Alter und Charakter gemäß war.

Panglos lehrte die Metaphysiko-theologo-kosmolo-nigologie; bewies mit der stärksten philosophischen Suade, daß ohne Ursach keine Wirkung sein könne, und daß in dieser besten aller möglichen Welten das Schloß des gnädgen Herrn Barons das schönste aller Schlösser sei und die gnädge Frau die beste aller möglichen Baroninnen.

Es ist bereits klärlich dargetan, hub er zu demonstieren an, daß die Dinge nicht anders sein können, als sie sind; denn alldieweil alles, was da ist, zu einem Endzweck geschaffen worden, so zielt notwendig alles zu dem besten Endzweck ab. Gebt nur acht, und Ihr werdet diese Grundwahrheit durchgängig bestätigt finden. Betrachtet zum Beispiel Eure Nasen. Sie wurden gemacht, um Brillen zu tragen, und man trägt auch welche. Eure Beine: Ihr empfingt sie, um sie zu bestrümpfen und zu beschuhen, und Ihr bestrümpft und beschuht sie. Seht die Quadersteine an! Sie wachsen, um zersägt, behauen, und zum Bau der Paläste verwandt zu werden, derohalben hat unser gnädiger Herr Baron einen gar herrlichen Palast von Quadersteinen; der größte Baron im ganzen Herzogtume muß die beste, bequemste Wohnung haben, und hat sie auch. Die Schweine schuf Gott, damit der Mensch sie äße, essen wir nicht Schweinefleisch jahraus jahrein? Folglich ist es Torheit mit einigen zu behaupten, daß alles gut gemacht ist, aufs beste ist alles gemacht, muß man sagen.

Das fing der junge Kandide mit beiden offnen Ohren auf, und glaubte es in seiner Herzenseinfalt steif weg, denn er fand Baroneß Gundchen außerordentlich schön, ob er gleich nie den Mut gehabt hatte, es ihr zu sagen. Er schloß, die erste Stufe irdischer Glückseligkeit wäre Freiherr auf und von Donnerstrunkshausen, die zweite Baroneß Kunegunde zu sein, die dritte, sie täglich zu sehen, die vierte, den Magister Panglos zu hören, den größten Philosophen im ganzen Westfälischen Kreise, folglich auch in der ganzen Welt.

Eines Tages, als Baroneß Kunegunde in dem kleinen Gehölze am Schlosse spazierenging, das man den hochfreiherrlichen Park nannte, erblickte sie hinter dem Gesträuch den Herrn Magister Panglos, der Versuche aus der Experimentalphysik mit ihrer Frau Mutter Kammerjungfer anstellte, einem gar niedlichen und gar gefügen braunen Dirnchen. Die junge Baroneß lauscht' und lauschte mit dem leisesten Atemzug und beobachtete - denn sie hatte ungemeine Anlage zu den Wissenschaften - all' die Experimente, die der Magister von Zeit zu Zeit wiederholte; sähe Panglosens zureichenden Grund, die Ursachen und Wirkungen gar deutlich, und schlich fort in tiefen Gedanken. Ihr war so wohl und so weh ums Herz; die Begier, gelehrt zu werden, füllte ihre ganze Seele, und der Gedanke: sie könnte wohl des jungen Kandide zureichender Grund werden, und er der ihrige. Beim Hereintreten ins Schloß begegnete ihr Kandide; sie ward rot, Kandide auch. Guten Morgen Kandide! stammelte sie. Und Kandide schwatzte mit ihr, ohne zu wissen was. Den folgenden Tag, nach aufgehobner Mittagstafel, befanden sich Kunegund' und Kandide hinter einer spanischen Wand; Kunegunde ließ ihr Schnupftuch fallen, Kandide hob's auf; sie nahm ihn in aller Unschuld bei der Hand, er, auch in aller Unschuld, küßte der jungen Baronesse die ihrige, und das so warm, so herzlich! O es war keiner von Euren Theaterküssen! Ihre Lippen begegneten einander, ihre Augen erglühten, ihre Kniee bebten, ihre Hände verirrten sich.

In eben dem Nu ging der Herr Baron von Donnerstrunkshausen bei dem Schirm vorbei, und diese Ursach' und diese Wirkung erblickend, jagt' er Kandiden mit derben Fußtritten zum Schlosse hinaus. Gundchen sank in Ohnmacht; sobald sie sich ein wenig erholt hatte, ward sie von der gestrengen Frau Mama wieder völlig in's Leben zurückmaulschelliert, und in dem schönsten und anmutigsten aller Schlösser herrschte Bestürzung über Bestürzung.

Zweites Kapitel: Wie's Kandiden unter den Bulgaren geht
Vertrieben aus seinem irdischen Paradiese wanderte Kandide mit weinendem Auge fort, ohne zu wissen wohin, oft gen Himmel blickend, noch öfter nach dem Palaste, der die schönste aller jungen Baronessinnen in sich schloß; mit leerem Magen legt' er sich mitten im Felde hin, zwischen zwei Furchen. Es schneite die Nacht durch heftig; ganz erstarrt schlich Kandide mit dämmerndem Morgen nach einer benachbarten Stadt. Sterbensmatt vor Hunger und Strapaze, nicht einen Heller Geld bei sich, macht' er vor der Tür eines Wirtshauses höchst betrübt halt.

Zwei Blauröcke wurden ihn gewahr. Ha! ein hübscher Kerl, Herr Bruder! sagte der eine. Wie'n Rohr gewachsen! Just so groß, wie wir'n brauchen! Sie gingen auf Kandiden los und baten ihn sehr höflich, zu Mittag mit ihnen zu speisen. Ich finde mich ungemein durch Ihre Einladung beehrt, meine Herren, sagte Kandide mit einem bescheidenen Ton, der gleich seine Nation verriet, allein ich habe kein Geld, kann meine Zeche nicht zahlen. Ach! was Geld! was Zeche zahlen! sagte einer von den Männern. Das haben solche wohlgewachsne, artige junge Herren wie Sie nicht nötig. Sie messen sechs Zoll?

Die mess' ich, meine Herrn, sagte er mit einer Verbeugung. "Hurtig, mein Herr! zu Tische. Wir zahlen nicht allein die Zeche für Sie, wir werden auch sorgen, daß es einem Manne wie Ihnen nie an Gelde fehlt. "Wozu sind die Menschen in der Welt, als einander beizustehn, unter die Arme zu greifen?" Wohl wahr! sagte Kandide, so hat mich der Herr Magister Panglos immer gelehrt, und ich sehe wohl ein, daß alles aufs beste gemacht ist. Man drang ihm etliche Taler auf; er wollt' ihnen dafür schwarz auf weiß geben; sie wollten's nicht. Man setzt sich zu Tische, ißt, trinkt. Nicht wahr, fängt der eine an, Sie sind ihm recht herzlich gut dem . . . Dem herzensguten engelhaften Kunegundchen? antwortet' er. Wohl bin ich's; ich liebe sie; bete sie an. "Nicht doch! den König der Bulgaren meinen wir, ob Sie dem recht herzlich gut sind?" Was wollt' ich? Ich kenn' ihn gar nicht, antwortete jener; hab' ihn nie gesehn. "Kennen ihn gar nicht! Haben ihn nicht gesehn! Den Mann nicht! Teufel! das ist der trefflichste Herr auf Gottes Erdboden! solchen König gibt's gar nicht mehr! Hallo! Er soll leben!" Das soll er! rief Kandide aus vollem Herzen, und stieß an. Wie er geleert, hieß es: Na, so wär's denn geschehn! Nun sind Sie Held! Die Säule der Bulgaren! Ihr Schutz und ihr Schirm! Die Schranken der Ehre stehn vor Ihnen geöffnet! Lorbeern ohne Zahl warten Ihrer!

Sogleich legte man ihm Schellen an die Füße und führte ihn zum Regimente. Da lernt' er das Rechtsundlinksumkehrteuch, Gewehr hoch, Gewehr beim Fuß, Feuer, Marsch, und kriegt' dabei dreißig Prügel; den andern Tag exerziert' er schon ein wenig besser und bekommt nur zwanzig; den Tag drauf gar nur zehne, und all' seine Kameraden gafften ihn als ein blaues Meerwunder an.

Kandide war noch ganz verdutzt, konnte gar nicht recht begreifen, wie er so im Hui zum Helden geworden. An einem schönen Frühlingsmorgen fällt's ihm ein, spazierenzugehn. Er schlendert grade vor sich hin, der Meinung: die Menschen hätten sowohl wie die Tiere das Vorrecht, sich ihrer Beine nach Belieben zu bedienen. Kaum hat er zwei Meilen gemacht, wie ein Blitz sind ihm vier andre sechsschuhige Helden auf den Hals, binden ihn und werfen ihn in ein Loch, wohin nicht Sonne nicht Mond kam.

Ein wohllöbliches Kriegsgericht fragte ihn, was er lieber wollte, sechsunddreißigmal Spießrutenlaufen oder sich drei bleierne Kugeln mit eins ins Gehirn jagen lassen. Kandide hatte gut sagen, daß des Menschen Wille frei sei und daß er keins von beiden möchte; das half nichts, er mußte wählen. Sonach entschloß er sich denn, kraft der lieben Gottesgabe, Willensfreiheit genannt, sechsunddreißigmal Spießruten zu laufen.

Zweimal hatte er die Wandrung gemacht, Gaß' auf, Gaß' ab; und weil das Regiment aus zweitausend Mann bestand, hatte er seine viertausend Hiebe richtig weg. Alle Muskeln und Nerven vom Nacken an bis zum Wirbelbein des Rückens herab, lagen ganz blank und bar da. Den dritten Gang machen sollend und nicht könnend, erbat er sichs zur Gnade, erschossen zu werden. Man gestand's ihm zu; verband ihm die Augen, ließ ihn niederknien.

In eben dem Nu reitet der König der Bulgaren vorbei, fragt, was der arme Sünder begangen und nimmt aus allen Umständen ab - denn er war ein großes Genie -, daß Kandide ein junger Metaphysiker sei, dabei noch völlig Neuling in der Welt, und begnadigte ihn mit einer Milde, die Welt und Afterwelt in Journalen und Chroniken preisen wird. Ein braver Kompaniefeldscher kurierte Kandiden binnen drei Wochen mit erweichenden Mitteln nach der Vorschrift des großen Dioskorides. Haut hatte Kandide bereits schon ziemlich, und marschieren könnt' er auch schon, als der König der Bulgaren dem Könige der Abaren ein Treffen lieferte.

Drittes Kapitel: Wie Kandide den Bulgaren entkam und wie's ihm nachher erging
So flink und flimmernd, so wohlgeordnet, so stattlich hatte man noch nie Armeen gesehn als diese beiden. Trompeten und Pfeifen, Hoboen und Trommeln, Mörser und Kanonen machten ein so vollstimmiges Konzert, als selbst Satanas in der Hölle nicht geben kann.

Zuerst rissen die Kanonen auf jeder Seite so ein sechstausend Mann nieder, alsdann säuberte das Musketenfeuer die beste aller möglichen Welten von so ein neun- bis zehntausend Schurken, die deren Oberfläche angesteckt hatten. Das Bajonett war gleichfalls ein zureichender Grund, daß einige tausend Menschen umkamen. Die ganze Summe mochte sich wohl auf ein dreißigtausend Seelen belaufen.

Kandide, der als echter Philosoph zitterte und bebte, ließ die heroischen Metzger immer fortmetzeln und verbarg sich, so gut er konnte.

Endlich hatte die Fehd' ein Ende; die beiden Könige ließen das Te Deum in ihren Lagern anstimmen. Derweil faßte unser Kandide den Entschluß, in andern Gegenden über Wirkungen und Ursachen zu philosophieren; stieg über die Haufen der Toten und Sterbenden weg und arbeitete sich in einen nahbelegnen Aschenhaufen vom Dorfe herein. Es hatte vor kurzem den Abaren gehört, und die Bulgaren hatten es dem Völkerrechte gemäß abgebrannt.

Greise lagen hier, die Wund' an Wunde hatten und neben sich ihre zermetzelten Weiber mußten hinsterben sehn, an deren blutenden Brüsten ihre Säuglinge zappelten; dort gaben Jungfrauen ihren Geist auf, deren jegliche einem Halbdutzend Helden ihre Naturbedürfnisse hatte stillen müssen und nachher war entbaucht worden; hier schrien andre, deren Leichnam halbverbrannt war: man möcht' ihnen nur den Rest geben. Die ganze Erde war mit Gehirnen übersät und mit Armen und Beinen.

Kandide floh in voller Hast in ein ander Dorf. Es gehörte den Bulgaren, und die Helden unter den Abaren hatten ihnen kein Haar besser mitgespielt. Noch immer mußte der arme Flüchtling über zuckende Glieder gehn und über Schutt und Graus. Endlich sah' er sich außerhalb des Kriegstheaters; in seinem Schnappsack etwas weniges Mundproviant habend und in seinem Herzen die ihm unvergeßliche Baroneß Gundchen. Als er in Holland ankam, war er mit seinem Proviant zu Rande; da er aber gehört hatte, hier sei jedermann reich und Christ, so dacht' er, es würd' ihm hier so gut gehn als im Schlosse des Herrn Barons, bevor er aus selbigem Baroneß Gundchens schöner blauer Augen halber war gejagt worden. Er sprach viele gravitätsche Allongenperücken, die sich bei ihm vorbeischoben, um einen Zehrpfennig an und viele ehrbare alte Hauspostillen, die bei ihm wegtrippelten; allein diese sowohl wie jene rückten mit nichts hervor als mit der Ermahnung: diese Lebensart fahren zu lassen, sonst würde man ihn im Zuchthause unterbringen.

Hierauf wandt' er sich an einen Mann, der eine Stunde lang ganz allein in einer großen Versammlung über christliche Nächstenliebe und Barmherzigkeit gesprochen. Dieser Redner sah' ihn über die Schulter an und sagte: Freund, warum seid Ihr hieher kommen? Um Euch zu dem kleinen Häuflein der Gerechten und Stillen im Lande zu gesellen? Oder waserlei ist die Ursach?

Jegliche Wirkung, hub Kandide in bescheidnem Tone an, hat ihre Grundursach; jegliche Begebenheit unsers Lebens ist ein notwendiges Glied in der Kette der Dinge; ist selbiger aufs geschickteste, beste eingepaßt. Ich mußte von Baroneß Kunegunden fortgejagt werden, mußte Spießruten laufen und muß so lange mein Brot betteln gehn, bis ich welches verdienen kann; das alles konnte nicht anders kommen.

Glaubt Ihr denn, mein Freund, sagte der Redner zu ihm, daß der Papst der Antichrist sei? Davon hab' ich noch nie gehört, antwortete jener, auch gilt's mir ganz gleich, sei er's oder sei er's nicht; hätt' ich nur Brot. Auch nicht der Brosämlein einen verdienst du, heilloser Bube, die von der Herren Tische fallen, sagte der Schwarzrock. Heb' dich aus meinen Augen, du Schalk du! du Belialsbrut!

Des Redners Frau, die den Kopf zum Fenster hinausgesteckt und vernommen hatte, daß es einen Menschen gab, der an der Antichristheit des Papsts zweifelte, leerte über sein Haupt einen vollgerüttelten und geschüttelten Nachttopf. Gott, wie weit geht der Religionseifer bei den Damen!

Ein niegetauftes Geschöpf, ein wackrer Wiedertäufer, namens Jakob Schwezinger, sähe, wie hartherzig, wie schmählich man einem seiner Brüder begegnete, einem zweifüßigen, federlosen Geschöpf, das doch eine Seele hatte; und es jammerte ihn sein, und er führte ihn hinab in sein Haus und säuberte ihn und gab ihm Brot zu essen und Bier zu trinken, und schenkte ihm zwei Gulden; auch wollt' er ihn sogar in seiner Fabrik arbeiten lehren, woselbst mitten in Holland persische Stoffe verfertigt wurden.

Kandide wollte sich ihm zu Füßen werfen und schrie: Er hat wohl recht, der gute Herr Magister! Diese Welt ist die beste! Ihr außerordentlicher Edelmut macht tiefern Eindruck auf mich als die Hartherzigkeit des Herrn Schwarzmantels und seiner Frau Gemahlin.

Den folgenden Tag stieß er beim Spazierengehn auf eine wahre Lazarusfigur von Bettler. Über und über mit Schwären bedeckt war sein Aug erloschen, die Nasenspitze weggefressen, der Mund ganz verzogen, die Zähne kohlschwarz. Er gurgelte und hustete jedes Wort hervor; und sein Husten war so heftig, daß er jedesmal einen Zahn ausspie.

Viertes Kapitel: Wie Kandide seinen alten Lehrmeister in der Philosophie, den Magister Panglos, wiederfand und was weiter geschahe
Kandide, der mehr Mitleid als Entsetzen bei diesem Anblick empfand, gab dem Scheusal von Bettler die zwei Gulden, die ihm der biederherzige Wiedertäufer Jakob gegeben hatte. Diese Jammergestalt sah' ihn starr an, Tränen rannten von ihren Wangen, und sie fiel Kandiden um den Hals, der vor Schreck zurückbebte.

Und Ihr kennt Euren lieben Panglos nicht mehr? sagte der eine Unglückliche zum andern Unglücklichen. "Was hör' ich? Sie sind's, mein lieber Lehrer? Sind in solch gräßlich Elend gesunken? Wodurch das? Und weshalb nicht mehr in dem schönsten aller Schlösser? Was ist aus Baroneß Kunegunden geworden, der Perl' aller Mädchen, dem Meisterstücke der Natur?" Mit mir ist's aus, rief Panglos, und sank um.

Alsbald schleppt' ihn Kandide in des Wiedertäufers Stall und gab ihm ein paar Bissen Brot, und als er sich wieder ein wenig erquickt hatte, fragt' er ihn: Nun, und Kunegunde? Ist tot, erwiderte jener. Bei diesen Worten sank Kandide in Ohnmacht; sein Freund brachte ihn mit einem paar Tropfen verdorbnem Weinessig wieder zu sich, der sich von ungefähr im Stalle fand. Kandide (die Augen aufschlagend): Tot! Kunegunde tot! Oh, wo bist du beste der Welten ? - Aber woran starb sie? Gab ihr das den Tod, daß sie mich aus ihres Herrn Vaters schönem Schlosse mit derben Fußstößen hinausjagen sahe?

Panglos. Das nicht! Bulgarische Soldaten schlitzten ihr den Bauch auf, nachdem sie selbige zuvor auf's möglichste genotzüchtigt hatten; den Baron, der ihr beistehn wollen, hatten sie vor'n Kopf geschossen; die Frau Baronin in Stücken zerhauen; meinem armen Untergebnen nicht besser mitgespielt als seiner Baroneß Schwester; und was das Schloß anlangt, da ist kein Hammel, keine Ente am Leben geblieben, kein Stein auf dem andern, keine Scheune, kein Stall, kein Baum auf seinem alten Fleck. Wir haben aber Genugtuung bekommen, völlige Genugtuung. Die Abaren haben's auf einem benachbarten bulgarischen Rittersitz ebenso gemacht.

Kandide sank bei der Erzählung abermals in Ohnmacht; nachdem er aber wieder zu sich gekommen war und ein gehöriges Lamento angestimmt hatte, erkundigt' er sich nach der Ursach und Wirkung und dem zureichenden Grunde, der Panglosen in einen so erbärmlichen Zustand versetzt.

Panglos. Ach Liebe war's, Liebe, sie, die Trost auf das ganze menschliche Geschlecht herabströmt, das ganze Universum umfaßt und erhält, sie, der Lebensquell aller fühlenden Geschöpfe; Liebe war's, der zärtlichste aller Affekte. Kandide. Auch ich hab sie gekannt, diese Liebe, sie, die alle Herzen beherrscht, Leben und Licht in unsre Seele bringt; und der Lohn, den sie mir gab, bestand aus einem Kuß und zwanzig Fußtritten in den Hintern; ein beßrer Lohn ward mir nie. Wie konnte aber diese schöne Ursach so abscheuliche Wirkungen bei Ihnen hervorbringen?

Panglos. Sie haben doch die Gertrud gekannt, lieber Kandide, das niedliche Zöpfchen von dem königlichen Weibe der alten Baronessin? In ihren Armen hab' ich Paradieseswonne geschmeckt, und eben die hat das Höllenfeuer in all' meinen Adern angefacht, das mich jetzt so wütig anfleckt. Das arme Mädchen war angesteckt und ist vielleicht schon nicht mehr. Gertrud hatte von einem hochgelahrten Franziskanermönch dies Geschenk, das er aus der ersten Hand bekommen hatte; denn er hatte es von einer alten Reichsgräfin, die Gräfin von einem Dragonerhauptmann, der Hauptmann von einer Marquise, die Marquise von einem Pagen, der Page von einem Jesuiten, und der Jesuit noch in seinem Probestande recta via von einem Gefährten des Christoph Kolumbus. Ich meines Orts, werd's niemanden mitteilen, denn ich sterbe.

Kandide. O Panglos! Eine gar sonderbare Sippschaft! Der Teufel ist wohl gar der Stammvater?

Panglos. Behüte! Die beste aller möglichen Welten konnte ohne diese Krankheit nicht bestehen; sie war ein unumgänglich nötiges Ingredienz; denn hätte nicht Kolumbus in einer amerikanischen Insel diese Seuche geholt, die den Zeugungsquell vergiftet, seine Wirkungen oft völlig entkräftet und dem großen Zwecke der Natur augenscheinlich entgegenarbeitet, so hätten wir weder Schokolat noch Koschenille.

Überdies muß man bemerken, daß sie lediglich nur uns Europäern anhängt, so wie die Sucht zu polemisieren. Türken und Inder, und die da wohnen in China und Siam und Japan wissen davon noch nichts bis auf den heutigen Tag. Indes gibt's einen zureichenden Grund, daß in den Folgejahrhunderten auch an diese Völker die Reihe kommen wird, sie kennenzulernen. Derweil' aber macht sie bei uns ganz erstaunend Schnelle Fortschritte, zumal in den großen Armeen, welche aus lauter wackern, wohlerzogenen Mietlingen bestehn, die das Schicksal der Staaten entscheiden. Man kann behaupten, wenn dreißigtausend Mann gegen eine eben so starke Armee in Schlachtordnung stehn, daß sich auf jeder Seite ungefähr an die zwanzigtausend befinden, die die Lustseuche haben.

Kandide. Alles gut, lieber Magister, aber jetzt müssen Sie auf Ihre Kur denken.

Panglos. Auf meine Kur denken, und habe keinen Heller. Sie müssen wissen, liebes Kind, auf Gottes weitem, rundem Erdboden gibt's keine Seele nicht, die einem zur Ader läßt oder ein Klistier setzt, wenn man's nicht bezahlen kann, oder nicht einen hat, der's an unsrer Stelle tut.

Panglosens letzte Worte bestimmten Kandiden; er flog zu seinem mitleidigen Wiedertäufer, warf sich ihm zu Füßen und malte seines Freundes Zustand mit so warmem, kräftigem Pinsel, daß dieser Biedermann den Magister ohn' alle Schwierigkeit annahm und ihn auf seine Kosten heilen ließ.

Panglos verlor bei der Kur nur ein Auge und ein Ohr. Schreiben könnt' er wie der geschickteste Kanzelist und rechnen wie Euler; darum macht' ihn Wiedertäufer Jakob zu seinem Buchhalter.

Als er nach Verlauf von zwei Monaten in Handlungsangelegenheiten nach Lissabon gehen mußte, nahm er seine beiden Philosophen mit. Panglos bewies ihm deutlich, es sei alles auf das beste eingerichtet. Gewesen wohl, fiel ihm Jakob Schwezinger ein, aber jetzt nicht mehr. Durch die Menschen, denk' ich, ist die Natur um ein gut Teil verdorben worden. Wolfssinn ward ihnen nicht angeboren und doch haben sie ihn. Gott gab ihnen nicht Vierundzwanzigpfünder, nicht Bajonette, sie gössen sie sich aber, schliffen sie sich, um einander aufzureiben. Auch die Bankrotte könnt' ich hier in Anschlag bringen, und die Obrigkeiten, welche die Gläubiger um des Bankrottiers Habe prellen und es in ihren Wanst schieben. Alles das ist unumgänglich notwendig, erwiderte Magister Einauge. Es trägt zum allgemeinen Wohl bei, wenn Hinz unglücklich ist und Kunz; je mehr Privatunglücksfälle also, je besser für's Ganze.

Während des Philosophierens bewölkte sich der Himmel, die Winde bliesen aus allen vier Enden der Welt, und das schrecklichste Ungewitter packte das Schiff im Angesicht des Lissabonner Hafens.

Fünftes Kapitel: Seesturm, Schiffbruch, Erdbeben, Schicksal des Magister Panglos, Kandidens und des Wiedertäufers Jakob Schwezinger
Nicht lange, so waren die Segel zerrissen, die Maste zerschmettert, das hinundhergeschleuderte Schiff ganz leck. Der Schreck war den meisten darauf so heftig auf die Nerven gefallen, hatte solche Revolution in ihrem ganzen Körper hervorgebracht, daß sie ganz fühllos und starr bei der sie umschwebenden Gefahr waren; die übrigen kreischten und beteten laut; wer arbeiten konnte, arbeitete; da hörte niemand, befahl niemand.

Der Wiedertäufer stand auf dem Verdeck und half ein wenig. Ein wütender Matros stürzte ihn durch einen derben Stoß zu Boden, prellte aber durch dessen Heftigkeit selbst eine Ecke zurück und über Bord kopfüber ins Wasser. Zum Glück blieb er an einem Ende des Mastes hängen. Der gutherzige Jakob springt ihm zur Hilfe, zerarbeitet und zerquält sich, ihn heraufzuziehn, und fällt darüber selbst ins Meer. Der dabeistehende Matros läßt seinen Retter untersinken, ohn' einmal auf ihn hinzublicken. Kandide kommt herzu, sieht seinen Wohltäter mit den Wellen kämpfen und einen Augenblick darauf auf ewig von ihnen verschlungen. Er will ihm nach, Philosoph Panglos hält ihn zurück und beweist ihm, die Lissabonner Reede sei ausdrücklich dazu erschaffen worden, daß Wiedertäufer Schwezinger daselbst ertrinken mußte.

Indem er dies a priori bewies, barst das Schiff. Alles, was drauf war, kam um bis auf Panglosen, Kandiden und das Ungeheuer von Matrosen, der den tugendhaften Wiedertäufer hatte ertrinken lassen. Der Schurke schwamm glücklich ans Ufer, das Panglos und Kandide gleichfalls auf einer Planke erreichten.

Wie sie sich etwas erholt hatten, gingen sie auf Lissabon zu, in der Hoffnung, mit dem kleinen Überrest ihres Geldes sich vor dem Hunger zu bergen, nachdem sie glücklich dem Schiffbruch entronnen waren; unterwegs manche Träne über den Tod ihres Wohltäters vergießend.

Kaum hatten sie den Fuß in die Stadt gesetzt, so fühlten sie die Erde unter sich dröhnen, das Meer brauste im Hafen empor und zerschellte die vor Anker liegenden Schiffe. Feuer- und Aschenwirbel bedeckten die Gassen und öffentlichen Plätze; die Grundfesten der Häuser wichen aus den Fugen, Giebel, Dächer stürzten herab, die Häuser zerschossen in Schutt und Trümmer, und dreißigtausend Einwohner jegliches Geschlechts und Alters erlagen unter selbigen.

Schwernot! hier wird's was zu schnappen geben! rief der Matros und pfiff sich ein lustig Stückchen. Was mag wohl der zureichende Grund dieses Phänomens sein? sagte Panglos. Es ist der jüngste Tag! rief Kandide.

Der Matros rannte spornstreichs unter die herabstürzenden Balken und Mauern und trotzte dem Tode, um Geld zu finden. Er fand welches, stopfte alle Taschen damit voll, besoff sich, und wie er den Rausch ausgeschlafen, dung er sich die erste beste Jungfer gutwillig, die er antraf, und mitten auf dem Schutt eingestürzter Häuser und unterm Haufen Sterbender und Toter berauschte er sich an dem fröhlichsten Liebesgenuß. Panglos zupfte ihn indes beim Ärmel und sagte: Daran tut Ihr nicht Recht, Freund; das streitet mit allen Gesetzen der Billigkeit; dazu ist jetzt keine Zeit. "Schocktausend Pestilenz! Herr, ich bin Matros und aus Batavia; bin viermal in Japan gewest und habs Kruzifix viermal mit Füßen getreten. Bei mir kömmt Er gar blind mit seiner Billigkeit und all dem dummen Schnack."

Während der Zeit, daß dies im Hintergrunde vorging, hatten einige herabgestürzte Steine Kandiden hart getroffen; er war umgesunken und lag unter den Trümmern fast begraben. Lieber Panglos! rief er, nur ein wenig Wein und Öl, oder ich muß sterben. Dieses Erdbeben ist gar nichts besonders, antwortete der sich nähernde Panglos, im verwichnen Jahre hatte die Stadt Lima in Amerika ein gleiches Schicksal: gleiche Ursachen bringen gleiche Wirkungen hervor, es geht ganz gewiß kein Strich Schwefel von Lima bis nach Lissabon unter der Erde weg.

"Höchstwahrscheinlich! aber um Gottes willen ein wenig Öl und Wein." Wahrscheinlich nur? nur wahrscheinlich wär's? erwiderte der Philosoph, erwiesen ist es, Herr, klar erwiesen, behaupt' ich. Kandide ward ohnmächtig, und Panglos brachte ihm ein wenig Wasser aus einem benachbarten Springbrunnen. Sie durchkrochen den Tag darauf die eingestürzten Gebäude, fanden da einige Lebensmittel, erquickten und stärkten sich wieder ein wenig und halfen darauf - wie andre auch taten - den dem Tode entronnenen Einwohnern retten, was sich noch retten ließ.

Einige Bürger, denen sie beigesprungen waren, tischten ihnen ein so gutes Mahl auf, als man in der Lage nur verlangen konnte. Es war ein Mahl der Traurigkeit, jeder Bissen mit Tränen benetzt.

Panglos tröstete die Anwesenden und gab ihnen die Versicherung; daß es gar nicht anders sein könnte, weil die Welt aufs beste eingerichtet sei. Denn, sagte er, wenn zu Lissabon ein unterirdischer Brand ist, kann keiner zu Wien und Berlin sein, sintemal es unmöglich, daß ein Ding an mehr als an einem Orte zugleich sein kann, alldieweil alles, was da ist, gut ist.

Neben ihm saß ein schwarzröckiges Männlein, ein Familiar der heiligen Inquisition, das hub in höflichem Tone an: Vermutlich glauben der Herr keine Erbsünde, denn wenn alles, was da ist, gut ist, gibt's weder Sündenfall noch Strafe.

Ich bitte Ew. Hochehrwürden alleruntertänigst um Verzeihung, erwiderte Panglos mit noch höflicherm Ton und Gebärden, ich glaube beides, alldieweil der Sündenfall und der über die Menschen ausgesprochne Fluch in den Plan der besten aller möglichen Welten notwendig hereingehören.

Also statuieren der Herr keine Willensfreiheit? sagte der Familiar. "Ew. Hochehrwürden verzeihen; Willensfreiheit kann sich mit der unumschränkten Notwendigkeit gar wohl vertragen, sintemal es notwendig war, daß wir willensfrei waren, alldieweil der vorherbestimmte Wille ..."

Panglos steckte noch mitten in seiner Demonstration, als der Familiar der Inquisition seinem Untergebenen, der ihm Oporto oder Porto einschenkte, einen Wink mit dem Kopf gab.

Sechstes Kapitel: Probates Mittel der hochehrwürdigen Inquisition fürs Erdbeben, bestehend in einem schönen Autodafe, wobei Kandide den Staupbesen bekommt
Nachdem das Erdbeben drei Viertel von Lissabon verwüstet hatte, war im Rate der Wächter und Weisen des Landes beschlossen worden, dem Pöbel ein gar stattliches Autodafe zu geben. Ein kräftigers Mittel, dem gänzlichen Untergange der Stadt vorzubauen, hatten sie nicht können ausfindig machen. Auch hatte die Universität zu Coimbra den Ausspruch getan: einige Personen mit gehörigen Solennitäten und Formalitäten an langsamem Feuer gebraten, wäre das probateste Mittel, allen f ernerweitigen Erdbeben vorzubeugen.

Sonach hatte man einen Biskajer eingezogen, der seine Gevatterin geheiratet zu haben war überführt worden, und zwei Portugiesen, die den Speck aus einem Huhn geschnitten hatten, eh' sie's gegessen. Nach dem Essen wurde Magister Panglos samt seinem Jünger Kandide in Ketten und Banden gelegt; jener wegen seiner Reden, dieser wegen der Miene des Beifalls, mit der er zugehört. Man führte jeden in ein besonders Gemach, kühl wie ein Eiskeller, wo die Sonne einem nie auf die Scheitel stach. Nachdem acht Tage verflossen waren, legte man ein Skapulier um ihre Schultern und schmückte ihre Häupter mit Papiermützen. Kandidens Mütz' und Skapulier war mit abwärtsgehenden Flammen bemalt und mit Teufeln sonder Krallen und Schwänzen, aber Panglosens Teufel hatten Krallen und Schwänze, und die Flammen stiegen aufwärts.

So bekleidet zogen sie in feierlichster Prozession daher, hörten eine Predigt an, die durch Mark und Bein fuhr, und darnach eine gar unliebliche, disharmonische Choralmusik. Während des Gesangs ward Kandide nach Noten mit Ruten gestrichen; der Biskajer und die beiden Speckverächter verbrannt, und Panglos wider allen Schick und Brauch aufgehängt. Und unter der Erde begann von neuem ein gräßliches Gerassel und Geprassel.

Kandide, ganz ein Raub der Angst und des Schreckens, an jedem Gliede zitternd und blutrünstig, sagte bei sich selbst: Ist das die beste aller möglichen Welten, nun so möcht' ich die übrigen sehn! Daß ich mit Ruten gestrichen werde, möchte noch hingehn, wurd' ich's doch auch bei den Bulgaren; aber daß ich dich muß hängen sehn, trauter Panglos, größter aller Philosophen, ohne zu wissen warum; daß ich dich, bester aller Menschen, trauter Jakob, vor meinen Augen im Hafen mußte ertrinken sehn, daß ich hören muß, wie Ihnen, Baroneß Gundchen, der Kron' aller Mädchen, der Bauch ist aufgeschlitzt worden, das, das kann ich nicht verschmerzen, das verleitet mich zu murren.

Mit jedem Schritt einknickend, schwankte Kandide zur Stadt hinaus; war durch Prediger und Büttel wohl gestäupt worden, hatte Absolution und Segen erhalten. Ein altes Mütterchen näherte sich ihm und sagte: Seid getrost und unverzagt, mein Sohn, und kommt mit.

Siebentes Kapitel: Kandide wird von der Alten wohl gepflegt und findet unverhofft seine Geliebte
Getrost und unverzagt ward Kandide nun zwar nicht, aber mit ging er. Sein Führer brachte ihn in ein altes, ganz verfallnes Gebäude, gab ihm ein Krügelchen Pomade, sich damit zu salben, setzte ihm zu essen und zu trinken hin, zeigte ihm ein ganz sauber Bettchen und daneben einen ganz vollständigen Anzug. "So wünsch' ich Ihnen denn gesegnete Mahlzeit und auch angenehme Ruh! Und empfehle Sie der gnädgen Obhut Unsrer Lieben Frauen im Busche und des heiligen Antonius von Padua und des heiligen Jakobs von Compostel, unsrer allergnädigsten Schutzpatrone. Morgen früh mach' ich Ihnen wieder meine Aufwartung."

Kandide durch alles, was er gesehn, durch alles, was er erlitten, am meisten aber durch das liebreiche Betragen der Alten in die heftigste Rührung versetzt, ergriff mit Wärme ihre Hand und wollte sie zum Munde führen. "Nein, das wollte ich mir sehr verbeten haben; das gebührt mir nicht. Morgen bin ich ja wieder da. Brauchen Sie nur die Pomade recht hübsch, lieber junger Herr, und speisen Sie und ruhen Sie fein wohl." Das tat denn Kandide; aß und schlief sich gründlich aus, so hart ihn auch so vielerlei Ungemach zu Boden drückte. Den folgenden Morgen brachte ihm die Matrone zu frühstücken, besichtigte seinen Rücken und salbte ihn mit einer andern Salbe; gegen Mittag brachte sie ihm zu essen und gegen Abend gleichfalls. Grade so machte sie's auch folgenden Tages. Wer ist Sie, gute Alte? fragte Kandide jedesmal. Was bewegt Sie zu dem liebreichen Betragen? Sag Sie, wie kann ich dafür erkenntlich sein? Kein stummes Wörtchen war von der Alten herauszubringen. Gegen Abend kam sie wieder, aber ganz leer. Kommen Sie mit, sagte sie, aber mäuschenstill!

Sie nimmt ihn beim Arm und führt ihn wohl eine Viertelmeile weit über Feld. Nunmehr befanden sie sich bei einem freiliegenden Hause, mit Gärten und Kanälen umgeben. Die Alte pocht an ein Pförtchen. Es wird aufgetan, und Kandide von seiner Führerin eine Winkeltreppe heraufgeführt in ein vergoldetes Kabinett; hier muß er sich auf ein brokatnes Sofa niederlassen. Sie machte die Tür zu und ging fort. Kandide glaubte zu träumen, hielt sein ganzes Leben für einen widrigen Traum und den jetzigen Augenblick für einen glücklichen.

Die Alte kam bald wieder und führte eine verschleierte Dame herein von majestätischem Wuchs und schimmerndem Anzug, die an jedem Gliede bebte und mit genauer Not konnte von der Alten aufrecht erhalten werden. Nehmen Sie den Schleier ab, sagte das Mütterchen zum Kandide. Er nahte sich und hob mit blöder Hand den Schleier auf.

Wie dem jungen Mann in dem Augenblick zu Mute ward! Ihm däuchte, seine Baroneß Gundchen vor sich zu sehn, und sie stand in der Tat vor ihm. Dieser so überraschende Anblick fiel mit aller Macht über ihn; das Übermaß seines Glücks berauschte ihn so, daß er sprachlos und ohne Bewegung zu ihren Füßen hinsank, Gundchen fiel ohne Sinne aufs Sofa.

Die Alte bestrich sie mit allerhand Stärkungswässern. Ihre Sinne sammelten sich wieder, die Sprache fand sich wieder ein. Unzusammenhängende Laute rissen sich anfänglich von ihrem gepreßten Herzen los; und dann durchkreuzten sich Frag' und Antwort, Seufzer und Tränen, und Schreie der Freud' und des Erstaunens. Die Alte riet ihnen, nicht zu laut zu werden, und ließ sie in völliger Freiheit.

"Ha! so leben Sie wirklich noch, Baroneß? So find' ich Sie in Portugal wieder! So sind Sie nicht geschändet worden; so hat man Ihnen nicht den Bauch aufgeschlitzt!" Doch! doch! sagte die schöne Kunigunde, allein man stirbt daran nicht immer. "Aber der gnädge Herr Papa sind getötet worden, und die gnädge Frau Mama?" Leider! alle beide! und Tränen tröpfelten aus Kunegundens Auge. "Und Dero Herr Bruder auch?" "Auch der!" "Wie sind Sie aber nach Portugal gekommen? Wie haben Sie meinen Aufenthalt erfahren? Wie mich hierhergezaubert? Den Schlüssel, liebste Kunegunde, zu all' den seltsamen Abenteuern!"

Den sollen Sie sogleich haben, erwiderte die Dame, zuvor aber müssen Sie mir erzählen, wie's Ihnen nach dem unschuldigen Kuß gegangen ist, den Sie mir gaben, und den Fußtritten, die Sie bekamen.

So beklommen auch noch Kandide sich fühlte, so schwach und zitternd seine Stimme war, so weh' ihm auch noch sein Rückgrat tat, so erzählt' er ihr doch mit der tiefsten Ehrerbietung und aufs allertreuherzigste all' seine Leiden nach ihrer Trennung. Das Auge gen Himmel gerichtet schenkte Kunegunde dem Gedächtnis des braven Wiedertäufers und Panglosens einige Zähren; hierauf sprach sie zu Kandide wie folgt. Ebenso gierig als er das liebreizende Mädchen mit den Augen verschlang, verschlang er auch jedes ihrer Worte.

Achtes Kapitel: Baroneß Kunegundens Geschichte
Ich schlief noch ganz wohlbehäglich, als es dem Himmel gefiel, Bulgaren in unser schönes Schloß Donnerstrunkshausen zu senden. Mein Vater und Bruder mußten über die Klinge springen, meine Mutter hieben sie in Krautstücken. Bei diesem gräßlichen Auftritt verlor ich alle Besinnung. Dies nutzte ein langer Bulgar von sechs Schuh, machte sich über mich her und begann, mich zu schänden. Hierdurch erwacht' ich von meiner Ohnmacht, bekam all' meine Sinne wieder, kreischte laut, zerrang und zerarbeitete mich, um loszukommen, biß um mich, kratzte, wollte dem großen Tölpel die Augen ausreißen. Hätt' ich gewußt, daß das alles Kriegsgebrauch wäre, ich hätte mich anders dabei benommen.

Der Unmensch gab mir mit seinem Degen einen Stich in die linke Seite, wovon ich noch die Narbe habe. Die ich doch wohl werde zu sehn bekommen? fragte Kandide ganz in seines Herzens Unschuld. Warum das nicht! sagte Kunegunde, allein jetzt lassen Sie mich nur weitererzählen. "Das tun Sie, gnädige Baroneß, das tun Sie!"

Sie knüpfte den Faden ihrer Geschichte folgendermaßen wieder an:

Ein bulgarischer Hauptmann trat in mein Schlafgemach, sähe wie mein Blut herabtropft, der Soldat blieb, wo er Posten gefaßt hatte. Der Hauptmann ward wild, daß dies Vieh so wenig Subordination bezeigte, und stach ihn auf meinem Leibe tot, er ließ mich hierauf verbinden und führte mich als Kriegsgefangne in sein Quartier. Ich wusch ihm sein paar Hemden und bestellte seine Küche.

Er fand - muß ich gestehen -, daß ich ein gar niedlich Ding sei, und er war - ich kann's gar nicht in Abrede sein - eine sehr wohlgebaute Mannsperson, hatte eine weiche, weiße Haut, aber herzlich wenig Kopf und noch weniger Philosophie: man merkt' es ihm gleich an, daß er kein Schüler des großen Panglos gewesen war. Binnen einem Vierteljahr war all' sein Geldchen fort und er meiner überdrüssig; er verkaufte mich an den Don Isaschar, einen Juden, der nach Holland und Portugal handelte und ein ungemeiner Liebhaber von Frauenzimmern war.

Wie der Mann an mir hing, wie er mit Bitten und Gewalt in mich drang, und doch konnt' er nicht siegen. Ich tat ihm tapfrern Widerstand als dem bulgarischen Soldaten. Ein rechtschaffnes Mädchen kann wohl einmal geschändet werden, aber dadurch wird sie um so mehr Lukrezia. Um mich zahmer zu machen, führte mich der Jude auf dies Landhaus hier. Ich hatte bisher geglaubt, es gäbe kein schöners Schloß als das unsrige, nunmehr wurd' ich eines Bessern belehrt.

Eines Tages ward mich der Großinquisitor in der Messe gewahr, er warf während des hohen Amts die lüsternsten, buhlendsten Blicke auf mich und ließ mir melden, er hätte mir etwas unter vier Augen zu sagen. Ich ward in seinen Palast gebracht, entdeckte ihm meine Herkunft; er stellte mir vor, wie weit es unter meinem Range wäre, einem Schuft von Juden anzugehören, und ließ dem Don Isaschar den Vorschlag tun, mich Ihro Hochwürden Gnaden abzutreten. Dazu wollte sich Don Isaschar nicht verstehn; der Mann ist Hof Wechsler und gilt viel. Der Inquisitor drohte ihm mit einem Autodafé.

Das wirkte; jagte meinen Juden ins Horn. Husch! schloß er einen Vergleich mit dem Pfaffen; vermöge dessen gehör' ich und Haus ihnen gemeinschaftlich; der Montag, Mittwoch und Schabbes ist dem Juden, die übrigen Tage in der Woche gehören dem Inquisitor.

Es ist nunmehr ein halb Jahr, daß dieser Kontrakt ist aufgesetzt worden. Unter der Zeit hat's manches Gezeter gegeben, denn sie konnten sehr oft nicht einig werden, ob die Nacht vom Sonnabend zum Sonntag nach dem alten oder neuen Testament müsse berechnet werden. Noch hab' ich keinen von beiden erhört, und eben deshalb glaub' ich, werd' ich noch von beiden geliebt.

Endlich ließen der Hochwürdige Herr Inquisitor ein Autodafé anstellen, sowohl, um dem Erdbeben zu steuern, als auch um dem Juden einen kleinen Schreck in die Glieder zu jagen. Er war so galant, mich zu dieser Feierlichkeit einzuladen und mir einen sehr guten Platz anzuweisen. In der Zeit, da die Messe war und da der Büttel sein Amt verwaltete, wurden den Damen Erfrischungen vorgesetzt.

Wie kalt fuhr mir's über den Nacken; als ich die beiden Juden verbrennen sahe und den ehrlichen Biskajer, der seine Gevatterin geheiratet hatte. Das war aber nichts gegen den Schauer und Schreck, der mich ergriff, als ich unter einem Skapulier und einer Schandmütze eine Figur gewahr ward, die dem Panglos so ähnlich sähe. Ich rieb mir die Augen, sähe stier und starr nach dem Manne hin; es war und blieb Panglos. Ich sah' ihn aufhängen und fiel in Ohnmacht.

Kaum hatten sich meine Sinne wieder ein wenig gesammelt, so erblickt' ich Sie, Kandide, ganz splitterfadennackt da stehn. Nun war der Kelch meiner Leiden voll; ich war nunmehr ganz ein Raub des Entsetzens und der Verzweiflung.

Im Vorbeigehn gesagt, Kandide, und zur Steuer der Wahrheit, Ihre Haut ist viel weißer als meines bulgarischen Hauptmanns seine, hat ein weit höhers, feiners Rot. Oh! wie bei diesem Anblick mein Jammer und meine Verzweiflung stieg, die in meinem Innern aufs grausamste wüteten. Ich schrie, wollte sagen: Haltet ein, ihr Barbaren! Das vermochte aber meine Zunge nicht; und was hätt' es auch geholfen?

Nachdem Sie waren tüchtig gestäupt worden, sagt' ich bei mir selbst: Wie muß der liebenswürdige Kandide und der weise Panglos nach Lissabon gekommen sein, jener um hundert Rutenstreiche zu empfangen, dieser um aufgehängt zu werden auf Befehl des Hochwürdigsten Inquisitors, dessen Liebling ich bin? Wie grausam hat mich Panglos hintergangen, daß er mir vordemonstrierte, diese Welt sei die beste.

Ich taumelte halb ohnmächtig nach Hause. In dem Aufruhr, worin meine Sinne waren, stiegen mir alle meine bisher erlebten Begebenheiten zu Kopfe; schob mir meine Phantasie mit hellen Farben gemalt die Würgeszenen vors Auge, die sich auf dem Schloß zugetragen.

Ich sahe deutlich, wie man meinen Vater schlachtete und meine Mutter und meinen Bruder, sahe, wie der garstge bulgarische Soldat so frech über mich herfiel und mich mit dem Säbel verwundete, wie ich Magd ward, aschenbrödeln mußte; sahe meinen bulgarischen Hauptmann, meinen häßlichen Don Isaschar, meinen abscheulichen Inquisitor und den guten Panglos, wie er aufgehängt wurde: noch immer gellte die widrige Musik in mein Ohr, während welcher Sie den Staupbesen bekamen, noch immer brannte der Kuß auf meinen Lippen, den Sie am Tage unsrer Trennung mir hinter der spanischen Wand gaben. Alles das umschwebte mich aufs lebhafteste. Ich pries nun Gott, der Sie nach so vielen Prüfungen mir wieder geschenkt hatte.

Ich hatte meiner Alten gleich während der Feierlichkeit anbefohlen, Ihrer aufs beste zu warten, Sie zu pflegen und bei schicklicher Gelegenheit herzubringen. Sie hat ihren Auftrag redlich erfüllt, und mich jetzt in ein Meer von Wonne versenkt.

Ich habe dich nun wieder, lieber Herzensjunge, höre dich, spreche dich, sitze neben dir. Doch dich muß hungern, armer Schelm, gewaltig hungern! Komm, laß uns essen. Es ist schon spät, und an Appetit fehlt mir's gar nicht.

Sie setzten sich zu Tische, und nach dem Abendbrot lagerten sie sich auf das besagte schöne Sofa. Noch lagen sie da in größter Behaglichkeit, als Signor Don Isaschar, einer von den Eignern des Hauses und des Mädchens, hereintrat, sowohl um seine Gerechtsame nicht verjähren zu lassen als auch um bei Kunegunden den zärtlichen Amoroso zu machen.

Neuntes Kapitel: Was sich mit Kunegunden, Kandiden, dem Großinquisitor und einem Juden zuträgt
Ein gallevollers Geschöpf als diesen Hebräer hatte man seit der babylonischen Gefangenschaft in Israel nicht gefunden. Ha! schrie er, du bist mit dem Großinquisitor und mit mir nicht zufrieden? Mußt noch einen Schlafgesellen haben, du Galiläische Petze! Wart du! und auch du, du Hurenschelm!

Mit diesen Worten zuckte er ein Stilett, das er stets bei sich trug, und fiel auf seinen Gegner ein, den er wehrlos glaubte. Allein dieser wackre Westfale hatte von der Alten samt dem vollständigsten Anzuge einen schönen Degen bekommen. Den zog er, so kindfromm er auch war, und mausetot lag der Israelit zu den Füßen der schönen Kunegunde.

Jesus Maria! rief sie. Nun ist alles aus. Ein Toter bei mir im Hause! Wenn nun die Wache kommt! Oh, wir sind verloren! Was fangen wir an! Hinge der gute Panglos nur nicht, sagte Kandide, er sollte alles in's reine bringen, denn er war ein großer Philosoph. In Ermanglung seiner müssen wir schon die Alte um Rat fragen.

Sie war ein gar kluges Weib, und eben begann sie ihre Meinung zu sagen, als sich ein andres Türlein öffnete. Es war eine Stunde nach Mitternacht, der Sonntag brach an. Dieser Tag gehörte dem Herrn Inquisitor. Ihro Hochwürden Gnaden traten herein, sahen den gestäupten Kandide mit dem Degen in der Hand, den toten Hebräer auf der Erde liegen, Kunegunden totenblaß und bebend und die Alte mit ihrem guten Rat herausrückend; und blieben starr angewurzelt stehn an der Türschwelle, ohne alle Besinnung; um so mehr Besonnenheit und Überlegungskraft hatte Kandide.

Ha! dacht' er, ruft der heilige Mann Hilfe, so werd' ich ganz unfehlbar verbrannt und auch Kunegunde. Er hat mich unbarmherzig geißeln lassen, ist mein Nebenbuhler; im Morden bin ich einmal, und jetzt gilt's.

Wie beschlossen, so getan. Der Inquisitor lag, den Degen bis ans Heft in der Brust, neben dem Juden, eh' er sich hatte besinnen können. Immer besser, rief Kunegunde. Nun sind wir unwiederbringlich verloren! Bannfluch und Tod schweben über uns. Kandide, wie haben Sie, die Sanftmut selbst, in zwei Minuten einen Juden und einen Prälaten umbringen können? Lieb' und Eifersucht und die Rutenstreiche der Inquisition können das Lamm wohl zum Tiger machen, erwiderte Kandide.

Wissen Sie was? sagte die Alte. Wir haben drei tüchtige andalusische Gäule im Stall und auch Sattel und Zeug. Unser tapfrer Herr Kandide zäumt sie auf und sattelt sie; derweile stecken die gnädge Baroneß ihre Dublonen und ihre Diamanten zu sich, und dann husch! auf und davon und nach Cadix. Ich kann zwar nur meinen halben Hintern brauchen, das tut aber weiter nichts. Es ist ganz allerliebst Wetter, und in der Kühle beim Mondenschein läßt sich's des Nachts ganz scharmant reisen. Kandide sattelte sogleich die Pferde und machte mit Kunegunden und der Alten einen Ritt von fünfzehn Meilen in einem Striche. Indes daß die fortjagten, kam die heilige Brüderschaft ins Haus. Der Herr Inquisitor ward in der Domkirche mit allem Gepränge beigesetzt, Isaschar aber auf den Schindanger geworfen.

Kandide, Kunegunde und die Alte befanden sich nunmehr in einem Wirtshause in dem Städtchen Avacena, das mitten in der Sierra Morena lag. Hieselbst hielten sie folgendes Gespräch.

Zehntes Kapitel: Kandide, Kunegunde und die Alte kommen in einer gar schlimmen Lage zu Cadix an und schiffen sich ein
Kunegunde (schluchzend): Alle meine Dublonen und Diamanten sind fort! Wer muß mir die gestohlen haben! wovon wollen wir nun leben? Wo Inquisitoren und Juden finden, die mir andre geben?

Die Alte. Was ich glaube, aber Gott verzeihe mir die schwere Sünde, wenn ich ihm zu viel tue; ich denke aber immer, ich denke, der ehrwürdige Pater Graurock, der mit uns zu Badajos sein Nachtquartier hatte, hat sie heißen mitgehn; er kam zweimal zu uns in die Stube und war schon lang' über alle Berge, eh' wir an die Abreise dachten.

Kandide. Der wackre Panglos hat mir oft bewiesen, daß alle Güter hienieden gemeinschaftlich sind, Hinz daran so gut Anteil hat als Kunz. Vermöge dieser Grundsätze hätte uns jener Barfüßermönch wenigstens so viel Geld lassen sollen, um unsre Reise bestreiten zu können. Haben Sie denn gar nichts behalten, gnädige Baroneß?

Kunegunde. Keinen Maravedi!

Kandide. Was nun tun?

Die Alte. Ein Pferd verkaufen, da ist kein andrer Rat. Ich setze midi hinter die gnädge Baroneß so gut es mit meinem halben Hintern angeht, und damit immerzu nach Cadix.

In eben dem Wirtshause befand sich ein Benediktinerprior, der kaufte ihnen das Pferd um einen Pappenstiel ab. Kandide, Kunegunde und die Alte nahmen ihren Weg über Lucena, Chillas, Lebrixa nach Cadix. Hier ward eine Flotte ausgerüstet, die Truppen mußten sich hier stellen, welche die ehrwürdigen Paters des Jesuiterordens zu Paraguay zu Paaren treiben sollten. Selbige hatten, gab man ihnen wenigstens Schuld, eine ihrer indischen Horden bei der Stadt San Sakramento gegen die Könige von Spanien und Portugal aufgewiegelt.

Kandide machte dem General dieser kleinen Armee die bulgarischen Kriegsexerzitien vor, und das so flink, so dreist, mit solchem soldatischen Anstande, daß der General ihm augenblicklich eine Kompanie bei der Infanterie gab. Der neugebackne Herr Hauptmann nebst Baroneß Kunegunden und der Alten schifften sich ein, nahmen noch zwei Bediente mit und die beiden andalusischen Pferde, die weiland dem Herrn Großinquisitor von Portugal gehört hatten.

Während der Überfahrt unterhielten sie sich beständig von der Philosophie des armen Panglos. Wir kommen nun in eine andre Welt, sagte Kandide, und unstreitig ist diese die beste. Denn man muß gestehn, man hat wohl Ursach, über den physischen und moralischen Zustand unsrer Welt ein wenig zu seufzen.

Kunegunde. Ich liebe Sie von ganzem Herzen, Kandide, doch alles das, was ich gesehn, was ich erlitten habe, hat mich ganz scheu und verzagt gemacht; mir ahnet nichts Guts. Lassen Sie sich ums Himmels willen nicht blessieren oder totschießen!

Kandide. Es wird alles gut gehn. Schon das Meer in dieser neuen Welt ist besser als in unsrer europäischen; ist weit ruhiger; die Winde weit beständiger. Wahrlich, die neue Welt ist die beste unter allen möglichen Welten.

Kunegunde. Das gebe Gott! nur wahren Sie sich, daß man Sie nicht blessiert oder totschießt, und wir beide unglücklich werden. Ich kann mich gar nicht beruhigen, denn ich habe in unsrer Welt schon so gräßliches Elend ausgestanden, daß kein Strahl der Hoffnung mehr in meine Seele sich hineinstiehlt. Die Alte. Was das für ein Getue, für ein Geklage ist! Wären Sie an meiner Stelle gewesen, Sie sollten auf einem gar andern Loche pfeifen. Ich kann noch ein Liedchen von Unglücksfällen singen.

Kunegundens Mund zog sich ein wenig zum Lächeln; es kam ihr drollig vor, daß die alte Mutter behauptete, sie sei unglücklicher als sie. Haben Euch, sagte sie, nicht zwei Bulgaren geschändet, habt Ihr nicht zwei Degenstiche in den Leib bekommen, sind nicht zwei von Euren Schlössern verwüstet worden, hat man nicht vor Euren Augen zwei Väter und zwei Mütter ermordet, und habt Ihr nicht zwei von Euren Liebhabern im Autodafe stäupen sehn, so seh' ich nicht ab, wie Ihr Euch unglücklicher nennen könnt als ich. Erwägt noch überdem, daß ich Baroneß bin, meine einundsiebzig Ahnen aufweisen kann, und daß ich gleichwohl habe müssen aschenbrödeln.

Meine Geburt ist Ihnen unbekannt, gnädige Baroneß, antwortete die Alte. Ich dürfte Ihnen nur mein Hinterkastei zeigen, Sie würden gewiß ganz andre Saiten aufziehn. Diese Rede erregte bei Kunegunden und Kandiden eine ganz außerordentliche Neugier, welche die Alte auf folgende Art befriedigte.

Elftes Kapitel: Geschichte der Alten
Mein Auge war nicht immer so verzerrt, hatte nicht immer den Pupursaum, meine Nase stieß nicht immer ans Kinn, auch bin ich nicht immer Magd gewesen.

Mein Vater war Papst Urban der Zehnte, und die Fürstin von Palestrina meine Mutter. Bis ins vierzehnte Jahr wurd' ich in einem Palaste erzogen, wogegen die Schlösser Eurer westfälischen Barone gar klägliche Figur machen; das geringste von meinen Kleidern wog alle Herrlichkeiten von ganz Westfalen auf. Ich wuchs an Schönheit und Grazie und Talenten mitten in dem bunten Zirkel von Ergötzlichkeiten. Was für Erwartungen machte man sich nicht von mir; was für Ehrerbietung erwies man mir; was für Liebe flößt' ich nicht schon ein.

Mein Busen wölbte sich bereits. Es war ein Busen, der an Weiße und Festigkeit und Rundung dem Busen der Mediceischen Venus glich! Das Aug, wie zaubrisch! die Wimpern, wie meisterhaft! die Augenbrauen rabenschwarz! und die Glut, die in meinen Augäpfeln lag, überstrahlte das ganze Sternenheer, wie die Poeten aus dem Stadtviertel sangen. Meine Kammerfrauen, wenn sie mich auszogen und mich so von vorn und hinten beschauen konnten, waren wie ins Paradies verzückt; alle Mannspersonen wünschten sich an ihre Stelle Ich ward mit dem regierenden Fürsten von Massa Carrara versprochen. Ein gar süßer, herrlicher Junge! Ganz Geist und ganz glühende, schwärmende Liebe! und völlig so dichtrisch schön gebildet wie ich! Er war meine erste Liebschaft! sonach liebte ich ihn mit der innigsten Wärme, macht' ihn zum Abgott meiner Seele.

Man traf Anstalten zum Beilager. Was war da für Pomp! für unerhörte Pracht! Was für ein Zirkeltanz von Lustbarkeiten. Feste ketteten sich an Feste, Ringelrennen an Ringelrennen, Turnier' an Turniere, Operabuffas an Operabuffas, und ganz Italien sang mir zu Ehren Sonnette, davon das geringste dichtrischen Stempel trug, eines Ariost und Tasso würdig war.

Ich stand am Ziele meines Glücks, als eine alte Marchese, eine ehmalige Buhlschaft meines Prinzen, ihn zur Schokolade bitten ließ. Er starb in weniger denn zwei Stunden an den schrecklichsten Zuckungen. Kleinigkeit gegen meine übrigen Unglücksfälle!

Dieser Tod brachte meine Mutter ganz außer sich, obwohl er sie lange nicht so heftig angriff wie mich. Sie wollte sich eine Zeitlang von einem so unangenehmen Aufenthalt losreißen. Wir fuhren nach Gaetta, wo sie ein sehr schönes Landgut hatte; unser Schiff war eine päpstliche Galeere, so stark vergoldet als der St.-Peter-Altar zu Rom. Nicht lange, so stürzte ein Saleescher Korsar auf uns zu, enterte. Unsre Mannschaft wehrte sich wie wahre päpstliche Soldaten, warf ihre Waffen weg, fiel nieder auf die Knie, und, in letzten Zügen liegend, bat sie den Korsaren um Absolution. In einem Nu standen sie ganz affenkahl da; meiner Mutter, unsern Hofdamen und mir ging's nicht besser. Husch husch! und wir waren entkleidet. Ich habe nie flinkre Kammerdiener gesehn als diese Herren Seeräuber. Doch nahm mich dies nicht so wunder, als daß sie uns insgesamt einen Ort durchfingerten, dem wir Weiber uns gemeiniglich nur mit der Klistierspritze zu nahe kommen lassen.

Nie aus meinen vier Pfählen gekommen, kam mir der Brauch ganz sonderbar vor. Ich erfuhr bald, zu was Ende dies geschahe; sie wollten wissen, ob wir nicht daselbst einige Diamanten versteckt hätten. Das ist uralte Sitte bei allen gebildeten Völkerschaften, die auf der See umhertreiben. Machen's doch die Herren Malteserritter nicht besser, wenn sie Türken und Türkinnen gefangen bekommen, und sind Geistliche. Dies Gesetz des Völkerrechts wird stets beobachtet.

Wie peinlich, wie zu Boden drückend es für eine junge Prinzessin sein muß, mit ihrer Mutter als Sklavin nach Marokko geführt zu werden, brauch' ich Ihnen nicht erst zu sagen, Sie können sich's leicht vorstellen, so wohl als die Leiden, die wir auf dem Raubschiffe auszustehn hatten.

Meine Mutter war noch sehr schön, unsre Hofdamen, sogar die bloßen Kammerfrauen besaßen mehr Reize, als in ganz Afrika zu finden sind. Und ich hatte all die entzückende Schönheit, war mit all' der Lieblichkeit, dem namenlosen Zauber umflossen, womit Mutter Eva aus den Händen Gottes hervorging; noch hatt' ich keinen Mann erkannt, aber bald mußt ich's. Die Rose, die ich dem schönen Fürsten von Massa Carrara aufbewahrt, zerknickte der Hauptmann der Räuber; eine abscheuliche Fratzenfigur von Neger, die mir dadurch noch ungemeine Ehre zu erweisen glaubte.

Wahrlich! die Fürstin von Palestrina mußte sowohl wie ich Herkulesschultern haben, um all das Ungemach zu tragen, das bis zu unsrer Ankunft in Marokko über uns kam. Kein Wort weiter davon! Es ist etwas zu Alltägliches, als daß es der Mühe lohnte, davon zu reden.

Bei unsrer Ankunft schwamm Marokko in Blut. Fünfzig Söhne des Kaisers Mulei Ismael hatten jeglicher seine Partei; sonach wüteten daselbst fünfzig bürgerliche Kriege. Schwarze fochten gegen Schwarze, Schwarzbraune gegen Schwarzbraune, Mulatten gegen Mulatten; das ganze Land umher glich einer Metzge, wo Arbeit vollauf war.

Kaum waren wir auf dem Gestade, so rückte eine feindliche Partei an, die unserm Korsaren seine Beute abnehmen wollte. Wir waren nach den Diamanten und dem Golde das Allerkostbarste, was er hatte. Ich war Zeugin eines Kampfs, den Ihr in Euren europäischen Gegenden nie so gesehn habt; dazu haben die nordischen Völker nicht heißes, glühendes Blut genug; sie haben ja nicht einmal so viel Wut als jedes Weib in Afrika. Bei Euch Europäern scheint Milchsaft in den Adern zu rinnen, Vitriol, Feuer hüpft, spritzt durch jede Nerve bei den Bewohnern des Atlasgebirges und der benachbarten Gegenden. Wütend wie die Löwen und Tiger und Schlangen dieses Landes fielen sie sich an und strebten, uns einander abzukämpfen. Ein Mohr packte meine Mutter beim rechten Arm, der Leutnant unsers Schiffs riß sie beim linken zurück; stracks nahm ein Schwarzer ihren einen Fuß, einer unsrer Seeräuber zog sie beim andern nach sich. Und so wurden all' unsre Frauenzimmer beinahe in einem Nu von vier Soldaten angepackt.

Mein Hauptmann hatte mich hinter sich versteckt und säbelte alles nieder, was sich zwischen ihn und seinen Grimm stellte. In kurzem sah' ich unsre Italienerinnen und meine Mutter von denen Ungeheuern zerrissen, zerhauen, zerfetzt, die sich um ihren Besitz herumkämpften. Gefangne und Gefangennehmer, Soldaten und Matrosen, Schwarze und Weiße und Mulatten, alles, alles wurde niedergemacht, endlich mein Hauptmann auch, und ich blieb sterbend auf einem Haufen von Toten liegen.

Solcherlei Szenen wurden bekanntermaßen in einem Bezirk von mehr denn dreihundert Meilen gespielt, ohne daß man deshalb die fünf Gebete vergaß, die Mahomet täglich zu beten befohlen hat.

Es ward mir sehr sauer, mich unter der Menge aufeinandergeschichteter blutiger Leichname hervorzuarbeiten. Ich schleppte mich nach einem großen Pomeranzenbaum, der am Rande eines nahen Bachs stand. Entsetzen und Müdigkeit, Verzweiflung und Hunger hatten mich so erschöpft, daß ich sogleich umsank und bald darauf einschlummerte.

Es war mehr Ohnmacht als Schlaf, worin ich mich befand. In diesem Mittelzustand zwischen Leben und Tod, in dieser Art von Hinbrüten mocht' ich eine Weile gelegen haben, als ich eine Last auf mir liegen fühlte, und mein Körper Erschüttrungen bekam. Ich blickte auf und ward einen wohlgebildeten jungen weißen Mann gewahr. Er seufzte und murmelte zwischen den Zähnen: O che sciagura d'essere senza coglioni.

Zwölftes Kapitel: Wie übel es der Alten weiter erging
Erstaunt und entzückt, meine Muttersprache zu hören, und über die eben vernommene Rede nicht wenig verwundert erwiderte ich, daß es noch größers Unglück gäbe, als das sei, worüber er sich beklagte. Mit einem paar Worten erzählt' ich ihm alle das gräßliche Elend, dessen Opfer ich gewesen, und sank wieder in Ohnmacht. Er trug mich in ein benachbartes Haus, legte mich in ein Bette, brachte mich wieder zu mir, erquickte mich, ließ mirs nicht an Wartung und Trost abgehn, und an Schmeicheleien; sagte, er habe nie auf Gottes Erdboden ein schöners Geschöpf gesehn als mich, und seinen unersetzbaren Verlust nie so stark betrauert als jetzt.

Ich bin aus Neapel bürtig, sagte er, wo jahraus jahrein zwei- bis dreitausend Knaben kapaunt werden. Einige sterben, andre erhalten Stimmen, die an Schönheit die weiblichen übertreffen, noch andre gehn aus in alle Lande und werden ans Staatsruder gesetzt. Ich ward mit dem günstigsten Erfolge kastriert und sodann Kapellsänger bei Ihro Durchlaucht, der Fürstin von Palestrina.

Bei meiner Mutter, schrie ich! Bei Ihrer Frau Mutter! rief er, und Tränen schössen über seine Wangen. So wären Sie die junge Prinzessin Aurora, die ich bis ins sechste Jahr erzogen, bei der damals all' die Reize in der Knospe lagen, die ich bei Ihnen in so voller, schimmernder Blüte sehe! Sind Sie's denn wirklich! „Wirklich! und meine Mutter liegt vierhundert Schritt von hier unter einem Haufen von Toten gevierteilt!" Ich erzählt' ihm all' meine Begebnisse, und er mir die seinigen, er sagte mir, eine gewisse christliche Macht hab' ihn nach Marokko gesandt, um mit diesem Monarchen einen Traktat zu schließen, mittelst dessen man ihm Pulver, Kanonen und Schiffe zu liefern versprach, damit er um so leichter dem Handel der übrigen christlichen Mächte den Garaus machen könnte. Mein Auftrag ist beendigt, sagte der ehrsame Kastrat zu mir, ich schiffe mich zu Ceuta ein und bringe Sie nach Italien zurück. Ma che sciagura d'essere senza coglioni!

Ich vergoß Tränen des innigsten Danks für all' das, was er an mir getan hatte und noch tun wollte. Er brachte mich nicht nach Italien, sondern nach Algier, und verkaufte mich an den dortigen Dei. Kaum war ich verkauft, als die Pest, die nachher Afrika, Asien und Europa durchzogen hat, in Algier zu toben begann. Erdbeben haben Sie schon gesehn, doch die Pest wohl nie gehabt, Baroneß? Nie, antwortete Kunegunde. Sonst würden Sie mir einräumen müssen, daß Erdbeben, dagegen gerechnet, gar nichts sagen will. In Afrika ist sie gang und gäbe; sie verschonte mich auch nicht. Stellen Sie sich nun die Lage vor, worin sich die fünfzehnjährige Tochter eines Papsts befand! In einem Vierteljahre hatte sie Geliebten verloren und Freiheit, war fast täglich geschändet worden, hatte immer Hungertod und Kriegsgetümmel vor Augen gehabt und sollte jetzt an der Pest sterben.

Ich kam demungeachtet glücklich davon, allein mein Kastrat ging drauf, und der Dei und fast der ganze algierische Serail. Als diese fürchterliche Pest eine kleine Pause gemacht, wurden die Sklaven des Deis verkauft. Ein Kaufmann erhandelte mich und nahm mich nach Tunis, wo er mich einem seiner Kollegen überließ, dieser verkaufte mich nach Tripolis, von Tripolis wurd' ich nach Alexandrien verkauft, von Alexandrien nach Smyrna, von Smyrna nach Konstantinopel.

Nunmehr befand ich mich in den Händen eines Janitscharenführers, der bald darauf Befehl erhielt, dem von den Russen belagerten Assow zum Entsatz zu kommen. Dieser Janitschar war ein überaus galanter Mann; er nahm alle seine Kebsdamen mit, logierte uns in eine kleine Schanze, dicht am See Tana, die von zwei schwarzen Verschnittnen und zwanzig Soldaten bedeckt wurde. Die Russen stürzten anfänglich hin wie die Fliegen; bald aber kehrte sich das Blatt. Assow ging über, wurde mit Feuer und Schwert verwüstet; bei den Überwindern galt kein Ansehn des Alters noch Geschlechts.

Unsre kleine Schanze hielt sich noch; die Feinde beschlossen, sie auszuhungern. Die zwanzig Janitscharen hatten geschworen, sich nie zu ergeben. Der äußerste nagendste Hunger nötigte sie, unsre beiden Verschnittnen aufzufressen, damit sie ihren Schwur nicht zu brechen brauchten. Nach Verlauf etlicher Tage beschlossen sie, es mit uns ebenso zu machen.

Wir hatten aber einen gar frommen Iman bei uns, einen recht barmherzigen Samariter, der hielt eine gar herrliche Predigt, wodurch sie andern Sinnes wurden. Umbringen müßt ihr die Weiber nicht, sagte er, aber jeglicher von ihnen den halben Hinterbacken ablösen, das laß ich gelten; auf die Art werdet ihr Essen die Fülle haben; gebricht's euch wieder an Proviant, nun so wißt ihr ja, wo eure Vorratskammer liegt. Ihr könnt sodann mit Zuversicht hoffen, daß euch Allah wegen einer solchen Barmherzigkeit nicht ohne Beistand lassen wird.

Da dieser Priester ein guter Schwadronör war, so drang er durch, und man nahm die grausame Operation vor. Der Iman bestrich uns in eigner Person mit Beschneidungsbalsam. Wir waren allesamt todsterbenskrank.

Kaum hatten die Janitscharen die Mahlzeit hinter, die wir ihnen verschafften, so waren die Russen in flachen Fahrzeugen da und stürmten die Schanze. Kein Janitschar blieb am Leben. Uns schleppten die Sieger mit, ohne sich um unsern Zustand im mindesten zu kümmern.

Französische Wundärzte findet man allenthalben. Sonach hatten sie einen in der Kunst gar wohlerfahrnen Franzmann bei sich, der nahm uns in die Kur und heilte uns glücklich. Er suchte uns dadurch zu trösten, daß dergleichen Kriegsgebrauch wäre und sich schon bei vielen Belagrungen ereignet hätte. Wie meine Wunden völlig zugeheilt waren, verlangt' er von mir Minnesold. Ich werde den Antrag in meinem Leben nicht vergessen.

Als meine Gespielinnen gehn konnten, mußten sie nach Moskau wandern. Ich fiel einem Bojaren zuteil, der mich zu seiner Gärtnerin machte und mir täglich zwanzig Hiebe mit der Knute gab. Allein nach zwei Jahren wurde dieser Herr mit dreißig andern Bojaren gerädert, weil sie am Hofe ein gar hübsches Rührei gemacht hatten.

Diese Begebenheit benutzt' ich, wipste davon, durchstrich ganz Rußland, war lange Zeit zu Riga Aufwärterin in einem Wirtshause, bekleidete den Posten auch zu Rostock, Wismar Leipzig, Kassel, Utrecht, Leiden, Haag, Rotterdam, ward im Elend und in der Schande alt und grau; schleppte allenthalben meinen halben Hintern mit herum, und die Erinnerung, daß ich die Tochter eines Papsts sei. Hundertmal war ich Willens, mich zu töten, aber immer siegte die Liebe zum Leben.

Diese lächerliche Schwäche ist eine unsrer unseligsten Triebe. Kann man sich wohl etwas Törichters denken als ein Geschöpf, das eine Last immer mit sich herumschleppt, die es gern alle Augenblicke von sich werfen möchte? Das sein Dasein verabscheut und doch platterdings nicht daran will, ihm ein Ende zu machen? Kurz das eine Schlange hätschelt, die immer in ihm fortnagt, bis sie ihm das Herz abgefressen hat.

In all' den Ländern, wohin mich das Schicksal getrieben, und in allen Wirtshäusern, wo ich Aufwärterin gewesen, hab' ich Personen die Menge gefunden, die ihr Dasein verfluchten, aber nur ein Dutzend gesehn, die ihrem Elende ein freiwilliges Ende machten. Das waren drei Mohren, vier Engländer, vier Genfer und ein Leipziger Professor, Namens Robeck.

Mein letzter Dienst war bei dem Juden Don Isaschar. Ich lernte ihn vor zwei Jahren in Rotterdam kennen, wo er in dem Gasthofe logierte, worin ich diente. Ein niedlicher Bettwärmer, den er mit sich gebracht, hatte sich in alle seine Kostbarkeiten und in seine vollgepfropfte Börse so stark verliebt, wie er sich in dies Kreatürchen, und den Anschlag gemacht, durch meine Beihilfe damit über alle Berge zu gehn. Diese Zumutung verdroß mich; ich steckte dem Juden das Projekt seines Madchens; er verhinderte sie an dessen Ausführung, indem er sie sitzen ließ, und mich nahm er zur Belohnung meiner Redlichkeit mit nach Portugal, wo er mir Zeit Lebens Unterhalt zu geben versprach.

Bald darauf kamen Sie in sein Haus, und er gab mich Ihnen zur Bedienung. Sie wissen, wie ich stets an Ihnen gehängt, gnädge Baroneß, wie ich über Ihre Schicksale ganz die meinigen vergessen habe, die um so härter sind, da mein Elend nur erst mit meinem Leben ein Ende nehmen kann. Denn Sie müssen noch wissen, bei Verlust des Kopfs darf ich mich in den Landen meines verstorbnen Vaters nicht wieder sehn lassen. Sein Nachfolger auf dem päpstlichen Stuhl, ein geschworner Feind meiner Mutter und des Hauses Massa Carrara, hat nicht nur alle unsre Güter eingezogen, sondern auch bei Landesverweisung verboten, meiner in Gesellschaft zu erwähnen. Durch ihn, teils bestochen, teils durch niedrige Schmeichelei bewogen, haben verschiedne Geschichtsschreiber nicht nur meinen Vater aus der Liste der Päpste weggelassen, sondern auch sogar öffentlich im Druck meine und meiner Mutter Existenz glatt weggeleugnet.

Urteilen Sie nun selbst, wer von uns beiden das Mehrste erlitten hat, und gleichwohl hätt' ich Ihnen nie meine Unglücksfälle erzählt, wenn Sie mich nicht durch Ihre bittern Klagen dazu aufgefordert hätten, und wenn's nicht im Schiff, so gut wie auf der Landkutsche Mode wäre, der lieben Langeweile halber Historien zu erzählen.

Machen Sie sich 'mal das Vergnügen, gnädige Baroneß, und nötigen Sie jeden aus unsrer Reisegesellschaft, seinen Lebenslauf zu erzählen; ich behaupte — und ich habe mir Erfahrung genug gesammelt, um das mit Grund behaupten zu können —, daß kein einziger darunter ist, der nicht sein Dasein verflucht, sich oft selbst gesagt hat, daß er der unglücklichste unter allen Menschen sei. Finden Sie einen, der das nicht getan hat, nun so stürzen Sie mich kopfüber ins Meer.

Dreizehntes Kapitel: Wie sich Kandide genötigt sahe, die schöne Kunegunde und die Alte zu verlassen
Nunmehr begegnete die schöne Kunegunde der Alten mit all' der Achtung, die einer Dame von ihrem Rang und Verdiensten gebührte. Sie nahm ihren Vorschlag an und beredete ihre Reisegefährten, nach der Reihe ihre Begebenheiten zu erzählen. Kandide und sie mußten gestehn, daß die Alte recht hatte. Schade, sehr schade! sagte Kandide, daß der weise Panglos wider alle Sitt' und Brauch in einem Audodafé ist aufgehängt worden, was für vortreffliche Dinge würd' er über das physische und moralische Übel sagen, das unsern Erdwasserball bedeckt, und ich würde mich stark genug fühlen, ihm einige bescheidne Einwürfe zu machen.

Über die Erzählungen langte man, eh' man sich's versahe, in Buenos-Aires an. Kunegunde, Hauptmann Kandide und die Alte begaben sich zum dasigen Statthalter, dem Don Fernando d'Ibara y Figueora y Mascarenes y Lampourdos y Souza. Er war so hochfahrend, als es ein so vielbetitelter Mann sein mußte; sprach in so hochadelig-verächtlichem Tone mit Mannspersonen, trug seine Nase so hoch hinaus in die Lüfte, erhub seine Stimme so posaunenmäßig, hatte einen so befehlshaberischen Ton und solchen Pfauengang, daß jedem, der ihm seine Aufwartung machte, der Gelust ankam, ihn derb durchzuprügeln; die Frauenzimmer liebt' er aufs heftigste; Kunegunde deuchte ihm das schönste, reizendste Geschöpf, das er je gesehn. Seine erste Frage war, ob sie des Hauptmanns Frau sei.

Das fragte er mit einem Ton, mit einer Miene, daß Kandide ganz zu Boden geschlagen wurde. Für seine Frau mocht' er sie nicht ausgeben, weil sie's noch nicht war, für seine Schwester auch nicht, denn das war sie noch weniger; er war zu sehr Teutscher, um sich dieser Notlüge zu bedienen, die so manchen Patriarchen aus der Not gerissen hatte und auch noch heutiges Tages gute Dienste leisten konnte. Deshalb sagte er grad heraus: die Baroneß Kunegunde wird mich mit ihrer Hand beehren, und wir ersuchen Ihro Exzellenz untertänigst, die hohe Gnade für uns zu haben und unsre Hochzeit auszurichten.

Don Fernando d'Ibara y Figueora y Mascarenes y Lampourdos y Souza strich hohnlächelnd seinen Zwickelbart und befahl dem Hauptmann Kandide, seine Kompanie zu mustern. Kandide gehorchte und ließ den Statthalter bei Baroneß Kunegunden allein. Dieser entdeckte ihr nunmehr seine Brunst und beteuerte ihr, er wolle ihr morgen im Angesicht der Kirche seine Hand reichen; wolle sie ihn aber mit ihrer außerehlichen Liebe beglücken, so woll' er sich auch da nach ihr richten. Kunegunde bat sich eine Viertelstunde von ihm aus, um sich sammeln, die Alte um Rat fragen und sich entschließen zu können. Die Alte sagte zu ihr: Sie haben zweiundsiebenzig Ahnen und keinen roten Heller, können jetzt die Gemahlin des angesehnsten und stattlichsten Zwickelbarts in ganz Südamerika werden. Was wollen Sie sich da bedenken. Not hat kein Gebot, und wozu Sie den Pastor Fido im Reifrock spielen wollen, seh' ich nicht ab. Sie sind von den Bulgaren geschändet worden, haben sich vom Juden und Inquisitor brauchen lassen. Wär' ich in Ihrer Stelle, ich griffe zu, nähme den Herrn Statthalter zum Manne ohn' alles Fackeln und machte dem Herrn Hauptmann Kandide sein Glück.

Indes daß das Mütterchen mit all der Klugheit sprach, die Alter und Erfahrung geben, sah' man ein Schifflein in den Hafen einlaufen, worauf sich ein Alkalde und Alguazils, Gerichtsdiener, befanden. Was die Herren wollten, soll der Leser gleich erfahren.

Die Alte hatte ganz recht gehabt, daß der weitärmlige Franziskaner zu Badajos Kunegunden auf ihrer eilenden Flucht ihr Geld und ihre Diamanten gestohlen. Er hatte einige Steine einem Juwelier verkaufen wollen, der sie erkannte und ihn festnehmen ließ. Unterm Galgen hatte der Mönch bekannt, daß er sie gestohlen, die Personen beschrieben, denen er sie entwandt, und den Weg, den sie genommen hatten. Kunegundens und Kandidens Flucht war bereits bekannt: man setzte ihnen bis Cadix nach, ohne sie einholen zu können; von da aus wurd' ihnen ungesäumt ein Schiff nachgesandt, und dies Schiff lag jetzt im Hafen.

Überall hörte man, eben sei ein Alkalde ausgestiegen, und man suche die Mörder des Großinquisitors. Die kluge Alte sahe den Augenblick ein, was zu tun war. Fliehen können Sie nicht, sagte sie zur Kunegunde, und brauchens auch nicht. Ihnen können sie nicht an den Hals kommen, denn Sie sind nicht der Mörder des Inquisitors; Sie haben überdies beim Statthalter solchen Stein im Brett, daß er Ihnen kein Härchen wird krümmen lassen. Bleiben Sie nur in Gottes Namen da. Drauf rannte sie in voller Hast zum Kandide. Machen Sie sich über alle Berge, Herr Hauptmann, raunte sie ihm zu, sonst sind Sie in einer Stunde verbrannt. Aufhalten durft' er sich nicht einen Augenblick, trennen konnte er sich nicht von seiner Kunegunde, und einen Ort, wo er sich hinflüchten sollte, wußt' er nicht.

Vierzehntes Kapitel: Wie Kandide und Kakambo in Paraguay von den Jesuiten aufgenommen werden
Kandide hatte von Cadix einen Bedienten mitgebracht, wie man deren viel auf den spanischen Küsten und in den Kolonien antrifft; einen Viertelspanier, von einem Mestizen in Tukuman erzeugt. Er war Chorknabe gewesen, dann Küster, Matrose, Mönch, Buchhalter, Soldat und war endlich Lakai geworden; er hieß Kakambo und hing sehr an seinem Herrn, weil er eine gar gute, liebe Seele war. Ober Hals und Kopf sattelte er die beiden andalusischen Pferde. Wollen dem Rat der alten Mutter folgen, lieber Herr, sagte er, und zujagen, was nur's Zeug hält, ohn' uns umzusehn.

O traute Kunegunde! rief Kandide, und Tränen flossen über seine Wangen, so muß ich dich denn verlassen! muß dich in dem Zeitpunkt verlassen, da der Herr Statthalter uns zusammenfügen wollte! Mußt' ich dich darum herführen, meine Kunegunde! Oh, was wird aus dir werden!

Kakambo. Alles Guts! sie wird den Mantel nach dem Winde drehn. Ich möchte das Weib sehn, das sich nicht aus der jämmerlichsten Patsche zu helfen wüßte. Und zudem sind ja die Weiber unsers Herrgotts liebste Kinder! — Die Sporen in die Rippen, Herr!

Kandide. Wo willst du denn hin? Wo geht's denn zu? Und was wollen wir ohne Kunegunden machen?

Kakambo. Sie haben doch gegen die Jesuiten wollen zu Felde ziehn, wissen Sie was, ziehn Sie für sie zu Felde. Beim heiligen Jakob vom Compostell, ich weiß Weg und Steg und will Sie Zu ihnen bringen. Das wird ihnen 'ne rechte Herzensfreude sein, einen Hauptmann zu kriegen, der das bulgarsche Manövrieren versteht. Sie werden da 'ne gar herrliche Nummer finden.

Geht's einem in einem Weltteil schief, so zieht man in einen andern, und kömmt da auf 'nen grünen Zweig; kriegt wieder ganz was anders zu sehn, ganz was anders zu hören und auch 'n ganz ander Stückchen Arbeit, wenn man will. Oh! es ist 'n gar scharmantes herrliches Ding ums Reisen!

Kandide. So bist du in Paraguay bekannt?

Kakambo. Wie'n Pudel bei meiner armen Seele! Bin ja Aufwärter gewesen in dem Jesuiterkollegium zu Assumption, weiß im Gouvernement der Los Padres so gut Bescheid wie auf den Gassen zu Cadix. Das ist Ihnen noch ein Königreich, das sich gewaschen hat. Schon jetzt hat's mehr als dreihundert Meilen im Umkreise und ist in dreißig Provinzen eingeteilt. Los Padres schieben alles in ihren Sack, und das Volk hat nicht mal 'ne lahme Laus, die sein wäre. Wie schlau dort die Gerechtigkeit ist! Wie klug sie alles eingefädelt haben! Oh, darüber geht nichts!

Nein! solche herrliche kapitale Kerls gibt's gar nicht mehr wie Los Padres! Hier ziehn sie gegen den König von Spanien und von Portugal zu Felde, dort bebeichten und beabendmahlen sie sie, hier knicken sie den Spaniern auf'n Kopf, dort beten sie sie mit Leib und Seel in'n Himmel, 's ist ganz allerliebst!

Nur immer die Sporen in die Rippen! — Nun werden Sie erst recht ins Wohlleben reinkommen und auf nen grünen Zweig! Sie werden sich recht in der Seele freuen, die Padres, wenn sie hören, daß ein Hauptmann zu ihnen stößt, der das bulgarische Manövrieren versteht.

Am ersten Schlagbaum angelangt, sagte Kakambo zur Schildwacht: Es war' ein Hauptmann da, der dem Herrn Kommandanten seine Aufwartung machen wollte. Sofort wird's der Hauptwache gemeldet, und ein paraguayscher Offizier bringt dem Kommandanten davon Rapport. Kandide und Kakambo werden entwaffnet und die beiden andalusischen Gäule in Beschlag genommen.

Man führte sie durch zwei Reihen Soldaten; am Ende stand der Kommandant, ein dreieckichtes Barett auf, den Rock zurückgeschlagen, den Degen an der Seite, die Offizierspike in der Hand. Er winkte, und sogleich umringten vierundzwanzig Soldaten die beiden Fremden. Ein Sergeant sagte zu ihnen: Sie müßten sich gedulden: der Herr Kommandant könnte sie nicht sprechen, denn Ihro Hochehrwürden der Pater Provinzial erlaubte keinem Spanier anders als in seiner Gegenwart das Maul auf zutun und duldete ihn nicht länger im Lande als höchstens drei Stunden.

Und wo sind Ihro Hochehrwürden? frug Kakambo. „Auf der Parade, Sie haben eben Ihro Messe gelesen. Vor drei Stunden können Sie seine Sporen nicht küssen." „Er ist aber kein Spanier, der Herr Hauptmann, und wir möchten beide vor Hunger umfallen. Könnten wir nicht derweil ein bißchen frühstücken, bis Ihro Hochehrwürden kommen?"

Sogleich rapportierte der Sergeant dem Kommandanten. Ein Teutscher! rief er, ein Teutscher! O Gott Lob, da kann ich ihn prechen. Man führ' ihn in die Gartenlaube. Und man brachte sie sofort in ein kleines grünes Lusthaus.

Es war mit einer gar stattlichen Reihe von grünen Marmorsäulen geschmückt, deren Knauf und Schaft vergoldet war; dahinter lief ringsum ein artiges Gitterwerk, worin sich Papageien befanden, Kolibris, Fliegenfänger, Perlhühner und die allerseltensten Vögel. Das herrlichste Frühstück ward in goldnen Geschirren aufgetragen, unter der Zeit lagen die Paraguayer mitten im Felde bei der stechendsten Sonne und aßen Mais aus hölzernen Schüsseln.

Nicht lange, so trat der wohlehrwürdige Pater Kommandant herein. Ein bildschöner junger Mann; sein Aug war feurig, Lipp' und Wange rot, die Augenbraunen wohlgewölbt, das Gesicht rund und ziemlich weiß. Er hatte in seinem Betragen etwas Edelstolzes, das aber weder den Spanier noch den Jesuiten ankündigte.

Kandiden und Kakambo'n wurden ihre abgenommnen Waffen und ihre beiden Andalusier wieder zugestellt. Kakambo gab ihnen an der Türe des Gartenhauses Haber zu fressen, und damit ihnen kein Tuckmäuserstückchen gespielt würde, verließ er sie mit keinem Auge.

Kandide küßte dem Kommandanten den Saum seines Rocks, und darauf setzten sie sich zu Tische. So, sind Sie ein Teutscher? fragte ihn der Kommandant in dieser Sprache. Worauf ich nicht wenig stolz bin, Ihro Wohlehrwürden, antwortete Kandide. Bei diesen Worten fuhren sie beide zusammen, sahen einander starr an, mit einer Bewegung, die sie nicht bergen konnten. Der Kommandant. Und aus welcher Provinz?

Kandide. Aus dem Rauchloche, dem Herzogtum Westfalen, und bin auf dem Rittersitz Donnerstrunkshausen geboren.

Kommandant. Heiliger Gott! wär's möglich!

Kandide. Welch Wunderwerk!

Kommandant. Sollten Sie's wirklich sein?

Kandide. Es ist gar nicht möglich.

Sie fielen sich um den Hals, hingen fest aneinander, konnten nicht zu Worte kommen, strömten sich in Freudentränen aus. Kandide erhielt die Sprache zuerst wieder: So hab' ich den Bruder der reizenden Kunegunde in meinen Armen. Ja er ist's, der Sohn des Herrn Barons. Es ist Junker Polde, der von den Bulgaren getötet wurde! Und ist jetzt Jesuit in Paraguay! Wahrlich, es geht wunderbar her in der Welt! O Panglos! Panglos! wie würdest du dich freuen, wenn du nicht am Galgen hingest.

Der Kommandant gab seinen Negersklaven und Paraguayern, die ihnen in bergkristallnen Bechern Wein eingeschenkt hatten, einen Wink hinauszugehn. Und nun pries er Gott und den heiligen Ignatus tausendmal und drückte Kandiden an seine Brust. Sie schwammen in Tränen.

Kandide. Schon so im Rausch der Freude Baron! Oh! viel zu früh! Das vollste Maß von Seligkeit erwartet erst Ihrer! Ihre totgeglaubte Schwester lebt, ist frisch und munter.

Kommandant. Kunegunde lebte noch? Wäre wohlauf? Wo ist sie denn? wo?

Kandide. Ganz in der Nähe, beim Herrn Statthalter von Buenos-Aires.

Nun hub Kandide an, alles zu erzählen, was sich seit seiner Schloßverweisung bis zu seiner Reise nach Amerika zugetragen hatte. Der gejesuitete Baron lauschte mit begierigem Ohr und den vollsten Seelenblicken. Als Kandide seine lange Erzählung geendet hatte, fingen sie als ehrliche Teutsche an, tapfer zu zechen. Und da der Pater Provinzial noch nicht kam, begann der Kommandant seine Erzählung wie folgt. Kandide war ganz Ohr und ganz Herz.

Fünfzehntes Kapitel: Weshalb Kandide den Bruder seines Mädchens tötet
Der gräßliche Tag, an dem ich Vater und Mutter töten und meine Schwester schänden sah, wird mir nie aus den Gedanken kommen. Nach dem Abmarsch der Bulgaren suchte man meine anbetungswürdige Schwester allenthalben und fand sie nirgends. Meinen Vater, meine Mutter, mich, die Leichname von zwei Mägden und drei kleinen Buben warf man auf einen Karren, um uns nach einer Jesuiterkapelle zu führen, die zwei Meilen von meines Vaters Schloß lag.

Ein Jesuit besprengte uns mit Weihwasser; es war salzicht wie all der Teufel; einige Tropfen davon spritzten mir in's Auge: der Pater merkte, daß meine Augenlider etlichemal zuckten. Er legte die Hand auf mein Herz und fühlte es schlagen. Die geschicktesten Wundärzte verwandten ihre Kunst an mir, und binnen drei Wochen war ich wieder völlig auf den Beinen. Ein recht hübscher Junge war ich immer, wie Ihr wißt, Kandide, jetzt hatte ich ganz die lachende, blühende Gestalt von Gott Amor. Auch ward der ehrwürdige Pater Krust, der dortige Superior, mein sehr warmer Freund; kleidete mich ein, und sandte mich nicht lange darauf nach Rom. Der Pater General warb damals junge teutsche Jesuiten an. Höchst ungern nehmen die paraguayschen Monarchen Spanier, Ausländer weit lieber, sie denken, sie eher lenken und bändgen zu können.

Der ehrwürdige Pater General fand mich tüchtig, ein Arbeiter in diesem Weinberge des Herrn zu werden. Ich reiste mit einem Tiroler und Polen hieher. Gleich nach meiner Ankunft ward ich Unterdiakonus und Leutnant, jetzt bin ich Obrister und Priester.

Und nun, Kandide, laß sie nur kommen, die königlichen Truppen, laß sie nur kommen. Wir wollen sie fegen! Ich bin dir Manns dafür. Sie sollen derbe Schlappen bekommen und den Kirchenbann obenein. Die Vorsehung hat dich noch zur rechten Zeit zu unserm Beistand hergesandt. Aber sag mir, guter Junge, lebt meine liebe Schwester wirklich noch? und ist sie hier in der Nähe beim Herrn Statthalter von Buenos-Aires? „Bei Gott! es ist keine Lüge!"

Und sie strömten von neuem in Tränen aus. Der Baron hing an seinem Halse, konnte gar nicht los von ihm, nannte ihn seinen Bruder, seinen Retter. O! Kandide, rief er, trauter Kandide! Zögen wir doch erst als Sieger in die Stadt ein und führten Schwester Kunegunden zurück. Mein einziger Wunsch! sagte Kandide, denn ich war Willens, sie zu heiraten, und bin's auch noch. Der Baron riß sich los von ihm, schleuderte ihn zurück. „Übermütiger Bengel! heiraten wollt Ihr meine Schwester! Ihr sie heiraten! Ein Fräulein von zweiundsiebenzig Ahnen! Verdammt über die Unverschämtheit! Und ist so keck, die Bürgerkanalje, und sagt mir die infame Sottise ins Gesicht!"

Kandide stand da wie Laokoon's Bildsäule und sagte, wie er wieder Worte fand: Mein Wohlehrwürdger Pater, alle Ahnen auf Gottes Erdboden können hier nicht in Anschlag kommen! Ich riß Ihre Schwester aus den Armen eines Inquisitors; sie hat mir nicht wenig Verbindlichkeiten, und deshalb gibt sie mir ihre Hand ganz aus freien Stücken. Magister Panglos hat mir immer gesagt, daß alle Menschen einander gleich sind. Daher können Sie versichert sein, ich heirate sie.

Wollen sehn, Schurke! Wollen sehn! rief der gejesuitete Baron von Donnerstrunkshausen und gab ihm mit der flachen Klinge einen derben Hieb übers Gesicht. Kandide gleich heraus mit seinem Degen und ihm selbigen bis ans Heft in den Leib gejagt.

Doch wie er ihn rauchend herauszog, hub er bitterlich an zu weinen. O mein Gott! da hab' ich ihn umgebracht, meinen alten Herrn, meinen Freund, meinen Schwager. Bin solch erzgutes Geschöpf und habe nun schon drei Menschen ermordet! Und unter den dreien zwei Priester.

Kakambo, der an der Lusthaustüre Schildwacht gestanden, kam hereingesprungen. Jetzt müssen wir uns unsrer Haut wehren, fechten, solang' wir noch einen Finger rühren können! rief ihm sein Herr zu. Unangegriffen bleiben wir gewiß nicht. Kakambo, der den Karrn schon weit ärger hatte im Kote stecken sehn, ließ die Flügel noch gar nicht sinken und schob wieder in einem Hui den Karrn aufs Trockne, und das auf folgende Art: Er warf das Jesuiterkleid des getöteten Baron's seinem Herrn um, setzte ihm das Barett auf, half ihm auf's Pferd und sagte: Nun zugejagt, Herr, was das Zeug hält! Man wird Sie für einen jesuitschen Adjutanten ansehn, und wir werden über die Grenze sein, eh' man uns nachjagen kann. Und damit vorangejagt und auf spanisch gerufen: Platz da! Platz! Ihro Wohlehrwürden kommen, der Herr Obrister!

Sechzehntes Kapitel: Zwei Mädchen und zwei Paviane stoßen unsern Reisenden auf. Wie's ihnen bei den Wilden, die Langohren genamst, ergeht
Kandide war mit seinem Bedienten schon über die Grenze, und noch krähte im Lager nicht Hund noch Hahn über des teutschen Jesuiten Tod. Der flinke Kakambo hatte seinen Mantelsack mit Pumpernickel, Schokolad, Schinken, Knackwurst, Obst und einigen Maßen Wein gar wohl bespickt. Sie waren schon ziemlich tief in einem wildfremden, ganz ungebahnten Lande, als sie eine schöne Wiese vor sich liegen sahen, von vielen Bächen durchschnitten. Hier ließen sie ihre Gäule weiden, und Kakambo tat seinem Herrn den Vorschlag, zu essen, und ging ihm mit gutem Beispiel vor.

Ich, Schinken essen, Kakambo, und habe den Sohn des Herrn Barons erschlagen; darf meine Kunegunde in meinem Leben nicht wiedersehn! Wozu hülf es, ein elendes Leben zu fristen, das ich fern von meiner Geliebten in Reu' und Verzweiflung zubringen muß. Und überdem, wie wird das Journal zu Trévoux mir mitspielen, wenn selbiges es erfährt.

So sprach Kandide und aß dabei ein Stückchen Schinken nach dem andern, trank ein Gläschen aufs andre. Die Sonne ging unter. Unsre Verirrten hörten ein schwaches Gekreisch; es deuchte ihnen Weibergekreisch. Sie wußten nicht, obs Geschrei der Freude oder der Angst war, sprangen auf mit all der Unruh' und Besorgtheit, die man in einem ganz fremden Lande zu haben pflegt, wenn man nur ein Espenblatt rauschen oder einen starken Laut schallen hört. Wie ein Blitz kamen ein paar Mädchen in puris naturalibus über die Wiese weggeschossen und hinter ihnen drein zwei Affen, die sie in die Lenden bissen. Diese Dirnen erhuben jenes Gekreisch.

Kandiden jammerte der Anblick, er hatte bei den Bulgaren schießen gelernt und hätte wohl eine Nuß aus einem Haselbusch herunterbüchsen können, ohne die Blätter zu streifen. Er schlug seine doppelte spanische Flinte an und erschoß die beiden Affen. Gott Lob, mein lieber Kakambo, sagte er, die armen Mädchen hab' ich aus recht großer Gefahr gerettet. Beging ich Sünde, daß ich einen Inquisitor tötete und einen Jesuiten, so hab' ich jetzt an diesen Mädchen ein recht verdienstliches Werk getan. Ich bin der Retter ihres Lebens. Vielleicht sind sie von vornehmem Stande, und so kann uns dies Abenteuer hier im Lande viel Vorteil verschaffen.

Er verstummte aber plötzlich, als er sah, daß diese beiden Dirnen zärtlich die Affen umarmten, in Tränen über ihre Leichname schmolzen und mit dem wehmütigsten Geschrei die Lüfte erfüllten. Soviel Güte des Herzens hätt' ich den Mädchen nicht zugetraut, sagte endlich Kandide.

Kakambo. Sie haben wieder einen schönen Streich gemacht. Die Herren Paviane, die sie eben niedergebüchst, sind ja die feinen Liebchen von den beiden Dirnen! Kandide. Das, ihre Liebhaber! Schäker! wie war das möglich? Wie ist das glaublich?

Kakambo. Als wär' das wieder so was zu verwundern! Was ist das nun mehr, daß es ein Land in der Welt gibt, wo Pavians bei den Weibern Hahn im Korbe sind. Es sind Viertelmenschen so wie ich ein Viertelspanier.

Kandide. Ha! ich besinne mich, von Magister Panglos gehört zu haben, daß ehemals sich dergleichen zugetragen und daß aus dieser Vermischung die Ägipane, Faun' und Satyrn entstanden wären; daß viele große Männer des Altertums sie gesehn hätten. Ich nahm aber das alles für Märchen.

Kakambo. Und ist doch die helle, klare Wahrheit, die Sie nun mit Händen greifen können! Sehn Sie, so machens die Mädel, die niemals unter der Schere der Mutter oder 'ner wohlehrbaren, steifen Französin gestanden haben. Da haben Sie die liebe Natur! - - Bei alle dem ist mir gar schwül zu Mute, Ich fürchte, ich fürchte, die Damen werden uns einen gar saubern Brei einbrocken.

Kandide fand, daß sein Kakambo eben nicht unrecht hatte, und machte sich samt ihm tiefer ins Land hinein. Sie lagerten sich mitten in einem Gebüsch und aßen ihr Abendbrot; vermaledeiten den Großinquisitor, den Gouverneur von Buenos-Aires und den Baron und schliefen auf dem Moose ganz ruhig ein. Beim Erwachen merkten sie, daß sie sich nicht rühren konnten. Und das kam daher: die dortigen Einwohner, die Langohren, an welche die beiden Damen sie verraten, hatten sie in der Nacht mit Stricken von Bast zusammengebunden.

Ringsum standen so ein fünfzig Langohren, ganz nackt, Pfeile, Keulen und Äxte von Kieselstein in den Händen. Einige setzten einen großen Kessel übers Feuer, das sie anbliesen; andre schnitzten Bratspieße, und alle insgesamt schrien; ein Jesuit! Ein Jesuit! Da wollen wir unser Mütchen kühlen! 's soll 'n gar herrlicher Fraß sein! Wollen ihn auffressen, den Jesuiten! Wollen ihn auffressen!

Hab' ichs Ihnen nicht gesagt, lieber Herr, rief Kakambo kopfhängend, die Mädel würden uns 'ne gar saubre Pastete anrichten? Zuverlässig werden wir gesotten oder gebraten! rief Kandide, wie er den Kessel und die Bratspieße sah. Ha! was würde Magister Panglos sagen, wenn er so die Natur in all ihrer Rohheit sähe! Es ist alles gut gemacht; es sei drum, aber doch muß ich. gestehn, es ist hart, äußerst hart, daß ich Baroneß Kunegunden verloren habe und hier von den Langohren an den Spieß gesteckt werde.

Kakambo, der sich immer aus dem verworrensten Hanfe zu haspeln wußte, sagte zum trostlosen Kandide: Immer getrost, Herr. Ich versteh' den Kerls ihr Rotwälsch ein wenig. Ich will hin und mit ihnen sprechen. Vergiß ja nicht, sagte Kandide, ihnen aufs lebhafteste vorzustellen, daß es gräßlich Unmenschlichkeit ist, Menschen zu braten, und wie wenig christlich das gedacht ist.

Nicht wahr, Kinderchen, sagte Kakambo, ihr denkt, ihr wollt heut einen Jesuiten schmausen! Das ist recht löblich! Recht brav, wenn man so mit seinen Feinden verfährt. Schlag deinen Nächsten tot! Das ist nach der Natur Rechtens, und das gilt allenthalben auf Gottes weitem Erdboden. Daß wir ihn nun nicht auffressen, wie's auch nach der Natur Rechtens ist; nun das kömmt daher, wir haben schon sonst leckre Gerüchte; ihr guten Leute aber nicht, und da ist's denn immer freilich besser, seine Feinde in seinem Magen zu begraben, als die Frucht seines Sieges den Raben und Krähen preiszugeben.

Aber Kinderchen, eure guten Freunde werdet ihr doch nicht verzehren wollen? Ihr denkt einen Jesuiten an den Spieß zu stecken, und 's is eur Schutzpatron, ein erzabgesagter Feind von euren Feinden, die ihr rösten wollt. Was mich anlangt, ich bin in eurem Lande geboren, und der junge Mann da, ist mein Herr und nichts weniger als 'n Jesuit; hat vielmehr einen Jesuiten umgebracht und seine Jacke angezogen, und eben darum habt ihr euch geirrt.

Damit ihr nun seht, daß ich kein Windbeutel bin, so nehmt den Rock, zeigt ihn an dem ersten Grenzorte den Padres und fragt, ob mein Herr nicht einen jesuitschen Offizier kaltgemacht hat. 's is ja nur 'n Katzensprung bis dahin, und findet ihr, daß ich euch belogen habe, so könnt ihr uns ja noch immer fressen. Hab' ich euch aber reinen Wein eingeschenkt, nun, so wißt ihr zu gut, was Rechtens ist, als daß ihr uns nicht begnadgen solltet.

Hat ganz recht! schrien die Langohren, und sie trugen zwei von den Ältesten des Landes auf, nach dem Jesuiterlande zu kutschieren und sich nach der Wahrheit zu erkundigen. Als Leute von Kopf richteten selbige ihren Auftrag glücklich aus und brachten gar fröhliche Mär mit.

Die Langohren banden ihre Gefangnen los, erwiesen ihnen ungemein viel Höflichkeiten, setzten ihnen Mädchen vor, Erfrischungen und begleiteten sie bis an die äußersten Grenzen unter dem lauten Jubelgeschrei: 's ist kein Jesuit nicht! 's ist kein Jesuit nicht!

Sonderbar die Ursach meiner Befreiung, sagte Kandide. Und sonderbar dies Volk und ihre Sitten! Wie gut es war, daß ich dem Bruder der Baroneß Kunegunde den Degen bis ans Heft in den Leib gejagt hatte, sonst hätt' ich ohne alle Barmherzigkeit an den Spieß gemußt. Bei alle dem, die pure, rohe Natur ist auch so übel nicht. Denn wie äußerst höflich waren nicht die Leutchen gegen mich, als sie erfuhren, ich wäre kein Jesuit; da war gar nicht mehr die Rede vom Auffressen.

Siebzehntes Kapitel: Kandide kommt mit seinem Bedienten nach Eldorado. Was sie da gesehn
Wie sie über den Grenzen der Langohren waren, sagte Kakambo zu Kandiden: Sie sehn wohl, diese Hälfte der Erdkugel ist sowenig 'nen Pfifferling wert wie jene. Das Gescheitste wäre, wir gingen wieder nach Europa, und das je ehr, je besser. Kandide. Wieder nach Europa? Und wo dann hin? Nach Westfalen, da schlagen Bulgaren und Abaren tot, was lebendigen Odem hat, nach Portugal, da werd' ich verbrannt; und bleiben wir hier, so sind wir keinen Augenblick sicher, gespießt und aufgezehrt zu werden. Und doch kann ich mich nicht entschließen, den Teil der Welt zu verlassen, der meine Kunegund' in sich schließt.

Kakambo. I, wissen Sie was! so wollen wir nach Karolina gehn. Dort finden wir Engländer, die ziehn durch die ganze Welt. Helfen tun uns die gewiß; es sind gar gute Geschöpfe, und Gott wird uns auch beistehn.

Nach Karolina zu kommen, war so leicht eben nicht; nach welcher Seite sie ihre Richtung nehmen mußten, wußten sie wohl so ungefähr; allein von allen Seiten her türmten sich ihnen schreckliche Hindernisse entgegen; Gebirge, Flüsse, Abgründe, Straßenräuber und Wilde. Ihre Gäule wollten vor Strapazen umfallen, ihr Proviant war rein alle; schon einen ganzen Monat lang nährten sie sich mit Kokosfrüchten. Endlich gelangten sie an das Ufer eines kleinen Flusses, das mit Kokosbäumen besetzt war. Da fanden sie wieder Nahrung ihres Lebens und ihrer Hoffnung.

Kakambo, ein so stattlicher Ratgeber wie die Alte, sagte zum Kandide: Weiter können wir nicht; haben auch schon 'nen ganz artgen Marsch gemacht. Dort am Ufer steht ein leeres Kanot, wollens mit Kokosnüssen anfüllen und uns 'reinwerfen. Der Strom mag uns hinführen, wo er hin will. Er bringt uns gewiß nicht hin, wo die Welt mit Brettern vernagelt ist. Mag's uns nun gut gehn oder nicht; kriegen wir doch wieder was Neues zu Gesichte. Es sei drum, sagte Kandide. Die Vorsicht steh' uns bei.

Sie trieben so etliche Meilen fort; bald war das Gestade blühend und lachend, bald öd' und dürr, bald niedrig, bald steil. Der Fluß ward immer breiter und verlor sich in eine Kluft von schrecklichen, himmelanstrebenden Felsen. Die beiden Reisenden waren so dreist, sich auch hier noch den Fluten zu überlassen. Der sich hierselbst verengende Fluß riß sie mit fürchterlichem Getöse schnell hindurch. Nach vierundzwanzig Stunden sahen sie das Tageslicht wieder, scheiterten aber gegen die Klippen.

Eine ganze Meile weit mußten sie sich von Klippe zu Klippe fortarbeiten, endlich lag eine unermeßliche Ebene vor ihnen, um die sich eine Kette unersteiglicher Gebirge schlang. Wohl gepaart herrschten Nutzen und Vergnügen auf diesen Feldern, und der Nutzen hatte immer die Miene des Angenehmen. Auf allen Wegen und Stegen prangten Wagen einher, deren Bauart so ausnehmend nett war als glänzend die Materialien; bildschöne Männer und Weiber saßen darauf; große rote Hammel zogen sie mit der größten Schnelligkeit fort. An Flüchtigkeit übertrafen diese Tiere die besten Gäule aus Andalusien, Tetuan und Mequinez.

Das ist ja ein ganz ander Land als Westfalen! rief Kandide. Bei dem ersten Dorfe, das sie antrafen, kletterte er mit Kakambo'n vom Felsen herunter. Wie sie in den Flecken hereintraten, fanden sie einige Bauerjungen in zerlumpten brokatnen Jacken, Wurfscheiben spielen. Sie konnten sich gar nicht satt an ihnen schauen. Ihre Steine waren ziemlich breit, rund, sahen gelb, rot und grün aus und hatten ausnehmenden Glanz. Unsre Reisenden kamen auf den Einfall, einige davon aufzuheben, und siehe, es war Gold, Smaragden und Rubine. Der kleinste von diesen Edelsteinen würde dem Thron des Großmoguls zur größten Zierde gedient haben. Vermutlich müssen das die königlichen Prinzen sein, die hier Wurfscheiben spielen, sagte Kakambo. Der Dorfschulmeister erschien in diesem Augenblick, um sie in die Schule zu treiben. Ha! ihr Instruktor! rief Kandide.

Sogleich trollten sich die kleinen Bettelbuben vom Spiel' und ließen ihre Steine und all ihr Spielzeug auf der Erde liegen. Kandide hob's auf, rannte dem Schulmeister nach, überreichte es ihm in der demütigsten Stellung und gab ihm pantomimisch zu verstehn, Ihro königlichen Hoheiten hätten ihr Gold und Kleinodien vergessen. Lächelnd warf der Schulmonarch beides auf die Erde, sah' einen Augenblick Kandiden mit großen, sperrangelweiten Augen und Munde an und wanderte seines Weges.

Hurtig hoben unsre Herren aus der andern Welt das Gold, die Smaragden und Rubine wieder auf. Wo sind wir? rief Kandide. Die Königssöhne hier müssen recht philosophisch erzogen werden, da sie Gold und Edelgesteine so frühzeitig verachten lernen. Kakambo stutzte diesmal so sehr wie sein Herr. Endlich kamen sie an das erste Haus im Dorfe, völlig gebaut wie ein europäischer Palast. Ein buntes Gewühl von Menschen war vor der Türe, inwendig ein noch bunters. Die melodischste Musik scholl ihnen entgegen, der lieblichste Geruch duftete aus der Küche her.

Kakambo, der vorangegangen war, hörte daß man darin peruisch sprach; das war seine Muttersprache. Kakambo war, wie die Welt weiß, aus Tukuman; ein Dorf, wo man keine andre Sprache kennt. Ich will Ihr Dolmetscher sein, sagte er zum Kandide. Lassen Sie uns 'reingehn. 's ist 'n Wirtshaus. Zwei junge Gesellen und zwei junge Aufwärterdirnen im Gasthofe, mit Goldgewändern angetan und das Haar mit Band aufgeflochten, nötigten sie sogleich an die Wirtstafel. Man trug vier Suppen auf; jede war mit zwei Papageien garniert, einem gesottnen Kondor von zweihundert Pfund und zwei gebratnen Affen von trefflichem Wohlgeschmack; man setzte dreihundert Kolibris in einer Schüssel auf und sechshundert Fliegenfänger in einer andern und die köstlichsten Ragouts und Pasteten und das niedlichste Gebackne. Das all lag auf Schüsseln, von einer Art Bergkristall gemacht. Die Aurwärter und Aufwärterinnen schenkten vielerlei Getränke ein, alle aus Zuckerrohr verfertigt.

Die meisten Gäste waren Kauf- und Guts-Leute, Männer von ungemein viel Lebensart und Weltton. Die Fragen, die sie an Kakambo'n taten, verrieten insgesamt den vorsichtigen, bescheidnen und verständigen Mann; über alles, was er wissen wollte, gaben sie ihm die hinlänglichste Auskunft.

Als sie abgegessen hatten, warf Kakambo und Kandide zwei von den aufgehobnen Goldstücken hin, womit sie ihre Zeche recht reichlich zu bezahlen glaubten. Der Wirt und die Wirtin hielten sich die Seiten und konnten vor Lachen lange nicht zu sich kommen. Sie sind Fremde, merken wir wohl, sagte der Wirt endlich, und Fremde haben wir noch gar nicht zu Gesichte gekriegt. Müssen's uns ja nicht übelnehmen, daß wir beide vorhin so aufprusteten, mein Weib und ich. 's kam uns gar zu schnurrig vor, daß Sie uns mit Feldsteinen bezahlen wollten. Vermutlich haben Sie kein solch Geld, als bei uns zu Lande gang' und gäbe ist. Tut aber weiter nichts, können deshalb doch immer Zehrung bekommen und Dach und Fach noch obenein. Bei uns sind die Wirtshäuser angelegt, Handel und Wandel in Flor zu bringen, und wir Wirte werden vom Könige bezahlt. Schmalhans ist freilich heut' Ihr Küchenmeister gewesen, aber lassen Sie's gut sein, wo Sie nun hinkommen werden, wird man Ihnen recht nach Standesgebühr und Würden aufschüsseln. Unser Dörfchen ist grade das einzige im ganzen Reiche, wo die Einwohner nicht viel in die Milch zu brokken haben.

Alles dies verdolmetschte Kakambo Kandiden, der darüber nicht weniger in Verwirrung geriet, sich daraus so wenig zu finden wußte wie jener. Was muß dies für ein Land sein, sagte Kandide, das dem übrigen Teil des Erdbodens unbekannt ist, und wo die ganze Menschennatur von der unsrigen so verschieden ist?

Vermutlich ist's das Land, wo alles gut geht. Denn ein solches Land muß es doch platterdings geben. Und was auch Magister Panglos sagte, so hab' ich doch oft bemerkt, daß es in Westfalen ziemlich schlecht bestellt war.

Achtzehntes Kapitel: Was sie in Eldorado sahen
Der neugierige Kakambo legte dem Wirt so viel Fragen vor, daß ihm dieser keine Auskunft mehr geben konnte. Dumm bin ich nun herzlich, aber es schadet mir nichts, sagte der Wirt. Wissen Sie was, wir haben einen alten Herrn hier, ehedem war er bei Hofe; einen hochgestudiertern Mann gibt's im ganzen Lande nicht. Geben Sie dem halbweg ein gut Wort, so kramt er Ihnen all seine Gelehrsamkeit aus. 's is ne rechte gute ehrliche Haut.

Sogleich führte er Kakambo zu dem Alten. Kandide, der jetzt die zweite Rolle spielen mußte, begleitete seinen Bedienten. Das Haus des Gelehrten sah ganz schlecht und recht aus. Die Tür bestand aus kahlem Silber, die Vertäflung des Zimmers aus lumpichtem Golde, war aber so geschmackvoll gearbeitet, daß sie von der reichsten Vertäfelung nicht verdunkelt wurde. Das Vorzimmer war freilich nur mit Rubinen und Smaragden ausgelegt, allein alles daselbst so schicklich angeordnet, daß man diese bäurische Einfalt bald darüber vergaß.

Der Greis nötigte die beiden Fremden auf ein mit Kolibrisdunen ausgestopftes Sofa und ließ ihnen in diamantenen Geschirren allerhand Getränke vorsetzen; hierauf befriedigte er ihre Neugier folgendermaßen:

Ich bin hundertundzweiundsiebenzig Jahre alt und habe von meinem Vater, dem königlichen Stallmeister, die erstaunlichen Meutereien gehört, die in Peru vorgefallen sind und wovon er Augenzeuge gewesen. Das Reich, worin wir uns befinden, ist der Stammsitz der Inkas. Um einen andern Weltteil zu unterjochen, verließen sie ihn höchst unweislich und wurden von den Spaniern ganz aufgerieben.

Die Fürsten von ihrem Geblüt, die in ihrem Vaterlande blieben, waren weiser, sie ließen die Verordnung ergehen, daß kein Einwohner je unser kleines Reich verlassen sollte; ein jedweder hat sich danach gefügt, und eben darum besitzen wir unsre Unschuld noch völlig und unsre Glückseligkeit. Die Spanier haben von diesem Lande einen dunklen Begriff gehabt und es Eldorado genannt, und ein Engländer, der Ritter Raleigh, kam vor hundert Jahren ziemlich in unsere Nähe; dennoch sind die uns umringenden unersteiglichen Felsen und unzugangbaren Abgründe eine Brustwehr gegen die Raubgier der europäischen Nationen gewesen, die — was uns unbegreiflich ist — auf unsere Kieselsteine und auf unseren Dreck so gierig, so erpicht sind, wie der Falke auf die Taube, und die imstande wären, uns alle umzubringen, um nur des Bettels habhaft zu werden.

Ihre Unterredung dauerte lange. Sie betraf die Regierungsform, die Sitten, die Weiber, die öffentlichen Schauspiele, die Künste. Endlich ließ Kandide, dessen Steckenpferd Metaphysik war, sich durch Kakambo'n erkundigen, ob sie hierzulande Religion hätten. Und daran könnt Ihr noch zweifeln, sagte der Greis, und eine feine Röte bezog seine Wange. So haltet Ihr uns für Undankbare? Kakambo fragte ganz demütiglich, was sie für eine Religion hätten. Sollte es denn mehr geben können als eine Religion? frug der Greis, und seine Wange färbte sich von neuem. Ich denke, wir haben die Religion, welche die ganze Welt hat: wir beten Gott an vom Morgen bis zum Abend. Sie beten nur einen Gott an? sagte Kakambo, dessen Amt es war, Kandides Zweifel zu verdolmetschen. Als wenn es deren zwei, drei oder vier gäbe! erwiderte der Alte. Wahrlich! Ihr Leute vom andern Weltteil fragt manchmal ganz sonderbar.

Kandide, des Erkundigens noch nicht überdrüssig, fragte durch sein Sprachrohr, wie ihre Gebete beschaffen wären. Von Gebeten wissen wir nichts, antwortete der gute und ehrwürdige Weise. Wozu sollen wir Gebete zu Gott senden? Er gibt uns ja alles, was zu unseres Leibes Nahrung und Notdurft gehört. Dankopfer bringen wir ihm aber unaufhörlich.

Kandide war neugierig, ihre Priester kennenzulernen, und erkundigte sich, wo sie wären. Priester, antwortete der gute Greis lächelnd, ist jedermann bei uns. Der König und jeder Hausvater singt Gott jeden Morgen sein Loblied in Begleitung von sechstausend Geigern und Pfeifern. „So habt Ihr also keine Mönche, die Lehr' und Trost erteilen, Gezeter und Hetzereien anfangen, das Staatsruder ergreifen, intrigieren und Leute verbrennen lassen, die nicht ihrer Meinung sind." Toren wären wir dann, sagte der Greis. Wir sind insgesamt einer Meinung zugetan und verstehn gar nicht, was Ihr mit Euren Mönchen sagen wollt.

Kandiden setzten diese Reden in die äußerste, freudigste Verwunderung, und er sagte bei sich: Ha! ein ganz ander Ding als unser Westfalen und unser Donnerstrunkshausen! Hätte Freund Panglos Eldorado gesehen, er würde gewiß nicht behauptet haben, es gäbe nichts Vortrefflicheres auf Gottes Erdboden als jenen Rittersitz! Reisen muß man, oder man kömmt hinter nichts. Das ist ausgemacht!

Nach dieser Unterredung ließ der gute Greis sechs Hammel an seinen Wagen spannen und gab den beiden Reisenden zwölf von seinen Bedienten mit, um sie nach Hofe zu bringen. „Mein Alter, hoffe ich, soll Ihnen hinlängliche Entschuldigung sein, daß ich Sie nicht begleite, meine Herren. Der König wird Sie gewiß so aufnehmen, daß Sie nicht unzufrieden sein werden, und sollte Ihnen ja ein oder der andere Brauch zuwider sein, so werden Sie's damit entschuldigen: ländlich, sittlich."

Wetterschnell flogen die sechs Hammel mit Kandiden und Kakambo'n davon. In weniger als vier Stunden befanden sie sich vor dem Palast des Königs, der an dem einen Ende der Hauptstadt lag. Das Portal war zweihundertundzwanzig Fuß hoch und hundert breit. Zu beschreiben, woraus es eigentlich bestanden, ist platt unmöglich; daß es von unendlich kostbarerer Materie muß gewesen sein als jener Bettel von Kieselsteinen und Sand, den wir Gold und Edelsteine nennen, versteht sich von selbst. Zwanzig schöne Dirnen von der Leibwacht empfingen sie beim Aussteigen, brachten sie in's Bad und legten ihnen Röcke an, aus Kolibrisdunen gewebt; hernach führten die Kronbedienten und Kronbedientinnen sie — wie's Sitt' im Lande war — durch zwei Reihen von Geigern und Pfeifern nach dem königlichen Gemache; jegliche Reihe bestand aus tausend Mann. Unfern dem königlichen Hörsaal fragte Kakambo einen von den obersten Kronbedienten, was hier Etikette sei; ob man beim Eintritt in's Zimmer sich auf die Knie oder auf den Bauch werfen, die Hände auf den Kopf oder auf den Hintern legen oder den Staub vom Fußboden lecken müßte, oder wie man sich sonst dabei benähme. Man umarmt den König und küßt ihn auf beide Backen, antwortete der Oberkämmerer. Kandide und Kakambo fielen Ihro Majestät um den Hals, wurden mit unbeschreiblicher Huld empfangen und aufs freundschaftlichste zum Souper gebeten.

Eh' sie zur Tafel gingen, führte man sie in der Stadt herum. Sie fanden die Märkte mit einer Menge Säulen und mit Springbrunnen geschmückt. Einige davon warfen weiter nichts aus als schlecht und rechtes Quellwasser, andere aber Rosenwasser, noch andere Liköre von Zuckerrohr. Die Becken, worin die Wasserstrahlen in einem fort fielen, waren von weitem Umfang und mit einer Art Edelsteinen ausgelegt, die wie Zimt und Nelke dufteten. Alle öffentlichen Gebäude reichten bis in die Wolken.

Kandide erkundigte sich nach dem höchsten Tribunal, dem Parlamente. Das gab' es hier gar nicht, antwortete man ihm. Hier wüßte man nichts von Prozessen. „Und Gefängnisse?" „Sind hier auch nicht Brauch."

Nichts aber war Kandiden überraschender, nichts ihm ergötzender als die Akademie der Wissenschaften. Er fand darin eine Galerie, zweitausend Schritte lang, mit lauter physikalischen Instrumenten angefüllt.

Den ganzen Nachmittag waren sie herumgelaufen und hatten beinahe den tausendsten Teil der Stadt in Augenschein genommen; jetzt führte man sie wieder aufs Schloß zurück. Kandide und sein Bedienter Kakambo mußten sich zwischen Ihro Majestät und vielen Damen niederlassen.

Das war ein Gastmahl, wie man noch nie gesehen hatte. Nicht bloß Weide für den Gaumen, sondern auch für den Geist! So reiche Adern Witzes und guter Laune hatten sich wohl noch nie bei einem Souper ergossen als hier bei Ihro Majestät. Kakambo verdolmetschte Kandiden jeden launigen Einfall des Königs, und — was diesen nicht wenig wunder nahm — so blieb's trotz der Übersetzung noch immer launichter Einfall.

In diesem Lande der Gastfreiheit hatten sie nun einen Monat lang gelebt, und Kandide hatte tagtäglich zu Kakambo'n gesagt: Freilich kann man meinen Geburtsort Donnerstrunkshausen mit diesem Lande gar nicht in Vergleich stellen, aber gleich wohl find' ich keine Baroneß Gundchen hier, und deine Amasia ist auch gewiß in Europa. Bleiben wir hier, so sind wir nicht einen Gran mehr als die übrigen Einwohner. Gehn wir aber wieder in unser Land und nehmen zur zwölf Hammel mit, mit eldoradoschen Kieselsteinen beladen, so sind wir reicher als alle Könige auf Erden, dürfen keine Inquisition mehr fürchten und können gar leicht Baroneß Gundchen wiederbekommen. Der Vorschlag gefiel Kakambo'n nicht übel. Reisen und Rennen, sich bei seinen Landsleuten geltend machen und, was man auswärts gesehen und gehört hat, ihnen ewig vorprunken, das tut der Mensch doch gar zu gern. Von dem Schlage waren auch unsere beiden Reisenden. Sie waren so vollglücklich; um der Lage nicht überdrüssig zu sein, gingen sie hin und baten den König um ihren Abschied.

Kein gescheiter Einfall, Kinder! sagte der König. Ich weiß wohl, daß mein Land nicht so was Besonders ist, indes sitzt man nur halbweg gut, muß man das Rücken lassen, pflegt man bei uns zu sagen. Ich kann freilich keinen Ausländer wider seinen Willen in meinem Reiche behalten; das wäre Tyrannei, und die entspricht weder unsern Sitten noch Gesetzen. Der Mensch ist ein freies Geschöpf. Reist, wenn Ihr wollt, aber das müßt Ihr wissen, es wird Euch ziemlich schwerfallen, aus meinem Reiche zu kommen.

Gegen den reißenden Strom, der durch die Felskluft schießt und den Ihr durch ein wahres Wunderwerk passiert seid, anzufahren, ist platt unmöglich. Die Grenzgebirge meines Reichs sind zehntausend Fuß hoch und turmgrade; jeglicher Berg beträgt im Umfange mehr als zehn Meilen; jenseits sind tiefe Abgründe. Indes, da Ihr auf Eurer Abreise besteht, will ich meinem Oberbaudirektor anbefehlen, eine Maschine verfertigen zu lassen, die Eure Fahrt erleichtern soll. Geleitsmänner kann ich Euch nicht geben, wenn Ihr erst über die Gebirge seid! Denn meine Untertanen haben feierlich angelobt, nie ihre Hütt' und Herd zu verlassen, und sind zu weise, dagegen zu handeln. Sonst könnt Ihr fordern, was Ihr wollt.

Dürfen wir das? sagte Kakambo. Nun wohl, Ihro Majestät, so erbitten wir uns von Ihnen einige Hammel mit Lebensmitteln, Kieselsteinen und Dreck beladen. Sonderbare Geschöpfe, Ihr Europäer! ich begreife Euch gar nicht! sagte der König mit lachendem Munde. Wie könnt Ihr auf unsern gelben Dreck so erpicht sein. Doch nehmt dessen, soviel Ihr wollt, und wohl bekomm's den Herren.

Sogleich gab er seinen Ingenieurs Befehl, den Riß zu einer Winde zu liefern, womit man diese zwei Männer aus dem Königreiche hinauswinden könnte. Dreitausend gute Mechaniker arbeiteten nach diesem Riß, und binnen vierzehn Tagen war die Maschine fix und fertig. Sie kam nach dortigem Gelde nicht höher als zwanzig Millionen Pfund Sterling.

Man setzte Kandiden und Kakambo'n in diese Maschine. Es befanden sich auf selbiger zwei große rote Hammel, wohl gezäumt und gesattelt, um sich ihrer zum Reiten zu bedienen, wenn sie über die Gebirge wären, zwanzig Packhämmel waren mit Lebensmitteln beladen, dreißig trugen die größten Seltenheiten des Landes und fünfzig Gold, Edelsteine und Diamanten. Der König nahm von den beiden Vagabunden den zärtlichsten Abschied.

Ihr Auszug und die erfindungsreiche Art, wie sie mit ihren Hammeln emporgelüpft wurden, machte wirklich ein sehenswürdiges Schauspiel. Als sie völlig in Sicherheit waren, nahmen die Mechaniker von ihnen Abschied.

Jetzt hatte Kandide keinen andern Gedanken, fühlte keinen andern Drang, als all seine Hammel mit ihren Kostbarkeiten Baroneß Gundchen zu Füßen zu legen. Nunmehr können wir den Gouverneur von Buenos-Aires bezahlen, wenn er sich's untersteht, auf meine unschätzbare Gunde einen Preis zu setzen, sagte er. Wir wollen nach Karolina gehn, uns daselbst einschiffen und hernach zusehn, was für ein Königreich wir uns kaufen können.

Neunzehntes Kapitel: Was ihnen zu Surinam begegnet, und wie Kandide mit Martinen bekannt wird
Die erste Tagreise lief recht vergnügt ab. Der Gedanke, mehr Schätze zu besitzen, als ganz Asiä, Europa und Afrika zusammen aufzubringen vermögen, gab ihnen Mut und Stärke. Der glühende, liebestrunkne Kandide schnitzte in jeden Baum den Namen Kunegunde.

Bei der andern Tagreise ging's schon viel schlimmer. Zwei von ihren Hammeln blieben in Morästen stecken und sanken mit ihrem Gepäck unter. Einige Tage drauf fielen zwei andre Hammel vor Strapazen um; sieben oder acht verhungerten eine Zeitlang nachher in einer Wüste; noch andre stürzten in der Folge die Felsen herab, kurz, nachdem sie hundert Tage gewandert waren, waren ihre Hammel bis auf zwei zusammengeschmolzen.

„Nichts vergänglicher hienieden, Freund, wie du siehst, als Reichtümer, und nichts dauernder als Tugend und die wonneselige Hoffnung, Baroneß Kunegunden wiederzusehen!" Wohl wahr! Wohl wahr! sagte Kakambo, indes haben wir noch zwei Hammel mit mehr Schätzen beladen, als ein König von Spanien sein Lebtage kriegen wird, und ich sehr von weitem 'ne Stadt, die mir wie Surinam vorkommt. Ist dem so, so haben all' unsre Leiden ein Ende, und von nun an wird alles anfangen, uns zu grünen und zu blühen.

Unfern der Stadt fanden sie einen Neger auf der Erde liegen, der nur seine halbe Kleidung an hatte, d. h. eine blauleinwandne Hose; das linke Bein und die rechte Hand fehlte dem armen Schelm. Mein Gott! rief ihm Kandide auf Holländisch zu, Freund, was machst du hier in dem entsetzlichen Zustande? „Ich warte auf meinen Herrn, den Herrn van der Dendur, den großen Kauf- und Handels-Herrn." Hat der Herr von der Dendur dich so verstümmelt? frug Kandide.

„Wohl, lieber Herr. Das ist nun einmal so eingeführt. Alle Jahre kriegen wir zwei Paar Leinwandhosen und weiter auch kein Flittchen, uns zu bedecken. Huscht mal die Zuckermühle, worin wir arbeiten müssen, uns einen Finger weg! schwapp! schlagen sie uns die Hand ab, und wollen wir davonlaufen, hacken sie uns das Bein weg. Mir ist das beides zugestoßen. — Sehn Sie, um d e n Preis kriegen Sie in Europa den Zucker zu essen! Und doch sagte meine Mutter zu mir, wie sie mich für zehn Albertustaler auf der Küste von Guinea verkaufte: Liebes Herzenskind, preis' und danke unsern Fetischen, und bete sie immer an; sie werden dir ein langes, glückliches Leben schenken. Du hast die Ehre, ein Sklave von unsern Herren, den Weißen zu werden, und machst dadurch Vater und Mutter glücklich."

„Ob sie's geworden sind, weiß ich nun nicht, daß ich's aber nicht geworden bin, das weiß der liebe Gott im Himmel! Hund und Aff' und Papagei hat tausendmal weniger auszustehn als ich. Ich werde geschurigelt, 'runtergerackert wie all' nichts guts. Die holländischen Fetischirs, die mich bekehrt haben, schwatzen uns Sonntag vor Sonntag vor: wir wären alle Adamskinder, Weiß' und Schwarze. Ich kann's ihnen nun nicht nachrechnen; wenn sie aber keine Lüge sagen, na so sind wir alle Geschwisterkinder. Und alsdann müssen Sie mir einräumen, daß man unmöglich seine Anverwandten hündischer traktieren kann als uns."

O Panglos! auf diese Greueltaten bist du nie gefallen! rief Kandide. Nicht anders, ich muß zuletzt deinen Lehrsatz fahren lassen! Was für einen Lehrsatz? sagte Kakambo. Oh! den rasendsten von der Welt! sagte Kandide. Der Mann behauptete, wenn alle Stürme des Unglücks über ihm zusammenschlugen: diese Welt sei doch die beste!

Voll Mitleid verweilte Kandiden's Blick auf dem unglücklichen Negersklaven, und er vergoß Tränen. Mit Zähren auf den Backen und im Auge ging er nach Surinam hinein.

Vor allen Dingen erkundigten sie sich, ob kein Schiff im Hafen läge, das man nach Buenos Aires senden könnte. Der Mann, an den sie sich gewandt hatten, war grade ein spanischer Schiffspatron. Er erbot sich, es für ein Billiges zu tun, und beschied sie in ein Wirtshaus, um dort weitre Abrede zu nehmen. Kandide fand sich samt dem treuen Kakambo und seinen zwei Hammeln daselbst ein.

Kandide, dem das Herz immer auf der Zunge saß, erzählte dem Spanier all seine Abenteuer, und platzte auch mit seinem Vorhaben heraus, Baroneß Gundchen zu entführen. Da werd' ich kein Narr sein und Sie nach Buenos Aires bringen, sagte der Schiffspatron. Ich müßte sowohl an den hellen lichten Galgen wie Sie. Die schöne Kunegunde ist Favoritmätresse von Ihro Exzellenz, dem Herrn Gouverneur.

Das war ein Donnerstrahl, der Kandiden ganz zu Boden schmetterte. Er lag lange da und weinte sich aus, endlich sprang er auf und führte Kakambo'n in ein Seitenkabinett. Hör', lieber Freund, sagte er: Du hast so wohl wie ich fünf bis sechs Millionen Diamanten in der Tasche. Der gescheitste Rat nun ist der: Du gehst damit nach Buenos Aires und kaufst Baroneß Kunegunden los. Das wird dir Pfiffkopf nicht schwerfallen. Macht Don Fernando Umstände, so gib ihm eine Million, will er noch nicht, gib ihm zwei. Fallen können dir gar nicht gelegt werden, denn du hast keinen Inquisitor umgebracht. Ich segle indes nach Venedig und erwarte dich daselbst. Dort kann ich sicher sein vor Bulgaren und Abaren, vor Juden und Inquisitoren; es ist ein freier Staat.

Kakambo fand das sehr gut ausgedacht, es zerschnitt aber sein Herz, sich von einem so guten Herrn trennen zu müssen, der sein Busenfreund geworden war; indes siegte der angenehme Gedanke, ihm nützlich sein zu können, über den Schmerz, von ihm zu scheiden. Mit heißen Tränengüssen umarmten sie sich; Kandide knüpfte ihm fest ein, die gute Alte ja nicht zu vergessen, und Kakambo reiste noch selbiges Tages fort. Es war ein rechter guter ehrlicher Schlag, der Kakambo!

Kandide blieb noch eine Zeitlang in Surinam und wartete, bis ein andrer Schiffspatron ihn und den kleinen Überrest seiner Hammel nach Italien fahren wollte; er nahm Bedienten an und kaufte alle Bedürfnisse zu einer so langen Reise ein. Endlich ließ sich der Herr eines ansehnlichen Schiffes bei ihm melden. Es war Mynheer van der Dendur.

Wie viel verlangen Sie, mich, meine Leute, mein Reisegepäck und die beiden Hammel recta nach Venedig zu schaffen? sagte Kandide. Der Schiffspatron forderte zehntausend Piaster. Kandide schlug gleich ein.

Hoho! sagte Schlaukopf van der Dendur im Weggehn zu sich selbst: schlägt gleich zu: Dem Ausländer ist das so gleichviel, zehntausend Piaster hinzugeben. Der muß gewaltig viel vor den Daumen zu schieben haben. Einen Augenblick nachher kam er wieder zurück und versicherte, unter zwanzigtausend Piaster könnt' er ihn nicht mitnehmen. Nun gut, das Geld sollen Sie haben, sagte Kandide.

Der Daus! murmelte der Kauf mann in den Bart, dem sind zwanzigtausend Piasters so'n Pappenstiel wie zehn. Hm! hm! Und kehrte wieder um und schwur Stein und Bein, daß er ihn nicht nach Venedig schaffen könnte, wenn er ihm nicht wenigstens dreißigtausend Piaster gäbe. Ja, die sollen Sie haben, sagte Kandide. Blitz! auch die! Fallen ihm die dreißigtausend Piaster ebenso aus dem Ärmel! sagte der Holländer. Ohne Zweifel müssen die beiden Hammel unermeßliche Schätze haben. Will ihm vor der Hand nichts weiter abfordern und mir die dreißigtausend Piaster gleich bezahlen lassen, das übrige wird sich schon finden.

Kandide verkaufte zwei kleine Diamanten, davon der schlechteste mehr betrug als des Schiffers ganze Forderung. Er bezahlte im voraus; seine beiden Hammel wurden eingeschifft; er setzte sich auf ein klein Fahrzeug, um das Schiff in der Reede zu erreichen. Der Patron ersah seine Zeit, spannte die Segel, lichtete die Anker, und unter dem günstigsten Winde stach er flott in See.

Kandide ganz verdutzt, verlor ihn bald aus den Augen. Ha! schrie er, das Stückchen schmeckt völlig nach der alten Welt! In ein Meer von Schmerz versenkt nahte er sich dem Ufer. War ihm seine Betrübnis zu verdenken? Was er einbüßte, das hätte das Glück von zwanzig Monarchen gemacht.

Er eilte zum holländschen Richter, pochte ziemlich stark an, brauste herein — denn er war noch in der ersten Gährung — erzählte sein Abenteuer, und in der Wärme des Erzählens wird er ein wenig lauter, als sich's ziemte. Für all' das Gebuller erlegen Sie sogleich zehntausend Piaster! diktierte ihm der Richter! Hierauf hört' er ihn geduldig aus, versprach die Sache vorzunehmen, sobald der Kaufmann wieder da sein würde, und ließ sich noch zehntausend Piaster Gerichtsgebühren zahlen.

Kandiden hatte zwar schon unendlich härters, niederdrückenderes Ungemach betroffen, dennoch aber erlag er unter diesem. Die Kaltblütigkeit des Richters und des Schiffspatrons, der ihn so schrecklich geprellt hatte, machte alle seine Galle rege und stürzte ihn in die düsterste Schwermut. Jetzt erblickte er die Argherzigkeit der Menschen in ihrer ganzen scheußlichen Gestalt; alles zeigte sich ihm in dunklem, höllenschwarzem Lichte. Endlich erfuhr er, daß ein französisches Schiff im Begriff stände, nach Bordeaux zu segeln. Da er keine Hammel mit Diamanten bepackt mehr mitzunehmen hatte, mietete er sich ein wohlfeiles Kämmerchen im Schiff und ließ in der Stadt bekanntmachen, wenn sich ein braver Mann fände, der mit wollte, so sollte er nicht für Reisekosten und Zehrung zu sorgen haben und überdies zweitausend Piaster bekommen; dieser Mann aber müßte seines Zustandes äußerst überdrüssig sein und der allerunglücklichste im ganzen Lande.

Es kam der Prätendenten eine solche Menge, daß eine ganze Flotte nicht Raum für sie gehabt hätte. Kandide suchte die Angesehnsten darunter aus; das waren ein Stück zwanzig, bei denen unter den Falten und Runzeln des Elends Züge von Geselligkeit hervorblickten, und die insgesamt den Vorzug zu verdienen behaupteten.

Sie mußten sich alle in seinem Wirtshause einfinden und mit ihm Abendbrot nehmen. Jeder hatte ihm zuschwören müssen, seinen Lebenslauf treu und sonder Gefährde zu erzählen, und er hatte dagegen versprochen, denjenigen von ihnen zu wählen, der ihm der bedauernswürdigste, der mit größtem Fug und Recht über seinen Zustand mißvergnügteste scheinen würde; die übrigen aber sollten eine Erkenntlichkeit erhalten.

Die Sitzung dauerte bis vier Uhr morgens. Bei jeder Erzählung fiel Kandiden ein, was die Alte ihm auf der Fahrt nach Buenos Aires gesagt hatte, und ihre Wette, daß sich niemand auf dem Schiffe befände, dem nicht schon das größte Ungemach zugestoßen wäre; auch Panglos fiel ihm ein. Da saß' er in der Klemme, der gute Panglos, wenn er jetzt sein System verfechten wollte. Hätt' ich ihn doch nur hier. Wahrlich! wenn's irgendwo gut geht, so ist's einzig und allein in Eldorado.

Seine Wahl fiel endlich auf einen armen Gelehrten, der zehn Jahre für die Amsterdamer Buchhändler gearbeitet hatte. Er glaubte, es könnte auf der Welt unmöglich ein Metier geben, dessen man eher überdrüssig würde.

Dieser Gelehrte, sonst ein herzensguter Mann, war von seiner Frau bestohlen, von seinem Sohne durchgeprügelt und von seiner Tochter um eines jungen Portugiesen willen verlassen worden. Eines Ämtchens, das sein einzger Wagen und Pflug war, hatte man ihn eben entsetzt und die Surinamschen Prediger verfolgten ihn mit Gözischem Eifer, weil sie in ihm einen Socinianer wähnten.

Zur Steuer der Wahrheit müssen wir bekennen, daß die übrigen neunzehn wenigstens ebenso unglücklich waren wie dieser Mann; allein Kandide hoffte, dieser Gelehrte würde auf der Reise alle Langeweile zu verbannen wissen. All seine Nebenbuhler verdroß Kandidens Wahl sehr; sie waren aber gleich wieder besänftigt, wie er jedem hundert Piaster gab.

Zwanzigstes Kapitel: Seeabenteuer Kandidens und Martins
Der alte Gelehrte, der Martin hieß, schiffte sich also mit Kandiden nach Bordeaux ein. Beide hatten viel gesehen, viel erlitten, und wäre das Schiff von Surinam aus über das Vorgebirge der guten Hoffnung nach Japan gegangen, so würd' es ihnen doch nicht an Stoff gefehlt haben, sich die ganze Reise hindurch mit dem physischen und moralischen Übel zu unterhalten. Indes hatte Kandide einen großen Vorteil gegenüber Martin, er hoffte noch immer, Baroneß Gundchen wiederzusehn, und Martin hatte gar keine Hoffnung mehr; überdies besaß jener Gold und Diamanten, und ob er gleich hundert dicke rote Hammel, mit den größten Schätzen der Erde beladen, verloren hatte, ob ihm gleich des holländischen Schiffspatrons Prellerei noch in's Herz schnitt, so schwankte er dennoch, wenn er an den Inhalt seiner Taschen dachte oder von seinem Gundchen sprach und zumal, wenn er die Gläser klingen hörte, nach Panglosens System hin.

Aber was denken Sie von alle dem, lieber Martin? sagte er. Was halten Sie vom physischen und moralischen Übel?

Martin. Lieber Kandide, die Pastoren dort klagten mich als Sozinianer an, aber die rechte Wahrheit zu sagen, ich bin ein Manichäer.

Kandide. Haben Sie mich nicht zum besten. Es gibt ja keine Manichäer mehr in der Welt.

Martin. So bin ich der einzige, ich kann nun einmal nicht anders denken.

Kandide. So muß der Teufel in Sie gefahren sein, Herr.

Martin. Leicht möglich! So wie der hienieden allenthalben herumspukt und sein Wesen hat, kann er's auch in meinem Leibe. Ich muß Ihnen gestehn, wenn ich so einen Blick auf die Erdkugel oder vielmehr auf dies winzige Erdkügelchen werfe, daß mir der Gedanke nicht aus dem Kopf will: Gott habe einem bösen Geiste die Macht eingeräumt, eignes Beliebens damit zu schalten und zu gebaren; Eldorado nehm' ich hiervon aus.

Ich habe keine Stadt gesehn, die nicht nach dem Untergang ihrer Nachbarin dürstete, keine Familie, die nicht nach der Ausrottung einer anderen lechzte; ich seh' allenthalben, wie die Schwachen die Mächtigen verabscheuen, vor welchen sie kriechen müssen, und wie diese jenen als einer Herde begegnen, der Woll' und Fleisch feil ist; sehe wie eine Million eingeregimenteter Schnapphähne Europa von einem Winkel zum andern durchströmt, mordet und straßenraubt, und das alles mit der schärfsten Mannszucht, bloß um ein Stückchen Brot zu verdienen, das er auf keine ehrenvollere Art zu verdienen weiß. Und in Städten, die im völligsten Genuß des Friedens zu sein scheinen, worin Künst' und Wissenschaften blühen, martert, reibt die Einwohner Eifersucht, Gram und Kummer weit mehr auf, als alle Drangsale und Schrecknisse der Hungersnot und Verzweiflung in einer belagerten Stadt es tun können. Herzenskummer ist noch härter, marternder als das allgemeine Elend. Mit einem Wort, ich habe soviel gesehn, soviel erlitten, daß ich Manichäer geworden bin.

Kandide. Doch gibt's noch viel Gutes in der Welt.

Martin. Kann sein, bis dato ist mir's aber noch nicht zu Gesicht gekommen.

In dem Gezeter, das sich hierüber anspann, waren sie noch nicht weit, als sie einige Kanonenschüsse hörten; jeden Augenblick wurden die Schüsse heftiger. Sie nahmen ihre Sehröhren und wurden in einer Entfernung von ungefähr drei Meilen zwei Schiffe gewahr, die aufeinander losfeuerten. Der Wind führte sie alle beide dem französischen Schiffe so nahe, daß man das Treffen ganz gemächlich ansehn konnte. Endlich gab das eine Schiff dem andern so die volle Lage, daß es gleich untersank. Kandide und Martin erblickten auf dem Verdeck des untergehenden Schiffs hundert Menschen, die unter erbärmlichem Zetergeschrei die Hände gen Himmel emporhoben, und im Hui war alles verschlungen.

Nun sehn Sie, so handelt der Mensch gegen seinen Bruder! sagte Martin. Wirklich, dies Verfahren hat was Teuflisches! versetzte Kandide. Bei diesen Worten ward er etwas Glänzendrotes gewahr, das auf sein Schiff zugeschwommen kam. Man machte die Schaluppe los, um zu sehn, was es sei. Es war einer von Kandidens Hammeln. Ein Fund, der ihn mehr freute, als ihn der Verlust von hundert, wohlbepackt mit eldoradoschen Diamanten geschmerzt hatte.

Der französische Hauptmann hatte gar bald bemerkt, daß der Hauptmann des niederbohrenden Schiffs ein Spanier war und der Befehlshaber des niedergebohrten ein holländischer Seeräuber; eben der, der Kandiden bestohlen hatte. All die unermeßlichen Reichtümer, worin der spitzköpfige Bube seine Klauen geschlagen hatte, wurden mit ihm in der Tiefe des Meers begraben, und weiter nichts geborgen als ein Hammel.

Sehn Sie, sagte Kandide zu Martin, das Laster wird bisweilen bestraft; dieser Schurke von holländischem Schiffspatron hat seinen verdienten Lohn erhalten. Recht gut! weshalb mußten aber die Passagiere, die auf seinem Schiffe waren, mit untergehn? sagte Martin. Ich kann mir's nicht anders erklären, als daß Gott den Spitzbuben bestraft, und der Teufel die übrigen ersäuft hat.

Indes ging das französische und das spanische Schiff jedes seinen Gang, und Kandidens und Martins Unterredung den ihrigen. Vierzehn Tage hintereinander hatten sie sich herumdisputiert, und waren am vierzehnten Tage noch nicht weiter als am ersten. Es half wenigstens so viel, daß sie nicht stumm gewesen waren, sich ihre Gedanken mitgeteilt und einander getröstet hatten. Kandide liebherzte seinen Hammel. Da ich Dich wiedergefunden habe, sagt' er, werd' ich auch wohl noch mein Gundchen wiederfinden.

Einundzwanzigstes Kapitel: Kandide und Martin nähern sich den französischen Küsten. Wovon sie sich unterhalten
Endlich näherten sie sich den französischen Küsten. Sind Sie jemals in Frankreich gewesen, Herr Martin, fragte Kandide.

Martin. Wohl bin ich's; ich habe manche seiner Provinzen durchstrichen, fand in der einen fast lauter Hasenfüße, in dieser und jener, und jener und dieser lauter erzabgefeimte Schlauköpfe, in jener und der, den größten Haufen lammfromm und schafdumm, in noch andern ein paar Schöngeister. Das Hauptsteckenpferd all' dieser Leute aber war Liebe, welches sie mit zwei andern abwechselten, Afterreden und Schnickschnack genannt. Kandide. Haben Sie Paris gesehn, lieber Martin?

Martin. Ich hab's. Da finden Sie all' den Schlag von Leuten in einen Topf geworfen; 's ist ein wahres Chaos. Ein gedrangvoller, lärmreicher Ort, worin alt und jung „dem Vergnügen nachjagt", und meines Bemerkens es niemand findet.

Lange hab' ich mich dort nicht aufgehalten; kaum war ich angekommen, so hatten die Spitzbuben auf dem St.-Germains-Markte mir all' mein bißchen Barschaft weggestohlen. Man hielt mich selbst für einen Spitzbuben; acht Tage lang mußt ich im Gefängnisse sitzen, hernach ward ich Korrektor, um mir nur so viel zu verdienen, daß ich per pedes Apostolorum wieder nach Holland konnte. Ich habe das schmierende, das kabalebrütende und das fanatische Gesindel kennengelernt. Es soll aber noch recht brave, artige Leute in der Stadt geben; ich will's glauben.

Kandide. Ich meines Teils finde gar keinen Trieb, Frankreich zu sehen; Sie können leicht erachten, wenn man einen Monat lang in Eldorado gewesen, daß man weiter nichts zu sehen wünscht als Baroneß Kunegunden. Ich will sie zu Venedig erwarten; wir wollen über Frankreich nach Italien gehn. Sie begleiten mich doch?

Martin. Versteht sich. Zwar sagt man, Venedig sei nur für die Nobili di Venezia, indes nimmt man auch Ausländer recht gut dort auf, wenn sie viel drauf gehn lassen; ich kann's nun nicht, aber Sie können's, und darum zieh' ich mit, wohin Sie wollen.

Kandide. Sagen Sie mir doch, Freund, glauben Sie, was der dicke Foliant da von unserm Schiffskapitän behauptet, daß die Erde im Anbeginn ein Meer gewesen ist?

Martin. Platterdings nicht! so wenig als all, die Alfanzereien, womit das Heer der Schreiberlinge seit einiger Zeit zu Markte gezogen kommt.

Kandide. Zu was Ende ist denn die Welt erschaffen worden? Martin. Damit wir alle sollen rasend werden.

Kandide. Wundern Sie sich nicht über die Liebe der beiden Dirnen für die zwei Paviane, wovon ich ihnen erzählt?

Martin. Nicht im geringsten. Ich sehe gar nicht, wo das Sonderbare dieser Leidenschaft sitzt. Ich habe so viel Außerordentliches gesehn, daß mir jetzt gar nichts mehr außerordentlich vorkommt.

Kandide. Glauben Sie wohl, daß die Menschen von jeher sich niedergemetzelt haben, wie heutzutage? Daß sie stets gelogen und betrogen haben, stets treulose, undankbare, räubrische, flatterhafte, schurkische, neidische, prasserische, versoffene, geizige, ehrsüchtige, blutlechzende, verleumdrische, hurende, schwärmende und alberne Geschöpfe gewesen sind?

Martin. Glauben Sie, daß die Sperber von jeher Tauben gefressen haben, wenn sie ihrer habhaft werden können?

Kandide. Wohl glaub' ich's!

Martin. Nun dann, wenn das immer der Charakter der Sperber gewesen ist, warum sollen grade die Menschen ihren Charakter geändert haben?

Kandide. Wohl unterscheiden sich Sperber und Menschen! denn letztere haben ihren freien Willen, können also ... Unter diesen Gesprächen waren sie in Bordeaux angekommen.

Zweiundzwanzigstes Kapitel: Was Kandiden und Martinen in Frankreich begegnet
Kandide hielt sich nur so lange Zeit in Bordeaux auf, als nötig war, einige eldoradosche Kieselsteine in Gold und Silber umzusetzen und sich eine zweisitzige Kutsche anzuschaffen, denn sein Philosoph Martin war ihm ganz unentbehrlich geworden.

Daß er sich von seinem Hammel trennen mußte, tat ihm herzlich leid. Er überließ ihn der Akademie der Wissenschaften zu Bordeaux, welche die Untersuchung, warum die Wolle dieses Hammels rot sei, zur dermaligen Preisaufgabe machte. Ein nordischer Gelehrter bewies durch A + B — C, dividiert durch Z, daß der Hammel rot sein und an den Pocken sterben müßte, und seine Abhandlung ward preisgekrönt.

Alles, was Kandiden begegnete, ging Hals über Kopf nach Paris; das machte Kandiden auch lüstern, diese Hauptstadt zu sehn; und Hals über Kopf eilt' er ihnen nach. So sehr viel lag es auch eben nicht von dem Wege nach Venedig.

Er kam durch die Vorstadt St. Marceau herein und glaubte sich in dem schmutzigsten Dorfe Westfalens zu befinden. Kaum war er im Gasthofe angekommen, so befiel ihn eine kleine Unpäßlichkeit, eine Frucht seiner Strapazen. Da er einen außerordentlich großen Diamanten an seinem Finger hatte und man unter seinem Gepäck eine recht vollwichtige Schatulle wahrgenommen hatte, so fanden sich gleich unverlangt zwei Ärzte ein, einige sehr warme Freunde und zwei Betschwestern, die ihm seine Suppen wärmten.

Ich erinnre mich doch auch, krank gewesen zu sein, sagte Martin, wie ich zuerst in Paris ankam; da waren aber — denn ich war rattenkahl — weder Freunde noch Ärzte, noch Betschwestern, und ich genas doch.

Durch das viele Arzeneien und Aderlassen ward Kandide endlich in vollem Ernste krank, recht gefährlich krank. Der Vicarius des Viertels kam zu ihm und bat, er möchte doch einen Paß an Sankt Petern mitnehmen, damit er ihn gleich zum Himmelspförtchen einließe. Kandide wollte durchaus nicht; die beiden Betschwestern versicherten, es wäre die neuste Mode, Kandide versicherte ihnen dagegen, er wäre gar nicht für neue Moden. Martin wollte den Vicarius zum Fenster hinauswerfen; der Geistliche schwor, Kandide sollte nie auf den Kirchhof kommen. Martin schwor dagegen, er wolle ihn bald auf den Kirchhof schicken, wenn er ihnen noch länger auf dem Halse läge. Das Gezeter ward sehr heftig, und Martin schleuderte den Pfaffen beim Arme zur Tür' hinaus. Das gab großen Skandal, und die Sache wurde fiskalisch untersucht.

Kandide genas, und während der Genesung hatte er stets gute Gesellschaft zum Souper bei sich. Man spielte hoch. Er bekam nie ein As, was ihn denn nicht wenig Wunder nahm, Martinen aber gar nicht.

Unter denen, die ihm die Honneurs der Stadt machten, befand sich ein winziges Abbuchen aus Perigord. Einer von jenen frechen, bartstreichlerischen, sich in jede Laune schmiegenden und fügenden, bald da, bald dorthin fispernden, ewigen Scharwenzlern, die den Ausländern wegelagern, ihnen die skandalöse Geschichte der Stadt erzählen und ihnen Vergnügungen von jeder Art und für jeden Preis anbieten.

Dies allerliebste Männchen begann damit, daß er Kandiden und Martinen in die Komödie führte. Man gab ein neues Trauerspiel. Kandide saß bei einigen Schöngeistern. Demungeachtet weint' er in einigen meisterhaft gespielten Szenen. Einer von den neben ihm sitzenden Kritlern sagte in einem Zwischenakte: Sie vergießen ohne alle Ursach Tränen, mein Herr. Die Schauspielerin ist erbärmlich, ihr Mitspieler noch erbärmlicher und das Stück noch weit erbärmlicher wie die Schauspieler. Die Szene liegt in Arabien, und doch versteht der Verfasser kein Wort Arabisch; glaubt überdies nicht einmal an angeborne Ideen, der elende Wicht! Morgen will ich Ihnen zwanzig Traktätchen mitbringen, alle gegen den Dramatifex gerichtet.

Wieviel dramatische Stücke haben Sie wohl in Frankreich! frug Kandide den Abbé. Fünf- bis sechstausend, antwortete er. Viel, und wieviel gute darunter? sagte Kandide. Fünfzehn, erwiderte jener. Noch immer viel! versetzte Martin.

Kandide gefiel eine Schauspielerin sehr, welche die Königin Elisabeth in dem ziemlich platten Trauerspiel dieses Namens machte, das wohl bisweilen gegeben wird. Ein recht brav Mädel die Aktrice, sagt' er zum Martin. Sie hat etwas von Baroneß Kunegunden an sich; ich möcht' ihr gern mein Kompliment machen. Der Abbé aus Perigord war gleich mit dem Anerbieten bei der Hand, ihn bei ihr einzuführen. Kandide, in Teutschland geboren und erzogen, fragte, was hiesige Etikette sei, und wie man in Frankreich den Königinnen von England begegnete. In der Provinz, Herr Baron, antwortete der Abbé, führt man sie in's Wirtshaus, zu Paris hält man sie in hohen Ehren und Würden, wenn sie schön sind; sterben sie, so wirft man sie auf den Schindanger. Königinnen auf den Schindanger? fragte Kandide. Ja wahrlich! der Herr Abbé hat Recht, sagte Martin; ich war zu Paris, als Demoiselle Lecouvreur das Zeitliche mit dem Ewigen vertauschte, wie man zu sagen pflegt; man verweigerte ihr, was die Leute hier zu Lande ein ehrliches Begräbnis nennen, das heißt, man wollte sie nicht mit all' den Bettlern aus einem Stadtviertel auf einem lumpichten Kirchhof zusammen vermodern lassen; ihre Bande verscharrte sie an einer Ecke der Rue de Bourgogne, ganz allein; das muß ihrem armen Seelchen mehr denn die folterndste Höllenpein sein, denn es war immer ein sehr nobeldenkendes Mädchen gewesen.

Sehr ungeschliffen! sagte Kandide. Was tun? antwortete Martin. Die Leute sind nun einmal hier so. Denken Sie sich alle möglichen Widersprüche, alle möglichen Ungereimtheiten in eine Masse zusammengeknetet, so haben Sie die Regierungsform, die Gerichtshöfe, die Kirchen, die Schauspiele dieser drollichten Nation.

Ist es wahr, daß man zu Paris beständig lacht? frug Kandide. Das tut man, sagte der Abbé, es ist aber eine bittre Lache, die Lache kochender Wut; man bringt dort die herzschneidendsten Klagen mit der schallendsten Lache hervor, ja verrichtet sogar die abscheulichsten Handlungen mit lachendem Munde. Wer war denn das dicke Schwein, sagte Kandide, das auf ein Stück lästerte, worin ich so geweint habe, und auf Schauspieler, die mir so gefallen hatten? „Ein elender hungerleiderscher Duckmäuser, der um ein paar Bissen Brot zu verdienen, alle Stücke und alle Bücher herunterlästert; jeden emporkommenden Schriftsteller haßt, wie der Verschnittne den vollglücklichen Liebhaber; eins von jenen Literaturinsekten, die sich bloß von Dreck und Gift und Geifer nähren; es ist ein gallsüchtiger Neidhart." Ein gallsüchtiger Neidhart? sagte Kandide. „Ei ja! So ein Flugblättler, ein gewisser Fréron."

So schwatzten Kandide, Martin und der Abbé aus Perigord auf der Komödienhaustreppe und sahen die Zuschauer alle neben sich vorbeiziehn. So vielen Drang ich auch fühle, Baroneß Kunegunden zu sehn, sagte Kandide, so möcht' ich doch wohl heut abend mit Demoiselle Clairon speisen. Es scheint mir ein ganz herrliches Mädchen.

Der Herr Abbé war ein zu jämmerliches elendes Wichtchen, um Zutritt bei der Demoiselle Clairon zu haben, bei der sich stets der angesehenste Zirkel befand. Auf heut abend ist sie versagt, hub der aus Perigord an, ich werd' aber die Ehre haben, den Herrn Baron zu einer vornehmen Dame zu führen, wo Sie Paris so sollen kennenlernen, als hätten Sie sich vier Jahr hier aufgehalten.

Der von Natur neugierige Kandide ließ sich zu der Dame führen, die am äußersten Ende der Vorstadt St. Honore wohnte. Man war dort mit Pharao beschäftigt. Zwölf sauertöpfige Pointeurs hatten jeglicher sein Büchelchen Karten in der Hand, das eselsgeöhrte Verzeichnis ihrer Unglücksfälle.

Überall war das tiefste Stillschweigen; Totenblässe saß auf der Stirn des Pointeurs; Besorgtheit auf der Stirn des Bankiers, und die Dame vom Hause, die diesem unbarmherzigen Bankier zur Seite saß, gab mit Falkenaugen auf alle Parolis und sept-et-le-va de campagne acht, wozu jeder Spieler seine Karten kniff; streng auflauernd aber mit Feinheit ließ sie alle Eselsohren wieder ausmachen und bange, ihre Kunden zu verlieren, ward sie gar nicht aufgebracht. Diese Dame hieß die Marquise de Parolignac.

Ihre fünfzehnjährige Tochter befand sich unter den Pointeurs und verriet durch einen Augenwink all die Gaunereien dieser armen Teufel, die der ihnen griesgramenden Fortuna ein Lächeln abzwingen wollten.

Der Abbé, Kandide und Martin traten herein. Niemand stand auf, bekomplimentierte sie, blickte gar auf sie hin; sie waren insgesamt mit ihren Karten viel zu sehr beschäftigt. Die Frau Baronessin von Donnerstrunkshausen war weit höflicher, sagte Kandide.

Indes hatte sich der Abbé dem Ohr der Marquise genähert; sie lüpfte sich ein wenig in ihrem Armstuhl, beehrte Kandiden mit einem graziösen Lächeln, Martinen mit einem hochadlichen Kopfneigen, und ließ Kandiden einen Stuhl und Karten reichen. In zwei Taillen hatte er fünfzigtausend Franken verloren. Hierauf nahm man in der größten Fröhlichkeit das Souper. Jedermann erstaunte, daß Kandide bei seinem Verluste so kalt blieb, und die Bedienten sagten untereinander in ihrer Bedientensprache: Das muß mein Seel ein englischer Mylord sein.

Das Souper glich den meisten parisischen Soupers. Erst war alles still, dann entstand mit einemmal ein Wortgetöse, wobei niemand hörte, was er selbst sagte, alsdann strömte man in Scherzen, Einfällen aus, die meistenteils herzlich schal und kahl waren, brachte falsche Neuigkeiten aufs Tapet, schiefe Räsonnements; es ward ein bißchen gekannegießert, und viel geafterredet; man schwätzte und krittelte sogar über neue Bücher.

Der Abbé fragte: Haben sie schon den neuen Roman gelesen, den. der Doktor Theologiä Herr Gauchat, geschrieben? Leider, sagte einer von den Gästen, aber nicht bis zu Ende. Es war mir unmöglich. Es kömmt viel albern Zeug heraus, aber so was Albernes, wie der Wisch vom Herrn Doktor Gauchat, hab' ich noch nie gesehn; die Sündflut von abscheulichen Schriften, womit wir überschwemmt sind, die einem ganz bis ans Kinn dringt, verekelt einem alles Bücherlesen dermaßen, daß ich mich auf's Pointieren gelegt habe. Und was sagen Sie zu den vermischten Schriften des Archidiakonus T..." fragte der Abbé.

Ein unausstehliches Geschöpf! rief die Frau von Parolignac. Wohlbekannte alltägliche Dinge kramt er mit der geheimnisvollsten Miene aus; was nur einer hingeworfnen Bemerkung bedarf, erörtert er aufs weitschweifigste und schwerfälligste; ohn' einen Funken Witz zu haben, eignet er sich andrer Leute ihren zu; was er stiehlt, verdirbt er durch den Senf, den er darüber schüttet. Der Mann macht mich ganz wild! Doch er soll's nicht mehr. Mehr denn zuviel, wenn man vom Herrn Archidiakonus ein paar Seiten gelesen!

Ein Mann von Gelehrsamkeit und Geschmack, der sich mit an der Tafel befand, bekräftigte das Urteil der Marquise. Man kam nachher auf die Trauerspiele. Die Dame fragte, woher es käme, daß manche Trauerspiele in der Vorstellung etwas täten, im Lesen aber nicht auszuhalten wären?

Der Mann von Geschmack setzte es sehr gut auseinander, wie ein Stück etwas Anziehendes haben und demungeachtet doch nichts taugen könnte, bewies mit wenig Worten, daß es nicht genug sei, ein oder zwei Situationen anzubringen, die man in jedem Roman antrifft, und die immer etwas Verführerisches für die Zuschauer haben, sondern daß man originell sein müsse, ohne phantastisch zu sein, erhaben, ohne unter den Sonnen herumzuwandeln, das Herz kennen und es reden lassen, großer Dichter sein, und doch aus keiner von seinen Personen den Dichter hervorstechen lassen, den ganzen Sprachschatz zu benutzen wissen, nie den Wohlklang vergessen, nie einen Gedanken dem Reim aufopfern. Wer all' diese Regeln nicht sorgfältig in acht nimmt, setzt' er hinzu, kann zwar Trauerspiele verfertigen, die auf dem Theater gefallen, er wird aber nie einen Rang unter den guten klassischen Schriftstellern erhalten.

Gute Trauerspiele haben wir sehr wenige. Viele sind ganz wohldialogierte und wohlversifizierte Idyllen, andre ein Schlafmittel in Form eines politischen Geschwätzes oder artige Brechmittel von Übertreibungen; wieder andre das kunterbunteste Tollhäuslergewäsch; zerstückelte Reden, lange Apostrophierungen an die Götter, (denn mit Menschenkindern wissen die Herren nicht zu sprechen) falsche Maximen, hochgeschraubte Gemeinplätze.

Kandide hörte aufmerksam zu, und faßte von diesem Kritiker eine große Meinung; und da die Marquise ihm neben sich einen Platz zu geben die Güte gehabt hatte, so nahm er sich die Freiheit ihr die Frag' ins Ohr zu flüstern: wer der so gesundurteilende Mann wäre?

Ein Gelehrter, sagte die Dame, der nicht pointiert und den der Abbé manchmal zum Abendbrot herbringt; ein großer Kenner von Trauerspielen und Büchern. Er hat eine ausgepfiffne Tragödie gemacht und ein Buch, davon nie ein anders Exemplar aus seines Verlegers Laden gekommen ist als das, so er mir dediziert hat.

Ein großer Mann sagte Kandide! ein zweiter Panglos! Hierauf sagt' er sich an ihn wendend: Vermutlich glauben Sie doch auch, mein Herr, daß in der physischen Welt sowohl als in der moralischen alles aufs beste eingerichtet ist, und daß nichts einen andern Gang nehmen kann?

Nichts weniger denn meine Meinung, antwortete der Gelehrte. Ich finde vielmehr, daß bei uns alles der Quere geht, daß niemand weiß, was seines Rangs, seines Amts ist, noch was er tut, noch was er tun soll, und nehm ich die Soupers aus, wobei noch immer Fröhlichkeit herrscht und auch ziemlich viel Eintracht, so bringen die Menschen den ganzen Überrest ihres Lebens mit dem albernsten Gezeter hin. Jansenisten sind gegen Molinisten, Parlamentsglieder gegen Männer von Literatur, Hofschranzen gegen Hofschranzen, Finanzpächter gegen das Volk, Weiber gegen ihre Männer, Anverwandte gegen Anverwandte; kurz, es ist ein ewiger Krieg.

Kandide antwortete ihm: Ich habe noch viel Schlimmers gesehen; allein ein weiser Mann, der nachher das Unglück gehabt, aufgehängt zu werden, lehrte mich, daß alles über die Maßen gut sei und daß das Schlimme bloß das wäre, was der Schatten in einem schönen Gemälde.

Der Herr Weise am Galgen hatte die Leute zum besten, sagte Martin; diese Schatten sind gräßliche Flecke. Die Menschen sind's, die diese Flecke machen, und sie können's nicht vermeiden, sagte Kandide. Sonach ist's nicht ihre Schuld, antwortete Martin.

Die meisten von den Pointeurs, denen dies Rotwälsch war, zechten, Martin unterhielt sich mit dem Gelehrten, und Kandide erzählte einen Teil seiner Abenteuer der Dame vom Hause. Nach dem Souper führte die Marquise Kandiden in ihr Kabinett; er mußte sich auf ein Sofa setzen.

Die Dame. Nun, glühen Sie noch immer für Mademoiselle Cunegonde von Dundertronksaus?

Kandide. Noch immer, gnädige Frau!

Marquise (mit einem zärtlichen Lächeln). Geantwortet wie ein echter junger Westfale. Ein Franzos an Ihrer Stelle hätte zu mir gesagt: Bisher Madam; seit ich Sie aber gesehn, besorg' ich sehr, Mademoiselle Cunegonde nicht mehr zu lieben.

Kandide. O, Madame, sprechen Sie, was ich sagen soll, ich will ja alles sagen.

Marquise. Ihre Leidenschaft für die Baronne begann dadurch, daß Sie ihr Schnupftuch aufhoben, jetzt sollen Sie mir mein Strumpfband aufnehmen. Herzlich gern, Madam, sagte Kandide, und hob's auf. Sie müssen mir's nun wieder umbinden, hub die Dame an, und Kandide tat's. Sehn Sie, sagte die Dame, Sie sind ein Ausländer, meine Pariser Liebhaber laß' ich manchmal fünfzehn Tage schmachten, Ihnen aber ergeb' ich mich in der ersten Nacht, denn einem jungen Westfalen muß man die Honneurs seines Landes machen.

Die Dame war Französin, Kandide glühend vom Wein, noch glühender von den Reizen, die er oberhalb des Knies der Marquise beim Strumpfbandumbinden in dem verführerischsten Prospekte zu sehn Gelegenheit gehabt; das Kabinett wollüstigdämmernd; alles ringsum hatte so viel Anlockendes; allein waren sie; er erlag.

Sie spielten ihr Duodram beide recht brav; die Dame, als eine Frau von Welt geübt in den schlauesten, unterhaltendsten Buhlerinnenkünsten; Kandide, als ein unentnervter junger Westfale; er nahm sich völlig dabei, wie Herkules in der Nacht gegen die Fünfzig.

Nach geendeter Sofaszene lobte die Schöne zwei übergroße Diamanten, die sie bereits längst bei ihrem jungen Fremden wahrgenommen hatte, so treuherzig, daß sie in einem Hui an den Fingern der Marquise saßen.

Wie Kandide mit seinem Abbé nach Hause ging, stiegen ihm einige Skrupel wegen der Untreue auf, die er an der Baroneß Kunegunde begangen hatte; der Herr Abbé nahm an seinem Kummer teil: er hatte an den fünfzigtausend Livres, die Kandide in dem Spiel verloren hatte und an den beiden Brillanten, die halb geschenkt, halb abgedrungen waren, nur sehr geringen Anteil gehabt.

Der Herr Abbé, der jetzt einen tüchtigen Schnitt zu machen dachte, war bemüht, sich bei Kandiden immer mehr einzulieblen, schwatzte ihm viel von Kunegunden vor, und Kandide sagte: er wollte ihr auf den Knien auf's herzinnigste seine Untreue abbitten, wenn er sie zu Venedig sähe.

Der Abbé verdoppelte seine Höflichkeit und seine Aufmerksamkeit, nahm an alle dem, was Kandide sagte, tat, ja noch tun wollte, den wärmsten Anteil.

So haben Sie mit ihr ein Rendezvous zu Venedig verabredet? fragte er. „Das hab' ich, lieber Abbé; ich muß platterdings mein Gundchen wiederfinden." Das Vergnügen, von seiner Geliebten sprechen zu können, riß ihn hin, und er erzählte, nach seiner löblichen Gewohnheit, einen Teil seiner Abenteuer mit dieser berühmten Westfalin.

Baroneß Kunegunde hat zweifelsohne viel Geist, sagte der Abbé, und schreibt treffliche Briefe. „Was ich nicht sagen kann! Ich habe nie welche von ihr bekommen. Als ich wegen meiner Liebe zu ihr war aus dem Schlosse gejagt worden, könnt' ich nicht an sie schreiben; bald darauf erfuhr' ich, sie sei tot, hernach fand ich sie wieder, und verlor sie plötzlich, und jetzt habe ich ihr zweitausendfünfhundert Meilen von hier einen Expressen gesandt, dessen Antwort ich erwarte."

Der Abbé hörte aufmerksam zu und schien ein wenig staunend. Bald darauf nahm er mit der zärtlichsten Umarmung von den beiden Fremden Abschied. Den folgenden Morgen erhielt Kandide einen Brief, folgendermaßen abgefaßt: „Mein Bester, seit acht Tagen lieg ich hier krank. Jetzt eben vernehm ich, daß Sie hier sind. Trügen mich meine Beine, so flög ich in Ihre Arme. Zu Bordeaux erfuhr ich, wohin Sie sich gewandt hatten; ich habe den treuen Kakambo und die Alte dort gelassen, die bald hier eintreffen müssen. Der Gouverneur von Buenos Aires hat mir alles genommen, aber Ihr Herz bleibt mir noch übrig. Kommen Sie, Ihre Gegenwart schenkt mir entweder das Leben wieder oder tötet mich vor Vergnügen."

Ihre Kunegunde

Dieser entzückende, unverhoffte Brief machte Kandiden ganz berauscht vor Freude, allein die Unpäßlichkeit seiner Lieben schlug ihn äußerst nieder. Ein Spielball dieser beiden Empfindungen nahm er sein Gold und seine Diamanten und ließ sich samt Martinen in das Hotel führen, worin Baroneß Gundchen logierte.

Mit hochklopfendem Herzen, an jedem Gliede vor Vergnügen zitternd und mit bebender Stimme stürzt er in ihr Zimmer, wollte die Bettvorhänge aufreißen, wollte Licht haben. Um Gottes willen nicht! 's ist dem Gnädigen Fräulein nichts schädlicher wie's Licht! schrie die Magd, und ritz-ratz! wurden die Vorhänge dicht fest wieder zugezogen.

Was machen Sie, liebste Kunegunde? sagte Kandide mit einem Strom von Tränen. Lassen Sie mich doch wenigstens Ihre Stimme hören, da ich Ihr Gesicht nicht sehen darf. Ja, sprechen darf meine gnädige Herrschaft auch nicht, sagte das Mädchen. Die Dame streckte eine runde, fleischichte Hand zum Bette hinaus, die Kandide lange mit Tränen benetzte, und hernach mit Diamanten anfüllte; auf den Stuhl neben ihrem Bette hatt' er einen Beutel mit Gold hingelegt.

Kandide schwamm in Liebeswonne, als ein Gefreiter mit etlichen Mann hereintrat, der Abbé begleitete ihn. Das sind also die beiden verdächtigen Fremden? sagte ersterer. Sogleich bemächtigte man sich ihrer, und die Muskoten waren auf dem Sprunge, sie ins Gefängnis zu schleppen.

So begegnet man in Eldorado den Fremden nicht, sagte Kandide. Ha! ich bin mehr Manichäer denn je, rief Martin. Aber mein Herr, wo führen Sie uns hin? sagte Kandide. In ein tiefes Loch unter der Erde, antwortete der Gefreite.

Martin, der all' seine Kaltblütigkeit wieder hatte, schloß, die vorgebliche Baroneß Kunegunde sei eine Betrügerin, der Herr Abbé, der sich Kandidens Treuherzigkeit aufs schleunigste zu Nutze gemacht hatte, und der Gefreite ein andrer Spitzbube, den man leicht loswerden könnte.

Ehe Kandide die Sache zu gerichtlichen Weitläufigkeiten gedeihen ließ, bot er auf Anraten Martins und seines Herzens, das sich äußerst nach der wahren Kunegunde sehnte, dem Gefreiten drei kleine Diamanten an; jeder ungefähr dreitausend Dublonen wert.

O mein Herr, schrie der Mann mit dem elfenbeinernen Stabe, und hätten Sie auch Allerweltsmissetaten begangen, so sind Sie doch der bravste Kavalier auf Gottes Erdboden! Mir drei Diamanten zu geben! Jeden zu dreitausend Dublonen. Totschlagen will ich mich eh'r für Sie lassen, Herr Milord, als Sie ins Gefängnis führen. Zwar haben wir die strengste Order, jedweden Fremden zu arretieren, wes Standes und Würden er auch sei: ich will aber das Ding schon 'rumzudrehen wissen. Ich habe zu Dieppe in der Normandie einen Bruder, zu dem will ich Sie bringen, und haben Sie noch einen Diamanten d'ran zu spendieren, so wird er so gut für Sie sorgen, als wär' ich's selbst.

Und warum werden hier alle Fremden in Haft genommen? frug Kandide. Jetzt ergriff der Abbé das Wort und sagte: Darum, weil ein elender Schuft aus dem Lande Atrebatien (Artois) jämmerlichen, elenden Schnickschnack gehört hatte, bloß deshalb hatte er einen grausamen Vatermord begangen, einen solchen freilich nicht, wie er 1610 im Maimonat begangen wurde (Ravaillac), sondern einen solchen, als 1594 im Monat Dezember vorfiel (J. Châtel); auf dessen Schlag nachher noch viele andre Mordtaten in andern Jahren und andern Monaten von andern elenden Schuften aus gleichen Gründen sind ausgeführt worden.

Der Gefreite erklärte jetzt, was der Abbé im dunkeln gelassen hatte. Ha! die Ungeheuer! schrie Kandide. Wie? solche gräßliche Taten werden unter einem Volke verübt, das singt und tanzt! Kam' ich doch aufs schnellste aus einem Lande, wo Affen Tiger aufhetzen! Bären sah ich in meinem Vaterlande, Menschen nur in Eldorado! Um Gottes willen, Herr Gefreiter, schaffen Sie mich nach Venedig, wo ich Baroneß Kunegunden erwarten muß.

Weiter kann ich Sie nicht bringen, lieber Herr Baron, als nach der unteren Normandie, versetzte der Anführer der Sbirren. Sogleich ließ er ihm seine Bande abnehmen, sagte: es wäre ein Versehn, schickte seine Leute zurück, führte Kandiden und Martinen nach Dieppe, wo er sie in den Händen seines Bruders ließ. Es lag ein kleines holländisches Schiff auf der Reede. Der Normann, der mittels dreier andrer Diamanten das dienstfertigste Geschöpf von der Welt geworden war, nahm Kandiden und seine Leute auf dies Schiff, das nach Portsmouth in England ging. Freilich war das nicht der Weg nach Venedig, allein Kandide nahm sich vor, ihn bei erster bester Gelegenheit einzuschlagen. Jetzt dankt er nur Gott, daß er aus der Hölle heraus war.

Dreiundzwanzigstes Kapitel: Kandide und Martin kommen an die englischen Küsten; was sie dort sehn
Kandide. Ha,Panglos!Panglos! Ha,Martin!Martin! Ha,meine traute Kunegunde! was ist diese Welt hier! sagte Kandide auf dem holländischen Schiff.

Martin. Ein erzpudelnärrsches und erzabscheuliches Gemachte. Kandide. Sie sind doch in England bekannt, gibt's dort ebensolche Toren wie in Frankreich?

Martin. Eben! nur von anderm Schnitt und von andrer Farbe. Sie wissen, diese beiden Nationen führen wegen ein paar lumpichter Hufen Schnee, die gegen Kanada liegen, Krieg, und verschwenden bei diesem allerliebsten Kriege weit mehr, als das ganze Kanada wert ist. Ihnen genau zu bestimmen, ob's hier zu Lande mehr Leute gibt, die man an die Kette legen sollte, wie in jenem, das vermag ich nicht; dazu hab' ich zu wenig Auge. Bloß das weiß ich, daß die Leute, wo wir jetzt hinkommen, eine starke Dosis schwarzer Galle bei sich führen.

So hatten sie sich an die Gestade von Portsmouth hingeplaudert. Eine Menge Pöbel strömte zum Ufer hin und schaute mit unverrücktem Auge nach einem ziemlich großen, dicken Mann, der mit verbundnen Augen auf dem Verdeck eines Schiffs aus der Flotte kniete. Ihm gegenüber standen vier Soldaten, die ihm mit dem kältesten Herzen und Auge drei Kugeln ins Gehirn jagten, und die ganze Versammlung ging in der vergnügtesten Laune auseinander.

Was heißt das! sagte Kandide. Üben denn überall böse Geister ihre Macht! Wer war denn der Sir Wanst, den Ihr mit solchen Solennitäten umbrachtet? fragte er einen von den Umstehenden. Ein Admiral, war die Antwort. Und wozu tötet Ihr diesen Admiral? „Er hat nicht Leute genug umgebracht; er ficht mit einem französischen Admiral, und nachher findet sich's, daß er ihm nicht dicht genug auf der Haut gewesen ist." Aber, sagte Kandide, der französische Admiral war ja so weit vom englischen als dieser von jenem. „Nicht zu leugnen, indes kann's hier zu Lande gar nicht schaden, wenn einmal ein Admiral arquebusiert wird, desto mehr lodert den übrigen der Mut an."

Der gehabte Anblick, die eben gehörte Rede hatten Kandiden so betäubt, wurmten ihm so sehr, daß er nicht einmal den Fuß ans Land setzen wollte, und auf der Stelle mit dem holländischen Schiffer bedung, ihn ungesäumt nach Venedig zu bringen; sollte selbiger ihn auch gleich wie der surinamsche Schiffspatron begaunern.

Binnen zwei Tagen war der Schiffer klar. Es ging an den Küsten von Frankreich weg, dicht vor Lissabon vorbei, wo Kandiden kalter Schauer über den Nacken lief; hinein in die Straße von Gibraltar und so ins Mittelländische Meer; endlich lag man vor Venedig.

Gottlob, sagte Kandide zu Martinen, den er feurig umarmte, hier werd' ich sie wiedersehn, die schöne Kunegunde! Auf Kakambo'n rechne ich wie auf mich selbst. Oh! es geht alles gut! alles! es kann gar nicht besser sein.

Vierundzwanzigstes Kapitel: Von Gertruden und Bruder Viola'n
Kaum hatten sie den Fuß in die Stadt Venedig gesetzt, so ließ er Kakambo'n in allen Wirtshäusern suchen, in allen Kaffeehäusern, bei allen Töchtern der Freude; kein Kakambo zu finden. Täglich mußten seine Leute nach dem Hafen und nachfragen; es mochte Schiff oder Barke gekommen sein. Nichts zu hören noch zu sehn von Kakambo'n!

Das ist mir unbegreiflich, sagte Kandide zu Martin. Ich bin von Surinam nach Bordeaux gegangen, von Bordeaux nach Paris, von Paris nach Dieppe, von Dieppe nach Portsmouth, bin Spanien und Portugal längs gesegelt, habe das ganze Mittelländische Meer durchstrichen, etliche Monate zu Venedig verbracht, und doch hat sich in all' der Zeit Baroneß Gundchen nicht eingestellt! Ich habe statt ihrer weiter nichts gefunden als eine Hure und einen Abbe aus Perigord. Ganz gewiß ist sie tot, meine Gunde! Ihr nach ist noch das einzige, was du tun kannst, Kandide! ------ Ha! war' ich doch in dem Paradiese, im Eldorado geblieben und nicht nach dem Drachenneste, dem Europa zurückgekehrt! Sie haben ganz recht, lieber Martin! Es ist alles in der Welt leerer blauer Dunst! Ist allenthalben Trug und Elend!

Es befiel ihn so düstere Schwermut, daß er weder an der opera alla moda, noch an irgendeiner Faschingslustbarkeit teilnahm, sogar bei einer Danae von Mädchen stieg ihm kein Fünkchen Begier auf.

Gute, treuherzige Seele! sagte Martin, sich einzubilden, ein Mestize von Bedienten mit fünf oder sechs Millionen in der Tasche wird hingehn bis ans Ende der Welt und Ihre Geliebte aufsuchen. Findet er sie, so fischt er sie für sich selbst weg; findet er sie nicht, so wirft er seinen wohlbespickten Köder einem andern Dirnchen in den Rachen. Mein Rat ist der: Schlagen Sie sich alle beide aus dem Sinn: Ihren Kerl, den Kakambo, und Ihre Geliebte, die Baroneß Kunegunde.

Martin war kein guter Tröster, auch wuchs Kandidens Schwermut täglich, und täglich rieb ihm der Manichäer die Ohren mit dem Beweise, daß es in der Welt nur wenig Tugend gäbe, wenig Glück, ausgenommen etwa im Eldorado, wo niemand hinkönne.

Eines Tages, wie sie über diese wichtige Materie streitend und Kunegunden noch immer erwartend, über den St. Markusplatz gingen, ward Kandide einen jungen Theatinermönch gewahr, der ein Mädchen unterm Arm hatte. Der Theatiner war ein frischblühender, feister, herkulischer Gesell, mit kühnumschauendem Adlerblick, stolzer Miene und kecken Ganges. Sein Liebchen ein gar niedliches Ding, sie schäkerte singend neben ihm her, warf den vollen Blick der Liebe auf ihren Theatiner, und kniff ihm manchmal in die runden, vollen Backen. Nun, diese beiden Leute werden Sie doch wohl für glücklich erklären, sagte Kandide zu Martin; auf der ganzen bewohnten Erdkugel hab' ich, ausgenommen im Eldorade, nichts als Unglückliche gefunden; daß aber dies Mädchen und dieser Theatiner vollglückliche Geschöpfe sind, darauf wollt' ich wetten.

Ich wette, sie sind's nicht! sagte Martin. Ich darf sie nur zu Gaste bitten, versetzte Kandide, so sehn wir gleich, ob ich mich geirrt habe.

Sofort ging er auf sie zu, machte ihnen sein Kompliment und bat sie, in seinen Gasthof zu kommen und mit Makkaroni, lombardischen Rebhühnern, Stör-Rogen und etlichen Flaschen Montepulciano, Lacrimae Christi und Cyper- und Samoswein vorliebzunehmen. Das Mädchen ward rot, der Theatiner nahm die Einladung an. Das junge Frauenzimmer folgte ihm, blickte Kandiden mit einem Auge an, worin sich Bestürzung und Beschämung malte und manche Träne trat.

Kaum waren sie im Hause, so sagte die Dirn, die Kandiden abseits genommen hatte: Kennen Sie denn Gertruden nicht mehr, lieber Herr Kandide? Dieser, dem Kunegunde stets vor Augen schwebte, hatte vorher nur einen flüchtigen Blick auf dies Mädchen geworfen, jetzt faßt' er sie fest ins Auge und sagte: Wären Sie's wirklich, liebes Kind, Sie, die dem armen Magister ein so schönes Geschenk gemacht haben?

Ach ja, mein Herr, ich bin's, sagte Gertrud. Wie ich höre, so wissen Sie bereits alles! Nun ich weiß auch, wie höchst kläglich es dem ganzen Hause der Frau Baronessin ergangen ist, und was die schöne Baroneß Gundchen für ein entsetzliches Ende gehabt haben. Aber ich war, weiß Gott, die Zeit über auch nicht auf Rosen gebettet, hab' auf Dornen und Disteln gesessen. Als ich hin auf den Edelhof kam, war ich noch ganz unschuldig; darum fiel's meinem Beichtvater, einem Franziskaner gar leicht, mich zu verführen. Oh! was für gräßliche Folgen entstanden daraus; ich mußte das Schloß nicht lange nachher verlassen, als Sie der Herr Baron mit derben Tritten in den Hintern 'nausgeschubst hatte.

Hätte sich nicht ein berühmter Doktor meiner erbarmt, ich wäre sicher drauf gegangen. Aus Erkenntlichkeit ward ich 'ne Zeitlang seine Mätresse. Seine Frau, das rasendeifersüchtigste Tier von der Welt, ein zehnmal ärgrer Satan von Weibe wie Xantippe, bläute mich tagtäglich so unbarmherzig wie'n neugebacknes Leutnantchen seines Hauptmanns Kompagnie. Ein unglücklichere Mädchen gab's wohl nicht wie ich. Tagtäglich richtig meine derbe Tracht Prügel eines Mannes wegen, den ich nicht lieben konnte, und tagtäglich Karessen und Liebkosungen diesem Manne, der 'ne wahre, alte Blocksbergsfratze war.

's ist 'n gefährlich Ding, wenn ein Zankteufel eine Doktorsfrau ist. Madame Brummeisen erfuhr's. Ihr Mann hatte endlich das Ding satt, gab ihr eines Tages, um sie vom Schnupfen zu kurieren, eine so wirksame Arzenei, daß sie zwei Stunden drauf mit den jämmerlichsten Verzückungen abschurrte.

Die Anverwandten der Frau Doktern spannen einen Kriminalprozeß gegen den Mann an, der sich glücklich aus dem Staube machte und mich drin sitzen ließ. Man warf mich ins Gefängnis, woraus mich nicht meine Unschuld rettete, sondern meine ganz leidliche Gestalt. Der Richter setzte mich auf freien Fuß unterm Beding, des Doktors Stelle einnehmen zu dürfen. In einem Husch wurd' ich ausgestochen, mußte ohn' einen Heller von dannen wandern, und sah' mich genötigt, jenes abscheuliche Handwerk zu ergreifen, was euch Mannspersonen so angenehm dünkt und was für uns eine vollströmende unerschöpfliche Quelle des Elends ist.

Ich ging nach Venedig, um hier mein Gewerbe zu treiben. Oh! mein Herr! Sie können sich nicht vorstellen, was das für eine Höllenmarter ist, alles durch die Bank weg karessieren zu müssen; bald 'nen alten Kaufmann, bald 'nen Advokaten, bald 'nen Mönch, bald 'nen Gondelführer, bald 'nen Abbate; jeder Beschimpfung preisgegeben zu sein; sich aufs Prellen zu verlegen. Oft ist man so rein herunter, daß man vom Juden ein armselig Fähnchen borgen muß, um sich's von der ekelhaftesten, fatalsten Prise, vom schlechtesten Schufte aufdecken zu lassen. Das bißchen, was man von dem einen verdient, wird einem von dem andern wegstipitzt; man schwebt immer untern Klauen der heiligen Engel, und hat im Prospekt weiter nichts als das Zuchthaus oder gar das Lazarett oder den Misthaufen, woselbst alsdann das abgemergelte, halbverfaulte, verrunzelte und verschrunzelte Gerippe fast in der Blüte der Jahre sein Leben verkeuchen muß.

Wenn Sie sich das alles so recht lebhaft denken, so werden Sie sehn, daß es keine unglücklichere Kreatur auf der Welt gibt als mich.

So schüttete Gertrud in einem Kabinett ihr Herz gegen den biedern Kandiden aus. Ha! halb war 'die Wette gewonnen! rief Martin, der mit zugegen war. Bruder Viola war im Speisesaal geblieben, und hatte sich derweil' an eine Flasche Cyperwein gemacht.

„Du sahst mir aber so fröhlich, so zufrieden aus, Truddien. Wie ich dir begegnete, sangst so aus vollem Herzen, karessiertest deinen Theatiner mit so ungeheuchelter Liebeswärme, daß du mir eben so glücklich schienst, als du dich unglücklich ausgibst."

Ach lieber Herr Kandide, sagte Gertrud. Das ist eben mit das ärgste Kreuz bei meinem Handwerk. Noch gestern wichste mich ein Offizierchen rein durch und zog mich rattenkahl aus, und heute muß ich die fröhlichste Laune affektieren, um mich bei einem Pfaffen anzuschmeicheln.

Nun hatte Kandide schon genug und gab Martinen recht. Sie setzten sich beide mit Gertruden und dem Theatiner an den Tisch; hielten ein recht fröhliches Mahl und wurden beim Wein ganz offen.

Herr Pater, sagte Kandide zum Mönch, Sie scheinen mir ein Los zu genießen, um das Sie jedermann beneiden muß; die blühendste Gesundheit lacht aus Ihrem Gesicht, Sonnenschein sitzt über Ihren Augbrauen und verkündigt, wie vollglücklich Sie sind, Sie haben das niedlichste Mädchen zum Zeitvertreib und scheinen mit Ihrem Theatinerstand höchst vergnügt.

Ich wollte, alle Theatiner hätten einen Mühlstein am Hals und lägen im Meere, wo's am tiefsten ist, sagte Bruder Viola. Ich bin wohl schon hundertmal willens gewesen, das Kloster anzustecken und hinzugehn, und ein Türk zu werden. In meinem fünfzehnten Jahre mußt' ich nolens volens die verwünschte Jacke anziehn, damit mein ältrer Bruder — Gott und alle Heiligen verdammen ihn, den prassenden, putenjunkerschen Buben! — recht à son aise schwelgen kann. Ich wurd' in ein Kloster gebannt, das man gemeiniglich für einen Wohnsitz der religiösesten Ruhe hält; und das beim Lichte besehn weiter nichts ist als der Tummelplatz der Eifersucht, der Zwietracht und des Ingrimms.

's ist wahr, ich habe mir manchmal mit einem jämmerlichen Schnickschnack ein'ge Batzen in die Tasche gepredigt. Aber was hat's geholfen? Die Hälfte davon stiehlt mir der Prior weg und um's übrige bringen mich die Menschen. Wenn ich des Abends ins Kloster komme, bin ich so fuchswild, daß ich gleich den Kopf gegen die Wand rennen möchte, und all' meinen Brüdern in Paulo geht's nicht ein Haar besser.

Nun hab' ich nicht die Wette ganz gewonnen, sagte Martin, indem er sich mit seiner gewöhnlichen Kaltblütigkeit gegen Kandiden wandte? Kandide gab Gertruden zweitausend Piaster und Bruder Viola'n tausend. Nun werden sie glücklich sein, sagte er, dafür haft' ich. Ich wahrlich nicht! versetzte Martin. Vielleicht machen Sie sie dadurch noch unglücklicher. Mag's ausfallen, wie's will! sagte Kandide. Ich tröste mich jetzt damit, daß ich sehe, wie man oft Leute wiederfindet, die man nie wiederzufinden verhofft hat; da ich meinen roten Hammel und Gertruden wiedergefunden habe, so kann sich's wohl noch fügen, daß ich Kunegunden wieder antreffe.

Martin. Ich wünsch' es von Herzen, daß selbige Sie dereinst glücklich machen möge; zweifle aber noch sehr daran.

Kandide. Hartherziger Mann.

Martin. Was gar nicht zu verwundern. Ich habe lang' in der Welt gelebt.

Kandide. Sehn Sie einmal jene Gondelführer an. Singen sie nicht mit dem frohsten Herzen vom frühen Morgen an bis zum dämmernden Abend.

Martin. Werfen Sie einmal einen Blick in ihre vier Pfähle! Da werden Sie sehn, wie sie schmollen bei ihren Weibern und ihren Wechselbälgen von Kindern; Sie werden finden, daß Sorg' und Verdruß sowohl unterm Schindeldache des Gondelführers wohnt als unterm Palaste des Dogen. Recht beim Lichte besehn ist der Gondelführer immer glücklicher als der Doge. Doch die Waage zur Hand zu nehmen und abzuwägen, um wieviel, lohnt wahrlich! der Mühe nicht. Es ist, glaub' ich, ein so winzig Teilchen mehr, daß eine Mücke es auf dem Schwanze über den Rhein führen kann.

Kandide. Ich habe mir sagen lassen, der Senator Pococurante, der dort in dem schönen Palaste auf der Brenta wohnt und jeden Fremden so freundschaftlich empfängt, soll der glücklichste Mann auf Gottes Erdboden sein; noch nie soll ihn ein Quentchen Unmut gedrückt haben.

Martin. Das Wundergeschöpf möcht' ich wohl sehn. Sogleich schickte Kandide zum Signor Pococurante und ließ um die Erlaubnis bitten, ihm morgen aufwarten zu dürfen.

Fünfundzwanzigstes Kapitel: Besuch beim Signor Pocourante, Nobile di Venezia
Kandide und Martin setzten auf einer Gondel über die Brenta und kamen im Palaste des Nobile Pococurante an. Die Gärten waren sehr umfänglich und mit trefflichen marmornen Bildsäulen ausgeschmückt, der Palast im schönsten neusten Geschmack erbaut. Der Herr vom Hause, ein Sechziger und steinreich, nahm unsre beiden Neugierigen mit ungemeiner Höflichkeit auf; aber mit wahrer hofmännischer Kälte, was Kandiden nicht wenig stutzig machte, Martinen aber gar nicht mißbehagte.

Sogleich trugen zwei niedliche, wohlgekleidete Mädchen Schokolat' auf, die sie zum perlendsten Schaum zerquirleten. Kandide konnte nicht umhin, sie wegen ihrer Schönheit, wegen ihres Anstandes und wegen ihrer Gewandtheit zu loben.

Sind so ziemlich gute Krabben! sagte Senator Pococurante. Manchmal nehm' ich sie mit ins Bette. Denn Eure Stadtdamen bin ich überdrüssig; ich kann ihre Kokettereien, Eifersüchteleien, Kritteleien, Launen, Aufblasereien und Albereien unmöglich aushalten, und ihre ewige Bestellereien von Liedchen, selbst oder vor irgendeinem Mietspoeten gemacht. Doch bei alledem werden mir auch diese Dirnen schon höchst unleidlich.

Nach dem Frühstück besahen sie die Bildergalerie; einen sehr großen geräumigen Saal

Voll Menschen Glut und Geistes.

Kandiden war bei dem Beschauen dieser Meisterwerke ganz wunderbar zu Mute;

Sein Busen war so voll und bang
Von hundert Welten trächtig;

sein ganzes Wesen schien aufgelöst in einem Meer von Entzücken. Endlich rief er: Von welchem Meister? Und deutete auf ein paar Gemälde, woran er sich am meisten ergötzt, an welchen sein Auge noch mit unbeschreiblicher Bewundrung und liebewarm hing.

Von Raphael, sagte der Senator. Ich war solcher alter Geck und kaufte sie vor etlichen Jahren rasend teuer; ließ mich dazu beschwatzen, weil man mir versicherte, schönre Werke der Kunst gäb's in ganz Italien nicht; ich kann aber nicht sagen, daß sie mir anstünden. Die Farben sind zu dunkel gehalten; die Figuren haben keine Rundung, nichts Hervorspringendes genug, die Draperien nichts weniger als Ähnlichkeit mit Gewändern. Mit einem Worte, was man auch drüber tratscht, treukopierte Natur find' ich gar nicht drinnen. Natur, Natur, die liebe Natur verlang' ich ohn' alle Ziererei so wie allenthalben, auch in Gemälden; aber wo gäb's solche Gemälde? Ich habe Kleckereien und Sudeleien die Menge, mag sie aber gar nicht mehr ansehn.

Pococurante ließ, während das Diner besorgt wurde, ein Konzert geben. Kandide schwamm in Vergnügen, glaubte Sphärenklang zu hören. Auf eine Viertelstunde hört man das Gequinkeliere, den Dideldumdei wohl an, sagte Pococurante, aber währt's länger, so ist's jedermann überdrüssig, ohne daß eine Seele das Herz hat, es zu gestehn. Heutzutage nimmt die Musik hohen, sonnenhohen Flug, und da mag's der Teufel aushalten und lange mitfliegen.

Vielleicht behagte mir die Oper besser, wann man nicht das Kunststückchen ausfindig gemacht hätte, sie zu einem Ungeheuer umzuschaffen, wobei sich mein Magen empört. Geh' hin, wer da will, in eure elenden musikalischen Trauerspiele, wo jede Szene dazu angelegt ist, querfeldein zwei oder drei lächerliche Liederchen anzubringen, welche die Kehle der Aktrice ins Licht setzen müssen. Fall vor Vergnügen in Ohnmacht, wer da will oder kann, wenn er einen Kastraten den Cäsar oder Kato hertrillern hört oder mit anmaßlicher Noblesse auf dem Brettergerüste herumspazieren sieht. Ich meines Orts habe schon längst all' diesen Lappereien entsagt, die heutigen Tages den Stolz von Italien ausmachen und die von auswärtigen Potentaten so teuer bezahlt werden.

Kandide disputierte hierüber mit ihm, aber mit vieler Bescheidenheit, Martin aber war völlig der Meinung des Senators.

Man setzte sich zur Tafel und nahm ein prächtiges Mittagsmahl ein. Wie man abgespeist hatte, ging man in Pococurantes Bibliothek. Kandiden fiel ein prächtiggebundner Homer ins Auge, und er machte dem Illustrissimo zu seinem Geschmack ein Kompliment. An diesem Werke, rief er, weidete sich der große Panglos, der beste Philosoph in ganz Deutschland. Und ich mich nicht im geringsten, sagte Pococurante ganz kalt. Ehmals wollte man mich bereden, ich fände an dessen Lektüre Vergnügen. Allein das ewige Vorgeleier von Schlachten, die sich ähnlich sehn, wie'n Ei dem andern, diese Götter, die in einem fort handeln und doch nichts Entscheidendes zustande bringen, jene Helena, die den ganzen Krieg angesponnen hat und die sich fast immer hinter der Kulisse hält; jenes Troja, das man immer belagert und niemals einnimmt; alles das wurmte mich so sehr, daß ich den Bettel in den Kamin werfen wollte. Ich fragte manchmal Gelehrte, ob sie nicht ebensoviel Langeweile bei dem alten Salbader empfänden. Wer offenherzig war, gestand mir, es ging' ihm nicht besser, doch müßte man ihn immer in seiner Bibliothek haben, ihn aufbewahren als ein Denkmal des Altertums und wie jene verrosteten Schaumünzen, die nicht mehr im Gange sind.

Kandide. So denken doch Vossignoria nicht von Virgil?

Pococurante. Ich räum' es ein, daß das zweite, vierte und sechste Buch seiner Aeneide trefflich sind, was aber seinen frommen Aeneas anlangt, den starken Kloanthes und Freund Achates, den kleinen Askan, den König Schwachkopf Latinus, die Spießbürgerin Amata und den Laffen von Weibe, die Lavinia, so glaub' ich nicht, daß man je was Matteres, Widerlicheres gesehn hat. Viel lieber will ich den Tasso lesen und all die Ammenmärchen des Ariost, worüber man stehend einnicken möchte.

Kandide. Verzeihung, gnädiger Herr, finden sie viel Vergnügen daran, den Horaz zu lesen?

Pococurante. Er hat Maximen, die ein Mann von Welt benutzen kann und die wegen ihrer angenehmen, lebhaften Einkleidung sich dem Gedächtnisse um so leichter einprägen. Allein seine Reise nach Brindisi und seine Beschreibung eines Mittagsbrots, das zusammengesudelt worden, sein Zankdialog im Karnschiebertone zwischen Gott weiß was für einem Rupilius, dessen Worte, wie er sagt, von Eiter troffen, und einem andern, dessen Worte nach echt italienischem Weinessig schmeckten, das alles ist mir höchst kahl und schal. Mit äußerstem Widerwillen hab' ich die Grobheiten gelesen, die er den alten Weibern und Hexen in den Bart wirft, ich seh' auch gar nicht ein, was das für ein großer oder kühner Gedanke ist, wenn er zu seinem Freunde Mäcen sagt: Wenn Du mich unter die lyrischen Dichter rechnest, werd' ich mit erhabnem Nacken an die Sterne stoßen.

Aber so geht's; an einem beliebten Autor staunen die Blödhämmel alles als göttlich an. Ich lese bloß für mich, und was nicht in meinen Kram dient, steht mir auch nicht an.

Kandide, der von der Amm' an zu nichts weiter gewöhnt war als zum Nachbeten, erstaunte höchlich über alles das, was er hörte, Martin aber fand Pococurantes Urteile gar nicht uneben.

Ha! ein Cicero, rief Kandide. Den großen Mann werden Sie gewiß nicht müde zu lesen? Wahrlich nicht! antwortete der Venediger, denn ich les' ihn nie. Was schiert's mich, ob er dem Rabirius oder Cluentius den Prozeß geführt hat. Ich habe so Prozesse die Menge abzuurteln. Seine philosophischen Schriften wären noch eher mein Kasus gewesen; wie ich aber sähe, daß er alles bezweifelte, so schloß ich, daß ich grade so viel wüßte wie er, und daß ich niemandes Hilfe bedürfte, um unwissend zu sein.

Oh! da sind vierundzwanzig Bände vermischte Schriften von einer Akademie der Wissenschaften, schrie Martin. Darunter könnte wohl was Guts sein! Und wäre auch, sagte Pococurante, wenn nur ein einziger von all' den Schmierern die Kunst erfunden hätte, Nähnadeln zu machen, so aber enthält der ganzeBraß nichts als Systeme, lauter Luftgut und nicht ein Spierchen Brauchbares.

Was für eine Menge Schauspiele seh' ich dort, rief Kandide, italienische, spanische, teutsche, französische! Jawohl! sagte der Senator, es sind über dreitausend Stück, und der guten nicht drei Dutzend. Daß ich diese Sammlungen Predigten, die insgesamt nicht zwei Seiten von Addison aufwiegen, und alle jene dicken Folianten von Kirchenvätern und allen möglichen Theologastern nie aufgemacht habe, so wenig wie sonst jemand, das werden Sie mir wohl unversichert glauben.

Martin ward einen Schrank gewahr, worin lauter englische Bücher standen: Ich glaube, es muß Wonne für einen Republikaner sein, die meisten dieser Werke zu lesen, die den Geist der Freiheit so stark atmen. Freilich ist's schön, hinschreiben zu dürfen was man denkt, sagte Pococurante, das ist das Vorrecht des Menschen. Allein in unserm ganzen Italien schreibt man bloß, was man nicht denkt; die jetzigen Bewohner der Gegenden, wo die Cäsars herrschten und die Antone, dürfen sich nicht unterstehn, einen Gedanken zu haben, wenn's ein Dominikaner nicht erlaubt. Wie gesagt, ich wäre sehr mit der Freiheit zufrieden, die den genievollen Briten begeistert, wenn nicht Leidenschaft und Parteigeist alles verdürben, was diese köstliche Freiheit Schätzbares hat.

Kandide ward einen Milton gewahr und fragte, ob er nicht diesen Dichter für einen großen Mann hielte? „Ich, den Barbaren, der über das erste Kapitel des ersten Buchs Mose in zehn Büchern rauher Verse einen weitschweifigen Kommentar gemacht hat? Den plumpen Nachäffer der Griechen, der die Schöpfungsgeschichte ganz verhunzt hat, der, indem Moses den Allmächtigen schildert, wie er durch ein Werde die Welt hervorwinkt, seinen Messias einen großen Kompaß aus einem Wandschranke des Himmels hervorholen läßt, um einen Riß seines Weltgebäudes zu entwerfen? Ich, ihn schätzen, der Tasso's Höll' und Teufel verpfuscht hat, der den Lucifer bald in eine Kröte, bald in einen Zwerg verkappt, der ihn die Leier immer herableiern läßt, die er ihm einmal in die Hand gegeben hat, der ihm theologische Dispute in den Mund legt. Ich sollte den Mann schätzen, der Ariost's komische Erfindung mit dem Schießgewehr in gutem Ernst nachäfft und sich die Teufel in dem Himmel herumkanonieren läßt. Weder mir noch sonst irgend jemand in Italien können sie gefallen, diese kahlmäuserschen Alfanzereien. Welcher Mann, der nur ein wenig Gefühl fürs Schöne hat, kann die Heirat der Sünde und des Todes und die Schlangen, die Frau Sünde gebiert, lesen, ohne daß sich sein Magen empört! Und seine weitläufige, weitschweifige Beschreibung vom Hospitale gehört nur für einen Totengräber."

„Dies dunkle, phantastische, ekelhafte Gedicht ward bei seiner ersten Erscheinung verachtet; und ich tue jetzt das, was gegen Milton seine Landsleute und Zeitverwandte taten. Übrigens sag' ich, was ich denke, und kümmre mich wenig darum, ob andre ebenso denken wie ich."

Kandiden hatten diese Urteile ein wenig gebeugt, er hielt den Homer hoch und liebte den Milton. Sie kamen nunmehr vor einen Schrank, worin teutsche Dichter standen. Lassen Sie uns vorübergehn, lieber Martin, flüsterte Kandide ihm zu. Es möchte sonst wieder ein unbarmherziges Gericht ergehn. Wobei mancher von den Herren nicht mehr als sein Recht erhalten würde, sagte Martin. Das wohl, antwortete Kandide, aber er könnte so nebenher meine Lieblinge antasten, und das hielt' ich nicht aus.

Pococurante beehrte sie noch mit einigen von seinen Urteilen; wir sind's aber satt, mehrere Schiefköpfigkeiten nachzuschreiben, und der Leser ist es auch gewiß, selbige zu lesen. Kandide brummte in den Bart: Ein großer, großer Kopf. Das nenn' ich noch Genie! Dem kann niemand etwas zu Danke machen !

Nachdem besagtermaßen Pococurantes Bücher die Mustrung passiert hatten, stiegen sie in den Garten herab. Kandide lobte alle dessen Schönheiten. Schönheiten? sagte der Eigner des Gartens. Das nennen Sie Schönheiten? Ist nichts als lauter Flitter- und Klipperkram:

Ist purer purer Schneider Scherz
Trägt nur der Schere Spur
Und nicht das große, volle Herz
Von Mutterlieb Natur.

Doch nur Geduld, morgen liegt der ganze Bettel hier in einem Klumpen, und aus dem Schutt und Graus soll ein gar ander Ding aufstehn. Wo man hintritt, wo man hinriecht und hinsieht, soll Natur entgegenwittern, und doch soll's nicht so kunterbunt, so regellos wild sein wie in den so hochgepriesnen Gärten der Engländer.

Als unsre beiden Neugierigen von dem Illustrissimo Abschied genommen hatten, sagte Kandide zu Martinen: Daß der Mann der Glücklichste unter allen Menschen ist, werden Sie mir doch wohl zugeben; er ist weit über alles erhaben, was er besitzt.

Martin. Sehn Sie denn nicht, daß er alles dessen überdrüssig ist. Die Mägen sind nicht die besten, hat schon Plato vor Jahrhunderten gesagt, die nicht jede Speise vertragen können.

Kandide. Aber, ist es nicht Wollust, jedes Ding zu bekritteln, Fehler aufzuspüren, wo andre Leute mit ihrer schlechtgeschliffnen Brille nichts als Schönheiten sehn?

Martin. Das heißt verdolmetscht, es ist Wollust, gar keine Wollust zu genießen.

Kandide. Nun dann! so bin ich denn allein der Glückliche, wenn ich mein Gundchen in den Armen haben werde.

Martin. Hoffnung ist noch das Beste, was der Mensch hat!

Indessen verflossen Tage, Wochen, Monate, und kein Kakambo erschien. Kandide war in einem solchen Meer von Wehmut versenkt, daß es ihm gar nicht einfiel, wie weder Gertrud, noch Bruder Viola wiedergekommen waren und sich für die dreitausend Piaster bedankt hatten.

Sechsundzwanzigstes Kapitel: Kandide und Martin speisten mit sechs Ausländern. Wer diese Ausländer waren
Eines Tages, als sich Kandide mit Martinen und den Fremden, die mit ihm in eben dem Wirtshause logierten, zu Tische setzen wollte, packt' ihn ein Mensch mit einem Rußgesicht von hinten beim Arme und raunte ihm zu: Daß Sie sich ja reisefertig halten! Vergessen Sie's nicht.

Kandide dreht sich um und sieht Kakambo'n. Außer Kunegunden konnte kein Anblick für ihn überraschender und erfreulicher sein. Seine Freude artete fast in Wahnsinn aus. Mit der glühendsten Umarmung sagt' er zu ihm: Oh! sie ist also hier, meine Kunegunde! Wo ist sie denn, mein Bester, Einziger? Bring mich doch zu ihr. Laß mich doch mit ihr vor Freude sterben! Kunegunde ist hier nicht, sagte Kakambo; ist zu Konstantinopel.

„Jesus und Gott! zu Konstantinopel! Doch es tut nichts. Und war' sie in China, ich flöge hin! Mit zu Schiffe! mit!" und Kandide hatte Kakambo'n schon zur Haustür hinausgerissen. Vor Essen kann daraus nichts werden, sagte Kakambo. Weiter kann ich Ihnen jetzt nichts sagen. Nur noch soviel: ich bin Sklave, mein Herr wartet auf mich. Ich muß in den Speisesaal und ihn bedienen. Sein Sie ja mäuschenstill, essen Sie Ihr Abendbrot und machen Sie sich reisefertig.

Kandide war halb ein Raub der Freude, halb der Betrübnis; der Freude, der entzückendsten Freude, weil er bald sein Gundchen wiedersehn sollte und jetzt seinen treuen Sachwalter wiedergefunden hatte; der Betrübnis, daß er letztern als Sklave sähe. Sein Herz war in wildem Aufruhr, sein Kopf drehend und wirbelnd. Er setzte sich mit Martinen, der all' diesen Abenteuern ganz kaltblütig zuschaute, und sechs Fremden zu Tische, die bloß die Faschingszeit in Venedig zubringen wollten.

Wie sie fast abgespeist hatten, sagte Kakambo zu einem dieser sechs Fremden, dem er bisher eingeschenkt hatte: Sire, Ihre Majestät können reisen, wenn's Ihnen gefällig ist, das Schiff ist klar. Hierauf ging er hinaus. Ohn' ein Wort zu sagen, sahen die Gäste einander voller Erstaunen an, als ein zweiter Bedienter sich seinem Herrn näherte und ihm sagte: Die Kutsche von Ihro Majestät steht zu Padua und die Barke ist bestellt. Sein Herr gab ihm einen Wink, worauf er fortging.

Die Gäste machten noch größre Augen als vorhin, ihr Blick verriet immer mehr und mehr ihre steigende Verwundrung. Ein dritter Diener näherte sich einem dritten Fremden und sagte: Sire, folgen Sie meinem Rat und halten Sie sich nicht länger hier auf. Ich geh' und mache alles zurechte, Ihro Majestät. Sofort verschwand er.

Kandide und Martin hielten das ganze Ding nunmehr für einen Karnevalsspaß. Ein vierter Bedienter sagte: Ihro Majestät können reisen, wenn's Ihnen gefällig ist. Der fünfte Lakai sagte eben das dem fünften Herrn. Allein der sechste hub an in ganz anderm Ton mit dem sechsten Fremden zu reden, der neben Kandiden saß. Bei meiner armen Seele! Sire, sagte er, Ihro Majestät können so wenig mehr auf Borg kriegen wie ich und 's is leicht möglich, daß wir heut' alle beide in den Schuldturm wandern müssen. Das Gescheitste, ich seh', wo der Zimmermann das Loch gelassen. Gott steh' Ihnen bei.

Wie alle Bedienten hinaus waren, verharrten die sechs Fremden, Kandide und Martin im tiefsten Stillschweigen. Endlich brach's Kandide: Ein artger Fastnachtsspaß, meine Herren! Warum sind Sie aber grade alle gekrönte Häupter? Ich meinerseits muß Ihnen gestehn, ich bin kein König, so wenig wie mein Martin da.

Jetzt nahm Kakambos Herr gravitätisch das Wort und sagte auf Italienisch: Ich bin nichts weniger als Fastnachtsnarr; ich heiße Achmet der Dritte; bin viele Jahre Großsultan gewesen; habe meinen Bruder entthront, und mein Neffe mich. Alle meine Wesire sind enthauptet worden, und ich bringe den Rest meines Lebens im alten Serail zu. Bisweilen erlaubt mir mein Neffe, Großsultan Machmud, gesundheitshalber herumzureisen. Diesmal hab' ich den Karnevalslustbarkeiten zu Venedig beigewohnt.

Ein junger Mann, neben Achmet sitzend, hub nach ihm an zu reden. Ich heiße Iwan, sagte er; bin der Kaiser aller Russen gewesen; ward schon in der Wiege entthront, mein Vater und Mutter eingekerkert, ich im Gefängnisse erzogen; manchmal steht mir's frei, herumzureisen; meine Wächter verlassen mich aber nie. Ich bin hieher gekommen, um dem Karneval beizuwohnen.

Und ich bin Karl Eduard, König von England, sagte der Dritte. Mein Vater trat mir seine Gerechtsame am Reiche ab. Ich suchte sie mit gewaffneter Hand zu verteidigen; man riß achthundert meiner Anhänger das Herz aus dem Leibe und schlug es ihnen um die Backen; mich warf man ins Gefängnis. Jetzt geh' ich nach Rom, meinen Vater zu besuchen, den König, der sowohl entthront ist wie ich, und meinen Großvater. Ich kam hieher, um dem Karneval beizuwohnen.

Nunmehr nahm der Vierte das Wort und sagte: Ich bin König der Polen, beraubt meines Erbreichs durch das Kriegsglück, das auch an meinem Vater seine Tücke übte, ich habe mich völlig der Vorsehung anheimgestellt, so wie Sultan Achmet, Zar Iwan und König Karl Eduard, denen Gott ein langes Leben verleihen wolle. Ich kam hieher, um dem Karneval beizuwohnen.

Auch ich bin König der Polen, hub der Fünfte an, verlor zweimal mein Reich, erhielt aber durch die Vorsehung einen andern Staat, worin ich mehr Gutes getan habe, als je alle Könige der Sarmaten an den Ufern der Weichsel haben tun können; auch ich stelle mich der Vorsehung anheim und bin hieher gekommen, dem Karneval beizuwohnen.

Jetzt war die Reihe zu reden an dem sechsten Monarchen. Meine Herren, sagte dieser, an Größe gleich' ich Ihnen nicht, dennoch aber bin ich, so gut wie ein andrer, König gewesen. Ich heiße Theodor und ward zum Könige in Korsika erwählt. Sonst nannte man mich Ihro Majestät und jetzt mit genauer Not mein Herr. Sonst ließ ich Münze schlagen, jetzt hab' ich keinen roten Heller; sonst hatt' ich zwei Staatssekretäre und jetzt nicht einmal einen Bedienten. Ich sah mich ehemals auf einem Throne, und zu London mußt' ich lang' im Kerker auf einem Bunde Stroh liegen. Mir ist bange, daß mich hier das nämliche Schicksal trifft, ob ich gleich wie Ihro Majestäten hierher gekommen bin, dem Karneval beizuwohnen.

Die fünf andern Könige hörten dieser Erzählung mit edlem Mitleide zu, und jeder gab dem Könige Theodor zwanzig Zechinen, um sich Kleider und Wäsche anzuschaffen, Kandide aber schenkte ihm einen Diamanten von zweitausend Zechinen.

Wer muß wohl dieser simple Partikülier sein, der imstande ist, hundertmal soviel wegzugeben als jeder von uns, und der es auch tut! sagten die fünf Könige zueinander.

In eben dem Augenblick, da man von der Tafel aufstand, kamen in eben dem Wirtshause vier durchlauchtige Herrschaften an, die das Kriegsglück gleichfalls um ihre Staaten gebracht hatte und die den Überrest des Karnevals zu Venedig zubringen wollten. Kandide, dem der Gedanke, seine traute Kunegunde aufzusuchen, die ganze Seele füllte, kümmerte sich um die Neuangekommnen nicht im geringsten.

Siebenundzwanzigstes Kapitel: Kandidens Reise nach Konstantinopel
Der treue Kakambo hatte es schon dahin gebracht, daß der türkische Schiffspatron, der den Sultan Achmet nach Konstantinopel führen sollte, Kandiden und Martinen mit an Bord nahm. Ehe selbige sich nach dem Schiff begaben, beugten sie sich tief zur Erde vor dem Schattenspielsmonarchen.

Sehn Sie, sagte Kandide unterwegs, da haben wir nun mit sechs abgesetzten Königen gespeist, und unter diesen sechs Königen war noch dazu einer, dem ich einen Zehrpfennig gegeben habe. Vielleicht gibt's noch weit mehr unglückliche Prinzen. Wie glücklich bin ich dagegen, ich habe ja nur hundert Hammel eingebüßt und fliege nun meiner Kunegund' in die Arme. Ich versichre Ihnen nochmals, lieber Martin, Panglos hatte recht: Es ist doch die beste Welt! Wollte Gott, seufzte Martin.

Allein, sagte Kandide, unser zu Venedig erlebtes Abenteuer hat wenig Wahrscheinliches. Hat man je gesehn oder gehört, daß sechs entthronte Könige in einem Wirtshause zusammen zur Nacht gespeist haben?

Das schlägt grade nicht mehr aus dem gewöhnlichen Gleis als die meisten Vorfälle, die uns begegnet sind, antwortete Martin. Daß Könige entthront werden, ist ein Erzwerkeltagsstückchen, und daß wir die Ehre gehabt haben, mit ihnen das Abendbrot zu nehmen, nun wahrlich, das ist eine solche Lumperei, daß ich nicht begreife, wie ein Schüler vom großen Panglos, ein wirklich philosophischer Kopf, davon was hermachen kann.

Kaum hatte Kandide den Fuß ins Schiff gesetzt, so stürzt' er auf seinen alten Diener, seinen Freund Kakambo zu und fiel ihm um den Hals. Nun, was macht meine Kunegunde? rief er. Ist sie noch immer das schöne Mädchen? Liebt sie mich noch immer? Oh, was macht sie? Du hast ihr unstreitig einen Palast zu Konstantinopel gekauft?

„Ach! 's hat sich was zu palasten, lieber Herr. „Die gute Kunegunde steht da am Rande des Mare di Marmara und scheuert Teller und Schüsseln; ist Sklavin von einem Prinzen, bei dem das Küchengerät herzlich dünn gesät ist. 's ist der alte Fürst Ragotsky, dem die osmanische Pforte täglich drei Taler in seiner Freistatt zufließen läßt. Alles schlimm genug, aber der hinkende Bote kömmt noch erst nach. Der Baroneß ihr niedliches Lärvchen ist ganz zum Kuckuck; sie ist, mit Respekt zu sagen, 'n wahrer Popanz geworden."

Mag's doch, sie sei Popanz oder schön, antwortete Kandide, so muß ich sie doch lieben; sie hat mein Wort, und ich bin ein teutscher Mann. Aber sag' mir, wie kann sie so zum Aschenbrödel herabgesunken sein? Du hast ihr doch fünf bis sechs Millionen gebracht? I ja doch! sagte Kakambo, hab' ich nicht dem Sefior Don Fernando d'Ibaraa y Figueora y Mascarenes y Lampourdos y Suza, Statthalter von Buenos Aires, zwei Millionen geben müssen, damit ich die Erlaubnis erhielt, Baroneß Gundchen mitnehmen zu dürfen? Und hat uns nicht all' das übrige ein Seeräuber redlich weggekapert? Und hat uns nicht eben dieser Seeräuber nach Capo Matapan, nach Milo, nach Nicaria, nach Samos, nach Aradh, nach den Dardanellen, nach Marmara, nach Scutari geschleppt? Kunegunde und die Alte dienen jetzt bei dem besagten Fürsten, und ich bin Sklave beim entthronten Sultan.

Welche unendliche Kette von entsetzlichen Unglücksfällen! sagte Kandide. Doch ich habe noch einige Diamanten, damit werd' ich Kunegunden leicht befreien können. Nur schade, daß sie so häßlich geworden ist! Hierauf wandte er sich zu Martinen und sagte: Wen halten Sie wohl für beklagenswürdiger, den Kaiser Achmet, Zar Iwan, König Karl Eduard oder mich? Um hierüber zu urteilen, müßt' ich einen Blick in Ihrer aller Herz tun können, sagte Martin. Ha! versetzte Kandide, wäre nur Panglos hier, der würde ohne diesen Blick uns dies gewiß lehren. Ich weiß nicht, was für eine Waage Ihr Panglos hätte zur Hand nehmen können, um die Unglücksfälle der Menschen und ihre Leiden genau gegeneinander abzuwägen, sagte Martin. Ich meinerseits kann weiter nichts für gewiß behaupten, als daß es auf dem Erdenrund Millionen Menschen gibt, die hundertmal bedauernswürdiger sind als König Karl Eduard, Zar Iwan und Sultan Achmet. Wohl möglich! erwiderte Kandide.

In wenig Tagen befanden sie sich auf dem Kanäle des Schwarzen Meers. Das erste, was Kandide tat, war, daß er Kakambo'n sehr teuer loskaufte, hierauf warf er sich ohn' alles Säumen mit seinen beiden Gefährten in eine Galeere, um an den Ufern des Mare di Marmara seine Kunegunde aufsuchen zu gehn, so häßlich sie auch immerhin sein möchte.

Unter den Ruderknechten waren ein paar, die gar erbärmlich ruderten; auch sprach von Zeit zu Zeit der Levantefahrer mit seinem Ochsenziemer ihren nackten Schultern zu. Jeden Hieb fühlte Kandide doppelt; und er fuhr ihm durch Mark und Bein. Durch einen innern Zug angetrieben, naht' er sich ihnen und faßte sie schärfer in's Auge.

So verunstaltet auch ihre Gesichter waren, so glaubt' er doch einige bekannte Züge darin zu entdecken; Züge, die einige Ähnlichkeiten von Panglos und dem unglücklichen gejesuiteten Baron hatten, dem Bruder von Baroneß Kunegunde.

Diese Vorstellung machte ihn ganz niedergeschlagen, packte ihn heftig. Wahrlich, sagt' er zu Kakambo, nachdem er sie noch schärfer in's Auge gefaßt hatte, hätte ich nicht den Magister Panglos hängen sehn und hätt' ich nicht den Baron unglücklicherweise über den Haufen gestochen, so dächt' ich, das wären sie beide, die an diese Bank geschmiedet sind.

Bei dem Namen Baron und Panglos stießen die beiden Ruderknechte einen lauten Schrei aus, standen still und ließen ihre Ruder fallen. Sogleich rannte der Levantefahrer auf sie los und verdoppelte die Schläge mit dem Ochsenziemer. Halten Sie ein, lieber Herr, halten Sie ein! rief Kandide. Ich will Ihnen geben, was Sie haben wollen.

Heiliger Gott! das ist Kandide, schrie einer von den Ruderknechten. Wahrlich! das ist er, rief der andre. Träum' ich? Wach' ich? rief Kandide. Bin ich hier wirklich auf der Galeere? Ist das der Baron, den ich getötet? Ist das Magister Panglos, den ich habe hängen sehn?

Wohl sind wir's! Ja, wir sind's! antworteten sie alle beide. Wie! ist das der große Philosoph? fiel Martin ein. He! Herr Levantefahrer, sagte Kandide, wieviel Lösegeld fordern Sie für den Herrn Leopold Woldemar von Donnerstrunkshausen, einen der vornehmsten Barone des Heiligen Römischen Reichs, und für den Herrn Magister Panglos, den allergründlichsten Metaphysiker in ganz Teutschland. Baron, Metaphysiker, sagte der Levantefahrer. Hum! Müssen wohl ansehnliche Ämter in deinem Lande sein! Nu, weißt du was, du Christenhund? Da sollst du mir für die beiden Christenhunde von Sklaven fünfzigtausend Zechinen geben.

Die sollen Sie haben, mein Herr, sagte Kandide. Bringen Sie mich nur schnell wie der Blitz nach Konstantinopel, und ich zahl' Ihnen das Geld auf einem Brette. Doch nein, bringen Sie mich lieber zu Baroneß Kunegunde. Gleich bei Kandidens ersten Worten hatte der Patron das Schiff umgelegt und ließ nach der Stadt schneller zurudern, als ein Vogel die Lüfte durchschneidet.

Kandide warf sich bald dem Baron um den Hals, bald Panglosen: Wie ist das möglich, lieber Baron, daß ich Sie nicht getötet habe? und wie können Sie noch leben, trauter Panglos, da Sie sind gehängt worden? Und wodurch sind Sie beide auf türkische Galeeren gekommen? Ist denn wirklich meine liebe Schwester in der Türkei? sagte der Baron. Nicht anders! antwortete Kakambo. So hab' ich dich denn wieder, lieber trauter Kandide, schrie Panglos, und drückt' ihn fest an seine Brust. Kandide stellte ihnen Kakambo'n und Martinen vor. Sie umarmten sich insgesamt und sprachen alle mit einem Male.

Schon lag die Galeere, die mit Sturmwindsfittichen geflogen war, im Hafen. Man ließ einen Mauschel kommen, welcher Kandiden einen Diamanten, der hunderttausend Zechinen unter Brüdern wert war, für die Hälfte abschacherte. Will glaich verkrümmen af der Stell', gnädiger Herr, wo ich Sie kann geben ainen roten Heller mehr, sagte der Jude.

Sogleich bezahlte Kandide das Lösegeld für den Baron und für Panglos. Letzter warf sich seinem Befreier zu Füßen und badete sie mit Tränen. Erstrer sagte mit hochadligem Kopfnicken: Ehster Tage sollen Sie Ihren Vorschuß wiederhaben, Kandide. Auf Kavaliers Parol! Ist's aber wohl möglich, daß sich meine Schwester in der Türkei befindet?

Nicht nur möglich, sondern auch wirklich, sagte Kakambo. Sie scheurt jetzt einem siebenbürgischen Fürsten sein bißchen Zinn. Sogleich mußten zwei Juden kommen; Kandide verschleuderte wieder etliche Diamanten: sie setzten sich auf eine andre Galeere und eilten, Kunegunden zu erlösen.

Achtundzwanzigstes Kapitel: Baron von Donnerstrunkshausen und Panglos erzählen, was ihnen bisher begegnet ist
Verzeihung, Ihro Wohlehrwürden, nochmals Verzeihung, daß ich Ihnen den Degen durch den Leib gejagt habe, sagte Kandide zum Baron.

Nichts mehr davon! antwortete dieser. Die Schuld war mein, muß ich gestehn; ich war ein wenig zu rasch. Doch Sie wollen wissen, was für ein Unglücksfall mich auf die Galeeren gebracht. Nun, so hören Sie. Wie der Bruder Apotheker aus unserm Kollegium meine Wunde geheilt hatte, die Sie tödlich glaubten, griff mich eine Partie Spanier an, führte mich fort nach Buenos-Aires, das meine Schwester eben verlassen hatte, und warf mich daselbst ins Gefängnis.

Ich bat um Erlaubnis, nach Rom zum Pater General gehn zu dürfen. Man fand's aber für gut, mich nach Konstantinopel zu schicken, um bei dem dortigen französischen Ambassadeur Kaplansstelle zu vertreten. Ich hatte noch nicht völlig acht Tage diese Bestallung gehabt, als mir des Abends ein ungemein wohlgebildeter junger Sultans-Page aufstieß. Erstaunlich schwül war's den ganzen Tag über gewesen, der junge Mann wollte sich baden, ich nahm die Gelegenheit wahr und badete mich mit. Ich wußte nicht, daß der Hals darauf stand, wenn ein Christ mit einem jungen Muselman zusammen in puris naturalibus betroffen wird. Ein Kadi, der mich vor sich bringen ließ, sagte mir dies, ließ mir hundert Stockprügel auf die Fußsohlen geben und verdammte mich — aus ungemeiner Milde — zu den Galeeren. Himmelschreiendere Ungerechtigkeit, glaub' ich, ist wohl nie begangen worden . .. Aber ich bitte Euch, Kandide, sagt mir, warum befindet sich meine Schwester in der Küche eines zu den Türken geflüchteten siebenbürgischen Fürsten?

Aber wie ist's möglich, trauter Panglos, rief Kandide, wie ist es möglich, daß ich Sie wiedersehe? Sonderbar muß es Ihnen freilich dünken, sagte Panglos, da Sie mich haben hängen sehn. Nach der Regel hätt' ich müssen verbrannt werden. Sie werden sich aber noch erinnern, daß es regnete, als gösse es mit Mulden, grad' als ich sollte geschmort werden. Dies Schlackerwetter ward so heftig, hielt so lang' an, daß man das Holz gar nicht zum Brennen bringen konnte. Da war also kein bess'rer Rat, als mich zu hängen. Ein Feldscher kaufte meinen Leichnam, nahm ihn mit nach Hause und hub ihn an zu sezieren. Er begann sogleich mit einem Kreuzschnitt vom Nabel an bis zum Schlüsselbein herauf. Erbärmlicher wie ich war wohl noch niemand gehängt worden. Der Vollstrecker der hochnotpeinlichen Halsgerichtsbarkeit bei der heiligen Inquisition, der Unterdiakonus war, verstand sich zwar perfekt darauf, Leute zu verbrennen, aber das Hängen war seine Sache gar nicht. Der Strick •war naß, glitschte also nicht, und er schlug einen ganz jämmerlichen Knoten.

Kurz, ich hatte noch Leben, beim Kreuzschnitt schrie ich so laut auf, daß der Feldscher rücklings zu Boden stürzte und sich einbildete, er hätte den Teufel seziert. Halbtot vor Schrecken rannt' er Hals über Kopf zur Stubentür hinaus, und Hals über Kopf stürzt' er auch die Treppe hinunter.

Die Frau kam über das Gepolter aus dem benachbarten Kabinett herzugerannt, sah mich mit dem Kreuzschnitt über den Tisch ausgestreckt liegen. Es kam sie noch ärgers Grauen an als ihren Mann, sie rannte volles Rennens nach der Treppe, fiel selbige herunter und auf ihre liebe Ehehälfte.

Als sie sich wieder erholt hatten, hört' ich die Frau zum Manne sagen: Wie hast du dir's denn können einfallen lassen, Papachen, einen Ketzer zu sezieren? Weißt ja wohl, daß dergleichen Kerls immer den Teufel im Leibe haben. Will nur hurtig hinlaufen und einen Priester holen, damit der ihn austreibt.

Bei diesen Worten lief mir's ganz kalt übern Nacken, ich glaubte, die Inquisition hätte mich schon wieder beim Schopf, raffte daher den wenigen Überrest meiner Kräfte zusammen und schrie: Um aller Heiligen willen, erbarmt Euch mein. Endlich bekam der portugiesische Barbier wieder Herz, ging herauf, flickte meine Haut wieder zusammen; seine Frau ließ es auch an keiner Pfleg' und Wartung mangeln, so daß ich nach vierzehn Tagen wieder auf den Beinen war.

Der Barbier tat sich nach einem Dienst für mich um und brachte mich als Lakai bei einem Malteserritter an, der nach Venedig ging. Da ich aber von diesem meinem Herrn keine Zahlung erlangen konnte, so begab ich mich bei einem Venezianer Kaufmann in Dienst, welcher nach Konstantinopel reiste.

Eines Tages kam ich auf den Einfall, in eine Moschee zu gehn; es befand sich niemand weiter darin als ein alter Iman und eine junge Andächtige; ein gar niedliches Dingelchen, das ihr Paternoster hersagte. Ihr liebreizender Busen war ganz unverhüllt. Ein schöner Strauß von Tulpen, Rosen, Anemonen, Ranunkeln, Hyazinthen und Bergschlüsselblumen steckte zwischen den warmwallenden Marmorhügeln, die so stark hüpften, daß sie den Strauß auf die Erde fallen ließen. Ich flog hinzu, hob ihn auf und steckte ihn wieder vor mit einer sehr ehrfurchtsvollen Geschäftigkeit und Zärtlichkeit.

Beim Anordnen der Blumen bracht' ich so lange zu, daß der Iman in Harnisch geriet und um Hilfe rief, weil er sahe, daß ich ein Christ war. Man führte mich vor den Kadi, der mir hundert Schläge mit dünnen Röhrchen auf die Fußsohlen geben ließ. Ich ward grad' auf eben die Galeere und grad' auf eben die Bank geschmiedet, worauf sich der Herr Baron befand.

Auf der nämlichen Galeere waren vier junge Marseiller, fünf neapolitanische Priester und zwei Mönche aus Korfu, die uns versicherten, dergleichen wären Alltagsgeschichtchen. Der Herr Baron behauptete stets, ihm wäre weit größeres Unrecht widerfahren wie mir; ich aber behauptete, es sei weit erlaubter, einem jungen Frauenzimmer einen Strauß wieder vor den Busen zu stecken, als sich in puris naturalibus mit einem Sultans-Pagen allein zu befinden. Wir disputierten beständig und empfingen richtig alle Tage unsere dreißig Karbatschenstreiche, als Sie durch die Verknüpfung der Begebenheiten in dieser Welt auf unsre Galeere kamen und uns loskauften.

„Nun, liebster Panglos, blieben Sie noch immer bei Ihrem Satze, wie Sie gehängt, seziert, zerprügelt, Ruderknecht geworden waren? Hielten Sie noch immer diese Welt für die beste?" Noch immer! häng' ich fest an meiner ersten Meinung, sagte Panglos, denn mit einem Wort, ich bin Philosoph, und der läßt sein System nie fahren, überdies konnte Leibniz gar nicht unrecht haben, und zudem gibt's nichts Vortrefflicheres auf der Welt als die vorherbestimmte Harmonie wie auch Lehre vom Raum und von dem Unteilbaren der Natur.

Neunundzwanzigstes Kapitel: Was maßen Kandide Kunegunden und die Alte wiederfand
Indes, daß Kandide, der Baron, Panglos, Martin und Kakambo sich ihre Abenteuer erzählten, über die zufälligen und nichtzufälligen Begebenheiten auf dem Weltall vernünftelten, über Wirkungen und Ursachen, über das moralische und physische Übel, über Freiheit und über Notwendigkeit herumdisputierten und über die Seelenstärkungen, die man auf den türkischen Galeeren bekommen kann, war ihr Schiff an das Haus des siebenbürgischen Fürsten angelandet, am Strande des Mare di Marmara.

Das erste, was ihnen ins Auge fiel, war Kunegunde und die Alte, die Servietten über eine Leine zum Trocknen hingen. Bei diesem Anblick erblaßte der Baron. Kandide, der zärtlich liebende Kandide, wich drei Schritt zurück, es überfiel ihn ein Grauen, als er die schöne Kunegunde so verwandelt sahe. Ihre Augen waren rot, triefend, ihr Busen brettern, ihre Wangen verschrumpft, ihre Arm' und Hände scharlachfarben und schuppicht. Um sie aber nicht zu kränken, naht' er sich ihr. Sie umarmte Kandiden und ihren Bruder; man umarmte die Alte, und Kandide kaufte sie alle beide los.

In der Nachbarschaft lag ein kleines Vorwerk. Die Alte tat Kandiden den Vorschlag, es in Erwartung glücklicherer Zeiten zu kaufen. Kunegunde wußte nicht, daß sie war häßlich geworden; es hatte niemand davon einen Wink fallen lassen. Sie erinnerte Kandiden an sein Versprechen in einem so gebietrischen Tone, daß der gute Kandide sich nicht unterstand, ihr einen Korb zu geben. Er ging also hin zum Baron und notifizierte ihm, daß er seine Schwester heiraten würde.

Diese Niederträchtigkeit von Seiten meiner Schwester und diese Frechheit von Seiten Ihrer, Kandide, werd' ich nie zugeben, sagte der Baron. Bei Gott! diese Infamie soll man mir nie vorwerfen! Die Kinder meiner Schwester würden nie Stifts- und turnierfähig sein! Nein, meine Schwester soll nie einen andern bekommen als einen Reichsfreiherrn.

Kunegunde warf sich ihm zu Füßen und badete sie mit Tränen; er blieb unbeweglich. Hans Hasenfuß! rief Kandide. Ich habe dich von den Galeeren gerettet, habe für dich und für deine Schwester das Lösegeld bezahlt. Sie war hier Scheuermädel, ist häßlich wie die Sünde, ich bin so gutherzig und will sie zum Weibe nehmen, und du willst es nicht zugeben. — Töten kannst du mich, aber heiraten sollst du nie die Baroneß, meine Schwester, so lang' ich lebe, rief der Baron.

Dreißigstes Kapitel: Schlußszene
So rechte Lust hatte freilich Kandide eben nicht, Kunegunden zu heiraten, indes hatte er sein Wort einmal gegeben, Kunegunde drang so heftig in ihn, und der außerordentliche Junkerstolz des Barons verdroß ihn so sehr, daß er den festen Entschluß faßte, die Heirat zu vollziehen. Vorher pflog er mit Panglosen, Martinen und Kakambo'n geheimen Rat.

Panglos verfertigte einen gar stattlichen Aufsatz, worin er bewies, daß dem Baron keine Gerechtsame über seine Schwester zustünden und daß sie nach allen Reichsgesetzen sich Kandiden konnte an die linke Hand trauen lassen. Martin stimmte dahin, daß der Baron sollte in's Meer geworfen werden. Kakambo tat den Ausspruch: Man müsse ihn wiederum dem Levantefahrer überantworten, eine Zeitlang an die Ruderbank schmieden und dann mit dem ersten, besten Schiffe nach Rom an den Pater General schicken.

Diesem Gutachten ward einstimmig beigetreten; die Alte billigte es auch, wie sie's erfuhr; vor Kunegunden ward's verheimlicht. Mit etlichen Dukaten war das Projekt ausgeführt, und man hatte die Freude, einen Jesuiten zu überlisten und einen ahnenstolzen Gauch zu bestrafen.

Verheiratet mit seiner Trauten, umgeben vom Philosoph Panglos und Philosoph Martin, vom klugen Kakambo und der weisen Alten und überdies im Besitz so vieler Diamanten, die er aus dem Vaterlande der alten Inkas mitgebracht, hätte man glauben sollen, daß Kandide das wonnigste Leben von der Welt führen müßte. Gewaltig geirrt! Die Juden hatten ihn so vielfältig geprellt, daß er weiter nichts übrigbehielt als sein Vorwerkchen; seine Frau ward täglich häßlicher und zugleich zänkisch und unleidlich; die Alte kränkelte in einem fort und war noch üblerer Laune als Kunegunde. Kakambo, der im Garten arbeitete und die Hülsenfrüchte nach Konstantinopel herein zum Verkauf trug, arbeitete und plackte sich ganz ab und vermaledeite sein Schicksal. Panglos war voll des bittersten Unmuts, daß er nicht mehr als Professor auf irgendeiner Universität seines deutschen Vaterlands glänzen konnte. Martin nahm alles, was ihn traf, gelassen hin, in der festen Überzeugung, daß allenthalben Elend und Unglück herrsche.

Kandide, Martin und Panglos disputierten manchmal über Sätze aus der Metaphysik und Moralphilosophie. Unter ihren Fenstern passierten sehr oft Schiffe vorbei, die mit Effendis, Bassas, Kadis beladen waren, welche nach Lemnos, Mytilene und Erzerum ins Elend geschickt wurden. Es kamen frische Bassas, frische Kadis, frische Effendis wieder, welche an den Platz der vertriebenen traten und nicht lange drauf wieder aus selbigen vertrieben wurden. Es schifften gar wohleinballierte Köpfe vorbei, die der hohen Pforte überreicht werden sollten.

Diese abwechselnden Auftritte gaben immer neuen Stoff zu neuen lebhaften Abhandlungen; wenn sie sich aber ausdisputiert hatten, herrschte eine so unausstehliche Langeweile unter ihnen, daß die Alte sich eines Tages unterstand, folgende Frage aufzuwerfen: Ich möchte wohl wissen, was schlimmer ist, hundertmal von maurischen Seeräubern geschändet zu werden, sein halbes Hinterteil sich abnehmen zu lassen, bei den Bulgaren Spießruten zu laufen, bei einem Autodafe gestäupt und aufgehängt zu werden, sich sezieren zu lassen, als Sklav auf den Galeeren zu rudern, kurz all' das Elend auszustehn, das wir insgesamt erlitten haben, oder sein ganzes Leben die Hand' im Schoße so hier zuzubringen. Eine wichtige Frage! sagte Kandide. Diese Frage brachte neue Betrachtungen auf die Bahn, und Martin zumal nahm Anlaß, hieraus zu folgern, der Mensch sei dazu geboren, sein Leben entweder in beständigem, krampfartigem Regen und Bewegen zuzubringen oder in der untätigsten schlaraff enhaftesten Langeweile.

Kandide war ganz andrer Meinung, die er aber nicht äußerte. Panglos räumte zwar ein, er habe stets das gräßlichste Elend erduldet; verfocht aber demungeachtet sein einmal angenommnes System: „Diese Welt ist doch die beste", auf's eifrigste, ohn' im geringsten daran zu glauben.

Jetzt ereignete sich ein Vorfall, der Martinen völlig in seinen verdammlichen Grundsätzen befestigte, Kandiden schwankender machte denn je und Panglosen nicht wenig in die Klemme trieb. Eines Tages kam nämlich Gertrud mit dem Bruder Viola in ihren Hof gewandert. Sie waren beide im äußersten Elende. Die dreitausend Piaster hatten sie Hals über Kopf durch die Gurgel gejagt, sich darauf getrennt, wieder ausgesöhnt, von neuem überworfen, im Gefängnis gesessen, sich daraus geflüchtet, und endlich war Bruder Viola Türke geworden. Wo sie hingekommen waren, da hatte Gertrud ihr Handwerk fortgesetzt, ohne damit was vor sich bringen zu können.

Ich sah's wohl voraus, daß Ihre Geschenke bald zerrinnen und daß die Leute unglücklicher werden würden denn zuvor, sagte Martin. Sie und Ihr Kakambo hatten Piaster zum Scheffeln und waren deshalb doch nicht glücklicher wie Bruder Viola und Gertrude. Haha! sagte Panglos zu Gertruden. So führt dich doch der Himmel wieder zu uns, herziges Kind. Weißt du wohl, daß du mich um die halbe Nase, um ein Auge und ein Ohr gebracht hast. .. O wie du aussiehst! ... Doch das ist alles der Welt Lauf. Über diesen Vorfall fingen sie stärker an zu philosophieren denn je. Sie hatten in der Nachbarschaft einen weitberühmten Derwisch, der für den besten Philosophen in der ganzen Türkei gehalten wurde; zu dem gingen sie und frugen ihn um Rat. Panglos war Sprecher. Wir kommen zu dir, Meister, um von dir zu erfahren, wozu das sonderbare Geschöpf, Mensch genannt, ist geschaffen worden?

Was kümmert dich das? sagte der Derwisch. Ist das deine Sache? Allein wohlerwürdiger Vater, hub Kandide an, es gibt gräßliches Elend auf Erden. Ob Elend oder Glück, gleichviel! antwortete der Derwisch. Wenn Ihro Kaiserliche Majestät ein Schiff nach Ägypten sendet, kümmert Sie sich wohl darum, ob's den Ratten und Mäusen im Schiffsboden behaglich ergeht oder nicht? Was soll man also machen? fragte Panglos. Schweigen! erwiderte der Derwisch. „Ich machte mir Hoffnung, über Wirkungen und Ursachen, über die beste der möglichsten Welten, über den Ursprung des Übels, über die Beschaffenheit der Seele und der vorherbestimmten Harmonie mich mit dir zu unterreden." Bei dieser Rede Panglosens warf der Derwisch ihnen die Türe vor der Nase zu.

Während dieser Unterredung erscholl das Gerücht, daß zu Konstantinopel zwei Wesire des Diwans und der Mufti erdrosselt und viele ihrer Freunde angepfählt worden seien. Dieser tragische Vorfall gab einige Stunden lang nicht wenig Gemunkel. Wie Kandide, Panglos und Martin wieder nach ihrem Vorwerkchen zurückkehrten, fanden sie einen wackern Greis in einer Pommeranzlaube vor seiner Tür sitzen, um der Kühle zu genießen. Panglos, der ein ebenso neugieriges als disputiersüchtiges Geschöpf war, fragte ihn, wie der eben erdrosselte Mufti hieße. Das weiß ich nicht, antwortete der ehrliche Alte, ich hab' mein Lebtage nicht gewußt, wie irgendein Mufti heißt oder ein Wesir; habe kein Sterbenswort von der ganzen Historie gehört. Ich denke, all' die politischen Kannengießer und Pfannenflicker mit dem Maul und in der Tat reiten gemeiniglich am Ende gar übel an, und's kann ihnen gar nicht schaden. Ich meines Parts erkundige mich niemals, was in Konstantinopel vorgeht, schicke meine selbstgepflanzten Gartenfrüchte 'rein und damit holla! Wie er dies gesagt hatte, führt' er die Fremden in sein Haus; seine beiden Töchter und beiden Söhne setzten ihnen vielerlei selbstverfertigte Sorbets vor. Sie bestanden aus Kaimak, dem man durch eingemachte Zedratschale, Pommeranzen, Zitronen, Limonen, Ananas, Pistazien einen herben Geschmack gegeben hatte; aus mokkaschem Kaffee, unvermischt mit dem elenden batavischen und insulanischen. Hierauf beräucherten die beiden Töchter des guten Muselmans Kandiden, Panglosen und Martinen die Bärte.

Sie müssen ein recht großes und prächtiges Landgut haben, sagte Kandide zum Türken. Weiter nichts als zwanzig Hufen, antwortete der Alte. Die bau' ich mit meinen Kindern an. Arbeit verscheucht die drei schlimmsten Feinde von uns, die Langeweile, das Laster und den Mangel.

Kandide behielt diese Rede des Türken und bewegte sie in seinem Herzen. Ha, sagt' er zu Panglos und Martin, dieser gute Greis scheint sich ein Los verschafft zu haben, das dem Lose der sechs Könige, mit denen wir die Ehre gehabt zu speisen, weit vorzuziehen ist.

Nichts gefährlicher in der Welt als Größe, sagte Panglos. Hierin stimmen alle Philosophen überein. Denn schließlich ward Eglon, der König der Moabiter, durch Ehud gemeuchelmordet; Absalon an den Haaren aufgehängt und mit drei Spießen durchstochen; König Nadab, der Sohn Jerobeams, ward durch Baesa getötet, König Ella durch Simri und König Joram und Ahasja durch Jehu, Königin Athalja durch den Priester Jojada; die Könige Jojakim, Jojachin und Zedekia wurden Sklaven. Ihr wißt das elende Ende von Krösus, Astyages, Darius, Dionys von Syrakus, Pyrrhus, Perseus, Hannibal, Jugurtha, Ariovist, Cäsar, Pompejus, Nero, Otto, Vitellius, Domitian, Richard dem Zweiten von England, Eduard dem Zweiten, Heinrich dem Sechsten, den drei Richards, Marie Stuart, Karl dem Ersten, den drei Heinrichen von Frankreich, vom Kaiser Heinrich dem Vierten? Ihr wißt ------

Ich weiß auch, sagte Kandide, daß unser Garten muß angebaut werden. Da haben Sie recht, sagte Panglos; denn wie Gott den Menschen in den Garten Eden setzte, setzte er ihn deshalb herein, ut operaretur eum, daß er ihn bebaute. Der beste Beweis, daß der Mensch nicht zur Ruhe geschaffen ist. Laßt uns arbeiten, ohne alle Vernünfteleien, sagte Martin. Das ist das einzige Mittel, sich das Leben erträglich zu machen.

Dies lobenswürdige Vorhaben unterstützte die kleine Gesellschaft tätig. Das kleine Gütchen trug viel ein. Kunegunde war grundhäßlich, wußte aber ganz treffliche Pasteten zu backen; Trudehen stickte und nähte; die Alte besorgte die Wäsche. Sogar Bruder Viola blieb kein unnützes Rad am Wagen; er wurde ein sehr guter Tischler, ja sogar ein rechtschaffner Kerl.

Und Panglos sagte manchmal zu Kandide: Jegliche Begebenheit im menschlichen Leben gehört in die Kette der Dinge. Denn wären Sie nicht Baroneß Kunegundens halber mit derben Fußtritten aus dem schönsten aller Schlössser gejagt, von der Inquisition nicht eingezogen worden, hätten Sie nicht Amerika zu Fuße durchwandert, dem Herrn Baron nicht einen tüchtigen Stoß mit dem Degen versetzt, nicht all' ihre Hammel aus dem guten Lande Eldorado eingebüßt, so würden Sie jetzt nicht hier eingemachten Zedrat und Pistazien essen. Gut gesagt! recht gut! sagte Kandide, allein wir müssen unsern Garten bestellen.
Voltaire
Kandide
oder
Die beste aller Welten
Übersetzt von Wilhelm Christhelf Sigismund Mylius
Erstes Kapitel: Was maßen Kandide in einem schönen Schlosse erzogen und aus selbigem fortgejagt wird
In Westfalen auf dem Schlosse des Herrn Baron von Donnerstrunkshausen ward mit der jungen Herrschaft zugleich ein junger Mensch erzogen, ein gar liebes, sanftes Geschöpf, aus dessen kleinstem Gesichtszuge Sanftheit hervorblickte. An Kopf fehlt' es ihm gar nicht, und doch war er so offen, so rund, so ohn' alles Arg wie unsre Ahnen. Ebendeswegen, glaub ich, nannte ihn Baroneß Engeline, Schwester des Herrn Barons, Kandide. Wie hätte eine Dame, die anderthalb Jahr zu Berlin in französischer Pension gewesen, sich auf einen teutschen Namen besinnen, oder wenn sie sich ja darauf besonnen, ihn goutieren können?

Kandide war - munkelten die alten Bedienten im Hause, - eine heimliche Liebesfrucht von ebenbesagter Schwester des Herrn Barons und einem guten ehrlichen Schlag von Landjunker aus der Nachbarschaft. Zum Gemahl hatte ihn die gnädge Baroneß nie gemocht, weil der arme Schlucker seinen Adel mit nicht mehr als einundsiebenzig Ahnen belegen konnte und weil der Rest seines Stammbaums durch den scharfen Zahn der Zeit war auf genagt worden.

Der Herr Baron, Hans Jost Kurt von Donnerstrunkshausen, war einer der Matadore in Westfalen, denn sein Schloß hatte Tür' und Fenster, ja sogar einen austapezierten Saal. Seine Kettenhunde stellten, wenn Not an Mann kam, eine Jagdkoppel vor, seine Stallknechte die Jäger und der Priester im Dorfe den Oberschloßkaplan. Alt und jung nannte den alten Herrn Ihro hochfreiherrliche Gnaden, und wollte vor Lachen bersten, wenn er etwas erzählte.

Die Frau Baroneß stand in gar großem Ansehn, denn sie wog richtig ihre dreihundertundfünfzig Pfund, wo nicht noch mehr, und wußte die Honneurs mit einer Würde zu machen, die ihr noch größre Hochachtung verschaffte.

Ihre Tochter, die Baroneß Kunegunde, war ein munters, rundes, rotbäckiges Ding, siebzehn Sommer alt und gar lieblich anzuschaun; Junker Polde, ihr Bruder, ein würdiges Ebenbild des gnädgen Herrn Papa. Magister Panglos, der Hofmeister der jungen Herrschaft, stellte das Hausorakel vor. Der junge Kandide schluckte jegliche seiner Lehren mit der Treuherzigkeit hinter, die seinem Alter und Charakter gemäß war.

Panglos lehrte die Metaphysiko-theologo-kosmolo-nigologie; bewies mit der stärksten philosophischen Suade, daß ohne Ursach keine Wirkung sein könne, und daß in dieser besten aller möglichen Welten das Schloß des gnädgen Herrn Barons das schönste aller Schlösser sei und die gnädge Frau die beste aller möglichen Baroninnen.

Es ist bereits klärlich dargetan, hub er zu demonstieren an, daß die Dinge nicht anders sein können, als sie sind; denn alldieweil alles, was da ist, zu einem Endzweck geschaffen worden, so zielt notwendig alles zu dem besten Endzweck ab. Gebt nur acht, und Ihr werdet diese Grundwahrheit durchgängig bestätigt finden. Betrachtet zum Beispiel Eure Nasen. Sie wurden gemacht, um Brillen zu tragen, und man trägt auch welche. Eure Beine: Ihr empfingt sie, um sie zu bestrümpfen und zu beschuhen, und Ihr bestrümpft und beschuht sie. Seht die Quadersteine an! Sie wachsen, um zersägt, behauen, und zum Bau der Paläste verwandt zu werden, derohalben hat unser gnädiger Herr Baron einen gar herrlichen Palast von Quadersteinen; der größte Baron im ganzen Herzogtume muß die beste, bequemste Wohnung haben, und hat sie auch. Die Schweine schuf Gott, damit der Mensch sie äße, essen wir nicht Schweinefleisch jahraus jahrein? Folglich ist es Torheit mit einigen zu behaupten, daß alles gut gemacht ist, aufs beste ist alles gemacht, muß man sagen.

Das fing der junge Kandide mit beiden offnen Ohren auf, und glaubte es in seiner Herzenseinfalt steif weg, denn er fand Baroneß Gundchen außerordentlich schön, ob er gleich nie den Mut gehabt hatte, es ihr zu sagen. Er schloß, die erste Stufe irdischer Glückseligkeit wäre Freiherr auf und von Donnerstrunkshausen, die zweite Baroneß Kunegunde zu sein, die dritte, sie täglich zu sehen, die vierte, den Magister Panglos zu hören, den größten Philosophen im ganzen Westfälischen Kreise, folglich auch in der ganzen Welt.

Eines Tages, als Baroneß Kunegunde in dem kleinen Gehölze am Schlosse spazierenging, das man den hochfreiherrlichen Park nannte, erblickte sie hinter dem Gesträuch den Herrn Magister Panglos, der Versuche aus der Experimentalphysik mit ihrer Frau Mutter Kammerjungfer anstellte, einem gar niedlichen und gar gefügen braunen Dirnchen. Die junge Baroneß lauscht' und lauschte mit dem leisesten Atemzug und beobachtete - denn sie hatte ungemeine Anlage zu den Wissenschaften - all' die Experimente, die der Magister von Zeit zu Zeit wiederholte; sähe Panglosens zureichenden Grund, die Ursachen und Wirkungen gar deutlich, und schlich fort in tiefen Gedanken. Ihr war so wohl und so weh ums Herz; die Begier, gelehrt zu werden, füllte ihre ganze Seele, und der Gedanke: sie könnte wohl des jungen Kandide zureichender Grund werden, und er der ihrige. Beim Hereintreten ins Schloß begegnete ihr Kandide; sie ward rot, Kandide auch. Guten Morgen Kandide! stammelte sie. Und Kandide schwatzte mit ihr, ohne zu wissen was. Den folgenden Tag, nach aufgehobner Mittagstafel, befanden sich Kunegund' und Kandide hinter einer spanischen Wand; Kunegunde ließ ihr Schnupftuch fallen, Kandide hob's auf; sie nahm ihn in aller Unschuld bei der Hand, er, auch in aller Unschuld, küßte der jungen Baronesse die ihrige, und das so warm, so herzlich! O es war keiner von Euren Theaterküssen! Ihre Lippen begegneten einander, ihre Augen erglühten, ihre Kniee bebten, ihre Hände verirrten sich.

In eben dem Nu ging der Herr Baron von Donnerstrunkshausen bei dem Schirm vorbei, und diese Ursach' und diese Wirkung erblickend, jagt' er Kandiden mit derben Fußtritten zum Schlosse hinaus. Gundchen sank in Ohnmacht; sobald sie sich ein wenig erholt hatte, ward sie von der gestrengen Frau Mama wieder völlig in's Leben zurückmaulschelliert, und in dem schönsten und anmutigsten aller Schlösser herrschte Bestürzung über Bestürzung.

Zweites Kapitel: Wie's Kandiden unter den Bulgaren geht
Vertrieben aus seinem irdischen Paradiese wanderte Kandide mit weinendem Auge fort, ohne zu wissen wohin, oft gen Himmel blickend, noch öfter nach dem Palaste, der die schönste aller jungen Baronessinnen in sich schloß; mit leerem Magen legt' er sich mitten im Felde hin, zwischen zwei Furchen. Es schneite die Nacht durch heftig; ganz erstarrt schlich Kandide mit dämmerndem Morgen nach einer benachbarten Stadt. Sterbensmatt vor Hunger und Strapaze, nicht einen Heller Geld bei sich, macht' er vor der Tür eines Wirtshauses höchst betrübt halt.

Zwei Blauröcke wurden ihn gewahr. Ha! ein hübscher Kerl, Herr Bruder! sagte der eine. Wie'n Rohr gewachsen! Just so groß, wie wir'n brauchen! Sie gingen auf Kandiden los und baten ihn sehr höflich, zu Mittag mit ihnen zu speisen. Ich finde mich ungemein durch Ihre Einladung beehrt, meine Herren, sagte Kandide mit einem bescheidenen Ton, der gleich seine Nation verriet, allein ich habe kein Geld, kann meine Zeche nicht zahlen. Ach! was Geld! was Zeche zahlen! sagte einer von den Männern. Das haben solche wohlgewachsne, artige junge Herren wie Sie nicht nötig. Sie messen sechs Zoll?

Die mess' ich, meine Herrn, sagte er mit einer Verbeugung. "Hurtig, mein Herr! zu Tische. Wir zahlen nicht allein die Zeche für Sie, wir werden auch sorgen, daß es einem Manne wie Ihnen nie an Gelde fehlt. "Wozu sind die Menschen in der Welt, als einander beizustehn, unter die Arme zu greifen?" Wohl wahr! sagte Kandide, so hat mich der Herr Magister Panglos immer gelehrt, und ich sehe wohl ein, daß alles aufs beste gemacht ist. Man drang ihm etliche Taler auf; er wollt' ihnen dafür schwarz auf weiß geben; sie wollten's nicht. Man setzt sich zu Tische, ißt, trinkt. Nicht wahr, fängt der eine an, Sie sind ihm recht herzlich gut dem . . . Dem herzensguten engelhaften Kunegundchen? antwortet' er. Wohl bin ich's; ich liebe sie; bete sie an. "Nicht doch! den König der Bulgaren meinen wir, ob Sie dem recht herzlich gut sind?" Was wollt' ich? Ich kenn' ihn gar nicht, antwortete jener; hab' ihn nie gesehn. "Kennen ihn gar nicht! Haben ihn nicht gesehn! Den Mann nicht! Teufel! das ist der trefflichste Herr auf Gottes Erdboden! solchen König gibt's gar nicht mehr! Hallo! Er soll leben!" Das soll er! rief Kandide aus vollem Herzen, und stieß an. Wie er geleert, hieß es: Na, so wär's denn geschehn! Nun sind Sie Held! Die Säule der Bulgaren! Ihr Schutz und ihr Schirm! Die Schranken der Ehre stehn vor Ihnen geöffnet! Lorbeern ohne Zahl warten Ihrer!

Sogleich legte man ihm Schellen an die Füße und führte ihn zum Regimente. Da lernt' er das Rechtsundlinksumkehrteuch, Gewehr hoch, Gewehr beim Fuß, Feuer, Marsch, und kriegt' dabei dreißig Prügel; den andern Tag exerziert' er schon ein wenig besser und bekommt nur zwanzig; den Tag drauf gar nur zehne, und all' seine Kameraden gafften ihn als ein blaues Meerwunder an.

Kandide war noch ganz verdutzt, konnte gar nicht recht begreifen, wie er so im Hui zum Helden geworden. An einem schönen Frühlingsmorgen fällt's ihm ein, spazierenzugehn. Er schlendert grade vor sich hin, der Meinung: die Menschen hätten sowohl wie die Tiere das Vorrecht, sich ihrer Beine nach Belieben zu bedienen. Kaum hat er zwei Meilen gemacht, wie ein Blitz sind ihm vier andre sechsschuhige Helden auf den Hals, binden ihn und werfen ihn in ein Loch, wohin nicht Sonne nicht Mond kam.

Ein wohllöbliches Kriegsgericht fragte ihn, was er lieber wollte, sechsunddreißigmal Spießrutenlaufen oder sich drei bleierne Kugeln mit eins ins Gehirn jagen lassen. Kandide hatte gut sagen, daß des Menschen Wille frei sei und daß er keins von beiden möchte; das half nichts, er mußte wählen. Sonach entschloß er sich denn, kraft der lieben Gottesgabe, Willensfreiheit genannt, sechsunddreißigmal Spießruten zu laufen.

Zweimal hatte er die Wandrung gemacht, Gaß' auf, Gaß' ab; und weil das Regiment aus zweitausend Mann bestand, hatte er seine viertausend Hiebe richtig weg. Alle Muskeln und Nerven vom Nacken an bis zum Wirbelbein des Rückens herab, lagen ganz blank und bar da. Den dritten Gang machen sollend und nicht könnend, erbat er sichs zur Gnade, erschossen zu werden. Man gestand's ihm zu; verband ihm die Augen, ließ ihn niederknien.

In eben dem Nu reitet der König der Bulgaren vorbei, fragt, was der arme Sünder begangen und nimmt aus allen Umständen ab - denn er war ein großes Genie -, daß Kandide ein junger Metaphysiker sei, dabei noch völlig Neuling in der Welt, und begnadigte ihn mit einer Milde, die Welt und Afterwelt in Journalen und Chroniken preisen wird. Ein braver Kompaniefeldscher kurierte Kandiden binnen drei Wochen mit erweichenden Mitteln nach der Vorschrift des großen Dioskorides. Haut hatte Kandide bereits schon ziemlich, und marschieren könnt' er auch schon, als der König der Bulgaren dem Könige der Abaren ein Treffen lieferte.

Drittes Kapitel: Wie Kandide den Bulgaren entkam und wie's ihm nachher erging
So flink und flimmernd, so wohlgeordnet, so stattlich hatte man noch nie Armeen gesehn als diese beiden. Trompeten und Pfeifen, Hoboen und Trommeln, Mörser und Kanonen machten ein so vollstimmiges Konzert, als selbst Satanas in der Hölle nicht geben kann.

Zuerst rissen die Kanonen auf jeder Seite so ein sechstausend Mann nieder, alsdann säuberte das Musketenfeuer die beste aller möglichen Welten von so ein neun- bis zehntausend Schurken, die deren Oberfläche angesteckt hatten. Das Bajonett war gleichfalls ein zureichender Grund, daß einige tausend Menschen umkamen. Die ganze Summe mochte sich wohl auf ein dreißigtausend Seelen belaufen.

Kandide, der als echter Philosoph zitterte und bebte, ließ die heroischen Metzger immer fortmetzeln und verbarg sich, so gut er konnte.

Endlich hatte die Fehd' ein Ende; die beiden Könige ließen das Te Deum in ihren Lagern anstimmen. Derweil faßte unser Kandide den Entschluß, in andern Gegenden über Wirkungen und Ursachen zu philosophieren; stieg über die Haufen der Toten und Sterbenden weg und arbeitete sich in einen nahbelegnen Aschenhaufen vom Dorfe herein. Es hatte vor kurzem den Abaren gehört, und die Bulgaren hatten es dem Völkerrechte gemäß abgebrannt.

Greise lagen hier, die Wund' an Wunde hatten und neben sich ihre zermetzelten Weiber mußten hinsterben sehn, an deren blutenden Brüsten ihre Säuglinge zappelten; dort gaben Jungfrauen ihren Geist auf, deren jegliche einem Halbdutzend Helden ihre Naturbedürfnisse hatte stillen müssen und nachher war entbaucht worden; hier schrien andre, deren Leichnam halbverbrannt war: man möcht' ihnen nur den Rest geben. Die ganze Erde war mit Gehirnen übersät und mit Armen und Beinen.

Kandide floh in voller Hast in ein ander Dorf. Es gehörte den Bulgaren, und die Helden unter den Abaren hatten ihnen kein Haar besser mitgespielt. Noch immer mußte der arme Flüchtling über zuckende Glieder gehn und über Schutt und Graus. Endlich sah' er sich außerhalb des Kriegstheaters; in seinem Schnappsack etwas weniges Mundproviant habend und in seinem Herzen die ihm unvergeßliche Baroneß Gundchen. Als er in Holland ankam, war er mit seinem Proviant zu Rande; da er aber gehört hatte, hier sei jedermann reich und Christ, so dacht' er, es würd' ihm hier so gut gehn als im Schlosse des Herrn Barons, bevor er aus selbigem Baroneß Gundchens schöner blauer Augen halber war gejagt worden. Er sprach viele gravitätsche Allongenperücken, die sich bei ihm vorbeischoben, um einen Zehrpfennig an und viele ehrbare alte Hauspostillen, die bei ihm wegtrippelten; allein diese sowohl wie jene rückten mit nichts hervor als mit der Ermahnung: diese Lebensart fahren zu lassen, sonst würde man ihn im Zuchthause unterbringen.

Hierauf wandt' er sich an einen Mann, der eine Stunde lang ganz allein in einer großen Versammlung über christliche Nächstenliebe und Barmherzigkeit gesprochen. Dieser Redner sah' ihn über die Schulter an und sagte: Freund, warum seid Ihr hieher kommen? Um Euch zu dem kleinen Häuflein der Gerechten und Stillen im Lande zu gesellen? Oder waserlei ist die Ursach?

Jegliche Wirkung, hub Kandide in bescheidnem Tone an, hat ihre Grundursach; jegliche Begebenheit unsers Lebens ist ein notwendiges Glied in der Kette der Dinge; ist selbiger aufs geschickteste, beste eingepaßt. Ich mußte von Baroneß Kunegunden fortgejagt werden, mußte Spießruten laufen und muß so lange mein Brot betteln gehn, bis ich welches verdienen kann; das alles konnte nicht anders kommen.

Glaubt Ihr denn, mein Freund, sagte der Redner zu ihm, daß der Papst der Antichrist sei? Davon hab' ich noch nie gehört, antwortete jener, auch gilt's mir ganz gleich, sei er's oder sei er's nicht; hätt' ich nur Brot. Auch nicht der Brosämlein einen verdienst du, heilloser Bube, die von der Herren Tische fallen, sagte der Schwarzrock. Heb' dich aus meinen Augen, du Schalk du! du Belialsbrut!

Des Redners Frau, die den Kopf zum Fenster hinausgesteckt und vernommen hatte, daß es einen Menschen gab, der an der Antichristheit des Papsts zweifelte, leerte über sein Haupt einen vollgerüttelten und geschüttelten Nachttopf. Gott, wie weit geht der Religionseifer bei den Damen!

Ein niegetauftes Geschöpf, ein wackrer Wiedertäufer, namens Jakob Schwezinger, sähe, wie hartherzig, wie schmählich man einem seiner Brüder begegnete, einem zweifüßigen, federlosen Geschöpf, das doch eine Seele hatte; und es jammerte ihn sein, und er führte ihn hinab in sein Haus und säuberte ihn und gab ihm Brot zu essen und Bier zu trinken, und schenkte ihm zwei Gulden; auch wollt' er ihn sogar in seiner Fabrik arbeiten lehren, woselbst mitten in Holland persische Stoffe verfertigt wurden.

Kandide wollte sich ihm zu Füßen werfen und schrie: Er hat wohl recht, der gute Herr Magister! Diese Welt ist die beste! Ihr außerordentlicher Edelmut macht tiefern Eindruck auf mich als die Hartherzigkeit des Herrn Schwarzmantels und seiner Frau Gemahlin.

Den folgenden Tag stieß er beim Spazierengehn auf eine wahre Lazarusfigur von Bettler. Über und über mit Schwären bedeckt war sein Aug erloschen, die Nasenspitze weggefressen, der Mund ganz verzogen, die Zähne kohlschwarz. Er gurgelte und hustete jedes Wort hervor; und sein Husten war so heftig, daß er jedesmal einen Zahn ausspie.

Viertes Kapitel: Wie Kandide seinen alten Lehrmeister in der Philosophie, den Magister Panglos, wiederfand und was weiter geschahe
Kandide, der mehr Mitleid als Entsetzen bei diesem Anblick empfand, gab dem Scheusal von Bettler die zwei Gulden, die ihm der biederherzige Wiedertäufer Jakob gegeben hatte. Diese Jammergestalt sah' ihn starr an, Tränen rannten von ihren Wangen, und sie fiel Kandiden um den Hals, der vor Schreck zurückbebte.

Und Ihr kennt Euren lieben Panglos nicht mehr? sagte der eine Unglückliche zum andern Unglücklichen. "Was hör' ich? Sie sind's, mein lieber Lehrer? Sind in solch gräßlich Elend gesunken? Wodurch das? Und weshalb nicht mehr in dem schönsten aller Schlösser? Was ist aus Baroneß Kunegunden geworden, der Perl' aller Mädchen, dem Meisterstücke der Natur?" Mit mir ist's aus, rief Panglos, und sank um.

Alsbald schleppt' ihn Kandide in des Wiedertäufers Stall und gab ihm ein paar Bissen Brot, und als er sich wieder ein wenig erquickt hatte, fragt' er ihn: Nun, und Kunegunde? Ist tot, erwiderte jener. Bei diesen Worten sank Kandide in Ohnmacht; sein Freund brachte ihn mit einem paar Tropfen verdorbnem Weinessig wieder zu sich, der sich von ungefähr im Stalle fand. Kandide (die Augen aufschlagend): Tot! Kunegunde tot! Oh, wo bist du beste der Welten ? - Aber woran starb sie? Gab ihr das den Tod, daß sie mich aus ihres Herrn Vaters schönem Schlosse mit derben Fußstößen hinausjagen sahe?

Panglos. Das nicht! Bulgarische Soldaten schlitzten ihr den Bauch auf, nachdem sie selbige zuvor auf's möglichste genotzüchtigt hatten; den Baron, der ihr beistehn wollen, hatten sie vor'n Kopf geschossen; die Frau Baronin in Stücken zerhauen; meinem armen Untergebnen nicht besser mitgespielt als seiner Baroneß Schwester; und was das Schloß anlangt, da ist kein Hammel, keine Ente am Leben geblieben, kein Stein auf dem andern, keine Scheune, kein Stall, kein Baum auf seinem alten Fleck. Wir haben aber Genugtuung bekommen, völlige Genugtuung. Die Abaren haben's auf einem benachbarten bulgarischen Rittersitz ebenso gemacht.

Kandide sank bei der Erzählung abermals in Ohnmacht; nachdem er aber wieder zu sich gekommen war und ein gehöriges Lamento angestimmt hatte, erkundigt' er sich nach der Ursach und Wirkung und dem zureichenden Grunde, der Panglosen in einen so erbärmlichen Zustand versetzt.

Panglos. Ach Liebe war's, Liebe, sie, die Trost auf das ganze menschliche Geschlecht herabströmt, das ganze Universum umfaßt und erhält, sie, der Lebensquell aller fühlenden Geschöpfe; Liebe war's, der zärtlichste aller Affekte. Kandide. Auch ich hab sie gekannt, diese Liebe, sie, die alle Herzen beherrscht, Leben und Licht in unsre Seele bringt; und der Lohn, den sie mir gab, bestand aus einem Kuß und zwanzig Fußtritten in den Hintern; ein beßrer Lohn ward mir nie. Wie konnte aber diese schöne Ursach so abscheuliche Wirkungen bei Ihnen hervorbringen?

Panglos. Sie haben doch die Gertrud gekannt, lieber Kandide, das niedliche Zöpfchen von dem königlichen Weibe der alten Baronessin? In ihren Armen hab' ich Paradieseswonne geschmeckt, und eben die hat das Höllenfeuer in all' meinen Adern angefacht, das mich jetzt so wütig anfleckt. Das arme Mädchen war angesteckt und ist vielleicht schon nicht mehr. Gertrud hatte von einem hochgelahrten Franziskanermönch dies Geschenk, das er aus der ersten Hand bekommen hatte; denn er hatte es von einer alten Reichsgräfin, die Gräfin von einem Dragonerhauptmann, der Hauptmann von einer Marquise, die Marquise von einem Pagen, der Page von einem Jesuiten, und der Jesuit noch in seinem Probestande recta via von einem Gefährten des Christoph Kolumbus. Ich meines Orts, werd's niemanden mitteilen, denn ich sterbe.

Kandide. O Panglos! Eine gar sonderbare Sippschaft! Der Teufel ist wohl gar der Stammvater?

Panglos. Behüte! Die beste aller möglichen Welten konnte ohne diese Krankheit nicht bestehen; sie war ein unumgänglich nötiges Ingredienz; denn hätte nicht Kolumbus in einer amerikanischen Insel diese Seuche geholt, die den Zeugungsquell vergiftet, seine Wirkungen oft völlig entkräftet und dem großen Zwecke der Natur augenscheinlich entgegenarbeitet, so hätten wir weder Schokolat noch Koschenille.

Überdies muß man bemerken, daß sie lediglich nur uns Europäern anhängt, so wie die Sucht zu polemisieren. Türken und Inder, und die da wohnen in China und Siam und Japan wissen davon noch nichts bis auf den heutigen Tag. Indes gibt's einen zureichenden Grund, daß in den Folgejahrhunderten auch an diese Völker die Reihe kommen wird, sie kennenzulernen. Derweil' aber macht sie bei uns ganz erstaunend Schnelle Fortschritte, zumal in den großen Armeen, welche aus lauter wackern, wohlerzogenen Mietlingen bestehn, die das Schicksal der Staaten entscheiden. Man kann behaupten, wenn dreißigtausend Mann gegen eine eben so starke Armee in Schlachtordnung stehn, daß sich auf jeder Seite ungefähr an die zwanzigtausend befinden, die die Lustseuche haben.

Kandide. Alles gut, lieber Magister, aber jetzt müssen Sie auf Ihre Kur denken.

Panglos. Auf meine Kur denken, und habe keinen Heller. Sie müssen wissen, liebes Kind, auf Gottes weitem, rundem Erdboden gibt's keine Seele nicht, die einem zur Ader läßt oder ein Klistier setzt, wenn man's nicht bezahlen kann, oder nicht einen hat, der's an unsrer Stelle tut.

Panglosens letzte Worte bestimmten Kandiden; er flog zu seinem mitleidigen Wiedertäufer, warf sich ihm zu Füßen und malte seines Freundes Zustand mit so warmem, kräftigem Pinsel, daß dieser Biedermann den Magister ohn' alle Schwierigkeit annahm und ihn auf seine Kosten heilen ließ.

Panglos verlor bei der Kur nur ein Auge und ein Ohr. Schreiben könnt' er wie der geschickteste Kanzelist und rechnen wie Euler; darum macht' ihn Wiedertäufer Jakob zu seinem Buchhalter.

Als er nach Verlauf von zwei Monaten in Handlungsangelegenheiten nach Lissabon gehen mußte, nahm er seine beiden Philosophen mit. Panglos bewies ihm deutlich, es sei alles auf das beste eingerichtet. Gewesen wohl, fiel ihm Jakob Schwezinger ein, aber jetzt nicht mehr. Durch die Menschen, denk' ich, ist die Natur um ein gut Teil verdorben worden. Wolfssinn ward ihnen nicht angeboren und doch haben sie ihn. Gott gab ihnen nicht Vierundzwanzigpfünder, nicht Bajonette, sie gössen sie sich aber, schliffen sie sich, um einander aufzureiben. Auch die Bankrotte könnt' ich hier in Anschlag bringen, und die Obrigkeiten, welche die Gläubiger um des Bankrottiers Habe prellen und es in ihren Wanst schieben. Alles das ist unumgänglich notwendig, erwiderte Magister Einauge. Es trägt zum allgemeinen Wohl bei, wenn Hinz unglücklich ist und Kunz; je mehr Privatunglücksfälle also, je besser für's Ganze.

Während des Philosophierens bewölkte sich der Himmel, die Winde bliesen aus allen vier Enden der Welt, und das schrecklichste Ungewitter packte das Schiff im Angesicht des Lissabonner Hafens.

Fünftes Kapitel: Seesturm, Schiffbruch, Erdbeben, Schicksal des Magister Panglos, Kandidens und des Wiedertäufers Jakob Schwezinger
Nicht lange, so waren die Segel zerrissen, die Maste zerschmettert, das hinundhergeschleuderte Schiff ganz leck. Der Schreck war den meisten darauf so heftig auf die Nerven gefallen, hatte solche Revolution in ihrem ganzen Körper hervorgebracht, daß sie ganz fühllos und starr bei der sie umschwebenden Gefahr waren; die übrigen kreischten und beteten laut; wer arbeiten konnte, arbeitete; da hörte niemand, befahl niemand.

Der Wiedertäufer stand auf dem Verdeck und half ein wenig. Ein wütender Matros stürzte ihn durch einen derben Stoß zu Boden, prellte aber durch dessen Heftigkeit selbst eine Ecke zurück und über Bord kopfüber ins Wasser. Zum Glück blieb er an einem Ende des Mastes hängen. Der gutherzige Jakob springt ihm zur Hilfe, zerarbeitet und zerquält sich, ihn heraufzuziehn, und fällt darüber selbst ins Meer. Der dabeistehende Matros läßt seinen Retter untersinken, ohn' einmal auf ihn hinzublicken. Kandide kommt herzu, sieht seinen Wohltäter mit den Wellen kämpfen und einen Augenblick darauf auf ewig von ihnen verschlungen. Er will ihm nach, Philosoph Panglos hält ihn zurück und beweist ihm, die Lissabonner Reede sei ausdrücklich dazu erschaffen worden, daß Wiedertäufer Schwezinger daselbst ertrinken mußte.

Indem er dies a priori bewies, barst das Schiff. Alles, was drauf war, kam um bis auf Panglosen, Kandiden und das Ungeheuer von Matrosen, der den tugendhaften Wiedertäufer hatte ertrinken lassen. Der Schurke schwamm glücklich ans Ufer, das Panglos und Kandide gleichfalls auf einer Planke erreichten.

Wie sie sich etwas erholt hatten, gingen sie auf Lissabon zu, in der Hoffnung, mit dem kleinen Überrest ihres Geldes sich vor dem Hunger zu bergen, nachdem sie glücklich dem Schiffbruch entronnen waren; unterwegs manche Träne über den Tod ihres Wohltäters vergießend.

Kaum hatten sie den Fuß in die Stadt gesetzt, so fühlten sie die Erde unter sich dröhnen, das Meer brauste im Hafen empor und zerschellte die vor Anker liegenden Schiffe. Feuer- und Aschenwirbel bedeckten die Gassen und öffentlichen Plätze; die Grundfesten der Häuser wichen aus den Fugen, Giebel, Dächer stürzten herab, die Häuser zerschossen in Schutt und Trümmer, und dreißigtausend Einwohner jegliches Geschlechts und Alters erlagen unter selbigen.

Schwernot! hier wird's was zu schnappen geben! rief der Matros und pfiff sich ein lustig Stückchen. Was mag wohl der zureichende Grund dieses Phänomens sein? sagte Panglos. Es ist der jüngste Tag! rief Kandide.

Der Matros rannte spornstreichs unter die herabstürzenden Balken und Mauern und trotzte dem Tode, um Geld zu finden. Er fand welches, stopfte alle Taschen damit voll, besoff sich, und wie er den Rausch ausgeschlafen, dung er sich die erste beste Jungfer gutwillig, die er antraf, und mitten auf dem Schutt eingestürzter Häuser und unterm Haufen Sterbender und Toter berauschte er sich an dem fröhlichsten Liebesgenuß. Panglos zupfte ihn indes beim Ärmel und sagte: Daran tut Ihr nicht Recht, Freund; das streitet mit allen Gesetzen der Billigkeit; dazu ist jetzt keine Zeit. "Schocktausend Pestilenz! Herr, ich bin Matros und aus Batavia; bin viermal in Japan gewest und habs Kruzifix viermal mit Füßen getreten. Bei mir kömmt Er gar blind mit seiner Billigkeit und all dem dummen Schnack."

Während der Zeit, daß dies im Hintergrunde vorging, hatten einige herabgestürzte Steine Kandiden hart getroffen; er war umgesunken und lag unter den Trümmern fast begraben. Lieber Panglos! rief er, nur ein wenig Wein und Öl, oder ich muß sterben. Dieses Erdbeben ist gar nichts besonders, antwortete der sich nähernde Panglos, im verwichnen Jahre hatte die Stadt Lima in Amerika ein gleiches Schicksal: gleiche Ursachen bringen gleiche Wirkungen hervor, es geht ganz gewiß kein Strich Schwefel von Lima bis nach Lissabon unter der Erde weg.

"Höchstwahrscheinlich! aber um Gottes willen ein wenig Öl und Wein." Wahrscheinlich nur? nur wahrscheinlich wär's? erwiderte der Philosoph, erwiesen ist es, Herr, klar erwiesen, behaupt' ich. Kandide ward ohnmächtig, und Panglos brachte ihm ein wenig Wasser aus einem benachbarten Springbrunnen. Sie durchkrochen den Tag darauf die eingestürzten Gebäude, fanden da einige Lebensmittel, erquickten und stärkten sich wieder ein wenig und halfen darauf - wie andre auch taten - den dem Tode entronnenen Einwohnern retten, was sich noch retten ließ.

Einige Bürger, denen sie beigesprungen waren, tischten ihnen ein so gutes Mahl auf, als man in der Lage nur verlangen konnte. Es war ein Mahl der Traurigkeit, jeder Bissen mit Tränen benetzt.

Panglos tröstete die Anwesenden und gab ihnen die Versicherung; daß es gar nicht anders sein könnte, weil die Welt aufs beste eingerichtet sei. Denn, sagte er, wenn zu Lissabon ein unterirdischer Brand ist, kann keiner zu Wien und Berlin sein, sintemal es unmöglich, daß ein Ding an mehr als an einem Orte zugleich sein kann, alldieweil alles, was da ist, gut ist.

Neben ihm saß ein schwarzröckiges Männlein, ein Familiar der heiligen Inquisition, das hub in höflichem Tone an: Vermutlich glauben der Herr keine Erbsünde, denn wenn alles, was da ist, gut ist, gibt's weder Sündenfall noch Strafe.

Ich bitte Ew. Hochehrwürden alleruntertänigst um Verzeihung, erwiderte Panglos mit noch höflicherm Ton und Gebärden, ich glaube beides, alldieweil der Sündenfall und der über die Menschen ausgesprochne Fluch in den Plan der besten aller möglichen Welten notwendig hereingehören.

Also statuieren der Herr keine Willensfreiheit? sagte der Familiar. "Ew. Hochehrwürden verzeihen; Willensfreiheit kann sich mit der unumschränkten Notwendigkeit gar wohl vertragen, sintemal es notwendig war, daß wir willensfrei waren, alldieweil der vorherbestimmte Wille ..."

Panglos steckte noch mitten in seiner Demonstration, als der Familiar der Inquisition seinem Untergebenen, der ihm Oporto oder Porto einschenkte, einen Wink mit dem Kopf gab.

Sechstes Kapitel: Probates Mittel der hochehrwürdigen Inquisition fürs Erdbeben, bestehend in einem schönen Autodafe, wobei Kandide den Staupbesen bekommt
Nachdem das Erdbeben drei Viertel von Lissabon verwüstet hatte, war im Rate der Wächter und Weisen des Landes beschlossen worden, dem Pöbel ein gar stattliches Autodafe zu geben. Ein kräftigers Mittel, dem gänzlichen Untergange der Stadt vorzubauen, hatten sie nicht können ausfindig machen. Auch hatte die Universität zu Coimbra den Ausspruch getan: einige Personen mit gehörigen Solennitäten und Formalitäten an langsamem Feuer gebraten, wäre das probateste Mittel, allen f ernerweitigen Erdbeben vorzubeugen.

Sonach hatte man einen Biskajer eingezogen, der seine Gevatterin geheiratet zu haben war überführt worden, und zwei Portugiesen, die den Speck aus einem Huhn geschnitten hatten, eh' sie's gegessen. Nach dem Essen wurde Magister Panglos samt seinem Jünger Kandide in Ketten und Banden gelegt; jener wegen seiner Reden, dieser wegen der Miene des Beifalls, mit der er zugehört. Man führte jeden in ein besonders Gemach, kühl wie ein Eiskeller, wo die Sonne einem nie auf die Scheitel stach. Nachdem acht Tage verflossen waren, legte man ein Skapulier um ihre Schultern und schmückte ihre Häupter mit Papiermützen. Kandidens Mütz' und Skapulier war mit abwärtsgehenden Flammen bemalt und mit Teufeln sonder Krallen und Schwänzen, aber Panglosens Teufel hatten Krallen und Schwänze, und die Flammen stiegen aufwärts.

So bekleidet zogen sie in feierlichster Prozession daher, hörten eine Predigt an, die durch Mark und Bein fuhr, und darnach eine gar unliebliche, disharmonische Choralmusik. Während des Gesangs ward Kandide nach Noten mit Ruten gestrichen; der Biskajer und die beiden Speckverächter verbrannt, und Panglos wider allen Schick und Brauch aufgehängt. Und unter der Erde begann von neuem ein gräßliches Gerassel und Geprassel.

Kandide, ganz ein Raub der Angst und des Schreckens, an jedem Gliede zitternd und blutrünstig, sagte bei sich selbst: Ist das die beste aller möglichen Welten, nun so möcht' ich die übrigen sehn! Daß ich mit Ruten gestrichen werde, möchte noch hingehn, wurd' ich's doch auch bei den Bulgaren; aber daß ich dich muß hängen sehn, trauter Panglos, größter aller Philosophen, ohne zu wissen warum; daß ich dich, bester aller Menschen, trauter Jakob, vor meinen Augen im Hafen mußte ertrinken sehn, daß ich hören muß, wie Ihnen, Baroneß Gundchen, der Kron' aller Mädchen, der Bauch ist aufgeschlitzt worden, das, das kann ich nicht verschmerzen, das verleitet mich zu murren.

Mit jedem Schritt einknickend, schwankte Kandide zur Stadt hinaus; war durch Prediger und Büttel wohl gestäupt worden, hatte Absolution und Segen erhalten. Ein altes Mütterchen näherte sich ihm und sagte: Seid getrost und unverzagt, mein Sohn, und kommt mit.

Siebentes Kapitel: Kandide wird von der Alten wohl gepflegt und findet unverhofft seine Geliebte
Getrost und unverzagt ward Kandide nun zwar nicht, aber mit ging er. Sein Führer brachte ihn in ein altes, ganz verfallnes Gebäude, gab ihm ein Krügelchen Pomade, sich damit zu salben, setzte ihm zu essen und zu trinken hin, zeigte ihm ein ganz sauber Bettchen und daneben einen ganz vollständigen Anzug. "So wünsch' ich Ihnen denn gesegnete Mahlzeit und auch angenehme Ruh! Und empfehle Sie der gnädgen Obhut Unsrer Lieben Frauen im Busche und des heiligen Antonius von Padua und des heiligen Jakobs von Compostel, unsrer allergnädigsten Schutzpatrone. Morgen früh mach' ich Ihnen wieder meine Aufwartung."

Kandide durch alles, was er gesehn, durch alles, was er erlitten, am meisten aber durch das liebreiche Betragen der Alten in die heftigste Rührung versetzt, ergriff mit Wärme ihre Hand und wollte sie zum Munde führen. "Nein, das wollte ich mir sehr verbeten haben; das gebührt mir nicht. Morgen bin ich ja wieder da. Brauchen Sie nur die Pomade recht hübsch, lieber junger Herr, und speisen Sie und ruhen Sie fein wohl." Das tat denn Kandide; aß und schlief sich gründlich aus, so hart ihn auch so vielerlei Ungemach zu Boden drückte. Den folgenden Morgen brachte ihm die Matrone zu frühstücken, besichtigte seinen Rücken und salbte ihn mit einer andern Salbe; gegen Mittag brachte sie ihm zu essen und gegen Abend gleichfalls. Grade so machte sie's auch folgenden Tages. Wer ist Sie, gute Alte? fragte Kandide jedesmal. Was bewegt Sie zu dem liebreichen Betragen? Sag Sie, wie kann ich dafür erkenntlich sein? Kein stummes Wörtchen war von der Alten herauszubringen. Gegen Abend kam sie wieder, aber ganz leer. Kommen Sie mit, sagte sie, aber mäuschenstill!

Sie nimmt ihn beim Arm und führt ihn wohl eine Viertelmeile weit über Feld. Nunmehr befanden sie sich bei einem freiliegenden Hause, mit Gärten und Kanälen umgeben. Die Alte pocht an ein Pförtchen. Es wird aufgetan, und Kandide von seiner Führerin eine Winkeltreppe heraufgeführt in ein vergoldetes Kabinett; hier muß er sich auf ein brokatnes Sofa niederlassen. Sie machte die Tür zu und ging fort. Kandide glaubte zu träumen, hielt sein ganzes Leben für einen widrigen Traum und den jetzigen Augenblick für einen glücklichen.

Die Alte kam bald wieder und führte eine verschleierte Dame herein von majestätischem Wuchs und schimmerndem Anzug, die an jedem Gliede bebte und mit genauer Not konnte von der Alten aufrecht erhalten werden. Nehmen Sie den Schleier ab, sagte das Mütterchen zum Kandide. Er nahte sich und hob mit blöder Hand den Schleier auf.

Wie dem jungen Mann in dem Augenblick zu Mute ward! Ihm däuchte, seine Baroneß Gundchen vor sich zu sehn, und sie stand in der Tat vor ihm. Dieser so überraschende Anblick fiel mit aller Macht über ihn; das Übermaß seines Glücks berauschte ihn so, daß er sprachlos und ohne Bewegung zu ihren Füßen hinsank, Gundchen fiel ohne Sinne aufs Sofa.

Die Alte bestrich sie mit allerhand Stärkungswässern. Ihre Sinne sammelten sich wieder, die Sprache fand sich wieder ein. Unzusammenhängende Laute rissen sich anfänglich von ihrem gepreßten Herzen los; und dann durchkreuzten sich Frag' und Antwort, Seufzer und Tränen, und Schreie der Freud' und des Erstaunens. Die Alte riet ihnen, nicht zu laut zu werden, und ließ sie in völliger Freiheit.

"Ha! so leben Sie wirklich noch, Baroneß? So find' ich Sie in Portugal wieder! So sind Sie nicht geschändet worden; so hat man Ihnen nicht den Bauch aufgeschlitzt!" Doch! doch! sagte die schöne Kunigunde, allein man stirbt daran nicht immer. "Aber der gnädge Herr Papa sind getötet worden, und die gnädge Frau Mama?" Leider! alle beide! und Tränen tröpfelten aus Kunegundens Auge. "Und Dero Herr Bruder auch?" "Auch der!" "Wie sind Sie aber nach Portugal gekommen? Wie haben Sie meinen Aufenthalt erfahren? Wie mich hierhergezaubert? Den Schlüssel, liebste Kunegunde, zu all' den seltsamen Abenteuern!"

Den sollen Sie sogleich haben, erwiderte die Dame, zuvor aber müssen Sie mir erzählen, wie's Ihnen nach dem unschuldigen Kuß gegangen ist, den Sie mir gaben, und den Fußtritten, die Sie bekamen.

So beklommen auch noch Kandide sich fühlte, so schwach und zitternd seine Stimme war, so weh' ihm auch noch sein Rückgrat tat, so erzählt' er ihr doch mit der tiefsten Ehrerbietung und aufs allertreuherzigste all' seine Leiden nach ihrer Trennung. Das Auge gen Himmel gerichtet schenkte Kunegunde dem Gedächtnis des braven Wiedertäufers und Panglosens einige Zähren; hierauf sprach sie zu Kandide wie folgt. Ebenso gierig als er das liebreizende Mädchen mit den Augen verschlang, verschlang er auch jedes ihrer Worte.

Achtes Kapitel: Baroneß Kunegundens Geschichte
Ich schlief noch ganz wohlbehäglich, als es dem Himmel gefiel, Bulgaren in unser schönes Schloß Donnerstrunkshausen zu senden. Mein Vater und Bruder mußten über die Klinge springen, meine Mutter hieben sie in Krautstücken. Bei diesem gräßlichen Auftritt verlor ich alle Besinnung. Dies nutzte ein langer Bulgar von sechs Schuh, machte sich über mich her und begann, mich zu schänden. Hierdurch erwacht' ich von meiner Ohnmacht, bekam all' meine Sinne wieder, kreischte laut, zerrang und zerarbeitete mich, um loszukommen, biß um mich, kratzte, wollte dem großen Tölpel die Augen ausreißen. Hätt' ich gewußt, daß das alles Kriegsgebrauch wäre, ich hätte mich anders dabei benommen.

Der Unmensch gab mir mit seinem Degen einen Stich in die linke Seite, wovon ich noch die Narbe habe. Die ich doch wohl werde zu sehn bekommen? fragte Kandide ganz in seines Herzens Unschuld. Warum das nicht! sagte Kunegunde, allein jetzt lassen Sie mich nur weitererzählen. "Das tun Sie, gnädige Baroneß, das tun Sie!"

Sie knüpfte den Faden ihrer Geschichte folgendermaßen wieder an:

Ein bulgarischer Hauptmann trat in mein Schlafgemach, sähe wie mein Blut herabtropft, der Soldat blieb, wo er Posten gefaßt hatte. Der Hauptmann ward wild, daß dies Vieh so wenig Subordination bezeigte, und stach ihn auf meinem Leibe tot, er ließ mich hierauf verbinden und führte mich als Kriegsgefangne in sein Quartier. Ich wusch ihm sein paar Hemden und bestellte seine Küche.

Er fand - muß ich gestehen -, daß ich ein gar niedlich Ding sei, und er war - ich kann's gar nicht in Abrede sein - eine sehr wohlgebaute Mannsperson, hatte eine weiche, weiße Haut, aber herzlich wenig Kopf und noch weniger Philosophie: man merkt' es ihm gleich an, daß er kein Schüler des großen Panglos gewesen war. Binnen einem Vierteljahr war all' sein Geldchen fort und er meiner überdrüssig; er verkaufte mich an den Don Isaschar, einen Juden, der nach Holland und Portugal handelte und ein ungemeiner Liebhaber von Frauenzimmern war.

Wie der Mann an mir hing, wie er mit Bitten und Gewalt in mich drang, und doch konnt' er nicht siegen. Ich tat ihm tapfrern Widerstand als dem bulgarischen Soldaten. Ein rechtschaffnes Mädchen kann wohl einmal geschändet werden, aber dadurch wird sie um so mehr Lukrezia. Um mich zahmer zu machen, führte mich der Jude auf dies Landhaus hier. Ich hatte bisher geglaubt, es gäbe kein schöners Schloß als das unsrige, nunmehr wurd' ich eines Bessern belehrt.

Eines Tages ward mich der Großinquisitor in der Messe gewahr, er warf während des hohen Amts die lüsternsten, buhlendsten Blicke auf mich und ließ mir melden, er hätte mir etwas unter vier Augen zu sagen. Ich ward in seinen Palast gebracht, entdeckte ihm meine Herkunft; er stellte mir vor, wie weit es unter meinem Range wäre, einem Schuft von Juden anzugehören, und ließ dem Don Isaschar den Vorschlag tun, mich Ihro Hochwürden Gnaden abzutreten. Dazu wollte sich Don Isaschar nicht verstehn; der Mann ist Hof Wechsler und gilt viel. Der Inquisitor drohte ihm mit einem Autodafé.

Das wirkte; jagte meinen Juden ins Horn. Husch! schloß er einen Vergleich mit dem Pfaffen; vermöge dessen gehör' ich und Haus ihnen gemeinschaftlich; der Montag, Mittwoch und Schabbes ist dem Juden, die übrigen Tage in der Woche gehören dem Inquisitor.

Es ist nunmehr ein halb Jahr, daß dieser Kontrakt ist aufgesetzt worden. Unter der Zeit hat's manches Gezeter gegeben, denn sie konnten sehr oft nicht einig werden, ob die Nacht vom Sonnabend zum Sonntag nach dem alten oder neuen Testament müsse berechnet werden. Noch hab' ich keinen von beiden erhört, und eben deshalb glaub' ich, werd' ich noch von beiden geliebt.

Endlich ließen der Hochwürdige Herr Inquisitor ein Autodafé anstellen, sowohl, um dem Erdbeben zu steuern, als auch um dem Juden einen kleinen Schreck in die Glieder zu jagen. Er war so galant, mich zu dieser Feierlichkeit einzuladen und mir einen sehr guten Platz anzuweisen. In der Zeit, da die Messe war und da der Büttel sein Amt verwaltete, wurden den Damen Erfrischungen vorgesetzt.

Wie kalt fuhr mir's über den Nacken; als ich die beiden Juden verbrennen sahe und den ehrlichen Biskajer, der seine Gevatterin geheiratet hatte. Das war aber nichts gegen den Schauer und Schreck, der mich ergriff, als ich unter einem Skapulier und einer Schandmütze eine Figur gewahr ward, die dem Panglos so ähnlich sähe. Ich rieb mir die Augen, sähe stier und starr nach dem Manne hin; es war und blieb Panglos. Ich sah' ihn aufhängen und fiel in Ohnmacht.

Kaum hatten sich meine Sinne wieder ein wenig gesammelt, so erblickt' ich Sie, Kandide, ganz splitterfadennackt da stehn. Nun war der Kelch meiner Leiden voll; ich war nunmehr ganz ein Raub des Entsetzens und der Verzweiflung.

Im Vorbeigehn gesagt, Kandide, und zur Steuer der Wahrheit, Ihre Haut ist viel weißer als meines bulgarischen Hauptmanns seine, hat ein weit höhers, feiners Rot. Oh! wie bei diesem Anblick mein Jammer und meine Verzweiflung stieg, die in meinem Innern aufs grausamste wüteten. Ich schrie, wollte sagen: Haltet ein, ihr Barbaren! Das vermochte aber meine Zunge nicht; und was hätt' es auch geholfen?

Nachdem Sie waren tüchtig gestäupt worden, sagt' ich bei mir selbst: Wie muß der liebenswürdige Kandide und der weise Panglos nach Lissabon gekommen sein, jener um hundert Rutenstreiche zu empfangen, dieser um aufgehängt zu werden auf Befehl des Hochwürdigsten Inquisitors, dessen Liebling ich bin? Wie grausam hat mich Panglos hintergangen, daß er mir vordemonstrierte, diese Welt sei die beste.

Ich taumelte halb ohnmächtig nach Hause. In dem Aufruhr, worin meine Sinne waren, stiegen mir alle meine bisher erlebten Begebenheiten zu Kopfe; schob mir meine Phantasie mit hellen Farben gemalt die Würgeszenen vors Auge, die sich auf dem Schloß zugetragen.

Ich sahe deutlich, wie man meinen Vater schlachtete und meine Mutter und meinen Bruder, sahe, wie der garstge bulgarische Soldat so frech über mich herfiel und mich mit dem Säbel verwundete, wie ich Magd ward, aschenbrödeln mußte; sahe meinen bulgarischen Hauptmann, meinen häßlichen Don Isaschar, meinen abscheulichen Inquisitor und den guten Panglos, wie er aufgehängt wurde: noch immer gellte die widrige Musik in mein Ohr, während welcher Sie den Staupbesen bekamen, noch immer brannte der Kuß auf meinen Lippen, den Sie am Tage unsrer Trennung mir hinter der spanischen Wand gaben. Alles das umschwebte mich aufs lebhafteste. Ich pries nun Gott, der Sie nach so vielen Prüfungen mir wieder geschenkt hatte.

Ich hatte meiner Alten gleich während der Feierlichkeit anbefohlen, Ihrer aufs beste zu warten, Sie zu pflegen und bei schicklicher Gelegenheit herzubringen. Sie hat ihren Auftrag redlich erfüllt, und mich jetzt in ein Meer von Wonne versenkt.

Ich habe dich nun wieder, lieber Herzensjunge, höre dich, spreche dich, sitze neben dir. Doch dich muß hungern, armer Schelm, gewaltig hungern! Komm, laß uns essen. Es ist schon spät, und an Appetit fehlt mir's gar nicht.

Sie setzten sich zu Tische, und nach dem Abendbrot lagerten sie sich auf das besagte schöne Sofa. Noch lagen sie da in größter Behaglichkeit, als Signor Don Isaschar, einer von den Eignern des Hauses und des Mädchens, hereintrat, sowohl um seine Gerechtsame nicht verjähren zu lassen als auch um bei Kunegunden den zärtlichen Amoroso zu machen.

Neuntes Kapitel: Was sich mit Kunegunden, Kandiden, dem Großinquisitor und einem Juden zuträgt
Ein gallevollers Geschöpf als diesen Hebräer hatte man seit der babylonischen Gefangenschaft in Israel nicht gefunden. Ha! schrie er, du bist mit dem Großinquisitor und mit mir nicht zufrieden? Mußt noch einen Schlafgesellen haben, du Galiläische Petze! Wart du! und auch du, du Hurenschelm!

Mit diesen Worten zuckte er ein Stilett, das er stets bei sich trug, und fiel auf seinen Gegner ein, den er wehrlos glaubte. Allein dieser wackre Westfale hatte von der Alten samt dem vollständigsten Anzuge einen schönen Degen bekommen. Den zog er, so kindfromm er auch war, und mausetot lag der Israelit zu den Füßen der schönen Kunegunde.

Jesus Maria! rief sie. Nun ist alles aus. Ein Toter bei mir im Hause! Wenn nun die Wache kommt! Oh, wir sind verloren! Was fangen wir an! Hinge der gute Panglos nur nicht, sagte Kandide, er sollte alles in's reine bringen, denn er war ein großer Philosoph. In Ermanglung seiner müssen wir schon die Alte um Rat fragen.

Sie war ein gar kluges Weib, und eben begann sie ihre Meinung zu sagen, als sich ein andres Türlein öffnete. Es war eine Stunde nach Mitternacht, der Sonntag brach an. Dieser Tag gehörte dem Herrn Inquisitor. Ihro Hochwürden Gnaden traten herein, sahen den gestäupten Kandide mit dem Degen in der Hand, den toten Hebräer auf der Erde liegen, Kunegunden totenblaß und bebend und die Alte mit ihrem guten Rat herausrückend; und blieben starr angewurzelt stehn an der Türschwelle, ohne alle Besinnung; um so mehr Besonnenheit und Überlegungskraft hatte Kandide.

Ha! dacht' er, ruft der heilige Mann Hilfe, so werd' ich ganz unfehlbar verbrannt und auch Kunegunde. Er hat mich unbarmherzig geißeln lassen, ist mein Nebenbuhler; im Morden bin ich einmal, und jetzt gilt's.

Wie beschlossen, so getan. Der Inquisitor lag, den Degen bis ans Heft in der Brust, neben dem Juden, eh' er sich hatte besinnen können. Immer besser, rief Kunegunde. Nun sind wir unwiederbringlich verloren! Bannfluch und Tod schweben über uns. Kandide, wie haben Sie, die Sanftmut selbst, in zwei Minuten einen Juden und einen Prälaten umbringen können? Lieb' und Eifersucht und die Rutenstreiche der Inquisition können das Lamm wohl zum Tiger machen, erwiderte Kandide.

Wissen Sie was? sagte die Alte. Wir haben drei tüchtige andalusische Gäule im Stall und auch Sattel und Zeug. Unser tapfrer Herr Kandide zäumt sie auf und sattelt sie; derweile stecken die gnädge Baroneß ihre Dublonen und ihre Diamanten zu sich, und dann husch! auf und davon und nach Cadix. Ich kann zwar nur meinen halben Hintern brauchen, das tut aber weiter nichts. Es ist ganz allerliebst Wetter, und in der Kühle beim Mondenschein läßt sich's des Nachts ganz scharmant reisen. Kandide sattelte sogleich die Pferde und machte mit Kunegunden und der Alten einen Ritt von fünfzehn Meilen in einem Striche. Indes daß die fortjagten, kam die heilige Brüderschaft ins Haus. Der Herr Inquisitor ward in der Domkirche mit allem Gepränge beigesetzt, Isaschar aber auf den Schindanger geworfen.

Kandide, Kunegunde und die Alte befanden sich nunmehr in einem Wirtshause in dem Städtchen Avacena, das mitten in der Sierra Morena lag. Hieselbst hielten sie folgendes Gespräch.

Zehntes Kapitel: Kandide, Kunegunde und die Alte kommen in einer gar schlimmen Lage zu Cadix an und schiffen sich ein
Kunegunde (schluchzend): Alle meine Dublonen und Diamanten sind fort! Wer muß mir die gestohlen haben! wovon wollen wir nun leben? Wo Inquisitoren und Juden finden, die mir andre geben?

Die Alte. Was ich glaube, aber Gott verzeihe mir die schwere Sünde, wenn ich ihm zu viel tue; ich denke aber immer, ich denke, der ehrwürdige Pater Graurock, der mit uns zu Badajos sein Nachtquartier hatte, hat sie heißen mitgehn; er kam zweimal zu uns in die Stube und war schon lang' über alle Berge, eh' wir an die Abreise dachten.

Kandide. Der wackre Panglos hat mir oft bewiesen, daß alle Güter hienieden gemeinschaftlich sind, Hinz daran so gut Anteil hat als Kunz. Vermöge dieser Grundsätze hätte uns jener Barfüßermönch wenigstens so viel Geld lassen sollen, um unsre Reise bestreiten zu können. Haben Sie denn gar nichts behalten, gnädige Baroneß?

Kunegunde. Keinen Maravedi!

Kandide. Was nun tun?

Die Alte. Ein Pferd verkaufen, da ist kein andrer Rat. Ich setze midi hinter die gnädge Baroneß so gut es mit meinem halben Hintern angeht, und damit immerzu nach Cadix.

In eben dem Wirtshause befand sich ein Benediktinerprior, der kaufte ihnen das Pferd um einen Pappenstiel ab. Kandide, Kunegunde und die Alte nahmen ihren Weg über Lucena, Chillas, Lebrixa nach Cadix. Hier ward eine Flotte ausgerüstet, die Truppen mußten sich hier stellen, welche die ehrwürdigen Paters des Jesuiterordens zu Paraguay zu Paaren treiben sollten. Selbige hatten, gab man ihnen wenigstens Schuld, eine ihrer indischen Horden bei der Stadt San Sakramento gegen die Könige von Spanien und Portugal aufgewiegelt.

Kandide machte dem General dieser kleinen Armee die bulgarischen Kriegsexerzitien vor, und das so flink, so dreist, mit solchem soldatischen Anstande, daß der General ihm augenblicklich eine Kompanie bei der Infanterie gab. Der neugebackne Herr Hauptmann nebst Baroneß Kunegunden und der Alten schifften sich ein, nahmen noch zwei Bediente mit und die beiden andalusischen Pferde, die weiland dem Herrn Großinquisitor von Portugal gehört hatten.

Während der Überfahrt unterhielten sie sich beständig von der Philosophie des armen Panglos. Wir kommen nun in eine andre Welt, sagte Kandide, und unstreitig ist diese die beste. Denn man muß gestehn, man hat wohl Ursach, über den physischen und moralischen Zustand unsrer Welt ein wenig zu seufzen.

Kunegunde. Ich liebe Sie von ganzem Herzen, Kandide, doch alles das, was ich gesehn, was ich erlitten habe, hat mich ganz scheu und verzagt gemacht; mir ahnet nichts Guts. Lassen Sie sich ums Himmels willen nicht blessieren oder totschießen!

Kandide. Es wird alles gut gehn. Schon das Meer in dieser neuen Welt ist besser als in unsrer europäischen; ist weit ruhiger; die Winde weit beständiger. Wahrlich, die neue Welt ist die beste unter allen möglichen Welten.

Kunegunde. Das gebe Gott! nur wahren Sie sich, daß man Sie nicht blessiert oder totschießt, und wir beide unglücklich werden. Ich kann mich gar nicht beruhigen, denn ich habe in unsrer Welt schon so gräßliches Elend ausgestanden, daß kein Strahl der Hoffnung mehr in meine Seele sich hineinstiehlt. Die Alte. Was das für ein Getue, für ein Geklage ist! Wären Sie an meiner Stelle gewesen, Sie sollten auf einem gar andern Loche pfeifen. Ich kann noch ein Liedchen von Unglücksfällen singen.

Kunegundens Mund zog sich ein wenig zum Lächeln; es kam ihr drollig vor, daß die alte Mutter behauptete, sie sei unglücklicher als sie. Haben Euch, sagte sie, nicht zwei Bulgaren geschändet, habt Ihr nicht zwei Degenstiche in den Leib bekommen, sind nicht zwei von Euren Schlössern verwüstet worden, hat man nicht vor Euren Augen zwei Väter und zwei Mütter ermordet, und habt Ihr nicht zwei von Euren Liebhabern im Autodafe stäupen sehn, so seh' ich nicht ab, wie Ihr Euch unglücklicher nennen könnt als ich. Erwägt noch überdem, daß ich Baroneß bin, meine einundsiebzig Ahnen aufweisen kann, und daß ich gleichwohl habe müssen aschenbrödeln.

Meine Geburt ist Ihnen unbekannt, gnädige Baroneß, antwortete die Alte. Ich dürfte Ihnen nur mein Hinterkastei zeigen, Sie würden gewiß ganz andre Saiten aufziehn. Diese Rede erregte bei Kunegunden und Kandiden eine ganz außerordentliche Neugier, welche die Alte auf folgende Art befriedigte.

Elftes Kapitel: Geschichte der Alten
Mein Auge war nicht immer so verzerrt, hatte nicht immer den Pupursaum, meine Nase stieß nicht immer ans Kinn, auch bin ich nicht immer Magd gewesen.

Mein Vater war Papst Urban der Zehnte, und die Fürstin von Palestrina meine Mutter. Bis ins vierzehnte Jahr wurd' ich in einem Palaste erzogen, wogegen die Schlösser Eurer westfälischen Barone gar klägliche Figur machen; das geringste von meinen Kleidern wog alle Herrlichkeiten von ganz Westfalen auf. Ich wuchs an Schönheit und Grazie und Talenten mitten in dem bunten Zirkel von Ergötzlichkeiten. Was für Erwartungen machte man sich nicht von mir; was für Ehrerbietung erwies man mir; was für Liebe flößt' ich nicht schon ein.

Mein Busen wölbte sich bereits. Es war ein Busen, der an Weiße und Festigkeit und Rundung dem Busen der Mediceischen Venus glich! Das Aug, wie zaubrisch! die Wimpern, wie meisterhaft! die Augenbrauen rabenschwarz! und die Glut, die in meinen Augäpfeln lag, überstrahlte das ganze Sternenheer, wie die Poeten aus dem Stadtviertel sangen. Meine Kammerfrauen, wenn sie mich auszogen und mich so von vorn und hinten beschauen konnten, waren wie ins Paradies verzückt; alle Mannspersonen wünschten sich an ihre Stelle Ich ward mit dem regierenden Fürsten von Massa Carrara versprochen. Ein gar süßer, herrlicher Junge! Ganz Geist und ganz glühende, schwärmende Liebe! und völlig so dichtrisch schön gebildet wie ich! Er war meine erste Liebschaft! sonach liebte ich ihn mit der innigsten Wärme, macht' ihn zum Abgott meiner Seele.

Man traf Anstalten zum Beilager. Was war da für Pomp! für unerhörte Pracht! Was für ein Zirkeltanz von Lustbarkeiten. Feste ketteten sich an Feste, Ringelrennen an Ringelrennen, Turnier' an Turniere, Operabuffas an Operabuffas, und ganz Italien sang mir zu Ehren Sonnette, davon das geringste dichtrischen Stempel trug, eines Ariost und Tasso würdig war.

Ich stand am Ziele meines Glücks, als eine alte Marchese, eine ehmalige Buhlschaft meines Prinzen, ihn zur Schokolade bitten ließ. Er starb in weniger denn zwei Stunden an den schrecklichsten Zuckungen. Kleinigkeit gegen meine übrigen Unglücksfälle!

Dieser Tod brachte meine Mutter ganz außer sich, obwohl er sie lange nicht so heftig angriff wie mich. Sie wollte sich eine Zeitlang von einem so unangenehmen Aufenthalt losreißen. Wir fuhren nach Gaetta, wo sie ein sehr schönes Landgut hatte; unser Schiff war eine päpstliche Galeere, so stark vergoldet als der St.-Peter-Altar zu Rom. Nicht lange, so stürzte ein Saleescher Korsar auf uns zu, enterte. Unsre Mannschaft wehrte sich wie wahre päpstliche Soldaten, warf ihre Waffen weg, fiel nieder auf die Knie, und, in letzten Zügen liegend, bat sie den Korsaren um Absolution. In einem Nu standen sie ganz affenkahl da; meiner Mutter, unsern Hofdamen und mir ging's nicht besser. Husch husch! und wir waren entkleidet. Ich habe nie flinkre Kammerdiener gesehn als diese Herren Seeräuber. Doch nahm mich dies nicht so wunder, als daß sie uns insgesamt einen Ort durchfingerten, dem wir Weiber uns gemeiniglich nur mit der Klistierspritze zu nahe kommen lassen.

Nie aus meinen vier Pfählen gekommen, kam mir der Brauch ganz sonderbar vor. Ich erfuhr bald, zu was Ende dies geschahe; sie wollten wissen, ob wir nicht daselbst einige Diamanten versteckt hätten. Das ist uralte Sitte bei allen gebildeten Völkerschaften, die auf der See umhertreiben. Machen's doch die Herren Malteserritter nicht besser, wenn sie Türken und Türkinnen gefangen bekommen, und sind Geistliche. Dies Gesetz des Völkerrechts wird stets beobachtet.

Wie peinlich, wie zu Boden drückend es für eine junge Prinzessin sein muß, mit ihrer Mutter als Sklavin nach Marokko geführt zu werden, brauch' ich Ihnen nicht erst zu sagen, Sie können sich's leicht vorstellen, so wohl als die Leiden, die wir auf dem Raubschiffe auszustehn hatten.

Meine Mutter war noch sehr schön, unsre Hofdamen, sogar die bloßen Kammerfrauen besaßen mehr Reize, als in ganz Afrika zu finden sind. Und ich hatte all die entzückende Schönheit, war mit all' der Lieblichkeit, dem namenlosen Zauber umflossen, womit Mutter Eva aus den Händen Gottes hervorging; noch hatt' ich keinen Mann erkannt, aber bald mußt ich's. Die Rose, die ich dem schönen Fürsten von Massa Carrara aufbewahrt, zerknickte der Hauptmann der Räuber; eine abscheuliche Fratzenfigur von Neger, die mir dadurch noch ungemeine Ehre zu erweisen glaubte.

Wahrlich! die Fürstin von Palestrina mußte sowohl wie ich Herkulesschultern haben, um all das Ungemach zu tragen, das bis zu unsrer Ankunft in Marokko über uns kam. Kein Wort weiter davon! Es ist etwas zu Alltägliches, als daß es der Mühe lohnte, davon zu reden.

Bei unsrer Ankunft schwamm Marokko in Blut. Fünfzig Söhne des Kaisers Mulei Ismael hatten jeglicher seine Partei; sonach wüteten daselbst fünfzig bürgerliche Kriege. Schwarze fochten gegen Schwarze, Schwarzbraune gegen Schwarzbraune, Mulatten gegen Mulatten; das ganze Land umher glich einer Metzge, wo Arbeit vollauf war.

Kaum waren wir auf dem Gestade, so rückte eine feindliche Partei an, die unserm Korsaren seine Beute abnehmen wollte. Wir waren nach den Diamanten und dem Golde das Allerkostbarste, was er hatte. Ich war Zeugin eines Kampfs, den Ihr in Euren europäischen Gegenden nie so gesehn habt; dazu haben die nordischen Völker nicht heißes, glühendes Blut genug; sie haben ja nicht einmal so viel Wut als jedes Weib in Afrika. Bei Euch Europäern scheint Milchsaft in den Adern zu rinnen, Vitriol, Feuer hüpft, spritzt durch jede Nerve bei den Bewohnern des Atlasgebirges und der benachbarten Gegenden. Wütend wie die Löwen und Tiger und Schlangen dieses Landes fielen sie sich an und strebten, uns einander abzukämpfen. Ein Mohr packte meine Mutter beim rechten Arm, der Leutnant unsers Schiffs riß sie beim linken zurück; stracks nahm ein Schwarzer ihren einen Fuß, einer unsrer Seeräuber zog sie beim andern nach sich. Und so wurden all' unsre Frauenzimmer beinahe in einem Nu von vier Soldaten angepackt.

Mein Hauptmann hatte mich hinter sich versteckt und säbelte alles nieder, was sich zwischen ihn und seinen Grimm stellte. In kurzem sah' ich unsre Italienerinnen und meine Mutter von denen Ungeheuern zerrissen, zerhauen, zerfetzt, die sich um ihren Besitz herumkämpften. Gefangne und Gefangennehmer, Soldaten und Matrosen, Schwarze und Weiße und Mulatten, alles, alles wurde niedergemacht, endlich mein Hauptmann auch, und ich blieb sterbend auf einem Haufen von Toten liegen.

Solcherlei Szenen wurden bekanntermaßen in einem Bezirk von mehr denn dreihundert Meilen gespielt, ohne daß man deshalb die fünf Gebete vergaß, die Mahomet täglich zu beten befohlen hat.

Es ward mir sehr sauer, mich unter der Menge aufeinandergeschichteter blutiger Leichname hervorzuarbeiten. Ich schleppte mich nach einem großen Pomeranzenbaum, der am Rande eines nahen Bachs stand. Entsetzen und Müdigkeit, Verzweiflung und Hunger hatten mich so erschöpft, daß ich sogleich umsank und bald darauf einschlummerte.

Es war mehr Ohnmacht als Schlaf, worin ich mich befand. In diesem Mittelzustand zwischen Leben und Tod, in dieser Art von Hinbrüten mocht' ich eine Weile gelegen haben, als ich eine Last auf mir liegen fühlte, und mein Körper Erschüttrungen bekam. Ich blickte auf und ward einen wohlgebildeten jungen weißen Mann gewahr. Er seufzte und murmelte zwischen den Zähnen: O che sciagura d'essere senza coglioni.

Zwölftes Kapitel: Wie übel es der Alten weiter erging
Erstaunt und entzückt, meine Muttersprache zu hören, und über die eben vernommene Rede nicht wenig verwundert erwiderte ich, daß es noch größers Unglück gäbe, als das sei, worüber er sich beklagte. Mit einem paar Worten erzählt' ich ihm alle das gräßliche Elend, dessen Opfer ich gewesen, und sank wieder in Ohnmacht. Er trug mich in ein benachbartes Haus, legte mich in ein Bette, brachte mich wieder zu mir, erquickte mich, ließ mirs nicht an Wartung und Trost abgehn, und an Schmeicheleien; sagte, er habe nie auf Gottes Erdboden ein schöners Geschöpf gesehn als mich, und seinen unersetzbaren Verlust nie so stark betrauert als jetzt.

Ich bin aus Neapel bürtig, sagte er, wo jahraus jahrein zwei- bis dreitausend Knaben kapaunt werden. Einige sterben, andre erhalten Stimmen, die an Schönheit die weiblichen übertreffen, noch andre gehn aus in alle Lande und werden ans Staatsruder gesetzt. Ich ward mit dem günstigsten Erfolge kastriert und sodann Kapellsänger bei Ihro Durchlaucht, der Fürstin von Palestrina.

Bei meiner Mutter, schrie ich! Bei Ihrer Frau Mutter! rief er, und Tränen schössen über seine Wangen. So wären Sie die junge Prinzessin Aurora, die ich bis ins sechste Jahr erzogen, bei der damals all' die Reize in der Knospe lagen, die ich bei Ihnen in so voller, schimmernder Blüte sehe! Sind Sie's denn wirklich! „Wirklich! und meine Mutter liegt vierhundert Schritt von hier unter einem Haufen von Toten gevierteilt!" Ich erzählt' ihm all' meine Begebnisse, und er mir die seinigen, er sagte mir, eine gewisse christliche Macht hab' ihn nach Marokko gesandt, um mit diesem Monarchen einen Traktat zu schließen, mittelst dessen man ihm Pulver, Kanonen und Schiffe zu liefern versprach, damit er um so leichter dem Handel der übrigen christlichen Mächte den Garaus machen könnte. Mein Auftrag ist beendigt, sagte der ehrsame Kastrat zu mir, ich schiffe mich zu Ceuta ein und bringe Sie nach Italien zurück. Ma che sciagura d'essere senza coglioni!

Ich vergoß Tränen des innigsten Danks für all' das, was er an mir getan hatte und noch tun wollte. Er brachte mich nicht nach Italien, sondern nach Algier, und verkaufte mich an den dortigen Dei. Kaum war ich verkauft, als die Pest, die nachher Afrika, Asien und Europa durchzogen hat, in Algier zu toben begann. Erdbeben haben Sie schon gesehn, doch die Pest wohl nie gehabt, Baroneß? Nie, antwortete Kunegunde. Sonst würden Sie mir einräumen müssen, daß Erdbeben, dagegen gerechnet, gar nichts sagen will. In Afrika ist sie gang und gäbe; sie verschonte mich auch nicht. Stellen Sie sich nun die Lage vor, worin sich die fünfzehnjährige Tochter eines Papsts befand! In einem Vierteljahre hatte sie Geliebten verloren und Freiheit, war fast täglich geschändet worden, hatte immer Hungertod und Kriegsgetümmel vor Augen gehabt und sollte jetzt an der Pest sterben.

Ich kam demungeachtet glücklich davon, allein mein Kastrat ging drauf, und der Dei und fast der ganze algierische Serail. Als diese fürchterliche Pest eine kleine Pause gemacht, wurden die Sklaven des Deis verkauft. Ein Kaufmann erhandelte mich und nahm mich nach Tunis, wo er mich einem seiner Kollegen überließ, dieser verkaufte mich nach Tripolis, von Tripolis wurd' ich nach Alexandrien verkauft, von Alexandrien nach Smyrna, von Smyrna nach Konstantinopel.

Nunmehr befand ich mich in den Händen eines Janitscharenführers, der bald darauf Befehl erhielt, dem von den Russen belagerten Assow zum Entsatz zu kommen. Dieser Janitschar war ein überaus galanter Mann; er nahm alle seine Kebsdamen mit, logierte uns in eine kleine Schanze, dicht am See Tana, die von zwei schwarzen Verschnittnen und zwanzig Soldaten bedeckt wurde. Die Russen stürzten anfänglich hin wie die Fliegen; bald aber kehrte sich das Blatt. Assow ging über, wurde mit Feuer und Schwert verwüstet; bei den Überwindern galt kein Ansehn des Alters noch Geschlechts.

Unsre kleine Schanze hielt sich noch; die Feinde beschlossen, sie auszuhungern. Die zwanzig Janitscharen hatten geschworen, sich nie zu ergeben. Der äußerste nagendste Hunger nötigte sie, unsre beiden Verschnittnen aufzufressen, damit sie ihren Schwur nicht zu brechen brauchten. Nach Verlauf etlicher Tage beschlossen sie, es mit uns ebenso zu machen.

Wir hatten aber einen gar frommen Iman bei uns, einen recht barmherzigen Samariter, der hielt eine gar herrliche Predigt, wodurch sie andern Sinnes wurden. Umbringen müßt ihr die Weiber nicht, sagte er, aber jeglicher von ihnen den halben Hinterbacken ablösen, das laß ich gelten; auf die Art werdet ihr Essen die Fülle haben; gebricht's euch wieder an Proviant, nun so wißt ihr ja, wo eure Vorratskammer liegt. Ihr könnt sodann mit Zuversicht hoffen, daß euch Allah wegen einer solchen Barmherzigkeit nicht ohne Beistand lassen wird.

Da dieser Priester ein guter Schwadronör war, so drang er durch, und man nahm die grausame Operation vor. Der Iman bestrich uns in eigner Person mit Beschneidungsbalsam. Wir waren allesamt todsterbenskrank.

Kaum hatten die Janitscharen die Mahlzeit hinter, die wir ihnen verschafften, so waren die Russen in flachen Fahrzeugen da und stürmten die Schanze. Kein Janitschar blieb am Leben. Uns schleppten die Sieger mit, ohne sich um unsern Zustand im mindesten zu kümmern.

Französische Wundärzte findet man allenthalben. Sonach hatten sie einen in der Kunst gar wohlerfahrnen Franzmann bei sich, der nahm uns in die Kur und heilte uns glücklich. Er suchte uns dadurch zu trösten, daß dergleichen Kriegsgebrauch wäre und sich schon bei vielen Belagrungen ereignet hätte. Wie meine Wunden völlig zugeheilt waren, verlangt' er von mir Minnesold. Ich werde den Antrag in meinem Leben nicht vergessen.

Als meine Gespielinnen gehn konnten, mußten sie nach Moskau wandern. Ich fiel einem Bojaren zuteil, der mich zu seiner Gärtnerin machte und mir täglich zwanzig Hiebe mit der Knute gab. Allein nach zwei Jahren wurde dieser Herr mit dreißig andern Bojaren gerädert, weil sie am Hofe ein gar hübsches Rührei gemacht hatten.

Diese Begebenheit benutzt' ich, wipste davon, durchstrich ganz Rußland, war lange Zeit zu Riga Aufwärterin in einem Wirtshause, bekleidete den Posten auch zu Rostock, Wismar Leipzig, Kassel, Utrecht, Leiden, Haag, Rotterdam, ward im Elend und in der Schande alt und grau; schleppte allenthalben meinen halben Hintern mit herum, und die Erinnerung, daß ich die Tochter eines Papsts sei. Hundertmal war ich Willens, mich zu töten, aber immer siegte die Liebe zum Leben.

Diese lächerliche Schwäche ist eine unsrer unseligsten Triebe. Kann man sich wohl etwas Törichters denken als ein Geschöpf, das eine Last immer mit sich herumschleppt, die es gern alle Augenblicke von sich werfen möchte? Das sein Dasein verabscheut und doch platterdings nicht daran will, ihm ein Ende zu machen? Kurz das eine Schlange hätschelt, die immer in ihm fortnagt, bis sie ihm das Herz abgefressen hat.

In all' den Ländern, wohin mich das Schicksal getrieben, und in allen Wirtshäusern, wo ich Aufwärterin gewesen, hab' ich Personen die Menge gefunden, die ihr Dasein verfluchten, aber nur ein Dutzend gesehn, die ihrem Elende ein freiwilliges Ende machten. Das waren drei Mohren, vier Engländer, vier Genfer und ein Leipziger Professor, Namens Robeck.

Mein letzter Dienst war bei dem Juden Don Isaschar. Ich lernte ihn vor zwei Jahren in Rotterdam kennen, wo er in dem Gasthofe logierte, worin ich diente. Ein niedlicher Bettwärmer, den er mit sich gebracht, hatte sich in alle seine Kostbarkeiten und in seine vollgepfropfte Börse so stark verliebt, wie er sich in dies Kreatürchen, und den Anschlag gemacht, durch meine Beihilfe damit über alle Berge zu gehn. Diese Zumutung verdroß mich; ich steckte dem Juden das Projekt seines Madchens; er verhinderte sie an dessen Ausführung, indem er sie sitzen ließ, und mich nahm er zur Belohnung meiner Redlichkeit mit nach Portugal, wo er mir Zeit Lebens Unterhalt zu geben versprach.

Bald darauf kamen Sie in sein Haus, und er gab mich Ihnen zur Bedienung. Sie wissen, wie ich stets an Ihnen gehängt, gnädge Baroneß, wie ich über Ihre Schicksale ganz die meinigen vergessen habe, die um so härter sind, da mein Elend nur erst mit meinem Leben ein Ende nehmen kann. Denn Sie müssen noch wissen, bei Verlust des Kopfs darf ich mich in den Landen meines verstorbnen Vaters nicht wieder sehn lassen. Sein Nachfolger auf dem päpstlichen Stuhl, ein geschworner Feind meiner Mutter und des Hauses Massa Carrara, hat nicht nur alle unsre Güter eingezogen, sondern auch bei Landesverweisung verboten, meiner in Gesellschaft zu erwähnen. Durch ihn, teils bestochen, teils durch niedrige Schmeichelei bewogen, haben verschiedne Geschichtsschreiber nicht nur meinen Vater aus der Liste der Päpste weggelassen, sondern auch sogar öffentlich im Druck meine und meiner Mutter Existenz glatt weggeleugnet.

Urteilen Sie nun selbst, wer von uns beiden das Mehrste erlitten hat, und gleichwohl hätt' ich Ihnen nie meine Unglücksfälle erzählt, wenn Sie mich nicht durch Ihre bittern Klagen dazu aufgefordert hätten, und wenn's nicht im Schiff, so gut wie auf der Landkutsche Mode wäre, der lieben Langeweile halber Historien zu erzählen.

Machen Sie sich 'mal das Vergnügen, gnädige Baroneß, und nötigen Sie jeden aus unsrer Reisegesellschaft, seinen Lebenslauf zu erzählen; ich behaupte — und ich habe mir Erfahrung genug gesammelt, um das mit Grund behaupten zu können —, daß kein einziger darunter ist, der nicht sein Dasein verflucht, sich oft selbst gesagt hat, daß er der unglücklichste unter allen Menschen sei. Finden Sie einen, der das nicht getan hat, nun so stürzen Sie mich kopfüber ins Meer.

Dreizehntes Kapitel: Wie sich Kandide genötigt sahe, die schöne Kunegunde und die Alte zu verlassen
Nunmehr begegnete die schöne Kunegunde der Alten mit all' der Achtung, die einer Dame von ihrem Rang und Verdiensten gebührte. Sie nahm ihren Vorschlag an und beredete ihre Reisegefährten, nach der Reihe ihre Begebenheiten zu erzählen. Kandide und sie mußten gestehn, daß die Alte recht hatte. Schade, sehr schade! sagte Kandide, daß der weise Panglos wider alle Sitt' und Brauch in einem Audodafé ist aufgehängt worden, was für vortreffliche Dinge würd' er über das physische und moralische Übel sagen, das unsern Erdwasserball bedeckt, und ich würde mich stark genug fühlen, ihm einige bescheidne Einwürfe zu machen.

Über die Erzählungen langte man, eh' man sich's versahe, in Buenos-Aires an. Kunegunde, Hauptmann Kandide und die Alte begaben sich zum dasigen Statthalter, dem Don Fernando d'Ibara y Figueora y Mascarenes y Lampourdos y Souza. Er war so hochfahrend, als es ein so vielbetitelter Mann sein mußte; sprach in so hochadelig-verächtlichem Tone mit Mannspersonen, trug seine Nase so hoch hinaus in die Lüfte, erhub seine Stimme so posaunenmäßig, hatte einen so befehlshaberischen Ton und solchen Pfauengang, daß jedem, der ihm seine Aufwartung machte, der Gelust ankam, ihn derb durchzuprügeln; die Frauenzimmer liebt' er aufs heftigste; Kunegunde deuchte ihm das schönste, reizendste Geschöpf, das er je gesehn. Seine erste Frage war, ob sie des Hauptmanns Frau sei.

Das fragte er mit einem Ton, mit einer Miene, daß Kandide ganz zu Boden geschlagen wurde. Für seine Frau mocht' er sie nicht ausgeben, weil sie's noch nicht war, für seine Schwester auch nicht, denn das war sie noch weniger; er war zu sehr Teutscher, um sich dieser Notlüge zu bedienen, die so manchen Patriarchen aus der Not gerissen hatte und auch noch heutiges Tages gute Dienste leisten konnte. Deshalb sagte er grad heraus: die Baroneß Kunegunde wird mich mit ihrer Hand beehren, und wir ersuchen Ihro Exzellenz untertänigst, die hohe Gnade für uns zu haben und unsre Hochzeit auszurichten.

Don Fernando d'Ibara y Figueora y Mascarenes y Lampourdos y Souza strich hohnlächelnd seinen Zwickelbart und befahl dem Hauptmann Kandide, seine Kompanie zu mustern. Kandide gehorchte und ließ den Statthalter bei Baroneß Kunegunden allein. Dieser entdeckte ihr nunmehr seine Brunst und beteuerte ihr, er wolle ihr morgen im Angesicht der Kirche seine Hand reichen; wolle sie ihn aber mit ihrer außerehlichen Liebe beglücken, so woll' er sich auch da nach ihr richten. Kunegunde bat sich eine Viertelstunde von ihm aus, um sich sammeln, die Alte um Rat fragen und sich entschließen zu können. Die Alte sagte zu ihr: Sie haben zweiundsiebenzig Ahnen und keinen roten Heller, können jetzt die Gemahlin des angesehnsten und stattlichsten Zwickelbarts in ganz Südamerika werden. Was wollen Sie sich da bedenken. Not hat kein Gebot, und wozu Sie den Pastor Fido im Reifrock spielen wollen, seh' ich nicht ab. Sie sind von den Bulgaren geschändet worden, haben sich vom Juden und Inquisitor brauchen lassen. Wär' ich in Ihrer Stelle, ich griffe zu, nähme den Herrn Statthalter zum Manne ohn' alles Fackeln und machte dem Herrn Hauptmann Kandide sein Glück.

Indes daß das Mütterchen mit all der Klugheit sprach, die Alter und Erfahrung geben, sah' man ein Schifflein in den Hafen einlaufen, worauf sich ein Alkalde und Alguazils, Gerichtsdiener, befanden. Was die Herren wollten, soll der Leser gleich erfahren.

Die Alte hatte ganz recht gehabt, daß der weitärmlige Franziskaner zu Badajos Kunegunden auf ihrer eilenden Flucht ihr Geld und ihre Diamanten gestohlen. Er hatte einige Steine einem Juwelier verkaufen wollen, der sie erkannte und ihn festnehmen ließ. Unterm Galgen hatte der Mönch bekannt, daß er sie gestohlen, die Personen beschrieben, denen er sie entwandt, und den Weg, den sie genommen hatten. Kunegundens und Kandidens Flucht war bereits bekannt: man setzte ihnen bis Cadix nach, ohne sie einholen zu können; von da aus wurd' ihnen ungesäumt ein Schiff nachgesandt, und dies Schiff lag jetzt im Hafen.

Überall hörte man, eben sei ein Alkalde ausgestiegen, und man suche die Mörder des Großinquisitors. Die kluge Alte sahe den Augenblick ein, was zu tun war. Fliehen können Sie nicht, sagte sie zur Kunegunde, und brauchens auch nicht. Ihnen können sie nicht an den Hals kommen, denn Sie sind nicht der Mörder des Inquisitors; Sie haben überdies beim Statthalter solchen Stein im Brett, daß er Ihnen kein Härchen wird krümmen lassen. Bleiben Sie nur in Gottes Namen da. Drauf rannte sie in voller Hast zum Kandide. Machen Sie sich über alle Berge, Herr Hauptmann, raunte sie ihm zu, sonst sind Sie in einer Stunde verbrannt. Aufhalten durft' er sich nicht einen Augenblick, trennen konnte er sich nicht von seiner Kunegunde, und einen Ort, wo er sich hinflüchten sollte, wußt' er nicht.

Vierzehntes Kapitel: Wie Kandide und Kakambo in Paraguay von den Jesuiten aufgenommen werden
Kandide hatte von Cadix einen Bedienten mitgebracht, wie man deren viel auf den spanischen Küsten und in den Kolonien antrifft; einen Viertelspanier, von einem Mestizen in Tukuman erzeugt. Er war Chorknabe gewesen, dann Küster, Matrose, Mönch, Buchhalter, Soldat und war endlich Lakai geworden; er hieß Kakambo und hing sehr an seinem Herrn, weil er eine gar gute, liebe Seele war. Ober Hals und Kopf sattelte er die beiden andalusischen Pferde. Wollen dem Rat der alten Mutter folgen, lieber Herr, sagte er, und zujagen, was nur's Zeug hält, ohn' uns umzusehn.

O traute Kunegunde! rief Kandide, und Tränen flossen über seine Wangen, so muß ich dich denn verlassen! muß dich in dem Zeitpunkt verlassen, da der Herr Statthalter uns zusammenfügen wollte! Mußt' ich dich darum herführen, meine Kunegunde! Oh, was wird aus dir werden!

Kakambo. Alles Guts! sie wird den Mantel nach dem Winde drehn. Ich möchte das Weib sehn, das sich nicht aus der jämmerlichsten Patsche zu helfen wüßte. Und zudem sind ja die Weiber unsers Herrgotts liebste Kinder! — Die Sporen in die Rippen, Herr!

Kandide. Wo willst du denn hin? Wo geht's denn zu? Und was wollen wir ohne Kunegunden machen?

Kakambo. Sie haben doch gegen die Jesuiten wollen zu Felde ziehn, wissen Sie was, ziehn Sie für sie zu Felde. Beim heiligen Jakob vom Compostell, ich weiß Weg und Steg und will Sie Zu ihnen bringen. Das wird ihnen 'ne rechte Herzensfreude sein, einen Hauptmann zu kriegen, der das bulgarsche Manövrieren versteht. Sie werden da 'ne gar herrliche Nummer finden.

Geht's einem in einem Weltteil schief, so zieht man in einen andern, und kömmt da auf 'nen grünen Zweig; kriegt wieder ganz was anders zu sehn, ganz was anders zu hören und auch 'n ganz ander Stückchen Arbeit, wenn man will. Oh! es ist 'n gar scharmantes herrliches Ding ums Reisen!

Kandide. So bist du in Paraguay bekannt?

Kakambo. Wie'n Pudel bei meiner armen Seele! Bin ja Aufwärter gewesen in dem Jesuiterkollegium zu Assumption, weiß im Gouvernement der Los Padres so gut Bescheid wie auf den Gassen zu Cadix. Das ist Ihnen noch ein Königreich, das sich gewaschen hat. Schon jetzt hat's mehr als dreihundert Meilen im Umkreise und ist in dreißig Provinzen eingeteilt. Los Padres schieben alles in ihren Sack, und das Volk hat nicht mal 'ne lahme Laus, die sein wäre. Wie schlau dort die Gerechtigkeit ist! Wie klug sie alles eingefädelt haben! Oh, darüber geht nichts!

Nein! solche herrliche kapitale Kerls gibt's gar nicht mehr wie Los Padres! Hier ziehn sie gegen den König von Spanien und von Portugal zu Felde, dort bebeichten und beabendmahlen sie sie, hier knicken sie den Spaniern auf'n Kopf, dort beten sie sie mit Leib und Seel in'n Himmel, 's ist ganz allerliebst!

Nur immer die Sporen in die Rippen! — Nun werden Sie erst recht ins Wohlleben reinkommen und auf nen grünen Zweig! Sie werden sich recht in der Seele freuen, die Padres, wenn sie hören, daß ein Hauptmann zu ihnen stößt, der das bulgarische Manövrieren versteht.

Am ersten Schlagbaum angelangt, sagte Kakambo zur Schildwacht: Es war' ein Hauptmann da, der dem Herrn Kommandanten seine Aufwartung machen wollte. Sofort wird's der Hauptwache gemeldet, und ein paraguayscher Offizier bringt dem Kommandanten davon Rapport. Kandide und Kakambo werden entwaffnet und die beiden andalusischen Gäule in Beschlag genommen.

Man führte sie durch zwei Reihen Soldaten; am Ende stand der Kommandant, ein dreieckichtes Barett auf, den Rock zurückgeschlagen, den Degen an der Seite, die Offizierspike in der Hand. Er winkte, und sogleich umringten vierundzwanzig Soldaten die beiden Fremden. Ein Sergeant sagte zu ihnen: Sie müßten sich gedulden: der Herr Kommandant könnte sie nicht sprechen, denn Ihro Hochehrwürden der Pater Provinzial erlaubte keinem Spanier anders als in seiner Gegenwart das Maul auf zutun und duldete ihn nicht länger im Lande als höchstens drei Stunden.

Und wo sind Ihro Hochehrwürden? frug Kakambo. „Auf der Parade, Sie haben eben Ihro Messe gelesen. Vor drei Stunden können Sie seine Sporen nicht küssen." „Er ist aber kein Spanier, der Herr Hauptmann, und wir möchten beide vor Hunger umfallen. Könnten wir nicht derweil ein bißchen frühstücken, bis Ihro Hochehrwürden kommen?"

Sogleich rapportierte der Sergeant dem Kommandanten. Ein Teutscher! rief er, ein Teutscher! O Gott Lob, da kann ich ihn prechen. Man führ' ihn in die Gartenlaube. Und man brachte sie sofort in ein kleines grünes Lusthaus.

Es war mit einer gar stattlichen Reihe von grünen Marmorsäulen geschmückt, deren Knauf und Schaft vergoldet war; dahinter lief ringsum ein artiges Gitterwerk, worin sich Papageien befanden, Kolibris, Fliegenfänger, Perlhühner und die allerseltensten Vögel. Das herrlichste Frühstück ward in goldnen Geschirren aufgetragen, unter der Zeit lagen die Paraguayer mitten im Felde bei der stechendsten Sonne und aßen Mais aus hölzernen Schüsseln.

Nicht lange, so trat der wohlehrwürdige Pater Kommandant herein. Ein bildschöner junger Mann; sein Aug war feurig, Lipp' und Wange rot, die Augenbraunen wohlgewölbt, das Gesicht rund und ziemlich weiß. Er hatte in seinem Betragen etwas Edelstolzes, das aber weder den Spanier noch den Jesuiten ankündigte.

Kandiden und Kakambo'n wurden ihre abgenommnen Waffen und ihre beiden Andalusier wieder zugestellt. Kakambo gab ihnen an der Türe des Gartenhauses Haber zu fressen, und damit ihnen kein Tuckmäuserstückchen gespielt würde, verließ er sie mit keinem Auge.

Kandide küßte dem Kommandanten den Saum seines Rocks, und darauf setzten sie sich zu Tische. So, sind Sie ein Teutscher? fragte ihn der Kommandant in dieser Sprache. Worauf ich nicht wenig stolz bin, Ihro Wohlehrwürden, antwortete Kandide. Bei diesen Worten fuhren sie beide zusammen, sahen einander starr an, mit einer Bewegung, die sie nicht bergen konnten. Der Kommandant. Und aus welcher Provinz?

Kandide. Aus dem Rauchloche, dem Herzogtum Westfalen, und bin auf dem Rittersitz Donnerstrunkshausen geboren.

Kommandant. Heiliger Gott! wär's möglich!

Kandide. Welch Wunderwerk!

Kommandant. Sollten Sie's wirklich sein?

Kandide. Es ist gar nicht möglich.

Sie fielen sich um den Hals, hingen fest aneinander, konnten nicht zu Worte kommen, strömten sich in Freudentränen aus. Kandide erhielt die Sprache zuerst wieder: So hab' ich den Bruder der reizenden Kunegunde in meinen Armen. Ja er ist's, der Sohn des Herrn Barons. Es ist Junker Polde, der von den Bulgaren getötet wurde! Und ist jetzt Jesuit in Paraguay! Wahrlich, es geht wunderbar her in der Welt! O Panglos! Panglos! wie würdest du dich freuen, wenn du nicht am Galgen hingest.

Der Kommandant gab seinen Negersklaven und Paraguayern, die ihnen in bergkristallnen Bechern Wein eingeschenkt hatten, einen Wink hinauszugehn. Und nun pries er Gott und den heiligen Ignatus tausendmal und drückte Kandiden an seine Brust. Sie schwammen in Tränen.

Kandide. Schon so im Rausch der Freude Baron! Oh! viel zu früh! Das vollste Maß von Seligkeit erwartet erst Ihrer! Ihre totgeglaubte Schwester lebt, ist frisch und munter.

Kommandant. Kunegunde lebte noch? Wäre wohlauf? Wo ist sie denn? wo?

Kandide. Ganz in der Nähe, beim Herrn Statthalter von Buenos-Aires.

Nun hub Kandide an, alles zu erzählen, was sich seit seiner Schloßverweisung bis zu seiner Reise nach Amerika zugetragen hatte. Der gejesuitete Baron lauschte mit begierigem Ohr und den vollsten Seelenblicken. Als Kandide seine lange Erzählung geendet hatte, fingen sie als ehrliche Teutsche an, tapfer zu zechen. Und da der Pater Provinzial noch nicht kam, begann der Kommandant seine Erzählung wie folgt. Kandide war ganz Ohr und ganz Herz.

Fünfzehntes Kapitel: Weshalb Kandide den Bruder seines Mädchens tötet
Der gräßliche Tag, an dem ich Vater und Mutter töten und meine Schwester schänden sah, wird mir nie aus den Gedanken kommen. Nach dem Abmarsch der Bulgaren suchte man meine anbetungswürdige Schwester allenthalben und fand sie nirgends. Meinen Vater, meine Mutter, mich, die Leichname von zwei Mägden und drei kleinen Buben warf man auf einen Karren, um uns nach einer Jesuiterkapelle zu führen, die zwei Meilen von meines Vaters Schloß lag.

Ein Jesuit besprengte uns mit Weihwasser; es war salzicht wie all der Teufel; einige Tropfen davon spritzten mir in's Auge: der Pater merkte, daß meine Augenlider etlichemal zuckten. Er legte die Hand auf mein Herz und fühlte es schlagen. Die geschicktesten Wundärzte verwandten ihre Kunst an mir, und binnen drei Wochen war ich wieder völlig auf den Beinen. Ein recht hübscher Junge war ich immer, wie Ihr wißt, Kandide, jetzt hatte ich ganz die lachende, blühende Gestalt von Gott Amor. Auch ward der ehrwürdige Pater Krust, der dortige Superior, mein sehr warmer Freund; kleidete mich ein, und sandte mich nicht lange darauf nach Rom. Der Pater General warb damals junge teutsche Jesuiten an. Höchst ungern nehmen die paraguayschen Monarchen Spanier, Ausländer weit lieber, sie denken, sie eher lenken und bändgen zu können.

Der ehrwürdige Pater General fand mich tüchtig, ein Arbeiter in diesem Weinberge des Herrn zu werden. Ich reiste mit einem Tiroler und Polen hieher. Gleich nach meiner Ankunft ward ich Unterdiakonus und Leutnant, jetzt bin ich Obrister und Priester.

Und nun, Kandide, laß sie nur kommen, die königlichen Truppen, laß sie nur kommen. Wir wollen sie fegen! Ich bin dir Manns dafür. Sie sollen derbe Schlappen bekommen und den Kirchenbann obenein. Die Vorsehung hat dich noch zur rechten Zeit zu unserm Beistand hergesandt. Aber sag mir, guter Junge, lebt meine liebe Schwester wirklich noch? und ist sie hier in der Nähe beim Herrn Statthalter von Buenos-Aires? „Bei Gott! es ist keine Lüge!"

Und sie strömten von neuem in Tränen aus. Der Baron hing an seinem Halse, konnte gar nicht los von ihm, nannte ihn seinen Bruder, seinen Retter. O! Kandide, rief er, trauter Kandide! Zögen wir doch erst als Sieger in die Stadt ein und führten Schwester Kunegunden zurück. Mein einziger Wunsch! sagte Kandide, denn ich war Willens, sie zu heiraten, und bin's auch noch. Der Baron riß sich los von ihm, schleuderte ihn zurück. „Übermütiger Bengel! heiraten wollt Ihr meine Schwester! Ihr sie heiraten! Ein Fräulein von zweiundsiebenzig Ahnen! Verdammt über die Unverschämtheit! Und ist so keck, die Bürgerkanalje, und sagt mir die infame Sottise ins Gesicht!"

Kandide stand da wie Laokoon's Bildsäule und sagte, wie er wieder Worte fand: Mein Wohlehrwürdger Pater, alle Ahnen auf Gottes Erdboden können hier nicht in Anschlag kommen! Ich riß Ihre Schwester aus den Armen eines Inquisitors; sie hat mir nicht wenig Verbindlichkeiten, und deshalb gibt sie mir ihre Hand ganz aus freien Stücken. Magister Panglos hat mir immer gesagt, daß alle Menschen einander gleich sind. Daher können Sie versichert sein, ich heirate sie.

Wollen sehn, Schurke! Wollen sehn! rief der gejesuitete Baron von Donnerstrunkshausen und gab ihm mit der flachen Klinge einen derben Hieb übers Gesicht. Kandide gleich heraus mit seinem Degen und ihm selbigen bis ans Heft in den Leib gejagt.

Doch wie er ihn rauchend herauszog, hub er bitterlich an zu weinen. O mein Gott! da hab' ich ihn umgebracht, meinen alten Herrn, meinen Freund, meinen Schwager. Bin solch erzgutes Geschöpf und habe nun schon drei Menschen ermordet! Und unter den dreien zwei Priester.

Kakambo, der an der Lusthaustüre Schildwacht gestanden, kam hereingesprungen. Jetzt müssen wir uns unsrer Haut wehren, fechten, solang' wir noch einen Finger rühren können! rief ihm sein Herr zu. Unangegriffen bleiben wir gewiß nicht. Kakambo, der den Karrn schon weit ärger hatte im Kote stecken sehn, ließ die Flügel noch gar nicht sinken und schob wieder in einem Hui den Karrn aufs Trockne, und das auf folgende Art: Er warf das Jesuiterkleid des getöteten Baron's seinem Herrn um, setzte ihm das Barett auf, half ihm auf's Pferd und sagte: Nun zugejagt, Herr, was das Zeug hält! Man wird Sie für einen jesuitschen Adjutanten ansehn, und wir werden über die Grenze sein, eh' man uns nachjagen kann. Und damit vorangejagt und auf spanisch gerufen: Platz da! Platz! Ihro Wohlehrwürden kommen, der Herr Obrister!

Sechzehntes Kapitel: Zwei Mädchen und zwei Paviane stoßen unsern Reisenden auf. Wie's ihnen bei den Wilden, die Langohren genamst, ergeht
Kandide war mit seinem Bedienten schon über die Grenze, und noch krähte im Lager nicht Hund noch Hahn über des teutschen Jesuiten Tod. Der flinke Kakambo hatte seinen Mantelsack mit Pumpernickel, Schokolad, Schinken, Knackwurst, Obst und einigen Maßen Wein gar wohl bespickt. Sie waren schon ziemlich tief in einem wildfremden, ganz ungebahnten Lande, als sie eine schöne Wiese vor sich liegen sahen, von vielen Bächen durchschnitten. Hier ließen sie ihre Gäule weiden, und Kakambo tat seinem Herrn den Vorschlag, zu essen, und ging ihm mit gutem Beispiel vor.

Ich, Schinken essen, Kakambo, und habe den Sohn des Herrn Barons erschlagen; darf meine Kunegunde in meinem Leben nicht wiedersehn! Wozu hülf es, ein elendes Leben zu fristen, das ich fern von meiner Geliebten in Reu' und Verzweiflung zubringen muß. Und überdem, wie wird das Journal zu Trévoux mir mitspielen, wenn selbiges es erfährt.

So sprach Kandide und aß dabei ein Stückchen Schinken nach dem andern, trank ein Gläschen aufs andre. Die Sonne ging unter. Unsre Verirrten hörten ein schwaches Gekreisch; es deuchte ihnen Weibergekreisch. Sie wußten nicht, obs Geschrei der Freude oder der Angst war, sprangen auf mit all der Unruh' und Besorgtheit, die man in einem ganz fremden Lande zu haben pflegt, wenn man nur ein Espenblatt rauschen oder einen starken Laut schallen hört. Wie ein Blitz kamen ein paar Mädchen in puris naturalibus über die Wiese weggeschossen und hinter ihnen drein zwei Affen, die sie in die Lenden bissen. Diese Dirnen erhuben jenes Gekreisch.

Kandiden jammerte der Anblick, er hatte bei den Bulgaren schießen gelernt und hätte wohl eine Nuß aus einem Haselbusch herunterbüchsen können, ohne die Blätter zu streifen. Er schlug seine doppelte spanische Flinte an und erschoß die beiden Affen. Gott Lob, mein lieber Kakambo, sagte er, die armen Mädchen hab' ich aus recht großer Gefahr gerettet. Beging ich Sünde, daß ich einen Inquisitor tötete und einen Jesuiten, so hab' ich jetzt an diesen Mädchen ein recht verdienstliches Werk getan. Ich bin der Retter ihres Lebens. Vielleicht sind sie von vornehmem Stande, und so kann uns dies Abenteuer hier im Lande viel Vorteil verschaffen.

Er verstummte aber plötzlich, als er sah, daß diese beiden Dirnen zärtlich die Affen umarmten, in Tränen über ihre Leichname schmolzen und mit dem wehmütigsten Geschrei die Lüfte erfüllten. Soviel Güte des Herzens hätt' ich den Mädchen nicht zugetraut, sagte endlich Kandide.

Kakambo. Sie haben wieder einen schönen Streich gemacht. Die Herren Paviane, die sie eben niedergebüchst, sind ja die feinen Liebchen von den beiden Dirnen! Kandide. Das, ihre Liebhaber! Schäker! wie war das möglich? Wie ist das glaublich?

Kakambo. Als wär' das wieder so was zu verwundern! Was ist das nun mehr, daß es ein Land in der Welt gibt, wo Pavians bei den Weibern Hahn im Korbe sind. Es sind Viertelmenschen so wie ich ein Viertelspanier.

Kandide. Ha! ich besinne mich, von Magister Panglos gehört zu haben, daß ehemals sich dergleichen zugetragen und daß aus dieser Vermischung die Ägipane, Faun' und Satyrn entstanden wären; daß viele große Männer des Altertums sie gesehn hätten. Ich nahm aber das alles für Märchen.

Kakambo. Und ist doch die helle, klare Wahrheit, die Sie nun mit Händen greifen können! Sehn Sie, so machens die Mädel, die niemals unter der Schere der Mutter oder 'ner wohlehrbaren, steifen Französin gestanden haben. Da haben Sie die liebe Natur! - - Bei alle dem ist mir gar schwül zu Mute, Ich fürchte, ich fürchte, die Damen werden uns einen gar saubern Brei einbrocken.

Kandide fand, daß sein Kakambo eben nicht unrecht hatte, und machte sich samt ihm tiefer ins Land hinein. Sie lagerten sich mitten in einem Gebüsch und aßen ihr Abendbrot; vermaledeiten den Großinquisitor, den Gouverneur von Buenos-Aires und den Baron und schliefen auf dem Moose ganz ruhig ein. Beim Erwachen merkten sie, daß sie sich nicht rühren konnten. Und das kam daher: die dortigen Einwohner, die Langohren, an welche die beiden Damen sie verraten, hatten sie in der Nacht mit Stricken von Bast zusammengebunden.

Ringsum standen so ein fünfzig Langohren, ganz nackt, Pfeile, Keulen und Äxte von Kieselstein in den Händen. Einige setzten einen großen Kessel übers Feuer, das sie anbliesen; andre schnitzten Bratspieße, und alle insgesamt schrien; ein Jesuit! Ein Jesuit! Da wollen wir unser Mütchen kühlen! 's soll 'n gar herrlicher Fraß sein! Wollen ihn auffressen, den Jesuiten! Wollen ihn auffressen!

Hab' ichs Ihnen nicht gesagt, lieber Herr, rief Kakambo kopfhängend, die Mädel würden uns 'ne gar saubre Pastete anrichten? Zuverlässig werden wir gesotten oder gebraten! rief Kandide, wie er den Kessel und die Bratspieße sah. Ha! was würde Magister Panglos sagen, wenn er so die Natur in all ihrer Rohheit sähe! Es ist alles gut gemacht; es sei drum, aber doch muß ich. gestehn, es ist hart, äußerst hart, daß ich Baroneß Kunegunden verloren habe und hier von den Langohren an den Spieß gesteckt werde.

Kakambo, der sich immer aus dem verworrensten Hanfe zu haspeln wußte, sagte zum trostlosen Kandide: Immer getrost, Herr. Ich versteh' den Kerls ihr Rotwälsch ein wenig. Ich will hin und mit ihnen sprechen. Vergiß ja nicht, sagte Kandide, ihnen aufs lebhafteste vorzustellen, daß es gräßlich Unmenschlichkeit ist, Menschen zu braten, und wie wenig christlich das gedacht ist.

Nicht wahr, Kinderchen, sagte Kakambo, ihr denkt, ihr wollt heut einen Jesuiten schmausen! Das ist recht löblich! Recht brav, wenn man so mit seinen Feinden verfährt. Schlag deinen Nächsten tot! Das ist nach der Natur Rechtens, und das gilt allenthalben auf Gottes weitem Erdboden. Daß wir ihn nun nicht auffressen, wie's auch nach der Natur Rechtens ist; nun das kömmt daher, wir haben schon sonst leckre Gerüchte; ihr guten Leute aber nicht, und da ist's denn immer freilich besser, seine Feinde in seinem Magen zu begraben, als die Frucht seines Sieges den Raben und Krähen preiszugeben.

Aber Kinderchen, eure guten Freunde werdet ihr doch nicht verzehren wollen? Ihr denkt einen Jesuiten an den Spieß zu stecken, und 's is eur Schutzpatron, ein erzabgesagter Feind von euren Feinden, die ihr rösten wollt. Was mich anlangt, ich bin in eurem Lande geboren, und der junge Mann da, ist mein Herr und nichts weniger als 'n Jesuit; hat vielmehr einen Jesuiten umgebracht und seine Jacke angezogen, und eben darum habt ihr euch geirrt.

Damit ihr nun seht, daß ich kein Windbeutel bin, so nehmt den Rock, zeigt ihn an dem ersten Grenzorte den Padres und fragt, ob mein Herr nicht einen jesuitschen Offizier kaltgemacht hat. 's is ja nur 'n Katzensprung bis dahin, und findet ihr, daß ich euch belogen habe, so könnt ihr uns ja noch immer fressen. Hab' ich euch aber reinen Wein eingeschenkt, nun, so wißt ihr zu gut, was Rechtens ist, als daß ihr uns nicht begnadgen solltet.

Hat ganz recht! schrien die Langohren, und sie trugen zwei von den Ältesten des Landes auf, nach dem Jesuiterlande zu kutschieren und sich nach der Wahrheit zu erkundigen. Als Leute von Kopf richteten selbige ihren Auftrag glücklich aus und brachten gar fröhliche Mär mit.

Die Langohren banden ihre Gefangnen los, erwiesen ihnen ungemein viel Höflichkeiten, setzten ihnen Mädchen vor, Erfrischungen und begleiteten sie bis an die äußersten Grenzen unter dem lauten Jubelgeschrei: 's ist kein Jesuit nicht! 's ist kein Jesuit nicht!

Sonderbar die Ursach meiner Befreiung, sagte Kandide. Und sonderbar dies Volk und ihre Sitten! Wie gut es war, daß ich dem Bruder der Baroneß Kunegunde den Degen bis ans Heft in den Leib gejagt hatte, sonst hätt' ich ohne alle Barmherzigkeit an den Spieß gemußt. Bei alle dem, die pure, rohe Natur ist auch so übel nicht. Denn wie äußerst höflich waren nicht die Leutchen gegen mich, als sie erfuhren, ich wäre kein Jesuit; da war gar nicht mehr die Rede vom Auffressen.

Siebzehntes Kapitel: Kandide kommt mit seinem Bedienten nach Eldorado. Was sie da gesehn
Wie sie über den Grenzen der Langohren waren, sagte Kakambo zu Kandiden: Sie sehn wohl, diese Hälfte der Erdkugel ist sowenig 'nen Pfifferling wert wie jene. Das Gescheitste wäre, wir gingen wieder nach Europa, und das je ehr, je besser. Kandide. Wieder nach Europa? Und wo dann hin? Nach Westfalen, da schlagen Bulgaren und Abaren tot, was lebendigen Odem hat, nach Portugal, da werd' ich verbrannt; und bleiben wir hier, so sind wir keinen Augenblick sicher, gespießt und aufgezehrt zu werden. Und doch kann ich mich nicht entschließen, den Teil der Welt zu verlassen, der meine Kunegund' in sich schließt.

Kakambo. I, wissen Sie was! so wollen wir nach Karolina gehn. Dort finden wir Engländer, die ziehn durch die ganze Welt. Helfen tun uns die gewiß; es sind gar gute Geschöpfe, und Gott wird uns auch beistehn.

Nach Karolina zu kommen, war so leicht eben nicht; nach welcher Seite sie ihre Richtung nehmen mußten, wußten sie wohl so ungefähr; allein von allen Seiten her türmten sich ihnen schreckliche Hindernisse entgegen; Gebirge, Flüsse, Abgründe, Straßenräuber und Wilde. Ihre Gäule wollten vor Strapazen umfallen, ihr Proviant war rein alle; schon einen ganzen Monat lang nährten sie sich mit Kokosfrüchten. Endlich gelangten sie an das Ufer eines kleinen Flusses, das mit Kokosbäumen besetzt war. Da fanden sie wieder Nahrung ihres Lebens und ihrer Hoffnung.

Kakambo, ein so stattlicher Ratgeber wie die Alte, sagte zum Kandide: Weiter können wir nicht; haben auch schon 'nen ganz artgen Marsch gemacht. Dort am Ufer steht ein leeres Kanot, wollens mit Kokosnüssen anfüllen und uns 'reinwerfen. Der Strom mag uns hinführen, wo er hin will. Er bringt uns gewiß nicht hin, wo die Welt mit Brettern vernagelt ist. Mag's uns nun gut gehn oder nicht; kriegen wir doch wieder was Neues zu Gesichte. Es sei drum, sagte Kandide. Die Vorsicht steh' uns bei.

Sie trieben so etliche Meilen fort; bald war das Gestade blühend und lachend, bald öd' und dürr, bald niedrig, bald steil. Der Fluß ward immer breiter und verlor sich in eine Kluft von schrecklichen, himmelanstrebenden Felsen. Die beiden Reisenden waren so dreist, sich auch hier noch den Fluten zu überlassen. Der sich hierselbst verengende Fluß riß sie mit fürchterlichem Getöse schnell hindurch. Nach vierundzwanzig Stunden sahen sie das Tageslicht wieder, scheiterten aber gegen die Klippen.

Eine ganze Meile weit mußten sie sich von Klippe zu Klippe fortarbeiten, endlich lag eine unermeßliche Ebene vor ihnen, um die sich eine Kette unersteiglicher Gebirge schlang. Wohl gepaart herrschten Nutzen und Vergnügen auf diesen Feldern, und der Nutzen hatte immer die Miene des Angenehmen. Auf allen Wegen und Stegen prangten Wagen einher, deren Bauart so ausnehmend nett war als glänzend die Materialien; bildschöne Männer und Weiber saßen darauf; große rote Hammel zogen sie mit der größten Schnelligkeit fort. An Flüchtigkeit übertrafen diese Tiere die besten Gäule aus Andalusien, Tetuan und Mequinez.

Das ist ja ein ganz ander Land als Westfalen! rief Kandide. Bei dem ersten Dorfe, das sie antrafen, kletterte er mit Kakambo'n vom Felsen herunter. Wie sie in den Flecken hereintraten, fanden sie einige Bauerjungen in zerlumpten brokatnen Jacken, Wurfscheiben spielen. Sie konnten sich gar nicht satt an ihnen schauen. Ihre Steine waren ziemlich breit, rund, sahen gelb, rot und grün aus und hatten ausnehmenden Glanz. Unsre Reisenden kamen auf den Einfall, einige davon aufzuheben, und siehe, es war Gold, Smaragden und Rubine. Der kleinste von diesen Edelsteinen würde dem Thron des Großmoguls zur größten Zierde gedient haben. Vermutlich müssen das die königlichen Prinzen sein, die hier Wurfscheiben spielen, sagte Kakambo. Der Dorfschulmeister erschien in diesem Augenblick, um sie in die Schule zu treiben. Ha! ihr Instruktor! rief Kandide.

Sogleich trollten sich die kleinen Bettelbuben vom Spiel' und ließen ihre Steine und all ihr Spielzeug auf der Erde liegen. Kandide hob's auf, rannte dem Schulmeister nach, überreichte es ihm in der demütigsten Stellung und gab ihm pantomimisch zu verstehn, Ihro königlichen Hoheiten hätten ihr Gold und Kleinodien vergessen. Lächelnd warf der Schulmonarch beides auf die Erde, sah' einen Augenblick Kandiden mit großen, sperrangelweiten Augen und Munde an und wanderte seines Weges.

Hurtig hoben unsre Herren aus der andern Welt das Gold, die Smaragden und Rubine wieder auf. Wo sind wir? rief Kandide. Die Königssöhne hier müssen recht philosophisch erzogen werden, da sie Gold und Edelgesteine so frühzeitig verachten lernen. Kakambo stutzte diesmal so sehr wie sein Herr. Endlich kamen sie an das erste Haus im Dorfe, völlig gebaut wie ein europäischer Palast. Ein buntes Gewühl von Menschen war vor der Türe, inwendig ein noch bunters. Die melodischste Musik scholl ihnen entgegen, der lieblichste Geruch duftete aus der Küche her.

Kakambo, der vorangegangen war, hörte daß man darin peruisch sprach; das war seine Muttersprache. Kakambo war, wie die Welt weiß, aus Tukuman; ein Dorf, wo man keine andre Sprache kennt. Ich will Ihr Dolmetscher sein, sagte er zum Kandide. Lassen Sie uns 'reingehn. 's ist 'n Wirtshaus. Zwei junge Gesellen und zwei junge Aufwärterdirnen im Gasthofe, mit Goldgewändern angetan und das Haar mit Band aufgeflochten, nötigten sie sogleich an die Wirtstafel. Man trug vier Suppen auf; jede war mit zwei Papageien garniert, einem gesottnen Kondor von zweihundert Pfund und zwei gebratnen Affen von trefflichem Wohlgeschmack; man setzte dreihundert Kolibris in einer Schüssel auf und sechshundert Fliegenfänger in einer andern und die köstlichsten Ragouts und Pasteten und das niedlichste Gebackne. Das all lag auf Schüsseln, von einer Art Bergkristall gemacht. Die Aurwärter und Aufwärterinnen schenkten vielerlei Getränke ein, alle aus Zuckerrohr verfertigt.

Die meisten Gäste waren Kauf- und Guts-Leute, Männer von ungemein viel Lebensart und Weltton. Die Fragen, die sie an Kakambo'n taten, verrieten insgesamt den vorsichtigen, bescheidnen und verständigen Mann; über alles, was er wissen wollte, gaben sie ihm die hinlänglichste Auskunft.

Als sie abgegessen hatten, warf Kakambo und Kandide zwei von den aufgehobnen Goldstücken hin, womit sie ihre Zeche recht reichlich zu bezahlen glaubten. Der Wirt und die Wirtin hielten sich die Seiten und konnten vor Lachen lange nicht zu sich kommen. Sie sind Fremde, merken wir wohl, sagte der Wirt endlich, und Fremde haben wir noch gar nicht zu Gesichte gekriegt. Müssen's uns ja nicht übelnehmen, daß wir beide vorhin so aufprusteten, mein Weib und ich. 's kam uns gar zu schnurrig vor, daß Sie uns mit Feldsteinen bezahlen wollten. Vermutlich haben Sie kein solch Geld, als bei uns zu Lande gang' und gäbe ist. Tut aber weiter nichts, können deshalb doch immer Zehrung bekommen und Dach und Fach noch obenein. Bei uns sind die Wirtshäuser angelegt, Handel und Wandel in Flor zu bringen, und wir Wirte werden vom Könige bezahlt. Schmalhans ist freilich heut' Ihr Küchenmeister gewesen, aber lassen Sie's gut sein, wo Sie nun hinkommen werden, wird man Ihnen recht nach Standesgebühr und Würden aufschüsseln. Unser Dörfchen ist grade das einzige im ganzen Reiche, wo die Einwohner nicht viel in die Milch zu brokken haben.

Alles dies verdolmetschte Kakambo Kandiden, der darüber nicht weniger in Verwirrung geriet, sich daraus so wenig zu finden wußte wie jener. Was muß dies für ein Land sein, sagte Kandide, das dem übrigen Teil des Erdbodens unbekannt ist, und wo die ganze Menschennatur von der unsrigen so verschieden ist?

Vermutlich ist's das Land, wo alles gut geht. Denn ein solches Land muß es doch platterdings geben. Und was auch Magister Panglos sagte, so hab' ich doch oft bemerkt, daß es in Westfalen ziemlich schlecht bestellt war.

Achtzehntes Kapitel: Was sie in Eldorado sahen
Der neugierige Kakambo legte dem Wirt so viel Fragen vor, daß ihm dieser keine Auskunft mehr geben konnte. Dumm bin ich nun herzlich, aber es schadet mir nichts, sagte der Wirt. Wissen Sie was, wir haben einen alten